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Julianna Grohe: Die vierte Braut

grohe-vierte-brautAls der König im Sterben liegt, verlangt er von jedem seiner vier Söhne, sich eine Braut zu suchen, um die Thronfolge zu sicher. Daraufhin findet auf Wondringham Castle eine riesige Brautschau statt mit vielen Prüfungen statt. Unzählige adlige junge Damen aus allen Teilen des Landes kommen zum Schloss, um die Gunst eines der vier Prinzen zu erlangen.
Aber die junge Gouvernante Mayrin Barnaby, die durch unglückliche Umstände ebenfalls dorthin gerät, will gar keinen Königssohn heiraten, sondern nur schnellstmöglich zurück nach Hause. Dort warten ihre beiden jüngeren Geschwister auf sie, für die sie nach dem Tod der Eltern verantwortlich ist.
Als jedoch der charismatische Hauptmann Kane dafür sorgt, dass für die Kinder gesorgt ist, beschließt Mayrin zu bleiben. Daraufhin beginnt für sie – und die anderen Bewerberinnen – ein aufregendes Abenteuer voller Leidenschaft und Intrigen.

„Die vierte Braut“ ist ein nur als E-Book erhältlicher Liebesroman, über den ich aufgrund diverser Rezensionen anderer Bloggerinnen gestolpert bin.  Die Story erinnert an die Selection-Reihe von Kiera Cass, aber da ich diese nicht kenne, kann ich mich nicht zu Parallelen oder Unterschieden äußern.
Grundsätzlich fühlte ich mich von „Die vierte Braut“ – das Buch hat imho ein großartiges Cover – sehr gut unterhalten. Die Autorin hat wirklich eine angenehme Schreibweise und kann gut erzählen.
Die Protagonistin hat ein hohes Identifikationspotenzial. Sie ist herrlich normal (aber natürlich auch gut aussehend – mit Ausnahme der Sommersprossen) und bodenständig. Obwohl ihre Eltern adlig waren, sind Mayrin und ihre Geschwister mittlerweile verarmt, und die 19-Jährige muss als Gouvernante arbeiten, um den Lebensunterhalt für sich und Leo und Neela zu verdienen. Trotz ihrer Armut ist sie weiterhin mit der gleichaltrigen Adligen Tionne befreundet, die sie bittet, sie zu begleiten, als sie ihre „Bewerbung“ als mögliche Braut für einen der Königssöhne abgibt. Durch ein Missverständnis findet sich auch Mayrin in der Gruppe der Bewerberinnen wieder, und obwohl sie alles tut, damit sie aus dem „Rennen“ fliegt, und obwohl sie sich nicht gerade geschickt anstellt und in unzählige Fettnäpfen tritt, bringt sie erfolgreich eine Runde nach der anderen hinter sich.
Das hat sie nicht in geringem Maße – wie man als Leserin sofort erkennt – Hauptmann Kane zu verdanken, der sie ein wenig unter seine Fittiche nimmt. Er sorgt dafür, dass sich sein altes Kindermädchen um Mayrins Geschwister kümmert, stärkt Mayrin den Rücken und macht ihr Mut, wenn sie aufgeben will, und sorgt immer wieder für Abwechslung, wenn die Situation die junge Frau zu überwältigen droht. Und dass er sicher nicht nur ein einfacher Hauptmann ist und auch Mayrins Herz erobern wird – das ist auch der letzten Leserin sehr schnell klar. Nichtsdestotrotz ist die Liebesgeschichte der beiden sehr schön geschildert. Dass hier die große Liebe ausgesprochen schnell ausbricht, kann ich verzeihen – das ist ja in den meisten Liebesgeschichten nicht anders. 🙂
Aber es gab eine ganze Reihe von Punkten, die mir ein wenig die Freude an der Geschichte genommen haben. Ich habe weniger ein Problem damit, dass die Handlung in einem fiktiven Königreich spielt, aber leider wird sie zeitlich so gar nicht verortet. Aufgrund der Garderobe (es werden Kleider mit hoher Taille erwähnt), dachte ich, dass die Geschichte etwa Anfang des 19. Jahrhunderts spielt. Allerdings widersprechen dem die beschriebene Schuhmode und auch die von den Charakteren verwendete Sprache. Ganz zu schweigen von dem „Bachelor“-Konzept an sich. Hier hätte die Autorin ihre Welt doch ein bisschen besser ausgestalten müssen. 😉
Auch die Charaktere der anderen Figuren hätten etwas mehr Tiefgang vertragen können. Die Bewerberinnen und im Grunde auch die Prinzen wirken etwas flach und eindimensional – wenn sie nicht völlig gesichtslos bleiben, wie das bei einigen leider der Fall ist. Selbst vom Hauptmann erfährt man über weite Strecken nur, dass er ihr zublinzelt, dass er gut aussehend und sympathisch ist …
Dann hat es mich beinahe kirre gemacht, dass Hauptmann Kane fast während des kompletten Romans als „Mr Kane“ bezeichnet wurde, was die falsche Anrede ist. Und da die jungen Damen eine gute Erziehung genossen haben bzw. gerade in den Genuss einer solchen kommen, sollten sie wissen, dass es schlicht „Hauptmann Kane“ heißen muss.
Last but not least: Es ist gut, dass die Autorin für einen Spannungsbogen sorgen wollte und noch eine Verschwörung eingebaut hat. Aber dadurch wirkt der Genreaspekt etwas unausgegoren. Man hat es überwiegend mit einem leichtfüßigen Liebesroman zu tun, in den einige kleinere Intrigen einfließen, die aber überwiegend humorvoller Natur sind. Die größten Probleme der jungen Damen – der Protagonistin – bestehen in „Ich kann in diesen hochhakigen Schuhen nicht gehen“ und „Oh, er schaut eine andere an!“. Und dann wird eine Bewerberin ermordet. Eine andere entführt und bedroht. Irgendwie kam mir dies beim Lesen nicht „rund“ vor.

