Veröffentlicht in Sachtitel

Mark Strauss: Messias ohne Manieren

strauss-messias-ohne-manierenIch habe zu dem Buch von Mark Strauss gegriffen, weil ich auch die Titel von Jefferson Bethke sehr schätze (Warum ich Religion hasse. Und Jesus liebe.; Jesus war kein Christ) und Strauss einen ähnlich ungewöhnlichen Blick auf bekannte fromme Themen wird. Er lädt ein, Jesus kennenzulernen – und zwar nicht nur den kuschligen Kindersegner und Frauenversteher, sondern auch den unbequemen, der zu den religiösen Anführern wenig nette Dinge gesagt hat, der behauptet hat, seine Mutter und seine Geschwister nicht zu kennen, der uns geraten hat, uns lieber Arme und Augen rauszureißen, als vom richtigen Weg abzukommen.

Alle mögen Jesus. Selbst viele Nichtchristen finden das, was er gesagt hat, sehr sympathisch und halten ihn für einen weisen Menschen, von dem wir auch heute noch viel lernen können. Aber was ist mit der Tatsache, dass Jesus nicht nur nett war:

  • Er hat verurteilt – er hat häufiger über die Hölle gesprochen als Paulus.
  • Seine Aussagen waren krass – er hat seinen Zuhörern gesagt, dass sie ihre Familien hassen müssen.
  • Er war ein Chauvi – in seinem „Leitungskreis“ gab es keine Frauen.
  • Er war ein Rassist – er hat Angehörige anderer Ethnien beleidigt.
  • Er hat die Umwelt zerstört – schließlich hat er einen Feigenbaum verflucht und Tieropfer befürwortet.
  • Er ist vor Wut ausgerastet – er hat die Tische der Händler umgeworfen und diese aus dem Tempel getrieben.

Er setzte einen hohen moralischen Standard, riet seinen Zuhörern, sich Körperteile abzuschneiden, widersetzte sich zeitgenössischen politischen und religiösen Autoritäten. Während wir gern über dieses bedenkliche Verhalten hinweglesen, sahen das die Menschen damals anders. Einige hielten ihn aufgrund dessen für so gefährlich, dass sie nach einem Weg Ausschau hielten, wie sie ihn umbringen könnten.

Der Jesus, den wir alle so nett und nachahmenswert finden, ist nicht unbedingt auch der Jesus, der uns in den Evangelien begegnet, behauptet Autor Mark Strauss. Er ist lediglich ein Geschöpf unserer Fantasie und unserer Zeit. Strauss ist fest davon überzeugt: Wenn wir den rätselhaften Widersprüchen auf die Spur gehen, dann wird uns erst richtig bewusst, wie revolutionär und großartig der Mann aus Galiläa wirklich war.

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Veröffentlicht in Belletristik

Karl May: Weihnacht

In den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts: Der junge Karl May (Sappho) und sein Freundes Hermann Lachner (Carpio) begeben sich wie so oft in ihren Weihnachtsferien auf eine mehrtägige Wanderung im Grenzgebiet des kaiserlichen Deutschlands und des Königreichs Böhmen. Im böhmischen Falkenau lernen sie die kleine, völlig verarmte Familie Wagner kennen – Großvater, Tochter und Enkel –, die sich auf der Flucht vor einer unbekannten Bedrängnis befindet. Mit ihrem letzten Geld helfen die beiden Freunde der Familie, sich bis nach Bremen durchzuschlagen, von wo aus sie in die USA auswandern wollen, wo sich bereits der Vater der Familie aufhält. Wenige Tage später treffen May und Carpio die drei noch einmal und werden Zeuge, wie der Großvater verstirbt.

Weston/Missouri, etwa zwanzig Jahre später: Aus dem jugendlichen Dichter May ist mittlerweile der berühmte Westmann Old Shatterhand geworden, der sich inkognito in der Kleinstadt Weston aufhält, um seiner Tätigkeit als Reiseschriftsteller nachzugehen. Durch Zufall wird er Zeuge, wie der „Prayer-Man“ – ein als Wanderprediger getarnter Verbrecher – einen Goldgräber um seinen Fund bringt und mit einem unbekannten Komplizen eine weitere Untat plant: Sie wollen zwei Greenhorns ein sogenanntes Finding-Hole verkaufen (eine Goldquelle, die sich in einem Loch in tiefem Wasser befindet) und den jüngeren zwingen, ihnen das Gold herauszuholen, bevor sie die beiden umbringen.
Außerdem stößt May dort wieder auf Frau Wagner, die in Wirklichkeit, so stellt sich nun heraus, von Hiller heißt. Ihr Ehemann – ein Fellhändler – wird von Krähenindianern gefangengehalten. Diese beschuldigen ihn, gemeinsam mit Schoschonen einige Stammesgenossen getötet zu haben, und fordern nun Lösegeld.
Gemeinsam mit seinem Blutsbruder Winnetou macht sich Old Shatterhand auf den Weg nach Wyoming, um Hiller zu befreien. Außerdem wollen die beiden versuchen, den Überfall auf die Greenhorns zu verhindern.
Einer dieser Greenhorns entpuppt sich als Carpio, der mittlerweile ebenfalls in die USA ausgewandert ist und dort von seinem bösartigen Onkel, dem anderen Goldsucher, ausgebeutet wird. Carpio schließt sich Old Shatterhand und Winnetou an …

„Weihnacht“ gehört neben einer Reihe anderer Karl-May-Romane zu den ersten „erwachsenen“ Büchern, die ich als ca. 10- bis 12-Jährige gelesen habe, die einzigen Bücher, die aus der Kinderheit bzw. Jugend meines Vaters übrig geblieben sind (er war/ist kein großer Leser). Und ich habe diesen Roman damals geliebt! Wenn ich das Buch heute lese, würde ich sagen, dass die Charaktere etwas zu eindimensional bzw. unsere Helden etwas zu fehlerfrei und großartig sind. Aber unterhalten hat mich die Geschichte auch heute noch sehr.

