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Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks (Cormoran Strike #1)

Als das berühmte Model Lula Landry von ihrem schneebedeckten Balkon im Londoner Stadtteil Mayfair in den Tod stürzt, steht für die ermittelnden Beamten schnell fest, dass es Selbstmord war. Der Fall scheint abgeschlossen. Doch Lulas Bruder hat Zweifel – ein Privatdetektiv soll für ihn die Wahrheit ans Licht bringen.
Cormoran Strike hat in Afghanistan körperliche und seelische Wunden davongetragen, mangels Aufträgen ist er außerdem finanziell am Ende, und da er sich auch gerade von seiner Freundin getrennt hat, schläft er auf einer Campingliege in seinem Büro. Der spektakuläre neue Fall ist seine Rettung, doch der Privatdetektiv ahnt nicht, was die Ermittlungen ihm abverlangen werden. Während Strike immer weiter eindringt in die Welt der Reichen und Schönen, fördert er Erschreckendes zutage und gerät selbst in Gefahr …

„Der Ruf des Kuckucks“ ist Band 1 der bislang 3-bändigen Reihe um den Londoner Privatdetektiv Cormoran Strike des britischen Schriftstellers Robert Galbraith (Band 2: Der Seidenwurm, Band 3: Die Ernte des Bösen, Band 4: Lethal White [in Arbeit]), bei dem es sich aber nur – wie wahrscheinlich jeder mitbekommen hat – um ein Pseudonym handelt, hinter dem sich die „Harry Potter“-Autorin J. K. Rowling verbirgt. Die ersten beiden Bände der Serie wurden auch bereits mit Tom Burke (Die Musketiere, Krieg und Frieden) und Holliday Grainer (Lady Chatterley’s Lover, Tulpenfieber) in den Hauptrollen kongenial von der BBC verfilmt. Da ich die Verfilmungen kenne, wusste ich leider schon von Beginn des Buches an, was es mit dem Tod von Lula Landry auf sich hat, und war über die Auflösung des Falles nicht wirklich überrascht.

Bei diesem ersten Band der „Cormoran Strike“-Reihe handelt es sich um einen klassischen Whodunnit-Roman. Rowling taucht nicht tiefer in die Psyche der Figuren ein oder liefert eine soziale Studie der Akteure und ihres Handelns. Das Buch ist auch nicht sehr actionreich; es gibt keine rasanten Verfolgungsjagden, keine explodierenden Autors oder zahllose Mordversuche. Auch die beiden Hauptfiguren Cormoran Strike und Robin Ellacott sind durchaus klassisch geraten:
Der Privatdetektiv ist der typische Antiheld. Er ist der uneheliche Sohn eines weltberühmten Rockstars und eines Groupies, ist in wechselnden Orten mit den unterschiedlichsten Männern seiner Mutter groß geworden, hat sich dann aber für das geregelte Leben in der britischen Armee entschieden und in Afghanistan ein Bein verloren. Er ist ein Baum von einem Mann, übergewichtig und alles andere als ein Schönling, aber viele Frauen haben doch eine ausgesprochene Schwäche für ihn. So zum Beispiel seine Exverlobte Charlotte, die in allem das Gegenteil von ihm ist und jahrelang bei ihm bleibt – trotz seiner Verletzung und des ständigen Streitereien -, bis er schließlich doch den Schlussstrich zieht und sie verlässt. Zu Beginn des Romans zieht er gerade – völlig Pleite – mit einer Campingliege und einem Schlafsack in sein Büro und versucht, sich einen letzten Rest der Selbstdisziplin und des strukturierten Arbeitens und Lebens zu bewahren, die er im Militär kennen- und schätzen gelernt hat. Ja, diese Eigenschaften scheinen das zu sein, was ihm überhaupt noch Halt gibt.
Seine Assistentin Robin Ellacott ist mit ihren 25 Jahren etwa zehn Jahre jünger als er. Sie stammt aus geregelten Verhältnissen und ist gerade erst vom Land nach London gezogen, wo ihr Verlobter Matthew eine Anstellung gefunden hat. Als sie zu Strike stößt, hat sie ein abgebrochenes Psychologiestudium hinter sich und arbeitet bei einer Zeitarbeitsfirma. Doch die Arbeit bei und mit Strike begeistert sie vom ersten Augenblick an, ist die Arbeit eines Privatdetektivs doch etwas, nach dem sie sich schon seit Jahren sehnt. Und Strike muss schnell erkennen, dass Robin mehr ist als nur eine seiner Sekretärinnen, die Kaffee kochen und sich um seine Post kümmern. Sie ist einfallsreich, versteht sich auf die Recherche und mehr als willens, ihn in seinen Nachforschungen zu unterstützen. Zwar sucht sie – um die Erwartungen ihres Verlobten, aber auch ihre eigenen zu erfüllen – nach einem „richtigen“ Job, doch eigentlich ist schnell klar, dass sie bei Strike ihren Platz gefunden hat. Sie durchschaut rasch all das Scheitern in seinem Leben, ist aber gern bereit, schweigend darüber hinwegzusehen, damit er seinen Stolz nicht auch noch verliert.
Das weitere Figurenkabinett ist riesengroß: Es gibt Polizeibeamte, die den Fall untersucht haben und Strike teilweise Zugriff auf die offiziellen Untersuchungen oder die Zeugen geben, es gibt Lulas biologische oder Adoptiv-Familie, es gibt ihren Freundeskreis, ihre Nachbarn oder Personen, mit denen sie tagtäglich in Kontakt kam … Und jede(r) von ihnen könnte ein Zeuge oder uach potenzieller Verdächtiger sein.

Rowling lässt ihre beiden Protagonisten Ermittlungsaufgaben übernehmen (wobei Strike natürlich den größten Teil erledigt) und wechselt sehr organisch zwischen deren Erzählperspektiven hin und her. Dabei gehen die Akteure wieder ganz klassisch vor – Agatha Christie lässt grüßen: Strike befragt einen Verdächtigen (bzw. eine Verdächtige) nach dem anderen, zieht hier neue Schlüsse, findet dort neue Hinweise, sodass der Leser sich gemeinsam mit ihm auf die Jagd nach der Wahrheit begibt und den gleichen Ermittlungsstand hat wie die Hauptfiguren.
Eine große Stärke des Buches – die aber andere Rezensenten u. U. etwas langweilig finden – sind die Beschreibungen von Orten und Räumen. Wenn Strike einen Raum oder eine Wohnung betritt, erfährt der Leser auch, welche Farbe die Tapeten oder die Teppiche haben, wo ein Tisch mit einer Vase steht oder die Gitarre des Musikers liegt. Wenn er zu Fuß oder mit der U-Bahn London durchquert, um seinen Lieblingspub aufzusuchen oder mögliche Zeugen, dann ist man als Leser ebenfalls hautnah mit dabei und erfährt alle Details. Ich hege sogar die Vermutung, dass man – wenn man mit dem Buch in der Hand durch London schlendern würde – exakt das vorfändet, was Rowling sehr detailreich beschreibt: die Gerüche, die Geschäfte, die Einrichtungen, die Farbe der Haustüren in Mayfair … Hier schreibt m. E. wirklich jemand, der London erkundet hat.

