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Annis Bell: Die Orlow-Diamanten (Lady Jane #3)

Lady Jane und ihr Mann Captain David Wescott freuen sich auf ihre Reise nach Indien. Das Gepäck ist schon an Bord, am nächsten Morgen soll das Schiff in See stechen. Doch dann werden in London die berühmten Orlow-Diamanten gestohlen und ihr Besitzer, der russische Attaché Orlow, fällt einem heimtückischen Mord zum Opfer. Rasch verhaftet man einen ersten Verdächtigen: Es ist ausgerechnet Wescotts Diener Levi, der regelmäßigen Kontakt zu russischen Emigranten-Kreisen hatte und mit einem blutigen Mantel angetroffen wurde. Notgedrungen verschieben Lady Jane und der Captain ihre Reise, um Levi zu entlasten und an der Aufklärung des Falles mitzuwirken.
Als David plötzlich selbst unter Verdacht gerät, stellt Lady Jane sich mit dem ihr eigenen Selbstbewusstsein der Aufgabe, ihren Mann aus seiner schwierigen Lage zu befreien. Doch alles scheint sich gegen sie verschworen zu haben. Die Suche nach dem wahren Drahtzieher des Mordes von London zwingt sie zur Flucht und führt sie mitten in die revolutionären Kreise von St. Petersburg …

„Die Orlow-Diamanten“ ist Band 3 der Reihe um die unkonventionelle Lady Jane und mein absoluter Favorit der Reihe. Während Janes Recherchen zu den Kriminalfällen der beiden anderen Romane „Die Tote von Rosewood Hill“ (Band 1) und „Die schwarze Orchidee“ (Band 2) von ihrem Mitgefühl (und ihrer Abenteuerlust, ähm, Wissbegierde) angetrieben werden, steht in diesem Buch ihr Ehemann David Wescott im Zentrum des Geschehens.

Wieder liefert Bell einen sehr gut recherchierten Roman ab. Man bekommt als Leser zumindest einen kleinen Einblick in das politische Geschehen dieser Zeit, vor allem natürlich in die komplexen, fragilen Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland nach Beendigung des Krimkriegs sowie in die gesellschaftlichen Umwälzungen in Russland nach der Abschaffung der Leibeigenschaft durch Zar Alexander II. Und hier wird auch sehr schön erklärt, inwiefern auf das Ende dieser Leibeigenschaft (für Bauern) keine echte Freiheit folgte, sondern eine verschärfte wirtschaftliche Abhängigkeit, da die Bauern die Grundherren für die „Überlassung“ von Grund und Boden finanziell entschädigen mussten; auf diese Weise gerieten sie in eine schreckliche Schuldenfalle.

Auch der Kriminalfall an sich ist wesentlich komplexer als in den beiden Vorgängerbänden. Während in Band 1 relativ schnell klar war, wer hinter den Ereignissen um die verschwundenen Waisenkinder steckte, oder in Band 2 der Kreis der Verdächtigen relativ überschaubar war, steht der Leser in Band 3 genauso ratlos vor den Verbrechen wie die Protagonisten selbst: Ist Wescotts Diener Levi Atalay wirklich am Diebstahl der Diamanten und der Ermordung des Botschafters beteiligt oder verbrachte er den Abend wie üblich im Kreise anderer Exilrussen? Wer versucht, David Wescott die Tat in die Schuhe zu schieben? Steckt Devereaux dahinter, der dank der Nachforschungen von Jane und David sein Vermögen verloren hat und ins Ausland fliehen musste – und jetzt auf Rache sinnt (nachzulesen in Band 1)? Sind es Davids englische Feinde, die ihm noch für seine Rolle im Krimkrieg grollen – dass er gegen seinen Vorgesetzten ausgesagt hat? Oder stecken vielleicht alte russische Feinde dahinter, die aufgrund seiner Rolle als Geheimermittler im Krimkrieg noch eine Rechnung mit ihm offen haben? Wem können Jane und David noch trauen? Wer wird sich als Feind entpuppen – und welcher vermeintliche Feind ist vielleicht doch ein Freund? Viele dieser Fragen werden erst zum Ende der Geschichte hin geklärt, was die Spannung bis zur letzten Seite aufrechterhält.

Auch die Beziehung zwischen David und Jane entwickelt sich im Laufe des Romans weiter. Es kommt hin und wieder zum Streit (gewöhnlich in Situationen, in denen David seine Frau vor einer Gefahr bewahren will, diese aber weiterhin ihren Kopf durchsetzen möchte), die beiden haben ihre Launen, aber statt dass die Autorin diese Missverständnisse oder „atmosphärischen Störungen“ über Kapitel hinzieht, wie viele Autoren dies tun, schenkt Annis Bell ihren Figuren die nötige Einsicht. Einer – oder beide – gibt nach, man räumt Missverständnisse aus dem Weg und spricht sich aus. Die beiden gestehen sich auch ihre Liebe (was jetzt nicht wirklich eine Überraschung ist).
Aber dennoch bleiben viele Aspekte ungeklärt: Jane ahnt, dass David nicht nur unter den schrecklichen körperlichen Verletzungen leidet, die er während des Krimkrieges erlitten hat, sondern dass es zum einen noch Erlebnisse gibt, die er vor ihr verbirgt, und dass er zum anderen noch ein Stück weit unter dem leidet, was man heute wohl als PTSD bezeichnen würde. Da sie ihn liebt, leidet sie sehr darunter – und nimmt es ihm auch übel -, dass er sich ihr nicht (weiter) öffnet. Dass es ihr auch nicht gelingt, hinter den Drahtzieher der Verschwörung zu kommen, erschüttert darüber hinaus zutiefst ihre Selbstsicherheit, ihren Glauben an das Gute und ihre immer präsente Hoffnung, dass es für alle Probleme eine Lösung gibt.
Im Gegenzug steht David, der aufgrund von Erfahrungen in Kindheit und während des Krieges nicht mit einem solchen Optimismus gesegnet ist wie Jane, kurz davor aufzugeben, als sich die Schlinge immer weiter zuzieht. Er bleibt auch zunächst emotional stärker auf Distanz, um es Jane zu erleichtern, sich neu zu binden, sollte ihm etwas zustoßen oder er sich von ihr trennen (müssen). Damit ist David ein ausgesprochen wohltuender Protagonist: Er ist weder besonders schön noch charmant oder heldenhaft – er hat Stärken und Komplexe wie jeder von uns, was ihn für mich zu einem sehr sympathischen, alles andere als übermenschlichen Helden macht. Und er enthält Jane viele Informationen oder Erfahrungen vor, um nicht auch sie mit den Dämonen der Vergangenheit zu belasten.
Und am Schluss der Geschichte steht dann für jeden von ihnen die Erkenntnis, dass schlimme (noch schlimmere) Dinge hätten geschehen können, wenn sie nicht auf die selbstlose Hilfe und Freundschaft von einigen Menschen hätten bauen können, von denen sie teilweise nicht einmal gewusst haben, dass sie existieren.

Dennoch bleiben viele Fragen auch noch ungeklärt, von denen ich in einer hoffentlich bald erscheinenden Fortsetzungen Antworten erhoffe: Warum ist die Beziehung zwischen David Wescott und seinem Vater so zerrüttet? Was hat es mit seiner russischen Mutter auf sich? Werden sie Devereaux fangen und seiner gerechten Strafe zuführen?

