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Jen Turano: Ein Kindermädchen zum Verlieben

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Millie Longfellow ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und deshalb liegen ihr Kinder besonders am Herzen. Daher hat sie beschlossen, die beste Nanny zu sein, die die wohlhabenden Familien an der amerikanischen Ostküste je gesehen haben. Doch leider stößt ihre unkonventionelle Art bei ihren bisherigen Arbeitgebern nicht gerade auf Begeisterung, was auch der Grund dafür ist, dass sie bislang nie eine Stelle lange gehalten hat.
Everett Mulberry ist Junggeselle, hat aber nach dem unerwarteten Tod eines guten Freundes und seiner Frau deren drei Kinder geerbt. Und diese drei sind so wild, dass alle Kindermädchen schon nach kurzer Zeit die Flucht ergreifen. Als er beschließt, den Sommer mit seiner standesgemäßen Freundin in Newport zu verbringen, ist er wieder einmal verzweifelt auf der Suche nach einer Nanny.
Everett und Millie sind beide mit ihrem Latein am Ende, als die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur ihnen eine letzte Chance gibt: miteinander. Während Millie sich rasch in den jungen Mann verliebt, bemüht sich Everett darum, die Erwartungen der guten Gesellschaft zu erfüllen und eine Dame aus guter Familie zu ehelichen.
Doch als er Zeit mit Millie und den drei Kindern verbringt und den verdächtigen Tod ihrer Eltern untersucht, beginnt er zu ahnen, dass zu einem guten Leben mehr gehört als Geld, eine Vernunftehe und die Anerkennung der Gesellschaft.

„Ein Kindermädchen zum Verlieben“ ist der zweite Band in Jen Turanos Reihe „A Class of Their Own“, die die Abenteuer der drei Freundinnen Hannah, Millie und Lucetta schildert – oder vielmehr wie sie ihren Platz im Leben und ihren „Prince Charming“ finden. Buch 1 – „Braut auf Zeit“ – schilderte die Geschichte von Hannah und war ganz offensichtlich inspiriert von „Pretty Woman“, der Geschichte einer jungen Frau, die zu einer niedrigen Gesellschaftsschicht gehört, dann aber von einem reichen Mann engagiert wird, seine Verlobte zu spielen – und natürlich endet das Ganze mit einem Happyend. Dieses zweite Buch ist deutlich angelehnt an Jane Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ und nimmt auch Anleihen bei „Mary Poppins“ und klassischen Märchenelementen. Es wird aus der Perspektive der beiden Protagonisten erzählt; die einzige Ausnahme bildet der Epilog, der aus der Sicht des Reverends geschrieben ist und als Aufhänger für den Abschlussband der Trilogie dient.
Millie ist witzig, nicht auf den Mund gefallen und liebt Kinder über alles. Sie will ihnen das geben, was sie nie hatte: ein Zuhause, in dem sie geliebt werden, in dem sie geborgen sind und wachsen und sich weiterentwickeln können. Das einzige Problem ist, dass sie eine sehr unkonventionelle Art hat und ihre Methoden leider bei den dazugehörigen Eltern – die zur Oberschicht gehören – auf wenig Begeisterung stoßen, was der Grund dafür ist, dass sie wieder und wieder ihre Anstellung verliert. Und das Beste: Sie ist ein echter Bücherwurm, der sich ständig weiterbildet. Als sie ihre Anstellung bei Everett antritt und zur Sommerfrische nach Long Island reist, werden ihre Prioritäten deutlich: Zuerst packt sie ihre Lieblingswörterbücher ein, dann einen Thesaurus, ihre Bibel, einige von Shakespeares Werken und dann noch zwei Bücher von Jane Austen; und in die restlichen Lücken in ihrem Koffer steckt sie dann noch ein bisschen Kleidung. Eine solche literarische Figur muss man doch lieben, oder? Allerdings ist Millie in gesellschaftlicher Hinsicht natürlich nicht standesgemäß, als sie sich in Everett verliebt, aber sie ist die Frau, die er rein menschlich braucht. Denn sie ist ein Gegenüber, das ihn nicht nur ungeachtet seiner gesellschaftlichen Position liebt (im Gegensatz zu seiner Freundin, für die er ausschließlich aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung von Interesse ist), sondern an dem er sich auch „reiben“ kann, weil sie ihn zum Nachdenken bringt. Bis Everett dies aber erkennt und akzeptiert, geht allerdings eine Weile ins Land.
Everett hat seine drei Kinder nach dem unerwarteten Tod eines befreundeten Ehepaar geerbt, hat aber als Junggeselle wenig Ahnung, wie man mit den drei kleinen Teufelskerlen umgeht. Was auch der Grund dafür ist, dass ihm die Kindermädchen davonlaufen und seine Verzweiflung schließlich so groß ist, dass er Millie einstellen muss, um seine Freundin (und potenzielle Zukünftige) zur Sommerfrische nach Long Island zu begleiten. Doch durch den Kontakt mit Millie, die ihm unerwartet nicht den Respekt erweist, wie er dies gewohnt ist, sondern ihm ihre Meinung geradeheraus kundtut und ihn dadurch zum Nachdenken bringt, erkennt er, dass er in seinem Leben die falschen Prioritäten setzt. Dass Dinge wie Familie und ein gutes Lebensfundament wichtiger sind als der soziale Status und die Meinung der Mitmenschen. Es war schön, miterleben zu dürfen, wie er sich als Mensch in dieser Zeit weiterentwickelt und wie er wächst und – um mit Jane Austen  und „Stolz und Vorurteil“ zu reden – wie er sich an die Werte erinnert, die man ihm früher mitgegeben hat, und sich von einem überheblichen Snob in einen wahren Gentleman verwandelt, den Millie bereit ist zu heiraten.
Und wie in „Stolz und Vorurteil“, so gibt es auch in „In Good Company“ eine Antagonistin namens Caroline (hier allerdings nicht Bingley, sondern Dixon), und man spürt, dass Turano viel Freude hatte, eine so unangenehme Zeitgenossin zu schreiben. Sie ist hochmütig, berechnend, herzlos … Es macht wirklich Spaß, ihre Szenen zu lesen, weil man nie weiß, was sie nun wieder ausheckt. Und das Gute an der Geschichte: Turano nimmt auch diese Figur so ernst, dass sie ihr kein plattes Ende à la „Sie ist die Gegenspielerin, also wird sie mit einem schrecklichen Schicksal ‚belohnt'“ schenkt, sondern sie einfach das Leben leben lässt, das sie sich erwünscht hat – ohne die „Segnungen“, die eine echte Partnerschaft mit sich bringt.

