Veröffentlicht in Belletristik

Karl May: Weihnacht

In den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts: Der junge Karl May (Sappho) und sein Freundes Hermann Lachner (Carpio) begeben sich wie so oft in ihren Weihnachtsferien auf eine mehrtägige Wanderung im Grenzgebiet des kaiserlichen Deutschlands und des Königreichs Böhmen. Im böhmischen Falkenau lernen sie die kleine, völlig verarmte Familie Wagner kennen – Großvater, Tochter und Enkel –, die sich auf der Flucht vor einer unbekannten Bedrängnis befindet. Mit ihrem letzten Geld helfen die beiden Freunde der Familie, sich bis nach Bremen durchzuschlagen, von wo aus sie in die USA auswandern wollen, wo sich bereits der Vater der Familie aufhält. Wenige Tage später treffen May und Carpio die drei noch einmal und werden Zeuge, wie der Großvater verstirbt.

Weston/Missouri, etwa zwanzig Jahre später: Aus dem jugendlichen Dichter May ist mittlerweile der berühmte Westmann Old Shatterhand geworden, der sich inkognito in der Kleinstadt Weston aufhält, um seiner Tätigkeit als Reiseschriftsteller nachzugehen. Durch Zufall wird er Zeuge, wie der „Prayer-Man“ – ein als Wanderprediger getarnter Verbrecher – einen Goldgräber um seinen Fund bringt und mit einem unbekannten Komplizen eine weitere Untat plant: Sie wollen zwei Greenhorns ein sogenanntes Finding-Hole verkaufen (eine Goldquelle, die sich in einem Loch in tiefem Wasser befindet) und den jüngeren zwingen, ihnen das Gold herauszuholen, bevor sie die beiden umbringen.
Außerdem stößt May dort wieder auf Frau Wagner, die in Wirklichkeit, so stellt sich nun heraus, von Hiller heißt. Ihr Ehemann – ein Fellhändler – wird von Krähenindianern gefangengehalten. Diese beschuldigen ihn, gemeinsam mit Schoschonen einige Stammesgenossen getötet zu haben, und fordern nun Lösegeld.
Gemeinsam mit seinem Blutsbruder Winnetou macht sich Old Shatterhand auf den Weg nach Wyoming, um Hiller zu befreien. Außerdem wollen die beiden versuchen, den Überfall auf die Greenhorns zu verhindern.
Einer dieser Greenhorns entpuppt sich als Carpio, der mittlerweile ebenfalls in die USA ausgewandert ist und dort von seinem bösartigen Onkel, dem anderen Goldsucher, ausgebeutet wird. Carpio schließt sich Old Shatterhand und Winnetou an …

„Weihnacht“ gehört neben einer Reihe anderer Karl-May-Romane zu den ersten „erwachsenen“ Büchern, die ich als ca. 10- bis 12-Jährige gelesen habe, die einzigen Bücher, die aus der Kinderheit bzw. Jugend meines Vaters übrig geblieben sind (er war/ist kein großer Leser). Und ich habe diesen Roman damals geliebt! Wenn ich das Buch heute lese, würde ich sagen, dass die Charaktere etwas zu eindimensional bzw. unsere Helden etwas zu fehlerfrei und großartig sind. Aber unterhalten hat mich die Geschichte auch heute noch sehr.

In „Weihnacht“ zeigt sich, dass Karl May ein großartiger Erzähler bzw. Beschreiber war. Auf dem hinteren Vorsatzpapier ist eine Landkarte der Gegend abgebildet, in der die Handlung des Romans spielt (Wyoming) – jeder kleine Creek, den Old Shatterhand, Winnetou und ihre kleine Gruppe auf der Suche nach Hiller und den Verbrechern zurücklegen. Und wenn man im Rahmen der Geschichte den Helden über die unterschiedlichsten Berge und Creeks und River folgt, hat man wirklich das Gefühl, dabei zu sein. Es gelingt May tatsächlich, die Landschaft vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen. Es geht über Berge und Grasland und durch Wäldchen. Die Täler sind von dichtem Nebel erfüllt, der Hochwald mit glitzerndem Reif überzogen. Die Sonne scheint vor Schreck zu erbleichen und zu erkalten, denn ihre farblosen Strahlen verlieren zu Winterbeginn ihre Kraft …