Zwei kleinere Kritikpunkte hatte ich am Roman, jedoch betreffen diese nicht die Story oder die Erzählkunst der Autorin, sondern die Gegebenheiten vor Ort in St. Petersburg: Zweimal wird der Zar von russischen Bürgern als „Kaiser“ bezeichnet. Das halte ich eher für unwahrscheinlich. Dann begibt sich Lady Jane in der Kutsche zu einem Haus in der Nähe des Bahnhofs Zarskoje Selo (Zarendorf), um sich dort mit Revolutionären zu treffen. Zarskoje Selo befindet sich jedoch ca. 25 km von St. Petersburg entfernt. Dass sie „mal eben“ mit der Kutsche dorthin fährt (im Jahre 1861), halte ich eher für unwahrscheinlich.

Mein Fazit: Der beste Band aus der Reihe um Lady Jane. Ich hoffe sehr, dass die Autorin uns noch eine Fortsetzung schenkt!

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Annis Bell: Die schwarze Orchidee (Lady Jane #2)

bell-lady-jane2November 1860: Nach einem turbulenten Start in eine unerwartet glückliche Ehe mit Captain Wescott hat Lady Jane keineswegs vor, sich in die Rolle der braven Ehefrau zu fügen.
Nachdem sie ein Hilferuf in Form eines Briefes erreicht, reist Jane kurz entschlossen zu ihrer Freundin Lady Alison. Diese ist nach Northumbria zur ihrer Cousine Charlotte gereist, die mit dem exzentrischen Orchideenzüchter Sir Fredrick Halston verheiratet ist und abgeschieden in einem düsteren Herrenhaus lebt. In Winton Park, wie das Gut heißt, fallen merkwürdige Dinge vor, die darin gipfeln, dass eines der Dienstmädchen tot im Moor aufgefunden wird. Obwohl auch die Möglichkeit besteht, dass Alison in Gefahr ist, will sie ihre Cousine nicht verlassen. Und sie kann es auch gar nicht, da sie ein weiteres Kind erwartet und die Schwangerschaft nicht ohne Komplikationen verläuft.
David Wescott findet unterdessen heraus, dass Orchideenzüchter alles andere als harmlos sind. Als dann auch noch ein Gärtner einer der berühmtesten Orchideenhändler Londons ermordet wird, hat der Captain alle Hände voll zu tun, seiner Frau bei der Aufklärung der Todesfälle zu helfen. Und es scheint um viel mehr zu gehen als nur um eine seltene schwarze Orchidee …

„Die schwarze Orchidee“ ist der zweite Band um die abenteuerliche Lady Jane (Band 1: Die Tote von Rosewood Hall). Der Roman spielt im viktorianischen England, ist der Gattung der Cozy Mystery zuzurechnen und meines Erachtens besser geschrieben als der erste Band. Wenn David Wescott auf der Suche nach den Schuldigen durch das ärmliche London schleicht, wenn er Verbrechern und Straßenkindern begegnet, dann meint man beinahe, dies vor sich sehen zu können. In dieser Hinsicht hat der Roman definitiv qualitativ hinzugewonnen. Die Geschichte an sich bzw. der Kriminalfall an sich ist auch weitaus komplexer als „Die Tote von Rosewood Hall“ und nicht so leicht zu durchschauen.
Lady Jane ist in diesem zweiten Buch weiterhin eine überaus sympathische Heldin. Sie ist sehr selbstbewusst und wissbegierig (neugierig? 😉 ) und lässt sich auch von ihrem eigenen Mann nichts vorschreiben, ohne jedoch übertrieben emanzipiert zu sein oder auch nur den Eindruck zu vermitteln, dass sie seine Unterstützung überhaupt nicht benötigt oder nur ungern annimmt. Sie leidet etwas unter der Rolle, die sie als Frau in der Gesellschaft auszufüllen hat, und lässt sich von ihrem großen Herzen immer wieder zu gefährlichen Aktionen verleiten, wenn sie auch nie auf eine Weise aus ihrer Stellung ausbricht, die ihr die Missachtung der Gesellschaft einbringen würde:

Ihre Verärgerung war im Grunde nichts weiter als Eifersucht auf Davids ausgefülltes Leben. Während er sich mit interessanten Menschen traf und politische Probleme diskutierte, durfte sie sich um Haushaltsfragen kümmern und langweilige Besuche bei gelangweilten Damen machen.

Ihr Mann lässt sich auch nur allzu gern auf ihre kriminalistischen Bestrebungen ein, selbst wenn er weiß, dass seine Frau ihn manipuliert und ihren Kopf durchzusetzen versucht. Er selbst arbeitet für den königlichen Geheimdienst, zögert aber nicht, alles stehen und liegen zu lassen, um seiner Frau zur Seite zu stehen. Und dafür liebt sie ihn zutiefst – und David sie ebenfalls, etwas, mit dem keiner der beiden gerechnet hat, als sie ihre Vernunftehe eingegangen sind.

Die übrigen Personen bleiben etwas blass. Da ist Sir Frederick, der zwar in zweiter Ehe mit einer jungen, schwächlich und krank wirkenden Frau verheiratet ist, mit der er auch zwei Kinder hat, dessen Herz aber im Grunde nur an seinen Orchideen hängt. Die Gouvernante der Kinder, Miss Molan, die als Einzige mit dem ungezogenen Sohn der Familie zurechtzukommen scheint. Und natürlich Janes Freundin Alison, die aufgrund von Schwangerschaftsproblemen gezwungen ist, das Bett zu hüten und leider nur dazu dient, unsere Protagonistin in den Norden zu führen und auf die Spur des Kriminalfalles zu bringen – und natürlich auch den Vorwand liefert, warum Jane nicht wieder abreisen kann.

Ein großes Plus des Buches ist die Parallelhandlung, die aus Briefen bestehen, welche Sir Frederick von seinem Orchideenjäger Derek Tomkins erhält. Dieser ist in Kolumbien auf der Suche nach der sagenumwobenen schwarzen Orchidee und schildert seinem Arbeitgeber seine Abenteuer, Herausforderungen und Erfolge. Während man zunächst annimmt, dass diese Passagen nur Sir Fredericks Obsession mit Orchideen veranschaulichen sollen oder dass die Orchideenjagd damals ein lukratives, aber äußerst gefährliches Unterfangen war, stellt sich am Ende heraus, dass doch alles ganz anders ist als angenommen. Aber mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Mein Fazit: Unterhaltsamer kleiner Krimi mit zwei überaus sympathischen Protagonisten. Mir persönlich hat er Lust auf Band 3 gemacht.

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Annis Bell: Die Tote von Rosewood Hall

Rosewood Hall, Februar 1860: Lord Henry Pembroke hat sich alle Mühe mit der Ausrichtung eines Balls für seine geliebte Nichte Lady Jane in Rosewood Hall gegeben. Auf der Gästeliste stehen die begehrtesten Junggesellen der Londoner Gesellschaft, denn der Lord möchte die Zukunft seiner Nichte, die für ihn wie eine Tochter ist, gesichert wissen. Er ist sich bewusst, dass er nicht mehr lange zu leben hat und dass sein einziger Sohn und dessen geldgierige Ehefrau Jane entweder an den nächstbesten „verhökern“ oder auf die Straße setzen werden.
Doch der Abend nimmt einen gänzlich anderen Verlauf als geplant …
Ein schwer verletztes Mädchen stolpert in der winterlichen Ballnacht durch den Park von Rosewood Hall und wird von Lady Jane entdeckt. Jane, eine unkonventionelle und selbstbewusste junge Frau, bringt die Namenlose im Wintergarten unter. Mit ihrem letzten Atemzug bittet die Sterbende Jane darum, ihre Freundin Mary zu finden und vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Das Schicksal der gequälten Kreatur geht Jane nah, und sie verspricht, zu helfen.
Unerwartete Unterstützung findet Jane durch Captain David Wescott, einen verschwiegenen, eher düster wirkenden, aber auch attraktiven Mann. Dieser unterbreitet Jane jedoch auch ein Angebot: Da er der dritte Sohn eines einflussreichen Adligen ist, hat der ehemalige Offizier weder Erbe noch Titel zu erwarten. Da Jane einen Titel und einflussreiche Freunde hat, bietet er ihr einen Handel ein: Als seine Ehefrau wird sie weiter ihre Freiheiten (und auch ihr Vermögen) genießen können, soll ihn aber im Gegenzug zu Empfängen begleiten und den gesellschaftlichen Rahmen für Treffen mit Geschäftsfreunden gestalten.

