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Jen Turano: Ein Kindermädchen zum Verlieben

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Millie Longfellow ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und deshalb liegen ihr Kinder besonders am Herzen. Daher hat sie beschlossen, die beste Nanny zu sein, die die wohlhabenden Familien an der amerikanischen Ostküste je gesehen haben. Doch leider stößt ihre unkonventionelle Art bei ihren bisherigen Arbeitgebern nicht gerade auf Begeisterung, was auch der Grund dafür ist, dass sie bislang nie eine Stelle lange gehalten hat.
Everett Mulberry ist Junggeselle, hat aber nach dem unerwarteten Tod eines guten Freundes und seiner Frau deren drei Kinder geerbt. Und diese drei sind so wild, dass alle Kindermädchen schon nach kurzer Zeit die Flucht ergreifen. Als er beschließt, den Sommer mit seiner standesgemäßen Freundin in Newport zu verbringen, ist er wieder einmal verzweifelt auf der Suche nach einer Nanny.
Everett und Millie sind beide mit ihrem Latein am Ende, als die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur ihnen eine letzte Chance gibt: miteinander. Während Millie sich rasch in den jungen Mann verliebt, bemüht sich Everett darum, die Erwartungen der guten Gesellschaft zu erfüllen und eine Dame aus guter Familie zu ehelichen.
Doch als er Zeit mit Millie und den drei Kindern verbringt und den verdächtigen Tod ihrer Eltern untersucht, beginnt er zu ahnen, dass zu einem guten Leben mehr gehört als Geld, eine Vernunftehe und die Anerkennung der Gesellschaft.

„Ein Kindermädchen zum Verlieben“ ist der zweite Band in Jen Turanos Reihe „A Class of Their Own“, die die Abenteuer der drei Freundinnen Hannah, Millie und Lucetta schildert – oder vielmehr wie sie ihren Platz im Leben und ihren „Prince Charming“ finden. Buch 1 – „Braut auf Zeit“ – schilderte die Geschichte von Hannah und war ganz offensichtlich inspiriert von „Pretty Woman“, der Geschichte einer jungen Frau, die zu einer niedrigen Gesellschaftsschicht gehört, dann aber von einem reichen Mann engagiert wird, seine Verlobte zu spielen – und natürlich endet das Ganze mit einem Happyend. Dieses zweite Buch ist deutlich angelehnt an Jane Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ und nimmt auch Anleihen bei „Mary Poppins“ und klassischen Märchenelementen. Es wird aus der Perspektive der beiden Protagonisten erzählt; die einzige Ausnahme bildet der Epilog, der aus der Sicht des Reverends geschrieben ist und als Aufhänger für den Abschlussband der Trilogie dient.
Millie ist witzig, nicht auf den Mund gefallen und liebt Kinder über alles. Sie will ihnen das geben, was sie nie hatte: ein Zuhause, in dem sie geliebt werden, in dem sie geborgen sind und wachsen und sich weiterentwickeln können. Das einzige Problem ist, dass sie eine sehr unkonventionelle Art hat und ihre Methoden leider bei den dazugehörigen Eltern – die zur Oberschicht gehören – auf wenig Begeisterung stoßen, was der Grund dafür ist, dass sie wieder und wieder ihre Anstellung verliert. Und das Beste: Sie ist ein echter Bücherwurm, der sich ständig weiterbildet. Als sie ihre Anstellung bei Everett antritt und zur Sommerfrische nach Long Island reist, werden ihre Prioritäten deutlich: Zuerst packt sie ihre Lieblingswörterbücher ein, dann einen Thesaurus, ihre Bibel, einige von Shakespeares Werken und dann noch zwei Bücher von Jane Austen; und in die restlichen Lücken in ihrem Koffer steckt sie dann noch ein bisschen Kleidung. Eine solche literarische Figur muss man doch lieben, oder? Allerdings ist Millie in gesellschaftlicher Hinsicht natürlich nicht standesgemäß, als sie sich in Everett verliebt, aber sie ist die Frau, die er rein menschlich braucht. Denn sie ist ein Gegenüber, das ihn nicht nur ungeachtet seiner gesellschaftlichen Position liebt (im Gegensatz zu seiner Freundin, für die er ausschließlich aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung von Interesse ist), sondern an dem er sich auch „reiben“ kann, weil sie ihn zum Nachdenken bringt. Bis Everett dies aber erkennt und akzeptiert, geht allerdings eine Weile ins Land.
Everett hat seine drei Kinder nach dem unerwarteten Tod eines befreundeten Ehepaar geerbt, hat aber als Junggeselle wenig Ahnung, wie man mit den drei kleinen Teufelskerlen umgeht. Was auch der Grund dafür ist, dass ihm die Kindermädchen davonlaufen und seine Verzweiflung schließlich so groß ist, dass er Millie einstellen muss, um seine Freundin (und potenzielle Zukünftige) zur Sommerfrische nach Long Island zu begleiten. Doch durch den Kontakt mit Millie, die ihm unerwartet nicht den Respekt erweist, wie er dies gewohnt ist, sondern ihm ihre Meinung geradeheraus kundtut und ihn dadurch zum Nachdenken bringt, erkennt er, dass er in seinem Leben die falschen Prioritäten setzt. Dass Dinge wie Familie und ein gutes Lebensfundament wichtiger sind als der soziale Status und die Meinung der Mitmenschen. Es war schön, miterleben zu dürfen, wie er sich als Mensch in dieser Zeit weiterentwickelt und wie er wächst und – um mit Jane Austen  und „Stolz und Vorurteil“ zu reden – wie er sich an die Werte erinnert, die man ihm früher mitgegeben hat, und sich von einem überheblichen Snob in einen wahren Gentleman verwandelt, den Millie bereit ist zu heiraten.
Und wie in „Stolz und Vorurteil“, so gibt es auch in „In Good Company“ eine Antagonistin namens Caroline (hier allerdings nicht Bingley, sondern Dixon), und man spürt, dass Turano viel Freude hatte, eine so unangenehme Zeitgenossin zu schreiben. Sie ist hochmütig, berechnend, herzlos … Es macht wirklich Spaß, ihre Szenen zu lesen, weil man nie weiß, was sie nun wieder ausheckt. Und das Gute an der Geschichte: Turano nimmt auch diese Figur so ernst, dass sie ihr kein plattes Ende à la „Sie ist die Gegenspielerin, also wird sie mit einem schrecklichen Schicksal ‚belohnt'“ schenkt, sondern sie einfach das Leben leben lässt, das sie sich erwünscht hat – ohne die „Segnungen“, die eine echte Partnerschaft mit sich bringt.

Die Geschichte bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen humorvoll und irrwitzig und beschenkt den Leser mit vielen witzigen Dialogen und Szenen. Und da das Buch in einem konfessionellen Verlag erschienen ist, webt Jen Turano auch Glaubensdinge organisch in die Geschichte ein. Die Kinder und auch Millie beschäftigt die Frage, wie Gott den frühen Verlust ihrer Eltern zulassen konnte (die alte Frage „Wo ist Gott, wenn Menschen leiden?“), und vor allem Everett erfährt, welchen Unterschied ein Fundament des Glaubens in einer Ehe und in der Beziehung zu den (eigenen) Kindern macht, im Vergleich zu den Beziehungen, die er sonst in seinem gesellschaftlichen Umfeld sieht.

Mein Fazit: Ich habe das Buch mit großem Genuss gelesen und bin schon sehr gespannt, wie die Geschichte von Lucetta Plum, der letzten der drei Freundinnen, ausgehen wird!

