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Ethan Cross: Ich bin der Schmerz (Shepherd #3)

Die Medien nennen ihn den „Anstifter“, und das Spiel, das er spielt, ist besonders perfide: Zuerst entführt er die Familie eines unbescholtenen Mannes, bevor er diesem befiehlt, einen anderen Menschen zu töten. Weigert sich der Erpresste, werden seine Lieben zerstückelt, begeht er die Untat, erhält er seine Familie wohlbehalten zurück. Nur die Shepherd Organization kann den Killer zur Strecke bringen.
Auf der Jagd erhalten Marcus Williams und sein Team Hilfe von Marcus‘ Bruder, dem Serienkiller Francis Ackerman jr. Marcus und Francis sind besonders motiviert, den Verbrecher zur Strecke zu bringen, denn hinter dem mysteriösen Anstifter verbirgt sich ihr Vater. Der, der Francis zu dem gemacht hat, was er ist: ein seelenloser Serienkiller …

„Ich bin der Schmerz“ ist Band 3 der Shepherd-Reihe und wieder ein echtes Highlight! Diese Reihe hat sich zu einer meiner Lieblingsserien entwickelt – und von denen habe ich nicht viele. In erzählerischer Hinsicht gilt für dieses Buch, was auch bereits für seine Vorgänger galt: Es ist spannend und actionreich und durch die kurzen Kapitel und die damit sehr oft verbundenen Perspektivwecksel erhält die Geschichte einen besonderen Drive, sodass man auch die Verfilmung schon vor sich sehen kann (könnte bitte jemand die Filmrechte kaufen!). Durch die kurzen Kapitel und die Perspektivwechsel gibt es auch hier wieder viele kleine Cliffhanger, und es gibt wieder Plottwists, die man (vermutlich) nicht kommen sah. Es geschehen zahllose Verbrechen, Morde, Menschen werden misshandelt und gefoltert – aber die Beschreibungen sind zu keinem Zeitpunkt allzu anschaulich und detailliert. Obwohl es im Buch natürlich einen Bösewicht auf der einen und die „Helden“ auf der anderen Seite gibt, gibt es keine Schwarzweißmalerei. Oder um es mit meinem „Lieblingshelden“ Francis Ackerman jr. zu sagen: „Mein Junge, wenn du älter und klüger bist, wirst du erkennen, dass auf dieser Welt wenige Dinge nur schwarz und nur weiß sind. Wie so viele erhabene Vorstellungen ist der Unterschied zwischen Gut und Böse oft nur eine Frage der Sichtweise“ (S. 430). Wieder geht Ethan Cross der Frage nach, inwiefern man ein Produkt seiner Gene oder seiner Umwelt ist – und am Beispiel von Ackerman jr. zeigt er wieder und wieder, dass es oft auch einfach eine Entscheidungssache ist: Will ich meinem inneren Bedürfnis nachgeben oder will ich mich so verhalten, wie mein Verstand es mir sagt?

Hinsichtlich der Charakterzeichnung der Protagonisten gibt es wieder deutliche Weiterentwicklungen: Marcus Williams versinkt zunehmend in Depressionen; er leidet sehr darunter, dass er einerseits Menschen helfen und Verbrecher zur Strecke bringen will. Andererseits weiß er aber auch, dass er der Sohn eines wahnsinnigen Psychologen/Psychopathen und Serienmörders ist – der seinen (Marcus‘) älteren Bruder gequält und gefoltert und ebenfalls zu einem kalten Serienmörder gemacht hat. Immer wieder sieht er sich vor der Frage, ob er wirklich zu den Guten gehört oder ob er nicht auch die Veranlagung zum Killer in sich trägt. Diese Entwicklung war zwar nachzuvollziehen, machte ihn aber zunächst einmal zu einem wenig sympathischen Helden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihm im Roman etwas Schreckliches zustößt (no Spoilers). In dieser Situation ist es gerade sein Bruder Francis, der ihm deutlich macht, dass die Schuld für viele seiner Probleme nicht bei ihm liegen, sondern bei seinem Vater (Ackerman senior), und dass es auch nach den schrecklichsten Taten noch die Möglichkeit gibt, Buße zu tun.

