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Justin Cronin: Die Spiegelstadt (Passage-Trilogie #3)

cronin-die-spiegelstadtGut 20 Jahre sind seit dem Tag vergangen, an dem Amy den Zwölfen gegenübergetreten ist und sie gemeinsam mit ihren Freunden vernichtet hat. Die Schreckensherrschaft der Blutsauger und ihrer Abkömmlinge scheint vorbeizusein. Da seither auch keine Virals mehr gesehen wurden, haben sich die Überlebenden nach und nach aus ihrer eng ummauerten Zuflucht gewagt. Die Tore der Stadt stehen offen, die Menschen haben damit begonnen, das Land wieder zu bevölkern. Auf den Ruinen der einstigen Zivilisation wollen sie eine neue, eine bessere Gesellschaft aufbauen: der älteste Traum der Menschheit.
Doch was sie nicht wissen: In der fernen, verlassenen Stadt New York lauert der Eine: Zero. Der Vater der Zwölf, der ursprüngliche Träger des Virus. Einst ein hochbegabter Wissenschaftler namens Timothy Fanning, der, seit er seine große Liebe verlor, nur noch von Rachedurst und Wut erfüllt ist. Sein Ziel ist es, die Menschheit endgültig auszulöschen. Seine Truppen sind bereit. Und der Zeitpunkt ist gekommen.
Nur Amy vermag ihn jetzt noch aufzuhalten, das Mädchen aus dem Nirgendwo, die einzige Hoffnung der Menschheit. Denn was die Menschen ebenfalls nicht wissen: Amy hat den Kampf gegen die Zwölf überlebt und wird seither von einem ihrer Mitstreiter versteckt. Und versorgt. Gemeinsam mit Carter, dem letzten noch Lebenden der Zwölf, wartet sie darauf, dass Zero den ersten Zug macht …

„Die Spiegelstadt“ ist der Abschlussband der „Passage-Trilogie“ von Justin Cronin, ein fast 1.000 Seiten starkes Werk, das die gewaltige Geschichte über den Kampf der Menschheit gegen die Virals zum Abschluss bringt. Und jede Seite des Buches ist ein echter Genuss und das Warten hat sich definitiv gelohnt. Cronins Finale schwächelt im Gegensatz zu den Abschlussbänden vieler anderer Autoren nicht – er hat ein weiteres Mal eine facettenreiche, gut durchkonzipierte Geschichte verfasst, bei der es ein wahres Vergnügen ist, sie zu lesen verschlingen. Als ich abends im Bett lag und Cronins Beschreibungen der Virals und über das neuerliche Verschwinden der Menschen las, wusste ich wieder, warum man die Bücher der Serie nicht unbedingt vor dem Einschlafen lesen sollte. 😉 Cronin ist eben auch ein Könner des versteckten Horrors, der Andeutungen und Auslassungen …

Er fühlte, wie die Luft sich veränderte. Alles um ihn herum schien innezuhalten. Aber im nächsten Moment erregte etwas seine Aufmerksamkeit – ein Rascheln, hoch oben in einem Pecanbaum am Waldrand. Was sah er da? Vögel waren es nicht; die Bewegung war zu stark. Er stand auf. Ein zweiter Baum erschauerte, dann ein dritter.
Er erinnerte sich an eine Redensart aus der Vergangenheit. Wenn sie kommen, kommen sie von oben.                    Seite 534

Cronin wechselt bei der Erzählung seiner Geschichte, aber auch bei der Charakterisierung der Figuren geschickt zwischen den unterschiedlichen Akteuren und Perspektiven, zwischen erzählter Geschichte und Träumen.

Um den Leser in die Handlung des Buches einzuführen und Erzähltes aufzufrischen, leitet Cronin den Abschlussband mit einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse ein, und zwar in einigen bibelartig abgefassten Absätzen. Dies ist angesichts der Tatsache, dass wir etwa vier Jahre auf dieses Buch warten mussten, auch bitter nötig. „Die Spiegelstadt“ enthält zwar ein Personenverzeichnis im Anhang, die jeweiligen Erläuterungen sind jedoch so rudimentär, dass sie meist wenig hilfreich sind.

