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Justin Cronin: Der Übergang (Passage-Trilogie #1)

Cronin Der UebergangAmy Harper Bellafonte ist gerade einmal sechs Jahre alt, als sie von ihrer überforderten alleinerziehenden Mutter – einer Prostituierten – in einem Nonnenkloster zurückgelassen wird. Schon bald darauf wird Amy jedoch von dem FBI-Agenten Brad Wolgast und seinem Kollegen Doyle entführt, die sie zu einer abgeschiedenen militärischen Forschungseinrichtung in Colorado bringen. Hier soll Amy, die besondere Fähigkeiten zu besitzen scheint, an einer streng geheimen medizinischen Versuchsreihe teilnehmen, die nichts Geringeres zum Ziel hat, als die Menschen mithilfe eines mysteriösen Virus unsterblich zu machen. Doch dann gerät das Experiment außer Kontrolle, und in rasender Geschwindigkeit breitet sich eine Welle der Zerstörung und Gewalt über den amerikanischen Kontinent aus, die die gesamte Menschheit zu vernichten droht.
Von schweren Gewissensbissen geplagt, das wehrlose Mädchen einem grausamen Menschenversuch ausgeliefert zu haben, gelingt es Wolgast, Amy in letzter Sekunde zu befreien und mit ihr in die Wälder zu fliehen. Doch als Wolgast als Folge einer Strahlenerkankung stirbt, verliert sich Amys Spur in den Wirren der Apokalypse um sie herum.
Erst später, viele Jahrzehnte später, taucht Amy wieder auf. Sie steht eines Tages vor den hermetisch abgeschirmten Toren einer Kolonie weniger Überlebender des fatalen Desasters. Die Kolonisten begegnen ihr, der geheimnisvollen Fremden, die erst etwa fünfzehn Jahre zu sein scheint, mit Misstrauen. Bis eine Handvoll von ihnen begreift, dass Amy vielleicht die Einzige ist, die die Menschheit noch retten kann.

Justin Cronin ist ein amerikanischer Autor, der für seine bisherigen vier Romane schon einige Auszeichnungen eingeheimst hat. Und vor dem Hintergrund von „Der Übergang“ muss ich sagen: Nicht zu unrecht. Ich habe dieses Buch bereits zum zweiten Mal gelesen und es hat sich nichts an meiner Begeisterung geändert.
Das Buch selbst besteht aus zwei großen Teilen. Im ersten Teil, der ca. 1/3 des Buches ausmacht, werden die Ereignisse vor der Katastrophe bzw. ganz zu Beginn des Ausbruchs erzählt. Der zweite Teil setzt 92 Jahre nach den Ereignissen ein und schildert das Leben einer kleinen Kolonie von Überlebenden, die seit Jahrzehnten in einem abgeschirmten Bereich in Kalifornien leben und zu ahnen beginnen, dass ihre Schutzmaßnahmen kurz davor stehen zu versagen. Darüber hinaus gibt es über das Buch verteilt elf kleinere Teile, die sich an der Struktur der Handlung bzw. der Ereignisse orientieren. Und um dem Ganzen noch den Anschein von Authentizität zu verleihen, ist das Buch mit einer Reihe von E-Mails, Tagebucheintragungen, Zeitungsberichten etc. gespickt, von denen ein Teil im Zentrum zur Erforschung menschlicher Kulturen und Konflikte an der Universität von New South Wales, in der Indo-Australischen Republik, im Jahr 1003 nach dem Virus vorliegen.

Der Ausgangspunkt der Geschichte ist nichts Neues und wurde schon in zahllosen Filmen und Büchern thematisiert: Im bolivianischen Urwald wird ein Forscher mit einem mysteriösen Fledermausvirus infiziert (Patient Zero), und aufgrund bestimmter Entwicklungen kommt das amerikanische Militär auf die Idee, einen Supersoldaten zu „züchten“, der nicht nur über besondere Kräfte verfügt, sondern auch über lange Lebensdauer bzw. gute Selbstheilungskräfte. Und weil man so etwas natürlich nicht an „guten“, „brauchbaren“ Menschen testet, bedient sich das Militär zwölf zum Tode Verurteilten (von denen aber einer – Carter – unschuldig ist), die sich daraufhin in haarlose, bluttrinkende, ausgesprochen agile nachtaktive Lebewesen verwandeln. Und mehr oder weniger die Fähigkeit besitzen, willensschwache Menschen telepathisch zu beeinflussen. Amy, die weibliche Hauptfigur, wird ausgewählt, da sie Halbwaise ist, ihre Mutter wegen Mordes gesucht wird und ihr Gehirn als Sechsjährige noch nicht voll entwickelt – oder um es ganz deutlich zu sagen: Niemand wird dieses Mädchen vermissen. Sie bekommt eine finale Version des Virus, allerdings zeigt sie außer einem Fieber und einer gewissen Widerstandskraft gegen Erkrankungen bzw. guter Selbstheilungskräfte keine Nebenwirkungen. All das ist im Grunde nichts Neues, aber so gut geschrieben, dass man zum Beispiel die gleiche Art von ängstlicher Bedrückung empfindet wie die Soldaten der Einrichtung, die so manche einsame Stunde über die Versuchspersonen wachen müssen.
Und dann geht es im zweiten Teil, der ein knappes Jahrhundert später spielt, weiter: Hier ist die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung ein ständiger Begleiter: Man begegnet einer kleinen Gruppe von Überlebenden – den Nachkommen der Kinder, die beim Ausbruch des Virus an die Westküste geschickt wurden, die damals vermeintlich sicher war. Sie leben in einer von hohen Mauern und Flutlichtern umgebenen Kolonie, beginnen aber langsam zu ahnen, dass ihre Schutzmaßnahmen nicht ewig halten werden. Auch gibt es immer weniger von ihnen, denn die Nacht wiederum ist fest in der Hand der sogenannten Virals, den von Zero und den Zwölfen Infizierten. Diese haben sich über die kompletten USA – und, so nehmen sie an, die ganze Welt – ausgebreitet und jagen die letzten Menschen und Tiere.
Die Welt in diesem Teil des Buches wird so exzellent vom Autor beschrieben, dass man sich einen Staat nach der Apokalypse wirklich vorstellen kann: was mit Städten wie Las Vegas oder der Technologie geschieht, nachdem die Natur hundert Jahre sich selbst überlassen war. Der Verfall der Kultur, das Vergessen der (eigenen) Geschichte, wenn es nur noch ums Überleben geht. Oder die Verzweiflung der Menschen, die sich vor der Dunkelheit fürchten, da sie dort der Tod erwartet. Die Hoffnungslosigkeit, wenn man weiß, dass es auf der einen Seite nur noch eine Handvoll Menschen, auf der anderen aber Millionen von Virals gibt. Den Verfall der menschlichen Moral, wenn man auch bereit ist, sich mit dem Feind zu verbünden, um das eigene Überleben zu sichern.
Auch die einzelnen Charaktere selbst sind exzellent beschrieben und so facettenreich, dass der Leser wirklich glaubwürdigen Figuren begegnet. Dabei verzichtet der Autor auf simple Schwarz-Weiß-Zeichnungen, sondern erschafft handelnde Figuren mit allen ihren Stärken, aber auch Schwächen. Es gäbe noch viel mehr zu den Ideen des Autors zu sagen, aber ich fürchte, dann würde ich unnötig spoilern.

Mein Fazit: der im wahrsten Sinne des Wortes gut 1.000 Seiten starke Eröffnungsband einer Trilogie, den man vielleicht nicht unbedingt abends vor dem Einschlafen lesen sollte, von dem aber keine einzige Seite überflüssig ist. Macht definitiv Lust auf die Fortsetzung („Die Zwölf“)!