Mein Fazit: Ein klassischer Whodunnit für Fans von etwas … altmodischer (und das meine ich nicht negativ) Kriminalliteratur und Menschen, die die britische Hauptstadt lieben. Mir hat das Buch Lust gemacht, weitere Bände aus der Reihe zu lesen.

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Ethan Cross: Spectrum

cross-spektrumAugust Burke ist anders. Irgendwie seltsam, geradezu wunderlich. Doch Burke ist auch ein Genie: Er erkennt Zusammenhänge, die allen anderen verborgen bleiben. Als es in einer Bank in Las Vegas zu einer Geiselnahme kommt, wendet sich Special Agent Samuel Carter vom FBI an ihn. Denn die Täter verhalten sich extrem ungewöhnlich und verschwinden schließlich sogar unbemerkt aus dem umstellten Gebäude. Mit Burkes Hilfe entdeckt das FBI den Zugang zu einem Geheimlabor unter der Bank – das eigentliche Ziel des Überfalls. Was haben die Räuber dort gesucht? Und haben sie es gefunden? Zusammen mit Carter und Officer Dominic Juliano vom SWAT folgt Burke ihrer Spur – und bekommt es mit einem Feind zu tun, der bereit ist, Tausende Menschenleben zu opfern.

„Spectrum“ ist der Auftaktband zu einer neuen Serie des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross (wahrer Name: Aaron Brown), der bisher vor allem durch seine „Shepherd“-Reihe um den Serienmörder Francis Ackerman jr. bekannt geworden ist (1: Ich bin die Nacht; 2: Ich bin die Angst; 3: Ich bin der Schmerz; 4: Ich bin der Zorn). Und was für die „Shepherd“-Reihe gilt, gilt auch für „Spectrum“: Der Roman ist ein gut geschriebener Pageturner, actionreich und sehr spannend. Auch hier werde ich das Gefühl nicht los, der Autor hat ihn mit dem Gedanken an eine Verfilmung verfasst: Die Kapitel sind sehr kurz und bringen eigentlich fast immer einen Perspektivwechsel sich. Dadurch erhält man nicht nur Einblick in das Handeln und die Gedanken der Ermittler, sondern auch in die der Verbrecher und sogar der Opfer. Doch, Achtung: Nicht jede Figur, die einen Namen, ein Gesicht und eine Biografie erhält, wird auch das Ende des Buches erleben. Das sorgt auf der Negativseite dafür, dass das Figurenkabinett ausgesprochen groß ist und man sich wieder und wieder neue Namen merken muss; andererseits hält Cross dadurch aber auch die Spannung aufrecht. Der Leser darf sich nie in Sicherheit wiegen, ob die Figur, in deren Schuhe er gerade in gewisser Weise schlüpft, auch tatsächlich das Kapitel überleben wird. Aber für die meisten der zentralen Figuren gilt, dass sie facettenreich gestaltet sind und dadurch Tiefe bekommen; die wenigsten der handelnden Figuren sind einfach nur gut oder böse, Grautöne sind hier beinahe an der Tagesordnung.

Vor allem folgt Cross auf der Seite der Sicherheitsbehörden FBI Special Agent Samuel Carter. Dieser ist schon etwas älter und wurde an den Schreibtisch verbannt. Der (vermeintliche) Bankbüberfall bietet ihm endlich eine Möglichkeit, wieder im Außendienst zu arbeiten und selbst aktiv zu werden. Carter ist verwitwet und ein väterlicher Freund von August Burke, den er nicht nur unterstützt und fördert, weil er ein Freund von dessen Vater ist. Burke ist wirklich der Sohn, den Carter und seine Frau nie hatten, und er ist der Einzige, der erkennt, dass der junge Mann mit dem Aspeger-Syndrom nicht verrückt ist, sondern eine besondere Sicht der Welt hat und ein Genie ist, wenn es um Technik geht. Und durch diesen Antrieb, der ihm auch besondere Durchsetzungskraft verleiht, ist er jemand, mit dem man zu jeder Zeit rechnen muss – auch wenn er äußerlich vielleicht nicht so wirkt.
Burke wiederum ist zwar ein Technikgenie – wenn er auch lieber seine Zeit damit verbringen würde, alte Autos zu restaurieren -, versteht aber wie so viele Autisten (korrigiert mich) das zwischenmenschliche Miteinander nicht und lehnt Körperkontakt ab. Wieder und wieder eckt er im Roman an, weil er Menschen mit seiner Art und seinen Worten vor den Kopf stößt – was ihm bei einigen von ihnen zumindest in gewisser Weise leidtut, bei anderen, die für ihn nicht wichtig sind oder die er schlicht für dumm hält, ist es ihm gleichgültig. Dies lässt den Leser im Verlauf des Romans das eine oder andere Mal schmunzeln oder auch staunen, wenn Burke Schlüsse zieht, die überraschend, aber bei näherer Betrachtung aber logisch sind.
Ein Polizist, den Burke mit seiner Art nicht vor den Kopf stößt, sondern der ebenfalls erkennt, dass Burke ein ganz besonderer Mensch ist, ist Dominic „Nic“ Juliano, der Leiter des SWAT-Teams. Nic wird hoffentlich in den Folgebänden mehr Raum einnehmen, denn er hat eine der interessanteren Biografien in diesem Roman: Er stammt aus einer mächtigen New Yorker Mafia-Familie und musste schon als Dreizehnjähriger zum ersten Mal im Auftrag seines Vaters, des Capo, einen Menschen foltern und ermorden, hat sich jedoch irgendwann entschlossen, auf die andere Seite zu wechseln und selbst Verbrecher zu bekämpfen. Dadurch hat er ebenfalls eine ganz besondere Sicht und zögert nicht, auch einmal ein wenig … durchzugreifen, falls dies nötig sein sollte.
Last but not least kämpft auf der Seite der Guten auch Constable Isabel Price von der südafrikanischen Polizei. Sie hat bei einem Massaker in einem Squatter-Camp ihren (zukünftigen Pflege-)Sohn verloren und jagt nun um die halbe Welt, um den Mörder zur Strecke zu bringen. Mit allen Mitteln. Dabei greift sie auf die Unterstützung des mysteriösen Kopfes einer weltumspannenden Verbrecherorganisation zurück – sein Name ist Möbius -, der selbst von dem Mörder hintergangen wurde und nun seine Chance gekommen sieht: Wenn er Isabel bei ihrer Jagd unterstützt, muss er sich die Hände nicht selbst schmutzig machen und hat die junge Beamtin darüber hinaus in der Hand. An der Figur von Isabel Price bekommt der Leser zumindest einen Eindruck davon, was ein Mensch zu tun bereit ist, um die zu rächen, die er liebt – Menschen, die bereit sind, in den Grauzonen zu arbeiten. Hier befindet sie sich in guter Gesellschaft mit den Figuren aus den „Shepherd“-Romanen, die ja ebenfalls Teil einer Task Force werden, weil sie außerhalb des Gesetzes Kriminelle zur Strecke bringen wollen, denen man mit dem Gesetz nicht unbedingt beikommen kann. Auch Isabel wird in den Folgebänden hoffentlich mehr Raum einnehmen. In „Spectrum“ kann man aber zumindest erahnen, dass mehr in dieser gequälten Figur steckt.
Neben den interessanten Protagonisten gibt es mit Krüger und seiner Ehefrau Zarina noch (mindestens) zwei faszinierende Antagonisten, wenn auch Zarina etwas blass bleibt, da sie ausschließlich aus der Sicht von Krüger beschrieben wird. Beide kennen sich bereits seit ihrer Kindheit und haben ihre Familien auf der Flucht verloren – und mussten dabei mit ansehen, wie geliebte Menschen von wilden Tieren zerfleischt wurden. Was der Grund ist für Zarinas Blutdurst und dafür, dass auch Krüger eine zweite Persönlichkeit, ein Alter Ego namens Idris, entwickelt hat, die im Gegensatz zu dem gewissenlosen, eiskalten Mörder ein eher traditionelles Leben führt.