Als die eigentliche Handlung beginnt, schildert Cronin zunächst, was etwa acht Monate bzw. gut 20 Jahre nach den Ereignissen im Homeland aus den einzelnen Figuren wird, als sich auch ihre Kinder in der neuen Realität eingerichtet haben. Einige kommen gut zurecht. Peter Jaxon ist nun Präsident des Staates Texas und hat seinen Neffen Caleb an Sohnes Statt großgezogen; Sara Wilson arbeitet weiter als Ärztin und kümmert sich mit ihrem Mann Hollis um die eigene Tochter Kate sowie um die gehörlose Pim; Lore DeVeer arbeitet weiterhin als knallharte Ölhand, trauert aber Michael Fisher hinterher, der ihre Zuneigung nie auf die von ihr erhoffte Weise erwidert hat. Stattdessen gehört er zu jenen, die sich in dem neuen Leben noch nicht eingerichtet haben, weil sie ahnen, dass der Kampf im Homeland nicht das Ende war.
Michael nimmt im Roman viel Raum ein. Er ist ein Einzelgänger, der wochenlang auf seinem Boot über den Golf von Mexico und darüber hinaus segelt. Dabei stößt er schon bald auf den vor Freeport/Texas gestrandeten norwegischen Tanker Bergensfjord. Darauf findet er nicht nur die skeletierten Überreste der Besatzung, sondern auch Zeitungsartikel, die darüber berichten, wie das Virus vor knapp 100 Jahren trotz aller Quarantänemaßnahmen auch die anderen Kontinente heimgesucht – und ihre Bewohner vernichtet – hat. Michael erfährt aber auch, dass es irgendwo im Atlantik eine Insel geben muss, auf der man Zuflucht gesucht hat. Und da er das Gefühl hat, dass der Kampf gegen die Zwölf noch nicht beendet ist, beginnt er mithilfe einiger weniger, die Bergensfjord zu restaurieren und reparieren.
Wie er ist auch Lucius Greer einer derjenigen, die sich von der trügerischen Ruhe nicht täuschen lassen. Er hat nach dem Kampf im Homeland die bewusstlose Amy gerettet und bei Carter (dem einzig Unschuldigen und Überlebenden der Zwölf) in einen Tanker eingesperrt. Seither versorgt er sie und Carter mit Blut und hofft, dass Amy irgendwann ihren Blutdurst besiegen und gemeinsam mit Carter den Kampf gegen Zero aufnehmen kann.
Und schließlich ist da noch Alicia. Peter, der sie liebt, hat sie nach einem Kampf gegen Babcocks Viele, in dem sie tödlich verwundet wurde, mit einer abgewandelten Form des Virus infiziert, sodass sie zwar überlebt und über besondere Kräfte verfügt – aber auch Blut braucht, was sie zu einer Ausgestoßenen macht. In „Die Spiegelstadt“ erfährt sie nun, dass der Virenstamm, den sie in sich trägt, von Zero direkt stammt, sodass sie gewissermaßen ihm gehört. Fanning ruft sie nach New York – und nun bedient sich Cronin eines wirklich gelungenen Kniffs, um auf diese Weise Fanning nicht nur Alicia, sondern auch dem Leser in aller Ausführlichkeit seine Lebensgeschichte und die Beweggründe für sein jetziges Handeln erzählen zu lassen.
Kurz gesagt gibt Fanning seinem ehemals besten Studienfreund Jonas Lear, der Menschheit, dem Universum oder Gott im Besonderen die Schuld an seiner Situation: Fanning war in Liz, die spätere Frau seines Freundes Jonas, verliebt (und diese Zuneigung wurde auch erwidert). Da Liz unheilbar krank war, forschte Jonas wie besessen nach einem Heilmittel und zögerte auch nicht, unkonventionelle Wege einzuschlagen. Nach dem Tod von Liz, durch den sich Fanning um sein Glück gebracht sah, erschlug er in seiner Wut und Trauer eine junge Frau und sah nur einen Ausweg, um seiner Verhaftung zu entgehen: Er begleitete Jonas auf eine Expedition in den bolivianischen Dschungel, wo sich dieser auf die Spur eines Mysteriums begeben wollte: Eine Gruppe von Amerikanern, die an Krebs im Endstadium litten, hatte sich auf ihrer letzten Reise mit einem Virus infiziert – und nachdem die Infektion abgeklungen war, war auch ihr Krebs geheilt. Und obwohl Jonas bei seiner Frau versagt hatte, wollte er die Suche nach einem Heilmittel nicht aufgeben. Doch im Dschungel wurde das Team von Fledermäusen attackiert – einige starben, Fanning aber überlebte. Und veränderte sich. So endete er schließlich in einem geheimen Versuchslabor des US-Militärs, das mithilfe seines Blutes Supersoldaten züchten wollte. Was, wie wir dank der „Passage-Trilogie“ wissen, scheiterte und mit der fast völligen Vernichtung der Menschheit endete. Nun will der überlebende Fanning nur noch eines: Rache. Die Vernichtung der Zwölf und ihrer Virals im Homeland war im Grunde nur sein Weg, um die Wettbewerber auszuschalten. Und jetzt hat er die überlebenden Menschen zwanzig Jahre lang in Sicherheit gewiegt, hat seine eigenen Virals zurückgehalten – doch nun ist seine Zeit gekommen. Der große Showdown in New York hatte definitiv Filmqualitäten – ich konnte vor meinem inneren Auge schon einen Katastrophenfilm von Emmerich vor mich sehen – mit einstürzenden Hochhäusern, Wassermassen und wahnsinnigen Actionszenen. Könnte bitte jemand diese Reihe verfilmen?
Zu Fanning hatte ich als Leser eine etwas zwiespältige Haltung. Einerseits ist er ein großartiger Bösewicht. Er handelt im Verborgenen, scheint seinen Gegnern immer mindestens zwei Schritte voraus zu sein. Im Grunde ist sich niemand seiner Existenz bewusst, stattdessen hat er sich seiner Zwölf und ihrer Virals wie Marionetten bedient. Durch sie hat er die Menschheit fast völlig ausrotten lassen; sie haben für ihn die Drecksarbeit erledigt. Und als die Menschheit die Sicherheit der bewachten Städte verlässt, schlägt er zu. Andererseits musste ich mich einfach fragen, wie … blöd jemand sein muss, über 120 Jahren einem anderen Menschen nachzuweinen und die Schuld am Scheitern des eigenen Lebens anderen in die Schuhe zu schieben – und nicht zu erkennen, dass nicht etwa die Menschheit oder Gott oder das Universum die Schuld an den eigenen schlechten Entscheidungen trägt, sondern man selbst. Nun ja, wäre Fanning etwas vernünftiger, hätten wir jetzt nicht diese großartige Geschichte. 😉

Das Ganze endete dann mit einem Epilog, zu dem ich ebenfalls ein etwas zwiespältiges Verhältnis hatte: Zum einen bindet er den „Sack“ zu, rundet die Handlung ab. Der Leser erfährt, wie es mit den Überlebenden weitergeht und wie die neue Gesellschaft knapp 900 Jahre später aussieht. Zum anderen empfand ich den Epilog und seine Ausführungen aber als ein wenig zu ausführlich. Eine Rahmenhandlung, wie man sie bspw. aus „Der Report der Magd“ kennt und der dieser Epilog stark ähnelt, hätte ich u. U. besser gefunden. Aber ich klage hier sicher auf hohem Niveau.

Mein Fazit: „Die Spiegelstadt“ ist der fast perfekte Abschluss einer Trilogie, die für mich zu einer der besten Buchreihen gehört, die ich je gelesen habe. Eine wunderbare Mischung aus Horror und Dystopie. Da das Buch vieles erklärt, das die Ereignisse aus Band 1 in einem anderen Licht erscheinen lässt oder besser erläutert, hatte ich nach Beendigung des Buches richtig Lust, die Trilogie gleich noch einmal von vorn zu beginnen. Ein kleiner Tipp: An diesen Büchern muss man „dranbleiben“ – wenn man Abend für Abend höchstens mal ein oder zwei Kapitel liest, findet man erfahrungsgemäß nicht so gut in die Geschichte hinein und empfindet einige Passagen u. U. als etwas langatmig.

