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Patrick Rothfuss: Der Name des Windes

Kvothe ist der Sohn fahrender Spielleute. Als er eines Tages – er ist gerade 12 Jahre alt – im Wald für seine Mutter Salbei pflückt und verspätet ins Lager zurückkehrt, findet er dieses verwüstet vor. Seine Eltern und die anderen tot, ermordet von den geheimnisvollen Chandrian. Um ihnen auf die Spur zu kommen, riskiert Kvothe alles. Er lebt drei Jahre als Straßenjunge in der Hafenstadt Tarbean, bis er den Entschluss fasst, um Aufnahme im Arkanum zu bitten, der Universität für hohe Sympathie (Magie). Von einem Namenszauber – dem Namen des Windes -, der ihn als Kind fast das Leben gekostet hätte, erhofft sich Kvothe die Macht, das Geheimnis der sagenumwobenen Dämonen aufzudecken und sich an diesen zu rächen …

„Der Name des Windes“, das Erstlingswerk des Amerikaners Patrick Rothfuss, stand schon seit sieben Jahren in meinem Bücherregal, und seit Jahren sagten mir alle Fantasyfans, dass ich dieses Buch unbedingt lesen müsse … Wahrscheinlich stand es deshalb so lange ungelesen herum, da ich zum einen Respekt vor diesem etwa 850 Seiten dicken Schmöker hatte, zum anderen hatte ich Angst, enttäuscht zu werden. Zu oft habe ich schon erlebt, dass mir jemand (oder mehrere Jemande) begeistert von einem Buch oder einer Reihe erzählt hat und ich dann mit der jeweiligen Geschichte doch nichts anfangen konnte. Schließlich habe ich das Buch von Rothfuss doch zur Hand genommen. Mein erster Gedanke nach den ersten Kapiteln war: Verflixt, ist das gut geschrieben! Der zweite: Verflixt, das ist ja nur der Auftaktband zu einer Trilogie!

Das Buch handelt von dem Musiker, Magier und (offenbar – da im ersten Buch noch nicht thematisiert) Königsmörder Kvothe, der die Geschichte seines Lebens einem Chronisten diktiert. Dies zieht sich augenscheinlich über drei Tage hin, wobei „Der Name des Windes“ den ersten Tag abdeckt. Tag 2 wird in dem Doppelband „Die Furcht des Weisen“ erzählt; Tag 3 ist noch nicht erschienen.
Kvothe ist Mitglied einer fahrenden Truppe, der Sprössling von Menschen, die es verstehen, Geschichten zu erzählen und so die Aufmerksamkeit der Zuhörer und Zuschauer zu fesseln. Und genau das gelingt Rothfuss auch. Sein Roman ist einerseits recht gradlinig erzählt. Damit meine ich, dass er sich nicht in irgendwelchen Nebensächlichkeiten oder Beschreibungen von Dingen verliert, um „mit aller (literarischen) Gewalt“ eine Atmosphäre zu erschaffen. Nur gelegentlich hatte ich das Gefühl, dass Worte verwendet werden bzw. dass es Aspekte gibt, die dieser eher mittelalterlichen Welt einfach nicht angemessen sind. Zum Beispiel die Drogenproblematik. Andererseits versteht Rothfuss es aber, Emotionen auf eine Weise zu beschreiben, dass man ihm nur mit offenem Mund folgen kann. Bestes Beispiel sind sicher die beiden Kapitel über die drei unterschiedlichen Arten von Stille (Prolog und Epilog): Die erste Stille ist die Stille, die entsteht, wenn kein Geräusch zu vernehmen ist. Der Wind weht nicht, es sind keine Menschen versammelt, die fröhlich miteinander plaudern oder Musik machen. Die zweite Stille beschreibt die Stille zwischen zwei Männern, die beisammensitzen, sich zwar unterhalten, aber über das Wesentliche bewusst schweigen, wodurch sie der Stille etwas Mürrisches geben. Die dritte Stille ist tiefer, schweigender, bedeutungsschwanger, aber nicht weniger greifbar; sie schweigt über das Entsetzliche, das geschehen ist, und ist eine Vorbotin des Todes.

Ebenfalls gelungen ist Rothfuss die Charakterisierung der Figuren. Sie sind sehr anschaulich und facettenreich beschrieben, nur wenige sind einfach nur eindimensionale Gestalten. Rothfuss verpasst seinem Protagonisten eine sehr detailreiche und authentische Hintergrundgeschichte, aber diese Beschreibungen werden nicht schlicht als Informationen vermittelt, sondern fließen ungemein organisch in die Handlung ein. Kvothe stammt, wie gesagt, von Spielleuten ab und wächst in den ersten zwölf Jahren in einer Atmosphäre der Liebe und Zuneigung auf; Fröhlichkeit, Herzlichkeit, Kreativität und Wissbegierde zeichnen seine Kindheit. Schon früh bringen ihm seine Eltern und die anderen Mitglieder seiner Truppe auf natürlichem Wege alles bei, was er als Spielmann wissen muss. Als die Truppe dann einen Arkanisten (Wissenschaftler & Magier) aufnimmt, unterweist auch dieser ihn in seinen Fähigkeiten, wobei Kvothe sich als Naturtalent entpuppt. Nach dem Unglück lebt er einige Jahre als Straßenkind in Tarbean, wo er weitere Fähigkeiten entwickelt, die ihm später zugutekommen werden, und wo er sich in der kalten Atmosphäre des täglichen Überlebenskampfes auch rein menschlich weiterentwickelt. Wiederum drei Jahre später gelingt ihm die Aufnahme in das Arkanum, wo er die gelernten Fähigkeiten durch neue Kenntnisse erweitert und sein Charakter durch Herausforderungen und neue Erfahrungen ein weiteres Mal geformt wird. Kvothe entpuppt sich zwar bei all dem als resistenter, hyperintelligenter Überlebenskünstler mit großem Herz, ist aber dennoch nicht perfekt und hat, wie wir alle, seine Schwächen und Makel: Er trifft übereilte Entscheidungen, ist hin und wieder ausgeprochen naiv, stößt Menschen durch seine Art vor den Kopf und macht sich so Feinde etc., womit er in vieler Hinsicht eine erfrischend „normale“ Figur mit hohem Identifikationspotenzial ist.
Die zweite für die Handlung wichtige Figur ist sicher Denna, zu der ich aber ein etwas gespaltenes Verhältnis hatte, weil ich mir ihr Verhalten größtenteils nicht wirklich erklären konnte. Oft habe ich mich gefragt, ob sie schlicht eine Überlebenskünstlerin ist, die eben tut, was sie tun muss, ob sie in vieler Hinsicht naiv und unbedarft ist oder ob es da Informationen gibt, die mir als Leser (und Kvothe ebenfalls) einfach noch nicht zur Verfügung stehen. Sie ist wunderschön, wodurch sie die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich zieht und sich so ihr Überleben sichert. Natürlich erobert sie auch Kvothes Herz, dessen sie sich durchaus bewusst ist; andererseits lässt sie ihn aber in gewisser Hinsicht am ausgestreckten Arm verhungern und verschwindet für Wochen, ohne sich bei ihm zu melden – um dann mit einem neuen „Gönner“ aufzutauchen. Da Protagonisten in Romanen oft einfach zu perfekt sind, zu fehlerlos, ist sie damit aber ebenfalls eine erfrischend facettenreiche Gestalt, denn wer von denen, die diese Bücher lesen, ist denn schon so perfekt wie die Figuren in einer Geschichte?