„Die Tote von Rosewood Hall“ ist Band 1 der bislang dreiteiligen Serie um Lady Jane. Der Roman spielt im viktorianischen England, ist der Gattung der Cozy Mystery zuzurechnen und durchaus gut geschrieben. Nachdem ich es begonnen hatte, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Natürlich ist die Geschichte an sich relativ durchschaubar, wenn man schon viele Krimis gelesen hat. Aber nichtsdestotrotz versteht es die Autorin, zwei Handlungsstränge glaubwürdig zu schildern. Zum einen die Geschichte um Jane, ihre Ehe mit dem mysteriösen David Wescott und der Suche nach Mary, zum anderen die Ereignisse um Mary (aus Marys Sicht), ihre Zeit im Waisenhaus – und das, was danach geschieht. Es gibt zwar eine Handvoll Stellen, an denen der Roman sprachlich ausgebessert werden könnte, aber im Großen und Ganzen gelingt es Bell, Cornwall, das Waisenhaus oder auch das viktorianische London vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden zu lassen.
Das Buch hat trotz „schwerer“ Themen (Morphiumsucht, Kinderhandel bzw. Missbrauch/Misshandlung von Kindern) auch einen feinen Humor, der den Leser immer wieder zum Schmunzeln bringt:

Die Kutsche schien ihr viel zu klein, und die Luft war drückend, aber das lag an dem Korsett, das Hettie ihr heute viel zu eng geschnürt hatte.
„Du siehst sehr schön aus, Jane.“
Sie warf ihm unter gesenkten Lidern einen ärgerlichen Blick zu. „Ich bekomme zwar kaum Luft, aber danke. Falls ich in Ohnmacht zu fallen drohe, darfst du mir Riechsalz verabreichen.“

Einige Kritikpunkte hätte ich jedoch in erzählerischer (inhalticher) Hinsicht: Die Ereignisse um Janes geldgierigen Vetter Matthew wurden m. E. ein wenig schnell abgehandelt bzw. oberflächlich behandelt. Matthew erbt nach Henry Pembrokes Tod Titel und Besitztümer und versucht unter den Einflüsterungen seiner Ehefrau auch,  in den Besitz eines Hauses in Cornwall zu gelangen, das Jane von ihren verstorbenen Eltern geerbt hat. Im Roman schreibt er Jane einen Brief, in dem er von alten Schuldbriefen ihres Vaters berichtet und ihr deutlich macht, dass das Gesetz auf seiner Seite ist. Jane beschließt daraufhin, ihn auf ihrem Weg nach London aufzusuchen und noch einmal mit ihm zu reden. Doch dieses Ereignis fehlt oder besser gesagt, es wird mit dem schlichten Hinweis abgehandelt, dass sie dies tut – mehr wird nicht berichtet. Da die „Verschwörung“ des Vetters zu Beginn des Buches eine relativ wichtige Rolle spielt und Jane auch in ihrem Entschluss bestärkt, David Wescott zu heiraten, wirkt es wenig befriedigend, dass er im weiteren Verlauf (mit Ausnahme des Briefes) nicht mehr auftaucht.
Weiterhin gibt es auch eine widersprüche Information über David Wescott. Als Janes Freundin Allison ihr diesen (aus der Ferne) vorstellt, erklärt sie, er sei der zweite Sohn des Duke of St. Amand; Lord Henry hingegen berichtet ihr, er sei der dritte Sohn des Duke. Hier scheint der Autorin ein Fehler unterlaufen zu sein, denn ich glaube nicht, dass einer der beiden sich seiner Sache nicht sicher ist. Lord Henry kennt David schon sehr lange – und eine Frau, die einen Ehemann für ihre Freundin sucht, ist erfahrungsgemäß besser über dessen sozialen Status informiert als die NSA über ihre Staatsfeinde. 😉
Ein dritter Kritikpunkt inhaltlicher Art hängt mit folgender Aussage zusammen: „… je öfter Jane inszwischen die Einheimischen sprechen hörte, desto überzeugter war sie, dass Rosie aus dieser Region stammte.“ Da „Rosie“ im Sterben lag und nicht viel gesprochen hat und darüber hinaus nicht in Cornwall, sondern einem anderen County aufgefunden wurde, ist es wenig wahrscheinlich, dass Jane ihre Herkunft kennt. Ganz zu schweigen davon, dass es im Roman auch in Cornwall eine gefühlte unendliche Anzahl an Waisenhäusern zu geben scheint … Zweifellos wird dieser Hinweis nur aus dramaturgischen Gründen eingefügt, denn er muss die Handlung in Gang bringen und Jane ihre ersten Abenteuer erleben lassen.

Neben der erzählerischen Qualität ist aber auch die Protagonistin sehr glaubwürdig geschildert. Lady Jane ist sehr klug, neugierig (wissbegierig?), hat viel Charme, weint vielleicht ein wenig zu häufig für meinen Geschmack (zumindest scheint sie in Wescotts Gegenwart ständig in Tränen auszubrechen) und ist selbstbewusst – aber ohne diese „Ich schaff das schon alleine“-Haltung, die oft bei Figuren in historischen Frauenromanen festzustellen ist. Sie ist auch in der Lage, neue Situationen mutig anzupacken, aber das bedeutet nicht, dass sie sich nicht danach sehnt, ihren Mann an ihrer Seite zu haben, dessen Gegenwart ihren Worten oft Nachdruck (und mehr Glaubwürdigkeit) verleihen würde. Natürlich bringt sie sich auch hin und wieder in Situationen, in denen sie ohne Rücksprache mit ihrem Mann handelt und in die Bredouille gerät. Aber viel häufiger findet man im Roman den Hinweis, dass sie ihren Mann um Rat oder Hilfe bitten will: „Doch Jane vertraute ihrem Instinkt, der ihr sagte, dass es für zwei Frauen ohne bewaffneten männlichen Schutz zu gefährlich war, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Es wäre schlichtweg dumm, eine solche Drohung zu ignorieren.“ Das gefiel mir sehr gut, denn ich habe wenig für penetrant selbstbewusste Frauenfiguren übrig, die meinen, mit dem Kopf durch die Wand zu müssen und alles ohne Hilfe schaffen zu können – vor allem, was historische Romane angeht, in denen ein solches Verhalten undenkbar wäre. Außerdem bringt mir Janes Erkenntnis, dass sie hin und wieder Unterstützung braucht, und ihre Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, diese Figur noch viel näher, denn dadurch wirkt sie sehr lebensecht, müssen wir doch auch immer wieder erkennen, dass wir mit unserer Weisheit am Ende sein und die Unterstützung anderer benötigen.
Captain David Wescott bleibt jedoch ein wenig blass – aber ich nehme zugunsten der Autorin einfach einmal an, dass er so lange für die Leser ein Mysterium bleiben wird, wie er das auch für seine Ehefrau ist. Was man in diesem Roman über ihn erfährt, ist, dass er ein praktischer Zeitgenosse ist, der ständig die Augen zusammenzukneifen, böse zu gucken und die Stirn zu runzeln scheint – zumindest wenn er Zeit mit Jane verbringt. 😉 Er gewährt nur wenigen Menschen Einblick in sein Inneres, ihm gehen aber Ehre und Ehrlichkeit über alles. Nachdem seine militärische Karriere zu Ende ist, scheint er nun eine Karriere im Geheimdienst begonnen zu haben, über die wir in den Folgeromanen zweifellos mehr erfahren werden. Dass die beiden Protagonisten zwar ursprünglich nur eine Vernunftehe führen wollen, sich aber doch ineinander verlieben – damit war zu rechnen, und dieser Aspekt der Handlung wird auch durchaus mit viel Fingerspitzengefühl eingeführt. Hier hätte ich mir sogar noch ein wenig mehr „Prickeln“ gewünscht. 😉
Zwei weitere wichtige Figuren sind in dieser Hinsicht auch Janes Zofe Hetty, die ein wenig zu gern dem süßen Konfekt zuspricht, auf den ersten Blick eher furchtsam wirkt, aber durchaus in der Lage ist, sich zur Wehr zu setzen oder Jane zu verteidigen, wenn es darauf ankommt. Ihr „Gegenspieler“ auf Davids Seite ist dessen Kammerdiener (und wohl ehemaliger Adjutant) Blount, der Jane auf Wescotts Anweisung hin immer wieder im Auge behält und aus brenzligen Situationen rettet.