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Anne Rice: Die Mumie

rice-mumie„Seid gewarnt: Ich schlafe, wie Erde unter dem Nachthimmel oder dem Schnee des Winters schläft; werde ich geweckt, bin ich keines Menschen Diener.“

Nur wenige Stunden nachdem der Archäologe Lawrence Stratford diese mysteriöse Inschrift im Grab Ramses‘ II. entdeckt hat, wird er von seinem geldgierigen Neffen Henry ermordet. Was dieser nicht weiß: Der ägyptische Pharao hat vor Tausenden von Jahren vom Wasser des Lebens gekostet und ist seitdem dazu verdammt, auf Erden umherzuirren, gequält von einem unstillbaren Verlangen nach Essen, Wein und Frauen. Und jetzt ist er wieder erwacht und hat den Mord mitangesehen. Als der skrupellose Henry dann auch noch versucht, Lawrence Stratfords schöne Tochter Julie umzubringen, erwacht Ramses zu neuem Leben …

Anne Rice, die „Königin der Vampirromane“, beschäftigt sich in ihrem Roman aus dem Jahr 1989 (1992 auf Deutsch) einmal mit einem anderen klassischen Ungeheuer: der Mumie. Der Roman spielt kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, nur wenige Jahre vor der Zeit, in der Mumien nicht nur in die frühen Kinos, sondern alles Ägyptische im Westen auch in Einrichtung und Mode Einzug hielt. Und entsprechend hat der Erzählstil des Romans ein etwas altmodisches Feeling. Es gibt Action, einen schier übermenschlichen Protagonisten, schablonenhafte Gegenspieler, eine Damsel in Distress und natürlich (mindestens) eine Mumie. Allerdings ahnt man, dass Rice nicht allzu viele Nachforschungen angestellt hat, denn die wenigen Hintergrundinfos zu Historie und historischen Persönlichkeiten, die es gibt, gehören schon beinahe zur Allgemeinbildung. Das ist schade, denn Ramses II. war einer der bedeutendsten Pharaonen und Ägypten hat in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht nie wieder eine solche Hoch-Zeit erlebt wie unter seiner Herrschaft. Darüber hätte ich wirklich gern mehr erfahren …

Der Roman ist in zwei Teile geteilt: Teil 1 spielt (mit Ausnahme des Kapitels, in dem die Mumie im ägyptischen Sand entdeckt wird) in London/England, Teil 2 in Ägypten. Rice verzichtet auf lange Beschreibungen oder Erkärungen, sondern liefert eine gradlinige Story mit viel Action sowie einem Schuss (schwarzen) Humor und natürlich Horrorelementen. Aber da das Buch, wie gesagt, ein (hoffentlich absichtiges) altmodisches Feeling hat, sind Humor und Horror eher subtiler Natur.

Allerdings blieben für mich die Figuren seltsam fremd und distanziert. Protagonistin ist Julie, die Tochter des steinreichen Archäologen und Industriellen Lawrence Stratford. Im ersten Teil des Romans wirkt sie wie eine toughe junge Frau, die auf eigenen Beinen steht, zwar verlobt ist, aber eigentlich lieber ihren eigenen Weg gehen würde. Und die ihre neue Lebenssituation mutig anpackt, wenn sie auch den Tod ihres Vaters erstaunlich schnell überwindet – genauso schnell, wie sie den Gedanken akzeptiert, dass der gutaussehende Mann in ihrem Wohnzimmer noch vor wenigen Momenten eine jahretausendealte Mumie war und vor ihren Augen zum Leben erwacht ist. Allerdings wird sie ein wenig „Opfer“ ihrer eigenen Libido, da sie ihren Geschäftssinn, den sie ganz offensichtlich besitzt, sowie ihr Selbstbewusstsein über Bord wirft, als sie mit Ramses nach Ägypten reist. Zum einen übergibt sie die Verantwortung für das vom Vater geerbte Unternehmen an ihren charakterschwachen Onkel Randolph, obwohl sie weiß, dass er schon ihren Vater betrogen hat, um die Spielschulden seines noch charakterschwächeren ( 🙂 ) Sohnes Henry zu begleichen. Zum anderen, und das hat mich persönlich beinahe schon geärgert, entwickelt sie sich im zweiten Teil des Buches zu einer dauerheulenden hilflosen jungen Frau, die im Hotel darauf wartet, dass ihr Geliebter von seinen mysteriösen Streifzügen zurückkehrt, die übrigens in einer Katastrophe nach der anderen enden. Alle Brücken bricht sie hinter sich ab – ihr Leben dreht sich fortan nur noch um Ramses, und wenn er nicht Teil ihres Lebens ist, will auch sie nicht länger leben. Ich werde mich nie wieder über die Klischees in „Twilight“ beklagen … versprochen.
Julie verdanken wir übrigens auch den schrecklichsten kitschigsten schwülstigsten Ausspruch des Buches:

„Öffne das Tor“, flüsterte sie. „Das jungfräuliche Tor. Ich bin immer dein.“

Die restlichen Dialoge sind übrigens auch nicht wirklich tiefgehender. Als Leser verdreht man immer wieder einmal die Augen über kitschige, klischeehafte Wortwechsel. Angeblich war der Roman ursprünglich als Drehbuch für einen Mumien-Film geplant. Vor diesem Hintergrund ergeben vermutlich die oberflächlichen Dialoge und die zahllosen Perspektiv- und Ortswechsel einen Sinn.
Ramses, der unsterbliche Pharao selbst, ist eine sehr interessante Figur. Ursprünglich ein gewalttätiger, wenn auch sehr erfolgreicher Anführer, der der Unsterblichkeit hinterherjagt, erkennt er nach Erreichung seines Ziels, dass die Unsterblichkeit einen Preis hat. Und hier werden dann die Parallelen zu Rice‘ Vampirgestalten deutlich: Nach Einnahme des Elixiers wird Ramses nicht nur unsterblich, sondern auch wunderschön, übermenschlich stark, besitzt ein sehr schnelles Auffassungsvermögen (sehr praktisch, wenn man gezwungen ist, sich immer wieder an neue Kulturen und Sprachen zu gewöhnen) – und eine stark gesteigerte Libido. Während die Vampire Kinder der Nacht sind und das Sonnenlicht nicht ertragen, ist es bei Ramses genau umgekehrt: Er fällt bei lang anhaltender Dunkelheit in einen todesähnlichen Schlaf; Sonnenlicht hingegen schenkt ihm Leben. Und während Vampire für ihr Überleben Blut zu sich nehmen müssen, ist Ramses dazu verdammt, einen Hunger zu empfinden, den nichts zu stillen vermag – weder Nahrungsmittel noch Wein noch Frauen. Immer ist er hungrig – obwohl er nichts zu sich nehmen muss, um zu überleben. Unablässig trinkt Ramses Alkohol oder raucht Zigarren, um seine Sinne zufrieden zu stellen.
Doch das ist nicht die ganze Tragik. Wie Rice‘ Vampire versucht auch er, andere an seinem unsterblichen Segen teilhaben zu lassen. Zunächst in dem er Vieh und Getreide mit dem mysteriösen Elixier tränkt, um den Hunger der Bevölkerung auf immer zu stillen. Doch hier entpuppt sich der Segen schnell als Fluch, als die Menschen, die das Vieh essen, und gewöhnliches Vieh, das das Getreide zu sich nimmt, einen schrecklichen Tod sterben, weil die unsterbliche Natur sich auch in den Mägen wieder erneuert. Ramses kann das Elixier auch nicht verbrennen oder wegschütten, da es sich selbst als Asche oder stark verdünnt erneuert und den Fluch der Unsterblichkeit verbreitet.
Aber auch im Beziehungsbereich ist die Unsterblichkeit für Ramses zum Fluch geworden. Er streift zunächst jahrhundertelang allein durch die Welt und steht seinen Nachkommen lediglich von Zeit zu Zeit als Berater zur Seite. Irgendwann zieht er sich – müde geworden – in eine Gruft zurück, bis ihn Königin Kleopatra herausruft, weil sie seine Hilfe braucht. Ramses verliebt sich unsterblich (pun intended) in die wunderschöne und kluge junge Frau und steht ihr selbst dann noch bei, als sie sich erst in Julius Caesar und dann in Markus Antonius verliebt. Zu einem ersten Bruch kommt es, als die beiden Ramses darum bitten, für sie eine unsterbliche Armee zu erschaffen, was der Pharao jedoch ablehnt. Und zum endgültigen Bruch kommt es dann nach dem Tod Mark Antons, den Ramses entgegen Kleopatras Wunsch ebenfalls nicht unsterblich gemacht hat – sie selbst lehnt Ramses‘ Angebot ab und begeht Selbstmord.
Als Ramses nun nach Ägypten zurückkehrt, zeigt sich ein weiteres Mal der Fluch der Unsterblichkeit, als er die ehemalige Geliebte – deren Mumie er im Ägyptischen Museum gefunden hat – zum Leben erweckt. Und diese sich als  die Art von Mumie entpuppt, die wir aus Horrorfilmen kennen: zunächst noch sehr … unvollständig regeneriert, aber dann bis in alle Ewigkeit ein seelenloses Wesen, dem menschliches Leben nichts bedeutet. Doch verständlicherweise muss Ramses erst einmal mit seiner Vergangenheit abschließen, bevor er seine Zukunft mit Julie beginnen kann.

Ramses und Julie sind natürlich nicht die einzigen Figuren. Es gibt z. B. noch Alex Summerfield, Julies adligen … Verlobten, der sie unbedingt heiraten will bzw. muss, da der Familie das Geld ausgegangen ist. Doch er besitzt in etwa die charakterliche Tiefe einer Pfütze. Er ist höchstens „arm candy“ und besitzt vermutlich keine Charakterzüge außer der Treue eines kleinen Hündchens, denn er folgt Julie blind nach Ägypten, obwohl er ziemlich genau weiß, dass er bei ihr keine Schnitte (mehr) hat. Sorry. Sein Vater Elliott hingegen ist die interessanteste Figur des Buches – oder könnte es zumindest sein, wenn Rice ihm etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Er war in seiner Jugend der Liebhaber von Julies Vater und ist ein wissbegieriger Mensch, der sofort ahnt, dass es sich bei dem unerwartet in London aufgetauchten Ramsey in Wahrheit um Ramses den Großen handelt. Immer wieder führt er in den nächsten Wochen Gespräche mit dem Unsterblichen, die deutlich mehr (philosophische) Tiefe bekommen hätten, wenn Rice, wie gesagt, etwas mehr Interesse an dieser Figur oder überhaupt dem philosophischen Unterbau gezeigt hätte. Und dann gibt es noch Samir – und wenn wir schon bei Parallelen zur Vampirmythologie waren: Er ist der Renfield von Ramses‘ Dracula.

Meine Lieblingsszene ist definitiv die (sorry, Spoiler), in der ägyptische Geschäftemacher die Leiche des ermordeten Henry in eine Mumie verwandeln und diese dann Elliott zum Kauf anbieten, Julies Schwiegervater in spe und Henrys ehemaligem Geliebten. Übrigens ist Sexualität auch in diesem Roman eher fließend und nicht auf verschiedengeschlechtliche Paare beschränkt. Wie in den Vampirromanen gibt es auch hier eine Reihe von gleichgeschlechtlichen Paaren: Elliott und Lawrence sind beide bisexuell (sie waren in ihren Zwanzigern Liebende, haben aber beide geheiratet und Kinder bekommen). Und auch Henry genießt die Gesellschaft von Frauen und Männern – wobei jedoch aus dem Roman nicht ganz klar hervorgeht, ob er vor Jahren nur deshalb eine kurze Affäre mit Elliott hatte, um diesen erpressen zu können.

Mein Fazit: „Die Mumie“ gehört zu den Romanen, die ich schon unzählige Male gelesen habe. Aber ich muss feststellen, dass er mir mit jedem Mal weniger gefällt. Ich würde dies wahrscheinlich auf die Darstellung der Protagonistin zurückführen, die im Laufe des Romans eine so … unangenehme Entwicklung durchmacht. Als ich den Roman mit Anfang zwanzig zum ersten Mal gelesen habe, fiel mir dies offenbar nicht so negativ auf.