Die hohe erzählerische Qualität des Romans zeigt sich aber nicht nur bei der Charakterzeichnung. Auch die Handlung selbst überzeugt. Rothfuss führt den Leser gemeinsam mit Kvothe an die unterschiedlichsten Orte und erweckt diese regelrecht zum Leben: zu einer Truppe von Spielleuten und auf die schmutzigen Straßen (und Dächer) der Stadt Tarbean, in die „magische Universität“ (die sich beim Bau neuer Gebäude so unerbittlich und chaotisch ausgedehnt hat, dass man einige Räume gar nicht mehr oder nur über sehr verschlungene Wege erreicht), in die unterschiedlichsten Schenken, in denen Kvothe lebt oder sich ein wenig Geld verdient, oder in das Hinterland, wo Kvothe nicht nur Spuren von den Chandrian findet, sondern auch einen Drachen trifft … Überall begegnet er neuen Menschen, steht vor neuen Herausforderungen, erlebt neue Abenteuer, muss um sein Überleben kämpfen.  Und all das wird von Rothfuss so natürlich und gleichzeitig packend geschildert, dass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen.

Mein Fazit: „Der Name des Windes“ ist tatsächlich einer der besten (Fantasy-)Romane, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Jetzt weiß ich, warum alle Fantasyfans schon seit Jahren davon schwärmen, und werde mir auch die beiden Folgebände zu Gemüte führen.

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Terry Goodkind: Das erste Gesetz der Magie (Das Schwert der Wahrheit #1)

goodkind schwert der wahrheit Der junge Richard Cypher führt ein beschauliches Leben in den Wäldern Westlands. Doch die Idylle wird durch den schrecklichen Mord an seinem Vater George zerstört. Auf der Suche nach dem Mörder rettet er Kahlan, eine junge Frau, vor ihren Verfolgern. Sie stammt aus den Midlands, einem Reich, in dem Magie zum Alltag gehört und das durch eine magische Barriere von Westland getrennt wird. Ihre Mission ist es, die Katastrophe zu verhindern, die den drei Ländern Midlands, Westland und D’Hara bevorsteht. Denn der Tyrann Darken Rahl ist dabei, in den Besitz dreier magischer Kästchen zu gelangen und die Welt mit ihrer Hilfe ins Chaos zu stürzen.
Schon bald stellt sich heraus, dass die Ziele der beiden eng miteinander verknüpft sind. Denn Richard ist der Sucher, vom Schicksal dazu ausersehen, das Schwert der Wahrheit zu führen. Gemeinsam mit dem Zauberer Zedd machen sich die beiden auf eine beschwerliche Reise durch die Midlands, um das letzte noch verborgene Kästchen vor Rahl zu finden und in Sicherheit zu bringen. Dabei finden sie neue Verbündete – und neue Feinde. Für Richard wird es eine Reise, die ihn mehr kosten wird, als er ahnt …

„Das erste Gesetz der Magie“ ist der Auftaktband des „Das Schwert der Wahrheit“-Zyklus des amerikanischen Fantasyautors Terry Goodkind – und mit gut 1.000 Seiten auch ein sehr umfangreicher. Doch das Buch ist alles andere als langatmig, sondern über weite Strecken ausgesprochen kurzweilig und packend. Das Erzähltempo ist schnell und actionreich, der Schreibstil ist relativ einfach und leicht verständlich – wodurch aber bei mir das eine oder andere Mal das Gefühl aufkam, dass er etwas zu modern ist und zu wenig zur etwas „mittelalterlichen“ Storyline und zum Fantasygenre passt. Es wurden auch Worte verwendet, die m. E. nichts in einem Buch dieses Genres zu suchen haben (aber da ich das Buch im Urlaub gelesen habe, habe ich mir diese Passagen leider nicht markiert).
Obwohl das Buch so umfangreich ist, habe ich doch etwas die ausführlicheren Beschreibungen der Landschaften vermisst, aber vor allem der Historie der drei Länder. Man erfährt ansatzweise, wodurch es vor Jahren zur Trennung der Länder und zur Errichtung der magischen Grenzen kam, die eigentlich nicht übertreten werden können, aber alles wirkt nicht so „rund“ und fundiert, wie es beispielsweise in Tolkiens „Herr der Ringe“ der Fall ist, mit dem Goodkind auf dem Cover des Buches verglichen wird.
Ein Stück weit wirkt sich das auch auf die Zeichnung der unterschiedlichen Charaktere aus, die für mein Gefühl nicht facettenreich genug war; stattdessen waren sie etwas zu stereotyp: Richard ist der durch und durch integere Waldläufer, er ist ehrlich, rechtschaffen – und da er sich (unglücklich, wie er glaubt) in Kahlan verliebt, bricht er für meinen Geschmack auch viel zu häufig in Tränen aus. Jedenfalls für den Helden eines Buches. Wahrscheinlich wollte Goodkind damit deutlich machen, wie groß diese Liebe ist und wie verzweifelt unser Held, aber dennoch heult er einfach zu häufig. 🙂 Außerdem bringt er eine große Portion Naivität mit, denn – für die Dramaturgie der Story sicher nötig – er vertraut einer Person, die ihn dann betrügt. Und das, obwohl der Leser vom ersten Augenblick an ahnt weiß, dass diese Figur auf der Seite der Verschwörer steht. Der einzige Zeitpunkt, zu dem ich Richard interessant fand, war seine Interaktion mit den Mord-Sith und seine „Ausbildung“ durch Denna. Das war die Stelle, an der er für mich – auch dramaturgisch – interessant wurde.
Zedd, der letzte noch übrig gebliebene große Zauberer, besitzt im Laufe des Romans gar nicht sooo großartige Fähigkeiten, aber dafür ist er ständig hungrig. Von seinem ersten bis zu seinem letzten Auftreten.
Und Kahlan? Die ist die seit ihrer Kindheit unter ihren Fähigkeiten leidende Mutter Konfessor, unglaublich schön und natürlich sofort in Richard verliebt. Auch sie wurde für mich erst in dem Augenblick interessant, in dem sie ihre Selbstbeherrschung verliert und ihre Fähigkeiten gebraucht. Bis dahin war sie einfach zu … gut. Kein realer Mensch ist einfach nur gut oder nur schlecht.
Deshalb fand ich sicher auch Darken Rahl faszinierend. Er ist natürlich durch und durch schlecht, aber ihm gelingt es an der einen oder anderen Stelle auf eine so interessante Art und Weise die Menschen zu manipulieren, ohne dass sie es zwingend merken, dass ich wirklich gepackt war.