Mein Fazit: Meine Kritik klingt sicher härter, als sie gemeint ist. Ich habe mich auf jeden Fall auch trotz dieser Aspekte sehr gut unterhalten. (hey, ich habe noch nicht mal erwähnt, dass einer der Prinzen der „bestaussehendste“ der Königssöhne ist)

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Thomas Franke: Der Geschichtensammler

franke geschichtensammlerBerlin im Mai 1945: In der zerstörten Hauptstadt tobt die letzte sinnlose Schlacht des untergehenden Dritten Reiches. Rasmus-Salomo Eichdorff ist ein junger Flakhelfer. Er versucht, sich durch die in Schutt und Asche liegende Stadt zu kämpfen, um seine Freundin Emmi in Sicherheit zu bringen, die er heimlich schon seit langer Zeit liebt. Doch als er sie findet und befreit, ist ihr bereits das zugestoßen, was damals Hunderttausenden Frauen zugestoßen ist: Sie wurde vergewaltigt und sieht jetzt nur noch einen Ausweg: Selbstmord.
Es gelingt Rasmus, ihr das Versprechen abzuringen, erst einmal 100 Tage abzuwarten und zu versuchen, wieder neu anzufangen. Doch Rasmus schafft es nicht, ihr dabei zur Seite zu stehen, denn schon Augenblicke später gerät er in russische Kriegsgefangenschaft und wird nach Sibirien deportiert. Auf dem Weg dorthin trifft er einen deutschen Soldaten – Erwin –, dem er im zerstörten Berlin schon mal über den Weg gelaufen ist, und er lernt Hans kennen, einen etwas … zurückgebliebenen, naiven Jungen, dessen Vater für die Kommunisten arbeitet. Die beiden sind – auf unterschiedliche Weise – gläubig und schenken Rasmus dadurch Hoffnung. Besonders Erwins in einem alten Notizbuch gesammelte Geschichten geben Rasmus viel Stoff zum Nachdenken. Vor allem, als er ins „Loch“ geworfen wird, weil er sich weigert, falsche Anschuldigungen gegen Hans‘ Vater zu erheben, hält ihn nur der Glaube daran am Leben, dass es da irgendetwas oder irgendjemanden geben könnte.
Dann gelingt ihm mit Hans die Flucht, und die beiden versuchen, sich durch die von den Russen besetzten Nationen nach Hause durchzuschlagen – was auch dadruch erschwert wird, dass die deutschen Soldaten dort schrecklich gehaust haben.

