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Ethan Cross: Ich bin der Schmerz (Shepherd #3)

Die Medien nennen ihn den „Anstifter“, und das Spiel, das er spielt, ist besonders perfide: Zuerst entführt er die Familie eines unbescholtenen Mannes, bevor er diesem befiehlt, einen anderen Menschen zu töten. Weigert sich der Erpresste, werden seine Lieben zerstückelt, begeht er die Untat, erhält er seine Familie wohlbehalten zurück. Nur die Shepherd Organization kann den Killer zur Strecke bringen.
Auf der Jagd erhalten Marcus Williams und sein Team Hilfe von Marcus‘ Bruder, dem Serienkiller Francis Ackerman jr. Marcus und Francis sind besonders motiviert, den Verbrecher zur Strecke zu bringen, denn hinter dem mysteriösen Anstifter verbirgt sich ihr Vater. Der, der Francis zu dem gemacht hat, was er ist: ein seelenloser Serienkiller …

„Ich bin der Schmerz“ ist Band 3 der Shepherd-Reihe und wieder ein echtes Highlight! Diese Reihe hat sich zu einer meiner Lieblingsserien entwickelt – und von denen habe ich nicht viele. In erzählerischer Hinsicht gilt für dieses Buch, was auch bereits für seine Vorgänger galt: Es ist spannend und actionreich und durch die kurzen Kapitel und die damit sehr oft verbundenen Perspektivwecksel erhält die Geschichte einen besonderen Drive, sodass man auch die Verfilmung schon vor sich sehen kann (könnte bitte jemand die Filmrechte kaufen!). Durch die kurzen Kapitel und die Perspektivwechsel gibt es auch hier wieder viele kleine Cliffhanger, und es gibt wieder Plottwists, die man (vermutlich) nicht kommen sah. Es geschehen zahllose Verbrechen, Morde, Menschen werden misshandelt und gefoltert – aber die Beschreibungen sind zu keinem Zeitpunkt allzu anschaulich und detailliert. Obwohl es im Buch natürlich einen Bösewicht auf der einen und die „Helden“ auf der anderen Seite gibt, gibt es keine Schwarzweißmalerei. Oder um es mit meinem „Lieblingshelden“ Francis Ackerman jr. zu sagen: „Mein Junge, wenn du älter und klüger bist, wirst du erkennen, dass auf dieser Welt wenige Dinge nur schwarz und nur weiß sind. Wie so viele erhabene Vorstellungen ist der Unterschied zwischen Gut und Böse oft nur eine Frage der Sichtweise“ (S. 430). Wieder geht Ethan Cross der Frage nach, inwiefern man ein Produkt seiner Gene oder seiner Umwelt ist – und am Beispiel von Ackerman jr. zeigt er wieder und wieder, dass es oft auch einfach eine Entscheidungssache ist: Will ich meinem inneren Bedürfnis nachgeben oder will ich mich so verhalten, wie mein Verstand es mir sagt?

Hinsichtlich der Charakterzeichnung der Protagonisten gibt es wieder deutliche Weiterentwicklungen: Marcus Williams versinkt zunehmend in Depressionen; er leidet sehr darunter, dass er einerseits Menschen helfen und Verbrecher zur Strecke bringen will. Andererseits weiß er aber auch, dass er der Sohn eines wahnsinnigen Psychologen/Psychopathen und Serienmörders ist – der seinen (Marcus‘) älteren Bruder gequält und gefoltert und ebenfalls zu einem kalten Serienmörder gemacht hat. Immer wieder sieht er sich vor der Frage, ob er wirklich zu den Guten gehört oder ob er nicht auch die Veranlagung zum Killer in sich trägt. Diese Entwicklung war zwar nachzuvollziehen, machte ihn aber zunächst einmal zu einem wenig sympathischen Helden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihm im Roman etwas Schreckliches zustößt (no Spoilers). In dieser Situation ist es gerade sein Bruder Francis, der ihm deutlich macht, dass die Schuld für viele seiner Probleme nicht bei ihm liegen, sondern bei seinem Vater (Ackerman senior), und dass es auch nach den schrecklichsten Taten noch die Möglichkeit gibt, Buße zu tun.

Überhaupt: Francis Ackerman jr. ist auch in diesem Buch wieder die spannendste Figur. Und auch die Figur mit den humorvollsten Zitaten (wenn man denn einen schwarzen Sinn für Humor hat):

„Oh ja, du trittst für den kleinen Mann ein. Es sei denn, du ermordest ihn im Schlaf.“
„Ich habe noch nie jemanden im Schlaf ermordet. Ich wecke sie vorher immer auf …“
(S. 26)

Ackerman dachte nach, dann hob er die Hände. „Na schön, du hast gewonnen. Ich gehöre dir, Bruder. Aber fass den Kinderwagen nicht an. Ist ’ne Bombe drin.“
„Eine Bombe in einem Kinderwagen. Auf so etwas Perverses kannst auch nur du kommen.“
Ackermans Lächeln kehrte zurück. „Wenigstens habe ich vorher das Baby rausgenommen.“
(Seite 48)

Nachdem ihm sein Bruder verraten hat, dass der gemeinsame Vater (Ackermann sr.) noch am Leben ist, lässt er sich bereitwillig festnehmen, um der Shepherd Organization bei der Jagd nach ihm zu unterstützen. Doch die CIA hat ein Sonderkommenado auf Ackerman jr. angesetzt, dass seine Aufgabe etwas zu genau nimmt – sodass man sich das eine oder andere Mal wirklich fragt, ob hier Ackerman tatsächlich der Böse ist oder ob nicht vielmehr die Regierungsvertreter die eiskalten Killer sind. Immer wieder wird dies deutlich – besonders, als Maggie (Marcus‘ Kollegin und Freundin) sich mit Francis auf einen Roadtrip begibt, um den Großvater der beiden Männer und Hinweise auf den Verbleib von Ackerman sr. zu finden. Gejagt werden sie dabei von den Männern des Sonderkommandos, denen es egal ist, wer Opfer ihrer Jagd wird. Und es ist ein Vergnügen, Ackerman hier in Aktion zu erleben, wie er einen nach dem anderen ausschaltet. Wer hätte in Band 1 Ich bin die Nacht erwartet, dass man irgendwann einmal auf der Seite des Antagonisten steht und hofft, dass er überlebt?!  Das gilt sowohl für seine Interaktion mit Maggie, die ihn einerseits hasst, weil er ein Serienmörder ist und ihre Familie von einem anderen Serienmörder umgebracht wurde – und weil er damit zu denen gehört, die sie gemeinsam mit der Shepherd Organization zur Strecke bringt. Aber es gilt vor allem für seine Interaktion mit seinem Bruder Marcus, für den er eine echte Zuneigung empfindet. Und für den er auch bereit ist, das Morden einzustellen. Mehrere Male steht er im Verlauf der Handlung an einem Scheideweg und muss entscheiden, ob er seinen Trieben/seiner Konditionierung folgt oder ob er diese zugunsten anderer (Dinge) zurückstellt. Und wieder und wieder entscheidet er sich für die Buße, die Wiedergutmachung. Ackerman rocks!