In „Weihnacht“ zeigt sich, dass Karl May ein großartiger Erzähler bzw. Beschreiber war. Auf dem hinteren Vorsatzpapier ist eine Landkarte der Gegend abgebildet, in der die Handlung des Romans spielt (Wyoming) – jeder kleine Creek, den Old Shatterhand, Winnetou und ihre kleine Gruppe auf der Suche nach Hiller und den Verbrechern zurücklegen. Und wenn man im Rahmen der Geschichte den Helden über die unterschiedlichsten Berge und Creeks und River folgt, hat man wirklich das Gefühl, dabei zu sein. Es gelingt May tatsächlich, die Landschaft vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen. Es geht über Berge und Grasland und durch Wäldchen. Die Täler sind von dichtem Nebel erfüllt, der Hochwald mit glitzerndem Reif überzogen. Die Sonne scheint vor Schreck zu erbleichen und zu erkalten, denn ihre farblosen Strahlen verlieren zu Winterbeginn ihre Kraft …

Die Geschichte, die in „Weihnacht“ erzählt wird, spielt zu zwei unterschiedlichen Zeiten und an zwei unterschiedlichen Handlungsorten: in den Jugendjahren des Ich-Erzählers (40er-Jahre des 19. Jahrhunderts) in der deutschen Heimat (bzw. im Grenzgebiet zu Böhmen) und in den Erwachsenenjahren (60er-Jahre) des Protagonisten, der einerseits als erfolgreicher Reiseschriftsteller in den Vereinigten Staaten/im Wilden Westen lebt, andererseits unter dem Kultnamen Old Shatterhand bekannt geworden ist. Hinsichtlich der Charakterisierung zeigt sich: Was den jungen May (May behauptete ja irgendwann, selbst der Held seiner Geschichten zu sein, was aber nicht stimmte) ausmachte – Liebe zur Natur, Glaube, die Bereitschaft, mit wenig auszukommen, Freigebigkeit, Liebe zu den Menschen, die weniger haben, Einfallsreichtum -, findet sich beim Erwachsenen in noch stärkeren Maße vertreten: Obwohl er durch seinen Blutsbruder Winnetou Zugriff auf unzählige Reichtümer hätte, verdient sich Old Shatterhand seinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Reiseliteratur, er hat kein festes Zuhause, sondern reist mit Winnetou durchs Land, ist bereit, seine Pläne für die nächsten Wochen und Monate über den Haufen zu werfen, um Hiller zu befreien und den Krieg zwischen Krähen und Schoschonen zu verhindern, und dabei legt er einen großen Einfallsreichtum an den Tag … Ganz zu schweigen davon, dass er ein großartiger Kämpfer ist, die unterschiedlichsten Indianersprachen beherrscht und durch sein einnehmendes, selbstbewusstes Wesen alle Schwierigkeiten meistert. Ein wenig perfekt vielleicht und sein Selbstbewusstsein an der einen oder anderen Stelle etwas zu nervtötend. Aber ein Held, mit dem sich um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert sicher viele Leser identifizieren konnten und wollten.
Ähnliches kann man bei Winnetou feststellen, der in diesem Roman sehr detailliert beschrieben wird (S. 215-216). Interessanterweise stieß ich bei Nachforschungen darauf, dass offenbar folgender Absatz in den jetzigen Ausgaben fehlt:

Einen Bart trug er nicht; in dieser Beziehung war er ganz Indianer. Darum war der sanfte, liebreich milde und doch so energische Schwung seiner Lippen stets zu sehen, dieser halbvollen, ich möchte sagen, küßlichen Lippen, welche der süßesten Schmeicheltöne ebenso wie der furchterweckendsten Donnerlaute, der erquickendsten Anerkennung gleich so wie der schneidendsten Ironie fähig waren. Seine Stimme besaß, wenn er freundlich sprach, einen unvergleichlich ansprechenden, anlockenden gutturalen Timbre, den ich bei keinem andern Menschen gefunden habe und welcher nur mit dem liebevollen, leisen, vor Zärtlichkeit vergehenden Glucksen einer Henne, die ihre Küchlein unter sich versammelt hat, verglichen werden kann; im Zorne hatte sie die Kraft eines Hammers, welcher Eisen zerschlägt, und, wenn er wollte, eine Schärfe, welche wie zersetzende Säure auf den festesten Gegner wirkte. Wenn er, was aber sehr selten und dann nur bei hochwichtigen oder feierlichen Veranlassungen geschah, eine Rede hielt, so standen ihm alle möglichen Mittel der Rhetorik zur Verfügung. Ich habe nie einen besseren, überzeugenderen, hinreißenderen Redner gehört als ihn und kenne nicht einen einzigen Fall, daß es einem Menschen möglich gewesen wäre, der Beredsamkeit des großen, unvergleichlichen Apatschen zu widerstehen. Beredt auch waren die leicht beweglichen Flügel seiner sanftgebogenen, kräftigen, aber keineswegs indianisch starken Nase, denn in ihren Vibrationen sprach sich jede Bewegung seiner Seele aus. Das Schönste an ihm aber waren seine Augen, diese dunklen, sammetartigen Augen, in denen, je nach der Veranlassung, eine ganze Welt der Liebe, der Güte, der Dankbarkeit, des Mitleides, der Besorgnis, aber auch der Verachtung liegen konnte. Solch‘ ehrliche, treue, lautere Augen, in welchen beim Zorne heilige Flammen loderten oder aus denen das Mißfallen vernichtende Blitze schleuderte, konnte nur ein Mensch haben, der eine solche Reinheit der Seele, Aufrichtigkeit des Herzens, Unwandelbarkeit des Charakters, und stete Wahrheit des Gefühles besaß wie Winnetou. Es lag in diesen seinen Augen eine Macht, welche den Freund beglückte, den Feind mit Furcht und Angst erfüllte, den Unwürdigen in sein Nichts verwies und den Widerspenstigen zum Gehorsam zwang. Wenn er von Gott sprach, seinem großen, guten Manitou, waren seine Augen fromme Madonnen-, wenn er freundlich zusprach, liebevolle Frauen-, wenn er aber zürnte, drohende Odins-Augen. (http://karl-may-wiki.de/index.php/Winnetou)

Ich könnte mir denken, dass man diese Passage gestrichen hat, weil sie ein übertrieben vollkommenes Bild von Winnetou zeichnet (selbst die jetzigen Beschreibungen zeichnen ihn noch als Übermenschen) – und weil doch etwas Homoerotisches darin mitschwingt. Letzteres ist übrigens zum Teil in der jetzigen Ausgabe noch zwischen den Zeilen enthalten, will man es hineinlesen. Überhaupt empfand ich auch die Beziehung zwischen den Erwachsenen Lauschner und May etwas … sehr emotional. Und diese Emotionalität scheint bei Karl May beinahe schon Stilmittel zu sein. Hier wird geweint und in den Armen gehalten (bzw. an die Brust gezogen).

