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Ulf Torreck: Fest der Finsternis

torreck-fest-der-finsternisParis im August 1805: Louis Marais, einst gefeierter Kommissar der Pariser Polizei, wird im Sommer 1805 von dem intriganten Polizeiminister Joseph Fouché von seinem Exil in Brest nach Paris zurückbeordert, um in einer unheimlichen Mordserie an jungen Frauen zu ermitteln. Einziges gemeinsames Merkmal: Alle Frauen wurden auf entsetzliche Weise verstümmelt und haben kurz vor ihrem Tod ein Kind zur Welt gebracht. Als Marais in einer der Leichen ein mysteriöses Kreuz entdeckt, dessen Bedeutung niemand kennt, erkennt er, dass er Unterstützung braucht.
Er zieht den berüchtigten Libertin und Schriftsteller Marquis de Sade als Berater heran, der gerade wieder einmal in eine Irrenanstalt verbannt wurde. Sade kennt die Abgründe des Bösen wie kein Zweiter. Das ungleiche Paar begibt sich auf eine Mörderjagd … immer weiter hinab in die menschlichen Abgründe. Als dann auch noch der Polizeipräfekt Jean-Marie Beaume dem grausamen Mörder zum Opfer fällt und man ihnen die Tat in die Schuhe schiebt, ist nicht länger klar, ob sie es mit einer politischen Verschwörung zu tun haben oder mit einer Satanistensekte, die bis in die höchsten Kreise reicht.

„Fest der Finsternis“ ist das erste Buch des Leipziger Schriftstellers Ulf Torreck, das ich gelesen habe, und definitiv nicht das letzte. Der historische Thriller ist sehr gut recherchiert. Man spürt, dass sich der Autor intensiv mit den historischen Gegebenheiten und Personen auseinandergesetzt hat. Natürlich sind die hier geschilderten Ereignisse um tatsächliche historische Persönlichkeiten wie dem Marquis de Sade, Louis Marais, Talleyrand und Joseph Fouché fiktiv, aber es fließen auch immer reale Fakten in die Handlung ein – z. B. die Werke de Sades und seine (sexuellen) Gepflogenheiten, politische Intrigen, gesellschaftliche Vorgänge. Einige Rezensenten bemängeln diese detailierten Beschreibungen und werfen dem Autor vor, dass er von der eigentlichen Handlung abschweift. Im Gegensatz dazu fand ich jedoch, dass diese mehr oder weniger relevanten Hintergrundinfos erstaunlich organisch in die Geschichte einfließen. Sie sorgten dafür, dass ich den Elend und den Dreck und das Chaos von Paris regelrecht vor mir sehen konnte und ein Verständnis für die gesellschaftlichen Zustände bekam: für die politischen Intrigen, die komplexen Machtverhältnisse, dafür, wie Menschen geendet sind, die keinen Nutzen mehr für die Gesellschaft hatten …  Ich habe bereits Bücher anderer (deutscher) Autoren gelesen, denen es weitaus weniger gut gelingt, ihre Recherchen auf eine Weise in ihren Roman einfließen zu lassen, dass ich nicht das Gefühl hatte, in einer Vorlesung zu sitzen.
Auch versteht es der Autor, eine gelungene Mischung an Action, deskriptiven Passagen und philosophischen/religiösen Ausführungen zu schaffen. Bei mir kam zu keiner Zeit Langeweile auf oder das Gefühl, dass Torreck sich Längen erlaubt. Im Gegenteil. Ich konnte das Buch über weite Strecken nicht aus der Hand legen, sondern war immer wieder gespannt darauf, welche Wendungen der Autor sich einfallen lässt. Wie de Sade und Marais habe ich bis zuletzt gerätselt, ob sich hinter den entsetzlichen Morden eine politische Verschwörung verbirgt oder die Rituale eines jahrhundertealten Satanistenkultes.

Was für die Handlung gilt, das gilt ebenfalls für die handelnden Figuren, allen voran Commissaire Louis Marais und der alternde Marquis de Sade. Auch der Fundus an interessanten Nebenfiguren ist sehr groß und überaus vielfältig – es gibt hohe Politiker, vielfältigen Polizisten, absonderliche Geistliche, Kopfjäger, Huren, Waisenkinder, Schreckgestalten … Wer das Gefühl hat, den Überblick zu verlieren, der kann aber jederzeit auf das Verzeichnis der dramatis personae zurückgreifen, das sich im Anhang des Buches befindet. Allerdings war dies für mich eigentlich nie nötig, da die relevanten Figuren nicht nur einen Namen haben, sondern auch hinsichtlich ihres Aussehens und Charakters so gut gestaltet sind, dass ich sie mir vorstellen konnte – und dass sie im Gedächtnis blieben.
So unterschiedlich, wie die Figuren sind, so unterschiedlich sind auch die beiden Protagonisten de Sade und Louis Marais. Auf der einen Seite der alternde Libertin, Philosoph und Schriftsteller, der seine Sexualität mit Angehörigen beider Geschlechter auslebt, weder an Gott noch an den Teufel glaubt und es liebt, Menschen in Wort und Tat zu schockieren. Dass sich hinter den Serienmorden etwas anderes verbergen könnte als eine politische Verschwörung und die Unmoral der hohen Gesellschaft, kommt für ihn nicht infrage. Auf der anderen Seite der tiefgläubige Katholik Marais, der aufgrund einer politischen Intrige strafversetzt wurde und gerade erst Frau und Kind verloren hat. Er ist der Auffassung, dass Gott ihn nach Paris zurückgeführt hat, damit er in dessen Namen die Satanistensekte zu Fall bringt, die der Verursacher der schrecklichen Morde ist. Als diese beiden aufeinanderstoßen, kommt es verständlicherweise nicht nur zu Spannungen, sondern auch zu interessanten Dialogen über – im wahrsten Sinne des Wortes – Gott und die Welt. Marais hat zwar in der Vergangenheit immer wieder einen Blick in die Abgründe der Menschheit werfen können, aber der Abgrund, der sich ihm in den Frauenmorden auftut, übersteigt seine Vorstellungskraft.
Dass ein Autor zwei so gegensätzliche Protagnisten auf die Jagd nach einem Mörder schickt, ist – wenn man sich die Kriminalliteratur anschaut – nichts Ungewöhnliches. Wohltuend fällt in „Fest der Finsternis“ auf, dass die beiden Helden nicht miteinander versöhnt sind oder gar gute Freunde werden. Am Ende trennen sich ihre Wege wieder (schade!), aber zumindest bleibt bei beiden ein gewisser Respekt für die Schläue des einen (die Cleverness eines de Sade) und die Integrität des anderen (Marais). Mit de Sade und Marais werden in „Fest der Finsternis“ zwei (historische) Gestalten lebendig, die zu einer Zeit leben, als die moderne Wissenschaft geboren wurde, als die Aufklärung den Aberglauben bzw. Glauben des Katholizismus vertrieb – wobei jeweils eine der Figuren für eine der beiden Seiten steht, wenn sich auch Marais hin und wieder modernen Mitteln bedient.
Positv fällt auch die Gestaltung der weiblichen Figuren auf. Diese sind im Roman alles andere als „Damsels in Distress“. Im Gegenteil. Sie sind selbstbewusst, selbstständig, ambitioniert, lieben ihre Freiheit und verfolgen ihre ganz eigenen Interessen – völlig unabhängig von den männlichen Figuren. Sie müssen nicht gerettet werden, sondern sind einfallsreich und durchsetzungsfähig genug, um die Antagonisten (mit) zu Fall zu bringen. Dass die Auflösung der Morde von einer Frau berichtet wird, war noch einmal ein ganz besonderer Schachzug des Autors – ein ganz besonders schockierender!