Mein Fazit: Mehr davon! Und her mit Band 4: Ich bin der Zorn. Es ist nicht zu viel verraten, wenn ich sage, dass Ackerman jr. hier stärker mit der Shepherd Organization zusammenarbeitet und seine ganz speziellen Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen kann.

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Ethan Cross: Ich bin die Angst (Shepherd #2)

Der „Anarchist“, ein mysteriöser Killer, verbreitet in Chicago Angst und Schrecken. Er entführt Frauen und trinkt das Blut seiner Opfer, bevor er sie anzündet. Schlimmer noch: Er zwingt sie, ihm dabei unentwegt in die Augen zu schauen. Denn sie sollen sein wahres Gesicht sehen. Nicht das Gesicht des liebevollen Ehemannes und Vaters, das er seit Jahren für seine Familie aufsetzt, sondern das Gesicht des absolut Bösen.
Marcus Williams, der seit einem Jahr ein „Shepherd“ ist und Serienmörder jagt, wird auf den Fall angesetzt. Unterstützung erhalten er und sein Team dabei von unerwarteter Seite: Ausgerechnet sein Todfeind gibt ihm bei allen seinen Einsätzen immer wieder Hinweise – Francis Ackerman junior, der berüchtigste Serienkiller der Gegenwart, der fest davon überzeugt ist, dass es eine ganz besondere Verbindung zwischen ihm und Marcus gibt …

cross-ich-bin-die-angst2„Ich bin die Angst“ ist Band 2 der Shepherd-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross aka Aaron Brown – und die wichtigste Info dazu gleich zu Beginn: Dieses Buch ist zwar unglaublich spannend und actionreich, aber man kann es im Gegensatz zu „Ich bin die Nacht“ abends vor dem Einschlafen lesen. 😉

cross-ich-bin-die-angst3Während Band 1 komplett in Schwarz gehalten war, hat man sich bei Band 2 für Rot entschieden. Autor und Buchtitel sind geprägt und auf dem Beschnitt werden diese Angaben noch einmal wiederholt. Das Buch ist daher schon rein optisch ein Genuss.

Und das gilt auch für den Inhalt: Der Autor verzichtet erneut auf tiefschürfende Ausführungen oder Beschreibungen – zugunsten einer atemlosen Nonstopp-Jagd nach dem Killer „Anarchist“. Auch in diesem Buch gibt es wieder zwei Wendungen, die ich nicht wirklich kommen sah, und das begeisterte mich erneut sehr! Auch dieser zweite Band ist gut und flüssig geschrieben; obwohl der Antagonist (und die übrigen Gegenspieler) eine Reihe von schlimmen Untaten begehen, überlässt der Autor deren Ausmalung der Fantasie des Lesers und beschreibt sie nicht im Detail. Und durch die zahlreichen kurzen Kapitel, die den Leser immer wieder zu einem Protagonisten und seinem jeweiligen Blickwinkel der Handlung führen, kann man die Verfilmung dieser Geschichte schon vor dem inneren Auge sehen.
Interessant ist hier, dass es Cross gelingt, aus dem Antagonisten bis zu einem gewissen Grad einen Sympathieträger zu machen – wie schon im ersten Band bei Serienmörder Francis Ackerman junior. Es gibt zwar auch hier den Killer und seinen Gegenspieler, aber keien Schwarz-Weiß-Zeichnung. Genauso, wie Michael gegen seine Dämonen ankämpft, so ist auch der Antagonist (die Antagonisten?) nicht einfach nur ein seelenloser Killer. Auch Scofield (im Grunde kein Spoiler, dem Leser wird die wahre Identität des Täters schon früh offenbart) hat eine schlimme Kindheit hinter sich. Seine minderjährige Mutter verbrachte einige Zeit in einer Satanistensekte und wurde dort auch schwanger. Und der „Prophet“ dieser Sekte erkor Scofield aus, der Antichrist zu sein und die Apokalyse herbeizuführen. Der erste Versuch misslang, doch Jahre später befindet sich Scofield noch immer im Griff des charismatischen Anführers, und obwohl er eine Familie hat und nach außen hin ein perfektes Leben führt, wird er weiterhin vom Propheten gesteuert.
Scofields Gegenspieler ist (erneut) Marcus Williams, der in diesem Roman weitere Facetten und damit mehr Tiefgang bekommt. Marcus ist nun seit einiger Zeit Teil der Shepherd-Organisation, der geheimen Organisation im Justizministerium, doch obwohl er von der Richtigkeit seines (ihres) Handelns überzeugt ist, leidet er gleichzeitig darunter, dass oft die Grenzen zwischen dem Verhalten der Killer, die er jagt, und seinem eigenen verschwimmen. Ist er nicht ein Killer im Dienste des Staates, wenn er seine Gegner ggf. ohne Gerichtsverhandlung aus dem Weg räumt? Auch hat er das Gefühl, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmt; was das ist, erfährt der Leser am Ende des Buches … 🙂
Auch wenn Andrew, Marcus‘ Partner bei Shepherd, und Maggie, seine … Nicht-Freundin, ebenfalls mit von der Partie sind, ist der wichtigste und auch interessanteste „Partner“ Serienmörder Francis Ackerman junior. Dieser hat sich mithilfe eines Hackers Zugang zum Shepherd-Server verschafft und verfolgt die Ermittlungen der Organisation und besonders die von Marcus – in diesem Fall, aber auch bei den Vorgängerfällen. Er ist fest davon überzeugt, dass es eine besondere Beziehung zwischen ihm und Marcus gibt – dass dieser gewissermaßen das Yin zu seinem Yang ist. Wie im ersten Band mochte den Psychopathen Ackerman und seinen besonderen Sinn für Humor auch hier wider Willen; für mich persönlich ist er ein größerer „Sympathieträger“ als Marcus, der in diesem Buch – erneut – etwas zu selbstbewusst rüberkommt. Was ich allerdings etwas seltsam fand: Ackerman scheint keine Stimmen mehr zu hören – allerdings ist das m. E. darauf zurückzuführen, dass er nun mit Marcus ein reales Gegenüber hat.

Mein Fazit: Band 3 „Ich bin der Schmerz“ muss her!