Neben den Charakteren hat aber auch die Handlung des Romans an sich hohes Unterhaltungspotenzial. Die Protagonisten und oft auch der Leser können oft nur erahnen, welche wahren Ziele ihre Gegner verfolgen. Der Werbetext des Buches verrät es ja schon: Obwohl der Roman mit einem Massaker in Südafrika und einem Banküberfall in Las Vegas beginnt, geht es in „Spectrum“ um so ziemlich alles andere als einen Banküberfall. Immer wieder verbergen sich Pläne hinter Plänen, werden in Wirklichkeit ganz andere Ziele verfolgt, als viele der handelnden Figuren und selbst der beteiligten Kriminellen ahnen. Das verlangt natürlich dem Leser ab, dass er der Handlung aufmerksam folgt und bereit ist, sich auf immer noch Wendungen und Überraschungen einzulassen.

Mein Fazit: Noch sind die Protagonisten nicht so „charismatisch“ (ähem) und mit der nötigen Tiefe versehen wie Francis Ackerman jr. und sein Bruder Marcus Williams, aber das Buch ist ein derartiger Pageturner, dass ich einen möglichen Folgeband auf jeden Fall lesen würde.

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Ulf Torreck: Fest der Finsternis

torreck-fest-der-finsternisParis im August 1805: Louis Marais, einst gefeierter Kommissar der Pariser Polizei, wird im Sommer 1805 von dem intriganten Polizeiminister Joseph Fouché von seinem Exil in Brest nach Paris zurückbeordert, um in einer unheimlichen Mordserie an jungen Frauen zu ermitteln. Einziges gemeinsames Merkmal: Alle Frauen wurden auf entsetzliche Weise verstümmelt und haben kurz vor ihrem Tod ein Kind zur Welt gebracht. Als Marais in einer der Leichen ein mysteriöses Kreuz entdeckt, dessen Bedeutung niemand kennt, erkennt er, dass er Unterstützung braucht.
Er zieht den berüchtigten Libertin und Schriftsteller Marquis de Sade als Berater heran, der gerade wieder einmal in eine Irrenanstalt verbannt wurde. Sade kennt die Abgründe des Bösen wie kein Zweiter. Das ungleiche Paar begibt sich auf eine Mörderjagd … immer weiter hinab in die menschlichen Abgründe. Als dann auch noch der Polizeipräfekt Jean-Marie Beaume dem grausamen Mörder zum Opfer fällt und man ihnen die Tat in die Schuhe schiebt, ist nicht länger klar, ob sie es mit einer politischen Verschwörung zu tun haben oder mit einer Satanistensekte, die bis in die höchsten Kreise reicht.

„Fest der Finsternis“ ist das erste Buch des Leipziger Schriftstellers Ulf Torreck, das ich gelesen habe, und definitiv nicht das letzte. Der historische Thriller ist sehr gut recherchiert. Man spürt, dass sich der Autor intensiv mit den historischen Gegebenheiten und Personen auseinandergesetzt hat. Natürlich sind die hier geschilderten Ereignisse um tatsächliche historische Persönlichkeiten wie dem Marquis de Sade, Louis Marais, Talleyrand und Joseph Fouché fiktiv, aber es fließen auch immer reale Fakten in die Handlung ein – z. B. die Werke de Sades und seine (sexuellen) Gepflogenheiten, politische Intrigen, gesellschaftliche Vorgänge. Einige Rezensenten bemängeln diese detailierten Beschreibungen und werfen dem Autor vor, dass er von der eigentlichen Handlung abschweift. Im Gegensatz dazu fand ich jedoch, dass diese mehr oder weniger relevanten Hintergrundinfos erstaunlich organisch in die Geschichte einfließen. Sie sorgten dafür, dass ich den Elend und den Dreck und das Chaos von Paris regelrecht vor mir sehen konnte und ein Verständnis für die gesellschaftlichen Zustände bekam: für die politischen Intrigen, die komplexen Machtverhältnisse, dafür, wie Menschen geendet sind, die keinen Nutzen mehr für die Gesellschaft hatten …  Ich habe bereits Bücher anderer (deutscher) Autoren gelesen, denen es weitaus weniger gut gelingt, ihre Recherchen auf eine Weise in ihren Roman einfließen zu lassen, dass ich nicht das Gefühl hatte, in einer Vorlesung zu sitzen.
Auch versteht es der Autor, eine gelungene Mischung an Action, deskriptiven Passagen und philosophischen/religiösen Ausführungen zu schaffen. Bei mir kam zu keiner Zeit Langeweile auf oder das Gefühl, dass Torreck sich Längen erlaubt. Im Gegenteil. Ich konnte das Buch über weite Strecken nicht aus der Hand legen, sondern war immer wieder gespannt darauf, welche Wendungen der Autor sich einfallen lässt. Wie de Sade und Marais habe ich bis zuletzt gerätselt, ob sich hinter den entsetzlichen Morden eine politische Verschwörung verbirgt oder die Rituale eines jahrhundertealten Satanistenkultes.