Was mir damals nicht bewusst war: die Rolle der Religion. Das Buch ist „knackfromm“. Der Protagonist und Ich-Erzähler (und einige Nebenfiguren) ist nicht nur kulturfromm, wie es Mitte des 19. Jahrhunderts in unserem Land noch üblich war, sondern sein Glaube bestimmt alle seine Überzeugungen und sein Handeln. Als Jugendlicher verfasst er ein Weihnachtsgedicht mit 24 Versen, für das er einen Geldpreis einheimst und das gedruckt wird – und das die komplette E’rlösungsbotschaft enthält (Jesus Christus kam als Sohn Gottes und Erlöser auf diese Welt, die Notwendigkeit zu Buße und Umkehr, das „endgültige“ Ziel des Lebens etc.) – genauso wie auch der Roman „Weihnacht“ die komplette Botschaft des Evangeliums verbreitet. Dieses Gedicht wird sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen – es wird wie der Schüler Sappho seinen Weg nach Amerika finden, alte Freunde und Bekannte werden sich daran erkennen, sein Missbrauch durch einen Antagonisten macht deutlich, dass dieser schon verloren ist, und die unterschiedlichsten Akteure werden daraus Trost und Kraft ziehen. Auch als Erwachsener im Wilden Westen – nun unter dem Namen Old Shatterhand – hält der Protagonist mit seinen religiösen Überzeugungen nicht hinter dem Berg. Im Gegenteil. Als Hiller seinen Glauben als Ammenmärchen bezeichnet und behauptet, kein vernünftiger Mensch könne daran glauben, ganz zu schweigen davon, dass er diesen Jesus Christus auch nicht brauche, ist das für Old Shatterhand Grund genug, den Stab über diese Figur zu brechen (S. 403-405).

„Bleibt es, in wessen Namen Ihr wollt, nur nicht in Gottes Namen, denn es gibt keinen Gott! Wenn ich da nicht Recht habe, so mag mir der erste, beste Grizzlybär das Gehirn ausfressen!“

Diese Worte von Hiller werden im späteren Verlauf der Geschichte übrigens Wahrheit, als seine Unterkunft durch eine Lawine verschüttet wird und ein hungriger Grizzly sich über den Schädel eines gesetzlosen Toten hermacht und auch Hiller umzubringen droht. Dieses Ereignis führt bei der Romanfigur dann konsequenterweise eine Lebensveränderung bzw. einen Gesinnungswandel herbei, und so beendet Hiller seine Geschichte als überzeugter Christ und neuer Mensch. Und zur Belohnung kehrt er geläutert zu Familie und nach Österreich/Böhmen zurück, um Besitz und Titel wieder zu übernehmen. Überhaupt findet sich im Buch mehrere Male die Vorstellung, dass Leid Gott gewollt ist (zumindest sein könnte), um den Menschen zu läutern und zu sich zurückzuziehen.

Mein Fazit: „Weihnacht“ hat bei mir das Interesse an Karl May wiedergeweckt. Ich hätte durchaus Lust, den einen oder anderen Roman wieder hervorzukramen.

Veröffentlicht in Belletristik

Jen Turano: Playing the Part

Lucetta Plum ist eine erfolgreiche Schauspielerin in New York. Doch sie muss bei Nacht und Nebel die Flucht ergreifen, als ihr Stiefvater sie beim Glücksspiel an einen unliebsamen, aber sehr einflussreichen Bewunderer namens Silas Ruff verliert. Lucettas mütterliche Freundin Abigail Hart ist im Gegensatz zu ihr darüber jedoch ausgesprochen begeistert, bietet ihr das doch eine Gelegenheit, die junge Frau mit ihrem Enkel zu verkuppeln, in dessen Schloss beide Zuflucht finden.
Bram Haverstein ist ein sehr wohlhabender, aber auch etwas exzentrischer Gentleman. Er reitet des Nachts übers Land, gibt Straffälligen ein neues Zuhause – und seine Nachbarn sind fest davon überzeugt, dass es bei ihm nicht mit rechten Dingen zugeht (zumindest hat der letzte Besitzer sein Schloss verkauft, weil es darin offenbar spukt). Und er ist schon seit Jahren im Stillen in die Schauspielerin Lucetta Plum verliebt.
Die junge Frau ist alles andere als begeistert, als sie erkennt, dass auch Bram zur Schar ihrer Verehrer gehört, und bleibt auf Distanz. Doch als dann in seinem Schloss seltsame Dinge vor sich gehen und ihr unliebsamer Verehrer Silas Ruff auf ihre Spur kommt, muss sie Bram um Hilfe bitten …

„Playing the Part“ ist Band 3 der „A Class of their own“-Reihe von Jen Turano. In der Reihe geht es um die drei Freundinnen Hannah, Millie und Lucetta – und natürlich, wie sie jeweils den Mann fürs Leben finden (Band 1: Braut auf Zeit; Band 2: In Good Company). Die Romane spielen allesamt 1882 in oder um New York und zeichnen sich durch eine große Portion Situationskomik aus; der 3. Band m. E. am stärksten. Ich habe „Playing the Part“ an einem Wochenende regelrecht verschlungen. Die Protagonisten werden glaubwürdig beschrieben, spielen sich die Bälle sehr gut zu, und die Liebesgeschichte ist zwar nicht unerwartet, aber doch sehr … süß. Komplettiert wird das Ensemble aus Akteuren von einer Reihe von überaus interessanten Nebenfiguren, reformierte Kleinkriminelle, denen Bram Haverstein auf Bitten seines Pastors ein neues Zuhause und neue Aufgaben gibt.

Lucetta Plum gibt eine sehr sympathische Heldin ab und war schon in Band 1 von „A Class of their own“ meine Lieblingsfigur. Sie ist zwar Theaterschauspielerin, was ihr in der damaligen Zeit (zu unrecht) einen etwas anrüchigen Ruf einbringt, aber darüber hinaus ist sie eine ausgesprochen bodenständige junge Frau. Sie ist überaus schön, was ihr zu ihrem Leidwesen eine große Schar an Bewunderern eingebracht hat, weiß sie doch, dass diese nur den äußeren Schein sehen und das Bild, das sie sich von ihr – von Lucetta – gemacht haben. Dies führt dazu, dass unsere Heldin einen großen Bogen um Männer macht. Sie ist nämlich alles andere als eine Damsel in Distress, die gerettet werden muss. Sie ist ausgesprochen intelligent (sie besitzt ein fotografisches Gedächtnis) und wissbegierig, widmet sich ihrem Beruf und hat gelernt, ihr Vermögen durch Geschäfte an der Wall Street zu vergrößern, wodurch sie in der Lage ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Auch wenn ihr Wohlstand und das, was andere über sie denken, nicht wirklich wichtig ist.