Wo viel Licht ist, da gibt es natürlich auch Schatten – die Kritikpunkte an diesem Buch.
Zum einen wird immer wieder auf eine Vorgeschichte hingewiesen, auf Kriminalfälle, bei denen sich de Sade und Marais kennengelernt haben, Fälle, die dazu führten, dass Marais nach Brest verbannt wurde, die zum Bruch mit z. B. Beaume und Fouché geführt haben und noch Jahre später dafür verantwortlich sind, dass man ihm die vermeintlich irrtümliche Verurteilung einer jungen Frau vorwirft. Ich dachte lange, dass ich schlicht das falsche Buch aus der Reihe zuerst gelesen habe, musste aber erkennen, dass die Vorgeschichte nach (?) „Fest der Finsternis“ veröffentlicht wurde – leider nur als E-Book.
Der weitaus größere Kritikpunkt an „Fest der Finsternis“ ist das wirklich nachlässige Korrektorat. „Gewöhnliche“ Rechtschreibfehler gab es nur wenige. Aber schon lange habe ich kein Buch eines etablierten Verlages gelesen, das so viele Zeichensetzungsfehler enthielt wie dieser Roman; die Anzahl der fehlenden Kommas ist enorm (und auch die der falsch gesetzten). Auch die fehlerhafte Groß- bzw. Kleinschreibung der Personalpronomen in den Dialogen war von Zeit zu Zeit ausgesprochen ärgerlich. Ich hatte hin und wieder das Gefühl, dass der Autor sich teilweise nicht entscheiden konnte, ob er die höfliche Anrede „Sie“ wählen sollte oder „Ihr“ – oder vielleicht war auch das nur auf eine fehlerhafte Großschreibung zurückzuführen.
Weiterhin gibt es eine 6szene im Buch, die so dezent ist, dass ich noch einmal zurückblättern musste, als mir klar wurde, dass ich sie überlesen haben musste. Da der Autor auch keine Hemmungen hatte, die schrecklichen Szenen um die jungen ermordeten Mädchen zu schildern, fand ich dies ausgesprochen überraschend.
Und zum Ende des Buches hin (S. 610) stellt der Messdiener eines Gemeindepriesters den Korb mit dem Messwein auf einer Seite vor Schreck gleich zweimal ab. 😉

Mein Fazit: Trotz der letztgenannten Kritikpunkte ist „Fest der Finsternis“ ein exzellenter historischer Krimi, der mir persönlich Lust gemacht hat, in Zukunft noch mehr von diesem Autor zu lesen. Wenn er denn noch weitere historische Romane verfassen würde.

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Mary Calmes: All Kinds of Tied Down (Marshals #1)

Deputy US Marshal Miro Jones wird von seinen Kollegen dafür geschätzt, dass er auch in haarigen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt und sich immer an die Vorschriften hält. Deshalb hat man ihm einen Partner zugeteilt, der das genaue Gegenteil von ihm ist. Ian Doyle ist ein Ex-Special-Forces-Soldat und eher ein „Erst schießen, dann fragen“-Typ. Doch wider Erwarten sind aus den beiden so verschiedenen Männern in den vergangenen drei Jahren gute Freude geworden, die sich blind vertrauen. Miro weiß, dass Ian ihm trotz seiner unkonventionellen Vorgehensweise immer Rückendeckung geben wird. Doch mittlerweile wünscht er sich noch viel mehr von seinem Partner …