Das erste Gesetz der Magie lautet übrigens: Die Menschen sind dumm. Okay, es lautet: Die Menschen glauben, was sie glauben wollen. Das zeigt sich in unterschiedlichen Episoden und spielt auch zusammen mit Richards Neigung, (viele) Dinge erst einmal verstandesmäßig zu hinterfragen und nicht allem gleich Glauben zu schenken, was sich ihm präsentiert. Nicht nur an dieser Stelle hat Goodkind sicher auch eine Botschaft für den Leser eingebaut, über die dieser lange nachdenken kann.

Mein Fazit: Ich hatte – Asche auf mein Haupt – an diesem Buch mehr Freude als an den Bänden der „Lied von Eis und Feuer“, die ich gelesen habe. Die Geschichte wird einfach straighter erzählt, und man kann das Buch auch einmal zur Seite legen, ohne beim erneuten Zur-Hand-Nehmen darüber nachgrübeln zu müssen, wer mit wem noch mal wie verwandt oder verfeindet oder verbündet war. 🙂

PS: Die ersten beiden Romane der Reihe „Das Schwert der Wahrheit“ wurden übrigens ab 2008 unter dem Titel „Legend of the Seeker“ als TV-Serie verfilmt.

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Deborah Harkness: Wo die Nacht beginnt (Band 2)

harkness-wodienachtUm sich vor der Kongregation zu verstecken und der Historikerin dabei zu helfen, ihre Kräfte zu entdecken und zu beherrschen, reisen der Vampire Matthew und die Hexe Diana reisen in das Jahr 1590 zurück. Doch da auf der britischen Insel gerade die Hexenverfolgung begonnen hat und Matthew damals als Spion für Elisabeth I. tätig war, ist dieses Unterfangen gar nicht so einfach. Und als Diana dann auch noch erkennen muss, dass ihr Mann eine ganze Reihe von Dingen vor ihr verborgen hat, wird ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt …

Bei „Wo die Nacht beginnt“ handelt es sich um den zweiten Band einer Romanreihe um den 1.500 Jahre alten Vampir Matthew und die Hexe Diana Bishop, die sich kennenlernen, als die junge Historikerin in Oxford über ein mysteriöses Buch stolpert, hinter dem viele übersinnliche Wesen schon seit Hunderten von Jahren her sind. Mir gefiel bereits der erste Band sehr gut, da die Amerikanerin Deborah Harkness endlich einmal eine gut recherchierte, gut geschriebene, komplexe Vampir/Hexen-Geschichte liefert, deren Story nicht als Vorwand dient, unzählige 6szenen zu schildern – genau die richtige Mischung aus Historienroman, Romanze und Fantasygeschichte. Obwohl Band 1 in gewisser Weise abgeschlossen war, endet der Roman auch mit dem Beginn einer Zeitreise, sodass ich der Fortsetzung regelrecht entgegengefiebert habe. Und Band 2 „Wo die Nacht beginnt“ hat mich in keiner Hinsicht enttäuscht. Auch hier steht die Geschichte (in mehr als einer Hinsicht!) im Vordergrund. Die beiden Protagonisten reisen in das elisabethanische England, was für Matthew nur eine begrenzte Herausforderung darstellt, für Diana jedoch schon. In anderen Romanen, in denen eine Person in die Vergangenheit reist, stellt das neue Leben für diese keine große Herausforderung dar – vielleicht wird mal das Handy vermisst oder die warme Dusche, aber die Heldin/der Held findet sich relativ bald zurecht. Im zweiten Band der Reihe um Matthew und Diana ist dies jedoch anders. Die Autorin schildert Dianas Anpassungsschwierigkeiten sehr detailliert – ob es nun um die Sprache geht, die Art und Weise, wie man damals geschrieben hat, die Schwierigkeit, sich mit der veränderten Kleidung zurecht zu finden … Auch die örtlichen Gegebenheiten in London oder auch Prag schildert Harkness so packend und detailliert, dass man alles vor sich sehen, alles riechen kann. Die gute Nachricht ist, dass Warner Brothers die Rechte an der „All Souls“-Trilogie erwoben hat, denn er verlangt regelrecht danach, verfilmt zu werden. Man spürt einfach, dass hier eine Historikerin am Werk war, die die Fakten wirklich treu recherchiert hat.
Da Harkness auch hier wieder einen 800-Seiten-Schmöker verlegt und viele neue Charaktere einführt – von denen einige fiktiv sind, andere aber reale historische Persönlichkeiten -, war zum einen die Zusammenfassung von Band 1 zum Einstieg sehr hilfreich, zum anderen auch die Personenaufstellung am Ende des Buches, aus der hervorgeht, wer tatsächlich gelebt hat, wer nicht, und welche Funktion die einzelnen Charaktere haben. Harkness versteht sich exzellent darauf, nicht nur die Protagonisten lebensnah und facettenreich zu schildert, auch die Nebencharaktere werden vor den Augen des Lesers lebendig und liefern nicht bloß die „Hintergrundmusik“. Allein schon die Tatsache, dass die Autorin so viele historische Persönlichkeiten und reale Geschehnisse eingeführt hat, lädt dazu ein, im Internet oder einschlägigen Büchern nachzuschauen, was es mit diesen auf sich hat. Während man also in Teil 1 etwas über Wein gelernt hat, lernt man in Band 2 vieles über die europäische (überwiegend aber englische) Geschichte. Und genau das finde ich sehr sympathisch: Ich werde als Leser nicht nur exzellent unterhalten, sondern kann auch noch etwas lernen, ohne dass es sich wie Lernen anfühlt. 🙂