PS: 2010 haben FOX und Ridley Scotts Filmgesellschaft die Rechte an der Verfilmung des Stoffes erworben. Auf IMDB gibt es bereits eine umfangreiche Darstellerliste und den Hinweis, dass die Verfilmung als TV-Serie ab 2018 zu sehen sein wird. Zum Beispiel wird FBI-Agent Brad Wolgast, der Amy entführt und zur Forschungseinrichtung bringt bzw. sie später daraus rettet, von Mark-Paul Gosselaar (Franklin & Bash; Pitch) dargestellt; Peter, neben Amy die Hauptfigur des Buches, wird von B. J. Britt (Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D., UnREAL) gespielt.

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Pierce Brown: Im Haus der Feinde (Red Rising #2)

Red RisingImmer war Darrow stolz darauf, als Minenarbeiter auf dem Mars den Planeten zu erschließen. Bis er herausfand, dass die Oberschicht, die Goldenen, längst in Saus und Braus leben und alle anderen ausbeuten. Unter Lebensgefahr schloss er sich dem Widerstand der Söhne des Ares an und ließ sich selbst in einen Goldenen verwandeln.
Seit zwei Jahren lebt er nun mitten unter seinen Feinden und versucht, die ungerechte Gesellschaft von innen heraus zu stürzen. Doch womit Darrow nicht gerechnet hat: Auch unter den Goldenen findet er Freundschaft, Respekt und sogar Liebe. Zumindest so lange ihn niemand verrät. Und der Verrat lauert überall.

„Im Haus der Feinde“ ist Band 2 der „Red Rising“-Trilogie des Amerikaners Pierce Brown und wieder einmal ein echter Pageturner. Die Geschwindigkeit, mit der Darrow gegen politische Verschwörer kämpft bzw. für seine Sache – sie steht ab einem bestimmten Punkt der Geschichte Band 1 in nichts nach. Im Gegenteil: Der Autor bleibt dem Rezept von „Red Rising“ treu: Es gibt eine Menge Kämpfe auf Leben und Tod, atemberaubende Brutalität und Rücksichtslosigkeit und eine derart derbe Sprache, die in YA-Romanen eher unüblich ist. Die Geschichte ist derart actionreich, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte, da es nur wenige Zeitpunkte gibt, an denen der Protagonist (und damit auch der Leser) einmal kurz durchatmen kann. Doch beschränkte sich die Geschichte des ersten Bandes noch auf das Überleben am Institut, geht es nun auf die nächste Ebene: die Weltengesellschaft und unser Sonnensystem.

Die Geschichte erinnert stärker als der Vorgänger an „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert: Familienclans werden vom regierenden Oberhaupt der Weltengesellschaft – derzeit Octavia au Lune – mit der Herrschaft über einen Planeten und der Ausbeutung seiner Ressourcen beauftragt und müssen dafür sorgen, dass „das Spice fließt“ – oder im Fall von Mars: dass das Helium-3 fließt, auf das die Weltengemeinschaft angewiesen ist.

Während auch im Vorgängerband die SciFi-Elemente relativ dezent einflossen, nehmen sie nun in „Im Haus der Feinde“ eine größere Rolle ein. Es kommt wiederholt zu großen Weltraumschlachten, in deren Rahmen dann die unterschiedlichsten Raumschiffe beschrieben werden. Ganz abgesehen von SciFi-Waffen, die auch hier verstärkt erwähnt bzw. eingesetzt werden. Es ist die Rede von Starshells, Storks, Ripwings, Leechcrafts, Wasps, Speederbikes, Spiders, Hoverskiffs, Railguns, Lurchers und vielen mehr – und da diese Begriffe höchstens bei ihrer ersten Erwähnung in einem (Neben-)Satz erklärt werden, hätte ich mir gewünscht, dass es im Anhang oder in der Klappe des Buches ein kleines Verzeichnis all dieser Begriffe und Kategorien gibt, mit man kurz nachschlagen kann, ob man es gerade mit einem Angriff durch einen kleinen Raumschiffjäger zu tun hat oder einem der gigantischen Ganzkörperschutzanzüge.

Ähnliches gilt übrigens auch für die Personenliste. Da der Fundus an handelnden Personen mittlerweile sehr umfangreich ist, geht dem Roman ein kurzes Verzeichnis voraus, in dem die zentralen Figuren kurz erläutert werden (z. B. Adrius au Augustus/Schakal: Sohn des Erzgouverneurs, Erbe des Hauses Augustus, Zwillingsbruder von Virginia). Dies ist durchaus recht hilfreich – aber da die Anzahl der Figuren in diesem zweiten Band schier explodiert, weil neben all den Goldenen auch zahllose Blaue, Graue, Obsidiane etc. eine zentrale Rolle spielen, hätte ich mir ein umfangreicheres Verzeichnis gewünscht. Das wäre gerade vor dem Hintergrund relevant/hilfreich gewesen, da die Loyalitäten teilweise innerhalb eines Familienclans variieren.

Im Gegensatz zum ersten Buch brauchte ich bei „Im Haus der Feinde“ ein paar Kapitel, um in die Handlung hineinzufinden bzw. mich von dieser packen zu lassen. Der Grund ist vermutlich sehr einfach: Band 1 endet mit einem Sieg des Über-Menschen Darrow. Er hat die Regeln gesprengt, hat sich von seiner Rache antreiben lassen und das „Spiel“ gewonnen: Er hat auf dem Institut gegen die unterschiedlichen Häuser gekämpft, hat einige besiegt, andere als Verbündete gewonnen – aber vor allem hat er die Protektoren, die das „Spiel“ geleitet und manipuliert haben, mit brutaler Gewalt ausgeschaltet. Doch in „Im Haus der Feinde“ stolpert Darrow zunächst von einer Niederlage zur nächsten – das machte mir es etwas schwer, mich mit ihm zu identifizieren oder zumindest mit ihm zu sympathisieren.
Nun ist er Lanzenreiter von Nero au Augustus – dem Erzgouverneur von Mars, der das „Spiel“ zugunsten seines eigenen Sohnen manipuliert hat und die Schuld am Tod von Eo trägt, Darrows Frau. Doch Darrow muss feststellen, dass das Leben auf der Akademie, wo er sich das Zeug verdient, ein Flottenkapitän des Hauses Augustus zu werden, mehr von ihm verlangt, als zu kämpfen. Auch hier ist das „Spiel“ manipuliert, auch hier gibt es mächtige Kräfte, die gegen ihn arbeiten und alles dafür tun, dass er scheitert und damit auch sein Haus. Und dieses Mal unterliegt der Protagonist. Darrow macht auf diese Weise noch stärker als in „Red Rising“ die Bekanntschaft von politischen Verschwörungen, ein Terrain, auf dem er sich (zunächst) nicht zu Hause fühlt. Er muss lernen, sich nicht nur auf seine körperliche Überlegenheit zu verlassen, sondern sich auch mit unterschiedlichsten Personen und Familien zu verbünden. Während es in „Red Rising“ darum ging, im Rahmen des Spiels auf dem Mars die Mitglieder anderer Häuser nicht als Sklaven, sondern als Verbündete auf seine Seite zu ziehen, geht es in „Im Haus der Feinde“ nun stärker darum, die Mitglieder anderer Farben aus ihrer kulturellen Sklaverei zu befreien und zu loyalen Verbündeten zu machen, die aus eigener Entscheidung für ihn kämpfen. Während in „Red Rising“ primär Rache der treibende Motor für Darrows Handeln war, ist es in „Im Haus der Feinde“ zunehmend der Kampf für die Gerechtigkeit.
Einige seiner Pläne werden aufgehen, andere scheitern, weil sowohl Darrow als auch der Leser sich nie sicher sein kann, ob nicht ein Verbündeter ein doppeltes Spiel spielt. Und da auch die Pläne seiner Gegner ebenfalls das eine oder andere Mal scheitern, bleibt es bis zuletzt spannend, wer den Sieg davontragen wird. Denn nicht alle sind auf seiner Seite, als sie seine wahre Identität erkennen – und dass er ihre liebgewordene gesellschaftliche Position aufweichen will.
Der Leser nimmt in diesem Kontext auch gemeinsam mit Darrow Abschied von alten Freunden – niemand ist vor dem literarischen Tod gefeit. Und auch hier ist nicht jede Figur, die das Buch als Verbündeter und Freund beginnt, bis zum Ende auf Darrows Seite. Ich als Leserin war vermutlich am Ende genauso schockiert wie Darrow, als … Ach nein, Spoiler. 🙂