Die Geschichte, die in „Weihnacht“ erzählt wird, spielt zu zwei unterschiedlichen Zeiten und an zwei unterschiedlichen Handlungsorten: in den Jugendjahren des Ich-Erzählers (40er-Jahre des 19. Jahrhunderts) in der deutschen Heimat (bzw. im Grenzgebiet zu Böhmen) und in den Erwachsenenjahren (60er-Jahre) des Protagonisten, der einerseits als erfolgreicher Reiseschriftsteller in den Vereinigten Staaten/im Wilden Westen lebt, andererseits unter dem Kultnamen Old Shatterhand bekannt geworden ist. Hinsichtlich der Charakterisierung zeigt sich: Was den jungen May (May behauptete ja irgendwann, selbst der Held seiner Geschichten zu sein, was aber nicht stimmte) ausmachte – Liebe zur Natur, Glaube, die Bereitschaft, mit wenig auszukommen, Freigebigkeit, Liebe zu den Menschen, die weniger haben, Einfallsreichtum -, findet sich beim Erwachsenen in noch stärkeren Maße vertreten: Obwohl er durch seinen Blutsbruder Winnetou Zugriff auf unzählige Reichtümer hätte, verdient sich Old Shatterhand seinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Reiseliteratur, er hat kein festes Zuhause, sondern reist mit Winnetou durchs Land, ist bereit, seine Pläne für die nächsten Wochen und Monate über den Haufen zu werfen, um Hiller zu befreien und den Krieg zwischen Krähen und Schoschonen zu verhindern, und dabei legt er einen großen Einfallsreichtum an den Tag … Ganz zu schweigen davon, dass er ein großartiger Kämpfer ist, die unterschiedlichsten Indianersprachen beherrscht und durch sein einnehmendes, selbstbewusstes Wesen alle Schwierigkeiten meistert. Ein wenig perfekt vielleicht und sein Selbstbewusstsein an der einen oder anderen Stelle etwas zu nervtötend. Aber ein Held, mit dem sich um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert sicher viele Leser identifizieren konnten und wollten.
Ähnliches kann man bei Winnetou feststellen, der in diesem Roman sehr detailliert beschrieben wird (S. 215-216). Interessanterweise stieß ich bei Nachforschungen darauf, dass offenbar folgender Absatz in den jetzigen Ausgaben fehlt:

Einen Bart trug er nicht; in dieser Beziehung war er ganz Indianer. Darum war der sanfte, liebreich milde und doch so energische Schwung seiner Lippen stets zu sehen, dieser halbvollen, ich möchte sagen, küßlichen Lippen, welche der süßesten Schmeicheltöne ebenso wie der furchterweckendsten Donnerlaute, der erquickendsten Anerkennung gleich so wie der schneidendsten Ironie fähig waren. Seine Stimme besaß, wenn er freundlich sprach, einen unvergleichlich ansprechenden, anlockenden gutturalen Timbre, den ich bei keinem andern Menschen gefunden habe und welcher nur mit dem liebevollen, leisen, vor Zärtlichkeit vergehenden Glucksen einer Henne, die ihre Küchlein unter sich versammelt hat, verglichen werden kann; im Zorne hatte sie die Kraft eines Hammers, welcher Eisen zerschlägt, und, wenn er wollte, eine Schärfe, welche wie zersetzende Säure auf den festesten Gegner wirkte. Wenn er, was aber sehr selten und dann nur bei hochwichtigen oder feierlichen Veranlassungen geschah, eine Rede hielt, so standen ihm alle möglichen Mittel der Rhetorik zur Verfügung. Ich habe nie einen besseren, überzeugenderen, hinreißenderen Redner gehört als ihn und kenne nicht einen einzigen Fall, daß es einem Menschen möglich gewesen wäre, der Beredsamkeit des großen, unvergleichlichen Apatschen zu widerstehen. Beredt auch waren die leicht beweglichen Flügel seiner sanftgebogenen, kräftigen, aber keineswegs indianisch starken Nase, denn in ihren Vibrationen sprach sich jede Bewegung seiner Seele aus. Das Schönste an ihm aber waren seine Augen, diese dunklen, sammetartigen Augen, in denen, je nach der Veranlassung, eine ganze Welt der Liebe, der Güte, der Dankbarkeit, des Mitleides, der Besorgnis, aber auch der Verachtung liegen konnte. Solch‘ ehrliche, treue, lautere Augen, in welchen beim Zorne heilige Flammen loderten oder aus denen das Mißfallen vernichtende Blitze schleuderte, konnte nur ein Mensch haben, der eine solche Reinheit der Seele, Aufrichtigkeit des Herzens, Unwandelbarkeit des Charakters, und stete Wahrheit des Gefühles besaß wie Winnetou. Es lag in diesen seinen Augen eine Macht, welche den Freund beglückte, den Feind mit Furcht und Angst erfüllte, den Unwürdigen in sein Nichts verwies und den Widerspenstigen zum Gehorsam zwang. Wenn er von Gott sprach, seinem großen, guten Manitou, waren seine Augen fromme Madonnen-, wenn er freundlich zusprach, liebevolle Frauen-, wenn er aber zürnte, drohende Odins-Augen. (http://karl-may-wiki.de/index.php/Winnetou)

Ich könnte mir denken, dass man diese Passage gestrichen hat, weil sie ein übertrieben vollkommenes Bild von Winnetou zeichnet (selbst die jetzigen Beschreibungen zeichnen ihn noch als Übermenschen) – und weil doch etwas Homoerotisches darin mitschwingt. Letzteres ist übrigens zum Teil in der jetzigen Ausgabe noch zwischen den Zeilen enthalten, will man es hineinlesen. Überhaupt empfand ich auch die Beziehung zwischen den Erwachsenen Lauschner und May etwas … sehr emotional. Und diese Emotionalität scheint bei Karl May beinahe schon Stilmittel zu sein. Hier wird geweint und in den Armen gehalten (bzw. an die Brust gezogen).

Was mir damals nicht bewusst war: die Rolle der Religion. Das Buch ist „knackfromm“. Der Protagonist und Ich-Erzähler (und einige Nebenfiguren) ist nicht nur kulturfromm, wie es Mitte des 19. Jahrhunderts in unserem Land noch üblich war, sondern sein Glaube bestimmt alle seine Überzeugungen und sein Handeln. Als Jugendlicher verfasst er ein Weihnachtsgedicht mit 24 Versen, für das er einen Geldpreis einheimst und das gedruckt wird – und das die komplette E’rlösungsbotschaft enthält (Jesus Christus kam als Sohn Gottes und Erlöser auf diese Welt, die Notwendigkeit zu Buße und Umkehr, das „endgültige“ Ziel des Lebens etc.) – genauso wie auch der Roman „Weihnacht“ die komplette Botschaft des Evangeliums verbreitet. Dieses Gedicht wird sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen – es wird wie der Schüler Sappho seinen Weg nach Amerika finden, alte Freunde und Bekannte werden sich daran erkennen, sein Missbrauch durch einen Antagonisten macht deutlich, dass dieser schon verloren ist, und die unterschiedlichsten Akteure werden daraus Trost und Kraft ziehen. Auch als Erwachsener im Wilden Westen – nun unter dem Namen Old Shatterhand – hält der Protagonist mit seinen religiösen Überzeugungen nicht hinter dem Berg. Im Gegenteil. Als Hiller seinen Glauben als Ammenmärchen bezeichnet und behauptet, kein vernünftiger Mensch könne daran glauben, ganz zu schweigen davon, dass er diesen Jesus Christus auch nicht brauche, ist das für Old Shatterhand Grund genug, den Stab über diese Figur zu brechen (S. 403-405).

