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C. S. Pacat: Die Rückkehr des Prinzen (Die Prinzen, Band 3)

Die PrinzenDamianos von Akielos ist zurück – seine wahre Identität ist allen bekannt. Nun muss er dem einen gegenübertreten, auf dessen Unterstützung er angewiesen ist. Und dem sein Herz gehört: Prinz Laurent, dem wahren König des Nachbarreiches Vere – und Bruder von Auguste, der vor einigen Jahren von Damianos in einer Schlacht getötet wurde.
Gleichzeitig haben im Süden, in Akielos, Damianos‘ Halbbruder Kastor und Laurents Onkel, der Regent von Vere, ihre Truppen gesammelt, um ihre jeweiligen Länder endgültig an sich zu reißen.
Wird es Damianos und Laurent gelingen, Streitigkeiten und Missverständnisse auszuräumen? Die Verschwörungen aufzudecken? Und sich ihren Widersachern erfolgreich zu stellen?

„Die Rückkehr des Prinzen“ ist Band 3 der Fantasy-Trilogie „Die Prinzen“ der Australierin C. S. Pacat. Und ich muss sagen: Das Warten auf das Erscheinen des Sammelbandes hat sich gelohnt.
Die Handlung setzt dort ein, wo „Das Duell der Prinzen“ geendet hat: Damianos‘ bester Freund Nikandros hat Laurent seine Unterstützung im Kampf gegen den Regenten angeboten – und als er in der veretischen Festung Ravenel eintrifft, erkennt er in Laurents rechter Hand Damen den wahren König von Akielos. Als diese Neuigkeit unter den Soldaten Veres verständlicherweise für große Unruhe sorgt, nehmen Damianos und Nikandros die Festung ein. Es gelingt, die beiden Truppen zu vereinen und – wie mit Laurent vereinbart, der ihnen vorausgezogen ist – nach Charcy zu ziehen, um dort gegen die Soldaten des Regenten zu kämpfen. Dort als Laurent und seine Männer nicht zur Schlacht gegen die Truppen des Regenten erscheinen, vermutet Nikandros, dass man dem Thronfolger nicht vertrauen kann – doch natürlich ist alles anders, als erwartet, und die beiden Prinzen führen ihre Männer schließlich doch Richtung Akielos, um Damianos‘ Thron zurückzuerobern und Rache an ihren Widersachern zu nehmen. Der Weg dorthin ist geplastert mit Hinterhalten, Verschwörungen, Täuschungen …

Stattdessen zeigt sich wieder und wieder, was die ungewöhnliche Beziehung der beiden Protagonisten ausmacht: Damianos ist etwas hitzköpfig, aber zutiefst loyal – Laurents Handeln ist von Hintergedanken geprägt, und selbst seine Hintergedanken haben Hintergedanken. Jedes Mal, wenn man meint, dass man ihn durchschaut hat, dass man die Handlung durchschaut hat, zeigt sich, dass alles doch ganz anders ist. Dennoch präsentiert uns Pacat diese Figur im Abschlussband der Trilogie etwas menschlicher, wärmer. Es stellt sich heraus, dass Laurent von Beginn an die wahre Identität seines Sklaven Damen kannte, was auch erklärt, warum er diesen einerseits verächtlich misshandelt (misshandeln lässt), warum er aber andererseits auch mehr als nur einmal dessen Ratschlägen Beachtung schenkt, da er sich bewusst ist, dass Damen – auch wenn er ein Gegner ist – doch ein erfahrender Anführer ist. Darüber hinaus stößt Laurent in diesem Buch auch so manches Mal an seine Grenzen, da sein Onkel sich ebenso gut auf Ränke versteht wie er selbst – aber das tut der Figur keinen Abbruch, da es Zeit wurde, dass es auch bei Laurent etwas mehr menschelt. Das Einzige, das man hinsichtlich der übrigen Figuren bemängeln könnte, ist, dass außer Laurent und Damianos alle anderen Akteure ausgesprochen blass bleiben, und das gilt – allen voran – auch für Kastor und den Regenten. Es kommt zwar zu einem actionreichen Showdown, aber der bleibt etwas hinter all den Erwartungen, die Pacat in den Vorgängerbänden im Leser geweckt hat (hinsichtlich Kastors Kampfeskraft oder der Verschlagenheit des Regenten), zurück.