Mein Fazit: Mir bleibt die Luft weg. Ich muss das Ende der Geschichte erfahren! Gott sei Dank habe ich mit dem Lesen der Serie gewartet, bis alle Bände lieferbar waren …

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Colm Tóibín: Brooklyn

toibin-brooklynIrland um 1950: Die junge Eilis Lacey lebt mit ihrer verwitweten Mutter und ihrer großen Schwester Rose in Enniscorthy im Süden Irlands. Viele junge Iren zieht es aufgrund der schlechten Wirtschaftslage ins Ausland, so auch Eilis‘ drei Brüder, die in England leben. Die junge Frau arbeitet am Wochenende in einem örtlichen Geschäft und steuert so etwas zum Lebensunterhalt der Familie bei. Da eröffnet sich ihr durch die Vermittlung ihrer Schwester und eines katholischen Priesters die Möglichkeit, nach Amerika auszuwandern, um in Brooklyn eine Anstellung in einem großen Kaufhaus anzutreten.
Die Anpassung fällt ihr schwer, das Heimweh ist groß, und der Entschluss, in der Abendschule eine Ausbildung zur Buchhalterin zu machen, hilft ihr nur wenig darüber hinweg. Bis sie auf einem irischen Tanzabend Tony begegnet. Mit dem jungen Italiener an ihrer Seite lernt sie die Stadt kennen, erlebt Dinge, die sie vorher noch nicht erlebt hat, und plötzlich sieht ihre Zukunft gar nicht mehr so trüb aus.
Da ruft eine tragische Nachricht sie zu ihrer Mutter nach Südirland zurück. Und in der vertraut-fremden Heimat trifft sie Jim, der ihr eine Zukunft in Irland anbietet. Eilis muss sich entscheiden.

Auf den Roman des irischen Erfolgsautors Colm Tóibín bin ich über die gleichnamige Verfilmung nach einem Drehbuch von Nick Hornby gestolpert. Ich musste beim Lesen feststellen, dass sich beide wunderbar ergänzen – Passagen, bei denen ich im Buch das Gefühl hatte, dass der Autor (absichtlich?) Fragen offen lässt oder auf Erklärungen verzichtet, werden im Film durch ganz simple Dialoge oder Szenen beantwortet. Saoirse Ronan liefert dem Zuschauer im Film eine großartige Eilis, und Emory Cohen spielt den Italiener Tony so toll, dass er diesen zu einer meiner liebsten Protagonisten gemacht hat. Deshalb seht es mir nach, wenn im Folgenden Buch und Film vielleicht das eine oder andere Mal ineinanderfließen.
Der Roman besteht aus vier Teilen: Teil 1 schildert die Vorgeschichte in Enniscorthy bis zur Ankunft in Amerika. Teil 2 schildert, wie Eilis in der neuen Heimat ankommt und sich einlebt, ihr Lebensmittelpunkt ist aber weiterhin primär die irische Gemeinde. In Teil 3 wird Eilis zunehmend selbstbewusst und selbstbestimmt – und sie lernt Tony kennen und lieben. Teil 4 führt sie schließlich wieder nach Hause und stellt sie vor eine Entscheidung.

Die junge Eilis fühlt sich in ihrer irischen Heimat etwas einsam und fremd. Ihre Brüder sind zum Arbeiten nach England gegangen und schicken hin und wieder etwas Geld, und im Gegensatz zu ihr wird ihre etwa dreißigjährige Schwester Rose von allen geliebt; sie arbeitet recht erfolgreich in ihrem Beruf als Buchhalterin, ist eine ausgezeichnete Golfspielerin, ist wunderschön und versteht sich darauf, Menschen kennenzulernen. Eilis ist im Gegensatz dazu eher ein Mauerblümchen – ohne richtige Anstellung, mit nur zwei oder drei Freundinnen, ohne Freund. An den Wochenenden geht sie aus, am Sonntag in die Messe – aber ein Lebensziel hat sie nicht. Und es ist bezeichnend, dass nicht sie den Entschluss fällt, aus beruflichen Gründen nach Amerika zu gehen, sondern ihre Schwester Rose. Da Eilis sich aber im Stillen nach mehr sehnt, willigt sie ein, obwohl das in der damaligen Zeit bedeutet, dass ihre Schwester für immer unverheiratet bleiben und sich um ihre Mutter kümmern wird. Aber dass Rose bereit ist, dieses Opfer zu bringen, wird Eilis erst später klar.
Das Leben in Brooklyn soll nach Eilis‘ Willen so weitergehen wie ihr Leben in Irland: Sie arbeitet fleißig, geht zur Messe und hilft in der Gemeinde aus; den Mut, sich auf Neues einzulassen, hat sie zunächst nicht. Da sie ein stiller Mensch ist und niemanden an sich heranlässt, fällt sie in ein tiefes Loch und wird heimwehkrank. Und erneut kommt ihr der katholische Priester zu Hilfe, als er ihr die Möglichkeit eröffnet, zur Abendschule zu gehen und dort eine Ausbildung zur Buchhalterin zu machen. Dadurch wächst ihr Selbstbewusstsein, und spätestens als sie auf einem irischen Tanzabend den jungen Tony kennenlernt, beginnt ihre Integration wirklich.
Tony ist italienischer Abstammung; ein italienischer Einwanderer in zweiter Generation, der sich seinen Lebensunterhalt als Klempner verdient. Und eine unglaublich sympathische literarische Figur! Für Tony ist auf den ersten Blick klar, dass Eilis die Frau seines Lebens ist, und so tut er auf seine ganz feine Art alles, um um sie zu werben: Er holt sie von der Abendschule ab und bringt sie nach Hause, geht mit ihr tanzen, lädt sie ins Kino ein …

„Warten Sie mal. Er nimmt Sie nicht mit zu Trinkgelagen mit seinen Freunden und lässt Sie dann bei den Mädchen sitzen?“
„Nein.“
„Er redet nicht die ganze Zeit über sich selbst, wenn er Ihnen nicht gerade erzählt, wie großartig seine Mutter ist?“
„Nein.“
„Dann halten Sie ihn bloß fest, Schätzchen. Einen zweiten wie den finden Sie nicht. Vielleicht in Irland, aber nicht hier.“
(Seite 173)