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Ethan Cross: Ich bin die Nacht (Shepherd #1)

Der Serienmörder Francis Ackerman junior schlachtet nicht nur einfach Menschen ab, er bietet ihnen vor ihrem Tod an, ein Spiel mit ihm zu spielen – und wenn sie sich an die Regeln halten und ihn besiegen, werden sie leben. Doch er spielt nur, wenn er weiß, dass er auch gewinnen wird. Und dann wird das Ende seiner Opfer schrecklich sein …
Marcus Williams hat seinen Job als New Yorker Cop nach einem Zwischenfall an den Nagel gehängt und zieht in das texanische Städtchen Asherton, wo ihm eine verstorbene Tante eine Farm vermacht hat. Als er seine nächste Nachbarin besuchen will, findet er diese auf schreckliche Weise ermordet vor, und alle Indizien deuten darauf hin, dass Ackerman der Mörder ist.
Doch als er weitere Nachforschungen anstellt und diesen schließlich findet, stellt sich heraus, dass nicht nur Ackerman und Williams Leichen im Keller haben …

Eine (kurze) Inhaltsangabe zu „The Shepherd“ zu verfassen, dem ersten Band der sogenannten Shepherd-Serie des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross (wobei es sich aber bei diesem Namen lediglich um ein Pseudonym handelt – in Wahrheit verbirgt sich dahinter der Thrillerautor Aaron Brown), ist gar nicht so einfach. Zu groß ist die Gefahr, dass man zu viel verrät, denn der Clou der Geschichte ist ein deutlich anderer als nur die Jagd nach einem brutalen Serienmörder. Shepherd1Das Buch trägt im Deutschen den Titel „Ich bin die Nacht“, was zwar ausgesprochen reißerisch klingt, und die „Verpackung“ des Buches mit hervorstehender Prägung und schwarzem Beschnitt, in dem sich Titel und Autor des Buches in weißen Lettern wiederholen, ist auch ein echter Hingucker! Aber leider trifft der Titel den Inhalt des Buches nicht wirklich. Im Englischen trägt der Roman, wie gesagt, den Titel „The Shepherd“, was sich in den Überschriften der Teile widerspiegelt: 1. Die Herde, 2. Der Wolf und der Hirte, 3. Stecken und Stab, 4. Der Wolf im Schafspelz. Mehr sei aber an dieser Stelle nicht verraten …
Im Grunde müsste man das Buch mit einer Warnung versehen:

Achtung, unter den folgenden Bedingungen sollten Sie vom Lesen des Buches absehen:

– wenn Sie in Kürze schlafen gehen möchten.
– wenn es dunkel ist.
– wenn Sie Angst im Dunkeln haben.
– wenn Sie allein zu Hause sind.
– wenn Sie zu viel Fantasie haben oder/und einen Hang zu Verschwörungstheorien.
– wenn Sie ein Weichei sind.

Warum? Weil es schon lange nicht mehr vorgekommen ist, dass ich ein Buch abends vor dem Einschlafen nicht lesen konnte – meiner liebsten Lesezeit -, weil ich dann hinter jeder Tür, unter jedem Bett, in jedem Schatten und hinter jedem Geräusch einen Serienmörder vermutet habe. Aber was soll man auch erwarten bei einem Buch, dessen Protagonist mit Vorliebe nachts am Bett seiner Opfer steht oder sich in der Dämmerung Zutritt zu Wohnungen verschafft? Im Buch gibt es eine Szene, die im nächtlichen Schlafzimmer zweiter Kinder spielt – und ich brauchte lange, bis ich an diesem Abend einschlafen konnte! Lange Rede, kurzer Sinn: Das Buch gehört zum Packendsten, Spannendsten, Gruseligsten, das mir seit einer ganzen Weile untergekommen ist – und das, obwohl es ohne übernatürliche Wesen und Monster auskommt. Und warum? Weil es u. a. viele der tiefsitzenden Urängste anspricht, die wir Menschen haben. Die Angst vor der Dunkelheit, vor mysteriösen nächtlichen Geräuschen, vor dem Alleinsein u. v. m.

Der Thriller ist gut und flüssig geschrieben. Mit komplexeren Sätzen oder Begriffen gibt sich Ethan Cross nicht ab. Die Story ist unglaublich actionreich – nicht eine Sekunde lang gibt Cross dem Leser Gelegenheit, durchzuatmen und sich vom letzten Schrecken zu erholen. Er gibt sich nicht mit (detaillierten) Schilderungen von Umgebungen und Landschaften und Personen ab, wofür ich teilweise dankbar war, da z. B. die schrecklichen Tötungsarten von Ackerman nicht näher beschrieben werden – der Autor erspart sich hier ein Blutfest. Der Leser sollte sich rasch in die Handlung einfinden, denn Kapitel 1 zeigt bereits den Protagonisten in allen Details bei der Arbeit.
Auch die Charaktere werden nicht in allen Einzelheiten beschrieben und charakterisiert, wodurch ihnen natürlich definitiv Tiefgang fehlt. Man kommt sich im Grunde wie in einem der „Stirb langsam“-Filme vor: Die Handlung ist völlig überzogen, der Held ist einerseits ein normaler Mensch, aber dann doch larger than life und hastet von einer Actionszene zur nächsten, ist nie unterzukriegen, auch wenn er zunehmend mitgenommen aussieht, und das Ganze endet mit dem großen Showdown zwischen Held und Antagonist – nicht, ohne dass es viel zu lange Dialoge zwischen den beiden gibt und der Zuschauer sich fragt, warum zum Teufel der Held nicht einfach schießt. 😉 Im Grunde kann man die Verfilmung dieses Buches schon vor sich sehen – die zahlreichen kurzen Kapitel laden regelrecht dazu ein. Und dann erst die beiden großen unerwarteten Wendungen, die ich absolut nicht kommen sah! Leider wird man dadurch um das Vergnügen gebracht, den Roman noch einmal so … ungespoilert und ahnungslos zu lesen; ich könnte mir vorstellen, dass er beim zweiten Mal nicht mehr ganz so faszinierend ist.

