Veröffentlicht in Belletristik

Rosemary Sutcliff: Der Adler der Neunten Legion

Um das Jahr 117 n. Chr. marschierte die Neunte Legion des römischen Heeres in Nordbritannien in den Nebel hinein und wurde nie wieder gesehen. Viertausend Mann verschwanden spurlos und mit ihnen auch ihr Feldzeichen, der römische Adler.
Viele Jahre später will der junge Centurio Marcus Flavius Aquila unbedingt herausfinden, was aus seinem Vater geworden ist, der damals die Legion anführte. So bricht er als griechischer Augenarzt verkleidet gemeinsam mit seinem ehemaligen Sklaven Esca (der zum Volk der Briganten gehört) auf ins Unbekannte – mitten hinein in die von aufständischen Stämmen beherrschte Wildnis.
Die beiden jungen Männer finden heraus, dass die demoralisierte Legion trotz eines letzten heroischen Aktes ihres Kommandanten vor etwa zwanzig Jahren während eines großen Aufstands der nordischen Stämme aufgerieben wurde. Marcus gelingt es, in Erfahrung zu bringen, wo sich der Adler der Neunten befindet, und stiehlt ihn, um die Schmach seines Vaters und dessen Kameraden wiedergutzumachen. Doch damit bringt er die nordischen Stämme gegen sich auf und die Jagd beginnt …

„Der Adler der Neunten Legion“ ist ein sehr bekanntes britisches Kinderbuch der Romanautorin Rosemary Sutliff aus dem Jahr 1954. Die Geschichte der Autorin basiert zum Teil auf historischen Tatsachen: zum einen dem Verschwinden der Legio IX Hispana (Neunte Legion) aus den historischen Aufzeichnungen nach einer Expedition nach Caledonien im Jahr 117 (und die Römer pflegten alles und jeden getreu aufzuzeichnen); zum anderen die Entdeckung eines flügellosen römischen Adlers bei Ausgrabungen in Silchester. Sutcliff vermittelt in ihrem Buch auf unterhaltsame Weise diese und weitere Fakten und lässt den Leser hautnah am (Alltags-)Leben der Menschen im Britannien des 2. Jahrhunderts teilhaben. Man hat im Grunde aber nur selten das Gefühl, ein explizites Kinderbuch zu lesen oder „belehrt“ zu werden, was für die Erzählkunst der Autorin spricht.
Die Geschichte selbst ist „rund“ und glaubwürdig und ausgesprochen spannend erzählt. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie Marcus und sein Freund Esca kreuz und quer durch das schottische Hochland und die Lowlands reisen auf der Suche nach Hinweisen auf die verschwundene Neunte. Auch die beiden Hauptfiguren sind glaubwürdig gezeichnet: Marcus beginnt die Geschichte als etwas hochmütiger Römer, der aufgrund seiner Familiengeschichte gewisse Bezüge zu Britannien und deren Bewohnern hat, aber im Grunde fest davon überzeugt ist, dass die römische Kultur die beste Kultur ist und man diese den anderen Völkern und Stämmen aufzwingen sollte. Doch als er Kontakt zu den dortigen Menschen bekommt, beginnt er, die Parallelen zu erkennen und auch die Einzigartigkeit der jeweiligen Gesellschaft – und er fängt an, diese zu respektieren und zu schätzen. Dies geschieht vor allem im Umgang mit Esca, den Marcus zum ersten Mal trifft, als dieser in der Arena in einem unfairen Kampf gegen einen Gladiator kämpfen muss und trotz seines Mutes unterliegt. Marcus erreicht seine Freiheit und nimmt ihn als Sklaven zu sich. Bald erkennt er, dass Esca viel mehr ist als nur ein Sklave – er wird zu seinem besten Freund, der bereitwillig mit ihm in das aufständische Caledonien zieht, da ihm das Prinzip der Ehre nur allzu vertraut ist. Und am Ende laufen diese charakterlichen Veränderungen in der Botschaft zusammen, dass das Ende von etwas Vertrautem auch der Beginn zu etwas aufregend Neuem sein kann.
Noch ein Wort zur Verfilmung des Stoffes: Hier muss man ganz klar sagen, dass Hollywood den Stoff shanghait und so ziemlich das Schlechteste herausgeholt hat, was herauszuholen war. Marcus ist während des gesamten Filmes über lediglich der typische Römer, der sich nicht die Mühe macht, das Volk, in dem er nun lebt kennenzulernen, geschweige denn, seine Sprache zu lernen. Seine Überzeugungen veranlassen ihn, den hilflosen Esca aus der Arena zu befreien, der sich dort beinahe kampflos seinem Gegner ergibt – und dann Marcus im Grunde nur deshalb in den Norden befreit, weil er eben im Gegensatz zu diesem die Sprache der dortigen Völker beherrscht. Seine Freiheit muss er sich im Grunde halb von Marcus erpressen … Der „Funke“ springt zwischen diesen beiden einfach nicht über; es ist nicht unbedingt so, dass die Chemie nicht stimmt – es gibt überhaupt keine Chemie. Auch gibt es keine Annäherung an die ihm fremde Kultur, keinen Respekt. Stattdessen beschränkt sich der Regisseur auf Kampf-/Schlachtszenen in schöner Landschaft, einen mal wieder ausgesprochen einfältig dreinschauenden Channing Tatum (auch wenn der ein echter Hingucker ist) und einem verdrießlich dreinblickenden Jamie Bell, der erfahrungsgemäß mehr kann. Als ich mir den Film angeschaut habe, hatte ich das Gefühl, dass man die Story im Grunde in jedes Setting übersetzen kann, denn die Erlebnisse eins mutigen Amerikaners, der gegen wilde Völker kämpft und natürlich sieg- und ehrreich aus der ganzen Geschichte hervorgeht, die kennen wir schon zur Genüge.

Fazit: Leseempfehlung für das Kinderbuch (Alter 12-14 Jahre), da die Autorin es versteht, historische Fakten unterhaltsam zu vermitteln, und man darüber hinaus auch einiges lernen kann über Freundschaft und Respekt für fremde Kulturen. Was den Film betrifft: Nur für Leute geeignet, denen auch „Centurion“ oder „Die letzte Legion“ gefiel, denn diese Filme erzählen zum einen die Vorgeschichte unseres Kinderbuches; funktionieren darüber hinaus aber auch nach dem gleichen Schema wie der Film.

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