Überhaupt: Francis Ackerman jr. ist auch in diesem Buch wieder die spannendste Figur. Und auch die Figur mit den humorvollsten Zitaten (wenn man denn einen schwarzen Sinn für Humor hat):

„Oh ja, du trittst für den kleinen Mann ein. Es sei denn, du ermordest ihn im Schlaf.“
„Ich habe noch nie jemanden im Schlaf ermordet. Ich wecke sie vorher immer auf …“
(S. 26)

Ackerman dachte nach, dann hob er die Hände. „Na schön, du hast gewonnen. Ich gehöre dir, Bruder. Aber fass den Kinderwagen nicht an. Ist ’ne Bombe drin.“
„Eine Bombe in einem Kinderwagen. Auf so etwas Perverses kannst auch nur du kommen.“
Ackermans Lächeln kehrte zurück. „Wenigstens habe ich vorher das Baby rausgenommen.“
(Seite 48)

Nachdem ihm sein Bruder verraten hat, dass der gemeinsame Vater (Ackermann sr.) noch am Leben ist, lässt er sich bereitwillig festnehmen, um der Shepherd Organization bei der Jagd nach ihm zu unterstützen. Doch die CIA hat ein Sonderkommenado auf Ackerman jr. angesetzt, dass seine Aufgabe etwas zu genau nimmt – sodass man sich das eine oder andere Mal wirklich fragt, ob hier Ackerman tatsächlich der Böse ist oder ob nicht vielmehr die Regierungsvertreter die eiskalten Killer sind. Immer wieder wird dies deutlich – besonders, als Maggie (Marcus‘ Kollegin und Freundin) sich mit Francis auf einen Roadtrip begibt, um den Großvater der beiden Männer und Hinweise auf den Verbleib von Ackerman sr. zu finden. Gejagt werden sie dabei von den Männern des Sonderkommandos, denen es egal ist, wer Opfer ihrer Jagd wird. Und es ist ein Vergnügen, Ackerman hier in Aktion zu erleben, wie er einen nach dem anderen ausschaltet. Wer hätte in Band 1 Ich bin die Nacht erwartet, dass man irgendwann einmal auf der Seite des Antagonisten steht und hofft, dass er überlebt?!  Das gilt sowohl für seine Interaktion mit Maggie, die ihn einerseits hasst, weil er ein Serienmörder ist und ihre Familie von einem anderen Serienmörder umgebracht wurde – und weil er damit zu denen gehört, die sie gemeinsam mit der Shepherd Organization zur Strecke bringt. Aber es gilt vor allem für seine Interaktion mit seinem Bruder Marcus, für den er eine echte Zuneigung empfindet. Und für den er auch bereit ist, das Morden einzustellen. Mehrere Male steht er im Verlauf der Handlung an einem Scheideweg und muss entscheiden, ob er seinen Trieben/seiner Konditionierung folgt oder ob er diese zugunsten anderer (Dinge) zurückstellt. Und wieder und wieder entscheidet er sich für die Buße, die Wiedergutmachung. Ackerman rocks!

Mein Fazit: Mehr davon! Und her mit Band 4: Ich bin der Zorn. Es ist nicht zu viel verraten, wenn ich sage, dass Ackerman jr. hier stärker mit der Shepherd Organization zusammenarbeitet und seine ganz speziellen Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen kann.