Zwei Punkte haben mich bei dem Ganzen jedoch gestört: Der Showdown vollzieht sich etwas zu hastig, das Ende kommt zu plötzlich. Etwa 250 Seiten lang ziehen unsere Helden durch Südvere und Akielos, bereiten ihre Männer auf den Kampf vor, kommen einander (noch) näher – und dann überschlagen sich die Ereignisse und innerhalb von etwa 60 Seiten klärt sich (fast) alles im Thronraum ohne irgendwelche kriegerischen Auseinandersetzungen. Aber das Schlimmste: Nachdem man die letzte Zeile gelesen hat, schlägt man die Seite um und erwartet eine Art Epilog, ein paar Passagen, die dem Leser helfen, zu Atem zu kommen, den eigenen Herzschlag zu beruhigen, die etwas über das verraten, was nach dem Sturz der beiden (falschen) Könige und dem Aufstieg der Prinzen geschieht – aber nichts dergleichen. Ich dachte wirklich, dass in meinem Buch einige Seiten fehlen. An dieser Stelle scheint die Geschichte einfach etwas unausgewogen zu sein. Es hätte die Autorin wirklich nicht viel gekostet, ihrer Geschichte ein etwas „runderes“ Ende zu geben. Seither ist natürlich eine Kurzgeschichte mit dem Titel „The Summer Palace“ erschienen, die einiges davon erklärt, aber da diese Geschichte recht … gehaltlos ist, war ich doch etwas enttäuscht.
Dennoch muss man neidlos anerkennen, dass Pacat eine wirklich gute Erzählerin ist. Ihr gelingt es wirklich, die beiden Länder Vere und Akielos vor dem Auge des Lesers lebendig werden zu lassen – ob es nun um die Episoden in den Festungen oder adligen Schlössern geht oder simple Beschreibungen der (ländlichen) Reise der beiden Verschwörer.
Eine weitere Enttäuschung bot mir die deutsche Übersetzung des Buches. Teilweise liest sie sich, höflich gesprochen, etwas unrund und unschön. Zum Beispiel, als erwähnt wird, dass jemand den Verkehr regelt. Was sehr schwierig ist, da es in der Welt von Vere/Akielos überhaupt keine Autos gibt, und in dem betreffenden Kontext auch keine Kutschen/Wagen gemeint sind. Auch strotzt das Buch teilweise vor Rechtschreib- bzw. Zeichensetzungsfehlern. Hier wurde offenbar mit ganz heißer Nadel gestrickt. Oder man wollte nicht mehr Arbeitszeit in eine Serie investieren, die die (finanziellen) Erwartungen nicht erfüllt hat. Sorry, wenn ich so hart bin, aber da ich für dieses Buch Geld hingeblättert habe, bin ich darüber etwas unglüklich.

Mein Fazit: Trotz meiner Kritik eine unbedingte Leseempfehlung. Und da die von Pacat verwendete Sprache recht einfach ist, ist das Buch auch für alle geeignet, die in der englischen Sprache nicht perfekt zu Hause sind und die Geschichte im Original lesen möchten. Weiß zufällig jemand, was die Autorin als Nächstes zu schreiben plant?

 

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C. S. Pacat: Das Duell der Prinzen (Die Prinzen, Band 2)

Durch eine Intrige ist es Laurents Onkel gelungen, ihn um seine wichtigsten Provinzen zu bringen – und ihn an die südliche Grenze von Vere zu schicken, um einen Krieg gegen Akielos zu verhindern bzw. alles zu tun, damit die Grenzgebiete auf eine Auseinandersetzung vorbereitet sind. Da Damen ahnt, dass sich seine Lage im Schloss in Laurents Abwesenheit nur verschlimmern wird, bittet er darum, dass der Prinz ihn mitnimmt. Worin dieser nach einer Weile auch einwilligt. Damen erkennt rasch, dass der Regent Laurent nur unter einem Vorwand in den Süden schickt, in Wahrheit setzt er alles daran, seinen Neffen auf dem Weg dorthin endgültig aus dem Weg zu räumen – und die Schuld Akielos in die Schuhe zu schieben, um den nahenden Krieg zu fördern. Doch Damen wird auch klar, dass er Laurent unterschätzt hat, der Damens Rat und seine militärische Erfahrung zunehmend zu schätzen weiß und ebenfalls Verbündete um sich sammelt.
Auf diese Weise kommen die beiden Prinzen sich inmitten der Planungen und Intrigen und der kämpferischen Auseinandersetzungen zunehmend näher. Aus Misstrauen wird Respekt. Und schließlich mehr …

„Das Duell der Prinzen“ ist Band 2 der „Die Prinzen“-Trilogie der australischen Schriftstellerin C. S. Pacat. Die deutsche Ausgabe der Teile 1 und 2 erschienen – offenbar aufgrund des mangelnden Erfolgs von Band 1 – nur noch als E-Book. Aber Gott sei Dank entschied sich der Heyne Verlag schließlich dafür, die komplette Reihe im Frühjahr 2017 in einem Sammelband herauszubringen!
Während ich (und auch Damen) von einigen Passagen von „Der verschollene Prinzen“ gelinde gesagt etwas irritiert war (alle Szenen, in denen sich der … ungewöhnliche Umgang mit Sklaven zeigte und die oft mehr mit Missbrauch zu tun hatten), hat mich Band 2 überzeugt. Die Story ist wesentlich actionreicher und damit dynamischer als Band 1, in dem es überwiegend um die Gepflogenheiten und Intrigen am veretischen Hof ging – ausschließlich Sex und Politik war auf Dauer doch etwas zu wenig. In „Das Duell der Prinzen“ verlegt sich die Handlung von den höfischen Räumlichkeiten auf andere Landstriche Veres und es kommt wiederholt zu Überfällen und Schlachten und neue Völker bzw. Gruppen treten auf den Plan.
Die Geschichte setzt da an, wo Band 1 endete: Laurent zieht mit einem kleinen Trupp Männer – und mit Damen – in die südlichen Gebiete des Landes Vere. Es ist dort angeblich zu Angriffen akielischer Truppen gekommen und Laurent soll die ihm noch gebliebene Länderei Acquitart befestigen. Allerdings weiß Laurent, dass dieser Befehl seines Onkels eine Falle ist. Zum einen ist die dortige Festung heruntergekommen, zum anderen gibt ihm der Regent einige Männer mit, die unterwegs für Ärger sorgen und Laurents eigene Soldaten gegen diesen aufbringen sollen. Doch Gott sei dank hat Laurent Damen an seiner Seite und beschließt, diesem mehr Vertrauen zu schenken. Da Pacat sich hier als großartige Erzählerin entpuppt – endlich -, erwarten den Leser viele Intrigen, unerwartete Wendungen und eine so vielschichtige Handlung, dass man wirklich aufpassen muss, um den Anschluss nicht zu verlieren. Oft fühlt sich der Leser ähnlich planlos wie Damen, der Laurents Handeln das eine oder andere Mal nicht durchschauen kann und überrascht erkennt, dass dieser cleverer ist als angenommen und wieder einmal unerwartete Verbündete gewonnen hat.
Da Damen die militärische Ausbildung von Laurents Männern übernimmt und den Prinzen auch in militärischen Angelegenheiten berät, vertieft sich die Zuneigung der beiden mit jedem Kapitel. Und so wächst nicht nur Damens Respekt für Laurent und dessen Winkelzüge, auch der veretische Prinz ist zunehmend bereit, sich auf seinen akielischen Sklaven zu verlassen und diesem zu vertrauen. Unweigerlich nimmt auch die erotische Spannung zwischen den beiden Protagonisten zu und neben dem Respekt und dem Vertrauen wächst nun auch die Zuneigung zwischen den beiden Figuren. Diese graduelle Entwicklung wird von C. S. Pacat nachvollziehbar geschildert – zumindest haben wir es hier nicht mit einem der unzähligen Romane zu tun, in dem sich die Protagonisten (egal, ob männlich oder weiblich) treffen und gleich ineinander verliebt sind, und das, ohne sich wirklich zu kennen.