PS: Die deutsche Ausgabe von Band 3 der Reihe – Playing the Part – wird im Juni 2018 erscheinen.

 

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Ulf Torreck: Fest der Finsternis

torreck-fest-der-finsternisParis im August 1805: Louis Marais, einst gefeierter Kommissar der Pariser Polizei, wird im Sommer 1805 von dem intriganten Polizeiminister Joseph Fouché von seinem Exil in Brest nach Paris zurückbeordert, um in einer unheimlichen Mordserie an jungen Frauen zu ermitteln. Einziges gemeinsames Merkmal: Alle Frauen wurden auf entsetzliche Weise verstümmelt und haben kurz vor ihrem Tod ein Kind zur Welt gebracht. Als Marais in einer der Leichen ein mysteriöses Kreuz entdeckt, dessen Bedeutung niemand kennt, erkennt er, dass er Unterstützung braucht.
Er zieht den berüchtigten Libertin und Schriftsteller Marquis de Sade als Berater heran, der gerade wieder einmal in eine Irrenanstalt verbannt wurde. Sade kennt die Abgründe des Bösen wie kein Zweiter. Das ungleiche Paar begibt sich auf eine Mörderjagd … immer weiter hinab in die menschlichen Abgründe. Als dann auch noch der Polizeipräfekt Jean-Marie Beaume dem grausamen Mörder zum Opfer fällt und man ihnen die Tat in die Schuhe schiebt, ist nicht länger klar, ob sie es mit einer politischen Verschwörung zu tun haben oder mit einer Satanistensekte, die bis in die höchsten Kreise reicht.

„Fest der Finsternis“ ist das erste Buch des Leipziger Schriftstellers Ulf Torreck, das ich gelesen habe, und definitiv nicht das letzte. Der historische Thriller ist sehr gut recherchiert. Man spürt, dass sich der Autor intensiv mit den historischen Gegebenheiten und Personen auseinandergesetzt hat. Natürlich sind die hier geschilderten Ereignisse um tatsächliche historische Persönlichkeiten wie dem Marquis de Sade, Louis Marais, Talleyrand und Joseph Fouché fiktiv, aber es fließen auch immer reale Fakten in die Handlung ein – z. B. die Werke de Sades und seine (sexuellen) Gepflogenheiten, politische Intrigen, gesellschaftliche Vorgänge. Einige Rezensenten bemängeln diese detailierten Beschreibungen und werfen dem Autor vor, dass er von der eigentlichen Handlung abschweift. Im Gegensatz dazu fand ich jedoch, dass diese mehr oder weniger relevanten Hintergrundinfos erstaunlich organisch in die Geschichte einfließen. Sie sorgten dafür, dass ich den Elend und den Dreck und das Chaos von Paris regelrecht vor mir sehen konnte und ein Verständnis für die gesellschaftlichen Zustände bekam: für die politischen Intrigen, die komplexen Machtverhältnisse, dafür, wie Menschen geendet sind, die keinen Nutzen mehr für die Gesellschaft hatten …  Ich habe bereits Bücher anderer (deutscher) Autoren gelesen, denen es weitaus weniger gut gelingt, ihre Recherchen auf eine Weise in ihren Roman einfließen zu lassen, dass ich nicht das Gefühl hatte, in einer Vorlesung zu sitzen.
Auch versteht es der Autor, eine gelungene Mischung an Action, deskriptiven Passagen und philosophischen/religiösen Ausführungen zu schaffen. Bei mir kam zu keiner Zeit Langeweile auf oder das Gefühl, dass Torreck sich Längen erlaubt. Im Gegenteil. Ich konnte das Buch über weite Strecken nicht aus der Hand legen, sondern war immer wieder gespannt darauf, welche Wendungen der Autor sich einfallen lässt. Wie de Sade und Marais habe ich bis zuletzt gerätselt, ob sich hinter den entsetzlichen Morden eine politische Verschwörung verbirgt oder die Rituale eines jahrhundertealten Satanistenkultes.

Was für die Handlung gilt, das gilt ebenfalls für die handelnden Figuren, allen voran Commissaire Louis Marais und der alternde Marquis de Sade. Auch der Fundus an interessanten Nebenfiguren ist sehr groß und überaus vielfältig – es gibt hohe Politiker, vielfältigen Polizisten, absonderliche Geistliche, Kopfjäger, Huren, Waisenkinder, Schreckgestalten … Wer das Gefühl hat, den Überblick zu verlieren, der kann aber jederzeit auf das Verzeichnis der dramatis personae zurückgreifen, das sich im Anhang des Buches befindet. Allerdings war dies für mich eigentlich nie nötig, da die relevanten Figuren nicht nur einen Namen haben, sondern auch hinsichtlich ihres Aussehens und Charakters so gut gestaltet sind, dass ich sie mir vorstellen konnte – und dass sie im Gedächtnis blieben.
So unterschiedlich, wie die Figuren sind, so unterschiedlich sind auch die beiden Protagonisten de Sade und Louis Marais. Auf der einen Seite der alternde Libertin, Philosoph und Schriftsteller, der seine Sexualität mit Angehörigen beider Geschlechter auslebt, weder an Gott noch an den Teufel glaubt und es liebt, Menschen in Wort und Tat zu schockieren. Dass sich hinter den Serienmorden etwas anderes verbergen könnte als eine politische Verschwörung und die Unmoral der hohen Gesellschaft, kommt für ihn nicht infrage. Auf der anderen Seite der tiefgläubige Katholik Marais, der aufgrund einer politischen Intrige strafversetzt wurde und gerade erst Frau und Kind verloren hat. Er ist der Auffassung, dass Gott ihn nach Paris zurückgeführt hat, damit er in dessen Namen die Satanistensekte zu Fall bringt, die der Verursacher der schrecklichen Morde ist. Als diese beiden aufeinanderstoßen, kommt es verständlicherweise nicht nur zu Spannungen, sondern auch zu interessanten Dialogen über – im wahrsten Sinne des Wortes – Gott und die Welt. Marais hat zwar in der Vergangenheit immer wieder einen Blick in die Abgründe der Menschheit werfen können, aber der Abgrund, der sich ihm in den Frauenmorden auftut, übersteigt seine Vorstellungskraft.
Dass ein Autor zwei so gegensätzliche Protagnisten auf die Jagd nach einem Mörder schickt, ist – wenn man sich die Kriminalliteratur anschaut – nichts Ungewöhnliches. Wohltuend fällt in „Fest der Finsternis“ auf, dass die beiden Helden nicht miteinander versöhnt sind oder gar gute Freunde werden. Am Ende trennen sich ihre Wege wieder (schade!), aber zumindest bleibt bei beiden ein gewisser Respekt für die Schläue des einen (die Cleverness eines de Sade) und die Integrität des anderen (Marais). Mit de Sade und Marais werden in „Fest der Finsternis“ zwei (historische) Gestalten lebendig, die zu einer Zeit leben, als die moderne Wissenschaft geboren wurde, als die Aufklärung den Aberglauben bzw. Glauben des Katholizismus vertrieb – wobei jeweils eine der Figuren für eine der beiden Seiten steht, wenn sich auch Marais hin und wieder modernen Mitteln bedient.
Positv fällt auch die Gestaltung der weiblichen Figuren auf. Diese sind im Roman alles andere als „Damsels in Distress“. Im Gegenteil. Sie sind selbstbewusst, selbstständig, ambitioniert, lieben ihre Freiheit und verfolgen ihre ganz eigenen Interessen – völlig unabhängig von den männlichen Figuren. Sie müssen nicht gerettet werden, sondern sind einfallsreich und durchsetzungsfähig genug, um die Antagonisten (mit) zu Fall zu bringen. Dass die Auflösung der Morde von einer Frau berichtet wird, war noch einmal ein ganz besonderer Schachzug des Autors – ein ganz besonders schockierender!