Und in brenzlige Situationen gerät Jane vor allem aufgrund ihrer Suche nach dem Waisenmädchen Mary. Die 11-Jährige lebt (bis zu dessen Flucht gemeinsam mit ihrem Bruder) unter schrecklichsten Bedigungen in einem Waisenhaus – Misshandlungen sind dort an der Tagesordnung. Mary ist ein sehr ruhiges Mädchen, das leider die Erfahrung machen muss, dass jedes Mädchen, mit dem sie sich eng befreundet – und dabei handelt es sich immer um ausgesprochen selbstbewusste Mädchen -, verschwindet. Zuerst Polly („Rosie“, die dort endet, wo auch Mary sich wenige Monate später wiederfinden wird), die zwar zunächst von Jane gerettet wird, aber dann verstirbt, und dann Fiona (die nach Australien verschifft wird). Doch trotz der schrecklichen Erfahrungen, die sie macht, lässt sie sich nicht unterkriegen, sondern gewinnt durch ihre Freundinnen Mut, sich ihrer schrecklichen Lage zu stellen. Oder vielleicht ist auch ihre Verzweiflung irgendwann so groß, dass sie willens ist, alles zu tun, um ihre Freiheit wiederzuerlangen … Eine sehr berührende Figur!

Mein Fazit: Schöner Schmöker (nicht zu dick), der sich an einem gemütlichen Nachmittag sehr gut verschlingen lässt! Er hat mir gut gefallen – so gut, dass ich gleich wissen möchte, wie es mit Jane und David weitergeht …

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Caleb Carr: Die Einkreisung

CarrNew York, 1896: Die Polizei entdeckt die schrecklich zugerichtete Leiche eines Stricherjungens. Polizeipräsident Theodore Roosevelt – später Präsident der Vereinigten Staaten – will den Fall aufgeklärt wissen, den seine Polizisten aus Gründen falscher Moralvorstellungen am liebsten unter den Teppich kehren möchten. Roosevelt setzt sich mit seinem Studienfreund Laszlo Kreisler in Verbindung, der in seiner wissenschaftlichen Arbeit bereits einige Theorien Sigmund Freuds vorwegnimmt. Wichtige Helfer sind auch der Polizeireporter John Moore (Ich-Erzähler der Ereignisse), Roosevelts Sekretärin Sara Howard, die es sich in den Kopf gesetzt hat, die erste weibliche Kriminalpolizistin New Yorks zu werden, und die beiden Kriminalwissenschaftler/ Gerichtsmediziner Marcus und Lucius Isaacson, die neue moderne Analyseverfahren verwenden.
Die fünf beginnen ihre Untersuchungen und finden heraus, dass der Mord an dem Stricherjungen Teil einer ganzen Mordserie ist, deren Opfer allesamt noch Kinder waren, die auf brutale Weise ums Leben kamen. Anhand der Indizien und Hinweise erstellt Kreisler ein Profil des Täters. Aus den Daten aller Morde, die immer im Zusammenhang mit hohen kirchlichen Feiertagen stehen, lässt sich schließlich auch der Zeitpunkt des nächsten Verbrechens vorhersagen. Doch der Täter beobachtet im Gegenzug auch die Arbeit der Detektive und ist ihnen immer einen Schritt voraus. Und nicht nur er erschwert ihnen die Arbeit: New York ist in unterschiedliche „Herrschaftsgebiete“ aufgeteilt, und deren Herren versuchen die Untersuchungen aus den unterschiedlichsten Gründen zu verhindern. Ganz zu schweigen davon, dass auch die beiden großen Kirchen nicht wollen, dass etwas derart Unmoralisches ans Licht kommt.
Es kommt schließlich zu einem Showdown über den Dächern von New York …

Caleb Carr wurde für seinen historischen Psychothriller „Die Einkreisung“ 1995 mit dem Anthony Award für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet – und das zu recht. „Die Einkreisung“ ist eine spannende Mischung aus „Profiler“ und „CSI“ – aber zu einer Zeit, als Personen, die der Ansicht waren, dass man Täter mithilfe von Fingerabdrücken oder psychologischen Profilen identifizieren kann, im besten Fall belächelt, im schlimmsten Falle mundtot gemacht wurden. Hinzu kommt noch eine Prise „Gangs of New York“, denn es gelingt dem Autor auf wunderbare Weise, die Atmosphäre des historischen New Yorks kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert einzufangen. Man kann die historische Weltstadt regelrecht vor sich sehen, wenn man mit den Helden in einer Kutsche durch die Straßen der Stadt rast oder durch die finsteren, stinkenden Gänge der heruntergekommenen Mietshäuser in den Five Points und ähnlich ärmlichen Vierteln schleicht, in denen Immigranten aus der ganzen Welt im Elend leben. Darüber hinaus lernt der Leser auch einiges über Psychologie und kriminalpsychologische Ansätze – man hat immer wieder das Gefühl, in einem Psychologieseminar zu sitzen, allerdings auf unterhaltsame und alles andere als belehrende Weise. Man kann so selbst über den Täter und seine Motive spekulieren, kann Vermutungen anstellen, aber auch verstehen, warum er tut, was er tut. Sein Verhalten wird an keine Stelle entschuldigt, aber es wird dem Leser zumindest verständlich gemacht.