Mein Fazit: Band 2 der „Die Prinzen“-Trilogie ist deutlich facettenreicher als der Vorgänger und damit imho auch das bislang klar stärkere Buch der Reihe. Eine kleine Warnung: Das Buch endet mit einem fiesen Cliffhanger.

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C. S. Pacat: Der verschollene Prinz (Die Prinzen, Band 1)

pacat der verschollene prinzEigentlich ist der Kriegerprinz Damianos der rechtmäßige Erbe des Königreiches Akielos, doch nach dem Tod des Vaters ergreift sein Halbbruder Kastor die Macht, tötet Damens Sklaven und alle Mitwisser und verkauft seinen Bruder in die Sklaverei – ausgerechnet in das verfeindete Königreich Vere. Damen wird Leibsklave des Kronprinzen Laurent. Dieser ist eitel, arrogant und grausam, und er steht für alles, was Damen hasst. Doch Laurent weiß augenscheinlich überhaupt nicht, wen er wirklich vor sich hat – wenn er es wüsste, würde er seinen neuen Sklaven nicht nur Gehorsam lehren, sondern wahrscheinlich sogar töten, hat Damianos doch seinen (Laurents) geliebten älteren Bruder im Krieg getötet.

Bis zu Laurents Volljährigkeit in einigen Monaten wird Vere noch von seinem Onkel regiert – und dieser ist nicht bereit, die Macht abzugeben. Und so lernt Damen in den folgenden Wochen und Monaten, dass sich hinter der eitlen Maske des Thronerben ein gerissener Taktiker verbirgt, der im Stillen einen ständigen Überlebenskampf führt, da sein Onkel ihm immer wieder nach dem Leben trachtet. Schon bald weiß Damen nicht mehr, was wichtiger für ihn ist: seinen eigenen Thron zurückzugewinnen oder an Laurents Seite zu kämpfen und das Geheimnis der Verschwörung zu lüften, die Laurent das Leben kosten könnte und ihn selbst seinen Thron …

pacat-die-prinzen-trilogie

„Der verschollene Prinz“ ist das erste Buch der Australierin C. S. Pacat und der Einstieg in ihre „Die Prinzen“-Trilogie, von der Band 1 zunächst als Taschenbuch im Heyne Verlag erschien, Band 2 nur noch als E-Book und Band 3 zunächst gar nicht – bis Heyne dann im Frühjahr 2017 die gesamte Geschichte in einem Sammelband veröffentlicht hat („Der verschollene Prinz“, „Das Duell der Prinzen“ sowie „Die Rückkehr des Prinzen“).

Der Roman gehört in den Bereich der Fantasy (sicher keine High Fantasy, aber das hat mein Vergnügen nicht getrübt), und hier ist er insofern eine Ausnahmeerscheinung, als die beiden Hauptfiguren (homosexuelle) Männer sind, die sich zueinander hingezogen fühlen. Im Bereich der Gay Romance gibt es natürlich ein paar Fantasy-Geschichten, aber die, die mir bislang untergekommen sind, hatten lange nicht die literarische Qualität und auch die Charaktere waren nicht so detailliert ausgeformt wie in Pacats Geschichte. Aber falls jemand hier eine Empfehlung hat, wäre die willkommen.

Ich persönlich fand Band 1 etwas schwächer als die Fortsetzung, was ich darauf zurückführen würde, dass hier das Fundament der Geschichte gelegt wird und die Action erst einmal warten muss. Die Charaktere werden eingeführt, die Welt und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten beschrieben (und als Leserin muss man sich an so einiges gewöhnen, was die Sklavenhaltung und den Umgang mit Sex angeht), und es werden auch schon die Positionen der einzelnen Parteien dargelegt. Aber da die Gesellschaft von Vere ganz stark auf politischen Winkelzügen, Tarnung und Täuschung basiert, muss der Leser aufmerksam sein, um wirklich zu verstehen, wer mit wem warum verbündet oder verfeindet ist (wobei die „verfeindet“-Kategorie leichter einzuordnen ist). Dennoch lässt sich das Buch schnell lesen und beinhaltet im Anhang sogar noch eine Kurzgeschichte, in der man mehr über einen der Sklaven erfährt.