Was für die Handlung gilt, das gilt ebenfalls für die handelnden Figuren, allen voran Commissaire Louis Marais und der alternde Marquis de Sade. Auch der Fundus an interessanten Nebenfiguren ist sehr groß und überaus vielfältig – es gibt hohe Politiker, vielfältigen Polizisten, absonderliche Geistliche, Kopfjäger, Huren, Waisenkinder, Schreckgestalten … Wer das Gefühl hat, den Überblick zu verlieren, der kann aber jederzeit auf das Verzeichnis der dramatis personae zurückgreifen, das sich im Anhang des Buches befindet. Allerdings war dies für mich eigentlich nie nötig, da die relevanten Figuren nicht nur einen Namen haben, sondern auch hinsichtlich ihres Aussehens und Charakters so gut gestaltet sind, dass ich sie mir vorstellen konnte – und dass sie im Gedächtnis blieben.
So unterschiedlich, wie die Figuren sind, so unterschiedlich sind auch die beiden Protagonisten de Sade und Louis Marais. Auf der einen Seite der alternde Libertin, Philosoph und Schriftsteller, der seine Sexualität mit Angehörigen beider Geschlechter auslebt, weder an Gott noch an den Teufel glaubt und es liebt, Menschen in Wort und Tat zu schockieren. Dass sich hinter den Serienmorden etwas anderes verbergen könnte als eine politische Verschwörung und die Unmoral der hohen Gesellschaft, kommt für ihn nicht infrage. Auf der anderen Seite der tiefgläubige Katholik Marais, der aufgrund einer politischen Intrige strafversetzt wurde und gerade erst Frau und Kind verloren hat. Er ist der Auffassung, dass Gott ihn nach Paris zurückgeführt hat, damit er in dessen Namen die Satanistensekte zu Fall bringt, die der Verursacher der schrecklichen Morde ist. Als diese beiden aufeinanderstoßen, kommt es verständlicherweise nicht nur zu Spannungen, sondern auch zu interessanten Dialogen über – im wahrsten Sinne des Wortes – Gott und die Welt. Marais hat zwar in der Vergangenheit immer wieder einen Blick in die Abgründe der Menschheit werfen können, aber der Abgrund, der sich ihm in den Frauenmorden auftut, übersteigt seine Vorstellungskraft.
Dass ein Autor zwei so gegensätzliche Protagnisten auf die Jagd nach einem Mörder schickt, ist – wenn man sich die Kriminalliteratur anschaut – nichts Ungewöhnliches. Wohltuend fällt in „Fest der Finsternis“ auf, dass die beiden Helden nicht miteinander versöhnt sind oder gar gute Freunde werden. Am Ende trennen sich ihre Wege wieder (schade!), aber zumindest bleibt bei beiden ein gewisser Respekt für die Schläue des einen (die Cleverness eines de Sade) und die Integrität des anderen (Marais). Mit de Sade und Marais werden in „Fest der Finsternis“ zwei (historische) Gestalten lebendig, die zu einer Zeit leben, als die moderne Wissenschaft geboren wurde, als die Aufklärung den Aberglauben bzw. Glauben des Katholizismus vertrieb – wobei jeweils eine der Figuren für eine der beiden Seiten steht, wenn sich auch Marais hin und wieder modernen Mitteln bedient.
Positv fällt auch die Gestaltung der weiblichen Figuren auf. Diese sind im Roman alles andere als „Damsels in Distress“. Im Gegenteil. Sie sind selbstbewusst, selbstständig, ambitioniert, lieben ihre Freiheit und verfolgen ihre ganz eigenen Interessen – völlig unabhängig von den männlichen Figuren. Sie müssen nicht gerettet werden, sondern sind einfallsreich und durchsetzungsfähig genug, um die Antagonisten (mit) zu Fall zu bringen. Dass die Auflösung der Morde von einer Frau berichtet wird, war noch einmal ein ganz besonderer Schachzug des Autors – ein ganz besonders schockierender!

Wo viel Licht ist, da gibt es natürlich auch Schatten – die Kritikpunkte an diesem Buch.
Zum einen wird immer wieder auf eine Vorgeschichte hingewiesen, auf Kriminalfälle, bei denen sich de Sade und Marais kennengelernt haben, Fälle, die dazu führten, dass Marais nach Brest verbannt wurde, die zum Bruch mit z. B. Beaume und Fouché geführt haben und noch Jahre später dafür verantwortlich sind, dass man ihm die vermeintlich irrtümliche Verurteilung einer jungen Frau vorwirft. Ich dachte lange, dass ich schlicht das falsche Buch aus der Reihe zuerst gelesen habe, musste aber erkennen, dass die Vorgeschichte nach (?) „Fest der Finsternis“ veröffentlicht wurde – leider nur als E-Book.
Der weitaus größere Kritikpunkt an „Fest der Finsternis“ ist das wirklich nachlässige Korrektorat. „Gewöhnliche“ Rechtschreibfehler gab es nur wenige. Aber schon lange habe ich kein Buch eines etablierten Verlages gelesen, das so viele Zeichensetzungsfehler enthielt wie dieser Roman; die Anzahl der fehlenden Kommas ist enorm (und auch die der falsch gesetzten). Auch die fehlerhafte Groß- bzw. Kleinschreibung der Personalpronomen in den Dialogen war von Zeit zu Zeit ausgesprochen ärgerlich. Ich hatte hin und wieder das Gefühl, dass der Autor sich teilweise nicht entscheiden konnte, ob er die höfliche Anrede „Sie“ wählen sollte oder „Ihr“ – oder vielleicht war auch das nur auf eine fehlerhafte Großschreibung zurückzuführen.
Weiterhin gibt es eine 6szene im Buch, die so dezent ist, dass ich noch einmal zurückblättern musste, als mir klar wurde, dass ich sie überlesen haben musste. Da der Autor auch keine Hemmungen hatte, die schrecklichen Szenen um die jungen ermordeten Mädchen zu schildern, fand ich dies ausgesprochen überraschend.
Und zum Ende des Buches hin (S. 610) stellt der Messdiener eines Gemeindepriesters den Korb mit dem Messwein auf einer Seite vor Schreck gleich zweimal ab. 😉

Mein Fazit: Trotz der letztgenannten Kritikpunkte ist „Fest der Finsternis“ ein exzellenter historischer Krimi, der mir persönlich Lust gemacht hat, in Zukunft noch mehr von diesem Autor zu lesen. Wenn er denn noch weitere historische Romane verfassen würde.