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Susan Ee: Angelfall – Nacht ohne Morgen

susan ee angelfall nacht ohne morgenVor sechs Wochen sind die Engel auf die Erde gekommen. Doch sie haben nicht Frieden und Freude, sondern Elend und Zerstörung mit sich gebracht: Weltweit liegen die Städte in Trümmern und die Menschen trauen sich vor Angst kaum noch auf die Straße.
Auch die siebzehnjährige Penryn kämpft mit ihrer schizophrenen Mutter und ihrer im Rollstuhl sitzenden Schwester Paige ums Überleben. Als sie eines Nachts unterwegs sind, werden die drei Zeugen, wie ein Engel mit weißen Flügeln von einer Gruppe anderer Engel angegriffen wird. Nachdem diese seine Flügel abgeschnitten haben und ihm den Todesstoß versetzen wollen, greift Penryn wider besseres Wissen ein. Es gelingt ihr zwar, den schwer verletzten Engel zu retten, doch ihre Mutter ist verschwunden – und ihre Schwester wurde von einem der Angreifer entführt.
Penryn macht sich auf den Weg zum Horst, dem Hauptquartier der Engel, in San Francisco, um ihre Schwester zu befreien. Doch dafür braucht sie Hilfe – und die kommt ausgerechnet von Raffe, dem flügellosen Engel. Dieser ist bereit, sich mit einem der verhassten Menschenkinder zu verbünden, um sich vielleicht doch noch mithilfe seiner himmlischen Brüder die abgeschnittenen Flügel wieder annähen zu lassen …

„Angelfall – Nacht ohne Morgen“ ist Teil 1 von Susan Ees „Angelfall“-Trilogie und ein wahrer Pageturner, den ich innerhalb eines Tages verschlungen hatte. Die Autorin wirft uns direkt in die Geschichte hinein. Die Welt von „Angelfall“ ist postapokalyptisch zerbrochen und voller entsetzlicher Schrecken – nur die Stärksten können am Leben bleiben. Die Engel sind aus dem Himmel und der Hölle auf die Erde gekommen – und sie sind alles andere als barmherzige Boten Gottes oder knuddlige Amore. Sie sind erbarmungslose Krieger, die alles vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt – was sieh hier wollen, erfährt man übrigens nicht -, und nach dem Tod ihres Anführers in politische Grabenkämpfe verwickelt sind. Actionreich führt uns Ee durch die düstere Handlung, in die aber durch Penryns Opferbereitschaft immer wieder Licht hineinfällt und Hoffnung. Bis, ja bis die Geschichte am Ende nach vielen Überraschungen, actionreichen Begegnungen und unerwarteten Wendungen und Verrate noch einen erschütternden Bruch zum Horror nimmt, als Penryn im Horst eine fürchterliche Entdeckung macht: Wesen, die noch tödlicher sind als die Engel.

Erzählerisch wirft uns Ee ins kalte Wasser: Wir erfahren sofort, was in den vergangenen Wochen geschehen ist – Naturgewalten, Angriffe, Zerstörung, Tod und Leid … Und wir lernen auf diese Weise beinahe nebenbei auch gleich die ersten drei Figuren kennen: die Mutter, die unter paranoider Schizophrenie leidet und einen Bibel-Knacks hat, die eine ganz eigene Sicht der Realität besitzt und überall Dämonen sieht, immer wieder verschwindet und offenbar für die „Behinderung“ ihrer jüngsten Tochter verantwortlich ist. Diese, die siebenjährige Paige, sitzt nach einem … Unfall mit zwei Jahren im Rollstuhl, ist aber ein sehr lieber Mensch mit einem großen Herzen.
Und schließlich die furchtlose, toughe Penryn (aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird), die alles tut, um auch den letzten Rest ihrer Familie am Leben zu halten. Bis sie den Fehler begeht, einem Engel, den seine himmlischen Brüder gerade töten wollen, helfend zur Seite zu stehen.
Raffe ist zwar ein erfahrener Krieger (und wer erkennt hier nicht sofort, dass er es mit einem bekannten Erzengel zu tun hat …) und aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit auch eine Ausgeburt an Arroganz. Doch Penryns Entschlossenheit und Kampfbereitschaft sowie ihre Loyalität nicht nur zu ihrer Familie, sondern auch zu ihm, einem Feind, lässt ihn nicht kalt. Die Ich-Erzählerin erklärt zwar immer wieder, wie sehr sie Engel hasst, aber jeder Leser weiß spätestens nach der zweiten oder dritten Erwähnung seiner überirdischen Schönheit, seines muskulösen Körpers oder seiner dunkelblauen Augen, dass ihn hier (auch) eine Liebesgeschichte erwartet. Aber da ich eine rettungslose Romantikerin mit einer Schwäche für HEA-Geschichten bin und Susan Ee mir diese Love Story in diesem Einsteigerband sehr dezent und überaus unkitschig liefert (endlich schlägt die Liebe mal nicht wieder der Blitz ein), während sie ihr primäres Augenmerk auf dem Horror dieser Welt voller Engel richtet, sehe ich ihr das gerne nach.

Mein Fazit: Hier stimmt alles: das Tempo, in dem die Geschichte erzählt wird. Die vielschichtigen Charaktere. Die Mischung aus Dystopie, Fantasy, Horror, Liebesgeschichte. Die Luft blieb mir in vielen Szenen schlicht weg – ein sehr gelungenes Debüt! Und überhaupt: Es müsste verboten werden, dass Verlage sechs oder zwölf Monate mit der Veröffentlichung einer Fortsetzung warten! Das fällt wirklich schon in die Rubrik Folter!

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Jane Austen und Seth Grahame-Smith: Stolz und Vorurteil und Zombies

grahame-austen-dt„Es ist eine allseits anerkannte Wahrheit, dass es einen Untoten, der im Besitz von Gehirn ist, nur nach einem verlangt: mehr Gehirn.“ Mit diesen Worten beginnt die erweiterte Ausgabe des bekannten und beliebten Klassikers von Jane Austen – die nun neben scharfzüngigen Dialogen, einer humorvollen Beschreibung der zeitlosen Jagd nach einem Ehemann auch noch viel Zombie-Action enthält.