Als sie Bram Haverstein gegenübersteht, ist sie zunächst ausgesprochen angetan von seiner Person (schließlich trägt er gerade eine Augenklappe und ist tall, dark & handsome) – bis sich herausstellt, dass auch er ein Bewunderer ihrer Person ist. Auch er hat sich ein Bild von ihr gemacht – und muss zu seinem Leidwesen feststellen, dass sie keine hilflose Jungfer ist, die vom strahlenden Helden gerettet werden muss und damit zufrieden wäre, nach der Eheschließung den Haushalt zu schmeißen. Sie ist viel selbstständiger und selbstbewusster, als ihm (zunächst) lieb ist. Bram selbst ist allerdings auch nicht das, was er zu sein scheint. Er hat Geheimnisse, die dazu führen, dass seine Nachbarn ihn im  besten Fall für eine Art modernen Robin Hood halten und seine Angestellten ihn zumindest für einen extrem exzentrischen Arbeitgeber, der viel Zeit in seinem Burgverlies verbringt. Sein Geheimnis klärt sich zum Ende des Buches hin, allerdings weiß der aufmerksame Leser schon deutlich früher, worum es dabei geht.

Auch die Handlung ist ausgesprochen vielfältig: Neben der eigentlichen Liebesgeschichte gibt es sehr viel Situationskomik (hier wäre u. U. etwas weniger mehr gewesen); es gibt eine spannende Krimihandlung um Lucettas unliebsamen Verehrer Ruff, der schließlich auch wiederholt zu kriminellen Methoden greift, um ihrer habhaft zu werden; es gibt Gothic-Elemente, die ein wenig an Jane Austens „Northanger Abbey“ erinnern, und es gibt eine Reise in Lucettas Vergangenheit in die amerikanischen Südstaaten, in deren Rahmen sie auch mit ihrer Geschichte abschließt. Heraus kommt dabei eine unterhaltsame Mischung aus Humor und Spannung, aus Leichtigkeit und Tiefgang, was das Buch zu einer idealen Strandlektüre macht.

Das Buch ist jedoch nicht nur gut geschrieben und ausgesprochen unterhaltsam, es gibt auch ausreichend „Denkstoff“ für die Leserin: Es geht im Buch ganz stark darum, dass wir Masken tragen, damit andere nicht sehen, wer wir wirklich sind; es geht um zerbrochene Familienbeziehungen und Vergebung.

Mein Fazit: Ein extrem unterhaltsamer Abschlussband der dreibändigen Reihe von Jen Turano. „Playing the Part“ wird sicher nicht mein letztes Buch der Autorin sein.

 

 

 

 

Veröffentlicht in Sachtitel

Max Lucado: Du bist reich beschenkt

Max Lucado gehört zu den wichtigsten christlichen US-Autoren unserer Zeit. Seit Mitte der Achtzigerjahre hat er Dutzende von Bestsellern geschrieben, die vielfach auch ins Deutsche übersetzt wurden. Seine große Stärke sind sicher seine liebevolle, seelsorgerliche Art – und seine Fähigkeit, bekannte biblische Geschichten auf eine Weise zu erzählen, dass auch der Leser immer wieder neue Facetten dieser Berichte und Bezüge zum eigenen Leben entdecken kann. Wie oft dachte ich schon beim Lesen seiner Bücher: Was? So habe ich das ja noch nie gesehen!?
In seinem neuen Buch beschäftigt sich Bestsellerautor Max Lucado am Beispiel von Josua und dem Volk Israel mit dem „Gelobten Land“. In biblischer Hinsicht geht es in seinem neuen Buch darum, was die Israeliten davon abhielt, ins Gelobte Land einzuziehen, wie der Einzug sich vollzog, welche Kämpfe ausgefochten werden mussten, wie das Leben im Gelobten Land aussah. Aber in jedem Kapitel, in dem Lucado einen Schritt auf dieser Reise nachzeichnet, zieht er auch immer wieder Parallelen zu unserem eigenen Leben. Denn im Grunde geht es hier nicht nur um die unterhaltsame Nacherzählung einer biblischen Geschichte, sondern darum, wie wir eine Brücke schlagen können zwischen dem Menschen, der wir sind, und dem, der wir sein wollen.
Im stärksten Kapitel – aber wahrscheinlich kommt es mir nur so vor, weil ich eine Frau bin – wendet er sich zum Beispiel an Menschen, die nicht verstehen können, warum Gott sie in all ihrer Zerbrochenheit annehmen könnte. Das illustriert er sehr schön am Beispiel von Rahab.

Ich sehe schon vor mir, wie sich ein halbes Dutzend Männer durch die enge Kopfsteingasse im Rotlichtviertel zwängt. Es ist spät abends. Die mit Fackeln erleuchteten Kneipen sind geöffnet und die Kunden stockbesoffen. Sie rufen den Männern des Königs obszöne Bemerkungen nach, aber die Soldaten reagieren nicht. Sie gehen weiter, bis sie vor der Holztür eines steinernen Hauses direkt an der berühmten Stadtmauer von Jericho stehen bleiben. Die Laterne davor brennt nicht, und die Soldaten fragen sich, ob wohl jemand zu Hause ist. Der Hauptmann hämmert an die Tür. Drinnen hört man schlurfende Schritte. Rahab macht auf. Sie trägt mehrere Schichten Make-up und hat ihre Augen schwarz geschminkt. Unter ihrem tief ausgeschnittenen Gewand kann man ein paar gute Stücke von „Victoria’s Secret“ sehen. Ihre raue Stimme verrät, dass sie Kettenraucherin ist. Sie stemmt eine Hand in die Hüfte und hält in der anderen einen Martini.
„Tut mir leid, Jungs, wir sind für heute Nacht ausgebucht.“
„Deswegen sind wir nicht hier“, fährt der Hauptmann sie an. „Wir kommen wegen der Hebräer.“
„Hebräer?“ Fragend neigt sie den Kopf zur Seite. „Ich dachte, ihr wolltet ein bisschen Spaß haben.“
Sie zwinkert mit ihren schwarz getuschten Wimpern einem jungen Soldaten zu. Er wird rot, aber der Hauptmann lässt sich nicht von seinem Auftrag abbringen.
„Wir suchen die Spione. Wo sind sie?“
Sie tritt vor die Tür, schaut nach links und nach rechts und raunt ihnen dann zu: „Ihr habt sie gerade verpasst. Kurz bevor die Stadttore geschlossen wurden, haben sie sich davongeschlichen. Wenn ihr euch beeilt, kriegt ihr sie noch.“
Die Männer des Königs machen kehrt und rennen los. Als sie um die Ecke verschwunden sind, rennt Rahab die Treppe zum Dach hinauf, wo sich die beiden Späher versteckt haben. Sie sagt ihnen, dass die Luft rein ist. „Die ganze Stadt spricht von euch und eurer Armee. Alle haben Schiss. Der König kann nicht mehr schlafen und den Leuten ist der Appetit vergangen. Sie schlucken Beruhigungsmittel, als seien es Tic Tacs. Das letzte bisschen Mut ist mit dem Morgentau verdunstet“ (Josua 2,9–11; FNL – frei nach Lucado).