Das rät Eilis zumindest ihre Vorgesetzte. Und tatsächlich gesteht Tony ihr auch wenig später seine Liebe. Eilis zögert allerdings. Wenn sie dieses Gefühl zulässt, bedeutet dies auch, dass sie bereit ist, ihre irische Heimat für immer hinter sich zu lassen. „Tony hat mir dabei geholfen, daran zu glauben, dass ich hier leben kann. Bevor ich ihn kennengelernt habe, konnte ich mir das nicht vorstellen. Mein Körper war hier, aber mein Leben war noch in Irland bei euch. Jetzt ist es schon halb über den Ozean. Das ist immerhin etwas, oder nicht?“, schreibt sie im Film an ihre Schwester Rose. Sie ist also dabei, sich endgültig von ihrer irischen Heimat „abzunabeln“.
Doch dann wird Eilis‘ Entscheidung für Amerika und für ihre Unabhängigkeit auf die Probe gestellt: Sie bekommt eine traurige Nachricht aus Enniscorthy und kehrt für einen Besuch dorthin zurück. Und die Vertrautheit und das Gefühl, daheim zu sein, ist gleich wieder da. Doch gleichzeitig ist vieles dort plötzlich ganz alles anders als früher. Sie ist nicht mehr dieselbe, die vor einem Jahr nach Brooklyn gegangen ist. Sie ist selbstbewusster, unabhängiger, reifer, offener – und das spüren die Menschen. Ihre Mutter beispielsweise, die möchte, dass Eilis in Irland bleibt, damit für sie – die Mutter – gesorgt ist. Ein örtlicher Arbeitgeber merkt dies und bietet ihre eine Anstellung an.
Und die Männer spüren es. Sie lernt Jim kennen, einen jungen Iren, der zu ihrem Freundeskreis gehört – und verliebt sich in ihn. Jetzt steht sie ein weiteres Mal vor einer Entscheidung: Wird sie die Vertrautheit wählen, die alte Heimat; wird sie das tun, was „man“ (ihre Familie, ihre Freunde, die Nachbarn) von ihr erwartet, weil es sicher und vorhersehbar ist? Oder wird sie sich für Tony entscheiden, für ihr neues Leben, für die andere Eilis, die unabhäniger ist, die bereit ist, das Abenteuer anzunehmen und in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen? Eine sehr unangenehme Begegnung mit ihrer ehemaligen Arbeitgeberin in Enniscorthy führt ihr vor Augen, was sie tun muss …
Doch die Entscheidung ist gar nicht so einfach. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern und Filmen ist hier keiner der beiden Männer der Richtige oder der Falsche. Beide könnten der Richtige sein – denn sie stehen für zwei unterschiedliche Lebensentwürfe, zwischen denen Eilis sich entscheiden muss. Und wenn man erwachsen wird (werden will), dann gehört dazu die Erkenntnis, dass man im Leben Entscheidungen treffen muss, Entscheidungen, denen man treu bleiben muss. Und mit jeder Entscheidung für eine Richtung schließt sich die Tür zu einer anderen Richtung.
Wie sie sich entscheidet, werde ich natürlich nicht verraten, aber ich fand diesen Roman, die Geschichte von Eilis sehr lebensnah. Das eine oder andere Mal dachte ich beim Lesen: Das kenne ich! So geht es mir auch! Und es kommt mir so vor, als würde die Geschichte von Eilis auch dem Leser, der sich mit ihr identifizieren kann, dabei helfen, sich auf das Ungewisse einzulassen. „Brooklyn“ erzählt eine universelle Geschichte: dass man die (innere) Heimat verlassen muss, um die eigene (innere) Heimat zu finden. Auch der Leser kennt diese Sehnsucht nach mehr, nach einem erfüllten Leben, wie man es bei Eilis sehen kann. Und wie Eilis versucht man, diese Sehnsucht mit Erfolg im Job, einem Lebenspartner, dem Engagement für eine Organisation u. a. zu stillen. Und man ist immer wieder versucht, sich auf das Vertraute, Vorhersehbare zu beschränken, weil es eben sicher ist.

Mein Fazit: Lesen! Unbedingt! Und der Film ist sowieso Pflicht!

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Mary Shelley: Frankenstein 

shelley-frankensteinDie Geschichte beginnt mit Briefen von Robert Walton an seine Schwester. Walton ist mit einem Schiff unterwegs, um eine Passage zum Nordpol zu entdecken, doch er und seine Mannschaft wurden vom Eis der Arktis eingeschlossen und warten auf Tauwetter. Während der Wartezeit beobachten sie, wie eine riesenhafte Person auf einem Hundeschlitten in Richtung Norden eilt. Am nächsten Morgen nehmen sie einen Mann an Bord, der schwerkrank und am Ende seiner Kräfte ebenfalls auf dem Weg nach Norden ist: Victor Frankenstein. Als dieser sich langsam etwas erholt und den tödlichen Ehrgeiz in den Augen seines Retters erkennt, beginnt er, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen:
Er stammt aus einer liebevollen Schweizer Familie. Schon früh kommt der intelligente Junge in Kontakt mit den Werken einiger Alchemisten und verschlingt diese eine Weile lang mit großem Wissensdurst. Mit 17 geht er an die Universität nach Ingolstadt, um dort Naturwissenschaften zu studieren. Während dieser Zeit wird seine Begeisterung für die Alchemie wieder neu entfacht. Und er beginnt selbst zu forschen. Ihm gelingt, was noch keiner vor ihm geschafft hat: Er gestaltet aus Leichenteilen ein neues Wesen und haucht diesem Leben ein. Doch er ist von der Hässlichkeit seines Geschöpfes so entsetzt, dass er sich von diesem abwendet und die Flucht ergreift. Als er nach der Rückkehr in seine Wohnung das Ungeheuer nicht mehr antrifft, glaubt er, alles sei nur ein böser Traum gewesen und er könnte alles hinter sich lassen.
Doch zwei Jahre später wird sein jüngster Bruder ermordet und eine von allen geschätzte Hausangestellte für die Tat verurteilt. Damit beginnt ein einziger Albtraum, denn Frankenstein muss erkennen, dass jedes Handeln Konsequenzen hat und dass ihn seine Hybris zu Fall bringen wird …

Die Entstehungsgeschichte des Klassikers „Frankenstein“ ist legendär: Es ist das Jahr 1816, ein regnerischer Sommer … In der Villa von Lord Byron am Genfer See halten sich neben dem Hausbesitzer und dessen Leibarzt John Polidori u. a. auch Mary Wollstonecraft und der englische Dichter Percy Bysshe Shelley auf, die zusammen durchgebrannt sind (und später heiraten werden). Sie vertreiben sich ihre Zeit mit dem Erzählen von Gruselgeschichten – und aus einer von ihnen wird „Frankenstein“ hervorgehen, ein Klassiker der englischen Literatur, der heute noch Stoff für Kinofilme liefert.
Falls ihr eingefleischte „Frankenstein“-Fans seid oder Literaturwissenschaftler, eine Warnung vorab: Ich fand den Roman gruselig – und das nicht auf eine gute Art und Weise – und kann ihn auf keinen Fall weiterempfehlen. Die Gründe dafür sind vielfältig:

Mary Shelleys Charaktere sind unglaublich eindimensional. Es gibt in dieser Hinsicht keine Grautöne. Alle Akteure, die von Mary Shelley mit einem Namen bedacht werden, sind facettenlose Geschöpfe, tugendhaft, edel, mit einer schier engelhaften Geduld gesegnet; das gilt für Victors Familie ebenso wie für seine Freunde. Obwohl z. B. schon bald abzusehen ist, dass es eine Verbindung gibt zwischen Victor und den Todesfällen, obwohl er sich so extrem in sich selbst, in die Einsamkeit zurückzieht und ganz offensichtlich suizidal ist, begegnen ihm die ihn liebenden Menschen mit einer so großen Nachsicht und Geduld, dass ich das eine oder andere Mal kurz vor dem Verzweifeln war. Nie verliert jemand die Contenance, nie dringt jemand ernsthaft in Victor und verlangt eine Erklärung für die Geschehnisse. Selbst als seine geliebte Elisabeth durch ihn erfährt, dass etwas ganz Schlimmes geschehen ist, dass er etwas Entsetzliches getan hat, dass sein Leben verdammt ist und sie ihm gewiss nicht vergeben wird, wenn sie die Wahrheit erfährt, besteht sie nicht darauf, dass er sich ihr offenbart. Und mit Liebe hat das m. E. nichts mehr zu tun; Shelley will ihr Augenmerk offenbar nur auf den Victor-Ungeheuer-Konflikt richten und keine Energie in „normal-menschliche“ Konflikte investieren.
Victor hingegen ist neben diesen engelhaften Wesen der gefallene Adam, Adam nach dem Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis, der sich gegen seinen Schöpfer aufgelehnt hat, indem er selbst Schöpfer gespielt und seine Unschuld und dadurch das Paradies verloren hat. In seiner Hybris glaubt er etwas schaffen zu können, das noch niemand vor ihm geschafft hat – ohne Rücksicht auf Verluste oder Konsequenzen. Letzteres hätte durchaus das Potenzial für eine großartige Geschichte, eine tiefgehendere Auseinandersetzung mit dem Missbrauch wissenschaftlicher Errungenschaften (nicht alles, was theoretisch möglich wäre, ist auch gut für uns, um es mal ganz platt auszudrücken) – wenn, ja, wenn dieser Frankenstein nicht ein unglaublicher Waschlappen wäre  (ich kann gerade hören, wie Mary Shelley in ihrem Grab rotiert).
Was eine Redemption-Geschichte hätte werden können, gleitet spätestens nach dem Entsetzen über das erschaffene Ungeheuer in eine endlose Pity-Party ab. Frankenstein ist deprimiert, weint, ist wütend und zornig, traurig und niedergeschlagen, rauft sich die Haare, kann nicht schlafen, zieht sich in die Einsamkeit der Natur zurück, grübelt nächtelang über sein Vergehen nach, ergeht sich in Schuldgefühlen, wälzt sich wochenlang fieberkrank auf seinem Lager, ist blass und dünn und fast chronisch suizidal und unglaublich selbstsüchtig … Doch was er nicht tut: etwas. Irgendetwas. Obwohl er weiß, dass er die Schuld am Tod von geliebten Menschen trägt und dass ihn neue Verluste erwarten, kriegt er seinen Hintern nicht hoch. Er könnte versuchen, das Monster selbst zu töten (Schwerter, Gewehre oder meinetwegen Sprengstoff gab es auch damals schon), er könnte sich jemandem offenbaren, z. B. seiner eigenen Familie, die ja auf der Abschussliste des Ungeheuers steht. Spätestens nach dem dritten Verlust hätte er über seinen Schatten springen müssen – natürlich hätte man ihm u. U. nicht sofort geglaubt, natürlich wäre seine Familie entsetzt gewesen, und vielleicht hätte man sich von ihm abgewandt. Aber diese Konsequenzen zu tragen, wäre immer noch besser gewesen, als feige den sicheren Tod seiner gesamten Familie in Kauf zu nehmen. Denn sein Schweigen hat definitiv nichts mit Rücksichtnahme zu tun, sondern nur mit Feigheit. Schließlich heiratet er nämlich seine geliebte Elisabeth, obwohl ihm das Ungeheuer in diesem Fall ihre Vernichtung angedroht hat. Und was sagt er zu ihr, die aufgrund von Andeutungen ahnt, dass nun etwas ganz Entsetzliches geschehen wird?

„Du bist traurig, mein Liebes. Ach, wenn du doch wüßtest, was ich erlitten habe und was ich vielleicht noch erdulden muß, dann würdest du mir die Ruhe und die Erlösung von der Verzweiflung gönnen und mich diesen Tag genießen lassen, der mein Herz erfreut.“
(S. 330)

Mit anderen Worten: „Hey, du bist vielleicht schrecklich traurig, aber wenn du wüsstest, wie schlecht es mir geht und was ich schon alles durchgemacht habe, würdest du zumindest so tun, als wärst du glücklich. Mein Wohlergehen ist nämlich wichtiger als deines.“
Selbst am Ende seines Lebens, als es hin und wieder den Anschein hat, er hätte seine Hybris eingesehen, kann er nicht über seinen „selbstsüchtigen Schatten“ springen. Als z. B. die Matrosen auf dem im Eis festsitzenden Schiff (die schon den Verlust einer ganzen Reihe von Kameraden zu beklagen haben) ihren Kapitän Robert Walton auffordern, doch beim Einsetzen von Tauwetter gen Süden zu segeln und nicht länger weiter in das Eis hinein, macht Frankenstein ihnen Vorhaltungen. Im Grunde sagt ihr ihnen: „Wenn ihr in die Sicherheit des Südens zurückkehrt, dann seid ihr Feiglinge und ehrlos. Wie könnt ihr bloß so feige sein und etwas, das zum Wohle der Menschen ist, verweigern – und das nur, um eure Haut zu retten?“ (nachzulesen S. 368 f.)  Und beinahe im gleichen Atemzug warnt er Walton davor, seinem Wissensdurst uneingeschränkt nachzugeben – hier könnte man ihn schon beinahe als schizophren beschreiben. Selbst auf dem Totenbett ist sich Frankenstein aber keiner Schuld bewusst:

„In den letzten Tagen habe ich mein früheres Verhalten überprüft und nichts daran zu tadeln gefunden. In einem Anfall der Verblendung schuf ich ein denkendes Geschöpf, und ich wäre dazu verpflichtet gewesen, für sein Gück und Wohlergehen zu sorgen, soweit es in meiner Macht stand. Aber etwas anderes ging vor. Die Pflicht meinen Mitmenschen – den echten Menschen – gegenüber hatte den Vorrang …“
(S. 372)

Und dann erklärt er seinem Zuhörer, dass er ja nicht die Schuld an den schrecklichen Taten trägt, sondern dass das Geschöpf allein schuldig und durch und durch böse ist. Und selbst Walton (und damit Shelley) beschreibt ihn trotz der Ereignisse weiter als einen noblen Menschen, was ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann.

Auch die Gestaltung des Monsters lässt zu wünschen übrig. Hier beschenkt uns die Autorin zumindest mit ein paar Facetten und einigen Grautönen, mit einem Wesen, dass immer wieder die Hand ausstreckt und seinen Schöpfer um Hilfe bittet. Aber dennoch verliert sie mich bei den Basics: Ein gesampeltes Wesen wird auf nicht näher beschriebene Weise zum Leben erweckt, haut ab, nachdem es bei seinem Schöpfer auf wenig Begeisterung stößt, reist mithilfe eines erstaunlich gut funktionierenden inneren Kompasses von Ingolstadt nach Genf, entwickelt ohne fremde Hilfe oder Vorbild ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, bringt sich selbst eine korrekte, real existierende  Sprache bei (und zwar so, dass man ihn nicht als Nicht-Nativespeaker erkennt), liest die großen Denker und versteht die Philosophie – und all das in weniger als zwei Jahren! Come on!? Und dass dieses Ungeheuer eigentlich weniger ein durch und durch schlechtes Wesen ist (schließlich bringt es genügend Menschen sehenden Auges um!) – nein,  es ist nur ein Kind, das die Anerkennung seines Vaters sucht. Vor dem Hintergrund der Tatsache, wie viel Bildung es sich in der kurzen Zeit angeeignet hat, ist mir diese Erklärung einfach zu simpel.