Als sich dem Leser die Tür in das Britannien am Beginn des 19. Jahrhunderts öffnet, wurde die Insel fünf Jahrzehnte zuvor von einer mysteriösen Plage befallen: Die Toten kehren ins Leben zurück. Hungrig. Sehr hungrig. Aber Elizabeth Bennet (und ihre Schwestern) ist nicht nur eine selbstbewusste junge Frau, die genau weiß, was sie will, sondern auch eine begnadete Kämpferin, deren Berufung es ist, gegen die Zombie-Bedrohung anzukämpfen. Daher führt die Ankunft des arroganten (und in Zombie-Angelegenheiten ebenfalls sehr bewandten) Mr Darcy nicht nur zu bissigen Dialogen zwischen den beiden zukünftigen Liebenden, sondern auch zu einigen Blutbädern im beschaulichen Meryton und an anderen Orten, an die die beiden ihr Weg führt. Und so stellt sich nun nicht mehr nur die Frage, ob es den beiden gelingen wird, die gesellschaftlichen Hindernisse aus dem Weg zu räumen, sondern auch ob es ihnen gelingt, die Brut Satans zurückzudrängen.

Man braucht schon einen ausgesprochen großen Sinn für Humor, um „Stolz und Vorurteil und Zombies“ zu lesen und Gefallen daran zu finden. Die „Überarbeitung“ des britischen Klassikers (der zu meinen absoluten Lieblingsromanen zählt) durch den Amerikaner Seth Grahame-Smith verlangt einem Fan von Jane Austen eine Menge ab und lässt ihn schwanken zwischen „Blasphemie!“-Rufen einerseits und lautem Gelächter oder angewidertem Gesichtsausdruck angesichts detaillierter Zombie-Aktivitäten andererseits.

Der Autor hat zahllose Dialoge und Handlungsstränge unverändert übernommen, andere aber leicht oder stärker überarbeitet – und dann noch einen ganzen Zombie-Handlungsstrang neu hinzugefügt. So brennt z. B. Lydia weiterhin mit Wickham durch und wird „zwangsverheiratet“. Allerdings schlägt Mr Darcy Wickham als Strafe für dessen Untaten so schwer zusammen, dass dieser bis ans Ende seines Lebens auf die Unterstützung seiner jungen Frau angewiesen sein wird – und beschließt, Priester zu werden.

Ein Teil dieser Änderungen bzw. Anpassungen ergeben durchaus Sinn und fügen sich harmonisch in die Austensche Denke ein. Zum Beispiel die Heirat von Mr Collins und Charlotte Lucas: Beibehalten wurde, dass es sich hier um eine Vernunftehe handelt, die bei Austen meist nicht unter einem guten Stern stehen – und so wird bei Grahame-Smith Charlotte auch vor einer langen, wenig glücklichen Verbindung bewahrt, indem sie infiziert wird und selbst zu einer Unsäglichen zu werden droht.Oder Darcys misslungener erster Heiratsantrag: Im Kontext des Mashup-Romans ergibt es durchaus Sinn, dass Elizabeth ihre Wut nicht hinter einigen mühsam gezügelten Entgegnungen verbirgt, sondern dass ihr Zorn sich Bahn bricht und es sogar zu einer körperlichen Auseinandersetzungen kommt. Köstlich!
Über andere Änderungen war ich weniger glücklich. Vor allem der unablässige „Blutdurst“ von Elizabeth, die beinahe in jeder Situation das Bedürfnis verspürt, ihrem Gegenüber den Kopf abzuschlagen – meiner Auffassung nach steht dies nicht wirklich im Einklang mit der Austenschen Figur.

Positiv fällt definitiv die Kreativität des Autors ins Auge, seine Freude an absurden, wahnsinnig komischen Storys und ekligen Massakern. Andererseits muss man jedoch feststellen (wenn man das Ganze denn ernst nähme), dass der Charme des ursprünglichen Buches verloren geht. Die neuen Handlungsstränge haben rein sprachlich nicht ganz die Qualität des Originals, aber Autor und Übersetzer haben sich definitiv darum bemüht, den Austenschen Sprachduktus beizubehalten. Die „erweiterte Bearbeitung“ des Klassikers ist nicht wirklich für Leser geeignet, die das Originalwerk lieben; selbst die, die modernen Adaptionen auch einmal eine Chance geben, werden sie wohl bald zur Seite legen. Geeignet ist die Überarbeitung aber für „verrückte“ Zeitgenossen – oder experimentierfreudige Lehrer, die nach neuen Wegen suchen, wie sie ihren gelangweilten Schülern Klassiker nahebringen können.

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Stephen King: The Stand – Das letzte Gefecht

king-standKalifornien, Juni 1990: Als in einer militärischen Basis ein tödliches grippeartiges Virus freigesetzt wird und die elektronischen Sicherheitsmaßnahmen nur verzögert greifen, gelingt einem der Wachleute die Flucht aus dem Stützpunkt. Gemeinsam mit Frau und Kind tritt er die Flucht durch Nevada an. Doch das Virus erwischt jeden, der mit ihm in Kontakt kommt, und so infiziert der Soldat auf seinem Weg in den Osten immer mehr Menschen. Innerhalb weniger Tage ist die gesamte amerikanische Bevölkerung mit „Captain Trips“ infiziert und die Todesrate liegt bei nahezu 100 Prozent.
Doch es gibt auch Menschen, die gegen dieses Grippevirus immun sind. Noch während sie versuchen, mit der neuen Situation zurechtzukommen, werden sie von Träumen heimgesucht. Träumen, in denen ein mysteriöser dunkler Mann auftritt – der teuflische Randall Flagg – und eine uralte Farbige mit göttlichen Visionen, Mutter Abagail.
Einige der Überlebenden begeben sich auf den Weg nach Westen, nach Las Vegas, wo sie unter der Führung von Randall Flagg, der übernatürliche Fähigkeiten besitzt, eine neue Gesellschaft gründen. Die übrigen machen sich auf nach Nebraska, um die alte Frau zu suchen, die die ersten Ankommenden wie ein moderner Mose nach Boulder, Colorado, führt, wo sie eine neue Zivilisation aufbauen wollen.
Doch auch in Boulder gibt es Menschen, die sich zum dunklen Mann hingezogen fühlen und für seine „Einflüsterungen“ offen sind …