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Mary Calmes: All Kinds of Tied Down (Marshals #1)

Deputy US Marshal Miro Jones wird von seinen Kollegen dafür geschätzt, dass er auch in haarigen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt und sich immer an die Vorschriften hält. Deshalb hat man ihm einen Partner zugeteilt, der das genaue Gegenteil von ihm ist. Ian Doyle ist ein Ex-Special-Forces-Soldat und eher ein „Erst schießen, dann fragen“-Typ. Doch wider Erwarten sind aus den beiden so verschiedenen Männern in den vergangenen drei Jahren gute Freude geworden, die sich blind vertrauen. Miro weiß, dass Ian ihm trotz seiner unkonventionellen Vorgehensweise immer Rückendeckung geben wird. Doch mittlerweile wünscht er sich noch viel mehr von seinem Partner …

„All Kinds of Tied Down“ ist Band 1 der sogenannten Marshal-Reihe (die im Deutschen unter dem Namen „Verliebte Partner“ erhältlich ist), auf die ich als Fan der sog. „Cut & Run“-Serie von Madelaine Urban und Abigail Roux aufmerksam wurde. Auch hier geht es um zwei völlig verschiedene Männer, die (zunächst gegen ihren Willen) Partner werden und sich zusammenraufen müssen. Allerdings setzt „All Kinds of Tied Down“ bereits zu einem Zeitpunkt ein, in dem die beiden beste Freunde geworden sind und den anderen trotz oder gerade wegen seiner Unterschiedlichkeit schätzen.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Miro. Dieser ist in unterschiedlichen Pflegefamilien aufgewachsen, hat aber nach einigen kleineren Delikten die Kurve noch bekommen und nicht nur die Schule beendet, sondern auch ein Studium begonnen. Dort hat er seine vier besten Freunde oder vielmehr beste Freundinnen kennengelernt, die heute seine wahre Familie sind. Er ist homosexuell und hat – Stereotyp-Alarm – eine Schwäche für edle Klamotten. Für meinen Geschmack wird viel zu häufig erwähnt, dass sein Mantel X Dollar gekostet hat und von Marke XYZ stammt oder seine weichen und für den Job völlig ungeeigneten Stiefel von ZYX stammen und XY Dollar gekostet haben. Na ja. Schon von Beginn an gesteht uns Ich-Erzähler Miro, dass er in seinen Partner völlig verliebt ist – und durch die wirklich nicht allzu dezent eingestreuten Hinweise Zaunpfähle wissen wir ebenfalls, dass sein Partner Ian auch mehr als nur freundschaftliche Zuneigung für ihn empfindet.
Ian hat zwar eine feste Freundin, aber es ist für den Leser von vornherein offensichtlich, dass die beruflich erfolgreiche Emma und der Green Baret wenig gemein haben und nicht wirklich zusammenpassen. Abgesehen von der Tatsache, dass die beiden auch im Bett nicht harmonieren, hat Emma eher eine Schwäche für Anzugträger und edle Restaurants – im Gegensatz zu dem T-Shirt und Cargohosen tragenden Ian. Ganz abgesehen davon, dass Ian zwar beruflich alles im Griff hat, emotional aber ganz offensichtlich auf Miro angewiesen ist, gefühlt nirgendwo ohne seinen Partner hingeht und immer wieder das Bedürfnis verspürt, diesen zu berühren (Zaunpfahl!).
Daneben ist das Buch angefüllt mit witzigen Freunden, großartigen Kollegen, einem verständnisvollen, aber toughen schwulen Boss – die beiden netten Männer scheinen auch primär nur von netten Zeitgenossen umgeben zu sein.
Und einer statitisch unwahrscheinlichen Menge an homosexuellen Kollegen.

Ein großer Schwachpunkt der Geschichte ist die Tatsache, dass die Handlung an sich eher auf schwachen Füßen steht. Gefühlte 140 Seiten lang (ca. die Hälfte des Buches) besteht die Handlung aus Mini-Episoden à la „Dann sind wir mit einem Haftbefehlt zu XYZ gefahren und haben den örtlichen Behörden geholfen, ihn festzunehmen“. Vorher wird lediglich einmal ein Serienmörder Craig Hartley erwähnt, der sich einiger Zeit im Knast sitzt, aber offenbar einen Fan hat, der seine Morde nach dessen Vorlage durchführt. Hartley hat ein … deutliches Interesse an Miro und bringt diesen dazu, ihn regelmäßig im Gefängnis zu besuchen. Aber in diesem ersten Band läuft dieser Handlungsstrang noch ins Leere … Ein zweiter – der wichtige – Handlungsstrang berichte von Miros und Ians Fahrt nach Tennessee, wo sie einen Zeugen davor bewahren müssen, von einem Killerkommando ermordet zu werden. Drake Ford, so der Name des jugendlichen Zeugen, hat einen Mafia-Mord mitangesehen und soll nun aussagen und mit seinem Freund in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden. Was natürlich nicht ohne die obligatorische Verfolgungsjagd mitsamt Schießerein vonstatten geht. Aber abgesehen von diesem Handlungsstrang, der erst ab ca. 54 % des Buches langsam einsetzt, sind die bis dahin geschilderten Episoden reine Füller, eine Aneinanderreihung von unwesentlichen Details – oder um es mit anderen Worten zu sagen: Man hätte das Buch deutlich straffen können!

Ach ja, die obligatorischen 6zenen gibt es ebenfalls, angefangen von der üblichen „Waaas? Du liebst mich? Komm, lass dich an einem öffentlichen Ort hinter die Büsche ziehen, damit ich dir einen BJ geben kann“-Szene bis zu „Standardszenen“, in denen wir erfahren, dass es bei Ian und Emma im Bett deshalb so mies läuft, weil der Exsoldat nicht gern die Führung übernimmt, falls ihr versteht, was ich meine.

Mein Fazit: Auch wenn es nach diesen Ausführungen nicht so klingt: Die Beziehungsseite von „All Kinds of Tied Down“ ist sehr unterhaltsam und vor allem warmherzig. Ich  mag die witzigen Dialoge und die innige Freundschaft der beiden Männer, aber wenn ich ehrlich bin, ist vieles daran sehr stereotyp. Und die eigentliche Story viel zu langatmig.  

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Agatha Christie: Das fehlende Glied in der Kette (Ein Fall für Poirot)

Das fehlende Glied in der KetteEssex, Juli 1917: Arthur Hastings wird nach einer Verwundung von der Front nach Hause geschickt, wo er auf seinen alten Bekannten John Cavendish trifft. Dieser lädt ihn nach Styles ein, auf das Landgut seiner Stiefmutter, Mrs Emily Inglethorp. Dort leben in den Wirren des Ersten Weltkrieges eine ganze Reihe von Verwandten: John Cavendish und seine Frau Mary, Lawrence, der jüngere Sohn von Emily Inglethorp, Cynthia, die Tochter verstorbener Freunde von Mrs Inglethorp, und Evelyn Howard, Haushälterin und Faktotum der Familie.
Hastings bemerkt schon kurz nach Eintreffen Spannungen. Emily Inglethorp hat bereits nach kurzer Bekanntschaft den deutlich jüngeren Alfred geheirtat, der – da sind sich alle andere sicher – es doch nur auf das Geld der alten Dame abgesehen hat. Der Verdacht erhärtet sich, als die wohlhabende Mrs Inglethorp kurz nach Hastings‘ Ankunft vergiftet wird und vor ihrem Tod noch den Namen ihres Mannes flüstert.
Doch wer steckt wirklich hinter dem Mord?