Wo viel Licht ist, da gibt es natürlich auch Schatten – die Kritikpunkte an diesem Buch.
Zum einen wird immer wieder auf eine Vorgeschichte hingewiesen, auf Kriminalfälle, bei denen sich de Sade und Marais kennengelernt haben, Fälle, die dazu führten, dass Marais nach Brest verbannt wurde, die zum Bruch mit z. B. Beaume und Fouché geführt haben und noch Jahre später dafür verantwortlich sind, dass man ihm die vermeintlich irrtümliche Verurteilung einer jungen Frau vorwirft. Ich dachte lange, dass ich schlicht das falsche Buch aus der Reihe zuerst gelesen habe, musste aber erkennen, dass die Vorgeschichte nach (?) „Fest der Finsternis“ veröffentlicht wurde – leider nur als E-Book.
Der weitaus größere Kritikpunkt an „Fest der Finsternis“ ist das wirklich nachlässige Korrektorat. „Gewöhnliche“ Rechtschreibfehler gab es nur wenige. Aber schon lange habe ich kein Buch eines etablierten Verlages gelesen, das so viele Zeichensetzungsfehler enthielt wie dieser Roman; die Anzahl der fehlenden Kommas ist enorm (und auch die der falsch gesetzten). Auch die fehlerhafte Groß- bzw. Kleinschreibung der Personalpronomen in den Dialogen war von Zeit zu Zeit ausgesprochen ärgerlich. Ich hatte hin und wieder das Gefühl, dass der Autor sich teilweise nicht entscheiden konnte, ob er die höfliche Anrede „Sie“ wählen sollte oder „Ihr“ – oder vielleicht war auch das nur auf eine fehlerhafte Großschreibung zurückzuführen.
Weiterhin gibt es eine 6szene im Buch, die so dezent ist, dass ich noch einmal zurückblättern musste, als mir klar wurde, dass ich sie überlesen haben musste. Da der Autor auch keine Hemmungen hatte, die schrecklichen Szenen um die jungen ermordeten Mädchen zu schildern, fand ich dies ausgesprochen überraschend.
Und zum Ende des Buches hin (S. 610) stellt der Messdiener eines Gemeindepriesters den Korb mit dem Messwein auf einer Seite vor Schreck gleich zweimal ab. 😉

Mein Fazit: Trotz der letztgenannten Kritikpunkte ist „Fest der Finsternis“ ein exzellenter historischer Krimi, der mir persönlich Lust gemacht hat, in Zukunft noch mehr von diesem Autor zu lesen. Wenn er denn noch weitere historische Romane verfassen würde.

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Agatha Christie: Das fehlende Glied in der Kette (Ein Fall für Poirot)

Das fehlende Glied in der KetteEssex, Juli 1917: Arthur Hastings wird nach einer Verwundung von der Front nach Hause geschickt, wo er auf seinen alten Bekannten John Cavendish trifft. Dieser lädt ihn nach Styles ein, auf das Landgut seiner Stiefmutter, Mrs Emily Inglethorp. Dort leben in den Wirren des Ersten Weltkrieges eine ganze Reihe von Verwandten: John Cavendish und seine Frau Mary, Lawrence, der jüngere Sohn von Emily Inglethorp, Cynthia, die Tochter verstorbener Freunde von Mrs Inglethorp, und Evelyn Howard, Haushälterin und Faktotum der Familie.
Hastings bemerkt schon kurz nach Eintreffen Spannungen. Emily Inglethorp hat bereits nach kurzer Bekanntschaft den deutlich jüngeren Alfred geheirtat, der – da sind sich alle andere sicher – es doch nur auf das Geld der alten Dame abgesehen hat. Der Verdacht erhärtet sich, als die wohlhabende Mrs Inglethorp kurz nach Hastings‘ Ankunft vergiftet wird und vor ihrem Tod noch den Namen ihres Mannes flüstert.
Doch wer steckt wirklich hinter dem Mord?

„Das fehlende Glied“ ist der erste Kriminalroman der britischen Autorin Agatha Christie und (folglich) der erste Roman mit dem großen belgischen Detektiv Hercule Poirot. Auch wenn Agatha Christie, die spätere Grande Dame der britischen Kriminalromane, dieses Buch bereits 1916 während ihrer Zeit als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg geschrieben hat, erscheint der Roman erst Jahre später im Herbst 1920 in den USA bzw. Anfang 1921 in Großbritannien.

Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive von Arthur Hastings, einem alten Freund Poirots, der noch in weiteren Romanen der Britin auftauchen wird. Er hat gewissermaßen die Sichtweise des Lesers inne und lässt diesen an seinen Beobachtungen und Vermutungen teilhaben. Poirot hingegen ist nicht nur seinem Freund Hastings, sondern auch den Leser in seinen Schlüssen und Beobachtungen einen Schritt voraus, als er in seinem ersten Fall den verdächtigen Tod von Emily Inglethorp untersucht.

Die „Zutaten“ des Krimis sind mittlerweile echte Klassiker:
Das Setting des Romans ist typisch für diese Art Kriminalliteratur: Die Akteure kommen auf einem englischen Landgut zusammen bzw. der Mord ereignet sich dort. Man könnte der Autorin u. U. vorwerfen, dass die einführenden Kapitel, in denen Hastings sich auf Styles einrichtet, etwas langatmig sind, allerdings dienen sie auch dazu, den Leser mit den Akteuren und möglichen Motiven bekannt zu machen; sie legen gewissermaßen das Fundament seiner Ermittlungsarbeit.
Der begrenzte Kreis der Verdächtigen setzt sich aus stereotypen Charakteren mit den üblichen Motiven zusammen: Der offensichtlichste Verdächtige ist Alfred Inglethorpe, der böse, geldgierige Ehemann der alten Dame, der mit seinem schwarzen Bart und seiner hochmütigen Art nicht gerade die Sympathien seiner neuen Familie gewonnen hat. Erst vor wenigen Monaten ist er wie aus dem Nichts aufgetaucht, wurde zuerst ihr Sekretär und hat die reiche Dame dann recht schnell erobert. Nicht nur die Bewohner von Styles sind fest davon überzeugt, dass er hinter dem Giftmord steckt.
Weitere Verdächtige sind ihre beiden Stiefsöhne John und Lawrence, deren Vater in zweiter Ehe mit Emily verheiratet war und ihr bei seinem Tod Wohnrecht auf Lebenszeit zugestanden hat sowie den größten Teil seines Vermögens – wollen die beiden endlich die missliebige Stiefmutter loswerden?
Dann wäre dann noch die ruppige Haushälterin Evelyn Howard, die erst wenige Tage zuvor nach einem bösen Streit von Mrs Inglethorpe entlassen worden ist, nachdem sie dieser ganz offen von ihrem Verdacht erzählt hat: dass Alfred Inglethorpe nur ein Erbschleicher ist und eine Affäre mit der Ehefrau eines örtlichen Farmers hat.
Und last but not least Cynthia, die im Nebenzimmer angeblich nichts von dem Todeskampf mitbekommen hat und an ihrem Arbeitsplatz in der Apotheke des Krankenhauses Zugang zum Giftschrank hat.
Auch das Ende des Romans bietet etwas, das für Christie-Romane oder für die klassische Kriminalliteratur allgemein sehr typisch ist: Alle Verdächtige werden noch einmal am Ort des Geschehens zusammengerufen, und dann legt der Detektiv/Kommissar den Fall in allen Einzelheiten dar – und enthüllt den wahren Täter.
Einzig die Durchführung des Mordes stellt den Leser – und die Behörden – vor ein Rätsel. Zwar ist dem Leser bereits vor dem Mord klar, wie dieser ausgeführt werden wird – die Bewohner des Gutes unterhalten sich über Giftmorde -, aber dennoch ist die Durchführung nicht so unproblematisch wie gedacht, denn das gefundene Strychnin hätte die Dame bereits kurz nach der Einnahme töten müssen und nicht erst in den Morgenstunden. Die Auflösung des Rätsels ist der einzige Wermutstropfen für mich: Hier verfügt Poirot über ein Zusatzwissen, das weder Ich-Erzähler Hastings noch die Polizei, geschweige denn der Leser besitzt (außer er ist Chemiker bzw. Apotheker) und das es Letzterem im Grunde unmöglich macht, das Rätsel vollständig zu lösen.