„Der Geschichtensammler“ ist der neue Roman des imho großartigen Erzählers Thomas Franke. Darin erzählt er im Grunde die Vorgeschichte des Bestsellers „Das Haus der Geschichten“, doch man muss dieses Buch nicht gelesen haben, um „Der Geschichtenerzähler“ zu genießen und zu verstehen. Ich kenne nur wenige deutsche Autoren, denen es so gut gelingt, nicht nur glaubwürdige Charaktere zu zeichnen und deren Umwelt auf eine Weise zu beschreiben, dass ich sie wirklich vor mir sehen kann (wer in Berlin lebt, wird sicher vieles wiedererkennen), sondern der auch in der Lage ist, eine vielschichtige Story zu stricken.

Das Besondere an diesem Buch: Die (geistlichen) Gedanken werden durch eingestreute fiktive Geschichten vermittelt, durch die der Autor beweist, dass er in den unterschiedlichsten Genres zu Hause ist. Teilweise handelt es sich dabei um nachdenkliche märchenhafte Erzählungen z. B. über eine wunderschöne Prinzessin, die von ihrem liebenden Vater in einen Turm gesperrt wird. Dann lässt er überall verkünden, dass all diejenigen, die seine Tochter zu freien wünschten, drei Tage und drei Nächte in ebendiesem Turm verbringen sollen. Wer dann noch immer den Wunsch hegt, seine Tochter zu heiraten, dem wird er sie zur Frau geben und das halbe Königreich dazu. Es gibt aber auch überaus witzige Geschichten wie die über die Unterhaltung zweier Schnecken, die sich darüber austauschen, ob es wohl ein Leben jenseits des Weinbergs gibt. Oder die von dem Reporter, der eine Brille findet und plötzlich eine ganz andere Sicht der Welt bekommt.

Auf diese Weise bekommt das Buch auch eine unglaubliche Tiefe – und macht deutlich, dass Geschichten wirklich die Kraft haben, Hoffnung zu schenken und Leben zu verändern.

Mein Fazit: Unbedingt lesen!

PS: Der (Schutz-)Umschlag des Buches wurde – wie bei allen von Frankes Büchern – erneut von Jeannette Woitzik entworfen. Ein echter Hingucker!

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Mathias Malzieu: Die Mechanik des Herzens

malzieu-mechanikEdinburgh, 16. April 1874: in der kältesten Nacht des Jahres wird Jack geborgen – mit einem Herz, das einfach nicht richtig schlagen will. Zum Glück gibt es Dr. Madeleine, die Hebamme mit besonderer Leidenschaft: Sie repariert Menschen. Ihr gelingt es, Jack eine Kuckucksuhr einzusetzen, deren Ticken sein schwaches Herz perfekt unterstützt. Jack ist gerettet. ÄNur eines bläut ihm Madeleine ein: „Du darfst dich niemals verlieben!“
Jack, der der Sohn einer Prostituierten ist, die ihn nach der Geburt bei der Hebamme zurücklässt, wächst gemeinsam mit anderen ungewollten Kindern bei Madeleine auf, doch im Gegensatz zu diesen finden sich für den Jungen mit dem ungewöhnlichen Herzen keine Adoptiveltern. Er hat aber dennoch kein Problem mit Madeleines Regel, bis er an seinem zehnten Geburtstag seinen ersten Ausflug in die Stadt macht und dort der Flamencotänzerin Miss Acadia mit der herzzerreißenden Stimme begegnet. In diesem Augenblick ist es um ihn geschehen: Er hat die Liebe entdeckt.
Doch bevor er noch einmal mit dem Mädchen reden kann, verschwindet dieses. Zunächst versucht er sein Glück auf einer örtlichen Schule, auf die das Mädchen gehen könnte, doch vergebens. Stattdessen erwarten ihn drei Jahre des Schreckens weil er von einem Jungen namens Joe drangsaliert wird. Als die beiden eines Tages miteinander ringen, verletzen die Zeiger von Jacks Herzensuhr seinen Feind, und Jack ergreift die Flucht und macht sich auf den Weg nach Andalusien, wo er seine große Liebe vermutet.
In Paris begegnet er dem Uhrmacher/Magier Georges Méliès, der sich ihm anschließt. Und tatsächlich: In Granada wird Jack schließlich fündig. Doch die Sache mit der Liebe und dem Herzen ist gar nicht so einfach …