Damen und Laurent sind auch zwei sehr interessante Hauptfiguren. Damen heißt eigentlich Damianos und ist Thronerbe des mit Vere verfeindeten Königreiches Akielos. Nach dem Tod seines Vaters kommt es aber zum bösen Erwachen, als sein älterer (aber illegitimer) Bruder Kastor ihn in Ketten legen und als Sklaven nach Vere verbringen lässt. Anfänglich hält er (und auch der Leser) das nur für einen sehr bösen Scherz – dass mehr dahintersteckt, wird erst später deutlich. Dort wird er Leibsklave von Laurent, dem dortigen Thronfolger, der nur noch wenige Monate von seiner Mündigkeit entfernt ist. In der Zwischenzeit wird das Land von dessen Onkel regiert – und auch hier greift der unrechtmäßige Herrscher nach dem Thron und tut alles, um Laurent um seine Stellung – und sein Leben! – zu bringen. Damit würden die beiden Männer – Damen und Laurent – ideale Verbündete abgeben, aber: 1. Damen ist ein Sklave, 2. er ist der (rechtmäßige) Herrscher des verfeindeten Nachbarlandes, 3. Laurent misstraut allem und jedem und lässt niemanden an sich heran. So bringen die beiden diesen ersten Band der Trilogie damit zu, sich mit ihrer neuen Position abzufinden (Damen) bzw. zumindest ansatzweise Vertrauen zu lernen (Laurent und Damon). Und das macht die Autorin eigentlich sehr anschaulich, nachvollziehbar und glaubwürdig – Gott sei Dank fallen die beiden Helden nicht schon in Kapitel 4 übereinander her und entdecken in Kapitel 8, dass sie sich über alles lieben, wie es leider in viel zu vielen Romanen geschieht.

PS: Ich wurde übrigens durch das Cover des Einzelbandes auf diesen Roman aufmerksam – eine dezente s/w-Zeichnung, die sich wohltuend von den üblichen quietschbunten Covern abhebt und endlich einmal kein Pärchenmotiv bietet, sondern symbolträchtig auf das hinweist, was den Leser erwartet.

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C. S. Pacat: The Summer Palace (A Captive Prince Short Story #2)

pacat-kurzgeschichte„The Summer Palace“ setzt nach dem Ende der „Prinzen-Trilogie“ ein und fungiert gewissermaßen als eine Art ausführlicher Epilog. Lauren und Damen haben ihre Widersacher besiegt, Letzterer hat sich von seinen schweren Verletzungen erholt, beide beginnen, sich nun in ihrer jeweiligen neuen Stellung einzurichten, und treffen sich nun im Palast am Meer.

Dass die australische Autorin C. S. Pacat sich dazu entschlossen hat, der Trilogie noch eine Kurzgeschichte von ca. 30 Seiten (im englischen Original) anzufügen, war durchaus eine gute Idee. Da die Trilogie nach dem Showdown im letzten Kapitel doch etwas abrupt endet, ohne den Leser noch einmal durchatmen zu lassen, in dem sie ihm auf wenigstens ein, zwei Seiten schildert, was nach dem Showdown in Ios mit den handelnden Personen und in politischer Hinsicht geschieht.

Aber als Kurzgeschichte (und als solche wird sie ja verkauft) funktioniert „The Summer Palace“ meines Erachtens nicht wirklich. Ich hatte mir erhofft, dass die Handlung der Trilogie noch etwas weitergeführt wird oder dass die Darstellung der beiden Protagonisten noch etwas vertieft wird. Aber leider geschieht genau das nicht wirklich. Stattdessen liefert die Autorin nur ausführliche Waschszenen und ein wenig 6 – der allerdings auch nicht besonders … aufregend war.

Mein Fazit: Ich schreibe nur ungern etwas Negatives über eine Trilogie, die ich wirklich mochte. Aber leider kam mir die Kurzgeschichte nur wie austauschbare Fanfiction vor, die auch ein beliebiger Hobbyautor hätte schreiben können.

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Leta Blake/Alice Griffiths: Will & Patrick wake up married

Will & PatrickAls Will Patterson nach einer durchzechten Nacht in einem Hotel in Las Vegas zu sich kommt, liegt ein unbekannter nackter Mann neben ihm. Ein unbekannter nackter Mann, den er offenbar geheiratet hat: Dr. Patrick McCloud. Eine Scheidung wäre eigentlich kein Problem – wenn Will nicht der Sohn eines Mafiabosses wäre und von seinem durch und durch katholischen Großvater nicht ein Millionenvermögen geerbt hätte, das an die „Familie“ zurückfällt, wenn er sich scheiden lässt.
Da Patrick gerade seine Anstellung verloren und Will in seiner Heimatstadt ein Krankenhaus gegründet hat, beschließen die beiden, das beste aus dieser unmöglichen Situation zu machen. Patrick wird ihn als vermeintlich liebevoller Ehemann nach Healing/South Dakota begleiten und dabei unterstützen, ein Team von Ärzten zu finden, und Will wird seine Großmutter bitten, ein Schlupfloch zu finden, das ihn aus dieser Ehe befreit.
Kompliziert wird das Ganze noch dadurch, dass Will seinem Exfreund Ryan hinterherheult, der ihn gerade verlassen hat (was auch der Grund dafür war, dass Will sich in Las Vegas betrunken hat), und dass Patrick eigentlich nur ein (Lebens-)Ziel hat: als Neurochirurg zu arbeiten – und menschliche Bindungen sind für den nüchternen Mediziner dabei nur Ballast.
Aber natürlich kommt alles ganz anders …

