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Cassandra Clare: Clockwork Angel (Chroniken der Schattenjäger 1)

London, 1878. Die elternlose junge Tessa ist nach dem Tod ihrer Tante aus New York nach London gereist. Ihr Bruder Nathaniel – ihr letzter Verwandter – hat seine Heimat bereits vor einigen Monaten verlassen, um in England ein neues Leben zu beginnen, und hat seiner Schwester ein Ticket für die Schiffspassage zukommen lassen. In London angekommen, wird Tessa jedoch nicht von ihrem Bruder erwartet, sondern von den Dunklen Schwestern, die sie wochenlang in ihrem Haus einsperren und dazu zwingen, sich mithilfe kleiner Gegenstände in deren (tote) Eigentümer zu verwandeln. Lange glaubt Tessa, dass es sich hier um eine Verwechslung handeln muss – schließlich ist sie ein ganz normaler Mensch und wie soll sie sich da in jemand anderen verwandeln können?! -, doch plötzlich tritt die Verwandlung ein, und die junge Frau muss erkennen, dass sie alles andere als menschlich ist. Sie ist ein Gestaltwander. Und nun soll sie mit dem Magister vermählt werden, so die Dunklen Schwestern, ihrem Herrn.
Zur gleichen Zeit treibt in den dunklen Straßen von Englands Hauptstadt ein mysteriöser Mörder sein Unwesen. Die Schattenjäger Will und James begeben sich auf seine Spur, die sie geradewegs ins Haus der Dunklen Schwestern führt. Als die Schattenjäger dieses stürmen und alles tun, um die beiden Schwestern zu vernichten, stoßen sie auch auf deren Gefangene Tessa. Sie bringen diese in das Institut und helfen ihr dabei, sich von den Schrecken zu erholen. Damit gerät die junge Frau aber gleichzeitig in den immerwährenden Kampf zwischen Vampiren, Hexenmeistern und anderen übernatürlichen Wesen.
Dennoch hilft sie den Schattenjägern dabei, herauszufinden, wer hinter ihrer Entführung und einer Verschwörung steckt, in die die sogenannten Klockwerk-Wesen verwickelt sind, hat sie doch noch immer nichts von ihrem Bruder gehört, der auch irgendwie in die ganze Sache verwickelt ist. Dabei lernt sie den silberhaarigen James kennen, hinter dessen zerbrechlicher Schönheit sich ein tödliches Geheimnis verbirgt, und auch Will, der mit seinen Launen jeden auf Distanz hält – jeden, außer Tessa. Tessa ist völlig hin- und hergerissen und weiß nicht, wem sie trauen soll. Schließlich sind die Schattenjäger ihre natürlichen Feinde …

„Clockwerk Angel“ ist der Auftaktband zu einer neuen Trilogie der Bestsellerautorin Cassandra Clare, der wir auch die „Chroniken der Unterwelt“ (bislang: „City of Bones“, „City of Ashes“, „City of Glass“) zu verdanken haben. Der Roman erzählt im Grunde eine Episode aus der Vorgeschichte der Schattenjäger und der Leser begegnet darin einigen der handelnden Figuren der Chroniken bzw. den Vorfahren der Schattenjäger um Jace Wayland. Die Handlung ist wie gewohnt sehr gut und packend erzählt (gehört aber auch nicht gerade zur anspruchsvollen Literatur), sodass man das Buch streckenweise wirklich nicht aus der Hand legen möchte, wenn die Geschichte erst einmal ins Rollen gekommen ist, was zugegebenermaßen einige Seiten dauert. Interessant war, dass die Autorin sich zum ersten Mal nicht nur auf die übersinnlichen Wesen beschränkt, die man bereits aus den anderen Romanen kennt, sondern mit den Klockwerk-Figuren auch Steampunk-Elemente integriert hat, was das Ganze noch etwas vielfältiger macht. Im Großen und Ganzen gelingt es Cassandra Clare durchaus, eine gewisse düstere Atmosphäre zu schaffen und den Leser auch immer wieder einmal auf die falsche Spur zu führen.
Tessa ist eine glaubwürdige, facettenreiche Figur und entspricht mit ihrem ruhigen, zurückhaltenden Wesen durchaus in gewisser Weise den gesellschaftlichen Vorgaben des viktorianischen Zeitalters. Dennoch ist sie neugierig und entdeckungslustig genug, um die Handlung voranzubringen. James Carstairs fiel mir wohltuend auf, da er endlich einmal kein strahlender Held ist (wenn er auch überirdisch gut aussieht, aber so etwas verzeihe ich gerne :-)), sondern eine faszinierende Lebensgeschichte mitbringt und auch die dunklen Seiten des Lebens kennt und diese nicht einfach so wegstecken kann, wie es viele literarische Helden der YA-Literatur gerne tun. Will Herondale hingegen ist genau das: ein strahlender Held. Man ahnt zwar, dass er ein Geheimnis verbirgt, welches der Handlung/der Figur etwas Tiefe verleihen könnte, aber mehr auch nicht. Insgesamt hat mich aber seine „Ich bin ja sooo toll!“-Einstellung und diese mal extrem feindselige, dann aber auch wieder ungemein charmante Haltung gegenüber Tessa ab einem gewissen Punkt nur noch gestört. Dennoch würde ich behaupten, dass die Hauptfiguren des Romans komplex genug gezeichnet sind, um glaubwürdig zu wirken.
Mein Fazit: Ich fand den Auftaktband zur „Chroniken der Schattenjäger“ nicht ganz so faszinierend und packend wie die „Chroniken der Unterwelt“ – aber durchaus gut genug, um schon ganz gespannt zu sein auf die Fortsetzung.