Ob Sie es glauben oder nicht, Rahab fand Gott. Oder besser ausgedrückt: Gott fand Rahab. Er hatte in dieser knallharten Stadt ein weiches Herz entdeckt und kam zu ihr, um sie zu retten. Er hätte die ganze Stadt gerettet, aber niemand sonst sehnte sich danach. Andererseits war Rahab den anderen gegenüber im Vorteil. Sie hatte nichts zu verlieren. Sie war ganz unten auf der sozialen Leiter. Sie hatte ihren Ruf, ihr gesellschaftliches Ansehen und ihre Aufstiegschancen schon verspielt. Sie war ganz unten.
Vielleicht sind Sie das auch.
Sie haben vermutlich nicht Ihren Körper verkauft, aber Ihre Loyalität, Ihre Zuneigung, Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Gaben. Sie haben alles verkauft. Das haben wir alle. Wir alle fragen uns: Das Leben, nach dem wir uns sehnen? Das können vielleicht die anderen führen, aber nicht ich. Ich bin … zu schmutzig, zu dreckig, zu belastet. Ich habe zu viel gesündigt, bin zu oft gestrauchelt, zu oft ins Schwimmen geraten. Ich bin auf dem Müllhaufen der Gesellschaft gelandet. Für mich gibt es keine glorreichen Zeiten mehr.
Gott hat eine ganz kurze Antwort auf solche Zweifel: Rahab!
Damit wir nicht denken, dass Gottes verheißenes Land nur für ein paar wenige Auserwählte gedacht sei, hat er ihre Geschichte an den Anfang gestellt. Der Autor widmet ihr ein ganzes Kapitel. Unglaublich! Sie bekommt mehr Text als die Priester, die Späher oder Josuas Gehilfe. Wenn Quantität und Reihenfolge in der Theologie irgendwie von Bedeutung sind, dann besagt Rahabs Story, dass Gott einen Platz hat für die Rahabs dieser Welt.

Lucado spricht aber auch Christen an, die „Ägypten“ bereits verlassen haben und sich jetzt oder auch schon seit Jahren darüber wundern, warum sie nicht in den Genuss der Vorteile eines „Gelobten Landes“ kommen. Warum fühlen sie sich immer noch entmutigt und irgendwie unfrei? Warum entwickeln sie sich geistlich nicht weiter?
Max Lucado nimmt die Hindernisse auf dem Weg ins Gelobte Land und auch im Gelobten Land unter die Lupe und hat eine gute Nachricht für den Leser: Wir sind wirklich Kinder Gottes, Miterben Jesu und dürfen darauf vertrauen, dass wir die Reise nicht alleine bewältigen müssen. Und wenn wir unser Ziel erreicht haben, dann erleben wir wirklich einen lebensverändernden Glauben …
Das Buch lebt dieses Mal weniger von Lucados seelsorgerlicher Art, die den Leser dort abholt, wo er steht – auch wenn dieses Buch sicher sehr einfühlsam und seelsorgerlich geschrieben ist. „Du bist reich beschenkt“ ist eher eine sehr unterhaltsame „Bibelarbeit“ über das Buch Josua. Lucado geht in den 16. Kapitel seines Buches die insgesamt 23 Kapitel des biblischen Buches Josua detailliert durch. Und er spricht mit seinen Nacherzählungen biblischer Ereignisse (siehe oben) und seinen Illustrationen mit Geschichten aus dem wahren Leben problemlos das Herz des Lesers an.

Das Buch ist übrigens auch rein äußerlich ein Genuss und etwas ganz Besonderes. Der Haupttitel des Buches ist so auf den Schutzumschlag eingeprägt, dass er erhaben hervorsteht, und der Umschlag selbst ist wiederum mit unzähligen Punkten versehen, die aus einer goldenen Heißfolie bestehen. Ein Klick auf das obige Foto des Buches verrät euch mehr.

Mein Fazit: Ich liebe die Bücher von Max Lucado sehr – aber ich war schon lange nicht mehr so begeistert von einem religiösen Buch wie bei „Du bist reich beschenkt“.

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Jen Turano: In Good Company

turano-in-good-companyMillie Longfellow ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und deshalb liegen ihr Kinder besonders am Herzen. Daher hat sie beschlossen, die beste Nanny zu sein, die die wohlhabenden Familien an der amerikanischen Ostküste je gesehen haben. Doch leider stößt ihre unkonventionelle Art bei ihren bisherigen Arbeitgebern nicht gerade auf Begeisterung, was auch der Grund dafür ist, dass sie bislang nie eine Stelle lange gehalten hat.
Everett Mulberry ist Junggeselle, hat aber nach dem unerwarteten Tod eines guten Freundes und seiner Frau deren drei Kinder geerbt. Und diese drei sind so wild, dass alle Kindermädchen schon nach kurzer Zeit die Flucht ergreifen. Als er beschließt, den Sommer mit seiner standesgemäßen Freundin in Newport zu verbringen, ist er wieder einmal verzweifelt auf der Suche nach einer Nanny.
Everett und Millie sind beide mit ihrem Latein am Ende, als die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur ihnen eine letzte Chance gibt: miteinander. Während Millie sich rasch in den jungen Mann verliebt, bemüht sich Everett darum, die Erwartungen der guten Gesellschaft zu erfüllen und eine Dame aus guter Familie zu ehelichen.
Doch als er Zeit mit Millie und den drei Kindern verbringt und den verdächtigen Tod ihrer Eltern untersucht, beginnt er zu ahnen, dass zu einem guten Leben mehr gehört als Geld, eine Vernunftehe und die Anerkennung der Gesellschaft.