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Caleb Carr: Die Einkreisung

CarrNew York, 1896: Die Polizei entdeckt die schrecklich zugerichtete Leiche eines Stricherjungens. Polizeipräsident Theodore Roosevelt – später Präsident der Vereinigten Staaten – will den Fall aufgeklärt wissen, den seine Polizisten aus Gründen falscher Moralvorstellungen am liebsten unter den Teppich kehren möchten. Roosevelt setzt sich mit seinem Studienfreund Laszlo Kreisler in Verbindung, der in seiner wissenschaftlichen Arbeit bereits einige Theorien Sigmund Freuds vorwegnimmt. Wichtige Helfer sind auch der Polizeireporter John Moore (Ich-Erzähler der Ereignisse), Roosevelts Sekretärin Sara Howard, die es sich in den Kopf gesetzt hat, die erste weibliche Kriminalpolizistin New Yorks zu werden, und die beiden Kriminalwissenschaftler/ Gerichtsmediziner Marcus und Lucius Isaacson, die neue moderne Analyseverfahren verwenden.
Die fünf beginnen ihre Untersuchungen und finden heraus, dass der Mord an dem Stricherjungen Teil einer ganzen Mordserie ist, deren Opfer allesamt noch Kinder waren, die auf brutale Weise ums Leben kamen. Anhand der Indizien und Hinweise erstellt Kreisler ein Profil des Täters. Aus den Daten aller Morde, die immer im Zusammenhang mit hohen kirchlichen Feiertagen stehen, lässt sich schließlich auch der Zeitpunkt des nächsten Verbrechens vorhersagen. Doch der Täter beobachtet im Gegenzug auch die Arbeit der Detektive und ist ihnen immer einen Schritt voraus. Und nicht nur er erschwert ihnen die Arbeit: New York ist in unterschiedliche „Herrschaftsgebiete“ aufgeteilt, und deren Herren versuchen die Untersuchungen aus den unterschiedlichsten Gründen zu verhindern. Ganz zu schweigen davon, dass auch die beiden großen Kirchen nicht wollen, dass etwas derart Unmoralisches ans Licht kommt.
Es kommt schließlich zu einem Showdown über den Dächern von New York …

Caleb Carr wurde für seinen historischen Psychothriller „Die Einkreisung“ 1995 mit dem Anthony Award für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet – und das zu recht. „Die Einkreisung“ ist eine spannende Mischung aus „Profiler“ und „CSI“ – aber zu einer Zeit, als Personen, die der Ansicht waren, dass man Täter mithilfe von Fingerabdrücken oder psychologischen Profilen identifizieren kann, im besten Fall belächelt, im schlimmsten Falle mundtot gemacht wurden. Hinzu kommt noch eine Prise „Gangs of New York“, denn es gelingt dem Autor auf wunderbare Weise, die Atmosphäre des historischen New Yorks kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert einzufangen. Man kann die historische Weltstadt regelrecht vor sich sehen, wenn man mit den Helden in einer Kutsche durch die Straßen der Stadt rast oder durch die finsteren, stinkenden Gänge der heruntergekommenen Mietshäuser in den Five Points und ähnlich ärmlichen Vierteln schleicht, in denen Immigranten aus der ganzen Welt im Elend leben. Darüber hinaus lernt der Leser auch einiges über Psychologie und kriminalpsychologische Ansätze – man hat immer wieder das Gefühl, in einem Psychologieseminar zu sitzen, allerdings auf unterhaltsame und alles andere als belehrende Weise. Man kann so selbst über den Täter und seine Motive spekulieren, kann Vermutungen anstellen, aber auch verstehen, warum er tut, was er tut. Sein Verhalten wird an keine Stelle entschuldigt, aber es wird dem Leser zumindest verständlich gemacht.