Im Zentrum der Geschichte stehen u. a. Antagonist Francis Ackerman junior, ein Serienmörder, der gewissermaßen von seinem Vater dazu konditioniert wurde. Dieser, ein Psychologeprofessor, hatte die Theorie aufgestellt, dass Menschen zu Mördern gemacht und nicht als solche geboren werden – dass sie also die Produkte ihrer Umwelt sind. Und mithilfe von Experimenten an seinem eigenen Sohn Francis – damals noch ein Kind! – versuchte er, diese Theorie zu beweisen: Francis wurde durch Misshandlung und Folter dazu gebracht, andere zu töten, und ist nun genau das, wozu ihn sein Vater machen wollte: ein eiskalter Mörder. Ackerman junior hat ein perverses Vergnügen daran, seine Opfer zu grausamen Spielchen zu zwingen, um zumindest den Anschein zu erwecken, dass sie eine Überlebenschance haben. Über weite Strecken ringt er im Roman mit seiner dunklen Seite; Telefonate mit einem katholischen Pater machen dies deutlich. Doch spätestens als seine Spielchen mit Marcus beginnen, ändert sich dies und er findet in seine Bestimmung hinein. Erstaunlicherweise fällt es das eine oder andere Mal schwer, diese Figur zu hassen, weiß man doch genau, warum er so geworden ist.
Sein Gegenspieler ist Marcus Williams, ein junger Excop aus New York, der sein früheres Leben nach einem Zwischenfall (der im Verlauf des Romans eine Rolle spielen wird) an den Nagel gehängt hat und scheinbar zufällig über die Leiche seiner Nachbarin stolpert. Seine Erfahrungen in New York und seine Frustration über Verbrechen, die nicht gesühnt werden, oder Verbrecher, die ihrer gerechten Strafe entkommen, ist ein treibender Motor der Story. Er trifft bereits relativ früh auf Ackerman, der ihn zum Helden der „Geschichte“ auserwählt – und da jeder Held einen Gegenspieler braucht, findet auch Ackerman endlich in seine wahre Rolle hinein.

Mein Fazit: Unbedingt lesen. Aber nicht abends vor dem Einschlafen. Oder wenn ihr alleine seid. 🙂 Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzungen, denn es wird zumindest angedeutet, dass es eine unerwartete Verbindung zwischen den zwei Protagonisten der Geschichte gibt.

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Philip Pullman: Der Rubin im Rauch (Sally Lockhart #1)

London, Oktober 1872: Die 16-jährige Sally erhält nach dem Tod ihres Vaters einen geheimnisvollen Brief. Der Schiffsmakler hatte vermutet, dass es bei den Chinageschäften seines Partners nicht mit rechten Dingen zugeht, und war nach Asien gereist, um Nachforschungen anzustellen. Auf dem Rückweg war er dann beim Untergang seines Schiffes ums Leben gekommen. Aber nicht, ohne Sally noch eine Nachricht zukommen zu lassen, der sie vor den Sieben Wohltaten warnt und auf einen Mann namens Marchbanks hinweist.
Bei ihren Nachforschungen stößt sie auf immer neue Rätsel. Ein Kollege ihres Vaters erleidet einen Herzinfarkt, als sie sich nach den Sieben Wohltaten erkundigt, und auch Major Marchbanks, den sie ausfindig machen kann, scheint Todesangst zu haben. Er übergibt ihr ein Tagebuch, mit dem Hinweis, dass sie darin alle Antworten finden wird.
Sally ahnt nicht, dass sie in Mrs Holland, der Besitzerin einer „Pension“ und der Kopf einer Verbrecherorganisation, eine äußerst gefährliche Feindin hat. Unterstützung findet sie bei ihrer Suche bei dem jungen Fotografen Frederick. Bei ihm und seiner Schwester kommt sie unter, als sie vor ihrer lieblosen Tante flüchtet, die es nur auf ihr Erbe abgesehen hat. Auch Jim, der Botenjunge der Schiffsgesellschaft, deren Miteigentümer ihr Vater war, hilft ihr. Doch auch ihre Freunde können nicht verhindern, dass ihr das Tagebuch gestohlen wir. Nun bleibt Sally nur der mysteriöse Hinweis, dass irgendwo ein Schatz versteckt ist, der ihr zusteht – ein Rubin. Gemeinsam mit ihren Freunden macht sie sich auf die Suche nach dem kostbaren Edelstein, begleitet von der Ahnung, dass ein immer wiederkehrender Albtraum die Lösung für alle ihre Fragen birgt …

Der Rubin im Rauch ist der erste Band der vierbändigen Sally-Lockhart-Reihe (Der Rubin im Rauch, Der Schatten im Norden, Der Tiger im Brunnen, Das Banner des roten Adlers) des Bestsellerautors Philip Pullman, der durch seine His Dark Materials-Reihe bekannt wurde. Die beiden ersten Bücher wurden auch von der BBC mit Billie Piper (Doctor Who) in der Hauptrolle verfilmt. Es handelt sich bei dieser Reihe um historische Kriminalromane, die zwischen 1872 und 1882 in Großbritannien spielen.

Protagonistin ist die (zu Beginn) 16-jährige Sally Lockhart, die in Indien geboren wurde, wo ihr Vater stationiert war, und nach dem (angeblich) frühen Tod ihrer Mutter von diesem aufgezogen wurde. (Damals) Typisch weibliche Fertigkeiten hat sie von ihm nicht gelernt, jedoch kann sie schießen und kann außerordentlich gut mit Zahlen umgehen, was ihr zugutekommt, als sie zu dem Fotografen Frederick und seiner Schwester Rose zieht, die beinahe pleite sind. Sally ist ein überaus hübsches Mädchen, selbstbewusst, mutig, entschlossen und ausgesprochen einfallsreich. Aber nicht in übertriebener Weise, wie dies nur allzu oft bei Protagonistinnen von Jugendromanen der Fall ist. Damit könnte sie die ideale Identifikationsfigur für die Leserin sein … wenn sie darüber hinaus nicht ein wenig zu blass und eindimensional geraten wäre. Der Roman krankt ein wenig an „show, don’t tell“ – der Leser erfährt durch die Ereignisse und durch Sallys eigene Gedanken, die immer wieder einfließen, dass Sally all dies ist, aber die psychologische Tiefe fehlt ihr. Man bekommt eigentlich nie einen Einblick in ihr Gefühlsleben – ob es nun der Tod ihres Vaters ist, den sie gar nicht nennenswert zu betrauern scheint. Was ein Wunder ist, da er die einzige Bezugsperson ist, die sie im Leben hat. Oder ob es um die aufregenden Ereignisse geht, die mit der Suche nach dem Rubin verbunden sind: Es geschehen dramatische, teils schlimme Dinge, aber was Sally  fühlen, spürt man als Leser kaum.
Das gilt übrigens auch für die anderen Figuren. Frederick und seine Schwester Rosa zeichnen sich ebenfalls dadurch aus, dass sie ausgesprochen schön sind; auch sind sie Freigeister, abenteuerlustig und ebenfalls ausgesprochen einfallsreich und mutig. Und das gilt ebenfalls für Botenjunge Jim, der zu der kleinen Gruppe hinzustößt. Aber selbst wenn die Kinder bzw. jungen Erwachsenen mit „erwachsenen“ Themen konfrontiert werden (Opiumsucht, Kriminalität, Gewalt und Mord, moderne Sklaverei etc.), scheinen sie das Erlebte relativ schnell wegzustecken. Was emotional in ihnen vorgeht, spielt im Grunde überhaupt keine Rolle.
Erwachsene spielen in diesem Buch nur eine sekundäre Rolle – und stellen den gesamten Fundus an Antagonisten! Was sehr ungewöhnlich ist. Wobei: Wenn man einen Blick auf typische Teenagerserien oder -filme wirft, ist es häufiger der Fall, dass Erwachsene lediglich Statistenrollen haben bzw. fast nahezu gar nicht in Erscheinung treten.