Die Geschichte bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen humorvoll und irrwitzig und beschenkt den Leser mit vielen witzigen Dialogen und Szenen. Und da das Buch in einem konfessionellen Verlag erschienen ist, webt Jen Turano auch Glaubensdinge organisch in die Geschichte ein. Die Kinder und auch Millie beschäftigt die Frage, wie Gott den frühen Verlust ihrer Eltern zulassen konnte (die alte Frage „Wo ist Gott, wenn Menschen leiden?“), und vor allem Everett erfährt, welchen Unterschied ein Fundament des Glaubens in einer Ehe und in der Beziehung zu den (eigenen) Kindern macht, im Vergleich zu den Beziehungen, die er sonst in seinem gesellschaftlichen Umfeld sieht.

Mein Fazit: Ich habe das Buch mit großem Genuss gelesen und bin schon sehr gespannt, wie die Geschichte von Lucetta Plum, der letzten der drei Freundinnen, ausgehen wird!

PS: Die deutsche Ausgabe von Band 3 der Reihe – Playing the Part – wird im Juni 2018 erscheinen.

 

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Ulf Torreck: Fest der Finsternis

torreck-fest-der-finsternisParis im August 1805: Louis Marais, einst gefeierter Kommissar der Pariser Polizei, wird im Sommer 1805 von dem intriganten Polizeiminister Joseph Fouché von seinem Exil in Brest nach Paris zurückbeordert, um in einer unheimlichen Mordserie an jungen Frauen zu ermitteln. Einziges gemeinsames Merkmal: Alle Frauen wurden auf entsetzliche Weise verstümmelt und haben kurz vor ihrem Tod ein Kind zur Welt gebracht. Als Marais in einer der Leichen ein mysteriöses Kreuz entdeckt, dessen Bedeutung niemand kennt, erkennt er, dass er Unterstützung braucht.
Er zieht den berüchtigten Libertin und Schriftsteller Marquis de Sade als Berater heran, der gerade wieder einmal in eine Irrenanstalt verbannt wurde. Sade kennt die Abgründe des Bösen wie kein Zweiter. Das ungleiche Paar begibt sich auf eine Mörderjagd … immer weiter hinab in die menschlichen Abgründe. Als dann auch noch der Polizeipräfekt Jean-Marie Beaume dem grausamen Mörder zum Opfer fällt und man ihnen die Tat in die Schuhe schiebt, ist nicht länger klar, ob sie es mit einer politischen Verschwörung zu tun haben oder mit einer Satanistensekte, die bis in die höchsten Kreise reicht.

„Fest der Finsternis“ ist das erste Buch des Leipziger Schriftstellers Ulf Torreck, das ich gelesen habe, und definitiv nicht das letzte. Der historische Thriller ist sehr gut recherchiert. Man spürt, dass sich der Autor intensiv mit den historischen Gegebenheiten und Personen auseinandergesetzt hat. Natürlich sind die hier geschilderten Ereignisse um tatsächliche historische Persönlichkeiten wie dem Marquis de Sade, Louis Marais, Talleyrand und Joseph Fouché fiktiv, aber es fließen auch immer reale Fakten in die Handlung ein – z. B. die Werke de Sades und seine (sexuellen) Gepflogenheiten, politische Intrigen, gesellschaftliche Vorgänge. Einige Rezensenten bemängeln diese detailierten Beschreibungen und werfen dem Autor vor, dass er von der eigentlichen Handlung abschweift. Im Gegensatz dazu fand ich jedoch, dass diese mehr oder weniger relevanten Hintergrundinfos erstaunlich organisch in die Geschichte einfließen. Sie sorgten dafür, dass ich den Elend und den Dreck und das Chaos von Paris regelrecht vor mir sehen konnte und ein Verständnis für die gesellschaftlichen Zustände bekam: für die politischen Intrigen, die komplexen Machtverhältnisse, dafür, wie Menschen geendet sind, die keinen Nutzen mehr für die Gesellschaft hatten …  Ich habe bereits Bücher anderer (deutscher) Autoren gelesen, denen es weitaus weniger gut gelingt, ihre Recherchen auf eine Weise in ihren Roman einfließen zu lassen, dass ich nicht das Gefühl hatte, in einer Vorlesung zu sitzen.
Auch versteht es der Autor, eine gelungene Mischung an Action, deskriptiven Passagen und philosophischen/religiösen Ausführungen zu schaffen. Bei mir kam zu keiner Zeit Langeweile auf oder das Gefühl, dass Torreck sich Längen erlaubt. Im Gegenteil. Ich konnte das Buch über weite Strecken nicht aus der Hand legen, sondern war immer wieder gespannt darauf, welche Wendungen der Autor sich einfallen lässt. Wie de Sade und Marais habe ich bis zuletzt gerätselt, ob sich hinter den entsetzlichen Morden eine politische Verschwörung verbirgt oder die Rituale eines jahrhundertealten Satanistenkultes.

Was für die Handlung gilt, das gilt ebenfalls für die handelnden Figuren, allen voran Commissaire Louis Marais und der alternde Marquis de Sade. Auch der Fundus an interessanten Nebenfiguren ist sehr groß und überaus vielfältig – es gibt hohe Politiker, vielfältigen Polizisten, absonderliche Geistliche, Kopfjäger, Huren, Waisenkinder, Schreckgestalten … Wer das Gefühl hat, den Überblick zu verlieren, der kann aber jederzeit auf das Verzeichnis der dramatis personae zurückgreifen, das sich im Anhang des Buches befindet. Allerdings war dies für mich eigentlich nie nötig, da die relevanten Figuren nicht nur einen Namen haben, sondern auch hinsichtlich ihres Aussehens und Charakters so gut gestaltet sind, dass ich sie mir vorstellen konnte – und dass sie im Gedächtnis blieben.
So unterschiedlich, wie die Figuren sind, so unterschiedlich sind auch die beiden Protagonisten de Sade und Louis Marais. Auf der einen Seite der alternde Libertin, Philosoph und Schriftsteller, der seine Sexualität mit Angehörigen beider Geschlechter auslebt, weder an Gott noch an den Teufel glaubt und es liebt, Menschen in Wort und Tat zu schockieren. Dass sich hinter den Serienmorden etwas anderes verbergen könnte als eine politische Verschwörung und die Unmoral der hohen Gesellschaft, kommt für ihn nicht infrage. Auf der anderen Seite der tiefgläubige Katholik Marais, der aufgrund einer politischen Intrige strafversetzt wurde und gerade erst Frau und Kind verloren hat. Er ist der Auffassung, dass Gott ihn nach Paris zurückgeführt hat, damit er in dessen Namen die Satanistensekte zu Fall bringt, die der Verursacher der schrecklichen Morde ist. Als diese beiden aufeinanderstoßen, kommt es verständlicherweise nicht nur zu Spannungen, sondern auch zu interessanten Dialogen über – im wahrsten Sinne des Wortes – Gott und die Welt. Marais hat zwar in der Vergangenheit immer wieder einen Blick in die Abgründe der Menschheit werfen können, aber der Abgrund, der sich ihm in den Frauenmorden auftut, übersteigt seine Vorstellungskraft.
Dass ein Autor zwei so gegensätzliche Protagnisten auf die Jagd nach einem Mörder schickt, ist – wenn man sich die Kriminalliteratur anschaut – nichts Ungewöhnliches. Wohltuend fällt in „Fest der Finsternis“ auf, dass die beiden Helden nicht miteinander versöhnt sind oder gar gute Freunde werden. Am Ende trennen sich ihre Wege wieder (schade!), aber zumindest bleibt bei beiden ein gewisser Respekt für die Schläue des einen (die Cleverness eines de Sade) und die Integrität des anderen (Marais). Mit de Sade und Marais werden in „Fest der Finsternis“ zwei (historische) Gestalten lebendig, die zu einer Zeit leben, als die moderne Wissenschaft geboren wurde, als die Aufklärung den Aberglauben bzw. Glauben des Katholizismus vertrieb – wobei jeweils eine der Figuren für eine der beiden Seiten steht, wenn sich auch Marais hin und wieder modernen Mitteln bedient.
Positv fällt auch die Gestaltung der weiblichen Figuren auf. Diese sind im Roman alles andere als „Damsels in Distress“. Im Gegenteil. Sie sind selbstbewusst, selbstständig, ambitioniert, lieben ihre Freiheit und verfolgen ihre ganz eigenen Interessen – völlig unabhängig von den männlichen Figuren. Sie müssen nicht gerettet werden, sondern sind einfallsreich und durchsetzungsfähig genug, um die Antagonisten (mit) zu Fall zu bringen. Dass die Auflösung der Morde von einer Frau berichtet wird, war noch einmal ein ganz besonderer Schachzug des Autors – ein ganz besonders schockierender!