Neben diesem Manko hinsichtlich der Charakterisierung der Figuren war ich aber auch sehr enttäuscht über die Ausgestaltung des Horror-Parts. Natürlich ist mir bewusst, dass man diese Elemente zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht so detailliert ausgestaltet hat, wie man dies heute tun würde. Die Leseerfahrung war damals nicht so ausgeprägt und „abgehärtet“ wie heute. Aber sich bei der Erschaffung des Ungeheuers auf die Information zu beschränken, „Ich habe dann mal aus faulenden Leichenteilen ein Wesen zusammengestellt, und im Gegensatz zu den anderen dummen Wissenschaftlern bin ich dahintergekommen, wie man Toten wieder die Wärme des Lebens einhaucht“ – sorry, das ist mir einfach zu wenig. Schon seit den 1770er-Jahren gab es wissenschaftliche Versuche, Tote mithilfe von Elektrizität wiederzubeleben, da könnte man doch meinen, dass ein Autor, der sich mit ebendiesem Thema auseinandersetzt, ein bisschen mehr Energie in die Forschung und Beschreibung dieser Prozesse investiert. Vor allem, da man sich auch in ihrem engeren Freundeskreis damit beschäftigt. Nein, falsch gedacht. Stattdessen langweilt – wieder: sorry – uns die Autorin mit seitenlangen Naturbeschreibungen. Keine düsteren Schlösser oder Gänge oder Verliese … Stattdessen die Schönheit der Alpen en détail. Jedes. Verflixte. Detail!

Fazit: Ich glaube, dass diese Geschichte durchaus deutlich mehr Potenzial hat, als Shelley schlussendlich daraus gemacht hat. Wobei ich mir natürlich schon bewusst bin, dass ich hier als Mensch des 20./21. Jahrhunderts schreibe, der in der Realität gesehen hat, welchen negativen Weg die Wissenschaft einschlagen kann.

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Stephen King: The Stand – Das letzte Gefecht

king-standKalifornien, Juni 1990: Als in einer militärischen Basis ein tödliches grippeartiges Virus freigesetzt wird und die elektronischen Sicherheitsmaßnahmen nur verzögert greifen, gelingt einem der Wachleute die Flucht aus dem Stützpunkt. Gemeinsam mit Frau und Kind tritt er die Flucht durch Nevada an. Doch das Virus erwischt jeden, der mit ihm in Kontakt kommt, und so infiziert der Soldat auf seinem Weg in den Osten immer mehr Menschen. Innerhalb weniger Tage ist die gesamte amerikanische Bevölkerung mit „Captain Trips“ infiziert und die Todesrate liegt bei nahezu 100 Prozent.
Doch es gibt auch Menschen, die gegen dieses Grippevirus immun sind. Noch während sie versuchen, mit der neuen Situation zurechtzukommen, werden sie von Träumen heimgesucht. Träumen, in denen ein mysteriöser dunkler Mann auftritt – der teuflische Randall Flagg – und eine uralte Farbige mit göttlichen Visionen, Mutter Abagail.
Einige der Überlebenden begeben sich auf den Weg nach Westen, nach Las Vegas, wo sie unter der Führung von Randall Flagg, der übernatürliche Fähigkeiten besitzt, eine neue Gesellschaft gründen. Die übrigen machen sich auf nach Nebraska, um die alte Frau zu suchen, die die ersten Ankommenden wie ein moderner Mose nach Boulder, Colorado, führt, wo sie eine neue Zivilisation aufbauen wollen.
Doch auch in Boulder gibt es Menschen, die sich zum dunklen Mann hingezogen fühlen und für seine „Einflüsterungen“ offen sind …

„The Stand – Das letzte Gefecht“ stammt ursprünglich aus dem Jahr 1978. Allerdings war der Verlag damals der Auffassung, dass man den Lesern kein Buch zumuten könnte, das mehr als 12,95 Dollar kosten würde, denn ein Buch von (im Original) über 1 200 Seiten müssten rein kalkulatorisch teurer sein. Daraufhin wurde die Geschichte von Stephen King um 400 Seiten gekürzt. Doch 1990 hatte sich die Buchwelt ein Stückchen weiter gedreht, und man beschloss, die lange Version der Geschichte zu veröffentlichen, in die nun die meisten Kürzungen in der einen oder anderen Weise wieder eingeflossen sind. Die deutsche Taschenbuchausgabe, die im März 2016 in einer Neuausgabe im Heyne Verlag erschien, hat nun schlappe 1 712 Seiten!
Man müsste wohl eine epische Rezension verfassen, um diesem epischen Werk gerecht zu werden, aber ich will mich im Folgenden auf einige wenige Aspekte beschränken.

1. Ich liebe Kings Art, die Ausbreitung des Virus lakonisch und irgendwie distanziert zu beschreiben – aber so, dass man im Grunde beim Lesen schon beinahe lächeln muss:

In der Wüste Kaliforniens hatte jemand, unterstützt vom Geld der Steuerzahler, endlich einen Kettenbrief erfunden, der wirklich funktionierte. Einen ausgesprochen tödlichen Kettenbrief.
Am 19. Juni
[…] machte Harry Trent im östlichen Texas in einem Imbiss namens Babe’s Kwik-Eat Rast, weil er schnell etwas essen wollte. Er bestellte ein Cheeseburger-Menü und als Nachtisch ein Stück von Babes köstlicher Erdbeertorte. Er hatte eine leichte Erkältung, vielleicht eine Allergie, und musste ständig niesen und spucken. Beim Essen steckte er Babe an, den Tellerwäscher, zwei Trucker in der Ecke, den Brotlieferanten, den Mann, der die Schallplatten in der Musicbox auswechseln wollte. Dem süßen Ding, das an seinem Tisch bediente, gab er einen Dollar Trinkgeld, an dem der Tod klebte.
Als er ging, fuhr ein Kombi vor. […] Harry beschrieb dem Mann sehr genau, wie er zum Highway 21 kam. Er stellte gleichzeitig ihm und seiner ganzen Familie die Totenscheine aus, ohne es zu wissen.
(Stephen King: The Stand. Heyne Verlag, München, 2015, S. 125-126)

2. King gelingt es sehr gut, ein riesiges Universum an Figuren glaubwürdig zusammenzuhalten. Er verwebt unzählige Geschichten und Schicksale handelnder Figuren auf meisterhafte Weise. Bei vielen Autoren, die ebenfalls aus einem großen Figurenreichtum schöpfen, wünsche ich mir oft, ein Personenverzeichnis zu haben, um gewisse Dinge nachschlagen zu können. Das ist bei „The Stand“ nicht nötig; hier brennt sich dem Leser jede zentrale Figur so gut ins Gedächtnis ein, dass sie rasch zu alten Bekannten werden, deren Werdegang man immer im Hinterkopf hat. Nie müsste man nachschlagen, wieso sich eine Figur für die dunkle Seite entschieden hat oder warum ein bestimmter Protagonist sich so entwickelt, wie er dies tut.
Auch sind Kings Charaktere keine perfekten Helden, die mit stolzgeschwellter Brust selbstbewusst in die Schlacht ziehen. King schenkt uns reale Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Hoffnungen und Zweifeln, ihren Erfolgen und ihrem Scheitern. Menschen, die versagen und erkennen müssen, dass sie dem falschen Weg gefolgt sind. Menschen, die Dunkelheit oder Licht folgen, aber immer wieder vor der Entscheidung stehen, diese Wahl zu revidieren und doch noch auf die gute respektive böse Seite zu wechseln.