Allerdings ist der Roman durchaus nicht so schlecht, wie es aufgrund der bisherigen Ausführungen den Anschein könnte. Pullman ist im Grunde ein sehr guter Erzähler. Die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird relativ detailliert geschildert – so detailliert, wie es für ein Jugendbuch möglich und sinnvoll ist. Man bekommt eine Ahnung vom Elend vieler Menschen, davon, wie gefährlich es für die ärmeren Menschen in London war (gerade für die Kinder!), und meint, den Gestank der Elendsviertel regelrecht riechen zu können. Man bekommt auch einen Einblick in die zerstörerischen Auswirkungen des Opiums, in den fehlgeleiteten britischen Kolonialpolitik … Auch versteht es Pullman, von Beginn an hier und da kleine Hinweise in die spannungsreiche Handlung einzustreuen, die dem Leser dabei helfen, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Allerdings muss man wirklich auf der Hut sein, um diese Andeutungen nicht zu verpassen.

Fazit: Ein guter historischer Jugendkrimi, der trotz einiger Schwächen Lust auf die Fortsetzung macht.

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Annis Bell: Die Orlow-Diamanten (Lady Jane #3)

Lady Jane und ihr Mann Captain David Wescott freuen sich auf ihre Reise nach Indien. Das Gepäck ist schon an Bord, am nächsten Morgen soll das Schiff in See stechen. Doch dann werden in London die berühmten Orlow-Diamanten gestohlen und ihr Besitzer, der russische Attaché Orlow, fällt einem heimtückischen Mord zum Opfer. Rasch verhaftet man einen ersten Verdächtigen: Es ist ausgerechnet Wescotts Diener Levi, der regelmäßigen Kontakt zu russischen Emigranten-Kreisen hatte und mit einem blutigen Mantel angetroffen wurde. Notgedrungen verschieben Lady Jane und der Captain ihre Reise, um Levi zu entlasten und an der Aufklärung des Falles mitzuwirken.
Als David plötzlich selbst unter Verdacht gerät, stellt Lady Jane sich mit dem ihr eigenen Selbstbewusstsein der Aufgabe, ihren Mann aus seiner schwierigen Lage zu befreien. Doch alles scheint sich gegen sie verschworen zu haben. Die Suche nach dem wahren Drahtzieher des Mordes von London zwingt sie zur Flucht und führt sie mitten in die revolutionären Kreise von St. Petersburg …

„Die Orlow-Diamanten“ ist Band 3 der Reihe um die unkonventionelle Lady Jane und mein absoluter Favorit der Reihe. Während Janes Recherchen zu den Kriminalfällen der beiden anderen Romane „Die Tote von Rosewood Hill“ (Band 1) und „Die schwarze Orchidee“ (Band 2) von ihrem Mitgefühl (und ihrer Abenteuerlust, ähm, Wissbegierde) angetrieben werden, steht in diesem Buch ihr Ehemann David Wescott im Zentrum des Geschehens.

Wieder liefert Bell einen sehr gut recherchierten Roman ab. Man bekommt als Leser zumindest einen kleinen Einblick in das politische Geschehen dieser Zeit, vor allem natürlich in die komplexen, fragilen Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland nach Beendigung des Krimkriegs sowie in die gesellschaftlichen Umwälzungen in Russland nach der Abschaffung der Leibeigenschaft durch Zar Alexander II. Und hier wird auch sehr schön erklärt, inwiefern auf das Ende dieser Leibeigenschaft (für Bauern) keine echte Freiheit folgte, sondern eine verschärfte wirtschaftliche Abhängigkeit, da die Bauern die Grundherren für die „Überlassung“ von Grund und Boden finanziell entschädigen mussten; auf diese Weise gerieten sie in eine schreckliche Schuldenfalle.

Auch der Kriminalfall an sich ist wesentlich komplexer als in den beiden Vorgängerbänden. Während in Band 1 relativ schnell klar war, wer hinter den Ereignissen um die verschwundenen Waisenkinder steckte, oder in Band 2 der Kreis der Verdächtigen relativ überschaubar war, steht der Leser in Band 3 genauso ratlos vor den Verbrechen wie die Protagonisten selbst: Ist Wescotts Diener Levi Atalay wirklich am Diebstahl der Diamanten und der Ermordung des Botschafters beteiligt oder verbrachte er den Abend wie üblich im Kreise anderer Exilrussen? Wer versucht, David Wescott die Tat in die Schuhe zu schieben? Steckt Devereaux dahinter, der dank der Nachforschungen von Jane und David sein Vermögen verloren hat und ins Ausland fliehen musste – und jetzt auf Rache sinnt (nachzulesen in Band 1)? Sind es Davids englische Feinde, die ihm noch für seine Rolle im Krimkrieg grollen – dass er gegen seinen Vorgesetzten ausgesagt hat? Oder stecken vielleicht alte russische Feinde dahinter, die aufgrund seiner Rolle als Geheimermittler im Krimkrieg noch eine Rechnung mit ihm offen haben? Wem können Jane und David noch trauen? Wer wird sich als Feind entpuppen – und welcher vermeintliche Feind ist vielleicht doch ein Freund? Viele dieser Fragen werden erst zum Ende der Geschichte hin geklärt, was die Spannung bis zur letzten Seite aufrechterhält.