Mein Fazit: „Das fehlende Glied“ lässt schon erahnen, dass Agatha Christie einmal eine großartige Kriminalschriftstellerin werden würde – wie sehr, das können wir heute vermutlich nicht mehr beurteilen, da wir durch die unzähligen Kriminalfilme und -romane schon entsprechend „konditioniert“ sind und eine gewisse Erwartungshaltung an das Schema dieses Genres haben. Der Roman macht definitiv Lust, weitere Romane der Schriftstellerin zu lesen.

 

 

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Jen Turano: Behind the Scenes

TuranoNew York, 1883: Seit sechs Jahren versucht Permilia Griswolds Stiefmutter bereits, die junge Frau in die gute Gesellschaft einzuführen und einen geeigneten Mann für sie zu finden. Vergebens. Doch Permilia hat sich auch mittlerweile mit ihrem Mauerblümchen-Dasein abgefunden. Und nutzt die Tatsache, dass man ihr auf Bällen keine Aufmerksamkeit schenkt, um unter einem Pseudonym spitzzüngige Kolumnen für die New York Sun zu verfassen.
Obwohl er der Besitzer eines großen Kaufhauses ist, genießt Asher Rutherford weiterhin Ansehen bei den Oberen Zehntausend der Stadt. Mehr als nur eine Mutter wünscht sich ihn als Mann für ihre Tochter. Was niemand weiß: Die Geldnot seiner Familie war der eigentliche Grund, warum aus einem gelangweilten Gentleman ein erfolgreicher Geschäftsmann wurde.
Als Permilia Zeuge einer tödlichen Verschwörung gegen Asher wird, ist sie fest entschlossen, ihn zu warnen. Doch leider schenkt der junge Mann ihr keinen Glauben, und sie beschließt, die Angelegenheit selbst in die Hand zu  nehmen – ohne sich bewusst zu sein, dass sie sich damit selbst in Gefahr begibt …

„Behind the Scenes“ ist ein weiterer humorvoller historischer Roman der Amerikanerin Jen Turano und Band 1 der Apart From the Crowd-Reihe, in der es – wie der Name schon andeutet – um eine kleine Gruppe von Mauerblümchen in der guten Gesellschaft New Yorks geht. Während ich durchaus eine großer Fan der Autorin bin, war ich dieses Mal etwas enttäuscht.
Begonnen hat dies bereits bei den Namen der handelnden Figuren. Jen Turano hatte schon immer eine Schwäche für ungewöhnliche, komplexe Namen, aber dieses Mal schießt sie den Vogel ab. Die Charaktere heißen u. a. Permilia Griswold, Gertrude Cadwalader oder Temperance Flowerdew, als würde sich der Mauerblümchen-Status der Figuren auch in ihrem Namen spiegeln. Oder  das exzentrische Wesen der Figuren.

Darüber hinaus ist die Geschichte durchaus gut und flüssig geschrieben. Turano gibt sich nicht oder nur sehr selten mit seitenlangen Beschreibungen oder Selbstbetrachtungen der Figuren ab, was eigentlich eine actionreiche Story versprechen sollte. Es gibt auch durchaus viele witzige und bissige Dialoge, die Protagonisten erleben aufregende und ungewöhnliche Abenteuer, aber dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich die komplette Handlung im Grunde nur auf zwei, drei Schauplätzen abspielt und diese auch in übertriebener Weise „ausgewälzt“ werden. Das Buch hat bspw. 343 Seiten – und allein die Szenen auf dem Ball der Vanderbilts, mit dem die Geschichte eröffnet wird, nimmt etwa 120 Seiten ein. Nicht, dass die Beschreibungen des Balles langweilig gewesen wären, aber die Szenen hätten definitiv den einen oder anderen Rotstift vertragen können, um die Story deutlich zu straffen. Und auch für andere Passagen gilt: Humorvolle Dialoge sind durchaus das Salz in der Suppe, aber humorvolle Szenen, um ein Buch zu füllen oder die beiden Protas wieder und wieder aneinandergeraten zu lassen – auf Dauer wirkt dies langweilig und überzogen! Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Die Dialoge wirkten des Öfteren ausgesprochen künstlich und trieben die Geschichte nicht wirklich voran. Selbst wenn sich zwei Freundinnen unterhielten, kam es mir nicht so vor, als würden hier wirklich zwei Frauen miteinander reden, die sich kennen und mögen; stattdessen dienten auch solche Gespräche nur dazu, haarsträubende, alberne Dialoge einzufügen. Und natürlich erleben Heldinnen in solchen Romanen auch die abstrusesten Abenteuer, aber alles – jedes Verhalten – hat seine Grenzen, und ab einem bestimmten Punkt wirkt das x-te Fettnäpfchen, in das die Protagonistin tappt, langweilig.

Selbst die Auflösung der Geschichte (die Mordverschwörung) war völlig überzogen. Diese Passage war durchaus actionreich, hatte unerwartete Wendungen, aber die Beweggründe der Täter waren, höflich gesprochen, wenig realistisch. Ganz zu schweigen davon, dass die Autorin an dieser Stelle ganz tief in die Stereotypenkiste greift und die Täter über viele, viele Seiten hinweg detailliert ihre Motive, ihre Geschichte, ihren Frust erzählen lässt, während sie die Helden mit vorgehaltener Waffe bedrohen. Dass sie irgendwann abgelenkt sind und es den Protas gelingt, sie zu überwältigen, muss an dieser Stelle wohl nicht explizit erwähnt werden.