„In Good Company“ ist der zweite Band in Jen Turanos Reihe „A Class of Their Own“, die die Abenteuer der drei Freundinnen Hannah, Millie und Lucetta schildert – oder vielmehr wie sie ihren Platz im Leben und ihren „Prince Charming“ finden. Buch 1 – „Braut auf Zeit“ – schilderte die Geschichte von Hannah und war ganz offensichtlich inspiriert von „Pretty Woman“, der Geschichte einer jungen Frau, die zu einer niedrigen Gesellschaftsschicht gehört, dann aber von einem reichen Mann engagiert wird, seine Verlobte zu spielen – und natürlich endet das Ganze mit einem Happyend. Dieses zweite Buch ist deutlich angelehnt an Jane Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ und nimmt auch Anleihen bei „Mary Poppins“ und klassischen Märchenelementen. Es wird aus der Perspektive der beiden Protagonisten erzählt; die einzige Ausnahme bildet der Epilog, der aus der Sicht des Reverends geschrieben ist und als Aufhänger für den Abschlussband der Trilogie dient.
Millie ist witzig, nicht auf den Mund gefallen und liebt Kinder über alles. Sie will ihnen das geben, was sie nie hatte: ein Zuhause, in dem sie geliebt werden, in dem sie geborgen sind und wachsen und sich weiterentwickeln können. Das einzige Problem ist, dass sie eine sehr unkonventionelle Art hat und ihre Methoden leider bei den dazugehörigen Eltern – die zur Oberschicht gehören – auf wenig Begeisterung stoßen, was der Grund dafür ist, dass sie wieder und wieder ihre Anstellung verliert. Und das Beste: Sie ist ein echter Bücherwurm, der sich ständig weiterbildet. Als sie ihre Anstellung bei Everett antritt und zur Sommerfrische nach Long Island reist, werden ihre Prioritäten deutlich: Zuerst packt sie ihre Lieblingswörterbücher ein, dann einen Thesaurus, ihre Bibel, einige von Shakespeares Werken und dann noch zwei Bücher von Jane Austen; und in die restlichen Lücken in ihrem Koffer steckt sie dann noch ein bisschen Kleidung. Eine solche literarische Figur muss man doch lieben, oder? Allerdings ist Millie in gesellschaftlicher Hinsicht natürlich nicht standesgemäß, als sie sich in Everett verliebt, aber sie ist die Frau, die er rein menschlich braucht. Denn sie ist ein Gegenüber, das ihn nicht nur ungeachtet seiner gesellschaftlichen Position liebt (im Gegensatz zu seiner Freundin, für die er ausschließlich aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung von Interesse ist), sondern an dem er sich auch „reiben“ kann, weil sie ihn zum Nachdenken bringt. Bis Everett dies aber erkennt und akzeptiert, geht allerdings eine Weile ins Land.
Everett hat seine drei Kinder nach dem unerwarteten Tod eines befreundeten Ehepaar geerbt, hat aber als Junggeselle wenig Ahnung, wie man mit den drei kleinen Teufelskerlen umgeht. Was auch der Grund dafür ist, dass ihm die Kindermädchen davonlaufen und seine Verzweiflung schließlich so groß ist, dass er Millie einstellen muss, um seine Freundin (und potenzielle Zukünftige) zur Sommerfrische nach Long Island zu begleiten. Doch durch den Kontakt mit Millie, die ihm unerwartet nicht den Respekt erweist, wie er dies gewohnt ist, sondern ihm ihre Meinung geradeheraus kundtut und ihn dadurch zum Nachdenken bringt, erkennt er, dass er in seinem Leben die falschen Prioritäten setzt. Dass Dinge wie Familie und ein gutes Lebensfundament wichtiger sind als der soziale Status und die Meinung der Mitmenschen. Es war schön, miterleben zu dürfen, wie er sich als Mensch in dieser Zeit weiterentwickelt und wie er wächst und – um mit Jane Austen  und „Stolz und Vorurteil“ zu reden – wie er sich an die Werte erinnert, die man ihm früher mitgegeben hat, und sich von einem überheblichen Snob in einen wahren Gentleman verwandelt, den Millie bereit ist zu heiraten.
Und wie in „Stolz und Vorurteil“, so gibt es auch in „In Good Company“ eine Antagonistin namens Caroline (hier allerdings nicht Bingley, sondern Dixon), und man spürt, dass Turano viel Freude hatte, eine so unangenehme Zeitgenossin zu schreiben. Sie ist hochmütig, berechnend, herzlos … Es macht wirklich Spaß, ihre Szenen zu lesen, weil man nie weiß, was sie nun wieder ausheckt. Und das Gute an der Geschichte: Turano nimmt auch diese Figur so ernst, dass sie ihr kein plattes Ende à la „Sie ist die Gegenspielerin, also wird sie mit einem schrecklichen Schicksal ‚belohnt'“ schenkt, sondern sie einfach das Leben leben lässt, das sie sich erwünscht hat – ohne die „Segnungen“, die eine echte Partnerschaft mit sich bringt.

Die Geschichte bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen humorvoll und irrwitzig und beschenkt den Leser mit vielen witzigen Dialogen und Szenen. Und da das Buch in einem konfessionellen Verlag erschienen ist, webt Jen Turano auch Glaubensdinge organisch in die Geschichte ein. Die Kinder und auch Millie beschäftigt die Frage, wie Gott den frühen Verlust ihrer Eltern zulassen konnte (die alte Frage „Wo ist Gott, wenn Menschen leiden?“), und vor allem Everett erfährt, welchen Unterschied ein Fundament des Glaubens in einer Ehe und in der Beziehung zu den (eigenen) Kindern macht, im Vergleich zu den Beziehungen, die er sonst in seinem gesellschaftlichen Umfeld sieht.

Mein Fazit: Ich habe das Buch mit großem Genuss gelesen und bin schon sehr gespannt, wie die Geschichte von Lucetta Plum, der letzten der drei Freundinnen, ausgehen wird!