Es gibt jedoch auch Dinge, die mir etwas negativ aufgefallen sind: Am Ende des Buches erfährt man bei Dianas und Matthews Rückkehr nach Sept-Tours, dass eine wichtige Figur aus Band 1 während ihrer Abwesenheit gestorben ist, aber diese Information wird eher so nebenbei geliefert, dass man als Leser doch etwas enttäuscht ist und das Gefühl zurückbleibt, die Autorin hätte diese Figur entweder völlig vergessen oder keine Verwendung für sie gehabt. Das fällt umso deutlicher auf, da der Tod dieser Figur in gewisser Weise heroisch gewesen sein muss. Hier würde ich mir erhoffen, dass man in Band 3 der Trilogie etwas mehr darüber erfährt, was Dianas und Matthews Familien und Freunde während ihrer Abwesenheit erlebt haben.
Darüber hinaus fiel mir zweitens noch auf, dass die wenigen Kapitel, die eingeflochten wurden, um zu illustrieren, inwieweit Dianas und Matthews Handeln in der Vergangenheit Spuren in der Gegenwart hinterlässt, nicht explizit kenntlich gemacht wurden (z. B. indem man ihnen schlicht Gegenwart vorausstellt), den Leser durch die fehlende Markierung aus dem Lesefluss herausreißen, weil er sich fragt, wie diese neue Figur und die Tatsache, dass hier gerade jemand z. B. telefoniert, mit dem gerade Gelesenen in Einklang zu bringen ist.
Aber das größte Manko: Der zweite Band ist zwar durch die Rückkehr in die Gegenwart in gewisser Weise abgeschlossen, aber es bleiben doch noch viele Fragen ungeklärt. Und bis zur Fortsetzung müssen wir sicher wieder ein Jahr warten. 😦

Mein Fazit: Unbedingt lesen!

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Cassandra Clare: Clockwork Angel (Chroniken der Schattenjäger 1)

London, 1878. Die elternlose junge Tessa ist nach dem Tod ihrer Tante aus New York nach London gereist. Ihr Bruder Nathaniel – ihr letzter Verwandter – hat seine Heimat bereits vor einigen Monaten verlassen, um in England ein neues Leben zu beginnen, und hat seiner Schwester ein Ticket für die Schiffspassage zukommen lassen. In London angekommen, wird Tessa jedoch nicht von ihrem Bruder erwartet, sondern von den Dunklen Schwestern, die sie wochenlang in ihrem Haus einsperren und dazu zwingen, sich mithilfe kleiner Gegenstände in deren (tote) Eigentümer zu verwandeln. Lange glaubt Tessa, dass es sich hier um eine Verwechslung handeln muss – schließlich ist sie ein ganz normaler Mensch und wie soll sie sich da in jemand anderen verwandeln können?! -, doch plötzlich tritt die Verwandlung ein, und die junge Frau muss erkennen, dass sie alles andere als menschlich ist. Sie ist ein Gestaltwander. Und nun soll sie mit dem Magister vermählt werden, so die Dunklen Schwestern, ihrem Herrn.
Zur gleichen Zeit treibt in den dunklen Straßen von Englands Hauptstadt ein mysteriöser Mörder sein Unwesen. Die Schattenjäger Will und James begeben sich auf seine Spur, die sie geradewegs ins Haus der Dunklen Schwestern führt. Als die Schattenjäger dieses stürmen und alles tun, um die beiden Schwestern zu vernichten, stoßen sie auch auf deren Gefangene Tessa. Sie bringen diese in das Institut und helfen ihr dabei, sich von den Schrecken zu erholen. Damit gerät die junge Frau aber gleichzeitig in den immerwährenden Kampf zwischen Vampiren, Hexenmeistern und anderen übernatürlichen Wesen.
Dennoch hilft sie den Schattenjägern dabei, herauszufinden, wer hinter ihrer Entführung und einer Verschwörung steckt, in die die sogenannten Klockwerk-Wesen verwickelt sind, hat sie doch noch immer nichts von ihrem Bruder gehört, der auch irgendwie in die ganze Sache verwickelt ist. Dabei lernt sie den silberhaarigen James kennen, hinter dessen zerbrechlicher Schönheit sich ein tödliches Geheimnis verbirgt, und auch Will, der mit seinen Launen jeden auf Distanz hält – jeden, außer Tessa. Tessa ist völlig hin- und hergerissen und weiß nicht, wem sie trauen soll. Schließlich sind die Schattenjäger ihre natürlichen Feinde …