Wo viel Licht ist, da gibt es natürlich auch Schatten – die Kritikpunkte an diesem Buch.
Zum einen wird immer wieder auf eine Vorgeschichte hingewiesen, auf Kriminalfälle, bei denen sich de Sade und Marais kennengelernt haben, Fälle, die dazu führten, dass Marais nach Brest verbannt wurde, die zum Bruch mit z. B. Beaume und Fouché geführt haben und noch Jahre später dafür verantwortlich sind, dass man ihm die vermeintlich irrtümliche Verurteilung einer jungen Frau vorwirft. Ich dachte lange, dass ich schlicht das falsche Buch aus der Reihe zuerst gelesen habe, musste aber erkennen, dass die Vorgeschichte nach (?) „Fest der Finsternis“ veröffentlicht wurde – leider nur als E-Book.
Der weitaus größere Kritikpunkt an „Fest der Finsternis“ ist das wirklich nachlässige Korrektorat. „Gewöhnliche“ Rechtschreibfehler gab es nur wenige. Aber schon lange habe ich kein Buch eines etablierten Verlages gelesen, das so viele Zeichensetzungsfehler enthielt wie dieser Roman; die Anzahl der fehlenden Kommas ist enorm (und auch die der falsch gesetzten). Auch die fehlerhafte Groß- bzw. Kleinschreibung der Personalpronomen in den Dialogen war von Zeit zu Zeit ausgesprochen ärgerlich. Ich hatte hin und wieder das Gefühl, dass der Autor sich teilweise nicht entscheiden konnte, ob er die höfliche Anrede „Sie“ wählen sollte oder „Ihr“ – oder vielleicht war auch das nur auf eine fehlerhafte Großschreibung zurückzuführen.
Weiterhin gibt es eine 6szene im Buch, die so dezent ist, dass ich noch einmal zurückblättern musste, als mir klar wurde, dass ich sie überlesen haben musste. Da der Autor auch keine Hemmungen hatte, die schrecklichen Szenen um die jungen ermordeten Mädchen zu schildern, fand ich dies ausgesprochen überraschend.
Und zum Ende des Buches hin (S. 610) stellt der Messdiener eines Gemeindepriesters den Korb mit dem Messwein auf einer Seite vor Schreck gleich zweimal ab. 😉

Mein Fazit: Trotz der letztgenannten Kritikpunkte ist „Fest der Finsternis“ ein exzellenter historischer Krimi, der mir persönlich Lust gemacht hat, in Zukunft noch mehr von diesem Autor zu lesen. Wenn er denn noch weitere historische Romane verfassen würde.

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Thomas Franke: Das Licht scheint in die Finsternis

Thomas FrankeAls Jonathan Brendel nach der Testamentseröffnung erfährt, dass seine Mutter ihm 150.000 Euro vermacht hat, kann er sein Glück kaum fassen. Allerdings hat die Sache einen Haken: Er kann das Erbe nur gemeinsam mit seinem Bruder Maik antreten, der allerdings vor vielen Jahren spurlos verschwunden ist. Also macht Jonathan sich auf die Suche nach seinem Bruder. Doch schon bald muss er erkennen, dass Maik offenbar in irgendwelche illegalen Geschäfte verwickelt ist, denn es will niemand wirklich mit ihm über seinen Bruder reden.
Bei seiner Suche lernt er die Krankenschwester Mara kennen. Schnell merkt er, dass sich in ihrem Leben etwas Schreckliches ereignet hat, von dem sie aber nicht so richtig erzählen will …

„Das Licht scheint in die Finsternis“ ist ein neuer Roman des Berliner Schriftstellers Thomas Franke, den ich sehr schätze, weil er ein begnadeter Erzähler ist, dem es gelingt, eine gut erzählte, packende Story und glaubwürdige Charaktere mit einer (geistlichen) Botschaft zu verbinden. Allerdings vermittelt er seine spirituelle Botschaft immer sehr dezent, sodass sich auch ein nichtchristlicher Leser nicht angepredigt fühlt. Darüber hinaus verfasst er auch primär „besondere“ Romane – Romane, die gekonnt reale Ereignisse und Fantasy-Elemente in sich vereinen. Romane, die noch (mindestens) eine zweite (Erzähl-)Ebene haben und mich als Leser zum Nachdenken einladen.
So auch in „Das Licht scheint in die Finsternis“, wo es neben Jonathans Suche nach seinem Bruder noch eine zweite Erzählebene gibt, in der ein Mann namens Sokjan in einer Gruft zu sich kommt. Er weiß nicht, wie er in diese Gruft gekommen ist, die sich wiederum in einer verfallenden Festung in der Wüste befindet. Während er durch die Festung irrt, stößt er auf zwei mysteriöse Wesen: einen kleinen Jungen und eine böse Schattengestalt. Diese stehen – das wird im Laufe der Handlung deutlich – für die zwei Seiten seines Wesens: den vertrauensvollen, offenen Jungen, der er einmal war, und der böse Erwachsene, der seine Emotionen unterdrückt und Masken trägt und niemanden und nichts an sich heranlässt. Die Interaktion mit den beiden stellt ihn schließlich vor eine Entscheiden: Für welche der beiden Gestalten – für welche der beiden Ich – wird sich Sokjan entscheiden? Und wer ist Sokjan überhaupt wirklich?
Auf der Gegenwartsebene sucht Jonathan, wie gesagt, nach seinem verschollenen Bruder Maik. Jonathan ist erfrischend normal. Er ist – im Gegensatz zu viel zu vielen männlichen Protas – kein wunderschöner, gut gebauter, charmanter Adonis, dem die Frauen reihenweise zu Füßen fallen. Nein, er ist ein eher ruhiger Zeitgenosse, der seine ganze Zeit und Energie in seinen Job steckt: Er arbeitet als freiberuflicher Lektor, der in Berlin gemeinsam mit einer Freundin eine Agentur eröffnet hat und nun auf der Suche nach potenziellen Autoren ist. Hier gibt Thomas Franke einen kleinen Einblick in den Literaturbetrieb – der Kampf um gute Autoren und wie viele auch abstruse Manuskripte Lektorate erhalten. Herzlich lachen musste ich bei der Erwähnung von „Ralf Müllers Visionen“, einem Manuskript, in dem es um die abartigen sexuellen Fantasien eines cracksüchtigen Soziologiestudenten geht:

„Eine Handlung war nicht erkennbar, und der Text war im Plusquamperfekt verfasst, was der Autor damit begründete, dass der Roman auf den letzten synaptischen Verbindungen des bereits erkaltenden Leichnams des Protagonisten beruhte, der sich in einem kannibalistischen Akt der Selbstverstümmlung versehentlich suizidiert hatte.
Das Exposé enthielt keine Inhaltsangabe, da diese, wie der Autor selbstbewusst feststellte, dem künstlerischen Wert des Gesamtwerks niemals gerecht werden könne, stattdessen gab es einen detaillierten Vorschlag für die zukünftige Marketingstrategie und eine sehr selbstbewusst vorgetragene Vorgabe für die zu erwartenden Honorarverhandlungen.“

Köstlich!

Bei seiner Suche lernt Jonathan die Krankenschwester Mara kennen. Diese trägt eine schreckliche Narbe im Gesicht, unter der sie verständlicherweise sehr leidet. Über den Grund für ihre Verletzung erzählt sie Jonathan lange nichts, doch der Hass auf den Verursacher prägt bis in die Gegenwart ihr Leben und hat zweifellos ihren Wunsch geprägt, Menschen als Krankenschwestern zu helfen und zu heilen. Obwohl sie ein eher zurückgezogenes Leben führt und Jonathan immer wieder auf Distanz hält, gibt dieser nicht auf und lädt sie wiederholt ein. Und sie lässt sich darauf ein. Ich habe mich ehrlich gesagt lange gefragt, was Jonathan so zu ihr hinzieht. Aber eine Antwort habe ich darauf nicht gefunden – es muss etwas sein, das sich zwischen „Sie sieht halt – abgesehen von ihrer Narbe – unheimlich gut aus“ und „Jonathan hat das Helfersyndrom“ liegt. Nichtsdestotrotz schafft Franke es sehr schön, dem Leser zu vermitteln, dass Mara zutiefst hin- und hergerissen ist zwischen ihrer Rache und der Erkenntnis, dass diese Rache nichts an ihrer Vergangenheit ändern, sondern auch ihre Zukunft zerstören wird. Und dass Vergebung der Schlüssel sein kann … oder ist.
Aber wie dem auch sei: Schließlich wird sich im Roman herausstellen, dass das „Schicksal“ einen grausamen Sinn für Humor hat, denn es gelingt Franke geschickt, die Geschichten von Jonathan und Mara und auch von Maik zusammenfließen zu lassen.

Mein Fazit: Ein actionreicher Roman mit leichten Schwächen in der Charakterisierung von Mara, der mich einlädt, über Vergebung und authentisch leben nachzudenken. Thumbs up!

Veröffentlicht in Sachtitel

Mark Strauss: Messias ohne Manieren

strauss-messias-ohne-manierenIch habe zu dem Buch von Mark Strauss gegriffen, weil ich auch die Titel von Jefferson Bethke sehr schätze (Warum ich Religion hasse. Und Jesus liebe.; Jesus war kein Christ) und Strauss einen ähnlich ungewöhnlichen Blick auf bekannte fromme Themen wird. Er lädt ein, Jesus kennenzulernen – und zwar nicht nur den kuschligen Kindersegner und Frauenversteher, sondern auch den unbequemen, der zu den religiösen Anführern wenig nette Dinge gesagt hat, der behauptet hat, seine Mutter und seine Geschwister nicht zu kennen, der uns geraten hat, uns lieber Arme und Augen rauszureißen, als vom richtigen Weg abzukommen.

Alle mögen Jesus. Selbst viele Nichtchristen finden das, was er gesagt hat, sehr sympathisch und halten ihn für einen weisen Menschen, von dem wir auch heute noch viel lernen können. Aber was ist mit der Tatsache, dass Jesus nicht nur nett war:

  • Er hat verurteilt – er hat häufiger über die Hölle gesprochen als Paulus.
  • Seine Aussagen waren krass – er hat seinen Zuhörern gesagt, dass sie ihre Familien hassen müssen.
  • Er war ein Chauvi – in seinem „Leitungskreis“ gab es keine Frauen.
  • Er war ein Rassist – er hat Angehörige anderer Ethnien beleidigt.
  • Er hat die Umwelt zerstört – schließlich hat er einen Feigenbaum verflucht und Tieropfer befürwortet.
  • Er ist vor Wut ausgerastet – er hat die Tische der Händler umgeworfen und diese aus dem Tempel getrieben.

Er setzte einen hohen moralischen Standard, riet seinen Zuhörern, sich Körperteile abzuschneiden, widersetzte sich zeitgenössischen politischen und religiösen Autoritäten. Während wir gern über dieses bedenkliche Verhalten hinweglesen, sahen das die Menschen damals anders. Einige hielten ihn aufgrund dessen für so gefährlich, dass sie nach einem Weg Ausschau hielten, wie sie ihn umbringen könnten.

Der Jesus, den wir alle so nett und nachahmenswert finden, ist nicht unbedingt auch der Jesus, der uns in den Evangelien begegnet, behauptet Autor Mark Strauss. Er ist lediglich ein Geschöpf unserer Fantasie und unserer Zeit. Strauss ist fest davon überzeugt: Wenn wir den rätselhaften Widersprüchen auf die Spur gehen, dann wird uns erst richtig bewusst, wie revolutionär und großartig der Mann aus Galiläa wirklich war.

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Karl May: Weihnacht

In den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts: Der junge Karl May (Sappho) und sein Freundes Hermann Lachner (Carpio) begeben sich wie so oft in ihren Weihnachtsferien auf eine mehrtägige Wanderung im Grenzgebiet des kaiserlichen Deutschlands und des Königreichs Böhmen. Im böhmischen Falkenau lernen sie die kleine, völlig verarmte Familie Wagner kennen – Großvater, Tochter und Enkel –, die sich auf der Flucht vor einer unbekannten Bedrängnis befindet. Mit ihrem letzten Geld helfen die beiden Freunde der Familie, sich bis nach Bremen durchzuschlagen, von wo aus sie in die USA auswandern wollen, wo sich bereits der Vater der Familie aufhält. Wenige Tage später treffen May und Carpio die drei noch einmal und werden Zeuge, wie der Großvater verstirbt.