Veröffentlicht in Sachtitel

Flor Namdar: Liebe statt Furcht

namdar-liebestattfurchtEs war keine sorgfältig abgewogene Entscheidung, kein bewusstes Abschiednehmen. Vielmehr war es das entkräftete Loslassen eines Schiffbrüchigen, der tagelang auf den Wogen eines tosenden Meeres getrieben hatte, festgeklammert an eine Planke seines gesunkenen Schiffes, zu leer, um zu hoffen, zu ausgekühlt, um irgendetwas zu empfinden, nur erfüllt von dem einen Gedanken: „Es soll aufhören!“
Ich suchte das Vergessen und stürzte mich kopfüber in die Finsternis. Aber die Finsternis hielt mich nicht. Sie wollte oder durfte es nicht!
Mit einem Mal war da ein Licht. Konnte dies der Tod sein?
Etwas lag auf meiner Brust und wie aus weiter Ferne drangen Stimmen an mein Ohr: „Lebt sie noch?“
„Nein … ich glaube, sie ist tot.“
Das Gewicht auf meiner Brust war nicht schwer, sondern süß und leicht. Es bewegte sich. Verschwommen erkannte ich das kleine Gesicht meiner weinenden Tochter.
„Sie lebt noch!“, rief eine Stimme.
„Bist du sicher?“
„Wir müssen den Notarzt rufen!“
Ich achtete kaum auf diese Worte. Ich sah nur meine Tochter. Und tief in mir flüsterte ich zu einem Gott, an den ich in meinem Herzen längst nicht mehr glaubte: „Nie wieder! Nie wieder werde ich so etwas tun.“

Als Tochter einer kurdischen Sunnitin und eines persischen Schiiten verbringt Flor Namdar* eine unbeschwerte, privilegierte Kindheit in ihrer Heimat Iran. Trotz der religiösen Unterschiede führt das nie zu Problemen in der Familie – jeder ist auf seine Weise sehr gläubig. Doch als junges Mädchen gerät sie in die Wirren der Islamischen Revolution. Die Familie verliert ihre gesellschaftliche Stellung, lebt in zwei kleinen, heruntergekommenen Zimmern in großer Armut.
Sie ist noch ein Teenager, als sie von einem anderen Flüchtling einen Heiratsantrag bekommt, diesen aber ablehnt. Mit diesem Gesichtsverlust kommt der potenzielle Bräutigam aus kulturellen Gründen nicht klar und versucht, Selbstmord zu begehen. Woraufhin seine Familie die Schuld bei ihr sucht und ihr nach dem Leben trachtet.
Um dieser lebensgefährlichen Situation zu entkommen, flüchtet sie sich in eine unglückliche Ehe mit einem entfernten Verwandten. Doch die Ehe ist zutiefst unglücklich. Sie fühlt sich in der neuen Stadt sehr einsam; außerdem sieht die Ehe mit ihrem Mann so ganz anders aus als die liebevolle, von Vertrauen und Wertschätzung geprägte Ehe, die sie von ihren Eltern kennt.
Als sie schwanger ist, kehrt zu unter einem Vorwand zu ihren Eltern zurück und beschließt, dort zu bleiben. Doch ihr Mann kann dies nicht zulassen – und macht ihr das Leben schwer. Hinzu kommen dann auch noch Depressionen angesichts ihrer schrecklichen Lage.
All diese schrecklichen Erfahrungen führen dazu, dass sie ihren muslimischen Glauben schließlich ablegt (ohne aber jemandem etwas davon zu sagen):

Dem fordernden Gott, der trotz all meiner Bemühungen, eine fromme Muslima zu sein, nur schwieg und mich ständig zu bestrafen schien, diesem Gott kehrte ich schließlich den Rücken.

Aber ihre persönliche Situation wird so unerträglich, dass sie beschließt, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch Flor wird gerettet. Und dann geschieht etwas, das ihr Leben völlig auf den Kopf stellt: Sie begegnet Jesus. Flor will bei einem Juwelier eigentlich nur einige Schmuckstücke anpassen lassen, als dieser – ein Christ – ihr eine Frage stellt und sie sich plötzlich fragt, woran diese Christen eigentlich glauben. Sie besucht eine christliche Kirche und merkt sofort, dass dieser Jesus so ganz anders ist als Mohammed und Allah. Man muss nicht lange Reinigungsrituale über sich ergehen lassen, bevor man in seine Nähe kommt. Man ist willkommen, wie man ist. Auch die Atmosphäre in ihrer Gemeinde ist viel fröhlicher und freier, als sie es von Moscheen kennt.
Und als Flor Jesus kennenlernt, verändert sich ihr Leben von einem Moment auf den anderen. Ihre Depressionen sind weg, sie sieht viel positiver in die Zukunft, kann die Probleme, die sie mit ihrem Exmann hat, viel gelassener angehen …

Über Umwege landet Flor schließlich in Deutschland (wo die Menschen alle schrecklich nackt herumlaufen, wie sie gleich feststellt) und arbeitet mit einer amerikanischen Missionarin unter Kurden. Es dauert eine Weile, bis sie sich hier eingelebt hat, aber dann gelingt es ihr, ihre Tochter nachzuholen, und sie fängt an, unter muslimischen Flüchtlingen zu arbeiten.
Und hier wird das Buch sicher besonders aktuell, denn sie geht auch auf die Probleme ein, die diese Menschen hier in der neuen Kultur haben. Sie geht auf den Vorwurf ein, dass die muslimischen Flüchtlinge ja nur deshalb behaupten, Christen zu sein, um ein Bleiberecht zu bekommen. Auf diese Weise weckt sie ein tieferes Verständnis der Lebenswirklichkeit vieler Flüchtlinge. Und vor allem schildert sie auch das Schicksal von Frauen, die hier in unser Land kommen … Das Buch leistet meines Erachtens einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Islamdebatte, der den Islam aus der Innensicht zeigt und weder verharmlost noch verteufelt.

Mein Fazit: Vorab die wahrscheinlich wichtigste Information: Ich hasse Biografien! Ich lese keine Biografien! Eigentlich! Aber bei „Liebe statt Fucht“ habe ich eine Ausnahme gemacht, weil ich das Vergnügen hatte, die Autorin persönlich kennenzulernen, die sich als ungemein optimistische, fröhliche Frau entpuppte! Die obige Geschichte ist nämlich nicht nur außergewöhnlich und spannend, sie ist auch wahr! Sie schildert das Leben einer starken Frau, die aus einer patriarchalischen Welt voller archaischer Regeln mutig ausbricht und unbeirrt Jesus nachfolgt. Beim Lesen habe ich eine ganze Bandbreite an Emotionen durchgemacht: Ich war traurig und deprimiert darüber, wie ihr Leben verläuft, war wütend über die negativen Seiten ihrer (patriarchialischen) Kultur, in der Frauen oftmals nur Eigentum des Mannes sind, habe mich gefreut, als sich ihr Leben endlich zum Positiven gewandelt hat …
Wenn ihr gern Lebensbilder lest, die stark von religiösen Überzeugungen geprägt sind, kann ich euch dieses Buch sehr empfehlen.