3. Vielfach fühlte ich mich an „The Walking Dead“ erinnert – weniger hinsichtlich der Zombies, sondern vielmehr darum, dass King sich auf die Spur derselben Fragestellung begibt wie viele Jahre später die TWD-Erfinder: Was macht es mit einem Menschen, wenn das, was ihm Halt gibt, plötzlich wegbricht? Wenn die Gesellschaft, in der man seinen Platz hat (auch wenn man mit diesem Platz vielleicht unzufrieden war), von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist? Wird man daran zerbrechen, wie einige Figuren in „The Stand“, oder wird man Stärken und Kräfte entdecken, von denen man vorher keine Ahnung hatte? Werden Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zugunsten von Selbstsucht und dem „Survival of the Fittest“ einen schnellen Tod sterben oder ist die Menschheit doch inhärent gut? (Die Antwort lautet natürlich Nein.) Mit welchen Mechanismen bekommt man es beim Aufbau einer neuen Gesellschaft zu tun – mit welchen Schwierigkeiten ist man konfrontiert? Sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, dazu lädt „The Stand“ sicherlich ebenfalls ein.

4. Und wie es bei einem Roman, in dem es um den alten Kampf Gut gegen Böse, Gott gegen Satan geht, gar nicht anders sein kann, beschäftigt sich King auch mit religiösen Fragen. Allerdings nicht mit den unsympathischen engstirnigen Fanatikern, die Ungläubige in der Hölle schmoren sehen, oder Sonntagschristen, die lediglich  an christlichen Symbolen hängen, sondern ganz zentral mit einer zutiefst gläubigen Frau wie Abagail Freemantle, die keine Symbole braucht, sondern ganz „natürlich“ ihren Alltag mit Gott lebt – und wie ein moderne Mose das auserwählte Volk Israel ins Gelobte Land führt. Und dabei nicht fehlerlos ist. Das „Witzige“ bei dieser Beschäftigung mit Religion ist, dass die übrigen Protagonisten des Romans fast ausnahmslos Atheisten oder Agnostiker sind, in deren Leben der Glaube überhaupt keinen Platz hat. Und die „Werkzeuge“, durch die Gott dann sein Werk tut, sind ausnahmslos alte, zurückgebliebene oder kranke Menschen – und das ist im Rahmen des Romans noch nicht einmal als Kritik zu verstehen. Nach dem Motto: Nur die Alten, die Kranken oder Zurückgebliebenen glauben an etwas so Dämliches wie an einen Gott. Nein, die anderen sind schlicht nicht in der Lage, auch nur in Betracht zu ziehen, dass es um mehr gehen könnte als ein simples fehlgeschlagenes militärisches Experiment.

5. Und schlussendlich wird ein Hardcore-King-Fan sicher einige Aspekte und Personen erkennen, die in späteren Werken des Autors noch eine Rolle spielen werden – wo schon Figuren angedeutet werden, die man aus anderen King-Werken kennt. Randall Flagg ist bspw. die Nemesis der Hauptfigur aus „Der dunkle Turm“. Die Supergrippe „Captain Trips“ wird z. B. auch in der Kurzgeschichte „Nächtliche Brandung“ erwähnt.

Mein Fazit: Ein großartiges, zeitloses Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte! Für das man aber aufgrund seines Umfanges viel Zeit und einen langen Atem braucht.

(via Youtube*)

* Der wahrscheinlich schlechteste Trailer der Welt

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Federico Moccia: Entschuldige, ich liebe dich!

moccia-entschuldigeAlex ist 36 und hat eigentlich alles zum Glücklichsein: einen interessanen Job in der Werbebranche, eine tolle Wohnung in Rom und eine attraktive Freundin. Als die ihn plötzlich verlässt und sein Chef wenig später eine neue Kampagne von ihm fordert, gerät sein Leben aus den Fugen.
Da lernt er die 17-jährige Abiturientin Niki kennen. Es dauert nicht lange, da erliegt er dem Charme der jungen Frau. Und Niki macht ihm klar, was das wahre Leben (und die wahre Liebe) ist. Eine romantische und leidenschaftliche Liebe beginnt. Niki steckt Alex mit ihrer Frische und Fantasie an und hilft ihm sogar, mit neuartigen Entwürfen eine erfolgreiche Kampagne auf die Beine zu stellen.
Doch die Probleme lasse nnicht lange auf sich warten, denn Alex‘ Umfeld beäugt die Liaison genauso skeptisch wie Nikis Freindeskreis. alle zweifeln daran, ob die Beziehung aufgrund des so großen Altersunterschiedn auf Dauer nicht zum Scheitern verurteilt ist. Als dann Elena, Alex‘ Exfreundin zu ihm zurückkehrt, hört dieser auf seinen Verstand (und nicht sein Herz) und trennt sich von Niki …

„Entschuldige, ich liebe dich!“ ist zwar bereits etwa fünf Jahre alt, aber ich wurde erst in diesem Jahr durch die gleichnamige spanische Verfilmung darauf aufmerksam. Und das war Liebe auf den ersten Blick. 🙂
Ich wage die Behauptung aufzustellen, dass man je nach Alter bzw. je nach Erfahrung die Liebesgeschichte aus dem Blickwinkel einer anderen Hauptfigur liest. Wenn man jünger ist, kann man sich eher mit Niki identifizieren, einer 17-jährigen Abiturientin, die lebensfroh, optimistisch und temperamentvoll ist. Sie hat das Leben noch vor sich, trägt keine Lasten und negativen Erfahrungen mit sich herum. Es gilt, das Leben auszukosten – und wenn einmal etwas nicht so läuft, wie man dies will, dann ändert man sein Leben eben. Alex ist anders. Er ist Ende dreißig, steht mit beiden Beinen im Leben, war bislang sehr erfolgreich in seinem Job und wollte mit seiner Freundin Elena eine Familie gründen. Doch nachdem er ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, packt sie ihre Koffer und verschwindet. Und damit auch seine Lebensfreude und Kreativität. Er wagt im Grunde nicht, sich mit dieser Trennung auseinanderzusetzen, geschweige denn, seinen besten Freunden davon zu erzählen. Da lernt er durch einen Autounfall Niki kennen und gegen ihre Überzeugung, dass er der Mann ihres Leben ist, hat er kaum eine Chance. Mit Alex werden sich vermutlich diejenigen von uns identifizieren können, die schon etwas älter und „gesetzter“ sind. Die im Leben schon auf die Nase gefallen sind, die einer neuen Liebe mit Misstrauen begegnen … Aber wie Alex können auch wir uns Nikis Lebensfreunde und Begeisterung und ihrem Optimismus in Sachen Liebe nicht entziehen. Und schließlich wünscht man sich, dass es eine solche Liebe auch in Wirklichkeit geben könnte. Positiv fällt übrigens in diesem Kontext auch auf, dass der Autor auf die obligatorischen kapitellangen Missverständnisse verzichtet, um die Liebenden zu trennen oder zumindest für etwas Spannung zu sorgen: Als Alex bspw. hört, dass einer seiner Freunde Niki in einer Umarmung mit ihrem Ex gesehen hat, ruft er sie an – und während die Paare in Liebensromanen an dieser Stelle gewöhnlich schweigen (und die Beziehung einen Knacks bekommt), erzählt ihm Niki offen und ehrlich, was geschehen ist.
Ähnliches gilt auch für die Freunde der beiden. Alex‘ Freunde sind verheiratet (teilweise auch schon Eltern), belügen aber ihre Partner und auch ihre Freunde eigentlich während des gesamten Romans. Man lügt darüber, mit wem man gerade eine Affäre hat, dass die eigene Ehe unglücklich ist, dass man etwas über den anderen weiß, dass man ihm aber lieber nicht sagt. Weil man denkt, dass der andere sich in seinem Leben eingerichtet hat und größere Umwälzungen nicht wirklich zu schätzen weiß. Ganz anders Nikis Freundinnen. Natürlich kommt es auch hier zu zwischenmenschlichen Spannungen und zu Versagen, aber das Thema wird angesprochen und man beschließt, dass die Freundschaft und die Ehrlichkeit zueinander wichtiger sind als das Problem. Wahrscheinlich keine Frage, welche Freunde man lieber im eigenen Leben hätte.
Erzählt wird das Ganze in einer eher jugendlichen Sprache, da ein Großteil der Geschichte aus Nikis Perspektive bzw. der ihrer Freunde erzählt wird. Und dabei taucht der Italiener Federico Moccia, der damals schon weit über vierzig war, sehr tief in die Erfahrungswelt von Teenagern ein – auf eine Weise, die wirklich bewundernswert ist. Man hat nicht das Gefühl, dass hier ein Erwachsener „von oben“ das Leben der jungen Menschen beleuchtet, sondern jemand, der auf Augenhöhe ist.
Eine letzte großte Stärke des Buches sind sicherlich die Beschreibungen Roms. Wenn man den Roman gelesen hat, hat man auch eine detaillierte Führung durch die römische Hauptstadt bekommen, kennt viele großartige Restaurants und hat gefühlt ein paar Kilos zugelegt, da die Hauptfiguren sehr oft sehr lecker essen gehen. 🙂