Eines vorweg: Diese Rezension bezieht sich auf alle sechs Bände der Wake up Married-Reihe der beiden Autorinnen Leta Blake und Alice Griffiths: Will & Patrick 1. … wake up married, 2. … meet the Family, 3. … do the Holidays, 4. … fight their Feelings, 5. … meet the Mob und 6. … Happy Ending. Dass diese Geschichte in sechs Teile aufteilt ist, hat mich ein wenig verärgert, schließlich kostet jeder Teil 2,99 Euro (insgesamt also 17,94 Euro). Aber da mich die Geschichte wirklich sehr gut unterhalten hat, habe ich den Autorinnen dies nachgesehen.
Ich habe schon lange nicht mehr so schnell in eine Geschichte und die Protagonisten hineingefunden wie bei der Serie um Will und Patrick: Patrick ist ein erfolgreicher Neurochirurg, der sich aber am Rande des Autismus-Spektrums bewegt, was ihn zu einem ausgesprochen unangenehmen Zeitgenossen macht, da ihm die Emotionen seiner Patienten und Kollegen herzlich egal sind. Er ist nach Las Vegas gekommen, um dort an einer Tagung teilzunehmen. Als er abends in die Hotelbar geht, nimmt das Unheil jedoch seinen Lauf: Er lernt dort den jungen Will Patterson kennen, die beiden finden sich … sympathisch, betrinken sich gemeinsam – und wachen nach einer Nacht mit sehr viel Sex in einem Bett auf. Verheiratet. Für Patrick liegt nichts näher als eine Scheidung – was soll er schließlich mit einem Ehemann?! Für Will ist jedoch eine Scheidung undenkbar. Sein stockkatholischer Großvater war über die Unmoral in seiner Familie so verärgert, dass er ihm sein dreistelliges Millionenerbe nur unter der Bedingung vermacht hat, dass er erstens nur aus wahrer Liebe heiratet und sich zweitens nicht scheiden lässt. Zerbricht seine Ehe doch, fällt das Vermögen an die Mafiafamilie zurück. Denn Will ist genau das: der Sohn eines Mafiapaten. Also kommt eine Scheidung für Patrick nun allein aus dem Grund nicht infrage, weil er nicht mit Betonschuhen im Meer landen will. Da er sich an diesem Morgen völlig verkatert auch gleich mit seinem Vorgesetzten verkracht und dieser ihn feuert, nimmt er Wills Angebot an, ihn nach Healing zu begleiten, wo Will mit seinem Millionenvermögen gerade ein Krankenhaus aufbaut.
Patrick war von Anfang an meine absolute Lieblingsfigur. Da er ein erfolgreicher Neurochirurg ist, der sich wirklich für einen kleinen Gott hält und auch einige autistische Züge hat, bemüht er sich nur in begrenztem Maße darum, die Erwartungen, die die Gesellschaft an ihre Mitglieder stellt, zu erfüllen. Er ist ein überaus direkter Mensch, der sich nicht mit falschen Höflichkeiten abgibt, sondern seinem Gegenüber die Wahrheit geradeheraus ins Gesicht sagt. Einige Bewohner von Healing stößt er damit vor den Kopf, andere sind sich nicht sicher, ob es sich dabei nicht um eine (schräge) Form von Humor handelt – und andere lieben ihn dafür. Vor allem die Kinder, denn da Patrick aufgrund einer schrecklichen Kindheit selbst in einer Pflegefamilie aufgewachsen ist, in der es viele Kinder gab, liegen ihm diese besonders am Herzen. Im Grunde versteckt er sich nur hinter der Maske des toughen Mediziners, damit niemand mitbekommt, dass er eigentlich ein zutiefst liebevoller Mensch ist, dem das Wohl der anderen durchaus wichtig ist.
Im Gegensatz dazu ist Will Patterson für alle ein offenes Buch. Der gesamte Ort kennt die unglückliche Lovestory mit seinem Exfreund Ryan, der ihn vor Kurzem für einen anderen verlassen hat, aber nach eigener Aussage nur, weil Will – was für ein Skandal! – Sex wollte! Doch der gesamte Ort weiß ebenfalls, dass Ryan ihn während all der Zeit überhaus schlecht behandelt hat und im Grunde Mitschuld trägt an Wills Alkoholismus. Doch Will braucht so einige Kapitel dieser Romanserie und viel Zeit mit Patrick, um ebendies selbst herauszufinden. Mit Patrick hat er zum ersten Mal in seinem Leben einen Menschen an seiner Seite, dem wirklich etwas an ihm liegt und der ihm helfen will – bei seinem Alkoholproblem, seiner schweren Diabetes und der Sorge um seine Stiftung „Good Works“. Kein Wunder, dass Will sich rasch in den gutaussehenden Chirurg verliebt, der ihm all das gibt, was er von Ryan nicht bekommen hat (*zwinker*).
Gespickt wird das Ganze dann noch mit etwas, das ich sehr liebe: skurrilen Figuren. Einer alleinerziehenden jungen Mutter, die sofort hinter Patricks harte Schale sehen kann. Einer unerfreulichen Schwiegermutter, die immer wieder mit ihrem kriminellen Exmann im Bett landet. Einem Mafiapaten als Schwiegervater, der so gut aussieht und so charmant ist, dass Patrick ihn – gäbe es Will nicht – sicher auch nicht von der Bettkante schubsen würde. Dem fiesen Exfreund, der seine Befriedigung daraus zieht, seine jeweiligen Partner unter Druck zu setzen. Den Bewohnern von Healing/South Dakota, die sich auf einer Website mehr oder weniger anonym über den neuesten Klatsch und Tratsch austauschen und über die unglaublichsten Dinge unglaublich gut informiert sind.
Das Ganze wird dann noch mit einer großen Portion Humor, haarsträubenden Wendungen und einem großen Schuss Er0tik gewürzt – und schon hat man eine wirklich tolle Liebesgeschichte, die man nicht mehr aus der Hand legen kann.