„The Stand – Das letzte Gefecht“ stammt ursprünglich aus dem Jahr 1978. Allerdings war der Verlag damals der Auffassung, dass man den Lesern kein Buch zumuten könnte, das mehr als 12,95 Dollar kosten würde, denn ein Buch von (im Original) über 1 200 Seiten müssten rein kalkulatorisch teurer sein. Daraufhin wurde die Geschichte von Stephen King um 400 Seiten gekürzt. Doch 1990 hatte sich die Buchwelt ein Stückchen weiter gedreht, und man beschloss, die lange Version der Geschichte zu veröffentlichen, in die nun die meisten Kürzungen in der einen oder anderen Weise wieder eingeflossen sind. Die deutsche Taschenbuchausgabe, die im März 2016 in einer Neuausgabe im Heyne Verlag erschien, hat nun schlappe 1 712 Seiten!
Man müsste wohl eine epische Rezension verfassen, um diesem epischen Werk gerecht zu werden, aber ich will mich im Folgenden auf einige wenige Aspekte beschränken.

1. Ich liebe Kings Art, die Ausbreitung des Virus lakonisch und irgendwie distanziert zu beschreiben – aber so, dass man im Grunde beim Lesen schon beinahe lächeln muss:

In der Wüste Kaliforniens hatte jemand, unterstützt vom Geld der Steuerzahler, endlich einen Kettenbrief erfunden, der wirklich funktionierte. Einen ausgesprochen tödlichen Kettenbrief.
Am 19. Juni
[…] machte Harry Trent im östlichen Texas in einem Imbiss namens Babe’s Kwik-Eat Rast, weil er schnell etwas essen wollte. Er bestellte ein Cheeseburger-Menü und als Nachtisch ein Stück von Babes köstlicher Erdbeertorte. Er hatte eine leichte Erkältung, vielleicht eine Allergie, und musste ständig niesen und spucken. Beim Essen steckte er Babe an, den Tellerwäscher, zwei Trucker in der Ecke, den Brotlieferanten, den Mann, der die Schallplatten in der Musicbox auswechseln wollte. Dem süßen Ding, das an seinem Tisch bediente, gab er einen Dollar Trinkgeld, an dem der Tod klebte.
Als er ging, fuhr ein Kombi vor. […] Harry beschrieb dem Mann sehr genau, wie er zum Highway 21 kam. Er stellte gleichzeitig ihm und seiner ganzen Familie die Totenscheine aus, ohne es zu wissen.
(Stephen King: The Stand. Heyne Verlag, München, 2015, S. 125-126)

2. King gelingt es sehr gut, ein riesiges Universum an Figuren glaubwürdig zusammenzuhalten. Er verwebt unzählige Geschichten und Schicksale handelnder Figuren auf meisterhafte Weise. Bei vielen Autoren, die ebenfalls aus einem großen Figurenreichtum schöpfen, wünsche ich mir oft, ein Personenverzeichnis zu haben, um gewisse Dinge nachschlagen zu können. Das ist bei „The Stand“ nicht nötig; hier brennt sich dem Leser jede zentrale Figur so gut ins Gedächtnis ein, dass sie rasch zu alten Bekannten werden, deren Werdegang man immer im Hinterkopf hat. Nie müsste man nachschlagen, wieso sich eine Figur für die dunkle Seite entschieden hat oder warum ein bestimmter Protagonist sich so entwickelt, wie er dies tut.
Auch sind Kings Charaktere keine perfekten Helden, die mit stolzgeschwellter Brust selbstbewusst in die Schlacht ziehen. King schenkt uns reale Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Hoffnungen und Zweifeln, ihren Erfolgen und ihrem Scheitern. Menschen, die versagen und erkennen müssen, dass sie dem falschen Weg gefolgt sind. Menschen, die Dunkelheit oder Licht folgen, aber immer wieder vor der Entscheidung stehen, diese Wahl zu revidieren und doch noch auf die gute respektive böse Seite zu wechseln.

3. Vielfach fühlte ich mich an „The Walking Dead“ erinnert – weniger hinsichtlich der Zombies, sondern vielmehr darum, dass King sich auf die Spur derselben Fragestellung begibt wie viele Jahre später die TWD-Erfinder: Was macht es mit einem Menschen, wenn das, was ihm Halt gibt, plötzlich wegbricht? Wenn die Gesellschaft, in der man seinen Platz hat (auch wenn man mit diesem Platz vielleicht unzufrieden war), von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist? Wird man daran zerbrechen, wie einige Figuren in „The Stand“, oder wird man Stärken und Kräfte entdecken, von denen man vorher keine Ahnung hatte? Werden Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zugunsten von Selbstsucht und dem „Survival of the Fittest“ einen schnellen Tod sterben oder ist die Menschheit doch inhärent gut? (Die Antwort lautet natürlich Nein.) Mit welchen Mechanismen bekommt man es beim Aufbau einer neuen Gesellschaft zu tun – mit welchen Schwierigkeiten ist man konfrontiert? Sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, dazu lädt „The Stand“ sicherlich ebenfalls ein.

4. Und wie es bei einem Roman, in dem es um den alten Kampf Gut gegen Böse, Gott gegen Satan geht, gar nicht anders sein kann, beschäftigt sich King auch mit religiösen Fragen. Allerdings nicht mit den unsympathischen engstirnigen Fanatikern, die Ungläubige in der Hölle schmoren sehen, oder Sonntagschristen, die lediglich  an christlichen Symbolen hängen, sondern ganz zentral mit einer zutiefst gläubigen Frau wie Abagail Freemantle, die keine Symbole braucht, sondern ganz „natürlich“ ihren Alltag mit Gott lebt – und wie ein moderne Mose das auserwählte Volk Israel ins Gelobte Land führt. Und dabei nicht fehlerlos ist. Das „Witzige“ bei dieser Beschäftigung mit Religion ist, dass die übrigen Protagonisten des Romans fast ausnahmslos Atheisten oder Agnostiker sind, in deren Leben der Glaube überhaupt keinen Platz hat. Und die „Werkzeuge“, durch die Gott dann sein Werk tut, sind ausnahmslos alte, zurückgebliebene oder kranke Menschen – und das ist im Rahmen des Romans noch nicht einmal als Kritik zu verstehen. Nach dem Motto: Nur die Alten, die Kranken oder Zurückgebliebenen glauben an etwas so Dämliches wie an einen Gott. Nein, die anderen sind schlicht nicht in der Lage, auch nur in Betracht zu ziehen, dass es um mehr gehen könnte als ein simples fehlgeschlagenes militärisches Experiment.