„All Kinds of Tied Down“ ist Band 1 der sogenannten Marshal-Reihe (die im Deutschen unter dem Namen „Verliebte Partner“ erhältlich ist), auf die ich als Fan der sog. „Cut & Run“-Serie von Madelaine Urban und Abigail Roux aufmerksam wurde. Auch hier geht es um zwei völlig verschiedene Männer, die (zunächst gegen ihren Willen) Partner werden und sich zusammenraufen müssen. Allerdings setzt „All Kinds of Tied Down“ bereits zu einem Zeitpunkt ein, in dem die beiden beste Freunde geworden sind und den anderen trotz oder gerade wegen seiner Unterschiedlichkeit schätzen.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Miro. Dieser ist in unterschiedlichen Pflegefamilien aufgewachsen, hat aber nach einigen kleineren Delikten die Kurve noch bekommen und nicht nur die Schule beendet, sondern auch ein Studium begonnen. Dort hat er seine vier besten Freunde oder vielmehr beste Freundinnen kennengelernt, die heute seine wahre Familie sind. Er ist homosexuell und hat – Stereotyp-Alarm – eine Schwäche für edle Klamotten. Für meinen Geschmack wird viel zu häufig erwähnt, dass sein Mantel X Dollar gekostet hat und von Marke XYZ stammt oder seine weichen und für den Job völlig ungeeigneten Stiefel von ZYX stammen und XY Dollar gekostet haben. Na ja. Schon von Beginn an gesteht uns Ich-Erzähler Miro, dass er in seinen Partner völlig verliebt ist – und durch die wirklich nicht allzu dezent eingestreuten Hinweise Zaunpfähle wissen wir ebenfalls, dass sein Partner Ian auch mehr als nur freundschaftliche Zuneigung für ihn empfindet.
Ian hat zwar eine feste Freundin, aber es ist für den Leser von vornherein offensichtlich, dass die beruflich erfolgreiche Emma und der Green Baret wenig gemein haben und nicht wirklich zusammenpassen. Abgesehen von der Tatsache, dass die beiden auch im Bett nicht harmonieren, hat Emma eher eine Schwäche für Anzugträger und edle Restaurants – im Gegensatz zu dem T-Shirt und Cargohosen tragenden Ian. Ganz abgesehen davon, dass Ian zwar beruflich alles im Griff hat, emotional aber ganz offensichtlich auf Miro angewiesen ist, gefühlt nirgendwo ohne seinen Partner hingeht und immer wieder das Bedürfnis verspürt, diesen zu berühren (Zaunpfahl!).
Daneben ist das Buch angefüllt mit witzigen Freunden, großartigen Kollegen, einem verständnisvollen, aber toughen schwulen Boss – die beiden netten Männer scheinen auch primär nur von netten Zeitgenossen umgeben zu sein.
Und einer statitisch unwahrscheinlichen Menge an homosexuellen Kollegen.

Ein großer Schwachpunkt der Geschichte ist die Tatsache, dass die Handlung an sich eher auf schwachen Füßen steht. Gefühlte 140 Seiten lang (ca. die Hälfte des Buches) besteht die Handlung aus Mini-Episoden à la „Dann sind wir mit einem Haftbefehlt zu XYZ gefahren und haben den örtlichen Behörden geholfen, ihn festzunehmen“. Vorher wird lediglich einmal ein Serienmörder Craig Hartley erwähnt, der sich einiger Zeit im Knast sitzt, aber offenbar einen Fan hat, der seine Morde nach dessen Vorlage durchführt. Hartley hat ein … deutliches Interesse an Miro und bringt diesen dazu, ihn regelmäßig im Gefängnis zu besuchen. Aber in diesem ersten Band läuft dieser Handlungsstrang noch ins Leere … Ein zweiter – der wichtige – Handlungsstrang berichte von Miros und Ians Fahrt nach Tennessee, wo sie einen Zeugen davor bewahren müssen, von einem Killerkommando ermordet zu werden. Drake Ford, so der Name des jugendlichen Zeugen, hat einen Mafia-Mord mitangesehen und soll nun aussagen und mit seinem Freund in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden. Was natürlich nicht ohne die obligatorische Verfolgungsjagd mitsamt Schießerein vonstatten geht. Aber abgesehen von diesem Handlungsstrang, der erst ab ca. 54 % des Buches langsam einsetzt, sind die bis dahin geschilderten Episoden reine Füller, eine Aneinanderreihung von unwesentlichen Details – oder um es mit anderen Worten zu sagen: Man hätte das Buch deutlich straffen können!

Ach ja, die obligatorischen 6zenen gibt es ebenfalls, angefangen von der üblichen „Waaas? Du liebst mich? Komm, lass dich an einem öffentlichen Ort hinter die Büsche ziehen, damit ich dir einen BJ geben kann“-Szene bis zu „Standardszenen“, in denen wir erfahren, dass es bei Ian und Emma im Bett deshalb so mies läuft, weil der Exsoldat nicht gern die Führung übernimmt, falls ihr versteht, was ich meine.

Mein Fazit: Auch wenn es nach diesen Ausführungen nicht so klingt: Die Beziehungsseite von „All Kinds of Tied Down“ ist sehr unterhaltsam und vor allem warmherzig. Ich  mag die witzigen Dialoge und die innige Freundschaft der beiden Männer, aber wenn ich ehrlich bin, ist vieles daran sehr stereotyp. Und die eigentliche Story viel zu langatmig.  

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Leta Blake: Will & Patrick’s Endless Honeymoon


Hirnchirurg Patrick McCloud hätte nie gedacht, dass er sich einmal verlieben und heiraten würde. Zwei Jahre nach ihrer Heirat in Las Vegas finden Will und Patrick nun endlich Zeit, in die Flitterwochen zu fahren. Patrick ist fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass alles perfekt ist. Will investiert Zeit und Geld, um anderen zu helfen, allen voran seiner ungewöhnlichen, chaotischen Familie. Da hat er es doch verdient, dass sich auch einmal jemand um ihn kümmert – und ihn vor all dem Drama in seiner Familie bewahrt. Doch natürlich ist das nicht so einfach …