Auch mit der Charakterzeichnung der Figuren war ich nur begrenzt glücklich. Am glaubwürdigsten war Asher Rushford, der etwa in der Hälfte des Buches erkennt, dass er in den vergangenen Jahren zu einem Mann wurde, wie er eigentlich keiner sein wollte. Durch seine Herkunft hat er nahezu keinen Zugang zu den wenig schönen Seiten des Lebens bzw. zu Menschen, die nicht seiner Gesellschaftsschicht angehören. Obwohl er gezwungen ist, Geld zu verdienen, um seine Familie vor dem Ruin zu bewahren, führt er doch ein behütetes Leben. Bis er Permilia kennenlernt, kommt er gar nicht auf die Idee, dass er sich durch seine Geschäfte vielleicht Feinde macht oder dass es außerhalb der guten Gesellschaft Personen gibt, die seine Aufmerksamkeit verdienen. In Permilia trifft er jedoch eine selbstbewusste junge Frau, die zwar ebenfalls zur guten Gesellschaft gehört, aber zum einen einen Mauerblümchen-Status erlangt hat (ohne sich davon unterkriegen zu lassen, wie er zu seiner Überraschung feststellt) und sich zum anderen auch für Menschen interessiert, die eigentlich unter ihr stehen sollten. Ganz zu schweigen davon, dass auch sie bereit ist, Geld zu verdienen, um andere Menschen zu unterstützen, denen es nicht so gut geht. Allerdings hat es Turano bei der Beschreibung ihrer Eigenheiten deutlich übertrieben; sie stolpert regelrecht von einer haarsträubenden Szene in die nächste – das Wort „fremdschämen“ kam mir das eine oder andere Mal durchaus in den Sinn. Es war mir gerade in der ersten Hälfte des Buches ein Rätsel, warum sich ein Gentleman der guten Gesellschaft mit einer jungen Frau abgibt, die sich wiederholt derart … peinlich verhält. Überhaupt sind alle (vermeintlichen) Mauerblümchen und alten Jungfern im Roman mit übertriebenen Eigenarten ausgestattet; eine derartige Häufung von ungewöhnlichen Charakteren ist jenseits von realistisch.

Mein Fazit: Den Roman zu lesen ist keine Verschwendung von Lebenszeit, aber er ist auch definitiv kein Must Read.

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Samantha Kane: The Courage to Love (Brothers in Arms 1)

Samantha KaneLondon, 1813: Seit ihr Ehemann vor drei Jahren auf der iberischen Halbinsel im Kampf gegen die französischen Truppen von Napoleon ums Leben kommen ist, schlägt Kate Collier sich als Mätresse reicher Männer durch. Doch als Lord Robertson, ihr letzter „Beschützer“, sie auf schreckliche Weise missbraucht, zieht sie sich aus der Gesellschaft zurück und kümmert sich nur noch um ihr Kleidergeschäft und ihre Nichte Veronica.
Da kehren Jason Randall und Anthony Richards – zwei Kameraden ihres verstorbenen Mannes – nach London zurück und haben nur noch ein Ziel vor Augen: die junge Frau zu erobern. Auch Kate liebt die beiden schon lange, doch spätestens nach ihrer schrecklichen Erfahrung mit Robertson wird Kate von der Gesellschaft geschnitten – und ist nicht länger willens, sich einem Mann anzuvertrauen, geschweige denn zwei Männern. Doch sie kann Jason und Tony einfach nicht widerstehen und beginnt, die Freundschaft mit den beiden, die sich schließlich zu einer Liebesbeziehung entwickelt, zu genießen.
Aber Robertson ist nicht bereit, sie kampflos den beiden ehemaligen Soldaten zu überlassen …

„The Courage to Love“ ist der erste Band der „Brothers in Arms“-Reihe der Amerikanerin Samantha Kane, die zu den bekanntesten Autorinnen erotischer (historischer) Liebesromane gehört, für die sie bereits eine ganze Reihe von Auszeichnungen erhalten hat. Die Autorin ist durchaus eine gute Erzählerin, die recht süffig und anschaulich schreibt. Allerdings sind die Regency-Aspekte ihrer literarischen Welt etwas unterrepräsentiert und die Sprache ist zu modern; wer mehr über die Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts wissen will (Wie hat man damals gelebt? Wie sah das Leben der unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten aus? Welche Gepflogenheiten gab es? Wie sah London in dieser Zeit aus? etc.) sollte zu einem anderen Autor greifen. Meines Erachtens könnten diese Romane auch zu fast jeder anderen Zeit und an anderen Orten spielen. Hinzu kommt auch, dass es zu wenige Rahmenbeschreibungen gibt, aber zu viele 6szenen – die zwar geschmackvoll beschrieben sind, aber einfach zu gehäuft auftreten und auf Kosten einer guten Geschichte gehen.

Was aber das Besondere dieser „Brothers in Arms“-Reihe ist: Ein Grundmotiv zieht sich – mit der einen oder anderen Variation – durch alle 13 Romane dieser Serie: Eine Gruppe von Männern hat auf der iberischen Halbinsel in der britischen Armee gemeinsam gegen Napoleon gekämpft und dort einen „besonderen Weg“ gefunden, um mit den Schrecken fertigzuwerden: Entweder haben zwei von ihnen eine Beziehung miteinander begonnen oder sie haben sich vor Ort eine Frau geteilt. Nach dem Krieg beschließen sie nun, diesen Lebensstil aufrechtzuerhalten und sich eine Ehefrau zu suchen, die ihnen nicht nur ein respektables Leben in der Gesellschaft und Nachkommen ermöglicht, sondern auch bereit ist, ihr Leben auf diese ungewöhnliche Weise zu teilen.

Wenn man „The Courage to Love“ mit einer gewissen Portion suspension of disbelieve liest, muss man sagen, dass es Samantha Kane recht gut gelingt, eine solche Beziehung bzw. eine solche ungewöhnliche Partnerschaft auf eine Weise zu beschreiben, die relativ glaubwürdig wirkt – zumindest hat man als Leserin wirklich das Gefühl, dass die Figuren nicht nur um der Liebesszenen willen miteinander agieren, sondern weil sie eine tiefe Zuneigung füreinander empfinden. Protagonisten dieser ersten Geschichte sind zum einen Lord Jason Randall und Anthony Richards. Die beiden kennen sich aus ihrer Zeit in der Armee und beginnen damals, eine spanische Prostituierte miteinander zu teilen, die im Tross der britischen Truppen lebt. Zum einen tun sie dies, um dem Gefühl der inneren Abgestumpftheit aufgrund der ständigen Kampferfahrungen bzw. der Erfahrungen mit dem Tod etwas entgegenzusetzen; zum anderen fühlen sich beide zueinander hingezogen (ohne sich dies aber selbst, geschweige denn dem anderen einzugestehen) und sehen in diesem Dreier die einzige Möglichkeit, einander doch nahezukommen. Aber sie teilen noch etwas miteinander: die Liebe zu Kate Collier, der Ehefrau ihres Kameraden Harry, die für sie zu diesem Zeitpunkt aber noch unantastbar ist. Als Harry umkommt und der Krieg einige Monate später zu Ende ist, sehen sie ihre Chance gekommen – doch als sie Kate in London aufsuchen, müssen sie feststellen, dass diese bereits die Mätresse eines reichen Mannes ist. Und an ihrem schlechten Timing ändert sich auch in den darauffolgenden Jahren nichts, wenn sie immer wieder einmal von ihren Reisen in die britische Hauptstadt zurückkehren und den Kontakt suchen wollen.

Was sie nicht wissen: Kate pflegt diesen Lebensstil nicht aus freiem Willen, sondern weil dies die einzige Möglichkeit ist, um sich und ihre Nichte Veronica durchzubringen (hier kommt aufseiten der beiden Männer m. E. eine gehörige Portion Naivität ins Spiel). Und bis zu ihrem dritten Beschützer kann sie damit auch recht gut leben – doch dieser (Robertson) nutzt die Situation aus und lässt zu, dass seine Freunde Kate an einem „geselligen“ Abend vergewaltigen. Seither lebt Kate sehr zurückgezogen und in ärmlichen Verhältnissen. Das Schöne an dieser Figur: Obwohl sie eine wirklich schreckliche Erfahrung gemacht hat und unter den Erinnerungen leidet, lässt sie sich davon nicht unterkriegen und versucht, ihr Leben wieder neu zu gestalten und sich eine eigene Zukunft unabhängig von einem Mann aufzubauen.