„Das fehlende Glied“ ist der erste Kriminalroman der britischen Autorin Agatha Christie und (folglich) der erste Roman mit dem großen belgischen Detektiv Hercule Poirot. Auch wenn Agatha Christie, die spätere Grande Dame der britischen Kriminalromane, dieses Buch bereits 1916 während ihrer Zeit als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg geschrieben hat, erscheint der Roman erst Jahre später im Herbst 1920 in den USA bzw. Anfang 1921 in Großbritannien.

Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive von Arthur Hastings, einem alten Freund Poirots, der noch in weiteren Romanen der Britin auftauchen wird. Er hat gewissermaßen die Sichtweise des Lesers inne und lässt diesen an seinen Beobachtungen und Vermutungen teilhaben. Poirot hingegen ist nicht nur seinem Freund Hastings, sondern auch den Leser in seinen Schlüssen und Beobachtungen einen Schritt voraus, als er in seinem ersten Fall den verdächtigen Tod von Emily Inglethorp untersucht.

Die „Zutaten“ des Krimis sind mittlerweile echte Klassiker:
Das Setting des Romans ist typisch für diese Art Kriminalliteratur: Die Akteure kommen auf einem englischen Landgut zusammen bzw. der Mord ereignet sich dort. Man könnte der Autorin u. U. vorwerfen, dass die einführenden Kapitel, in denen Hastings sich auf Styles einrichtet, etwas langatmig sind, allerdings dienen sie auch dazu, den Leser mit den Akteuren und möglichen Motiven bekannt zu machen; sie legen gewissermaßen das Fundament seiner Ermittlungsarbeit.
Der begrenzte Kreis der Verdächtigen setzt sich aus stereotypen Charakteren mit den üblichen Motiven zusammen: Der offensichtlichste Verdächtige ist Alfred Inglethorpe, der böse, geldgierige Ehemann der alten Dame, der mit seinem schwarzen Bart und seiner hochmütigen Art nicht gerade die Sympathien seiner neuen Familie gewonnen hat. Erst vor wenigen Monaten ist er wie aus dem Nichts aufgetaucht, wurde zuerst ihr Sekretär und hat die reiche Dame dann recht schnell erobert. Nicht nur die Bewohner von Styles sind fest davon überzeugt, dass er hinter dem Giftmord steckt.
Weitere Verdächtige sind ihre beiden Stiefsöhne John und Lawrence, deren Vater in zweiter Ehe mit Emily verheiratet war und ihr bei seinem Tod Wohnrecht auf Lebenszeit zugestanden hat sowie den größten Teil seines Vermögens – wollen die beiden endlich die missliebige Stiefmutter loswerden?
Dann wäre dann noch die ruppige Haushälterin Evelyn Howard, die erst wenige Tage zuvor nach einem bösen Streit von Mrs Inglethorpe entlassen worden ist, nachdem sie dieser ganz offen von ihrem Verdacht erzählt hat: dass Alfred Inglethorpe nur ein Erbschleicher ist und eine Affäre mit der Ehefrau eines örtlichen Farmers hat.
Und last but not least Cynthia, die im Nebenzimmer angeblich nichts von dem Todeskampf mitbekommen hat und an ihrem Arbeitsplatz in der Apotheke des Krankenhauses Zugang zum Giftschrank hat.
Auch das Ende des Romans bietet etwas, das für Christie-Romane oder für die klassische Kriminalliteratur allgemein sehr typisch ist: Alle Verdächtige werden noch einmal am Ort des Geschehens zusammengerufen, und dann legt der Detektiv/Kommissar den Fall in allen Einzelheiten dar – und enthüllt den wahren Täter.
Einzig die Durchführung des Mordes stellt den Leser – und die Behörden – vor ein Rätsel. Zwar ist dem Leser bereits vor dem Mord klar, wie dieser ausgeführt werden wird – die Bewohner des Gutes unterhalten sich über Giftmorde -, aber dennoch ist die Durchführung nicht so unproblematisch wie gedacht, denn das gefundene Strychnin hätte die Dame bereits kurz nach der Einnahme töten müssen und nicht erst in den Morgenstunden. Die Auflösung des Rätsels ist der einzige Wermutstropfen für mich: Hier verfügt Poirot über ein Zusatzwissen, das weder Ich-Erzähler Hastings noch die Polizei, geschweige denn der Leser besitzt (außer er ist Chemiker bzw. Apotheker) und das es Letzterem im Grunde unmöglich macht, das Rätsel vollständig zu lösen.

Mein Fazit: „Das fehlende Glied“ lässt schon erahnen, dass Agatha Christie einmal eine großartige Kriminalschriftstellerin werden würde – wie sehr, das können wir heute vermutlich nicht mehr beurteilen, da wir durch die unzähligen Kriminalfilme und -romane schon entsprechend „konditioniert“ sind und eine gewisse Erwartungshaltung an das Schema dieses Genres haben. Der Roman macht definitiv Lust, weitere Romane der Schriftstellerin zu lesen.

 

 

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Ethan Cross: Ich bin der Zorn (Shepherd #4)

Ethan CrossIn der hochmodernen Strafanstalt Foxbury Correctional Treatment Facility in Arizona kommt es zu einem blutigen Amoklauf, als einer der Wärter scheinbar wahllos vier Insassen erschießt und dann selbst Opfer eines Bombenanschlags wird.
Das ruft Bundesermittler Marcus Williams und die Shepherds auf den Plan. Rasch findet er heraus, dass der Wärter von einem psychopathischen Killer erpresst wurde, der sich selbst Judas nennt und die Ehefrau sowie den Sohn des Wärters entführt hat. Um die Identität des Judas-Killers aufzudecken, tut Marcus sich erneut mit seinem Bruder Francis Ackerman jr. zusammen, dem berüchtigtsten Serienkiller der Gegenwart: Marcus ermittelt außerhalb der Gefängnismauern, Ackerman jr. undercover unter den Häftlingen.
Was beide nicht ahnen: Der Judaskiller verfolgt weitaus größere Ziele als nur ein paar Morde …

„Ich bin der Zorn“ ist Band 4 der Shepherd-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross aka Aaron Brown und erneut ein spannender und steckenweise angesichts der brutalen Misshandlungen und Folterungen verstörender Pageturner.
Allerdings erschwert der Autor es dem Leser ein wenig, in die Handlung hineinzufinden bzw. der Handlung zu folgen, da in diesem Buch deutlich mehr Handlungsstränge parallel verlaufen als bei den Vorgängern. Dieses Mal wird die Geschichte aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt, da das Team um den Director der Shepherd-Organisation relativ wenig gemeinsam agiert. Einen Großteil der Zeit ermitteln die Einzelnen entweder allein oder in kleineren Teams. Hinzu kommt, dass vor allem der Director, Marcus und Maggie mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat, die ebenfalls Raum einnehmen. Diese ständigen Perspektivwechsel führen leider dazu, dass viele der Stränge bzw. Charaktere nicht wirklich Tiefgang bekommen.