„Bleibt es, in wessen Namen Ihr wollt, nur nicht in Gottes Namen, denn es gibt keinen Gott! Wenn ich da nicht Recht habe, so mag mir der erste, beste Grizzlybär das Gehirn ausfressen!“

Diese Worte von Hiller werden im späteren Verlauf der Geschichte übrigens Wahrheit, als seine Unterkunft durch eine Lawine verschüttet wird und ein hungriger Grizzly sich über den Schädel eines gesetzlosen Toten hermacht und auch Hiller umzubringen droht. Dieses Ereignis führt bei der Romanfigur dann konsequenterweise eine Lebensveränderung bzw. einen Gesinnungswandel herbei, und so beendet Hiller seine Geschichte als überzeugter Christ und neuer Mensch. Und zur Belohnung kehrt er geläutert zu Familie und nach Österreich/Böhmen zurück, um Besitz und Titel wieder zu übernehmen. Überhaupt findet sich im Buch mehrere Male die Vorstellung, dass Leid Gott gewollt ist (zumindest sein könnte), um den Menschen zu läutern und zu sich zurückzuziehen.

Mein Fazit: „Weihnacht“ hat bei mir das Interesse an Karl May wiedergeweckt. Ich hätte durchaus Lust, den einen oder anderen Roman wieder hervorzukramen.

Veröffentlicht in Belletristik

Stanislaw Lem: Die Sterntagebücher (Hörbuch).

lem-sterntagebuecher1„Ihr wollt, daß ich wieder etwas erzähle? Ja. Ich sehe, daß Tarantoga schon nach seinem Stenogrammblock greift … Warten Sie, Professor. Ich habe wirklich nichts zu erzählen. Wie? Nein, ich scherze nicht. Schließlich könnte ich ja auch mal Lust haben, einen Abend lang in eurer Gesellschaft zu schweigen. Weshalb? Nun, weshalb wohl! Meine Lieben … ich habe nie davon gesprochen, aber der Kosmos ist vor allem von solchen Wesen bevölkert wie wir. Nicht nur, daß sie menschenähnliche Gestalt haben, sie sind uns wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Hälfte der bewohnten Planeten sind Erden, die einen etwas größer, die anderen kleiner, mit etwas kälterem oder etwas wärmerem Klima, aber was sind das schon für Unterschiede! Und ihre Bewohner … die Menschen – denn es sind schließlich Menschen – erinnern so sehr an uns, daß die Unterschiede nur die Ähnlichkeiten hervorheben. Daß ich nie darüber gesprochen habe? Wundert euch das? Überlegt doch mal.“ Aus den Erinnerungen Ijon Tichys

Als ich mir das Hörbuch „Sterntagebücher. Aus den Erinnungen Ijon Tichys“ zu Gemüte geführt habe, musste ich erst einmal erkennen, dass es sich hierbei nicht um Lems Sammlung mit den Storys „Aus den Sterntagebüchern Ijon Tichys“ handelt. Weit und breit keine Weltraumabenteuer zu Sicht. Keine exotischen Außerirdischen. Keine neuen Gesellschaftsmodelle. Kein oder nur ganz wenig von dem Humor, den man mir versprochen hatte. Stattdessen die Erkenntnis: Dieses Hörbuch enthält  ausschließlich die Zusatzgeschichten (Aus den Erinnerungen Tichys). Und diese haben es wirklich in sich!