Auch die Beziehung zwischen David und Jane entwickelt sich im Laufe des Romans weiter. Es kommt hin und wieder zum Streit (gewöhnlich in Situationen, in denen David seine Frau vor einer Gefahr bewahren will, diese aber weiterhin ihren Kopf durchsetzen möchte), die beiden haben ihre Launen, aber statt dass die Autorin diese Missverständnisse oder „atmosphärischen Störungen“ über Kapitel hinzieht, wie viele Autoren dies tun, schenkt Annis Bell ihren Figuren die nötige Einsicht. Einer – oder beide – gibt nach, man räumt Missverständnisse aus dem Weg und spricht sich aus. Die beiden gestehen sich auch ihre Liebe (was jetzt nicht wirklich eine Überraschung ist).
Aber dennoch bleiben viele Aspekte ungeklärt: Jane ahnt, dass David nicht nur unter den schrecklichen körperlichen Verletzungen leidet, die er während des Krimkrieges erlitten hat, sondern dass es zum einen noch Erlebnisse gibt, die er vor ihr verbirgt, und dass er zum anderen noch ein Stück weit unter dem leidet, was man heute wohl als PTSD bezeichnen würde. Da sie ihn liebt, leidet sie sehr darunter – und nimmt es ihm auch übel -, dass er sich ihr nicht (weiter) öffnet. Dass es ihr auch nicht gelingt, hinter den Drahtzieher der Verschwörung zu kommen, erschüttert darüber hinaus zutiefst ihre Selbstsicherheit, ihren Glauben an das Gute und ihre immer präsente Hoffnung, dass es für alle Probleme eine Lösung gibt.
Im Gegenzug steht David, der aufgrund von Erfahrungen in Kindheit und während des Krieges nicht mit einem solchen Optimismus gesegnet ist wie Jane, kurz davor aufzugeben, als sich die Schlinge immer weiter zuzieht. Er bleibt auch zunächst emotional stärker auf Distanz, um es Jane zu erleichtern, sich neu zu binden, sollte ihm etwas zustoßen oder er sich von ihr trennen (müssen). Damit ist David ein ausgesprochen wohltuender Protagonist: Er ist weder besonders schön noch charmant oder heldenhaft – er hat Stärken und Komplexe wie jeder von uns, was ihn für mich zu einem sehr sympathischen, alles andere als übermenschlichen Helden macht. Und er enthält Jane viele Informationen oder Erfahrungen vor, um nicht auch sie mit den Dämonen der Vergangenheit zu belasten.
Und am Schluss der Geschichte steht dann für jeden von ihnen die Erkenntnis, dass schlimme (noch schlimmere) Dinge hätten geschehen können, wenn sie nicht auf die selbstlose Hilfe und Freundschaft von einigen Menschen hätten bauen können, von denen sie teilweise nicht einmal gewusst haben, dass sie existieren.

Dennoch bleiben viele Fragen auch noch ungeklärt, von denen ich in einer hoffentlich bald erscheinenden Fortsetzungen Antworten erhoffe: Warum ist die Beziehung zwischen David Wescott und seinem Vater so zerrüttet? Was hat es mit seiner russischen Mutter auf sich? Werden sie Devereaux fangen und seiner gerechten Strafe zuführen?

Zwei kleinere Kritikpunkte hatte ich am Roman, jedoch betreffen diese nicht die Story oder die Erzählkunst der Autorin, sondern die Gegebenheiten vor Ort in St. Petersburg: Zweimal wird der Zar von russischen Bürgern als „Kaiser“ bezeichnet. Das halte ich eher für unwahrscheinlich. Dann begibt sich Lady Jane in der Kutsche zu einem Haus in der Nähe des Bahnhofs Zarskoje Selo (Zarendorf), um sich dort mit Revolutionären zu treffen. Zarskoje Selo befindet sich jedoch ca. 25 km von St. Petersburg entfernt. Dass sie „mal eben“ mit der Kutsche dorthin fährt (im Jahre 1861), halte ich eher für unwahrscheinlich.

Mein Fazit: Der beste Band aus der Reihe um Lady Jane. Ich hoffe sehr, dass die Autorin uns noch eine Fortsetzung schenkt!

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Annis Bell: Die schwarze Orchidee (Lady Jane #2)

bell-lady-jane2November 1860: Nach einem turbulenten Start in eine unerwartet glückliche Ehe mit Captain Wescott hat Lady Jane keineswegs vor, sich in die Rolle der braven Ehefrau zu fügen.
Nachdem sie ein Hilferuf in Form eines Briefes erreicht, reist Jane kurz entschlossen zu ihrer Freundin Lady Alison. Diese ist nach Northumbria zur ihrer Cousine Charlotte gereist, die mit dem exzentrischen Orchideenzüchter Sir Fredrick Halston verheiratet ist und abgeschieden in einem düsteren Herrenhaus lebt. In Winton Park, wie das Gut heißt, fallen merkwürdige Dinge vor, die darin gipfeln, dass eines der Dienstmädchen tot im Moor aufgefunden wird. Obwohl auch die Möglichkeit besteht, dass Alison in Gefahr ist, will sie ihre Cousine nicht verlassen. Und sie kann es auch gar nicht, da sie ein weiteres Kind erwartet und die Schwangerschaft nicht ohne Komplikationen verläuft.
David Wescott findet unterdessen heraus, dass Orchideenzüchter alles andere als harmlos sind. Als dann auch noch ein Gärtner einer der berühmtesten Orchideenhändler Londons ermordet wird, hat der Captain alle Hände voll zu tun, seiner Frau bei der Aufklärung der Todesfälle zu helfen. Und es scheint um viel mehr zu gehen als nur um eine seltene schwarze Orchidee …

„Die schwarze Orchidee“ ist der zweite Band um die abenteuerliche Lady Jane (Band 1: Die Tote von Rosewood Hall). Der Roman spielt im viktorianischen England, ist der Gattung der Cozy Mystery zuzurechnen und meines Erachtens besser geschrieben als der erste Band. Wenn David Wescott auf der Suche nach den Schuldigen durch das ärmliche London schleicht, wenn er Verbrechern und Straßenkindern begegnet, dann meint man beinahe, dies vor sich sehen zu können. In dieser Hinsicht hat der Roman definitiv qualitativ hinzugewonnen. Die Geschichte an sich bzw. der Kriminalfall an sich ist auch weitaus komplexer als „Die Tote von Rosewood Hall“ und nicht so leicht zu durchschauen.
Lady Jane ist in diesem zweiten Buch weiterhin eine überaus sympathische Heldin. Sie ist sehr selbstbewusst und wissbegierig (neugierig? 😉 ) und lässt sich auch von ihrem eigenen Mann nichts vorschreiben, ohne jedoch übertrieben emanzipiert zu sein oder auch nur den Eindruck zu vermitteln, dass sie seine Unterstützung überhaupt nicht benötigt oder nur ungern annimmt. Sie leidet etwas unter der Rolle, die sie als Frau in der Gesellschaft auszufüllen hat, und lässt sich von ihrem großen Herzen immer wieder zu gefährlichen Aktionen verleiten, wenn sie auch nie auf eine Weise aus ihrer Stellung ausbricht, die ihr die Missachtung der Gesellschaft einbringen würde:

Ihre Verärgerung war im Grunde nichts weiter als Eifersucht auf Davids ausgefülltes Leben. Während er sich mit interessanten Menschen traf und politische Probleme diskutierte, durfte sie sich um Haushaltsfragen kümmern und langweilige Besuche bei gelangweilten Damen machen.

Ihr Mann lässt sich auch nur allzu gern auf ihre kriminalistischen Bestrebungen ein, selbst wenn er weiß, dass seine Frau ihn manipuliert und ihren Kopf durchzusetzen versucht. Er selbst arbeitet für den königlichen Geheimdienst, zögert aber nicht, alles stehen und liegen zu lassen, um seiner Frau zur Seite zu stehen. Und dafür liebt sie ihn zutiefst – und David sie ebenfalls, etwas, mit dem keiner der beiden gerechnet hat, als sie ihre Vernunftehe eingegangen sind.