In dieser Situation machen ihr Jason und Tony ein ungewöhnliches Angebot: Kate, die die beiden Männer auch bereits seit Kriegszeiten liebt, soll Jason heiraten, der sich als Adliger gewissen gesellschaftlichen Verpflichtungen gegenübersieht und unbedingt eine Frau braucht. Und da er und Tony Kate beide lieben, wäre sie eine geeignete Kandidatin für eine Dreierbeziehung. Dies ist die Stelle, von der ich etwas weniger begeistert war: Obwohl Kate das Angebot zunächst ablehnt und die beiden Männer auch recht schnell erfahren, welches schreckliche Erlebnis Kate gezeichnet hat, drängen sie sie meines Erachtens viel zu stark zum ersten 6. Und das ist selbst angesichts der Zuneigung zwischen allen dreien imho unverantwortlich – es hat etwas von: Zwang ist in Ordnung, wenn man sich nur wirklich liebt. Und natürlich entdeckt Kate, dass ihr diese ungewöhnliche Art Beziehung mehr als nur zusagt – im Kontext der Geschichte ist das natürlich schön und bringt am Ende auch allen dreien Heilung, aber vom Konzept her kann ich es einfach nicht gutheißen.

Nichtsdestotrotz würde ich behaupten, dass es Samantha Kane gelingt, diese ungewöhnliche Beziehungskonstellation gut und ausgewogen zu beschreiben. Bei Dreierkonstellationen besteht ja die Gefahr, dass eine Figur nur das fünfte Rad am Wagen ist, dass sich eine von ihnen zurückgesetzt fühlt und (emotional) zu kurz kommt, aber ich habe den Eindruck, dass dies in diesem Roman nicht der Fall ist.

Ebenfalls ein großes Plus des Romans: Eine Reihe der Figuren, die in den weiteren Bänden der Serie eine tragende Rolle spielen werden, tritt in „The Courage to Love“ bereits am Rande auf und wecken definitiv mein Interesse an ihren jeweiligen Geschichten (z. B. Kates Nichte Veronica, die eine der drei Protagonisten von „Love’s Fortress“ ist).

Mein Fazit: Der Roman ist wirklich nur etwas für Fans von MMF-Literatur, Fans historischer Liebesromane finden die entsprechenden Szenen unter Umständen etwas zu grafisch. Dennoch ist der Roman unterhaltsam zu lesen (wenn man über Kanes Umgang mit Missbrauch hinwegsehen kann) und macht Lust, auch die Geschichten der Nebenfiguren zu lesen.

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Philip Pullman: Der Rubin im Rauch (Sally Lockhart #1)

London, Oktober 1872: Die 16-jährige Sally erhält nach dem Tod ihres Vaters einen geheimnisvollen Brief. Der Schiffsmakler hatte vermutet, dass es bei den Chinageschäften seines Partners nicht mit rechten Dingen zugeht, und war nach Asien gereist, um Nachforschungen anzustellen. Auf dem Rückweg war er dann beim Untergang seines Schiffes ums Leben gekommen. Aber nicht, ohne Sally noch eine Nachricht zukommen zu lassen, der sie vor den Sieben Wohltaten warnt und auf einen Mann namens Marchbanks hinweist.
Bei ihren Nachforschungen stößt sie auf immer neue Rätsel. Ein Kollege ihres Vaters erleidet einen Herzinfarkt, als sie sich nach den Sieben Wohltaten erkundigt, und auch Major Marchbanks, den sie ausfindig machen kann, scheint Todesangst zu haben. Er übergibt ihr ein Tagebuch, mit dem Hinweis, dass sie darin alle Antworten finden wird.
Sally ahnt nicht, dass sie in Mrs Holland, der Besitzerin einer „Pension“ und der Kopf einer Verbrecherorganisation, eine äußerst gefährliche Feindin hat. Unterstützung findet sie bei ihrer Suche bei dem jungen Fotografen Frederick. Bei ihm und seiner Schwester kommt sie unter, als sie vor ihrer lieblosen Tante flüchtet, die es nur auf ihr Erbe abgesehen hat. Auch Jim, der Botenjunge der Schiffsgesellschaft, deren Miteigentümer ihr Vater war, hilft ihr. Doch auch ihre Freunde können nicht verhindern, dass ihr das Tagebuch gestohlen wir. Nun bleibt Sally nur der mysteriöse Hinweis, dass irgendwo ein Schatz versteckt ist, der ihr zusteht – ein Rubin. Gemeinsam mit ihren Freunden macht sie sich auf die Suche nach dem kostbaren Edelstein, begleitet von der Ahnung, dass ein immer wiederkehrender Albtraum die Lösung für alle ihre Fragen birgt …

Der Rubin im Rauch ist der erste Band der vierbändigen Sally-Lockhart-Reihe (Der Rubin im Rauch, Der Schatten im Norden, Der Tiger im Brunnen, Das Banner des roten Adlers) des Bestsellerautors Philip Pullman, der durch seine His Dark Materials-Reihe bekannt wurde. Die beiden ersten Bücher wurden auch von der BBC mit Billie Piper (Doctor Who) in der Hauptrolle verfilmt. Es handelt sich bei dieser Reihe um historische Kriminalromane, die zwischen 1872 und 1882 in Großbritannien spielen.

Protagonistin ist die (zu Beginn) 16-jährige Sally Lockhart, die in Indien geboren wurde, wo ihr Vater stationiert war, und nach dem (angeblich) frühen Tod ihrer Mutter von diesem aufgezogen wurde. (Damals) Typisch weibliche Fertigkeiten hat sie von ihm nicht gelernt, jedoch kann sie schießen und kann außerordentlich gut mit Zahlen umgehen, was ihr zugutekommt, als sie zu dem Fotografen Frederick und seiner Schwester Rose zieht, die beinahe pleite sind. Sally ist ein überaus hübsches Mädchen, selbstbewusst, mutig, entschlossen und ausgesprochen einfallsreich. Aber nicht in übertriebener Weise, wie dies nur allzu oft bei Protagonistinnen von Jugendromanen der Fall ist. Damit könnte sie die ideale Identifikationsfigur für die Leserin sein … wenn sie darüber hinaus nicht ein wenig zu blass und eindimensional geraten wäre. Der Roman krankt ein wenig an „show, don’t tell“ – der Leser erfährt durch die Ereignisse und durch Sallys eigene Gedanken, die immer wieder einfließen, dass Sally all dies ist, aber die psychologische Tiefe fehlt ihr. Man bekommt eigentlich nie einen Einblick in ihr Gefühlsleben – ob es nun der Tod ihres Vaters ist, den sie gar nicht nennenswert zu betrauern scheint. Was ein Wunder ist, da er die einzige Bezugsperson ist, die sie im Leben hat. Oder ob es um die aufregenden Ereignisse geht, die mit der Suche nach dem Rubin verbunden sind: Es geschehen dramatische, teils schlimme Dinge, aber was Sally  fühlen, spürt man als Leser kaum.
Das gilt übrigens auch für die anderen Figuren. Frederick und seine Schwester Rosa zeichnen sich ebenfalls dadurch aus, dass sie ausgesprochen schön sind; auch sind sie Freigeister, abenteuerlustig und ebenfalls ausgesprochen einfallsreich und mutig. Und das gilt ebenfalls für Botenjunge Jim, der zu der kleinen Gruppe hinzustößt. Aber selbst wenn die Kinder bzw. jungen Erwachsenen mit „erwachsenen“ Themen konfrontiert werden (Opiumsucht, Kriminalität, Gewalt und Mord, moderne Sklaverei etc.), scheinen sie das Erlebte relativ schnell wegzustecken. Was emotional in ihnen vorgeht, spielt im Grunde überhaupt keine Rolle.
Erwachsene spielen in diesem Buch nur eine sekundäre Rolle – und stellen den gesamten Fundus an Antagonisten! Was sehr ungewöhnlich ist. Wobei: Wenn man einen Blick auf typische Teenagerserien oder -filme wirft, ist es häufiger der Fall, dass Erwachsene lediglich Statistenrollen haben bzw. fast nahezu gar nicht in Erscheinung treten.