Mein Fazit: Lesen! Und auf jeden Fall auch die spanische Verfilmung – die im Gegensatz zur italienischen auf Deutsch erhältlich ist – anschauen.

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Bernard Cornwell: Sharpes Trafalgar

cornwell sharpe trafalgar1805: Nach seinen Abenteuern in Indien segelt Ensign Richard Sharpe an Bord des englischen Handelsschiffes „Calliope“ zurück nach Europa, um sich dort einer neuen Einheit anzuschließen. Schon nach kurzer Zeit auf See überschlagen sich die Ereignisse. Sharpe gerät in die Hände der Franzosen und wird kurz darauf von dem englischen Kapitän Chase befreit. Dieser jagt mit der Crew der „Pucelle“ ein französisches Kriegsschiff, das brisante Geheimdienstdokumente an Bord hat sowie Sharpes Vermögen. Und einen englischen Verräter.
Sharpe schließt sich der Jagd an. Ebenfalls mit an Bord: Lord William Hale und seine Frau Grace, die ebenfalls auf der Heimreise sind. Und so findet sich Sharpe gleich in zwei Kämpfen wieder: der um sein Herz. Und der mit den Franzosen. Denn am Kap Trafalgar – dem nordwestlichen Ende der Straße von Gibraltar – hat sich die Kriegsflotte der Engländer unter Admiral Nelson gesammelt – die größte Seeschlacht der englischen Geschichte steht bevor, und Nelson braucht jeden Mann.

„Sharpes Trafalgar“ ist Band 4 um den englischen Soldaten Richard Sharpe und seinen Aufstieg in der britischen Armee am Ende des 18., Beginn des 19. Jahrhunderts. Er hat es mittlerweile zum Ensign gebracht, jedoch erkannt, dass das Leben eines Offiziers aufgrund seiner Herkunft nicht wirklich erstrebenswert ist – und man auch gar nicht bereit ist, ihn als solchen anzuerkennen. Daher fühlt er sich an Bord von Chases „Pucelle“ recht wohl, wo er sich mit den Schützen auf den maritimen Kampf gegen die Franzosen vorbereitet, aber auch zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommt, was es für ihn bedeuten würde, wirklich ein Anführer zu sein. In der Person von Captain Chase hat er einen der seltenen Offiziere vor sich, die bereit sind, ihn als einen von ihnen anzuerkennen, der ihm aber auch exemplarisch vorlebt, was es bedeutet, Offizier zu sein und nicht nur ein einfacher Soldat.
Aber nicht nur in militärischer Hinsicht lernt die Figur des Richard Sharpe in diesem Roman hinzu. In der Person von Lady Grace Hale trifft er auch zum ersten Mal eine Frau, die wirklich sein Herz erobert und ihn nicht nur für eine Nacht um den Verstand bringt. Zum ersten Mal kann er sich vorstellen, der Armee den Rücken zu kehren und sesshaft zu werden.
Während Cornwell sich bei seinen Charakterisierungen gewöhnlich primär auf die Figur von Sharpe beschränkt, erschafft er in „Sharpes Trafalgar“ mit Captain Chase und dem Ehepaar Hale zum ersten Mal weitere facettenreiche Figuren mit etwas mehr Tiefgang, was der Leser bislang höchstens von Colonel McCandless („Sharpes Feuerprobe“ bis „Sharpes Sieg“) kennt. Chase akzeptiert Sharpe als einen Offizier – wenn auch als einen, der noch zu lernen hat – und vertraut ihm in der Schlacht von Trafalgar auch leitenden Aufgaben an. Als Mitglied des englischen Adels betrachtet William Hale ihn hingegen als unwissenden Abschaum, der es nur durch eine Fehlentscheidung von General Wellesley in diese Position gebracht hat, von dem er ebenfalls nichts hält. Seine Ehefrau hingegen hält ausgesprochen viel von Sharpe. Sie hat die lieblose Ehe an der Seite eines langweiligen Gatten und die Aussicht auf ein noch langweiligeres Leben in England satt. Sharpe verspricht ihr Leidenschaft, Abenteuer und setzt auch mehr Vertrauen in sie als ihr eigener Ehemann. Und genauso wie Sharpe an Bord der „Pucelle“ über sich hinauswachsen muss, gerät auch sie an einen Punkt, an dem sie eine gravierende Entscheidung fällen muss.
Doch nicht nur die Figuren sind facettenreicher ausgearbeitet. Auch erzählerisch liefert Bernard Cornwell wieder eine großartige Leistung ab. Mit Ausnahme der literarischen Figuren bzw. unter Berücksichtigung einiger literarischer Freiheiten hinsichtlich der historischen Personen zeichnet sich auch „Sharpes Trafalgar“ wieder durch eine große historische Genauigkeit aus. Der Autor liefert eine detaillierte Schilderung der Strategien und Taktiken und man kann die Schlacht von Trafalgar regelrecht vor dem inneren Auge sehen. Er spart hierbei auch nicht an blutrünstigen Einzelheiten. Der Leser liest nicht nur von fliegenden Kanonenkugeln, von zerbrechenden Masten und untergehenden Schiffen. Er kann regelrecht vor sich sehen, dass eine Schlacht auf dem Meer eine nicht weniger blutrünstige Angelegenheit ist als eine Schlacht zu Lande. Mit der Ausnahme, dass es auf dem Meer keine Chance gibt, dem Gegner auszuweichen. Hier fliegen Körperteile (es gibt eine ausgesprochen anschauliche Szene, in der ein Offizier im wahrsten Sinne des Wortes seinen Kopf verliert), hier wird en masse gestorben …

Mein Fazit: Exzellente historische Unterhaltung!