Hier ist der große polnische SciFi-Autor Stanislaw Lem weniger humorvoll oder satirisch, sondern vielmehr (wissenschafts-)kritisch. Er geht in Form seiner Geschichten dem Gedanken nach, was geschieht, wenn man Wissenschaftsträume, SciFi-Träume Wirklichkeit werden lässt … und diese sich als Albträume entpuppen, wenn man sie vor der Durchführung nicht zu Ende gedacht hat bzw. wenn sie völlig ohne Aufsicht umgesetzt werden. Nahezu alle der sechs Geschichten haben mich traurig oder zumindest melancholisch und etwas nachdenklich zurückgelassen. Lem schildert darin Begegnungen zwischen Ijon Tichy und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen. Dadurch greift er zu seiner Zeit aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen auf und denkt diese konsequent – oder negativ – bis zum Ende durch. Wodurch sich diese auch heute noch als erstaunlich aktuell und brisant entpuppen.

Enthaltene Geschichten:

Tichy und Professor Corcoran: Tichy erhält eine Einladung von dem solipsistischen Professor Corcoran, der nur an die Existenz seines eigenen Ichs glaubt. Dazu hat er eine ganze Reihe von Elektronengehirnen erschaffen, die in großen Truhen „zu Hause“ und mit einem weiteren Rechner verbunden sind, der sie mit elektronischen Impulsen versorgt. Die Gehirne sind, so Corcoran, aber mehr als Computer. Es handelt sich um selbst-bewusste Rechenmaschinen, die glauben, dass sie ein reales Leben führen – der mit ihnen verbundene Rechner mit Datenbändern versorgt sie mit Informationen, auf die hin sie Entscheidungen fällen, Handlungen begehen, Emotionen empfinden. Corcoran hat also eine virtuelle Realität erschaffen, die die beteiligten Wesen aber als völlig real empfinden. Und seine Schlussfolgerung: Genau so läuft auch unsere Welt ab, die wir für real halten. Denn woher wissen wir, dass sie real ist und nicht nur eine geschickte Simulation? Und die einzige Rechenmaschine, die vermutet oder zu glauben weiß, dass ihre Realität nur eine Täuschung ist, gilt in ihrer „Realität“ als Wahnsinniger! „Matrix“ lässt grüßen!

Tichy und Professor Decantor: Tichy wird eines Tages von Professor Decantor aufgesucht. Dieser glaubt, eine Methode entwickelt zu haben, wie die Seele eines Menschen ewig existieren kann – wobei er unter Seele nichts Metaphysisches versteht, sondern alle Erfahrungen, Erlebnisse, Wesenszüge des Menschen. Da seine Methode mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden ist, bittet er Tichy um finanzielle Unterstützung. Was Tichy jedoch erfahren muss, schockiert ihn zutiefst: Der Augenblick, in dem die eigene Seele in einem Behältnis (das einem großen Diamant ähnelt) konserviert wird, ist auch der Augenblick des Todes. Der Betreffende verliert seine menschliche Hülle und alle Sinne zur Warnung seiner Welt. Wahrnehmungssinne – die Seele existiert blind, taub, stumm, ohne Tast- oder Geruchssin im völligen Nichts. Decantor hat zur Demonstration seiner Methode ein „Ansichtsexemplar“ mitgebracht. Doch bis zum Gespräch mit Tichy war ihm nicht wirklich in letzter Konsequenz bewusst, was er dem Menschen angetan hat, dessen Seele in dem Behältnis konserviert wurde: seine eigene Frau. Die Vorstellung, was diese in ihrem Gefängnis wohl erleidet, ist für Tichy so entsetzlich, dass er Decantor alles gibt, was er besitzt, um dann das Behältnis zu zerbrechen, sodass Decantors Frau endlich sterben kann. Hier lädt Lem zweifellos zum Nachdenken über den Tod ein und das, was vielleicht noch kommt.