Auch die geschilderten Haupt- und Nebencharaktere werden so lebendig beschrieben, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann – man will wissen, wie die Geschichte ausgeht. Ich-Erzähler John Moore ist Reporter bei der Times. Er stammt aus einer überaus wohlhabenden Familie, mit der er sich aber nach einer geplatzten Verlobung überworfen hat, sodass er nun bei seiner Großmutter lebt. Das macht deutlich, dass er zumindest, was den zwischenmenschlichen Bereich angeht, sein Leben nicht wirklich im Griff hat. Übrigens führt das ebenfalls dazu, dass er für die persönlichen Probleme oder die Geschehnisse im Leben seiner Mitstreiter ausgesprochen betriebsblind ist. Er ist keine gebrochene Figur, wie so viele Krimiprotagonisten, sondern charmant und sympathisch, aber wirklich erwachsen werden will er nicht. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitungskollegen ist er Bereiche aber auch nicht bereit, seine Augen vor dem Elend in der Stadt zu verschließen, was ihn nicht nur im Verlauf dieser Geschichte immer wieder in brenzlige Situationen bringt. Sofern ihm dies aufgrund seiner privilegierten Stellung möglich ist, will er Armut und das schreckliche Schicksal der Kinder, die sich verkaufen müssten, verstehen – und er will ihnen helfen.
Sara Howard, seine (platonische) Freundin aus Kindertagen, ist Kriminalsekretärin, träumt aber davon, die erste weibliche Polizistin zu werden. Sie besitzt einen wachen Geist, erkennt zwischenmenschliche und psychologische Zusammenhänge, die John verschlossen bleiben – und nimmt die Andeutungen ihres Reporterfreundes, dass man es doch einmal miteinander versuchen könnte, eher amüsiert zur Kenntnis; sie interessiert sich nämlich nicht für Männer. Das ist eine wohltuende Abwechslung zu vielen Kriminalromanen, in den sich Protagonist und Protagonistin am Ende „kriegen“ müssen. Was ebenfalls positiv auffällt: Carr verzichtet darauf, Sara als überemanzipierte, dickköpfige Protagonistin zu schildern, die sich durch eine „Ich weiß es aber besser als ihr“-Haltung ständig auf Alleingänge begibt und dadurch in Gefahr gerät. Auch verzichtet der Autor darauf, sexistische Untertöne einzustreuen bzw. die Protagonisten irgendwelche Annäherungsversuche machen zu lassen.
Kopf der Gruppe ist der Psychiater Dr. Laszlo Kreisler, mit dem John Moore und Theodore Roosevelt bereits seit Studientagen befreundet sind. Er leitet ein Institut, in dem er sich um Jugendliche kümmert, die auf die schiefe Bahn geraten sind bzw. psychologische Probleme haben. Es ist ihm ein großes Anliegen, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Obwohl er ein Verstandesmensch ist und seinen Mitstreitern erst einmal dabei helfen muss, das Konzept des Profilings zu verstehen und in die Psyche des Täters einzutauchen, versteht er es, sie dafür zu begeistern und zu sensibilisieren.
Vervollständigt wird das Team von die durch und durch vertrauenswürdigen Polizeibeamten Marcus und Lucius Isaacson, ein Brüderpaar. Sie wenden moderne Ermittlungsmethoden an, die dem Leser sehr bekannt vorkommen, wenn er mit TV-Serien wie CSI vertraut ist. Und weil zum einen die Korruption im Polizeiapparat der damaligen Zeit sehr weit verbreitet ist und vermeintliche Täter zum anderen eher aufgrund von vermeintlichen Zeugenaussagen oder irgendwelcher (politischer) Interessen verhaftet werden und weniger auf der Grundlage unbestreitbarer Fakten, sind sie bei ihren Kollegen nicht gern gesehen und werden zu Sonderaufgaben eingeteilt. Wie auch in diesem Fall.
Ebenfalls Mitgleider des Teams sind der Farbige Cyrus Montrose, der für Dr. Kreisler arbeitet, und der etwa 14-jährigen Stevie Taggert, einen ehemaligen Kleinkriminellen, den Kreisler von der Straße geholt hat.

Selbst wenn nach knapp 600 Seiten der Täter gefasst ist (was sicher nicht zu viel verraten ist), möchte man wissen, wie es mit diesen Personen weitergeht. Und welch spannende Geschichte Caleb Carr sich für Band 2 der Serie um unsere fünf Detektive ausgedacht hat (Engel der Finsternis).

Mein Fazit: Definitiv eine Leseempfehlung für jeden, der gerne intelligente Thriller liest und bereit ist, nicht nur von einer Bluttat zur nächsten zu hetzen, sondern auch in die psychologischen Abgründe einzutauchen.

PS: Das Buch wird übrigens gerade unter dem Titel „The Alienist“ von TNT als TV-Serie verfilmt. Mit dabei Daniel Brühl, Luke Evans, Dakota Fanning …

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David Morrell: Inspector of the Dead

morrell-inspector-deadLondon, 1855: Die Briten stehen kurz davor, den Krimkrieg zu verlieren. Aufgrund dieser militärischen Missstände wird die Regierung zum Rücktritt gezwungen und Lord Palmerston wird neuer Primierminister und von Queen Victoria mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftrag. Dennoch stehen immer größere Teile der Bevölkerung ihrer Regentin und Prinz Albert misstrauisch gegenüber.
Dann beginnen die entsetzlichen Morde …
Ein Unbekannter ermordet Mitglieder des britischen Hochadels und ihre kompletten Haushalte. Zurück lässt er zwei Zettel: einen mit dem Hinweis „Young England“, einen weiteren mit dem Namen von Männern, die in der Vergangenheit schon einmal vergeblich versucht haben, Queen Victoria umzubringen. Schnell ist allen klar, dass die Königin das eigentliche Ziel des Täters ist.
Der berüchtigte Opiumesser Thomas de Quincey und seine Tochter Emily versuchen gemeinsam mit den beiden Polizeibeamten Ryan und Becker, diese letztendliche Tat zu verhindern. Dabei stoßen sie auf die Spur eines Mannes, dessen Durst nach Rache seine Seele vergiftet hat. Nichts kann ihn aufhalten.

„Inspector of the Dead“ ist Band 2 der Krimireihe um den bekannten Literaten und Optiumesser Thomas de Quincey und seine Tochter Emily. Und auch hier lässt der kanadische Schriftsteller David Morrell wieder reale historische Ereignisse in brillanter Weise in seine Krimihandlung einfließen:
Zum einen der Krimkrieg und der damit verbundene Schrecken. Soldaten, die aufgrund der Unfähigkeit ihrer Anführer ums Leben kommen. Männer, die traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren. Florence Nightingale und ihre Krankenschwestern, die alles taten, um die Verwundeten so gut wie möglich zu versorgen. Der Kriegsberichterstatter William Howard Russell, der – was zu dieser Zeit noch ungewöhnlich war – vor Ort war und den Schrecken hautnah miterlebte – und dann zu Hause von der Unfähigkeit der britischen Offiziere und der unzureichenden Versorgung der Truppen berichtete.
Zum anderen die politischen Unruhen in Großbritannien. Von den gescheiterten Attentaten auf die englische Königin, dem Hass und dem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber ihrem deutschen Gatten Prinz Albert bis hin zur neuen Regierungsbildung unter Lord Palmerston. Aber auch die Beweggründe hinter dem Bau des Suez-Kanals oder das Elend der Einwanderer.
Auf diese Weise bekommt der Leser einen sehr guten Einblick in die historischen Vorgänge der damaligen Zeit. Morrell besitzt die beneidenswerte Fähigkeit, gesammeltes Wissen über Historie, Politik, Militär oder Wissenschaft auf eine Weise in die Handlung einfließen zu lassen bzw. zu vermitteln, die unterhaltsam ist und gleichzeitig sehr detailliert und tiefgehend.