„Clockwerk Angel“ ist der Auftaktband zu einer neuen Trilogie der Bestsellerautorin Cassandra Clare, der wir auch die „Chroniken der Unterwelt“ (bislang: „City of Bones“, „City of Ashes“, „City of Glass“) zu verdanken haben. Der Roman erzählt im Grunde eine Episode aus der Vorgeschichte der Schattenjäger und der Leser begegnet darin einigen der handelnden Figuren der Chroniken bzw. den Vorfahren der Schattenjäger um Jace Wayland. Die Handlung ist wie gewohnt sehr gut und packend erzählt (gehört aber auch nicht gerade zur anspruchsvollen Literatur), sodass man das Buch streckenweise wirklich nicht aus der Hand legen möchte, wenn die Geschichte erst einmal ins Rollen gekommen ist, was zugegebenermaßen einige Seiten dauert. Interessant war, dass die Autorin sich zum ersten Mal nicht nur auf die übersinnlichen Wesen beschränkt, die man bereits aus den anderen Romanen kennt, sondern mit den Klockwerk-Figuren auch Steampunk-Elemente integriert hat, was das Ganze noch etwas vielfältiger macht. Im Großen und Ganzen gelingt es Cassandra Clare durchaus, eine gewisse düstere Atmosphäre zu schaffen und den Leser auch immer wieder einmal auf die falsche Spur zu führen.
Tessa ist eine glaubwürdige, facettenreiche Figur und entspricht mit ihrem ruhigen, zurückhaltenden Wesen durchaus in gewisser Weise den gesellschaftlichen Vorgaben des viktorianischen Zeitalters. Dennoch ist sie neugierig und entdeckungslustig genug, um die Handlung voranzubringen. James Carstairs fiel mir wohltuend auf, da er endlich einmal kein strahlender Held ist (wenn er auch überirdisch gut aussieht, aber so etwas verzeihe ich gerne :-)), sondern eine faszinierende Lebensgeschichte mitbringt und auch die dunklen Seiten des Lebens kennt und diese nicht einfach so wegstecken kann, wie es viele literarische Helden der YA-Literatur gerne tun. Will Herondale hingegen ist genau das: ein strahlender Held. Man ahnt zwar, dass er ein Geheimnis verbirgt, welches der Handlung/der Figur etwas Tiefe verleihen könnte, aber mehr auch nicht. Insgesamt hat mich aber seine „Ich bin ja sooo toll!“-Einstellung und diese mal extrem feindselige, dann aber auch wieder ungemein charmante Haltung gegenüber Tessa ab einem gewissen Punkt nur noch gestört. Dennoch würde ich behaupten, dass die Hauptfiguren des Romans komplex genug gezeichnet sind, um glaubwürdig zu wirken.
Mein Fazit: Ich fand den Auftaktband zur „Chroniken der Schattenjäger“ nicht ganz so faszinierend und packend wie die „Chroniken der Unterwelt“ – aber durchaus gut genug, um schon ganz gespannt zu sein auf die Fortsetzung.

PS: In einem Postskriptum noch eine Anmerkung zu zwei Dingen, die mir das Lesevergnügen stellenweise etwas verdorben haben: Als Kunde gehe ich eigentlich davon aus, dass so gravierende Zeichensetzungsfehler im U4-Text eines Buches, das 20 Euro kostet, nichts zu suchen haben! Dadurch wirkt die Herstellung des Buches, das im Innenteil relativ fehlerlos ist, doch etwas hingehuscht. Mehr gestört hat mich persönlich aber, dass „Clockwork“ im Buch durchgängig mit „Klockwerk“ übersetzt wird. Das wirkt nicht nur sprachlich unschön, sondern auch, als hätte es ein unerfahrender Übersetzer verpatzt und der verantwortliche Lektor hätte dann auch noch tief und fest geschlafen (was sicher nicht der Fall ist). Für das englische Wort „Clockwork“ gibt es aber durchaus adäquate deutsche Worte, die besser gepasst hätten.

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Cassandra Clare: City of Ashes (Chroniken der Unterwelt 2)

„City of Ashes“ setzt dort ein, wo „City of Bones“ geendet hat:

Valentin hat einen jungen Hexenmeister bezahlt, damit dieser Agramon, den Dämon der Angst, heraufbeschwört – was der junge Magier mit dem Leben bezahlen wird. Dem Schattenjäger selbst kann der Dämon nichts anhaben, da Valentin im Besitz des Kelches der Engel ist, was ihm Macht über den Dämon verleiht.
Nachdem ihre Mutter nach der Entführung durch Valentin im Krankenhaus in einer Art Koma liegt, lebt Clary mittlerweile bei Luke, während Jace nach den Ereignissen von „City of Bones“ von Maryse Lightwood aus dem Institut geworfen wird und ebenfalls zunächst bei Luke unterkommt, als er einen Streit in einer Werwolfbar vom Zaun bricht. Die Ereignisse überschlagen sich, als die Inquisitorin nach New York kommt, um die Ereignisse um Valentin zu untersuchen. Nachdem Jace sie verärgert hat (und da er der Sohn von Valentin ist), lässt sie ihn in der Stadt der Stille ins Gefängnis werfen. Eines Nachts vernimmt er die Schreie der Stillen Brüder, die das Schwert der Engel (ein weiteres Heiligtum der Schattenjäger) hüten. Valentin ist in die City of Bones eingedrungen, hat die Bruderschaft ermordet und das Schwert an sich genommen – ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Vernichtung der Ordnung der Schattenhüter -, nicht jedoch, ohne vorher Jace das Angebot unterbreitet zu haben, an seiner Seite zu kämpfen. Jace lehnt ab.
Clary, Isabelle und Alec gelingt es schließlich, ihn zu befreien, er wird jedoch von der Inquisitorin bei Magnus Bane (dem Hexenmeister von Brooklyn) unter Hausarrest gestellt. Dennoch beschließen sie, der Einladung der Elfenkönigin an den Lichten Hof zu folgen, um sich deren Unterstützung im Kampf gegen Valentin zu versichern. Doch leider geht das Treffen nicht so aus, wie die Freunde sich dies erhofft haben. Stattdessen endet es in einem Streit zwischen Jace und Clary – und Simons verzweifelter Entscheidung, sich in das Hauptquartier der örtlichen Vampire zu begeben, was wiederum mit seiner Verwandlung in ein Geschöpf der Nacht endet …
Jace sucht Valentin auf, um mehr über dessen Pläne zu erfahren, und dieser bietet ihm erneut auf, auf seiner Seite zu kämpfen. Und abermals lehnt Jace ab. Schließlich kommt es zu einem Showdown zwischen Valentin und seinen Dämonen auf der einen und den Schattenjägern auf der anderen Seite, den nicht nur viele mit dem Leben bezahlen müssen, sondern der auch für Clare und Simon einige überraschende Wendungen mit sich bringt.