Weston/Missouri, etwa zwanzig Jahre später: Aus dem jugendlichen Dichter May ist mittlerweile der berühmte Westmann Old Shatterhand geworden, der sich inkognito in der Kleinstadt Weston aufhält, um seiner Tätigkeit als Reiseschriftsteller nachzugehen. Durch Zufall wird er Zeuge, wie der „Prayer-Man“ – ein als Wanderprediger getarnter Verbrecher – einen Goldgräber um seinen Fund bringt und mit einem unbekannten Komplizen eine weitere Untat plant: Sie wollen zwei Greenhorns ein sogenanntes Finding-Hole verkaufen (eine Goldquelle, die sich in einem Loch in tiefem Wasser befindet) und den jüngeren zwingen, ihnen das Gold herauszuholen, bevor sie die beiden umbringen.
Außerdem stößt May dort wieder auf Frau Wagner, die in Wirklichkeit, so stellt sich nun heraus, von Hiller heißt. Ihr Ehemann – ein Fellhändler – wird von Krähenindianern gefangengehalten. Diese beschuldigen ihn, gemeinsam mit Schoschonen einige Stammesgenossen getötet zu haben, und fordern nun Lösegeld.
Gemeinsam mit seinem Blutsbruder Winnetou macht sich Old Shatterhand auf den Weg nach Wyoming, um Hiller zu befreien. Außerdem wollen die beiden versuchen, den Überfall auf die Greenhorns zu verhindern.
Einer dieser Greenhorns entpuppt sich als Carpio, der mittlerweile ebenfalls in die USA ausgewandert ist und dort von seinem bösartigen Onkel, dem anderen Goldsucher, ausgebeutet wird. Carpio schließt sich Old Shatterhand und Winnetou an …

„Weihnacht“ gehört neben einer Reihe anderer Karl-May-Romane zu den ersten „erwachsenen“ Büchern, die ich als ca. 10- bis 12-Jährige gelesen habe, die einzigen Bücher, die aus der Kinderheit bzw. Jugend meines Vaters übrig geblieben sind (er war/ist kein großer Leser). Und ich habe diesen Roman damals geliebt! Wenn ich das Buch heute lese, würde ich sagen, dass die Charaktere etwas zu eindimensional bzw. unsere Helden etwas zu fehlerfrei und großartig sind. Aber unterhalten hat mich die Geschichte auch heute noch sehr.

In „Weihnacht“ zeigt sich, dass Karl May ein großartiger Erzähler bzw. Beschreiber war. Auf dem hinteren Vorsatzpapier ist eine Landkarte der Gegend abgebildet, in der die Handlung des Romans spielt (Wyoming) – jeder kleine Creek, den Old Shatterhand, Winnetou und ihre kleine Gruppe auf der Suche nach Hiller und den Verbrechern zurücklegen. Und wenn man im Rahmen der Geschichte den Helden über die unterschiedlichsten Berge und Creeks und River folgt, hat man wirklich das Gefühl, dabei zu sein. Es gelingt May tatsächlich, die Landschaft vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen. Es geht über Berge und Grasland und durch Wäldchen. Die Täler sind von dichtem Nebel erfüllt, der Hochwald mit glitzerndem Reif überzogen. Die Sonne scheint vor Schreck zu erbleichen und zu erkalten, denn ihre farblosen Strahlen verlieren zu Winterbeginn ihre Kraft …

Die Geschichte, die in „Weihnacht“ erzählt wird, spielt zu zwei unterschiedlichen Zeiten und an zwei unterschiedlichen Handlungsorten: in den Jugendjahren des Ich-Erzählers (40er-Jahre des 19. Jahrhunderts) in der deutschen Heimat (bzw. im Grenzgebiet zu Böhmen) und in den Erwachsenenjahren (60er-Jahre) des Protagonisten, der einerseits als erfolgreicher Reiseschriftsteller in den Vereinigten Staaten/im Wilden Westen lebt, andererseits unter dem Kultnamen Old Shatterhand bekannt geworden ist. Hinsichtlich der Charakterisierung zeigt sich: Was den jungen May (May behauptete ja irgendwann, selbst der Held seiner Geschichten zu sein, was aber nicht stimmte) ausmachte – Liebe zur Natur, Glaube, die Bereitschaft, mit wenig auszukommen, Freigebigkeit, Liebe zu den Menschen, die weniger haben, Einfallsreichtum -, findet sich beim Erwachsenen in noch stärkeren Maße vertreten: Obwohl er durch seinen Blutsbruder Winnetou Zugriff auf unzählige Reichtümer hätte, verdient sich Old Shatterhand seinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Reiseliteratur, er hat kein festes Zuhause, sondern reist mit Winnetou durchs Land, ist bereit, seine Pläne für die nächsten Wochen und Monate über den Haufen zu werfen, um Hiller zu befreien und den Krieg zwischen Krähen und Schoschonen zu verhindern, und dabei legt er einen großen Einfallsreichtum an den Tag … Ganz zu schweigen davon, dass er ein großartiger Kämpfer ist, die unterschiedlichsten Indianersprachen beherrscht und durch sein einnehmendes, selbstbewusstes Wesen alle Schwierigkeiten meistert. Ein wenig perfekt vielleicht und sein Selbstbewusstsein an der einen oder anderen Stelle etwas zu nervtötend. Aber ein Held, mit dem sich um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert sicher viele Leser identifizieren konnten und wollten.
Ähnliches kann man bei Winnetou feststellen, der in diesem Roman sehr detailliert beschrieben wird (S. 215-216). Interessanterweise stieß ich bei Nachforschungen darauf, dass offenbar folgender Absatz in den jetzigen Ausgaben fehlt:

Einen Bart trug er nicht; in dieser Beziehung war er ganz Indianer. Darum war der sanfte, liebreich milde und doch so energische Schwung seiner Lippen stets zu sehen, dieser halbvollen, ich möchte sagen, küßlichen Lippen, welche der süßesten Schmeicheltöne ebenso wie der furchterweckendsten Donnerlaute, der erquickendsten Anerkennung gleich so wie der schneidendsten Ironie fähig waren. Seine Stimme besaß, wenn er freundlich sprach, einen unvergleichlich ansprechenden, anlockenden gutturalen Timbre, den ich bei keinem andern Menschen gefunden habe und welcher nur mit dem liebevollen, leisen, vor Zärtlichkeit vergehenden Glucksen einer Henne, die ihre Küchlein unter sich versammelt hat, verglichen werden kann; im Zorne hatte sie die Kraft eines Hammers, welcher Eisen zerschlägt, und, wenn er wollte, eine Schärfe, welche wie zersetzende Säure auf den festesten Gegner wirkte. Wenn er, was aber sehr selten und dann nur bei hochwichtigen oder feierlichen Veranlassungen geschah, eine Rede hielt, so standen ihm alle möglichen Mittel der Rhetorik zur Verfügung. Ich habe nie einen besseren, überzeugenderen, hinreißenderen Redner gehört als ihn und kenne nicht einen einzigen Fall, daß es einem Menschen möglich gewesen wäre, der Beredsamkeit des großen, unvergleichlichen Apatschen zu widerstehen. Beredt auch waren die leicht beweglichen Flügel seiner sanftgebogenen, kräftigen, aber keineswegs indianisch starken Nase, denn in ihren Vibrationen sprach sich jede Bewegung seiner Seele aus. Das Schönste an ihm aber waren seine Augen, diese dunklen, sammetartigen Augen, in denen, je nach der Veranlassung, eine ganze Welt der Liebe, der Güte, der Dankbarkeit, des Mitleides, der Besorgnis, aber auch der Verachtung liegen konnte. Solch‘ ehrliche, treue, lautere Augen, in welchen beim Zorne heilige Flammen loderten oder aus denen das Mißfallen vernichtende Blitze schleuderte, konnte nur ein Mensch haben, der eine solche Reinheit der Seele, Aufrichtigkeit des Herzens, Unwandelbarkeit des Charakters, und stete Wahrheit des Gefühles besaß wie Winnetou. Es lag in diesen seinen Augen eine Macht, welche den Freund beglückte, den Feind mit Furcht und Angst erfüllte, den Unwürdigen in sein Nichts verwies und den Widerspenstigen zum Gehorsam zwang. Wenn er von Gott sprach, seinem großen, guten Manitou, waren seine Augen fromme Madonnen-, wenn er freundlich zusprach, liebevolle Frauen-, wenn er aber zürnte, drohende Odins-Augen. (http://karl-may-wiki.de/index.php/Winnetou)

Ich könnte mir denken, dass man diese Passage gestrichen hat, weil sie ein übertrieben vollkommenes Bild von Winnetou zeichnet (selbst die jetzigen Beschreibungen zeichnen ihn noch als Übermenschen) – und weil doch etwas Homoerotisches darin mitschwingt. Letzteres ist übrigens zum Teil in der jetzigen Ausgabe noch zwischen den Zeilen enthalten, will man es hineinlesen. Überhaupt empfand ich auch die Beziehung zwischen den Erwachsenen Lauschner und May etwas … sehr emotional. Und diese Emotionalität scheint bei Karl May beinahe schon Stilmittel zu sein. Hier wird geweint und in den Armen gehalten (bzw. an die Brust gezogen).

Was mir damals nicht bewusst war: die Rolle der Religion. Das Buch ist „knackfromm“. Der Protagonist und Ich-Erzähler (und einige Nebenfiguren) ist nicht nur kulturfromm, wie es Mitte des 19. Jahrhunderts in unserem Land noch üblich war, sondern sein Glaube bestimmt alle seine Überzeugungen und sein Handeln. Als Jugendlicher verfasst er ein Weihnachtsgedicht mit 24 Versen, für das er einen Geldpreis einheimst und das gedruckt wird – und das die komplette E’rlösungsbotschaft enthält (Jesus Christus kam als Sohn Gottes und Erlöser auf diese Welt, die Notwendigkeit zu Buße und Umkehr, das „endgültige“ Ziel des Lebens etc.) – genauso wie auch der Roman „Weihnacht“ die komplette Botschaft des Evangeliums verbreitet. Dieses Gedicht wird sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen – es wird wie der Schüler Sappho seinen Weg nach Amerika finden, alte Freunde und Bekannte werden sich daran erkennen, sein Missbrauch durch einen Antagonisten macht deutlich, dass dieser schon verloren ist, und die unterschiedlichsten Akteure werden daraus Trost und Kraft ziehen. Auch als Erwachsener im Wilden Westen – nun unter dem Namen Old Shatterhand – hält der Protagonist mit seinen religiösen Überzeugungen nicht hinter dem Berg. Im Gegenteil. Als Hiller seinen Glauben als Ammenmärchen bezeichnet und behauptet, kein vernünftiger Mensch könne daran glauben, ganz zu schweigen davon, dass er diesen Jesus Christus auch nicht brauche, ist das für Old Shatterhand Grund genug, den Stab über diese Figur zu brechen (S. 403-405).

„Bleibt es, in wessen Namen Ihr wollt, nur nicht in Gottes Namen, denn es gibt keinen Gott! Wenn ich da nicht Recht habe, so mag mir der erste, beste Grizzlybär das Gehirn ausfressen!“

Diese Worte von Hiller werden im späteren Verlauf der Geschichte übrigens Wahrheit, als seine Unterkunft durch eine Lawine verschüttet wird und ein hungriger Grizzly sich über den Schädel eines gesetzlosen Toten hermacht und auch Hiller umzubringen droht. Dieses Ereignis führt bei der Romanfigur dann konsequenterweise eine Lebensveränderung bzw. einen Gesinnungswandel herbei, und so beendet Hiller seine Geschichte als überzeugter Christ und neuer Mensch. Und zur Belohnung kehrt er geläutert zu Familie und nach Österreich/Böhmen zurück, um Besitz und Titel wieder zu übernehmen. Überhaupt findet sich im Buch mehrere Male die Vorstellung, dass Leid Gott gewollt ist (zumindest sein könnte), um den Menschen zu läutern und zu sich zurückzuziehen.

Mein Fazit: „Weihnacht“ hat bei mir das Interesse an Karl May wiedergeweckt. Ich hätte durchaus Lust, den einen oder anderen Roman wieder hervorzukramen.

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Jen Turano: Braut wider Willen

Lucetta Plum ist eine erfolgreiche Schauspielerin in New York. Doch sie muss bei Nacht und Nebel die Flucht ergreifen, als ihr Stiefvater sie beim Glücksspiel an einen unliebsamen, aber sehr einflussreichen Bewunderer namens Silas Ruff verliert. Lucettas mütterliche Freundin Abigail Hart ist im Gegensatz zu ihr darüber jedoch ausgesprochen begeistert, bietet ihr das doch eine Gelegenheit, die junge Frau mit ihrem Enkel zu verkuppeln, in dessen Schloss beide Zuflucht finden.
Bram Haverstein ist ein sehr wohlhabender, aber auch etwas exzentrischer Gentleman. Er reitet des Nachts übers Land, gibt Straffälligen ein neues Zuhause – und seine Nachbarn sind fest davon überzeugt, dass es bei ihm nicht mit rechten Dingen zugeht (zumindest hat der letzte Besitzer sein Schloss verkauft, weil es darin offenbar spukt). Und er ist schon seit Jahren im Stillen in die Schauspielerin Lucetta Plum verliebt.
Die junge Frau ist alles andere als begeistert, als sie erkennt, dass auch Bram zur Schar ihrer Verehrer gehört, und bleibt auf Distanz. Doch als dann in seinem Schloss seltsame Dinge vor sich gehen und ihr unliebsamer Verehrer Silas Ruff auf ihre Spur kommt, muss sie Bram um Hilfe bitten …