Aber auch die eigentliche Krimi-/Thriller-Handlung lässt auch dieses Mal nicht zu wünschen übrig. Die Handlung setzt einige Wochen nach den Ereignissen von „Der Opiummörder“ ein. Skandalliteratur de Quincey und seine Tochter Emily leben seither bei Lord Palmerston, der dadurch verhindern will, dass die skandalösen Ereignisse um den Nachahmungstäter der „Ratcliffe Highway“-Morde ans Licht kommen. Doch nun hat er genug von der Unruhe in seinem Londoner Haus und ist froh, als die beiden – gezwungenermaßen – wieder nach Edinburgh zurückkehren wollen. Doch als sie zuvor noch einen Gottesdienst in der St.-James-Kirche besuchen, wird in der Nachbarloge Lady Cosgrove auf brutale Weise ermordet – ohne dass sich jemand erklären kann, wie der Täter aus der Loge flüchten konnte. Zurück bleibt ein Zettel mit den Worten „Young England“. Als man ihren Mann darüber in Kenntnis setzen will, stellt sich heraus, dass nicht nur der komplette Haushalt, sondern auch Lord Cosgrove auf entsetzliche Weise ermordet wurde, und in der Hand hält er einen Zettel mit der Aufschrift „Edward Oxford“. Dabei handelt es sich um den Mann, der den ersten (vergeblichen) Attentatsversuch auf die britische Königin Victoria verübt hat und seither in der Anstalt Bedlam einsitzt, nachdem die Untersuchungen ergeben haben, dass die Verschwörergruppe „Young England“, deren Mitglied er angeblich ist, nur in seiner Fantasie existiert. Das Gleiche geschieht auch bei den nächsten Morden: Immer bleibt beim Primäropfer der Name eines gescheiterten Attentäters zurück und bei seinem Ehepartner die Worte „Young England“.
Nachdem de Quincey und seine Tochter sowie die beiden befreundeten Beamten Ryan und Becker Zeuge der Ereignisse geworden sind, verschiebt der Schriftsteller seine Abreise und beginnt zum Entsetzen Palmerstons zu ermitteln. Dabei erhält er sogar die Unterstützung der Königin, die von de Quinceys Ansichten eher geschockt, aber von denen seiner Tochter sehr angetan ist. Auch hier entpuppt sich de Quincey wieder als Mann, der seiner Zeit weit voraus ist. Durch seine Fähigkeit (und überhaupt Bereitschaft), hinter die Dinge zu sehen, erkennt er Zusammenhänge, wo niemand sonst sie zu sehen vermag. Und auch mit seinem Einblick in die menschliche Psyche ist er der Wissenschaft seiner Tage um Jahrzehnte voraus und durchschaut Bezüge, die später erst ein Freud erkennen wird. Aber gerade durch diese Fähigkeiten kommt er auf die Spur des Täters. Und gerade das macht ihn auch für den modernen Leser zu einer so faszinierenden Figur!

„Mr. De Quincey, I take it that you are not a physician. While your theories are amusing, they have no basis in science. Dreams and nightmares are merely phantoms created by electricity.“
„How foolish of me to think otherwise. Then let us forget about interpreting dreams. Consider that Edward Oxford was frequently beaten by his father and often saw his mother beaten. The shock of this persistent violence could explain why he was too unstable to hold jobs, why he frequently burst out into hysterical laughter, and why he enjoyed tormenting others.“
„Surely you’re not suggesting that because Oxford’s father beat him and his mother, he felt compelled to inflict violence on others until at last he focused his anger by shooting at the queen.“
„Doctor, you express the idea far better than I ever could,“ De Quincey said.
„The idea is nonsense. Are you seriously proposing that by being encouraged to discuss the violence inflicted upon him in his youth, Oxford would understand his motives for shooting at the queen and no longer wish to do it?“

Dem Mörder ist der Leser – wie schon in „Der Opiummörder“ – in einer Parallelhandlung gefolgt. Erneut gelingt es Morrell, eine Balance zu schaffen zwischen dem Schrecken der (relativ anschaulich beschriebenen) Taten und den Beweggründen des Täters. Sehr detailliert bekommt man Einblick in das Elend der unteren Gesellschaftsschicht und vor allem der Kinder, die aufgrund der damaligen Wertvorstellungen und Gepflogenheiten missbraucht, misshandelt und ignoriert werden – ohne dass jemand etwas dagegen unternimmt. Auf diese Weise entschuldigt der Leser am Ende die Taten zwar nicht, aber er kann zumindest sehr gut nachvollziehen, wie ein Mensch derart innerlich zerbrechen kann, dass er zu so schrecklichen Morden in der Lage ist.

Bei all dem zeigt sich meines Erachtens, dass eine Kenntnis von Thomas De Quinceys Skandalessay „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“ durchaus von Vorteil ist. Dadurch versteht der Leser einfach besser, welche Faszination diese nicht nur brutal, sondern auch großartig durchdachten Morde auf den Schriftsteller De Quincey ausüben.
Übrigens gibt es auch in diesem zweiten Band der Reihe nur wenig Romance. Die Freundschaft zwischen Emily und Ryan sowie Emily und Becker hat sich ein wenig vertieft, sodass man sich mit Vornamen anspricht. Es wird deutlich, dass die junge Frau sich stärker zu Ryan hingezogen fühlt, der jedoch fast doppelt so alt ist wie sie. Becker hingegen deutet an, dass er die Beziehung zu ihr gern vertiefen möchte. Sie ahnt, dass er einen Antrag im Sinn hat, was sie jedoch ablehnt. Die Liebe zu ihrem Vater lässt keinen Raum für andere Liebesbeziehungen. Und gerade das macht diese weibliche Figur so faszinierend. Sie ermahnt ihn zwar immer, wenn er zu häufig zum Laudanum oder zu Opiumkugeln greift, und erzählt Becker auch, wie belastend es für sie in ihrer Kindheit und Jugend war, ihren Vater vor den Behörden zu schützen. Gleichzeitig bewundert sie ihn aber für seinen brillanten Geist und seinen schnellen Verstand. Und während alle davon überzeugt sind, dass er von seiner Sucht loskäme, wenn er nur mehr Willenstärke besäße, erkennt sie, dass es sich bei dieser Sucht (aber auch z. B. dem Alkoholismus) um eine physische Abhängigkeit handelt, der man mit ein bisschen mehr Willen leider nicht abhelfen kann:

„I wonder if someday we might learn that it’s possible for a drug to control someone’s mind and body so completely that only death seems to offer a release from its domination.“

Mein Fazit: Wer die typisch englische „Cozy Mystery“ sucht oder abends vor dem Einschlafen eine nette Geschichte lesen will, sollte um „Inspector of the Dead“ einen Bogen machen. Dazu ist der Bodycount einfach zu hoch und der Täter zu blutdurstig. Wer aber einen sehr gut geschriebenen und recherchierten historischen Thriller sucht sowie spannende, actionreiche Unterhaltung, dem kann ich diesen zweiten Roman um De Quincey und seine Tochter nur empfehlen! Allerdings muss ich eine Warnung  mit auf den Weg geben: Die Nächte werden kurz sein. 😉