„Will & Patrick’s Endless Honeymoon“ ist die Fortsetzung der „Will & Patrick Wake Up Married“-Reihe, die davon erzählt, wie sich die beiden Protagonisten nach einer durchzechten Nacht in Las Vegas als Ehepaar wiederfinden und dann beschließen, doch zusammenzubleiben. Es war schön, noch einmal zu den beiden zurückzukehren, allerdings hätte ich mir zum einen mehr Tiefgang und zum anderen eine charakterliche Weiterentwicklung von Will gewünscht. Wer keine Probleme mit so vielen 6szenen – vor allen Dingen detailliert beschriebenen – hat, aber nicht so viel Wert auf eine kurze Story legt, dem wird dieses Buch sicher gefallen, denn die Autorin steigt bereits mit einer solchen Szene ein. Und zwischendurch gibt es nur wenig echte Handlung. Auch hätte ich mir gewünscht, dass Will endlich ein wenig erwachsener und selbstbewusster wird. Ja, seine Familie liegt ihm sehr am Herzen, das ist ein wunderbarer Charakterzug. Aber dass sich ein erwachsener Mann derart von seiner Mutter und seinen Geschwistern führen lässt … Hinzu kam, dass er augenscheinlich in gewisser Weise immer noch an dem Exlover hängt, der in in die Alkoholsucht getrieben hat. Auf Dauer fand ich dies etwas nervtötend. Aber Gott sei Dank gibt es ja Patrick, der den Menschen in ihrer beiden Leben deutliche Grenzen setzt. Patrick ist mit seinen autistischen Zügen ein echt sympatischer Charakter. Das zwischenmenschliche Miteinander in Beruf und Privatleben bereitet diesem weiterhin Probleme – aber gerade das macht ihn zu einem liebenswerten Protagonisten. Und sorgt für die eine oder andere humorvolle Szene.

Positiv fällt auf, dass Wills Diabetes weiterhin thematisiert wird (ich hege die Vermutung, dass es jemand im Leben der Autorin gibt, der ebenfalls damit zu tun hat, das vermittelte Wissen geht nämlich über die bloße Erwähnung der Erkrankung hinaus), allerdings hätte ich mir gewünscht, dass Leta Blake ihr Augenmerk weniger auf das ständige Messen des Blutzuckerspiegels nach den zu detaillierten 6szenen richtet und mehr auf das Erzählen einer wirklich guten, gehaltvollen Geschichte.

Mein Fazit: Etwas Nettes für zwischendurch, aber keine wirklich gute Geschichte.

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Cameron Dane: Brokedown Hearts

Cameron DaneDavid Joyner hat wegen Stalkings einige Zeit im Gefängnis gesessen und kehrt nach der Haftentlassung in seine Heimatstadt zurück. Er findet einen Job in einem Tierasyl und versucht, ein unauffälliges Leben zu führen und niemandem zur Last zu fallen. Da fällt ihm eines Tages ein Mann auf, der im selben Motel wie er wohnt. Sofort fühlt er sich zu diesem hingezogen und fürchtet, dass er wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen wird.
Was er nicht weiß: Der Privatdetektiv Ben Evans wurde von dem Freund von Davids Opfer engagiert, den ehemaligen Häftling zu observieren. Ist er wieder in die Stadt zurückgekehrt, um die Beziehung der beiden zu zerstören? Doch schon als Ben David zum ersten Mal sieht, ist es um ihn geschehen. Er kann die sexuelle Anziehung, die er für den jungen Mann empfindet, einfach nicht unterdrücken …

„Brokendown hearts“ ist der 4. Band der „Forster Siblings“-Reihe der amerikanischen Schriftstellerin Cameron Dane. Schon die Vorgänger „A Forstered Love“ und „Something New“ schildern M/M- oder M/M/F-Beziehungen und zeichnen sich durch recht detailliert geschilderte Sexszenen aus („Snowfall“ – Band 3 – ist mir leider nicht bekannt); das ist hier nicht anders. Allerdings hat die Autorin etwas geschafft, das selten geschieht: Ich habe das Buch wütend zugeschlagen und werde es auch nicht beenden.

Dafür gab es zwei Gründe: Zum einen erzählt sie die Geschichte von zwei Männern, die sich in dem Augenblick, in dem sie sich – aus der Ferne! – zum ersten Mal sehen, sofort sexuell zueinander hingezogen fühlen. Die Autorin erwähnt wiederholt, dass beide kaum an sich halten können, wenn sie sich begegnen. Jedes Mal sind sie kurz davor, dem anderen die Klamotten vom Leib zu reißen und über ihn herzufallen. Sorry, aber dieses Menschen- bzw. Männerbild finde ich eher abstoßend. Hier wird m. E. der Eindruck erweckt, Menschen seien rein triebgesteuerte Wesen, die nur unter Aufbietung all ihrer Kräfte davon abgehalten werden, wie Tiere übereinander herzufallen.

Zweitens – und das war für mich der ausschlaggebende Grund – hat einer der beiden – David – in der Vergangenheit irgendetwas erlebt, das ihn noch heute belastet bzw. dafür verantwortlich ist, dass er Probleme damit hat, gesunde Beziehungen nicht nur zu Männern einzugehen. Was, hat sich mir leider nicht mehr erschlossen – ich vermute aber stark, es handelt sich dabei um Missbrauch. Auch hat sich seine Familie von ihm abgewandt, als sie erfahren hat, dass er homosexuell ist. Ben, der zweite Protagonist, hat ebenfalls zwischenmenschliche Probleme. Diese werden offenbar durch „abwegige“ sexuelle Bedürfnisse verursacht, zumindest hält er sie für abwegig. Als es dann zur ersten sexuellen Begegnung der beiden kommt – als Ben offenbar seine Triebe nicht mehr unter Kontrolle hat –, fällt  Ben regelrecht über David her. Dieser sagt wiederholt Nein und versucht, sich gegen Ben zur Wehr zu setzen. Doch sein Gegenüber hört einfach nicht auf; es fehlt eigentlich nur noch, dass er sagte: „Du willst es doch auch.“

David started to struggle, but Ben shook his head, denying him freedom. With a cry of denial David tried to roll away. […] A reserve of strength released a flood of adrenaline into David’s blood, dizzying in its concentration, and David battled to get free once more. As strong as an ox, though, Ben didn’t so much as waver on top of David. Ben pushed his jeans down to his thighs and slit his bare dick against David’s buttocks. With first contact, David cried out, redoubled his efforts, and acted like a bull trying to buck a strong rider from his back.