Mein Fazit: Unbedingt lesen!

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Lyndsay Faye: Die Entführung der Delia Wright

lyndsay faye die entfuehrung der delia wright1846: Vor einem halben Jahr wurde die Polizei von New York gegründet. Schnell hat sich gezeigt, dass Timothy Wilde für die Polizeiarbeit sehr talentiert ist. Und er glaubt sich mit dem Verbrechen in seiner Stadt auch ganz gut auszukennen. Doch dann erscheint die schöne Blumenverkäuferin Lucy Adams in seinem Amtszimmer: Ihr kleiner Sohn Jonas und ihre Schwester Delia wurden entführt. Tims Ermittlungen führen ihn in ungeahnte Abgründe. Denn Lucys Familie ist „gemischter“, also nicht rein weißer Abstammung. Freie schwarze Bürger im Norden der USA sind jedoch Freiwild für Verbrecherbanden, die sie in ihre Gewalt bringen und als Sklaven in die Südstaaten verkaufen. Der Einzige, der Tim jetzt helfen kann, ist sein schillernder Bruder Valentine, seines Zeichens Polizei-Captain, korrupter Politiker, Frauenheld und noch einiges mehr …

„Die Entführung der Delia Wright“ ist Band 2 der historischen Krimis um den New Yorker Polizisten Timothy Wilde – und nachdem ich schon Band 1 verschlungen hatte (die Rezension wird nachgeliefert), hat mich auch Band 2 nicht enttäuscht. Wieder einmal liefert Lyndsay Faye einen sehr gut recherchierten Kriminalroman ab. Zum einen ist er exzellent geschrieben. Da sie hier weniger „Flash“ (Gaunersprache) verwendet als in Band 1, ist man schneller in der Handlung angekommen und muss nicht ständig im Anhang die Übersetzung „exotischer“ Begriff nachschlagen. Ihr Roman spiegelt aber vor allem wieder sehr anschaulich die historischen Gegebenheiten in den USA und hier vor allem in New York wider: die aufgrund der schrecklichen Hungersnot nach Amerika strömenden Iren, die es dort mit „Patrioten“ zu tun bekommen, keine Arbeit finden und in entsetzlicher Armut leben. Die Herausforderungen des neu gegründeten NYPD, das aus Schlägern und zwielichten Zeitgenossen, aber auch wohlmeinenden Polizisten besteht und gerade die Polizeiarbeit „erfindet“: Bislang besteht Polizeiarbeit darin, Verbrecher, die im Grunde bei ihrer Missetat erwischt werden, hinter Gittern zu bringen, doch nun tritt der Typus des Ermittlers auf, der begangene Verbrechern durch Recherchearbeit aufklärt.
Aber vor allem macht die Autorin ihre Leser mit der Rassenproblematik bekannt. Nicht nur, dass farbige Menschen in den Augen der Weißen nichts (oder wenig) wert sind und in den Südstaaten unter schrecklichsten Bedingungen leben. Sie macht auch auf die „Komplizenschaft“ des Nordens aufmerksam, der eben nicht so „wohltätig“ und „aufgeklärt“ war, sondern schon allein aus wirtschaftlichen Gründen davor zurückschreckte, sich stärker gegen die Sklaverei der Südstaaten zu engagieren, die den Norden mit wichtigen Rohstoffen versorgten und auch wichtige Abnehmer dessen waren, was dort produziert wurde. Deshalb tat man auch wenig bis nichts gegen die Rückführung entflohener Sklaven und die systematische Entführung von freien Farbigen aus dem Norden, die dann in den Süden verschleppt und verkauft wurden – weder von gesellschaftlicher noch von politischer, ganz zu schweigen von juristischer Seite. Veranschaulicht werden die unterschiedlichen Positionen zu diesem Thema durch jedem Kapitel vorangestellte kurze Auszüge aus Büchern, Artikeln oder schlicht Schriften von Sklavengegner und -befürwortern.
Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte von „Die Entführung der Delia Wright“ angesiedelt. Timothy Wilde ist nun offizieller Ermittler des NYPD, was bei einigen seiner Kollegen wenig gut ankommt, da er nun im Gegensatz zu ihnen nicht mehr zu jeder Tages- und Nachtzeit Streife laufen muss, sondern seine Aufgaben von George W. Matsell (übrigens einer real existierenden historischen Persönlichkeit) direkt zugewiesen bekommt. Als eines Nachts Lucy Adams in seinem Kabuff in den Tombs (Polizeipräsidium aka Gefängnis) steht, ahnt er nicht, was in den nächsten Wochen auf ihn zukommen wird: Lucy sieht zwar nahezu aus wie eine Weiße, hat jedoch einen geringen Anteil farbigen Blutes in sich, was sie zu einem idealen, rechtlosen Opfer skrupelloser Sklavenfänger macht. Sie bittet Tim um Hilfe, da während ihrer Abwesenheit ebensolche Sklavenjäger in ihre Wohnung eingedrungen sind und ihre Schwester Delia Wright sowie ihren eigenen Sohn Jonas entführt haben. Mithilfe von Tims Kollegen Piest und seinem Bruder Valentine findet der Ermittler rasch die Schuldigen. Sie befreien die beiden aus deren Klauen, bevor etwas Schlimmeres geschehen kann, und bringen sie zum Schutz vor Repressalien in Vals Wohnung.