Auch die geschilderten Haupt- und Nebencharaktere werden so lebendig beschrieben, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann – man will wissen, wie die Geschichte ausgeht. Ich-Erzähler John Moore ist Reporter bei der Times. Er stammt aus einer überaus wohlhabenden Familie, mit der er sich aber nach einer geplatzten Verlobung überworfen hat, sodass er nun bei seiner Großmutter lebt. Das macht deutlich, dass er zumindest, was den zwischenmenschlichen Bereich angeht, sein Leben nicht wirklich im Griff hat. Übrigens führt das ebenfalls dazu, dass er für die persönlichen Probleme oder die Geschehnisse im Leben seiner Mitstreiter ausgesprochen betriebsblind ist. Er ist keine gebrochene Figur, wie so viele Krimiprotagonisten, sondern charmant und sympathisch, aber wirklich erwachsen werden will er nicht. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitungskollegen ist er Bereiche aber auch nicht bereit, seine Augen vor dem Elend in der Stadt zu verschließen, was ihn nicht nur im Verlauf dieser Geschichte immer wieder in brenzlige Situationen bringt. Sofern ihm dies aufgrund seiner privilegierten Stellung möglich ist, will er Armut und das schreckliche Schicksal der Kinder, die sich verkaufen müssten, verstehen – und er will ihnen helfen.
Sara Howard, seine (platonische) Freundin aus Kindertagen, ist Kriminalsekretärin, träumt aber davon, die erste weibliche Polizistin zu werden. Sie besitzt einen wachen Geist, erkennt zwischenmenschliche und psychologische Zusammenhänge, die John verschlossen bleiben – und nimmt die Andeutungen ihres Reporterfreundes, dass man es doch einmal miteinander versuchen könnte, eher amüsiert zur Kenntnis; sie interessiert sich nämlich nicht für Männer. Das ist eine wohltuende Abwechslung zu vielen Kriminalromanen, in den sich Protagonist und Protagonistin am Ende „kriegen“ müssen. Was ebenfalls positiv auffällt: Carr verzichtet darauf, Sara als überemanzipierte, dickköpfige Protagonistin zu schildern, die sich durch eine „Ich weiß es aber besser als ihr“-Haltung ständig auf Alleingänge begibt und dadurch in Gefahr gerät. Auch verzichtet der Autor darauf, sexistische Untertöne einzustreuen bzw. die Protagonisten irgendwelche Annäherungsversuche machen zu lassen.
Kopf der Gruppe ist der Psychiater Dr. Laszlo Kreisler, mit dem John Moore und Theodore Roosevelt bereits seit Studientagen befreundet sind. Er leitet ein Institut, in dem er sich um Jugendliche kümmert, die auf die schiefe Bahn geraten sind bzw. psychologische Probleme haben. Es ist ihm ein großes Anliegen, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Obwohl er ein Verstandesmensch ist und seinen Mitstreitern erst einmal dabei helfen muss, das Konzept des Profilings zu verstehen und in die Psyche des Täters einzutauchen, versteht er es, sie dafür zu begeistern und zu sensibilisieren.
Vervollständigt wird das Team von die durch und durch vertrauenswürdigen Polizeibeamten Marcus und Lucius Isaacson, ein Brüderpaar. Sie wenden moderne Ermittlungsmethoden an, die dem Leser sehr bekannt vorkommen, wenn er mit TV-Serien wie CSI vertraut ist. Und weil zum einen die Korruption im Polizeiapparat der damaligen Zeit sehr weit verbreitet ist und vermeintliche Täter zum anderen eher aufgrund von vermeintlichen Zeugenaussagen oder irgendwelcher (politischer) Interessen verhaftet werden und weniger auf der Grundlage unbestreitbarer Fakten, sind sie bei ihren Kollegen nicht gern gesehen und werden zu Sonderaufgaben eingeteilt. Wie auch in diesem Fall.
Ebenfalls Mitgleider des Teams sind der Farbige Cyrus Montrose, der für Dr. Kreisler arbeitet, und der etwa 14-jährigen Stevie Taggert, einen ehemaligen Kleinkriminellen, den Kreisler von der Straße geholt hat.

Selbst wenn nach knapp 600 Seiten der Täter gefasst ist (was sicher nicht zu viel verraten ist), möchte man wissen, wie es mit diesen Personen weitergeht. Und welch spannende Geschichte Caleb Carr sich für Band 2 der Serie um unsere fünf Detektive ausgedacht hat (Engel der Finsternis).

Mein Fazit: Definitiv eine Leseempfehlung für jeden, der gerne intelligente Thriller liest und bereit ist, nicht nur von einer Bluttat zur nächsten zu hetzen, sondern auch in die psychologischen Abgründe einzutauchen.