„I need it. I need you“, stößt Ben nur immer wieder hervor, damit David ihn gewähren lässt. Und schließlich leistet er auch nicht länger Widerstand; schließlich „braucht“ Ben es ja. Er empfindet nicht länger Ablehnung und Schmerz, sondern Lust und findet das, was gerade geschieht, gar nicht mehr so schlimm. Und eigentlich will David es ja auch: „I think I’m ready for this. God help me, I think I really want this.“ Ich glaub, es hackt!? Sorry, aber wenn ich diese Szene mit einem weiblichen und einem männlichen Akteur gelesen hätte, würde ich nicht eine Sekunde zögern, die Begegnung als Vergewaltigung zu bezeichnen, denn genau damit haben wir es hier zu tun – und deshalb werde ich diese Szenen, von denen es, so meine Vermutung, mehrere gibt, auch genau so nennen: Vergewaltigung. Und da ich davon ausgehe, dass auch im weiteren Verlauf der Geschichte die Grenze zwischen Schmerz und Lust eine eher schmale ist, und die Autorin ihren Lesern verkaufen wird, dass das okay ist, solange es die wahre Liebe ist, werde ich das Buch nicht beenden. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass Cameron Dane am Ende die Botschaft vermittelt, dass die beiden Seelenverwandte sind und einfach nicht ohne einander leben können – das ist die einzige „Entschuldigung“, die sie für Bens Verhalten vorbringt.

Mein Fazit: Ich kann dieses E-Book aus den genannten Gründen nicht empfehlen.

 

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Samantha Kane: The Courage to Love (Brothers in Arms 1)

Samantha KaneLondon, 1813: Seit ihr Ehemann vor drei Jahren auf der iberischen Halbinsel im Kampf gegen die französischen Truppen von Napoleon ums Leben kommen ist, schlägt Kate Collier sich als Mätresse reicher Männer durch. Doch als Lord Robertson, ihr letzter „Beschützer“, sie auf schreckliche Weise missbraucht, zieht sie sich aus der Gesellschaft zurück und kümmert sich nur noch um ihr Kleidergeschäft und ihre Nichte Veronica.
Da kehren Jason Randall und Anthony Richards – zwei Kameraden ihres verstorbenen Mannes – nach London zurück und haben nur noch ein Ziel vor Augen: die junge Frau zu erobern. Auch Kate liebt die beiden schon lange, doch spätestens nach ihrer schrecklichen Erfahrung mit Robertson wird Kate von der Gesellschaft geschnitten – und ist nicht länger willens, sich einem Mann anzuvertrauen, geschweige denn zwei Männern. Doch sie kann Jason und Tony einfach nicht widerstehen und beginnt, die Freundschaft mit den beiden, die sich schließlich zu einer Liebesbeziehung entwickelt, zu genießen.
Aber Robertson ist nicht bereit, sie kampflos den beiden ehemaligen Soldaten zu überlassen …

„The Courage to Love“ ist der erste Band der „Brothers in Arms“-Reihe der Amerikanerin Samantha Kane, die zu den bekanntesten Autorinnen erotischer (historischer) Liebesromane gehört, für die sie bereits eine ganze Reihe von Auszeichnungen erhalten hat. Die Autorin ist durchaus eine gute Erzählerin, die recht süffig und anschaulich schreibt. Allerdings sind die Regency-Aspekte ihrer literarischen Welt etwas unterrepräsentiert und die Sprache ist zu modern; wer mehr über die Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts wissen will (Wie hat man damals gelebt? Wie sah das Leben der unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten aus? Welche Gepflogenheiten gab es? Wie sah London in dieser Zeit aus? etc.) sollte zu einem anderen Autor greifen. Meines Erachtens könnten diese Romane auch zu fast jeder anderen Zeit und an anderen Orten spielen. Hinzu kommt auch, dass es zu wenige Rahmenbeschreibungen gibt, aber zu viele 6szenen – die zwar geschmackvoll beschrieben sind, aber einfach zu gehäuft auftreten und auf Kosten einer guten Geschichte gehen.

Was aber das Besondere dieser „Brothers in Arms“-Reihe ist: Ein Grundmotiv zieht sich – mit der einen oder anderen Variation – durch alle 13 Romane dieser Serie: Eine Gruppe von Männern hat auf der iberischen Halbinsel in der britischen Armee gemeinsam gegen Napoleon gekämpft und dort einen „besonderen Weg“ gefunden, um mit den Schrecken fertigzuwerden: Entweder haben zwei von ihnen eine Beziehung miteinander begonnen oder sie haben sich vor Ort eine Frau geteilt. Nach dem Krieg beschließen sie nun, diesen Lebensstil aufrechtzuerhalten und sich eine Ehefrau zu suchen, die ihnen nicht nur ein respektables Leben in der Gesellschaft und Nachkommen ermöglicht, sondern auch bereit ist, ihr Leben auf diese ungewöhnliche Weise zu teilen.