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M. Louisa Locke: Maids of Misfortune

locke maids of misfortuneSan Francisco, August 1879: Annie Fuller, eine junge Witwe, steckt in Schwierigkeiten. Ihr Ehemann hat das gesamte Vermögen beim Glücksspiel verloren und dann Selbstmord begangen. Um alle Gläubiger zumindest teilweise zufriedenzustellen, war sie gezwungen, alles zu verkaufen – das Haus, die Möbel, ihre Garderobe. Seither sind einige Jahre vergangen. Sie hat von einer Tante ein Haus geerbt, in dem sie eine Pension eröffnet hat. Doch nun steht einer der Gläubiger vor ihrer Tür und will die noch ausstehenden Schulden ihres verstorbenen Mannes samt Zinseszins eintreiben – und will sie zwingen, ihm ihren gesamten Besitz zu überschreiben.
Aber das ist nicht Annies einziges Problem. Sie führt nicht nur eine Pension; um ihren Lebensunterhalt aufzubessern, spielt sie auch die geheimnisvolle Madam Sibyl, eine von San Franciscos exklusivsten Hellseherinnen. In dieser Funktion gibt sie reichen Geschäftsmännern und wohlhabenden Damen Rat in vor allem geschäftlichen Angelegenheiten. Da wird Matthew Voss, einer ihrer Klienten, tot aufgefunden. Während die Polizei davon ausgeht, dass er aufgrund seines finanziellen Ruins Selbstmord begangen hat, weiß Annie, dass Voss gerade erst ein gutes Geschäft gemacht hat. Und dass offenbar jemand seine neu erworbenen Aktien gestohlen hat.
Auch Nate Dawson hat ein Problem. Seit langer Zeit sind er und sein Onkel Anwälte der Familie Voss, und daher glaubt er nicht, dass Matthew sich umgebracht und seine Familie mittellos zurückgelassen hat. Doch niemand will ihm glauben. Niemand außer einer jungen Frau, die zwar überaus gut aussehend, aber gleichzeitig ausgesprochen nervtötend ist und sich alles andere als ladylike verhält. Dennoch machen sich die beiden gemeinsam auf die Jagd nach dem Mörder …

„Maids of Misfortune“ ist der erste Band einer Reihe von historischen Kriminalromanen der amerikanischen Autorin M. Louisa Locke, die um 1880 in San Francisco spielen. Um eines vorweg zu sagen: Das Buch ist durchaus unterhaltsam – aber deutlich zu langatmig, und auch der Kriminalfall an sich endet nicht wirklich mit einer Überraschung. Die Autorin versteht es zum einen, das historische San Francisco lebendig werden zu lassen – in ihrer Beschreibung von (historischen) Häusern und Haushalten, von sozialen Bedingungen und Gepflogenheiten, von Einwandererproblematik und der Rolle der Fauen … Aber leider gelingt es ihr nicht immer, dies auch auf unterhaltsame Weise einfließen zu lassen. Oder um es anders zu sagen: Vieles von dem könnte man auch zugunsten von etwas mehr Action und Charakterbeschreibung streichen.
Obwohl der Leser der Geschichte primär aus der Sicht von Annie Fuller folgt, blieb diese für mich erstaunlich blass. Man erfährt, dass sie ihren ersten Verehrer gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet hat, dass diese Ehe jedoch nicht glücklich war. Ihr Ehemann war ein eher verschlossener Mensch, der sich aus Spielsucht am Vermögen seiner Frau bedient hat (das diese ihm in einer naiven Verliebtheit übertragen hat). Als er dann das gesamte Vermögen durchgebracht hatte, entzog er sich dem Skandal durch Selbstmord. Seine junge Frau war daraufhin gezwungen, alles zu verkaufen, was noch da war, um die Forderungen der Gläubiger zu befriedigen. Mittellos war sie dann der Gnade ihrer Schwiegereltern ausgeliefert, bis ihr eine Tante ihr Haus in San Francisco vermacht hat. Nun hat sie beschlossen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen – nie wieder will sie sich verbiegen und ändern, nur um einen Mann zufriedenzustellen, hat sie sich geschworen.

John had made it crystal clear from the beginning he wouldn’t tolerate any public display of her own intelligence, exploding in anger the one time she had timidly ventured an opinion at a social gathering.

Aus diesem Grund leitet sie offiziell eine heimelige Pension und setzt ihre ökonomischen Kenntnisse nur im Verborgenen – in ihrer Verkleidung als die geheimnisvolle Madam Sibyl – ein. Alle Beschreibungen, die diesen Kontext betreffen, sind ausgesprochen gut gelungen. Man versteht, warum Annie sich nach den Erfahrungen mit ihrem spielsüchtigen Ehemann so verhält, wie sie dies tut, und auch ihre (ansatzweise) feministischen Bestrebungen passen sehr gut in dieses Bild. Was der Autorin jedoch weniger gelungen ist: Diese Figur auch wirklich mit Emotionen auszustatten. Man erfährt als Leser, dass sie ihre teils skurrilen Pensionsgäste sehr schätzt und auch eine besonders gute Beziehung zu ihrem Dienstpersonal hat, aber dieses Wissen wird nicht emotional, nachvollziehbar vermittelt, sondern als schlichte Information. Ähnliches gilt auch für Annies Beziehung zum jungen Anwalt Nate Dawson: Man erfährt, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt und auch hin und wieder irritiert ist, wenn er auf Distanz geht oder ihr Vorwürfe macht – aber man kann dies nicht nachempfinden. Dessen Charakter, aber auch seine Beweggründe bleiben übrigens noch blasser.

Und das, was ich über die Charaktere gesagt habe, gilt leider auch für die Handlung an sich. Wie gesagt, würden dieser einige Straffungen wirklich guttun und vielleicht auch einige unerwartete Wendungen. Denn gerade die Passagen, in denen tatsächlich etwas geschieht – mehr als das seitenlange heimliche Durchsuchen des Voss-Haushaltes durch Annie -, gehören definitiv zu den Höhepunkten der Geschichte: wenn ein möglicher Zeuge ermordet wird, wenn der Täter versucht, auch Annie aus dem Weg zu räumen, die ihm/ihr auf die Schlichte gekommen ist … Sobald die Handlung an Fahrt gewinnt, kann man dann das Buch auch wirklich nicht mehr aus der Hand legen. Mein persönlicher Höhepunkt war es dann auch, als der Täter (oder muss es heißen: die Täterin?) am Ende von drei Frauen dingfest gemacht wird:

Before they knew it, they had [him? her?] completely bundled up; and they were sitting on the rolled up carpet that humped and lurched and howled beneath them, holding onto each other, laughing and crying triumphantly.

Mein Fazit: Nette cozy mystery, aber wirklich primär für Fans gut recherchierter historischer  Fiktion geeignet, die nicht so viel Wert auf authentische Charaktere legen. Wenn die Geschichte wenigstens humorvoll wäre … Sorry, da gibt es Besseres.

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Andrew Lane: Der Tod liegt in der Luft (Young Sherlock Holmes 1)

lane-young-sherlock-holmes1Weil sein Vater auf einem militärischen Einsatz in Indien ist, seine Mutter unpässlich und sein Bruder Mycroft beruflich stark eingebunden, soll der vierzehnjährige Sherlock Holmes seine Sommerferien auf dem Land verbringen – bei Tante Anna und Onkel Sherrinford auf Holmes Manor in Farnham. Stundenlang dauert die Reise dorthin und nichts als Gerstenfelder weit und breit. Noch öder geht es ja wohl kaum, Sherlock ist stocksauer.
Doch dann kommt alles ganz anders. Zuerst lernt er den gleichaltrigen Matty kennen, der allein auf einem Hausboot lebt und durch das ganze Land reist. Dann zwingt man ihm einen Tutor auf, einen Amerikaner – Amyus Crowe -, von dem Sherlock aber viel mehr lernt als griechische oder lateinische Vokabeln. Und plötzlich ist er mittendrin in seinem ersten Fall: mysteriöse Todesfälle, die den Verdacht aufkommen lassen, dass eine ansteckende Krankheit umgeht … und ein böser Baron, der gar nicht davon angetan ist, dass Sherlock und seine Freunde ihm ins Handwerk pfuschen.