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* Bei „Flor Namdar“ handelt es sich nicht um den richtigen Namen der Autorin; Flor hat sich für die Verwendung eines Pseudonyms entschieden – weniger, um sich selbst, als vielmehr um ihre Tochter und die Mitglieder ihrer Gemeinde zu schützen. Daher wurden auch die Ortsangaben in Deutschland verändert.

Veröffentlicht in Belletristik

Regina Jennings: For the Record

jennings-for-the-recordPine Gap, Missouri, 1885: Betsy Huckabee ist zwar mit ihren 24 Jahren eine alte Jungfer und lebt irgendwo in einem kleinen Ort im Hinterland, aber sie hat große Träume. Für die örtliche Zeitung verfasst sie hin und wieder kleinere Artikel, aber mit dem Geld, das sie dafür bekommt, wird sie sich niemals ein eigenes Leben aufbauen können. Und größere Zeitungen interessieren sich einfach nicht für Nachrichten aus den Ozark Mountains.
Deshalb beschließt Betsy, ihnen einfach eine romantische Fortsetzungsgeschichte für den Frauenteil anzubieten. Und da ist ihr der gutaussehende Deputy, der gerade strafversetzt wurde, eine gute Inspirationsquelle. Wenn ihre Nachbarn in Pine Gap wüssten, was sie über den jungen Texaner schreibt, wären sich vermutlich schockiert – aber die Geschichte ist schließlich für eine Zeitung in Kansas City gedacht, und das ist weit weg. Niemand wird je davon erfahren!
Ein Skandal, in den ihn eine heiratswütige Frau hineinmanövriert hat, ist der einzige Grund, warum Deputy Joel Puckett seine texanische Heimat verlassen hat. Pine Gap ist die letzte Chance, die sich ihm bietet, um seinen Beruf auszuüben. Aber ein geheimnisvoller Brandstifter und eine maskierte Bürgerwehr verlangen ihm alles ab. Doch die Verbrecherjagd ist nichts gegen die freche, schnippische Journalistin Betsy, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgt …

„For the Record“ ist der dritte Roman der Ozark-Mountains-Reihe von Regina Jennings („Der vertauschte Bräutigam“, „At Love’s Biding“), und nachdem ich von Band 2 enttäuscht war, habe ich diesen neuen Roman wieder innerhalb von zwei Tagen verschlungen!
Wieder sind die beiden Protagnisten (Betsy und Joel) sehr gut gezeichnet, aber auch die Nebenfiguren erhalten die ihnen gebührende Aufmerksamkeit.
Betsy ist mit ihren 24 Jahren in den Augen ihrer Mitbürger eine alte Jungfer, aber sie will auch gar nicht heiraten. Die aufgeweckte, selbstbewusste junge Frau hat sich alle Männer in der Gegend angeschaut (sogar die, die drei Tagesreisen entfernt leben!), aber an keinem Gefallen gefunden. Stattdessen ist sie glücklich, ihr Leben so führen zu können, wie sie es schon seit Jahren führt: frei, ohne die Aufsicht ihrer Familie … Sie will kommen und gehen, wie es ihr gefällt. Der einzige Wermutstropfen ist, dass sie nicht genug Geld hat, um sich ein eigenes Häuschen zu finanzieren. Stattdessen lebt sie im Haus ihres Onkels und seiner großen Familie. Doch das Gute daran ist, dass ihr Onkel die örtliche Zeitung herausbringt und sie für ihn recherchieren und Artikel verfassen darf und so ihren Traum ein Stückchen näher ist: für eine große Zeitung zu schreiben. Als wieder einmal einer ihrer Artikel abgelehnt wird, kommt sie auf den Gedanken, dass sie ihre Träume vielleicht etwas korrigieren muss. Und da kommt ihr der neue Deputy Joel natürlich ganz recht. Welche Frau liest nicht gerne romantische Geschichten über einen „Dashing Deputy“ namens Eduardo Pickett, der Kinder aus Brunnen rettet und Verbrecher jagt?! Und so heftet sie sich an seine Fersen, um Inspirationen für neue Geschichten zu bekommen.
Davon ist Joel Puckett natürlich alles andere als angetan, ist der Texaner doch auf der Flucht vor einer heiratswütigen jungen Frau, die eine Intrige eingefädelt hat, um ihn vor den Traualtar zu schleppen. Da kann er eine weitere unverheiratete Frau, die ihm zu jeder Tages- und Nachtzeit über den Weg läuft, natürlich nicht gebrauchen. Vor allem nicht, weil er es mit einem unfähigen Vorgesetzten zu tun hat und auf der Jagd nach einem Brandstifter ist. Ganz zu schweigen von der örtlichen Bürgerwehr, die ihm seinen Job streitig machen will.
Natürlich sind die beiden Protagonisten gutaussehend und charakterfest und natürlich erwartet den Leser am Ende des Buches ein Happyend – aber der Weg dorthin ist mit humorvollen Szenen gespickt und mit vielen Lektionen für Betsy und Joel, dass es viel Freude macht, das Buch zu lesen. Regina Jennings ist eine ausgezeichnete Erzählerin, der es sehr anschaulich gelingt, das ländliche Missouri und das Leben der Menschen Ende des 19. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen – die Armut der Menschen genauso wie ihr Zusammenhalt; gesellschaftliche Gepflogenheiten ebenso wie ihre Wünsche und Träume.

Bei „For the Record“ handelt es sich um sogenannte „Inspirational Fiction“, d. h., der Roman ist in einem konfessionellen Verlag erschienen und vermittelt bestimmte Wertvorstellungen und christliches Gedankengut (ganz abgesehen davon, dass es hier keinen 6 gibt:-) ). Aber das Ganze durchaus sehr dezent und natürlich in die Handlung bzw. das Handeln der Protagonisten eingeflochten – sodass man sich nicht angepredigt fühlt. Die Autorin beschäftigt sich mit unterschiedlichen Themen: Folgen wir tatsächlich Gottes Führung, oder versuchen wir nur, unseren eigenen Kopf durchzusetzen (und wundern uns dann, warum der Segen [der Erfolg] ausbleibt)? Halten wir auch dann noch an ihm fest, wenn der Weg steinig wird? Wenn uns alle Türen verschlossen sind? Aber es geht auch um die Frage: Für wen und warum mache ich meinen Job? Gehe ich meinen Aufgaben nach, um bei den Menschen besser dazustehen? Um mein Ego zu streicheln? Oder weil ich den Menschen wirklich etwas Gutes tun will?

Mein Fazit: Genau der richtige Roman für einen kuschligen Nachmittag auf dem Sofa! Ein echter Schmöker!