Die übrigen Personen bleiben etwas blass. Da ist Sir Frederick, der zwar in zweiter Ehe mit einer jungen, schwächlich und krank wirkenden Frau verheiratet ist, mit der er auch zwei Kinder hat, dessen Herz aber im Grunde nur an seinen Orchideen hängt. Die Gouvernante der Kinder, Miss Molan, die als Einzige mit dem ungezogenen Sohn der Familie zurechtzukommen scheint. Und natürlich Janes Freundin Alison, die aufgrund von Schwangerschaftsproblemen gezwungen ist, das Bett zu hüten und leider nur dazu dient, unsere Protagonistin in den Norden zu führen und auf die Spur des Kriminalfalles zu bringen – und natürlich auch den Vorwand liefert, warum Jane nicht wieder abreisen kann.

Ein großes Plus des Buches ist die Parallelhandlung, die aus Briefen bestehen, welche Sir Frederick von seinem Orchideenjäger Derek Tomkins erhält. Dieser ist in Kolumbien auf der Suche nach der sagenumwobenen schwarzen Orchidee und schildert seinem Arbeitgeber seine Abenteuer, Herausforderungen und Erfolge. Während man zunächst annimmt, dass diese Passagen nur Sir Fredericks Obsession mit Orchideen veranschaulichen sollen oder dass die Orchideenjagd damals ein lukratives, aber äußerst gefährliches Unterfangen war, stellt sich am Ende heraus, dass doch alles ganz anders ist als angenommen. Aber mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Mein Fazit: Unterhaltsamer kleiner Krimi mit zwei überaus sympathischen Protagonisten. Mir persönlich hat er Lust auf Band 3 gemacht.

Veröffentlicht in Belletristik

Annis Bell: Die Tote von Rosewood Hall

Rosewood Hall, Februar 1860: Lord Henry Pembroke hat sich alle Mühe mit der Ausrichtung eines Balls für seine geliebte Nichte Lady Jane in Rosewood Hall gegeben. Auf der Gästeliste stehen die begehrtesten Junggesellen der Londoner Gesellschaft, denn der Lord möchte die Zukunft seiner Nichte, die für ihn wie eine Tochter ist, gesichert wissen. Er ist sich bewusst, dass er nicht mehr lange zu leben hat und dass sein einziger Sohn und dessen geldgierige Ehefrau Jane entweder an den nächstbesten „verhökern“ oder auf die Straße setzen werden.
Doch der Abend nimmt einen gänzlich anderen Verlauf als geplant …
Ein schwer verletztes Mädchen stolpert in der winterlichen Ballnacht durch den Park von Rosewood Hall und wird von Lady Jane entdeckt. Jane, eine unkonventionelle und selbstbewusste junge Frau, bringt die Namenlose im Wintergarten unter. Mit ihrem letzten Atemzug bittet die Sterbende Jane darum, ihre Freundin Mary zu finden und vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Das Schicksal der gequälten Kreatur geht Jane nah, und sie verspricht, zu helfen.
Unerwartete Unterstützung findet Jane durch Captain David Wescott, einen verschwiegenen, eher düster wirkenden, aber auch attraktiven Mann. Dieser unterbreitet Jane jedoch auch ein Angebot: Da er der dritte Sohn eines einflussreichen Adligen ist, hat der ehemalige Offizier weder Erbe noch Titel zu erwarten. Da Jane einen Titel und einflussreiche Freunde hat, bietet er ihr einen Handel ein: Als seine Ehefrau wird sie weiter ihre Freiheiten (und auch ihr Vermögen) genießen können, soll ihn aber im Gegenzug zu Empfängen begleiten und den gesellschaftlichen Rahmen für Treffen mit Geschäftsfreunden gestalten.

„Die Tote von Rosewood Hall“ ist Band 1 der bislang dreiteiligen Serie um Lady Jane. Der Roman spielt im viktorianischen England, ist der Gattung der Cozy Mystery zuzurechnen und durchaus gut geschrieben. Nachdem ich es begonnen hatte, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Natürlich ist die Geschichte an sich relativ durchschaubar, wenn man schon viele Krimis gelesen hat. Aber nichtsdestotrotz versteht es die Autorin, zwei Handlungsstränge glaubwürdig zu schildern. Zum einen die Geschichte um Jane, ihre Ehe mit dem mysteriösen David Wescott und der Suche nach Mary, zum anderen die Ereignisse um Mary (aus Marys Sicht), ihre Zeit im Waisenhaus – und das, was danach geschieht. Es gibt zwar eine Handvoll Stellen, an denen der Roman sprachlich ausgebessert werden könnte, aber im Großen und Ganzen gelingt es Bell, Cornwall, das Waisenhaus oder auch das viktorianische London vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden zu lassen.
Das Buch hat trotz „schwerer“ Themen (Morphiumsucht, Kinderhandel bzw. Missbrauch/Misshandlung von Kindern) auch einen feinen Humor, der den Leser immer wieder zum Schmunzeln bringt:

Die Kutsche schien ihr viel zu klein, und die Luft war drückend, aber das lag an dem Korsett, das Hettie ihr heute viel zu eng geschnürt hatte.
„Du siehst sehr schön aus, Jane.“
Sie warf ihm unter gesenkten Lidern einen ärgerlichen Blick zu. „Ich bekomme zwar kaum Luft, aber danke. Falls ich in Ohnmacht zu fallen drohe, darfst du mir Riechsalz verabreichen.“