„City of Ashes“ ist der zweite Roman in den Chroniken der Unterwelt. Er ist wieder sehr gut geschrieben (sprachlich besser als vieles, was sonst auf dem Markt ist), actionreich und packend. Auch dieser Roman ist frei von Längen – und mit seinen knapp 480 Seiten immer noch zu kurz. 🙂 Die relevanten Charaktere bekommen neuen Facetten und dürfen sich glaubwürdig weiterentwickeln: Clary wird langsam zu einer Schattenjägerin, entdeckt ihre besonderen Fähigkeiten und beschließt, sich im Beziehungsdreieck (Clary – Simon – Jace) für Simon zu entscheiden, nachdem ans Licht gekommen ist, dass sie und Jace offenbar Geschwister sind. Dennoch ist diese Situation für alle Beteiligten schwierig und endet für Simon mit der sehr überstürzten, dummen Entscheidung, einen Selbstmordversuch zu unternehmen (indem er sich in das Vampirhauptquartier begibt), als er erkennen muss, dass Clarys Liebe weiterhin Jace gehört. Dieser muss sich nicht nur mit der verbotenen Zuneigung zu Clary auseinandersetzen, sondern auch mit dem Misstrauen vonseiten der Inquisitorin und der Ablehnung durch seine Ziehmutter Maryse. Seine Ziehschwester Isabelle hingegen darf in diesem Roman lernen, dass andere Mädchen/Frauen nicht unbedingt Konkurrenz sind, sondern verlässliche Freunde sein können, während ihr Bruder Alec im Verborgenen seine Beziehung zu Magnus Bane vertieft. Kurzum: Cassandra Clare hat Charaktere geschaffen, mit denen man wirklich mitfühlen, mitleiden und mitkämpfen kann – und zwar nicht nur mit den beiden Hauptfiguren, sondern auch mit den Nebenfiguren.

Fazit: Unbedingte Leseempfehlung! Und am besten gleich den abschließenden Band „City of Glass“ mitbestellen, damit die Wartezeit nach Beendigung von Band 2 nicht so lang ist. 🙂

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Cassandra Clare: City of Bones (Chroniken der Unterwelt 1)

Die fünfzehnjährige Clary führt mit ihrer Mutter Jocelyn ein ganz normales Leben in New York. Als sie jedoch eines Abends mit ihrem besten Freund Simon in den Club „Pandemonium“ geht, erlebt sie etwas, das ihr Leben für immer verändern wird. Sie wird Zeuge, wie drei Jugendliche, die über und über mit seltsamen Tattoos bedeckt sind, einen anderen Jungen in einen Hinterhalt locken und ihn ermorden. Die Leiche verschwindet wie von selbst. Doch das ist nicht alles: Der hinzugekommene Simon und die Mitarbeiter des Clubs können die Jugendlichen im Gegensatz zu ihr nicht sehen.
Wenig später versucht ihre Mutter, sie mit fadenscheinigen Ausreden zu einem spontanen Urlaub zu überreden – ein Urlaub, der eher an eine Flucht erinnert. Doch Clary weigert sich und rennt weg, um sich mit Simon zu treffen. Als sie wiederkommt, ist ihre Mutter verschwunden und die gemeinsame Woche verwüstet. Und Clary wird von einem Monster angegriffen und verliert das Bewusstsein.
Als sie drei Tage später wieder zu sich kommt, hat Jace – einer der Jugendlichen – sie in das sogenannte Institut gebracht. Das New Yorker „Hauptquartier“ der Schattenjäger, die Jagd machen auf Dämonen, die in die Welt eindringen, und andere „Wesen“, die den großen Vertrag zwischen Unterwelt und Welt verletzen.
Clary erfährt kurz darauf, dass auch ihre Mutter Jocelyn eine Schattenjägerin war, die bei einem Aufstand auf der falschen Seite stand und schon in New York lebte, als sie noch mit Clary schwanger war. Darüber hinaus hat sie Magnus Bane – den mächtigsten Hexenmeister der Stadt – gebeten, alle zwei Jahre das Gedächtnis ihrer Tochter zu „versiegeln“, damit diese von ihrem Schattenjäger-Erbe verschont bleibt. Und Clarys Vater ist auch nicht tot, wie ihre Mutter ihr immer weismachen wollte – er ist das Oberhaupt der Verschwörung und auf der Suche nach dem Kelch der Engel, um mit seiner Hilfe neue Schattenjäger zu erschaffen und alle Schattenwesen zu vernichten …

„City of Bones“ ist der erste Band aus den „Chroniken der Unterwelt“ der amerikanischen Autorin Cassandra Clare (Künstlername), erschien im April 2007 und war sowohl in den USA als auch im deutschsprachigen Raum ein großer Erfolg. Er gehört in das Genre Urban Fantasy und versammelt alle Wesen, die man aus dem Bereich der Fantasy so kennt: Hexen, Magier, Vampire, Werwölfe, Elben und viele mehr … Die Grundthemen – Kampf Gut gegen Böse, Ehre und Verrat, Verlust und Liebe – sind sicher nicht neu, aber Clare webt diese in einen ungemein faszinierenden, packenden, actionreichen Fantasyroman ein, den man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Die Autorin stürzt den Leser sofort in das Geschehen, ohne erst seitenlang eine Exposition zu bemühen. Was der Leser wissen muss, erfährt er gemeinsam mit der Heldin, wenn die Zeit gekommen ist. Das bewahrt den Roman vor unschönen Längen. Clares Beschreibungen von Handlung oder Umwelt sind darüber hinaus sehr anschaulich und ihre Charaktere agieren trotz gewisser Stereotype glaubwürdig. Der Schreibstil ist flüssig, sehr lebendig und durchaus anspruchsvoll genug für Young Adult Literature.
Obwohl die Charaktere wie üblich ausgesprochen gutaussehend sind (sie bedient selbst das Stereotyp, dass die Heldin sich für durchschnittlich hält, aber natürlich doch gutaussehend und mutig ist) und im Grunde keine nennenswerte Entwicklung durchmachen, sondern höchstens einmal ein Tief erleben dürfen, nimmt man dies der Autorin nicht übel, da die Figuren zutiefst sympathisch sind und ihre Probleme und Erfahrungen sich mit der Erfahrungswelt des jugendlichen Leser decken (gerade wenn es um Probleme mit den Eltern oder erste Verliebtheit geht). Übrigens sind (mindestens) zwei der Figuren homosexuell, was im Bereich der Fantasy gewöhnlich ein no go ist.
Fazit: Unbedingt lesen! Und am besten gleich die Fortsetzungen „City of Ashes“ und „City of Glass“ bestellen, damit die Wartezeit nach Beendigung von Band 1 nicht so lang ist. 🙂