PS: Das Buch wird übrigens gerade unter dem Titel „The Alienist“ von TNT als TV-Serie verfilmt. Mit dabei Daniel Brühl, Luke Evans, Dakota Fanning …

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Anita Terpstra: Anders

terpstra-andersAlma Meester, ihr Mann Linc und die beiden Kinder Iris und Sander sind eine ganz normale, glückliche Familie. Bis zu dem Tag, als der elfjährige Sander zusammen mit einem Freund während einer Nachwanderung spurlos verschwindet. Der andere Junge wird kurz darauf tot aufgefunden, doch Sander bleibt wie vom Erdboden verschluckt.
Sechs Jahre später meldet sich ein junger Mann bei einer deutschen Polizeistation und behauptet, er sei der verschwundene Sander Meester. Die Familie ist überglücklich, doch nach und nach kommen ihnen Zweifel. Ist der Junge wirklich der verlorene Sohn? Und was ist in der Nacht damals tatsächlich passiert?

„Anders“ von Anita Terpstra ist das erste Buch eines niederländischen Autors, das ich gelesen habe, und ich war neugierig, ob es sich von anderen Thrillern britischer oder amerikanischer Autoren unterscheidet, die ich bereits kenne. Das Buch ist gut geschrieben; die Autorin hat m. E. eine schnörkellose Schreibe. Die Kapitel sind kurz; mit ausführlichen Beschreibungen hält sich Terpstra nicht auf. Sie konfrontiert den Leser gleich mit Sanders Verschwinden, und ich hatte keinerlei Probleme, in die Geschichte hineinzufinden. Was auffällt, ist, dass es sich hier nicht um einen typischen Thriller mit detaillierten Beschreibungen grausamer Taten oder schrecklichen Blutvergießens handelt. Was einem Jungen zustößt, der u. U. sechs Jahre mit einem Pädophilen verbracht hat – das muss sich der Leser selbst ausmalen. „Anders“ ist ein Buch der leisen Töne; Spannung ist durchaus vorhanden, aber eher zwischen den Zeilen, wenn man beginnt, den wahren Schrecken zu erahnen.
In der ersten Hälfte ist das Buch allein dadurch packend, dass es hier um die Entführung eines Kindes geht, das Jahre später wieder auftaucht und sich erneut in seiner Familie „einleben“ muss. Die schrecklichen Ereignisse von damals haben dazu geführt, dass die Ehe der Eltern zerbrochen ist; der Vater leidet an Depressionen; die Tochter hat sich von ihren Eltern entfremdet. In diese an sich schon schwierige Situation kommt nun Sander zurück. Die Familie versucht, in gewisser Weise die heile Welt von früher zurückzuholen. Es kommen Gäste, man grillt, geht schwimmen … Doch immer wieder gibt es Augenblicke, in denen bei einzelnen Beteiligten der Verdacht aufkommt, dass es sich bei dem zurückgekehrten Jungen vielleicht doch nicht um Sander handelt.
Doch in der zweiten Hälfte kommen langsam dunkle Geheimnisse ans Licht, und der Leser erkennt, dass die große Frage dieses Buches nicht die ist, ob es sich bei dem zurückgekehrten Jungen wirklich um Sander handelt. Gerade für die Mutter geht es darum zu erkennen, dass ihre heile Welt schon früher alles andere als heil war. Mehr soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden. Als Leser habe ich die Auflösung schon relativ früh geahnt, und auch Linc und Iris sind von den Ereignissen nicht wirklich überrascht, aber die Mutter, die damals aufgrund einer beinahe schon obsessiven Zuneigung zu ihrem Sohn ihre Augen verschloss, braucht ein wenig länger, um die Wahrheit zu erkennen. Und dann kommt der letzte Absatz des Buches, der mir dann noch einmal den Boden unter den Füßen weggezogen hat, weil darin schon unglaublich viel Vorahnung mitschwingt:

Er hatte den Schmetterling endlich gefangen. Ohne mit der Wimper zu zucken, riss er ihm die Flügel aus.