Einige Kritikpunkte hätte ich jedoch in erzählerischer (inhalticher) Hinsicht: Die Ereignisse um Janes geldgierigen Vetter Matthew wurden m. E. ein wenig schnell abgehandelt bzw. oberflächlich behandelt. Matthew erbt nach Henry Pembrokes Tod Titel und Besitztümer und versucht unter den Einflüsterungen seiner Ehefrau auch,  in den Besitz eines Hauses in Cornwall zu gelangen, das Jane von ihren verstorbenen Eltern geerbt hat. Im Roman schreibt er Jane einen Brief, in dem er von alten Schuldbriefen ihres Vaters berichtet und ihr deutlich macht, dass das Gesetz auf seiner Seite ist. Jane beschließt daraufhin, ihn auf ihrem Weg nach London aufzusuchen und noch einmal mit ihm zu reden. Doch dieses Ereignis fehlt oder besser gesagt, es wird mit dem schlichten Hinweis abgehandelt, dass sie dies tut – mehr wird nicht berichtet. Da die „Verschwörung“ des Vetters zu Beginn des Buches eine relativ wichtige Rolle spielt und Jane auch in ihrem Entschluss bestärkt, David Wescott zu heiraten, wirkt es wenig befriedigend, dass er im weiteren Verlauf (mit Ausnahme des Briefes) nicht mehr auftaucht.
Weiterhin gibt es auch eine widersprüche Information über David Wescott. Als Janes Freundin Allison ihr diesen (aus der Ferne) vorstellt, erklärt sie, er sei der zweite Sohn des Duke of St. Amand; Lord Henry hingegen berichtet ihr, er sei der dritte Sohn des Duke. Hier scheint der Autorin ein Fehler unterlaufen zu sein, denn ich glaube nicht, dass einer der beiden sich seiner Sache nicht sicher ist. Lord Henry kennt David schon sehr lange – und eine Frau, die einen Ehemann für ihre Freundin sucht, ist erfahrungsgemäß besser über dessen sozialen Status informiert als die NSA über ihre Staatsfeinde. 😉
Ein dritter Kritikpunkt inhaltlicher Art hängt mit folgender Aussage zusammen: „… je öfter Jane inszwischen die Einheimischen sprechen hörte, desto überzeugter war sie, dass Rosie aus dieser Region stammte.“ Da „Rosie“ im Sterben lag und nicht viel gesprochen hat und darüber hinaus nicht in Cornwall, sondern einem anderen County aufgefunden wurde, ist es wenig wahrscheinlich, dass Jane ihre Herkunft kennt. Ganz zu schweigen davon, dass es im Roman auch in Cornwall eine gefühlte unendliche Anzahl an Waisenhäusern zu geben scheint … Zweifellos wird dieser Hinweis nur aus dramaturgischen Gründen eingefügt, denn er muss die Handlung in Gang bringen und Jane ihre ersten Abenteuer erleben lassen.

Neben der erzählerischen Qualität ist aber auch die Protagonistin sehr glaubwürdig geschildert. Lady Jane ist sehr klug, neugierig (wissbegierig?), hat viel Charme, weint vielleicht ein wenig zu häufig für meinen Geschmack (zumindest scheint sie in Wescotts Gegenwart ständig in Tränen auszubrechen) und ist selbstbewusst – aber ohne diese „Ich schaff das schon alleine“-Haltung, die oft bei Figuren in historischen Frauenromanen festzustellen ist. Sie ist auch in der Lage, neue Situationen mutig anzupacken, aber das bedeutet nicht, dass sie sich nicht danach sehnt, ihren Mann an ihrer Seite zu haben, dessen Gegenwart ihren Worten oft Nachdruck (und mehr Glaubwürdigkeit) verleihen würde. Natürlich bringt sie sich auch hin und wieder in Situationen, in denen sie ohne Rücksprache mit ihrem Mann handelt und in die Bredouille gerät. Aber viel häufiger findet man im Roman den Hinweis, dass sie ihren Mann um Rat oder Hilfe bitten will: „Doch Jane vertraute ihrem Instinkt, der ihr sagte, dass es für zwei Frauen ohne bewaffneten männlichen Schutz zu gefährlich war, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Es wäre schlichtweg dumm, eine solche Drohung zu ignorieren.“ Das gefiel mir sehr gut, denn ich habe wenig für penetrant selbstbewusste Frauenfiguren übrig, die meinen, mit dem Kopf durch die Wand zu müssen und alles ohne Hilfe schaffen zu können – vor allem, was historische Romane angeht, in denen ein solches Verhalten undenkbar wäre. Außerdem bringt mir Janes Erkenntnis, dass sie hin und wieder Unterstützung braucht, und ihre Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, diese Figur noch viel näher, denn dadurch wirkt sie sehr lebensecht, müssen wir doch auch immer wieder erkennen, dass wir mit unserer Weisheit am Ende sein und die Unterstützung anderer benötigen.
Captain David Wescott bleibt jedoch ein wenig blass – aber ich nehme zugunsten der Autorin einfach einmal an, dass er so lange für die Leser ein Mysterium bleiben wird, wie er das auch für seine Ehefrau ist. Was man in diesem Roman über ihn erfährt, ist, dass er ein praktischer Zeitgenosse ist, der ständig die Augen zusammenzukneifen, böse zu gucken und die Stirn zu runzeln scheint – zumindest wenn er Zeit mit Jane verbringt. 😉 Er gewährt nur wenigen Menschen Einblick in sein Inneres, ihm gehen aber Ehre und Ehrlichkeit über alles. Nachdem seine militärische Karriere zu Ende ist, scheint er nun eine Karriere im Geheimdienst begonnen zu haben, über die wir in den Folgeromanen zweifellos mehr erfahren werden. Dass die beiden Protagonisten zwar ursprünglich nur eine Vernunftehe führen wollen, sich aber doch ineinander verlieben – damit war zu rechnen, und dieser Aspekt der Handlung wird auch durchaus mit viel Fingerspitzengefühl eingeführt. Hier hätte ich mir sogar noch ein wenig mehr „Prickeln“ gewünscht. 😉
Zwei weitere wichtige Figuren sind in dieser Hinsicht auch Janes Zofe Hetty, die ein wenig zu gern dem süßen Konfekt zuspricht, auf den ersten Blick eher furchtsam wirkt, aber durchaus in der Lage ist, sich zur Wehr zu setzen oder Jane zu verteidigen, wenn es darauf ankommt. Ihr „Gegenspieler“ auf Davids Seite ist dessen Kammerdiener (und wohl ehemaliger Adjutant) Blount, der Jane auf Wescotts Anweisung hin immer wieder im Auge behält und aus brenzligen Situationen rettet.

Und in brenzlige Situationen gerät Jane vor allem aufgrund ihrer Suche nach dem Waisenmädchen Mary. Die 11-Jährige lebt (bis zu dessen Flucht gemeinsam mit ihrem Bruder) unter schrecklichsten Bedigungen in einem Waisenhaus – Misshandlungen sind dort an der Tagesordnung. Mary ist ein sehr ruhiges Mädchen, das leider die Erfahrung machen muss, dass jedes Mädchen, mit dem sie sich eng befreundet – und dabei handelt es sich immer um ausgesprochen selbstbewusste Mädchen -, verschwindet. Zuerst Polly („Rosie“, die dort endet, wo auch Mary sich wenige Monate später wiederfinden wird), die zwar zunächst von Jane gerettet wird, aber dann verstirbt, und dann Fiona (die nach Australien verschifft wird). Doch trotz der schrecklichen Erfahrungen, die sie macht, lässt sie sich nicht unterkriegen, sondern gewinnt durch ihre Freundinnen Mut, sich ihrer schrecklichen Lage zu stellen. Oder vielleicht ist auch ihre Verzweiflung irgendwann so groß, dass sie willens ist, alles zu tun, um ihre Freiheit wiederzuerlangen … Eine sehr berührende Figur!

Mein Fazit: Schöner Schmöker (nicht zu dick), der sich an einem gemütlichen Nachmittag sehr gut verschlingen lässt! Er hat mir gut gefallen – so gut, dass ich gleich wissen möchte, wie es mit Jane und David weitergeht …