„Die Mechanik des Herzens“ ist der zweite Roman des Franzosen Mathias Malzieu – der eigentlich der Sänger der französischen Band „Dionysos“ ist -, und Motive des Romans haben auch Einzug gehalten in das gleichnamige Album der Band. Das Buchcover gehört definitiv zu den schönsten, die in meinem Bücherregal stehen. Der deutsche Verlag hat sich gegen das französische Original entschieden – eine gute Idee, wenn ihr mich fragt, da das im Deutschen verwendete Motiv farbiger und märchenhafter ist. Auch habe ich eine Schwäche für Klappenbroschur, sodass der äußere Eindruck meinerseits auf jeden Fall sehr positiv war. Für den Innenteil hätte ich mir vor diesem Hintergrund auch etwas mehr Einfallsreichtum gewünscht; die Schrift ist eher traditionell, und nur im Initial wird die „exotische“ Schrift mit Uhrinnenlebenmotiven vom Cover noch mal aufgegriffen. Da hätte man sicher mehr machen können. Aber das sind nur Äußerlichkeiten.

Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Jack (lediglich der Epilog ist aus der Sicht eines allwissenden Erzählers verfasst), und zwar in der Gegenwartsform. Beides sind Dinge, die bei Romanen definitiv nicht zu meinen Vorlieben gehören, vor allem Letzteres nicht, und haben sicher mit dafür gesorgt, dass ich so meine Probleme hatte, in die Handlung hineinzufinden und mit der Figur des Jack „warmzuwerden“. Aber es ist leider wirklich so. Eigentlich mag ich Romane mit Steampunkelementen oder märchenhaften Anteilen, aber hier fiel es mir doch schwer, eine gewisse Sympathie für Geschichte und die beiden Hauptpersonen zu entwickeln. Ich könnte noch nicht einmal explizit auf den Punkt bringen, warum das so ist … U. U. fing das Ganze bereits damit an, dass der kleine Jack die große Liebe in einem Alter von 10 Jahren findet und dann auch prompt schon von ihren zwei kleinen Baisers schwärmt, die er vernaschen möchte. Welcher Zehnjährige denkt denn schon an so was?! Und dann ist er auch nicht mehr von diesem etwa gleichaltrigen Mädchen abzubringen und reist schon als 14-Jähriger durch ganz Europa, um Miss Acacia zu finden; der Kleine ist trotz seines Alters einfach zu erwachsen und frühreif für meinen Fall. Und als er sie dann gefunden hat, ist der Weg ins Bett nicht mehr weit. Also, Märchenhaftes konnte ich da eigentlich nicht wirklich entdecken. Ihr merkt: Es fiel mir schwer, mich mit Jack zu identifizieren und seine Emotionen nachzuempfinden. Auch rein erzähltechnisch wirkt vieles etwas überhastet, während Malzieu sich für die Beschreibung von Körperlichem ausgesprochen viel Zeit lässt – vor allem das Ende wirkt überhastet, sodass ich mich dann gefragt habe, ob meiner Ausgabe vielleicht ein Kapitel fehlt … Und vielleicht wäre ich als Leser auch etwas zufriedener gewesen, wenn die Hauptfigur nicht ständig Nabelschau (oder Herzschau) betrieben hätte, sondern der Autor etwas mehr Energie in die Ausschmückung der Umgebung und der anderen Figuren investiert hätte, denn obwohl der Roman in Andalusien spielt und eine ganze Reihe von skurrilen Charakteren das Extraordinarium bevölkern, erfährt man davon rein gar nichts.

Die Sprache selbst ist durchaus streckenweise sehr poetisch und hintergründig. Mir gefällt das Bildmotiv des kaputten/durch Mechanik ergänzten Herzens durchaus, und die damit verbundene Symbolik, was es  bedeutet zu lieben und welche Risiken dies birgt, kann ich nachvollziehen, aber nur selten kam die Emotion auch wirklich bei mir an.

Mein Fazit: Nette Unterhaltung, wird es aber nicht auf die Liste meiner Lieblingsbücher schaffen. Da ich einen Blick auf die Rezensionen z. B. bei Amazon geworfen habe, bin ich mir allerdings bewusst, dass ich damit in der Minderheit bin … Aber vielleicht war das in meinem Fall einfach nicht das richtige Buch zur richtigen Zeit. (Und da es ein Geschenk war: Sorry … 😦 )