Die Geschichte wird aus der Perspektive der 3. Person erzählt – wobei es sich primär um die Perspektiven von Alma, Linc und Iris handelt –, wodurch man einen guten Einblick in die Gefühlswelt der Protagonisten erhält. Aus Sanders Perspektive erfährt man die Ereignisse nur anfänglich, sodass er für den Leser genauso rätselhaft und undurchdringlich bleibt wie für seine Familie. Dennoch hatte ich ein relativ distanziertes Verhältnis zu den Protagonisten, die Sanders Verschwinden auf ihre jeweilige Art und Weise verarbeiteten. Linc blieb für mich sehr blass, ein schwacher Charakter. Spätestens nach dem Verschwinden des Sohnes hat sich offenbar in der Ehe mit Alma ein Rollentausch vollzogen: Während er früher (angeblich – ich habe da so meine Zweifel) ein Macher ist, beruflich erfolgreich, versinkt er nach dem Verschwinden in seinem Kummer, wird antriebslos und depressiv, während seine Frau zur treibenden Kraft auf der Suche nach dem Sohn und in der Ehe ist.

Sie hätte schrecklich gerne mehr Kinder, eine große Familie gehabt, aber für Linc war das zweite Kind eigentlich schon eins zu viel gewesen. Sie hatte es ihm regelrecht abtrotzen müssen, sogar mit Trennung gedroht. […] Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es sowieso kein weiteres Kind mehr gegeben. Alma jedoch wollte nach Sanders Verschwinden unbedingt eins, und so hatte er am Ende eingewilligt.

Das schreibt die Autorin über die „Entstehung“ sowohl des ersten als auch des zweiten Sohnes, den Alma sich offenbar zulegt, um ihre heile Welt wiederherzustellen und die Leere, die Sander hinterlassen hat, zu füllen. Alma ist auch die Figur, an der ich mich beim Lesen am meisten gerieben habe. Sie ist eine Übermutter – aber nur für ihren Sohn, den sie augenscheinlich schon früh ihrer Tochter Iris vorzieht: Bei Konflikten ergreift sie immer Sanders Partei; dass ihr Sohn etwas „verbrochen“ haben könnte, zieht sie überhaupt nicht in Betracht. Wenn jemand Andeutungen macht oder wenn die Wahrheit an ihr Unterbewusstsein pocht, dass sie gar nicht in einer Bilderbuchfamilie lebt, drängt sie dies zurück. Alma tut in der Situation nach Sanders Rückkehr dann das, was sie schon früher getan hat: Sie verschließt die Augen. Fragt nicht nach. Will nicht wissen, was damals wirklich geschehen ist. Sie braucht sehr lange, bis sie die Wahrheit erkennt. Iris hingegen hat nach dem Verschwinden des Bruders relativ schnell ihr Elternhaus verlassen. Zum einen gibt sie sich die Schuld an Sanders Verschwinden, zum anderen nimmt sie ihrer Mutter übel, dass diese früher immer nur Partei für Sander ergriffen hat. Über sie schreibt Terpstra:

Lügen konnte sie wie kaum eine Zweite. Manchmal war es recht mühsam, sich an all die Geschichten zu erinnern, die sie sich ausgedacht hatte, aber ansonsten liebte sie ihr Fantasieleben.

Interessanterweise wird dies im Roman m. E. gar nicht weiter ausgeführt; das einzige Geheimnis, das sie mit sich herumschleppt, bezieht sich auf die Nacht von Sanders Verschwinden, und als Leser ahnt man schnell, worum es sich dabei handelt. An diesem Punkt hatte ich das Gefühl, dass die Autorin vergessen hat, diesen Aspekt weiter auszuführen.

Mein Fazit: Ein guter (Psycho-)Thriller, der durchaus Stärken hat. Dennoch konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass die Autorin nicht das gesamte Potenzial der Idee ausgeschöpft hat.