„Braut wider Willen“ ist Band 3 der „A Class of their own“-Reihe von Jen Turano. In der Reihe geht es um die drei Freundinnen Hannah, Millie und Lucetta – und natürlich, wie sie jeweils den Mann fürs Leben finden (Band 1: Braut auf Zeit; Band 2: Ein Kindermädchen zum Verlieben). Die Romane spielen allesamt 1882 in oder um New York und zeichnen sich durch eine große Portion Situationskomik aus; der 3. Band m. E. am stärksten. Ich habe „Braut wider Willen“ an einem Wochenende regelrecht verschlungen. Die Protagonisten werden glaubwürdig beschrieben, spielen sich die Bälle sehr gut zu, und die Liebesgeschichte ist zwar nicht unerwartet, aber doch sehr … süß. Komplettiert wird das Ensemble aus Akteuren von einer Reihe von überaus interessanten Nebenfiguren, reformierte Kleinkriminelle, denen Bram Haverstein auf Bitten seines Pastors ein neues Zuhause und neue Aufgaben gibt.

Lucetta Plum gibt eine sehr sympathische Heldin ab und war schon in Band 1 von „A Class of their own“ meine Lieblingsfigur. Sie ist zwar Theaterschauspielerin, was ihr in der damaligen Zeit (zu unrecht) einen etwas anrüchigen Ruf einbringt, aber darüber hinaus ist sie eine ausgesprochen bodenständige junge Frau. Sie ist überaus schön, was ihr zu ihrem Leidwesen eine große Schar an Bewunderern eingebracht hat, weiß sie doch, dass diese nur den äußeren Schein sehen und das Bild, das sie sich von ihr – von Lucetta – gemacht haben. Dies führt dazu, dass unsere Heldin einen großen Bogen um Männer macht. Sie ist nämlich alles andere als eine Damsel in Distress, die gerettet werden muss. Sie ist ausgesprochen intelligent (sie besitzt ein fotografisches Gedächtnis) und wissbegierig, widmet sich ihrem Beruf und hat gelernt, ihr Vermögen durch Geschäfte an der Wall Street zu vergrößern, wodurch sie in der Lage ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Auch wenn ihr Wohlstand und das, was andere über sie denken, nicht wirklich wichtig ist.

Als sie Bram Haverstein gegenübersteht, ist sie zunächst ausgesprochen angetan von seiner Person (schließlich trägt er gerade eine Augenklappe und ist tall, dark & handsome) – bis sich herausstellt, dass auch er ein Bewunderer ihrer Person ist. Auch er hat sich ein Bild von ihr gemacht – und muss zu seinem Leidwesen feststellen, dass sie keine hilflose Jungfer ist, die vom strahlenden Helden gerettet werden muss und damit zufrieden wäre, nach der Eheschließung den Haushalt zu schmeißen. Sie ist viel selbstständiger und selbstbewusster, als ihm (zunächst) lieb ist. Bram selbst ist allerdings auch nicht das, was er zu sein scheint. Er hat Geheimnisse, die dazu führen, dass seine Nachbarn ihn im  besten Fall für eine Art modernen Robin Hood halten und seine Angestellten ihn zumindest für einen extrem exzentrischen Arbeitgeber, der viel Zeit in seinem Burgverlies verbringt. Sein Geheimnis klärt sich zum Ende des Buches hin, allerdings weiß der aufmerksame Leser schon deutlich früher, worum es dabei geht.

Auch die Handlung ist ausgesprochen vielfältig: Neben der eigentlichen Liebesgeschichte gibt es sehr viel Situationskomik (hier wäre u. U. etwas weniger mehr gewesen); es gibt eine spannende Krimihandlung um Lucettas unliebsamen Verehrer Ruff, der schließlich auch wiederholt zu kriminellen Methoden greift, um ihrer habhaft zu werden; es gibt Gothic-Elemente, die ein wenig an Jane Austens „Northanger Abbey“ erinnern, und es gibt eine Reise in Lucettas Vergangenheit in die amerikanischen Südstaaten, in deren Rahmen sie auch mit ihrer Geschichte abschließt. Heraus kommt dabei eine unterhaltsame Mischung aus Humor und Spannung, aus Leichtigkeit und Tiefgang, was das Buch zu einer idealen Strandlektüre macht.

Das Buch ist jedoch nicht nur gut geschrieben und ausgesprochen unterhaltsam, es gibt auch ausreichend „Denkstoff“ für die Leserin: Es geht im Buch ganz stark darum, dass wir Masken tragen, damit andere nicht sehen, wer wir wirklich sind; es geht um zerbrochene Familienbeziehungen und Vergebung.

Mein Fazit: Ein extrem unterhaltsamer Abschlussband der dreibändigen Reihe von Jen Turano. „Braut wider Willen“ wird sicher nicht mein letztes Buch der Autorin sein.

 

 

 

 

Veröffentlicht in Sachtitel

Max Lucado: Du bist reich beschenkt

Max Lucado gehört zu den wichtigsten christlichen US-Autoren unserer Zeit. Seit Mitte der Achtzigerjahre hat er Dutzende von Bestsellern geschrieben, die vielfach auch ins Deutsche übersetzt wurden. Seine große Stärke sind sicher seine liebevolle, seelsorgerliche Art – und seine Fähigkeit, bekannte biblische Geschichten auf eine Weise zu erzählen, dass auch der Leser immer wieder neue Facetten dieser Berichte und Bezüge zum eigenen Leben entdecken kann. Wie oft dachte ich schon beim Lesen seiner Bücher: Was? So habe ich das ja noch nie gesehen!?
In seinem neuen Buch beschäftigt sich Bestsellerautor Max Lucado am Beispiel von Josua und dem Volk Israel mit dem „Gelobten Land“. In biblischer Hinsicht geht es in seinem neuen Buch darum, was die Israeliten davon abhielt, ins Gelobte Land einzuziehen, wie der Einzug sich vollzog, welche Kämpfe ausgefochten werden mussten, wie das Leben im Gelobten Land aussah. Aber in jedem Kapitel, in dem Lucado einen Schritt auf dieser Reise nachzeichnet, zieht er auch immer wieder Parallelen zu unserem eigenen Leben. Denn im Grunde geht es hier nicht nur um die unterhaltsame Nacherzählung einer biblischen Geschichte, sondern darum, wie wir eine Brücke schlagen können zwischen dem Menschen, der wir sind, und dem, der wir sein wollen.
Im stärksten Kapitel – aber wahrscheinlich kommt es mir nur so vor, weil ich eine Frau bin – wendet er sich zum Beispiel an Menschen, die nicht verstehen können, warum Gott sie in all ihrer Zerbrochenheit annehmen könnte. Das illustriert er sehr schön am Beispiel von Rahab.