Bis zu diesem Punkt der Handlung, an dem die Entführung aufgeklärt wurde und die Entführten in Sicherheit sind, sind 130 Seiten des Romans vergangen, und man fragt sich, wie die Autorin wohl die noch fehlenden 300 Seiten des Buches gefüllt hat, denn eigentlich hat man jetzt genau das gelesen, was im Werbetext versprochen wird. Doch weit gefehlt, jetzt geht es erst richtig los. Wie schon in „Der Teufel von New York“ zeigt sich, dass doch nicht alles so ist, wie man auf den ersten Blick annimmt. Als nämlich Tim am nächsten Morgen nach dem Rechten sehen will, liegt Lucy erdrosselt in Vals Bett, und von Deliah und Jonas fehlt erneut jede Spur … und was jetzt folgt ist eine wahre (Gefühls-)Achterbahn: Es folgen politische Intrigen, Racheakte, Verschwörungen und Täuschungen; es wird wieder und wieder entführt und zusammengeschlagen und gemordet, und nicht jeder ist der, der er zu sein vorgibt.
Das alles schildert Lyndsay Faye mithilfe des Ich-Erzählers Timothy, dessen teils poetische Beschreibungen nie in weitschweifige Gewaltdarstellungen ausarten, sondern der so manches Mal distanziert und nüchtern die Ereignisse schildert. Und dabei fehlen auch nicht eine feine Portion Humor und Selbstironie, die den Leser hin und wieder schmunzeln lassen. Ich-Erzähler Tim leidet (noch immer) unter seinen durch einen schrecklichen Brand verursachten Narben im Gesicht, aber da er als Waisenkind mit einem Bruder aufgewachsen ist, der „larger than life“ ist (gut aussehend, von allen geliebt, Mitglied der Demokratischen Partei, Feuerwehrmann und Captain des Achten Bezirks), kämpft er sich immer wieder auf die Beine. Ihm ist es egal, ob er es mit Reichen oder Armen, mit Farbigen oder Weißen zu tun hat – er macht keinen Unterschied zwischen den Menschen. Selbst bei „ehrlichen“ Verbrechern – Menschen, die aus Not stehlen, die von denen stehlen, die mehr als genug haben, oder die ein Verbrechen begehen, um anderen das Leben zu retten – drückt er mal ein Auge zu. Er hilft eben denen, die Hilfe brauchen. Auch wenn ihn das immer wieder in Schwierigkeiten bringt.
Ihm zur Seite – wenn es hart auf hart kommt – steht sein Bruder Valentine, der einige Jahre älter ist als er und ihn nach dem Feuertod der Eltern aufgezogen hat. Nachdem die beiden Brüder in Band 1 halbwegs Frieden miteinander geschlossen haben, kommen sie sich in Band 2 noch ein Stückchen mehr näher. Val ist, wie gesagt, ein Charakter, der überlebensgroß ist. Er ist groß, gutaussehend, hat kein Probleme, Frauen ins Bett zu bekommen – und auch nichts gegen den gelegentlichen Molley -, er ist das, was man heute wohl als Realpolitiker bezeichnen würde, hat seine Finger in diversen Honigtöpfen und scheut auch vor Gewalt nicht zurück, um seinem Bruder zu helfen. Aber im Gegensatz zu seinem Bruder Tim ist er sich der alten Wahrheit bewusst, dass man die Hand, die einen füttert, besser nicht beißt. Aber dennoch ist er ein durch und durch sympathischer Charakter und das Brüderpaar eine echte Bereicherung der Literatur, die man u. U. mit den Brüdern Holmes vergleichen könnte.

Mein Fazit: Lyndsay Faye ist für mich die „Queen des historischen Kriminalromans“. Wer sehr gut erzählte und recherchierte historische (Bio-)Fiktion schätzt, dem sei dieses Buch, aber vor allem die Autorin sehr ans Herz gelegt.

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Samantha Kane: Retreat from Love (Brothers in Arms 5)

kane brothers in arms 5Nach dem Tod seiner beiden älteren Brüder erbt Frederick Thorne den Familientitel und wird der Duke of Ashland. Schon seit fünf Jahren ist er in Brett Haversham verliebt, der mit seinem – Freddies – Bruder Bertie auf der Iberischen Halbinsel gegen die napoleonischen Truppen gekämpft hat. Bertie hat dort Bretts Leben gerettet und sein eigenes verloren. Schreckliche Schuldgefühle halten Brett nun davor zurück, seinen eigenen Gefühlen nachzugeben und Freddies Zuneigung zu erwidern.
Doch die beiden Männer sind nicht nur ineinander verliebt. Schon seit seiner Kindheit liebt Freddie Anne Goode – die Tochter des örtlichen Pfarrers und gleichzeitig Verlobte seines Bruders Bertie. Und Brett wiederum hat sich durch Berties Briefwechsel mit Anne ebenfalls in die unbekannte junge Frau verliebt, was ihm während des Krieges die Kraft gegeben hat, nicht aufzugeben.
Erst fünf Jahre nach Berties Tod reisen Freddie und Brett zum Stammsitz der Familie – um Anne (wieder-)zu sehen. Doch auch Annes unbeschwertes Leben hat sich in den vergangenen Jahren verändert: Ihr Vater ist verstorben und durch die Einflussnahme von Freddies Mutter nagen Anne und Mrs Goode mittlerweile am Hungertuch. Und da Anne durch diese Ereignisse die Hoffnung auf eine Eheschließung aufgegeben hat, hat sie immer wieder Affären, was wiederum ihren Ruf zerstört hat.