5. Und schlussendlich wird ein Hardcore-King-Fan sicher einige Aspekte und Personen erkennen, die in späteren Werken des Autors noch eine Rolle spielen werden – wo schon Figuren angedeutet werden, die man aus anderen King-Werken kennt. Randall Flagg ist bspw. die Nemesis der Hauptfigur aus „Der dunkle Turm“. Die Supergrippe „Captain Trips“ wird z. B. auch in der Kurzgeschichte „Nächtliche Brandung“ erwähnt.

Mein Fazit: Ein großartiges, zeitloses Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte! Für das man aber aufgrund seines Umfanges viel Zeit und einen langen Atem braucht.

(via Youtube*)

* Der wahrscheinlich schlechteste Trailer der Welt

Veröffentlicht in Belletristik

Preston/Child: Relic

preston child relicIm New Yorker „Museum of Natural History“ findet man zwei Kinderleichen und wenig später auch die eines Wächters. Alle Toten sind schrecklich grausam zugerichtet – unter anderem wurde ihnen der Kopf entfernt und offenbar ein Teil des Gehirns … Da man kurz vor der Eröffnung einer Ausstellung zum Thema „Aberglaube“ steht und auch auf die Publicity (und die Eintrittsgelder) angewiesen ist, will die Museumsleitung nicht viel Aufhebens um die Toten machen. Doch dann werden weitere verstümmelte Leichen entdeckt, die immer von einem seltsamen Gestank begleitet werden.
Der New Yorker Polizist Lieutenant Vincent d’Agosta wird auf den Fall angesetzt, unterstützt wird er von Aloysius Pendergast, einem angereisten Special Agent des FBI, der in New Orleans ein „Totenschiff“ mit ähnlich grausam zugerichteten Leichen untersucht hat. Obwohl die Museumsleitung den beiden die Nachforschungen alles andere als leicht machen, kann sie dennoch nicht verhindern, dass sich auch andere für den Fall interessieren: Der Journalist Smithback soll eigentlich ein Buch über das Museum verfassen, beginnt aber, ohne offizielle Erlaubnis seine Untersuchungen fortzusetzen. Und auch die Evolutionsbiologie-Doktorandin Margo Green wird neugierig, als sie in der noch geschlossenen Ausstellung in der Nähe einer Figur namens Mbwun ein seltsames Wesen bemerkt.
Diese Figur stammt aus einer Kiste, die der Anthropologe Whittlesey vor einigen Jahren von einer Amazonas-Expedition nach New York schicken ließ, die das geheimnisvolle Volk der Kothoga erforschte. Whittlesey selbst und sein Team sind tot – entweder im Urwald verschollen oder bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Aus seinen Kisten schenkte man nur zwei Dingen Aufmerksamkeit: seinem Tagebuch und der Mbwun-Figur, die jetzt Teil der Ausstellung ist. Der Rest lagert in der sogenannten Sicherheitszone im Keller des Museums.
Als Margo und ihr Doktorvater Frock zu der Erkenntnis gelangen, dass man es nicht mit einem wahnsinnigen Serienmörder zu tun hat, sondern mit einer unbekannten Kreatur, versuchen sie gemeinsam mit D’Agosta und Pentergast, die Eröffnung der Ausstellung zu stoppen. Vergebens. wonach es in der Evolution immer wieder mal zu Mutationen kommt und eine Spezies alle Exemplare einer besonders dominanten Art vernichtet. Diesmal sollen die Menschen der unbekannten Kreatur zum Opfer fallen. Es stellt sich heraus, dass das Monster im verlassenen Keller des Museums haust. Es frisst offensichtlich den Hypothalamus seiner Opfer. Diese Erkenntnisse helfen der Polizei jedoch zunächst nicht weiter und der Ausstellung droht wegen der akuten Lebensgefahr die Absage. PR-Chefin Rickman und die Museumsleiter Wright und Cuthbert setzen sich jedoch über ihre Warnungen hinweg. Etwas, das sie zutiefst bereuen werden …

„Relic“ ist die erste gemeinsame Arbeit von Douglas Preston und Lincoln Child, aber gottlob nicht die letzte. Vor einigen Jahren habe ich den Film zum Buch gesehen (aus dem Jahr 1997; der natürlich die Buchinhalte nur unzureichend und in einer Light-Version wiedergibt), aber ich könnte gar nicht sagen, warum ich kürzlich über dieses Buch gestolpert bin und es gekauft habe. Bereut habe ich es aber nicht. Es ist eines von diesen Thrillern mit SciFi-Elementen, die man am besten nicht abends vor dem Einschlafen liest – ein echter Pageturner mit Horrorelementen, der auf populärwissenschaftliche Weise Umweltthemen vermittelt. Gespickt ist das Ganze mit brutalen Verbrechen und sympathischen Protagonisten, die sich gegen die „bösen“, geld- und machtgierigen Museumsleiter bzw. Mitarbeiter des FBI durchsetzen – unter Einsatz ihres Lebens. Man sieht beim Lesen schon den Hollywoodstreifen vor sich, aber das beeinträchtigt das Lesevergnügen keineswegs.
Die Akteure des Buches sind relativ schwarz-weiß gezeichnet – entweder gehören sie zu den Guten oder den Bösen, dazwischen gibt es leider keine Grautöne. Die Hauptfiguren (Pendergast, D’Agosta, Margo, Frock und Smithback) sind zwar relativ eindimensional, aber da die Story mitreißend und actionreich und in allen Facetten erzählt wird, fiebert man dennoch mit und vergibt vieles.
Noch ein Tipp: Unbedingt den Epilog abwarten. Die endgültige Auflösung des Ganzen ist noch schrecklicher, faszinierender, als man bis dahin als Leser angenommen hat!

Mein Fazit: Nichts für schwache Nerven, aber ein wirklich gut geschriebenes, spannendes Buch!