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J. K. Rowling: Harry Potter and the Half-Blood Prince (Harry Potter Band 6)

Während man auch in der Welt der „normalen“ Menschen spürt, daß etwas nicht in Ordnung ist, ist die Welt der Hexen und Zauberer bereits in Aufruhr. Nach den Ereignissen im Ministerium (Band 5) befinden sich einige von Lord Voldemorts Anhängern (Death Eater) in Askaban, darunter auch der Vater von Draco Malfoy. Doch der Rest von ihnen sucht mächtige Zauberer auf und vernichtet diese, wenn sie nicht bereit sind, sich Voldemort anzuschließen. In der Welt der Magie verbreitet sich darüber hinaus das Gerücht über die Prophezeihung, die Harry Potter als den „Auserwählten“ bezeichnet, jenen Zauberer, der allein Lord Voldemort endgültig aufhalten und vernichten kann.
Daher sucht Schulleiter und Mentor Dumbledore noch während der Schulferien die Dursleys auf, um Harry Potter abzuholen und zu den Weasleys zu bringen, wo er sicherer ist. Zuerst suchen die beiden jedoch Horace Slughorn auf, einen alten Bekannten und „Arbeitskollegen“ von Dumbledore, um diesen zu überreden, wieder als Lehrer nach Hogwarts zurückzukehren. Worin dieser nach einigem Zögern auch einwilligt. Bei den Weasleys selbst ist auch fast alles beim Alten. Percy spricht immer noch nicht mit seiner Familie, auch wenn er sich eigentlich eingestehen mußte, daß der Bruch seine Schuld ist (siehe Band 5). Bill hat sich mittlerweile mit einer, wie alle finden, nervigen Französin verlobt, Ron und Hermione haben immer noch ein etwas angespanntes Verhältnis …
Auf der Zugfahrt nach Hogwarts bekommt Harry mit, daß Draco etwas plant, doch bevor er noch mehr in Erfahrung bringen kann, entdeckt ihn dieser. Dennoch ist Harrys Mißtrauen geweckt, und er läßt seinen verhaßten Mitschüler daraufhin nicht mehr aus den Augen – was Ron und Hermione (und auch Dumbledore, dem er sich anvertraut) schließlich mit Unverständnis verfolgen. Auch Snape gerät wieder in Harrys Zielscheibe, als sich herausstellt, daß dieser und nicht Slughorn der neue Lehrer für „Defense Against the Dark Arts“ wird. Darüber hinaus belauscht Harry ein Gespräch zwischen dem verhaßten Lehrer und Draco, aus dem er entnimmt, daß beide eine Verschwörung planen.
Harrys schulische Leistungen in „Potions“ (das Fach wird von Slughorn gelehrt) bessern sich schlagartig, als er in den Besitz eines Schulbuches gerät, das ursprünglich dem mysteriösen „Half-Blood Prince“ gehörte, der die darin angegebenen Zaubertränke korrigiert und erweitert und das Buch auch darüber hinaus mit geheimnisvollen Zaubersprüchen angefüllt hat. Hermione befürchtet, daß es aus dem Besitz Voldemorts stammt, doch dieser Verdacht erhärtet sich nicht. Daß das Buch dennoch gefährlich ist, zeigt sich, als Harry einen Zauberspruch verwendet, um sich gegen Draco zur Wehr zu setzen, und dieser dabei fast stirbt.
Darüber hinaus geht auch Harrys Kampf gegen Lord Voldemort selbst mit Dumbledores Unterstützung weiter. Dieser läßt ihn mit Hilfe des „Pensive“ die Lebensgeschichte von Tom Riddle (der wahre Name von Lord Voldemort) nacherleben, um ihm auch dessen Schwächen vor Augen zu führen. Harry erfährt dabei, daß Voldemort der Sohn einer mächtigen Hexe (die zu den letzten Nachfahren Slytherins gehört) und eines Muggle-Mannes ist, der sich nur aufgrund eines Liebeszaubers in Toms Mutter verliebte, diese aber während ihrer Schwangerschaft verließ, als sie aufhörte, ihm den Zaubertrank zu verabreichen. Aus Kummer starb sie daraufhin nach der Geburt ihres Sohnes, der in einem Waisenhaus groß wurde. Dort fand ihn Dumbledore, als Riddle alt genug war, um nach Hogwarts zu gehen. Damals hatte dieser schon seine Kräfte entdeckt und sie auch bereits eingesetzt, um sich gegen verhaßte Kinder zur Wehr zu setzen. Und Riddles Charakter änderte sich auch während seiner Zeit in der Zauberschule nicht, sondern prägte sich noch weiter aus.
Mit Dumbledores Hilfe entdeckt Harry aber auch einen Weg, wie man den scheinbar unbesiegbaren Voldemort vernichten kann: Um sich umbesiegbar zu machen, hat Voldemort seine Seele in 7 Teile geteilt und in sogenannten Horcruxes versteckt, und so lange auch nur noch einer dieser Horcruxes existiert, „lebt“ auch Voldemort noch in der einen oder anderen Form weiter. In seinem Fall handelt es sich dabei um Gegenstände, die etwas mit ihm selbst und/oder seiner Vergangenheit zu tun haben. Einer ist natürlich Voldemorts Körper selbst, zwei weitere haben Voldemorts Gegner bereits gefunden: das Tagebuch, das Ginny in Band 2 fand, sowie der Ring seines Großvaters, der früher Slytherin gehörte und nun von Dumbledore vernichtet wird. Weitere Horcruxe sind wahrscheinlich: Merope Gaunts (Toms Mutter) Medaillon, ebenfalls ein Erbstück von Salazar Slytherin, das diese während ihrer Not versetzt hat (dieses wurde wahrscheinlich von einer noch unbekannten Figur mit den Initialen R.A.B. zerstört), die Schlange Nagini, ein goldener Becher von Helga Huflepuff sowie ein unbekannter Gegenstand, der möglicherweise entweder von Godric Gryffindor oder Rowena Ravenclaw stammen könnte.
Doch während Dumbledore zusammen mit Harry unterwegs ist, um in den Besitz des Medaillons zu gelangen, gelingt es den Death Eaters, sich Zutritt zu Hogwarts zu verschaffen, wo es zum Kampf mit den Mitgliedern des Phönix-Ordens kommt. Als der Leiter des Zauberschule und sein Schüler zurückkehren, erkennen sie, welches Ziel Draco Malfoy wirklich verfolgt hat und daß Dumbledore sich in einem ihm nahestehenden Menschen vielleicht doch getäuscht hat – und dann geschieht das Unaussprechliche … [mehr dazu nicht, um die Spannung nicht völlig zu zerstören]