Andrew Lane ist der Verfasser von mehr als zwanzig Büchern (teilweise unter Pseudonym), u. a. von Romanen zu so bekannten TV-Serien wie „Doctor Who“ und „Torchwood“. Mit „Der Tod liegt in der Luft“ legt er den ersten Band einer Reihe vor, die sich mit den Abenteuern des jugendlichen Meisterdetektivs beschäftigt. Dieser erste Roman spielt im Jahr 1868 – und der Autor sorgt durch seinen angenehmen und sehr bildhaften Schreibstil dafür, dass der Leser gleich mittendrin ist in der ausgesprochen actionreichen Handlung – größere Längen hat das Buch m. E. nämlich nicht. Sehr anschaulich beschreibt Lane das (ländliche) England Mitte des 19. Jahrhundert – sowohl das der etwas Wohlhabenderen als auch das der Ärmeren –, und der Leser bekommt einen kleinen Eindruck, wie es damals wohl zugegangen ist: auf den Märkten, in den engen Gassen der Ortschaften …
Wesentlich interessanter ist aber natürlich die Charakterisierung der kultigen Romanfigur: Sherlock Holmes. Bei seinem ersten Fall ist er 14 Jahre alt. Er ist noch nicht so „menschenfeindlich“ wie sein späteres Ich, aber in sozialer Hinsicht definitiv schon etwas „herausgefordert“. Etwas widersprüchlich fand ich, dass er einerseits im Internat keine Freunde hat, andererseits aber sofort Freundschaft mit Matty schließt. Vermutlich ist dies darauf zurückzuführen, dass Holmes weniger viele Freunde braucht als vielmehr einen festen „Sidekick“, der mit ihm die Abenteuer besteht. Er besitzt in einigen Bereichen, die ihn interessieren, schon eine ganze Menge Wissen, dennoch ist es bei Weitem nicht so tiefgehend wie das des erwachsenen Holmes. Darüber hinaus besitzt er ebenfalls ansatzweise eine sehr gute Kombinationsgabe – und hier kommt Amyus Crowe ins Spiel, der Lehrer, den sein Bruder für ihn engagiert hat.
Im Verlauf des Romans erfährt der Leser, dass Crowe durch ein schreckliches Ereignis Witwer geworden ist und nun mit seiner Tochter Virginia allein dasteht. Er ist im Wirklichkeit eine Art Menschenjäger, der für die amerikanische Regierung Verbrecher gejagt hat, von denen einige nach England geflüchtet sind – und in Zusammenarbeit mit der britischen Regierung (oder vielmehr Mycroft) setzt er hier die Jagd fort. Und nebenbei bringt er Sherlock vieles von dem bei, was er in all den Jahren gelernt hat. Er besitzt eine ganz besondere Kombinationsgabe und bringt dem Junge bei, auch auf Details zu achten – und sich nicht nur mit Studien zu persönlichen Lieblingsbereichen zu beschäftigen, sondern ein breites, tiefergehendes Wissen anzusammeln.
Unterstützt wird Sherlock bei seinem ersten Fall von Matty, einem gleichaltrigen Jungen, der dem Waisenhaus zu entgehen versucht, indem er auf einem kleinen, alten Hausboot über die Flüsse schippert. Er ist auch derjenige, der Sherlock zu seinem ersten Fall führt: Er war Augenzeuge, als ein mysteriöser Rauch aus einem Fenster gestiegen ist, der sich aber so ganz anders bewegte, als ein Rauch dies eigentlich sollte. Dieses Phänomen weckt auch Sherlocks Neugier, und als die beiden einen Mann sterben sehen und erneut auf den mysteriösen Rauch treffen, beginnen sie zu recherchieren. Und dabei stoßen sie auf einem geheimmnisvollen und ihnen alles andere als freundlich gesinnten Baron, der, so finden sie heraus, Uniformen für die britische Armee produziert … Im Gegensatz zu Sherlocks späterem Sidekick Dr. Watson unterstützt Matty den zukünftigen Meisterdetektiv weniger durch sein Wissen als vielmehr durch seine Schlauheit und Erfahrungen auf der Straße. Er ist ebenso abenteuerlustig wie Sherlock und rettet diesen ein ums andere Mal aus Notsituationen.
Vervollständigt wird die kleine Gruppe durch Virginia, die gleichaltrige Tochter von Crowe. Sie ist als Amerikanerin so ganz anderes als die (jungen) Frauen, die Sherlock bislang kennengelernt hat. Sie reitet in einem Männersattel und ist mindestens ebenso abenteuerlustig wie die Jungen. Auch in diesem ersten Band ist bereits offensichtlich, dass diese Figur als Love Interest des später berühmten Detektivs fungiert/fungieren wird – über das gängige Klischee kommt der Autor hier also nicht hinaus.
Die einzige Figur, die (noch) etwas nachlässig behandelt wird, ist die der Haushälterin Mrs. Eglantine. Sie begegnet Sherlock vom ersten Augenblick an ausgesprochen unfreundlich und kalt, und auch Mycroft warnt seinen Bruder in einem Brief, dass er der Haushälterin nicht trauen dürfe. Aber es bleibt bei dieser kryptischen Warnung und der ausgesprochenen Feindseligkeit. Ob sich hinter dieser Figur eine Feindin verbirgt oder ob sie schlicht ein unangenehmer Zeitgenosse ist, wird in diesem Buch nicht aufgelöst.

Für einen Sherlock-Fan sind darüber hinaus auch die unzähligen Anspielungen auf Dinge, die man aus Arthur Conan Doyles Werken kennt, ein echtes Vergnügen: Sherlocks Interesse an Bienen oder dem Boxkampf, die Tatsache, dass er einen Freund als „Resonanzfläche“ braucht, sein Bruder Mycroft, der mehr tut als nur für die britische Regierung zu arbeiten … Andere Hinweise, wie z. B. Sherlocks Überzeugung, dass er ja nie Drogen nehmen würde, deuten auch schon die dunklen Seiten des Detektivs an.

Das Buch krankt aber an etwas, das bei vielen Jugendabenteuerromanen festzustellen ist: Die überwiegende Mehrheit der Erwachsenen im Leben bzw. Umfeld der Jugendlichen ist entweder abwesend oder gleichgültig. Niemand scheint ein Problem damit zu haben, dass die beiden männlichen Protagonisten sich wiederholt in Gefahr begeben, mehrfach vom Tode bedroht sind, betäubt und ins Ausland entführt, zusammengeschlagen werden … Hier vermute ich, dass dies der stärkeren Identifikation des Lesers dient. Der einzige Erwachsene, der Anteil nimmt am Leben der Teenager ist Sherlocks Tutor, der ihm die Fertigkeiten beibringt, die er für diesen Fall – und für seine zukünftige Karriere – benötigt.

Mein Fazit: Ein spannender Einstieg in die Romanserie um den jugendlichen Meisterdetektiv. Macht Lust auf mehr! Ein herzliches Dankeschön an Michaela von Bücherlogie für diese tolle Empfehlung.