Tichy und Professor Sasul: Tichy gerät beim Spazierengehen in ein starkes Unwetter und sucht Schutz in einem heruntergekommenen Anwesen. Dort lebt der alte Professor Sasul, der ihn erst nach einer langen Diskussion ins Haus lässt. Doch dann präsentiert der Eigenbrödler ihm stolz eine wissenschaftliche Errungenschaft: Es ist ihm gelungen, mithilfe künstlicher Eiweißmakromoleküle einen Menschen zu klonen, der nun in einem riesigen Aquarium in einer Spirituslösung konserviert ist. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit: Sasul hat die Natur übertroffen und ein Wesen erschaffen, dass unsterblich ist. Er hat sich selbst geklont. Und der Klon hat ihn getötet, sodass es sich bei der konservierten Leiche um den echten Sasul handelt. In dieser Geschichte geht es unschwer um das Klonen von Lebenwesen – mit allen seinen entsetzlichen Konsequenzen.

Tichys und der Physiker Molteris: Tichy wird eines Abends von einem Physiker namens Molteris aufgesucht, der behauptet, eine Zeitmaschine erfunden zu haben. Als der von ihm „Zeit-versetzte“ Gegenstand verschwindet, stellt sich heraus, dass Molteris zwar in der Lage ist, einen Gegenstand auf eine Zeitreise zu schicken, aber noch nicht, auch zu kontrollieren, ob er auch wirklich zum festgelegten Zeitpunkt ankommt. Daraufhin beschließt er, dreißig Jahre in die Zukunft zu reisen, um mithilfe neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse auch dieses Problem zu lösen. Doch Tichy wartet vergebens auf seine Rückkehr. Was die beiden nämlich nicht bedacht hatte: Ein Körper/Mensch, der in die Zukunft reist, tritt nicht aus der Zeit heraus, sondern unterliegt weiterhin ihren Bedingungen – altert also ebenfalls schneller. Woraus Tichy schließt, dass Molteris als alter Mann in der Zukunft gestrandet und wahrscheinlich verstorben ist.

Tichy und die Waschmaschinen-Tragödie: Tichy schildert den Konkurrenzkampf zwischen zwei amerikanischen Waschmaschinenherstellern, die ihren Maschinen immer mehr zusätzliche Funktionen mitgeben, die mit allem zu tun haben außer mit dem Waschen von Maschinen. Dadurch entsteht im Laufe der Zeit ein Robotergeschlecht mit Selbst-Bewusstsein – und eine Menge juristischer Probleme. Unter anderem kommt es schließlich durch einen Menschen, der selbst zum Roboter wird, zur Gründung eines Roboterstaates (eines Roboterplaneten?) im Weltall. Hier macht sich Lem – natürlich – Gedanken über die Weiterentwicklung der Roboter und mögliche negative Konsequenzen. Diese Geschichte macht nicht nur nachdenklich, sondern ist auch unglaublich witzig!

Tichy und die Anstalt des Doktor Vliperdius: Durch einen Zeitungsartikel wird Tichy auf eine Nervenheilanstalt für Roboter aufmerksam, in der einige der „gestörten“ Roboter landen, die im Zuge des Waschmaschinenherstellerkampfes entwickelt wurden. Er besucht diese – die auch von einem Roboter geführt wird – und unterhält sich mit einigen Patienten, die erstaunlich menschliche Probleme haben bzw. nicht wirklich erkennen, dass sie Maschinen sind. Und dabei trifft er eine Maschine, die das Gefühl hat, dass ihr ihr komplettes Leben vorgegaukelt wird … wodurch sich gewissermaßen der Kreis zur ersten Geschichte schließt.

Klick mich an!Noch etwas zum Hörbuch: Die Geschichten werden kongenial von Michael Schwarzmaier gelesen. Dieser hat eine wunderbare, angenehme Vorlesestimme und bemüht sich darum, den beiden unterschiedlichen Stimmen in jeder Geschichte eine eigene Farbe, eigene Charakteristika zu geben. Was aber gar nicht geht: Auf der CD-Hülle nicht anzugeben, welche Geschichten enthalten sind! Und dann noch nicht einmal ein Booklet mit diesen Informationen beizufügen! Dass ich es hier mit den Zusatzgeschichten zu tun hatte und nicht mit den Weltraumabenteuern, war noch nicht einmal dem Werbetext zu entnehmen!
lem-sterntagebuecher3