Wenn man „The Courage to Love“ mit einer gewissen Portion suspension of disbelieve liest, muss man sagen, dass es Samantha Kane recht gut gelingt, eine solche Beziehung bzw. eine solche ungewöhnliche Partnerschaft auf eine Weise zu beschreiben, die relativ glaubwürdig wirkt – zumindest hat man als Leserin wirklich das Gefühl, dass die Figuren nicht nur um der Liebesszenen willen miteinander agieren, sondern weil sie eine tiefe Zuneigung füreinander empfinden. Protagonisten dieser ersten Geschichte sind zum einen Lord Jason Randall und Anthony Richards. Die beiden kennen sich aus ihrer Zeit in der Armee und beginnen damals, eine spanische Prostituierte miteinander zu teilen, die im Tross der britischen Truppen lebt. Zum einen tun sie dies, um dem Gefühl der inneren Abgestumpftheit aufgrund der ständigen Kampferfahrungen bzw. der Erfahrungen mit dem Tod etwas entgegenzusetzen; zum anderen fühlen sich beide zueinander hingezogen (ohne sich dies aber selbst, geschweige denn dem anderen einzugestehen) und sehen in diesem Dreier die einzige Möglichkeit, einander doch nahezukommen. Aber sie teilen noch etwas miteinander: die Liebe zu Kate Collier, der Ehefrau ihres Kameraden Harry, die für sie zu diesem Zeitpunkt aber noch unantastbar ist. Als Harry umkommt und der Krieg einige Monate später zu Ende ist, sehen sie ihre Chance gekommen – doch als sie Kate in London aufsuchen, müssen sie feststellen, dass diese bereits die Mätresse eines reichen Mannes ist. Und an ihrem schlechten Timing ändert sich auch in den darauffolgenden Jahren nichts, wenn sie immer wieder einmal von ihren Reisen in die britische Hauptstadt zurückkehren und den Kontakt suchen wollen.

Was sie nicht wissen: Kate pflegt diesen Lebensstil nicht aus freiem Willen, sondern weil dies die einzige Möglichkeit ist, um sich und ihre Nichte Veronica durchzubringen (hier kommt aufseiten der beiden Männer m. E. eine gehörige Portion Naivität ins Spiel). Und bis zu ihrem dritten Beschützer kann sie damit auch recht gut leben – doch dieser (Robertson) nutzt die Situation aus und lässt zu, dass seine Freunde Kate an einem „geselligen“ Abend vergewaltigen. Seither lebt Kate sehr zurückgezogen und in ärmlichen Verhältnissen. Das Schöne an dieser Figur: Obwohl sie eine wirklich schreckliche Erfahrung gemacht hat und unter den Erinnerungen leidet, lässt sie sich davon nicht unterkriegen und versucht, ihr Leben wieder neu zu gestalten und sich eine eigene Zukunft unabhängig von einem Mann aufzubauen.

In dieser Situation machen ihr Jason und Tony ein ungewöhnliches Angebot: Kate, die die beiden Männer auch bereits seit Kriegszeiten liebt, soll Jason heiraten, der sich als Adliger gewissen gesellschaftlichen Verpflichtungen gegenübersieht und unbedingt eine Frau braucht. Und da er und Tony Kate beide lieben, wäre sie eine geeignete Kandidatin für eine Dreierbeziehung. Dies ist die Stelle, von der ich etwas weniger begeistert war: Obwohl Kate das Angebot zunächst ablehnt und die beiden Männer auch recht schnell erfahren, welches schreckliche Erlebnis Kate gezeichnet hat, drängen sie sie meines Erachtens viel zu stark zum ersten 6. Und das ist selbst angesichts der Zuneigung zwischen allen dreien imho unverantwortlich – es hat etwas von: Zwang ist in Ordnung, wenn man sich nur wirklich liebt. Und natürlich entdeckt Kate, dass ihr diese ungewöhnliche Art Beziehung mehr als nur zusagt – im Kontext der Geschichte ist das natürlich schön und bringt am Ende auch allen dreien Heilung, aber vom Konzept her kann ich es einfach nicht gutheißen.

Nichtsdestotrotz würde ich behaupten, dass es Samantha Kane gelingt, diese ungewöhnliche Beziehungskonstellation gut und ausgewogen zu beschreiben. Bei Dreierkonstellationen besteht ja die Gefahr, dass eine Figur nur das fünfte Rad am Wagen ist, dass sich eine von ihnen zurückgesetzt fühlt und (emotional) zu kurz kommt, aber ich habe den Eindruck, dass dies in diesem Roman nicht der Fall ist.

Ebenfalls ein großes Plus des Romans: Eine Reihe der Figuren, die in den weiteren Bänden der Serie eine tragende Rolle spielen werden, tritt in „The Courage to Love“ bereits am Rande auf und wecken definitiv mein Interesse an ihren jeweiligen Geschichten (z. B. Kates Nichte Veronica, die eine der drei Protagonisten von „Love’s Fortress“ ist).

Mein Fazit: Der Roman ist wirklich nur etwas für Fans von MMF-Literatur, Fans historischer Liebesromane finden die entsprechenden Szenen unter Umständen etwas zu grafisch. Dennoch ist der Roman unterhaltsam zu lesen (wenn man über Kanes Umgang mit Missbrauch hinwegsehen kann) und macht Lust, auch die Geschichten der Nebenfiguren zu lesen.

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C. S. Pacat: Die Rückkehr des Prinzen (Die Prinzen, Band 3)

Die PrinzenDamianos von Akielos ist zurück – seine wahre Identität ist allen bekannt. Nun muss er dem einen gegenübertreten, auf dessen Unterstützung er angewiesen ist. Und dem sein Herz gehört: Prinz Laurent, dem wahren König des Nachbarreiches Vere – und Bruder von Auguste, der vor einigen Jahren von Damianos in einer Schlacht getötet wurde.
Gleichzeitig haben im Süden, in Akielos, Damianos‘ Halbbruder Kastor und Laurents Onkel, der Regent von Vere, ihre Truppen gesammelt, um ihre jeweiligen Länder endgültig an sich zu reißen.
Wird es Damianos und Laurent gelingen, Streitigkeiten und Missverständnisse auszuräumen? Die Verschwörungen aufzudecken? Und sich ihren Widersachern erfolgreich zu stellen?