Auch für “ Ich bin der Zorn“ gilt wieder: Nur selten stolpert man in Krimis oder Thrillern über so „sympathische“ Serienkiller mit einem so hohen Unterhaltungswert wie Francis Ackermann junior. Weiterhin wird er von der Überzeugung getrieben, dass eine höhere Macht ihn und seinen Bruder Marcus zusammengeführt hat. Er hat sich aus Zuneigung zu seinem Bruder den Behörden gestellt und sitzt jetzt in einem Hochsicherheitsgefängnis ein (eines von der Sorte, die es offiziell gar nicht gibt). Um Buße zu tun, verspricht er Marcus, niemanden mehr zu töten, und erklärt sich bereit, die Shepherds in ihren Nachforschungen zu unterstützen. Gott sei Dank entwickelt er sich aber nicht zu einem kuscheligen Bären, sondern bleibt weiterhin der blutrünstige Killer, der die Gier nach Blut und Folter verspürt und dem es Spaß macht, andere Verbrecher mit allen Mitteln zur Stecke zu bringen. Durch seine ganz besondere Einsicht in die Psyche der Menschen und vor allem von Kriminellen ist ihm schon relativ früh klar, was hinter den Mauern der Strafanstalt vor sich geht. Der kleine Cliffhanger am Ende des Buches (bzw. die bereits erhältliche Inhaltsangabe von Band 5) geben schon einen Hinweis darauf, wer der nächste Gegner sein wird, und allein die Vorstellung, welche … Abenteuer Ackerman jr. erwarten … Hach.
Zweiter Protagonist ist logischerweise sein Bruder Marcus Williams. Dieser ist nicht nur auf der Jagd nach dem Janus-Killer, sondern erforscht – damit verbunden – auch die Hintergründe des Amoklaufs, sucht nach entführten Personen, nimmt gezwungenermaßen mit unterschiedlichen Akteuren an den kranken Spielchen des Entführers teil – und versucht gleichzeitig mehr schlecht als recht, sich um seinen Sohn Dylan zu kümmern. Weiterhin wird er von einem starken inneren Konflikt getrieben: Einerseits sieht er es als seine Aufgabe an, Verbrecher, die die Polizeitbehörden nicht fassen kann, zur Strecke zu bringen; andererseits ist er sich bewusst, dass er Sohn und Bruder von psychopathischen Serienkillern ist – und fragt sich, ob er diese Veranlagungen ebenfalls in sich trägt.
In weiteren wichtigen Handlungssträngen folgt man dem Director, der ein ehemaliger Kollege des Gefängnisdirektors ist. Marcus‘ Kollege Andrew fungiert ebenfalls als Akteur in unterschiedlichen Szenen. Und Maggie, Marcus On-and-Off-Freundin, ist auch mit von der Partie. Des Öfteren ist sie gezwungen, enger als die übrigen Mitglieder des Teams mit Ackerman zusammenzuarbeiten, was ihr zum einen ein Dorn im Auge ist, andererseits zögert sie aber in Notsituationen nicht, ihn zu bitten, seine ganz speziellen Fähigkeiten einzusetzen. Dass Ackerman sie wiederholt – wenn auch leicht ironisch-amüsiert – „kleine Schwester“ nennt, macht deutlich, dass auch sie für ihn zur Familie gehört. Was ihn wiederum dazu veranlasst, ihr seine Hilfe anzubieten, was die Jagd nach dem Mörder ihres Bruder angeht … falls dieser überzeugt ermordet wurde!
Die Perspektive des Antagonisten fließen am stärksten durch Tagebucheinträge ein, in der der Janus-Killer von seiner Kindheit und Jugend erzählt und gleichzeitig auch seine Beweggründe festhält. Und wie Ackerman ist auch er ein Mensch, dem die Kindheit von einem Übervater genommen wurde. Auch bei ihm waren Gewalt und Liebesentzug an der Tagesordnung, was auch in seinem Fall ein gewisses (aber nur ein Stückchen) Mitgefühl weckt. Der Leser weiß zwar, dass sich hinter dem Judas-Killer ein Mann namens Dmitri Zolotov verbirgt, aber hinter welchem der zahllosen Verdächtigen sich dieser schlussendlich verbirgt, ist lange Zeit unklar.
An dieser Stelle hat sich meines Erachtens ein kleiner logischer oder erzählerischer Fehler eingeschlichen. Janus nimmt im Buch ein relativ unspektakuläres Ende (no Spoiler), aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass ein derart von Zorn getriebener hochintelligenter Krimineller, der alles bis ins Kleinste plant, auf die beschriebene Weise von der „Bühne“ abgeht …
An dieser Stelle möchte ich auch Demon nicht unerwähnt lassen, der ein alter Meisterverbrecher und Kopf einer professionellen Organisation sowie interessanter Gegenspieler der Leute von Shepherd ist. Er bietet seine Dienste (bzw. die seiner Organisation) anderen Verbrecher an – was ihn auch nach Foxbury geführt hat. Demon ist im wahrsten Sinne des Wortes Legion, dem er leidet unter Wahnvorstellungen und hat eine ganz eigene Sicht der Realität. Verfolgt wird er von unzähligen Dämonen, die es ihm erschweren, die realen Ereignisse von seinen wahnsinnigen Visionen zu unterscheiden – und dem Leser geht es dabei nicht anders. Das eine oder andere Mal habe ich mich wirklich gefragt, ob Demon wirklich gerade das tut oder erlebt, was aus seiner Sicht beschrieben wird – oder ob es sich auch dabei um Wahnvorstellungen handelt …

Mein Fazit: Cross hat einfach zu viel in diesen Roman hineingepackt, wodurch man so viele separate Handlungsstränge hat, dass es dem Autor schwerfällt, die Spannung aufrecht zu erhalten – und dem Leser, nicht den Überblick zu verlieren. Weiterhin geht dies ebenfalls auf Kosten einer glaubwürdigen Charakterzeichnung; hier hätte ich mir mehr Tiefgang für die Hauptakteure Ackerman und Marcus gewünscht.