„Retreat from Love“ ist der 5. Band in Samantha Kanes „Brothers in Arms“-Reihe, in der es überwiegend um Ménage-Beziehungen zwischen zwei Männern und einer Frau geht. Ich habe zugegebenermaßen meist keine hohen Erwartungen an dieser Art Literatur – eine halbwegs gut geschriebene Geschichte, glaubwürdige, sympathische Akteure und eine (große) Portion Prickeln … das ist alles, was ich davon erwarte. Diese Geschichten sollen den Leser ja nicht zum Nachdenken bringen oder ihn Einsichten in die Historie oder die Abgründe des Menschen eröffnen. Aber „Retreat from Love“ hat etwas an sich, das mich vom ersten Kapitel an geärgert und mir die Freude an der Story geraubt hat:

Zum einen Anne: Wenn wir ehrlich sind, verhalten sich die weiblichen Figuren in historischen Romanen selten entsprechend der jeweiligen Zeit. Sie sind eher moderne Frauen, die im 18. oder 19. (oder welcher Vergangenheit auch immer) Jahrhundert agieren – selbstbewusst, geradeheraus, unabhängig und oft sehr forsch in sexuellen Dingen. Aber Anne, die weibliche Hauptfigur von „Retreat from Love“, ist für meinen Geschmack zu modern. Sie ist seit ihrer Kindheit eng mit Bertie (und auch Freddie) befreundet und verlobt sich erst mit diesem, nachdem sie ihre Unschuld an ihn verloren hat (und das auch nur, weil beide neugierig sind, und nicht, weil sie verliebt sind) und die Gefahr besteht, dass sie schwanger ist. Im Grunde kommt Berties Einberufung ihrer Auflösung der Verlobung zuvor. Nach seinem Tod, der Verarmung der Familie und dem allgemeinen Mangel an (geeigneten, willigen) Ehemännern beschließt sie, trotz allem nicht auf 6 zu verzichten, sondern pflegt hin und wieder eine Affäre. Ich denke, an dieser Stelle müssen wir nicht darüber reden, wie unwahrscheinlich das angesichts der damaligen gesellschaftlichen Sitten ist und wie seltsam es ist, dass sie trotz allem nicht schwanger geworden ist (Verhütungsmittel sind im Roman nie ein Thema – in fast keinem historischen Roman!). Doch obwohl sie relativ viele Erfahrungen hat, kann sie sich kaum zurückhalten, als ein Mann vorbeigeritten kommt – sie weiß nicht, dass es sich hier um Brett handelt, den sie zu diesem Zeitpunkt nur aus Berties Briefen kennt -, während sie gerade in einem Teich ein Nacktbad nimmt. Stattdessen steht sie nahezu ungehemmt nackt vor ihm und ist kurz davor, sich ihm hinzugeben. Er muss sie nur etwas verführerisch anlächeln, und schon kann sie gar nicht anders. Und als Freddie dann noch dazukommt, würde sie sich diesem auch am liebsten gleich an den Hals werfen. Und dies zieht sich durch den gesamten Roman. Diese fehlende Selbstbeherrschung hat mich unglaublich geärgert. Die beiden Männer müssen sie nur einmal anlächeln, und schon steht unsere Heldin kurz davor, ihre Röcke zu heben. Mmpf. Dieses Frauenbild muss ich mir nicht antun.

Zweitens hat mich das ständige Hin und Her aller Beteiligten geärgert. Alle drei können es kaum erwarten, mit den jeweils beiden anderen ins Bett (oder wohin auch immer …) zu gehen, glauben aber trotz ihrer Liebe zueinander nicht, dass diese Sache von Dauer ist. Jeder schleppt irgendwelche Schuldgefühle oder Komplexe mit sich herum, die ihn oder sie davon abhalten, ein Risiko einzugehen und sich der Beziehung zu verpflichten: Brett will, dass Freddie Anne heiratet – er selbst hat sie ja nicht verdient, da er sich die Schuld an Berties Tod gibt. Freddie will, dass Brett Anne heiratet – er selbst hat sie ja nicht verdient, da er das Gefühl hat, Bertie zu hintergehen. Und Anne will am liebsten alle beide haben, aber nicht heiraten – denn ihr Ruf ist ja ruiniert und im Falle einer Heirat würde sie dadurch ja auch Freddies Ruf ruinieren. Und diese ständige Selbstquälerei zieht sich bis zum Ende durch den Roman. Ich habe immer wieder das Bedürfnis verspürt, den Akteuren einen Tritt in den Hintern zu verpassen, damit sie sich endlich einkriegen.

Für mich persönlich gab es nur einen Lichtblick: Jedes Kapitel beginnt mit einem Brief, den Bertie Anne aus dem Krieg geschrieben hat. Rückblickend erfährt man so von dessen Freundschaft mit Brett und wie sehr sich die beiden Männer durch die Erfahrungen des Krieges verändert haben.

Mein Fazit: Da das Buch Teil einer Reihe ist, sollte man es sicher nicht außer Acht lassen, wenn man diese liest, aber mit Ruhm bekleckert hat sich die Autorin hier sicher nicht.