„Die Rückkehr des Prinzen“ ist Band 3 der Fantasy-Trilogie „Die Prinzen“ der Australierin C. S. Pacat. Und ich muss sagen: Das Warten auf das Erscheinen des Sammelbandes hat sich gelohnt.
Die Handlung setzt dort ein, wo „Das Duell der Prinzen“ geendet hat: Damianos‘ bester Freund Nikandros hat Laurent seine Unterstützung im Kampf gegen den Regenten angeboten – und als er in der veretischen Festung Ravenel eintrifft, erkennt er in Laurents rechter Hand Damen den wahren König von Akielos. Als diese Neuigkeit unter den Soldaten Veres verständlicherweise für große Unruhe sorgt, nehmen Damianos und Nikandros die Festung ein. Es gelingt, die beiden Truppen zu vereinen und – wie mit Laurent vereinbart, der ihnen vorausgezogen ist – nach Charcy zu ziehen, um dort gegen die Soldaten des Regenten zu kämpfen. Dort als Laurent und seine Männer nicht zur Schlacht gegen die Truppen des Regenten erscheinen, vermutet Nikandros, dass man dem Thronfolger nicht vertrauen kann – doch natürlich ist alles anders, als erwartet, und die beiden Prinzen führen ihre Männer schließlich doch Richtung Akielos, um Damianos‘ Thron zurückzuerobern und Rache an ihren Widersachern zu nehmen. Der Weg dorthin ist geplastert mit Hinterhalten, Verschwörungen, Täuschungen …

Stattdessen zeigt sich wieder und wieder, was die ungewöhnliche Beziehung der beiden Protagonisten ausmacht: Damianos ist etwas hitzköpfig, aber zutiefst loyal – Laurents Handeln ist von Hintergedanken geprägt, und selbst seine Hintergedanken haben Hintergedanken. Jedes Mal, wenn man meint, dass man ihn durchschaut hat, dass man die Handlung durchschaut hat, zeigt sich, dass alles doch ganz anders ist. Dennoch präsentiert uns Pacat diese Figur im Abschlussband der Trilogie etwas menschlicher, wärmer. Es stellt sich heraus, dass Laurent von Beginn an die wahre Identität seines Sklaven Damen kannte, was auch erklärt, warum er diesen einerseits verächtlich misshandelt (misshandeln lässt), warum er aber andererseits auch mehr als nur einmal dessen Ratschlägen Beachtung schenkt, da er sich bewusst ist, dass Damen – auch wenn er ein Gegner ist – doch ein erfahrender Anführer ist. Darüber hinaus stößt Laurent in diesem Buch auch so manches Mal an seine Grenzen, da sein Onkel sich ebenso gut auf Ränke versteht wie er selbst – aber das tut der Figur keinen Abbruch, da es Zeit wurde, dass es auch bei Laurent etwas mehr menschelt. Das Einzige, das man hinsichtlich der übrigen Figuren bemängeln könnte, ist, dass außer Laurent und Damianos alle anderen Akteure ausgesprochen blass bleiben, und das gilt – allen voran – auch für Kastor und den Regenten. Es kommt zwar zu einem actionreichen Showdown, aber der bleibt etwas hinter all den Erwartungen, die Pacat in den Vorgängerbänden im Leser geweckt hat (hinsichtlich Kastors Kampfeskraft oder der Verschlagenheit des Regenten), zurück.

Zwei Punkte haben mich bei dem Ganzen jedoch gestört: Der Showdown vollzieht sich etwas zu hastig, das Ende kommt zu plötzlich. Etwa 250 Seiten lang ziehen unsere Helden durch Südvere und Akielos, bereiten ihre Männer auf den Kampf vor, kommen einander (noch) näher – und dann überschlagen sich die Ereignisse und innerhalb von etwa 60 Seiten klärt sich (fast) alles im Thronraum ohne irgendwelche kriegerischen Auseinandersetzungen. Aber das Schlimmste: Nachdem man die letzte Zeile gelesen hat, schlägt man die Seite um und erwartet eine Art Epilog, ein paar Passagen, die dem Leser helfen, zu Atem zu kommen, den eigenen Herzschlag zu beruhigen, die etwas über das verraten, was nach dem Sturz der beiden (falschen) Könige und dem Aufstieg der Prinzen geschieht – aber nichts dergleichen. Ich dachte wirklich, dass in meinem Buch einige Seiten fehlen. An dieser Stelle scheint die Geschichte einfach etwas unausgewogen zu sein. Es hätte die Autorin wirklich nicht viel gekostet, ihrer Geschichte ein etwas „runderes“ Ende zu geben. Seither ist natürlich eine Kurzgeschichte mit dem Titel „The Summer Palace“ erschienen, die einiges davon erklärt, aber da diese Geschichte recht … gehaltlos ist, war ich doch etwas enttäuscht.
Dennoch muss man neidlos anerkennen, dass Pacat eine wirklich gute Erzählerin ist. Ihr gelingt es wirklich, die beiden Länder Vere und Akielos vor dem Auge des Lesers lebendig werden zu lassen – ob es nun um die Episoden in den Festungen oder adligen Schlössern geht oder simple Beschreibungen der (ländlichen) Reise der beiden Verschwörer.
Eine weitere Enttäuschung bot mir die deutsche Übersetzung des Buches. Teilweise liest sie sich, höflich gesprochen, etwas unrund und unschön. Zum Beispiel, als erwähnt wird, dass jemand den Verkehr regelt. Was sehr schwierig ist, da es in der Welt von Vere/Akielos überhaupt keine Autos gibt, und in dem betreffenden Kontext auch keine Kutschen/Wagen gemeint sind. Auch strotzt das Buch teilweise vor Rechtschreib- bzw. Zeichensetzungsfehlern. Hier wurde offenbar mit ganz heißer Nadel gestrickt. Oder man wollte nicht mehr Arbeitszeit in eine Serie investieren, die die (finanziellen) Erwartungen nicht erfüllt hat. Sorry, wenn ich so hart bin, aber da ich für dieses Buch Geld hingeblättert habe, bin ich darüber etwas unglüklich.