Nach dem enttäuschenden Band 5 habe ich die Fortsetzung nicht mehr so aufgeregt erwartet wie die bisherigen Bände der Romanserie um den „Zauberlehrling“. Und nach dem Lesen von „Harry Potter and the Half-Blood Prince“ kann ich mich auch des Eindrucks nicht erwehren, daß der Vorgänger irgendwie nicht in die Romanserie hineinpaßt, weil Rowling dieses Mal zumindest ansatzweise wieder die Stärken der ersten vier Bände entdeckt. Die Serie wird zunehmend finsterer, aber meiner Ansicht nach war sie spätestens ab Band 4 nicht mehr für Kinder geeignet. Ich empfand es im Gegensatz zu anderen Rezensenten als keineswegs störend, daß die Autorin vor allem zu Beginn des Buches, aber auch im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder auf die Ereignisse der Vorgängerbände zurückblickt, um das Gedächtnis ihrer Leser aufzufrischen. Diese Rückblicke bleiben in einem angemessenen Rahmen und sind auch in Anbetracht der Tatsache, daß Band 5 vor zwei Jahren erschien, sinnvoll. Etwas schade ist, daß sich Rowling etwa 400 Seiten Zeit läßt, um einen guten Spannungsbogen zu schreiben und dann die „echte“ Handlung innerhalb weniger Kapitel abhandelt, aber da sie gut schreiben kann, nehme ich ihr das nicht allzu übel, da es ihr wieder gelungen ist, mich auf die Fortsetzung einzustimmen.
Einige der in Band 5 ausgesprochen exzessiv eingeführten Figuren tauchen auch dieses Mal wieder auf, aber man hat den Eindruck, daß die Autorin dies nur tut, weil sie sie eben einmal eingeführt hat und „irgendwie“ wieder verwenden muß. Das gilt aber auch leider für bereits eingeführte Figuren wie die Dursleys, die wieder einmal nur dazu da sind, um für Amüsement zu sorgen. Die Charakterisierung der Figuren wirkt jedoch wieder glaubwürdiger – Harry hat offenbar seine unglaubwürdigen Teenagermacken abgelegt, die mich in Band 5 fragen ließen, ob das Buch wohl von jemand anderem geschrieben worden war.
„Harry Potter and the Half-Blood Prince“ merkt man deutlich an, dass er eine Vorbereitung auf das ausstehende Finale in Band 7 darstellt. Die Autorin bereitet einen Showdown vor und setzt klare Erwartungen an den abschließenden Band. Lange Passagen beleuchten Tom Riddles Werdegang und seine Entwicklung hin zu Lord Voldemort und wecken (wie schon in Band 5 bei Snape) etwas Verständnis dafür, warum sich der Junge so entwickeln mußte, wie er es tat – und was vielleicht aus Harry hätte werden können, wenn sich Dumbledore nicht sofort um ihn gekümmert hatte. Leider nimmt Rowling dabei aber am Ende Zuflucht zu einer Erklärung, die ausgesprochen trivial ist: darin nämlich, dass die „Liebe“ größer seiner soll als die Magie. Im Gegensatz zum Vorgänger wirkt auch die Handlung etwas besser durchdacht und weniger vorausschaubar – wenn auch die Erklärung der Identität des „Half-Blood Prince“ ganz nebenbei geliefert wird (nach dem Motto: „Übrigens, Harry, ICH bin der Half-Blood Prince“), so daß man für den Buch sicher einen etwas besseren Titel hätte finden können. Die Handlung selbst wird nur wenig vorangetrieben (es wird die Erklärung geliefert, wie man Voldemort vernichten kann). Trotzdem bleibt am Ende das Erstaunen des Lesers, der glaubte, er hätte die Geschichte durchschaut, aber entdecken muß, daß es vielleicht doch etwas anders war (ganz klar eine Stärke der Bände 1-4). Auch hat er nun eine recht klare Vorstellung davon, wie es in Band 7 weitergehen muß. Aus diesem Grund ist Logik dieser Struktur (Band 6 als kurze Atempause vor dem hoffentlich folgenden rasanten Finale sowie ein erneuter „big death“) ist zwingend und wurde vor Erscheinen des neuen Bandes vielfach kolportiert: Es kann gar nicht anders sein, als daß Harry, wenn der Vorhang zum letzten Akt aufgeht, Lord Voldemort ohne Unterstützung gegenüberstehen muß. Ergo: Diesmal ist die Reihe an Harrys wichtigstem Verbündeten, auf der Strecke zu bleiben.
Es bleibt zu sehen, wie die Leserschaft den Schock aufnimmt, der sie am Ende des Bandes 6 trifft. Und ob Rowling dieses Schock glaubwürdig mit hinüber in die Fortsetzung nehmen kann oder ob sie sich dem Druck beugt und doch für ein plattes Happy-End sorgt. Ich persönlich hoffe, daß sich in Band 7 auch noch herausstellen wird, daß Professor Snape nicht der ist, für den ihn alle halten, sondern vielmehr ein Doppelagent, der bereit ist, für die „Sache“ zu töten – denn alles andere wäre mir einfach zu simple, und aus irgendeinem Grund empfinde ich große Sympathie für diese Figur. 🙂