Ich sehe schon vor mir, wie sich ein halbes Dutzend Männer durch die enge Kopfsteingasse im Rotlichtviertel zwängt. Es ist spät abends. Die mit Fackeln erleuchteten Kneipen sind geöffnet und die Kunden stockbesoffen. Sie rufen den Männern des Königs obszöne Bemerkungen nach, aber die Soldaten reagieren nicht. Sie gehen weiter, bis sie vor der Holztür eines steinernen Hauses direkt an der berühmten Stadtmauer von Jericho stehen bleiben. Die Laterne davor brennt nicht, und die Soldaten fragen sich, ob wohl jemand zu Hause ist. Der Hauptmann hämmert an die Tür. Drinnen hört man schlurfende Schritte. Rahab macht auf. Sie trägt mehrere Schichten Make-up und hat ihre Augen schwarz geschminkt. Unter ihrem tief ausgeschnittenen Gewand kann man ein paar gute Stücke von „Victoria’s Secret“ sehen. Ihre raue Stimme verrät, dass sie Kettenraucherin ist. Sie stemmt eine Hand in die Hüfte und hält in der anderen einen Martini.
„Tut mir leid, Jungs, wir sind für heute Nacht ausgebucht.“
„Deswegen sind wir nicht hier“, fährt der Hauptmann sie an. „Wir kommen wegen der Hebräer.“
„Hebräer?“ Fragend neigt sie den Kopf zur Seite. „Ich dachte, ihr wolltet ein bisschen Spaß haben.“
Sie zwinkert mit ihren schwarz getuschten Wimpern einem jungen Soldaten zu. Er wird rot, aber der Hauptmann lässt sich nicht von seinem Auftrag abbringen.
„Wir suchen die Spione. Wo sind sie?“
Sie tritt vor die Tür, schaut nach links und nach rechts und raunt ihnen dann zu: „Ihr habt sie gerade verpasst. Kurz bevor die Stadttore geschlossen wurden, haben sie sich davongeschlichen. Wenn ihr euch beeilt, kriegt ihr sie noch.“
Die Männer des Königs machen kehrt und rennen los. Als sie um die Ecke verschwunden sind, rennt Rahab die Treppe zum Dach hinauf, wo sich die beiden Späher versteckt haben. Sie sagt ihnen, dass die Luft rein ist. „Die ganze Stadt spricht von euch und eurer Armee. Alle haben Schiss. Der König kann nicht mehr schlafen und den Leuten ist der Appetit vergangen. Sie schlucken Beruhigungsmittel, als seien es Tic Tacs. Das letzte bisschen Mut ist mit dem Morgentau verdunstet“ (Josua 2,9–11; FNL – frei nach Lucado).

Ob Sie es glauben oder nicht, Rahab fand Gott. Oder besser ausgedrückt: Gott fand Rahab. Er hatte in dieser knallharten Stadt ein weiches Herz entdeckt und kam zu ihr, um sie zu retten. Er hätte die ganze Stadt gerettet, aber niemand sonst sehnte sich danach. Andererseits war Rahab den anderen gegenüber im Vorteil. Sie hatte nichts zu verlieren. Sie war ganz unten auf der sozialen Leiter. Sie hatte ihren Ruf, ihr gesellschaftliches Ansehen und ihre Aufstiegschancen schon verspielt. Sie war ganz unten.
Vielleicht sind Sie das auch.
Sie haben vermutlich nicht Ihren Körper verkauft, aber Ihre Loyalität, Ihre Zuneigung, Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Gaben. Sie haben alles verkauft. Das haben wir alle. Wir alle fragen uns: Das Leben, nach dem wir uns sehnen? Das können vielleicht die anderen führen, aber nicht ich. Ich bin … zu schmutzig, zu dreckig, zu belastet. Ich habe zu viel gesündigt, bin zu oft gestrauchelt, zu oft ins Schwimmen geraten. Ich bin auf dem Müllhaufen der Gesellschaft gelandet. Für mich gibt es keine glorreichen Zeiten mehr.
Gott hat eine ganz kurze Antwort auf solche Zweifel: Rahab!
Damit wir nicht denken, dass Gottes verheißenes Land nur für ein paar wenige Auserwählte gedacht sei, hat er ihre Geschichte an den Anfang gestellt. Der Autor widmet ihr ein ganzes Kapitel. Unglaublich! Sie bekommt mehr Text als die Priester, die Späher oder Josuas Gehilfe. Wenn Quantität und Reihenfolge in der Theologie irgendwie von Bedeutung sind, dann besagt Rahabs Story, dass Gott einen Platz hat für die Rahabs dieser Welt.

Lucado spricht aber auch Christen an, die „Ägypten“ bereits verlassen haben und sich jetzt oder auch schon seit Jahren darüber wundern, warum sie nicht in den Genuss der Vorteile eines „Gelobten Landes“ kommen. Warum fühlen sie sich immer noch entmutigt und irgendwie unfrei? Warum entwickeln sie sich geistlich nicht weiter?
Max Lucado nimmt die Hindernisse auf dem Weg ins Gelobte Land und auch im Gelobten Land unter die Lupe und hat eine gute Nachricht für den Leser: Wir sind wirklich Kinder Gottes, Miterben Jesu und dürfen darauf vertrauen, dass wir die Reise nicht alleine bewältigen müssen. Und wenn wir unser Ziel erreicht haben, dann erleben wir wirklich einen lebensverändernden Glauben …
Das Buch lebt dieses Mal weniger von Lucados seelsorgerlicher Art, die den Leser dort abholt, wo er steht – auch wenn dieses Buch sicher sehr einfühlsam und seelsorgerlich geschrieben ist. „Du bist reich beschenkt“ ist eher eine sehr unterhaltsame „Bibelarbeit“ über das Buch Josua. Lucado geht in den 16. Kapitel seines Buches die insgesamt 23 Kapitel des biblischen Buches Josua detailliert durch. Und er spricht mit seinen Nacherzählungen biblischer Ereignisse (siehe oben) und seinen Illustrationen mit Geschichten aus dem wahren Leben problemlos das Herz des Lesers an.

Das Buch ist übrigens auch rein äußerlich ein Genuss und etwas ganz Besonderes. Der Haupttitel des Buches ist so auf den Schutzumschlag eingeprägt, dass er erhaben hervorsteht, und der Umschlag selbst ist wiederum mit unzähligen Punkten versehen, die aus einer goldenen Heißfolie bestehen. Ein Klick auf das obige Foto des Buches verrät euch mehr.

Mein Fazit: Ich liebe die Bücher von Max Lucado sehr – aber ich war schon lange nicht mehr so begeistert von einem religiösen Buch wie bei „Du bist reich beschenkt“.