Mein Fazit: Trotz meiner Kritik eine unbedingte Leseempfehlung. Und da die von Pacat verwendete Sprache recht einfach ist, ist das Buch auch für alle geeignet, die in der englischen Sprache nicht perfekt zu Hause sind und die Geschichte im Original lesen möchten. Weiß zufällig jemand, was die Autorin als Nächstes zu schreiben plant?

 

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C. S. Pacat: Das Duell der Prinzen (Die Prinzen, Band 2)

Durch eine Intrige ist es Laurents Onkel gelungen, ihn um seine wichtigsten Provinzen zu bringen – und ihn an die südliche Grenze von Vere zu schicken, um einen Krieg gegen Akielos zu verhindern bzw. alles zu tun, damit die Grenzgebiete auf eine Auseinandersetzung vorbereitet sind. Da Damen ahnt, dass sich seine Lage im Schloss in Laurents Abwesenheit nur verschlimmern wird, bittet er darum, dass der Prinz ihn mitnimmt. Worin dieser nach einer Weile auch einwilligt. Damen erkennt rasch, dass der Regent Laurent nur unter einem Vorwand in den Süden schickt, in Wahrheit setzt er alles daran, seinen Neffen auf dem Weg dorthin endgültig aus dem Weg zu räumen – und die Schuld Akielos in die Schuhe zu schieben, um den nahenden Krieg zu fördern. Doch Damen wird auch klar, dass er Laurent unterschätzt hat, der Damens Rat und seine militärische Erfahrung zunehmend zu schätzen weiß und ebenfalls Verbündete um sich sammelt.
Auf diese Weise kommen die beiden Prinzen sich inmitten der Planungen und Intrigen und der kämpferischen Auseinandersetzungen zunehmend näher. Aus Misstrauen wird Respekt. Und schließlich mehr …

„Das Duell der Prinzen“ ist Band 2 der „Die Prinzen“-Trilogie der australischen Schriftstellerin C. S. Pacat. Die deutsche Ausgabe der Teile 1 und 2 erschienen – offenbar aufgrund des mangelnden Erfolgs von Band 1 – nur noch als E-Book. Aber Gott sei Dank entschied sich der Heyne Verlag schließlich dafür, die komplette Reihe im Frühjahr 2017 in einem Sammelband herauszubringen!
Während ich (und auch Damen) von einigen Passagen von „Der verschollene Prinzen“ gelinde gesagt etwas irritiert war (alle Szenen, in denen sich der … ungewöhnliche Umgang mit Sklaven zeigte und die oft mehr mit Missbrauch zu tun hatten), hat mich Band 2 überzeugt. Die Story ist wesentlich actionreicher und damit dynamischer als Band 1, in dem es überwiegend um die Gepflogenheiten und Intrigen am veretischen Hof ging – ausschließlich Sex und Politik war auf Dauer doch etwas zu wenig. In „Das Duell der Prinzen“ verlegt sich die Handlung von den höfischen Räumlichkeiten auf andere Landstriche Veres und es kommt wiederholt zu Überfällen und Schlachten und neue Völker bzw. Gruppen treten auf den Plan.
Die Geschichte setzt da an, wo Band 1 endete: Laurent zieht mit einem kleinen Trupp Männer – und mit Damen – in die südlichen Gebiete des Landes Vere. Es ist dort angeblich zu Angriffen akielischer Truppen gekommen und Laurent soll die ihm noch gebliebene Länderei Acquitart befestigen. Allerdings weiß Laurent, dass dieser Befehl seines Onkels eine Falle ist. Zum einen ist die dortige Festung heruntergekommen, zum anderen gibt ihm der Regent einige Männer mit, die unterwegs für Ärger sorgen und Laurents eigene Soldaten gegen diesen aufbringen sollen. Doch Gott sei dank hat Laurent Damen an seiner Seite und beschließt, diesem mehr Vertrauen zu schenken. Da Pacat sich hier als großartige Erzählerin entpuppt – endlich -, erwarten den Leser viele Intrigen, unerwartete Wendungen und eine so vielschichtige Handlung, dass man wirklich aufpassen muss, um den Anschluss nicht zu verlieren. Oft fühlt sich der Leser ähnlich planlos wie Damen, der Laurents Handeln das eine oder andere Mal nicht durchschauen kann und überrascht erkennt, dass dieser cleverer ist als angenommen und wieder einmal unerwartete Verbündete gewonnen hat.
Da Damen die militärische Ausbildung von Laurents Männern übernimmt und den Prinzen auch in militärischen Angelegenheiten berät, vertieft sich die Zuneigung der beiden mit jedem Kapitel. Und so wächst nicht nur Damens Respekt für Laurent und dessen Winkelzüge, auch der veretische Prinz ist zunehmend bereit, sich auf seinen akielischen Sklaven zu verlassen und diesem zu vertrauen. Unweigerlich nimmt auch die erotische Spannung zwischen den beiden Protagonisten zu und neben dem Respekt und dem Vertrauen wächst nun auch die Zuneigung zwischen den beiden Figuren. Diese graduelle Entwicklung wird von C. S. Pacat nachvollziehbar geschildert – zumindest haben wir es hier nicht mit einem der unzähligen Romane zu tun, in dem sich die Protagonisten (egal, ob männlich oder weiblich) treffen und gleich ineinander verliebt sind, und das, ohne sich wirklich zu kennen.

Mein Fazit: Band 2 der „Die Prinzen“-Trilogie ist deutlich facettenreicher als der Vorgänger und damit imho auch das bislang klar stärkere Buch der Reihe. Eine kleine Warnung: Das Buch endet mit einem fiesen Cliffhanger.