PS: In einem Postskriptum noch eine Anmerkung zu zwei Dingen, die mir das Lesevergnügen stellenweise etwas verdorben haben: Als Kunde gehe ich eigentlich davon aus, dass so gravierende Zeichensetzungsfehler im U4-Text eines Buches, das 20 Euro kostet, nichts zu suchen haben! Dadurch wirkt die Herstellung des Buches, das im Innenteil relativ fehlerlos ist, doch etwas hingehuscht. Mehr gestört hat mich persönlich aber, dass „Clockwork“ im Buch durchgängig mit „Klockwerk“ übersetzt wird. Das wirkt nicht nur sprachlich unschön, sondern auch, als hätte es ein unerfahrender Übersetzer verpatzt und der verantwortliche Lektor hätte dann auch noch tief und fest geschlafen (was sicher nicht der Fall ist). Für das englische Wort „Clockwork“ gibt es aber durchaus adäquate deutsche Worte, die besser gepasst hätten.

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Kai Meyer: Arkadien brennt (Arkadien 2)

Menschen, die sich in Tiere verwandeln. Blutfehden zwischen Mafiaclans. Die verbotene Liebe zu Alessandro … Rosa, die nach dem Tod ihrer Tante Florinda mittlerweile Kopf des Alcantara-Clans ist, braucht dringend Abstand zu den Ereignissen auf Sizilien. Auf den Spuren ihres alten Lebens und der schrecklichen Nacht, in der sie vergewaltigt wurde, reist sie zurück nach New York. Aber auch dort kommt sie nicht zur Ruhe. Die mächtigen Stellvertreter der amerikanischen Clans erwarten sie nämlich bereits. Dann stößt Rosa auf beunruhigende Details über ihre Vergangenheit. Und über ihren toten Vater, der vielleicht gar nicht tot ist oder zumindest mit Menschen zusammengearbeitet hat, die Jagd auf die Gestaltwandler machen – der TABULA. Während es zunächst so aussieht, als sei auch ihr geliebter Alessandro in die Machenschaften involviert, stellt sich dieser Verdacht bald als Irrtum heraus. Doch die Versuche der beiden, hinter die Geheimnisse von TABULA zu kommen, sind von Rückschlägen geprägt.
Dass Rosa darüber hinaus die Verwandlung immer noch nicht steuern kann, kommt noch hinzu, da es das Liebesleben mit Alessandro erheblich verkompliziert.
Und dann kommt der Tag, an dem das Palazzo der Alcantara angegriffen wird, da der (noch) im Gefängnis sitzende Oberpate der italienischen Clans vermutet, dass die Familie ihn vor Jahren an die Polizei verraten hat …

„Arkadien brennt“ ist Band 2 in der äußerst erfolgreichen Arkadien-Saga des deutschen Autors Kai Meyer, und ich muss sagen, dass das Buch mich stärker gefesselt hat als „Arkadien erwacht“ (Band 1), von dem ich persönlich sehr enttäuscht war. Nachdem die relevanten Figuren eingeführt sind und die beiden Hauptfiguren sich nun in einer mächtigen Position befinden, verdichtet sich die Handlung im zweiten Band und die Themen sind auch etwas „erwachsener“: Es geht um die komplizierte Liebe zwischen zwei so unterschiedlichen Gestaltwandlern, es geht um Vergewaltigung, Abtreibung, Rache und Verschwörung, Liebe und Loyalität.

Dem Autoren – der einen wirklich angenehmen Schreibstil hat – gelingt es, den Akteuren neue Facetten zu verleihen, um den Figuren Leben einzuhauchen und sie zu glaubwürdigen Charakteren zu machen. Das Buch wird dennoch sicher nie zu meinen Lieblingsbüchern zählen, da ich keine wirkliche Sympathie mit den handelnden Figuren empfinden kann bzw. trotz all der Dramatik innerlich distanziert bleibe (was mir selten passiert). So lese ich zwar von einer unmöglichen Liebesgeschichte, leide aber nicht wirklich mit. Vielleicht liegt es daran, dass Alessandro in meinen Augen doch recht blass bleibt und ich Rosa so manches Mal ausgesprochen nervig fand. Vielleicht habe ich zu oft gedacht: „Get a grip! Krieg dich wieder ein!“ Ja, ich weiß jetzt (nach der tausendsten Erwähnung vonseiten des Autors), dass sie ein rebellischer Teenager mit einem Hang zu unmöglicher Kleidung ist, dass sie ihre Verfolger/Leibwächter immer wieder abschüttelt und sich in ihrem Palazzo nicht wohlfühlt … Auch wurde ich das Gefühl nicht los, dass Personen, die in Teil 1 eingeführt wurden und die Handlung voranbrachten, in diesem Band plötzlich nur eine Nebenrolle spielen, weil der Autor nichts mit ihnen anzufangen wusste: Was ist plötzlich mit Iole los? Was mit dem Fundling, der nicht aus dem Koma erwachen darf?

Was die Handlung selbst betrifft, so nimmt die Spannung in diesem Buch zu – und wird vom Autoren so faszinierend und packend geschildert, dass ich das Buch trotz mangelndem Interesse nicht aus der Hand gelegt habe: Werden Rosa und Alessandro der TABULA auf die Spur kommen? Wie wird sich Rosa als Clanchefin einleben? Wem kann sie trauen? Wie soll sie sich gegen ihre Widersacher zur Wehr setzen? Rätsel über Rätsel, und so sind am Ende des Buches viele Fragen noch nicht erklärt und neue wurden angerissen. Und so dürfen sich Fans auf weitere Fortsetzungen freuen (es soll wohl keine Trilogie werden).

Mein persönliches Fazit: Kann man lesen, muss man aber nicht (ja, nach einem Blick auf die Amazon-Rezis bin ich mir bewusst, dass ich mit dieser Meinung so ziemlich alleine dastehe).