Allerdings ist der Roman durchaus nicht so schlecht, wie es aufgrund der bisherigen Ausführungen den Anschein könnte. Pullman ist im Grunde ein sehr guter Erzähler. Die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird relativ detailliert geschildert – so detailliert, wie es für ein Jugendbuch möglich und sinnvoll ist. Man bekommt eine Ahnung vom Elend vieler Menschen, davon, wie gefährlich es für die ärmeren Menschen in London war (gerade für die Kinder!), und meint, den Gestank der Elendsviertel regelrecht riechen zu können. Man bekommt auch einen Einblick in die zerstörerischen Auswirkungen des Opiums, in den fehlgeleiteten britischen Kolonialpolitik … Auch versteht es Pullman, von Beginn an hier und da kleine Hinweise in die spannungsreiche Handlung einzustreuen, die dem Leser dabei helfen, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Allerdings muss man wirklich auf der Hut sein, um diese Andeutungen nicht zu verpassen.

Fazit: Ein guter historischer Jugendkrimi, der trotz einiger Schwächen Lust auf die Fortsetzung macht.

Veröffentlicht in Belletristik

Karl May: Weihnacht

In den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts: Der junge Karl May (Sappho) und sein Freundes Hermann Lachner (Carpio) begeben sich wie so oft in ihren Weihnachtsferien auf eine mehrtägige Wanderung im Grenzgebiet des kaiserlichen Deutschlands und des Königreichs Böhmen. Im böhmischen Falkenau lernen sie die kleine, völlig verarmte Familie Wagner kennen – Großvater, Tochter und Enkel –, die sich auf der Flucht vor einer unbekannten Bedrängnis befindet. Mit ihrem letzten Geld helfen die beiden Freunde der Familie, sich bis nach Bremen durchzuschlagen, von wo aus sie in die USA auswandern wollen, wo sich bereits der Vater der Familie aufhält. Wenige Tage später treffen May und Carpio die drei noch einmal und werden Zeuge, wie der Großvater verstirbt.

Weston/Missouri, etwa zwanzig Jahre später: Aus dem jugendlichen Dichter May ist mittlerweile der berühmte Westmann Old Shatterhand geworden, der sich inkognito in der Kleinstadt Weston aufhält, um seiner Tätigkeit als Reiseschriftsteller nachzugehen. Durch Zufall wird er Zeuge, wie der „Prayer-Man“ – ein als Wanderprediger getarnter Verbrecher – einen Goldgräber um seinen Fund bringt und mit einem unbekannten Komplizen eine weitere Untat plant: Sie wollen zwei Greenhorns ein sogenanntes Finding-Hole verkaufen (eine Goldquelle, die sich in einem Loch in tiefem Wasser befindet) und den jüngeren zwingen, ihnen das Gold herauszuholen, bevor sie die beiden umbringen.
Außerdem stößt May dort wieder auf Frau Wagner, die in Wirklichkeit, so stellt sich nun heraus, von Hiller heißt. Ihr Ehemann – ein Fellhändler – wird von Krähenindianern gefangengehalten. Diese beschuldigen ihn, gemeinsam mit Schoschonen einige Stammesgenossen getötet zu haben, und fordern nun Lösegeld.
Gemeinsam mit seinem Blutsbruder Winnetou macht sich Old Shatterhand auf den Weg nach Wyoming, um Hiller zu befreien. Außerdem wollen die beiden versuchen, den Überfall auf die Greenhorns zu verhindern.
Einer dieser Greenhorns entpuppt sich als Carpio, der mittlerweile ebenfalls in die USA ausgewandert ist und dort von seinem bösartigen Onkel, dem anderen Goldsucher, ausgebeutet wird. Carpio schließt sich Old Shatterhand und Winnetou an …

„Weihnacht“ gehört neben einer Reihe anderer Karl-May-Romane zu den ersten „erwachsenen“ Büchern, die ich als ca. 10- bis 12-Jährige gelesen habe, die einzigen Bücher, die aus der Kinderheit bzw. Jugend meines Vaters übrig geblieben sind (er war/ist kein großer Leser). Und ich habe diesen Roman damals geliebt! Wenn ich das Buch heute lese, würde ich sagen, dass die Charaktere etwas zu eindimensional bzw. unsere Helden etwas zu fehlerfrei und großartig sind. Aber unterhalten hat mich die Geschichte auch heute noch sehr.

In „Weihnacht“ zeigt sich, dass Karl May ein großartiger Erzähler bzw. Beschreiber war. Auf dem hinteren Vorsatzpapier ist eine Landkarte der Gegend abgebildet, in der die Handlung des Romans spielt (Wyoming) – jeder kleine Creek, den Old Shatterhand, Winnetou und ihre kleine Gruppe auf der Suche nach Hiller und den Verbrechern zurücklegen. Und wenn man im Rahmen der Geschichte den Helden über die unterschiedlichsten Berge und Creeks und River folgt, hat man wirklich das Gefühl, dabei zu sein. Es gelingt May tatsächlich, die Landschaft vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen. Es geht über Berge und Grasland und durch Wäldchen. Die Täler sind von dichtem Nebel erfüllt, der Hochwald mit glitzerndem Reif überzogen. Die Sonne scheint vor Schreck zu erbleichen und zu erkalten, denn ihre farblosen Strahlen verlieren zu Winterbeginn ihre Kraft …

Die Geschichte, die in „Weihnacht“ erzählt wird, spielt zu zwei unterschiedlichen Zeiten und an zwei unterschiedlichen Handlungsorten: in den Jugendjahren des Ich-Erzählers (40er-Jahre des 19. Jahrhunderts) in der deutschen Heimat (bzw. im Grenzgebiet zu Böhmen) und in den Erwachsenenjahren (60er-Jahre) des Protagonisten, der einerseits als erfolgreicher Reiseschriftsteller in den Vereinigten Staaten/im Wilden Westen lebt, andererseits unter dem Kultnamen Old Shatterhand bekannt geworden ist. Hinsichtlich der Charakterisierung zeigt sich: Was den jungen May (May behauptete ja irgendwann, selbst der Held seiner Geschichten zu sein, was aber nicht stimmte) ausmachte – Liebe zur Natur, Glaube, die Bereitschaft, mit wenig auszukommen, Freigebigkeit, Liebe zu den Menschen, die weniger haben, Einfallsreichtum -, findet sich beim Erwachsenen in noch stärkeren Maße vertreten: Obwohl er durch seinen Blutsbruder Winnetou Zugriff auf unzählige Reichtümer hätte, verdient sich Old Shatterhand seinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Reiseliteratur, er hat kein festes Zuhause, sondern reist mit Winnetou durchs Land, ist bereit, seine Pläne für die nächsten Wochen und Monate über den Haufen zu werfen, um Hiller zu befreien und den Krieg zwischen Krähen und Schoschonen zu verhindern, und dabei legt er einen großen Einfallsreichtum an den Tag … Ganz zu schweigen davon, dass er ein großartiger Kämpfer ist, die unterschiedlichsten Indianersprachen beherrscht und durch sein einnehmendes, selbstbewusstes Wesen alle Schwierigkeiten meistert. Ein wenig perfekt vielleicht und sein Selbstbewusstsein an der einen oder anderen Stelle etwas zu nervtötend. Aber ein Held, mit dem sich um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert sicher viele Leser identifizieren konnten und wollten.
Ähnliches kann man bei Winnetou feststellen, der in diesem Roman sehr detailliert beschrieben wird (S. 215-216). Interessanterweise stieß ich bei Nachforschungen darauf, dass offenbar folgender Absatz in den jetzigen Ausgaben fehlt:

Einen Bart trug er nicht; in dieser Beziehung war er ganz Indianer. Darum war der sanfte, liebreich milde und doch so energische Schwung seiner Lippen stets zu sehen, dieser halbvollen, ich möchte sagen, küßlichen Lippen, welche der süßesten Schmeicheltöne ebenso wie der furchterweckendsten Donnerlaute, der erquickendsten Anerkennung gleich so wie der schneidendsten Ironie fähig waren. Seine Stimme besaß, wenn er freundlich sprach, einen unvergleichlich ansprechenden, anlockenden gutturalen Timbre, den ich bei keinem andern Menschen gefunden habe und welcher nur mit dem liebevollen, leisen, vor Zärtlichkeit vergehenden Glucksen einer Henne, die ihre Küchlein unter sich versammelt hat, verglichen werden kann; im Zorne hatte sie die Kraft eines Hammers, welcher Eisen zerschlägt, und, wenn er wollte, eine Schärfe, welche wie zersetzende Säure auf den festesten Gegner wirkte. Wenn er, was aber sehr selten und dann nur bei hochwichtigen oder feierlichen Veranlassungen geschah, eine Rede hielt, so standen ihm alle möglichen Mittel der Rhetorik zur Verfügung. Ich habe nie einen besseren, überzeugenderen, hinreißenderen Redner gehört als ihn und kenne nicht einen einzigen Fall, daß es einem Menschen möglich gewesen wäre, der Beredsamkeit des großen, unvergleichlichen Apatschen zu widerstehen. Beredt auch waren die leicht beweglichen Flügel seiner sanftgebogenen, kräftigen, aber keineswegs indianisch starken Nase, denn in ihren Vibrationen sprach sich jede Bewegung seiner Seele aus. Das Schönste an ihm aber waren seine Augen, diese dunklen, sammetartigen Augen, in denen, je nach der Veranlassung, eine ganze Welt der Liebe, der Güte, der Dankbarkeit, des Mitleides, der Besorgnis, aber auch der Verachtung liegen konnte. Solch‘ ehrliche, treue, lautere Augen, in welchen beim Zorne heilige Flammen loderten oder aus denen das Mißfallen vernichtende Blitze schleuderte, konnte nur ein Mensch haben, der eine solche Reinheit der Seele, Aufrichtigkeit des Herzens, Unwandelbarkeit des Charakters, und stete Wahrheit des Gefühles besaß wie Winnetou. Es lag in diesen seinen Augen eine Macht, welche den Freund beglückte, den Feind mit Furcht und Angst erfüllte, den Unwürdigen in sein Nichts verwies und den Widerspenstigen zum Gehorsam zwang. Wenn er von Gott sprach, seinem großen, guten Manitou, waren seine Augen fromme Madonnen-, wenn er freundlich zusprach, liebevolle Frauen-, wenn er aber zürnte, drohende Odins-Augen. (http://karl-may-wiki.de/index.php/Winnetou)

Ich könnte mir denken, dass man diese Passage gestrichen hat, weil sie ein übertrieben vollkommenes Bild von Winnetou zeichnet (selbst die jetzigen Beschreibungen zeichnen ihn noch als Übermenschen) – und weil doch etwas Homoerotisches darin mitschwingt. Letzteres ist übrigens zum Teil in der jetzigen Ausgabe noch zwischen den Zeilen enthalten, will man es hineinlesen. Überhaupt empfand ich auch die Beziehung zwischen den Erwachsenen Lauschner und May etwas … sehr emotional. Und diese Emotionalität scheint bei Karl May beinahe schon Stilmittel zu sein. Hier wird geweint und in den Armen gehalten (bzw. an die Brust gezogen).

Was mir damals nicht bewusst war: die Rolle der Religion. Das Buch ist „knackfromm“. Der Protagonist und Ich-Erzähler (und einige Nebenfiguren) ist nicht nur kulturfromm, wie es Mitte des 19. Jahrhunderts in unserem Land noch üblich war, sondern sein Glaube bestimmt alle seine Überzeugungen und sein Handeln. Als Jugendlicher verfasst er ein Weihnachtsgedicht mit 24 Versen, für das er einen Geldpreis einheimst und das gedruckt wird – und das die komplette E’rlösungsbotschaft enthält (Jesus Christus kam als Sohn Gottes und Erlöser auf diese Welt, die Notwendigkeit zu Buße und Umkehr, das „endgültige“ Ziel des Lebens etc.) – genauso wie auch der Roman „Weihnacht“ die komplette Botschaft des Evangeliums verbreitet. Dieses Gedicht wird sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen – es wird wie der Schüler Sappho seinen Weg nach Amerika finden, alte Freunde und Bekannte werden sich daran erkennen, sein Missbrauch durch einen Antagonisten macht deutlich, dass dieser schon verloren ist, und die unterschiedlichsten Akteure werden daraus Trost und Kraft ziehen. Auch als Erwachsener im Wilden Westen – nun unter dem Namen Old Shatterhand – hält der Protagonist mit seinen religiösen Überzeugungen nicht hinter dem Berg. Im Gegenteil. Als Hiller seinen Glauben als Ammenmärchen bezeichnet und behauptet, kein vernünftiger Mensch könne daran glauben, ganz zu schweigen davon, dass er diesen Jesus Christus auch nicht brauche, ist das für Old Shatterhand Grund genug, den Stab über diese Figur zu brechen (S. 403-405).

„Bleibt es, in wessen Namen Ihr wollt, nur nicht in Gottes Namen, denn es gibt keinen Gott! Wenn ich da nicht Recht habe, so mag mir der erste, beste Grizzlybär das Gehirn ausfressen!“

Diese Worte von Hiller werden im späteren Verlauf der Geschichte übrigens Wahrheit, als seine Unterkunft durch eine Lawine verschüttet wird und ein hungriger Grizzly sich über den Schädel eines gesetzlosen Toten hermacht und auch Hiller umzubringen droht. Dieses Ereignis führt bei der Romanfigur dann konsequenterweise eine Lebensveränderung bzw. einen Gesinnungswandel herbei, und so beendet Hiller seine Geschichte als überzeugter Christ und neuer Mensch. Und zur Belohnung kehrt er geläutert zu Familie und nach Österreich/Böhmen zurück, um Besitz und Titel wieder zu übernehmen. Überhaupt findet sich im Buch mehrere Male die Vorstellung, dass Leid Gott gewollt ist (zumindest sein könnte), um den Menschen zu läutern und zu sich zurückzuziehen.

Mein Fazit: „Weihnacht“ hat bei mir das Interesse an Karl May wiedergeweckt. Ich hätte durchaus Lust, den einen oder anderen Roman wieder hervorzukramen.