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Ethan Cross: Ich bin der Schmerz (Shepherd #3)

Die Medien nennen ihn den „Anstifter“, und das Spiel, das er spielt, ist besonders perfide: Zuerst entführt er die Familie eines unbescholtenen Mannes, bevor er diesem befiehlt, einen anderen Menschen zu töten. Weigert sich der Erpresste, werden seine Lieben zerstückelt, begeht er die Untat, erhält er seine Familie wohlbehalten zurück. Nur die Shepherd Organization kann den Killer zur Strecke bringen.
Auf der Jagd erhalten Marcus Williams und sein Team Hilfe von Marcus‘ Bruder, dem Serienkiller Francis Ackerman jr. Marcus und Francis sind besonders motiviert, den Verbrecher zur Strecke zu bringen, denn hinter dem mysteriösen Anstifter verbirgt sich ihr Vater. Der, der Francis zu dem gemacht hat, was er ist: ein seelenloser Serienkiller …

„Ich bin der Schmerz“ ist Band 3 der Shepherd-Reihe und wieder ein echtes Highlight! Diese Reihe hat sich zu einer meiner Lieblingsserien entwickelt – und von denen habe ich nicht viele. In erzählerischer Hinsicht gilt für dieses Buch, was auch bereits für seine Vorgänger galt: Es ist spannend und actionreich und durch die kurzen Kapitel und die damit sehr oft verbundenen Perspektivwecksel erhält die Geschichte einen besonderen Drive, sodass man auch die Verfilmung schon vor sich sehen kann (könnte bitte jemand die Filmrechte kaufen!). Durch die kurzen Kapitel und die Perspektivwechsel gibt es auch hier wieder viele kleine Cliffhanger, und es gibt wieder Plottwists, die man (vermutlich) nicht kommen sah. Es geschehen zahllose Verbrechen, Morde, Menschen werden misshandelt und gefoltert – aber die Beschreibungen sind zu keinem Zeitpunkt allzu anschaulich und detailliert. Obwohl es im Buch natürlich einen Bösewicht auf der einen und die „Helden“ auf der anderen Seite gibt, gibt es keine Schwarzweißmalerei. Oder um es mit meinem „Lieblingshelden“ Francis Ackerman jr. zu sagen: „Mein Junge, wenn du älter und klüger bist, wirst du erkennen, dass auf dieser Welt wenige Dinge nur schwarz und nur weiß sind. Wie so viele erhabene Vorstellungen ist der Unterschied zwischen Gut und Böse oft nur eine Frage der Sichtweise“ (S. 430). Wieder geht Ethan Cross der Frage nach, inwiefern man ein Produkt seiner Gene oder seiner Umwelt ist – und am Beispiel von Ackerman jr. zeigt er wieder und wieder, dass es oft auch einfach eine Entscheidungssache ist: Will ich meinem inneren Bedürfnis nachgeben oder will ich mich so verhalten, wie mein Verstand es mir sagt?

Hinsichtlich der Charakterzeichnung der Protagonisten gibt es wieder deutliche Weiterentwicklungen: Marcus Williams versinkt zunehmend in Depressionen; er leidet sehr darunter, dass er einerseits Menschen helfen und Verbrecher zur Strecke bringen will. Andererseits weiß er aber auch, dass er der Sohn eines wahnsinnigen Psychologen/Psychopathen und Serienmörders ist – der seinen (Marcus‘) älteren Bruder gequält und gefoltert und ebenfalls zu einem kalten Serienmörder gemacht hat. Immer wieder sieht er sich vor der Frage, ob er wirklich zu den Guten gehört oder ob er nicht auch die Veranlagung zum Killer in sich trägt. Diese Entwicklung war zwar nachzuvollziehen, machte ihn aber zunächst einmal zu einem wenig sympathischen Helden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihm im Roman etwas Schreckliches zustößt (no Spoilers). In dieser Situation ist es gerade sein Bruder Francis, der ihm deutlich macht, dass die Schuld für viele seiner Probleme nicht bei ihm liegen, sondern bei seinem Vater (Ackerman senior), und dass es auch nach den schrecklichsten Taten noch die Möglichkeit gibt, Buße zu tun.

Überhaupt: Francis Ackerman jr. ist auch in diesem Buch wieder die spannendste Figur. Und auch die Figur mit den humorvollsten Zitaten (wenn man denn einen schwarzen Sinn für Humor hat):

„Oh ja, du trittst für den kleinen Mann ein. Es sei denn, du ermordest ihn im Schlaf.“
„Ich habe noch nie jemanden im Schlaf ermordet. Ich wecke sie vorher immer auf …“
(S. 26)

Ackerman dachte nach, dann hob er die Hände. „Na schön, du hast gewonnen. Ich gehöre dir, Bruder. Aber fass den Kinderwagen nicht an. Ist ’ne Bombe drin.“
„Eine Bombe in einem Kinderwagen. Auf so etwas Perverses kannst auch nur du kommen.“
Ackermans Lächeln kehrte zurück. „Wenigstens habe ich vorher das Baby rausgenommen.“
(Seite 48)

Nachdem ihm sein Bruder verraten hat, dass der gemeinsame Vater (Ackermann sr.) noch am Leben ist, lässt er sich bereitwillig festnehmen, um der Shepherd Organization bei der Jagd nach ihm zu unterstützen. Doch die CIA hat ein Sonderkommenado auf Ackerman jr. angesetzt, dass seine Aufgabe etwas zu genau nimmt – sodass man sich das eine oder andere Mal wirklich fragt, ob hier Ackerman tatsächlich der Böse ist oder ob nicht vielmehr die Regierungsvertreter die eiskalten Killer sind. Immer wieder wird dies deutlich – besonders, als Maggie (Marcus‘ Kollegin und Freundin) sich mit Francis auf einen Roadtrip begibt, um den Großvater der beiden Männer und Hinweise auf den Verbleib von Ackerman sr. zu finden. Gejagt werden sie dabei von den Männern des Sonderkommandos, denen es egal ist, wer Opfer ihrer Jagd wird. Und es ist ein Vergnügen, Ackerman hier in Aktion zu erleben, wie er einen nach dem anderen ausschaltet. Wer hätte in Band 1 Ich bin die Nacht erwartet, dass man irgendwann einmal auf der Seite des Antagonisten steht und hofft, dass er überlebt?!  Das gilt sowohl für seine Interaktion mit Maggie, die ihn einerseits hasst, weil er ein Serienmörder ist und ihre Familie von einem anderen Serienmörder umgebracht wurde – und weil er damit zu denen gehört, die sie gemeinsam mit der Shepherd Organization zur Strecke bringt. Aber es gilt vor allem für seine Interaktion mit seinem Bruder Marcus, für den er eine echte Zuneigung empfindet. Und für den er auch bereit ist, das Morden einzustellen. Mehrere Male steht er im Verlauf der Handlung an einem Scheideweg und muss entscheiden, ob er seinen Trieben/seiner Konditionierung folgt oder ob er diese zugunsten anderer (Dinge) zurückstellt. Und wieder und wieder entscheidet er sich für die Buße, die Wiedergutmachung. Ackerman rocks!

Mein Fazit: Mehr davon! Und her mit Band 4: Ich bin der Zorn. Es ist nicht zu viel verraten, wenn ich sage, dass Ackerman jr. hier stärker mit der Shepherd Organization zusammenarbeitet und seine ganz speziellen Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen kann.