Veröffentlicht in Sachtitel

Birgit Kelle: Dann mach doch die Bluse zu

kelle dann mach doch die bluse zuWollte ich versuchen, die Thesen und Meinungen, die Birgit Kelle in ihrem Buch „Dann mach doch die Bluse zu“ anführt, aufzulisten, würde am Ende wahrscheinlich ein ebenso dickes Buch herauskommen. Die Autorin bringt ihre Überzeugungen in den neun Kapiteln ihres Buches so „gedrängt“ zu Papier, dass es schwerfällt, sie auf den Umfang einer halbwegs vernünftigen Rezension zusammenzustreichen. Daher habe ich beschlossen, einfach nur einige ihrer Aussagen herauszupicken, die mir persönlich aus dem einen oder anderen Grund am besten in Erinnerung geblieben sind. Und vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Kelle in ihrem Buch eine Lanze für die Hausfrau bricht, die nach ihrer Aussage das Recht hat, sich ohne ein schlechtes Gewissen der Erziehung des Kindes/der Kinder zu widmen, während der Mann das Geld nach Hause bringt, sollte ich wohl vorausschicken, dass ich aus der Perspektive von jemandem schreibe, der keine Kinder hat und voll berufstätig ist. Jemand, der aus Birgit Kelles Sicht „betroffen“ ist, hätte vielleicht andere Gedanken herausgegriffen.

Aufhänger des Buches ist die #aufschrei-Debatte – die Sexismus-Debatte aus dem Frühjahr 2013, als sich auf Twitter und in den Medien Zehntausende von Frauen über die Belästigung durch Männer beklagt haben. Kelle sagt, dass aufgrund „gefühlter“ Belästigung dabei leider das Leid vieler Frauen unter den Tisch gefallen ist, die tatsächlich belästigt werden und wurden. Dass alle Männer plötzlich unter Generalverdacht standen. Und dass sich irgendwie plötzlich alle Frauen belästigt fühlten. Die Autorin sagt, dass sich das aber nicht mit den allgemeinen Erfahrungen der Frauen bzw. der Männer deckt – doch die Debatte wurde/wird so hitzig geführt, dass man es gar nicht wagt(e) zu sagen: Momentan mal, das stimmt aber nicht. Dieses Kapitel basiert auf Kelles gleichnamigem Artikel in „The European“. In ihrem Buch geht sie noch einen Schritt weiter und wirft die Frage auf, was denn wäre, wenn die Rollen umgekehrt wären. Wenn heute von Sexismus die Rede ist, gehen alle davon aus, dass es hier Frauen die Opfer sind, die von Männern unterdrückt und belästigt werden. Aber wer erwähnt denn Ärzte, die von Patientinnen angemacht werden, Professoren, bei denen die Studentinnen halb ausgezogen auftauchen, um eine misslungene Arbeit zu retten, etc.?

Von hier geht Birit Kelle zu einem weiteren für sie sehr wichtiger Punkt über: dem Feminismus. Sie vertritt die Auffassung, dass dieser durchaus sehr viel Gutes für die Frauen erreicht hat, ist aber davon überzeugt, dass die Vorreiterinnen, die (nicht nur) in unserem Land den Feminismus vorandrängen, auf der anderen Seite vom Pferd gefallen sind. Gut ist durchaus, dass sie Frauen die Möglichkeit eröffnet haben, nicht als Hausfrauen zu Hause zu sitzen, sondern auch berufstätig zu sein, politisch vertreten zu werden. Aber dennoch ist es laut Kelle so, dass viele Frauen sich in der Debatte gar nicht wiederfinden, weil sie durchaus zufrieden sind, wenn der Mann (überwiegend) das Geld nach Hause bringt und sie sich um die Kinder kümmern können. Sie fühlen sich gar nicht versklavt, wenn sie (die ersten Jahre) mit der Kindererziehung zubringen und ihr Mann sie finanziell unterstützt. Kelle führt hier ein Zitat von Simone de Beauvoir an: „Keiner Frau sollte es erlaubt sein, zu Hause zu bleiben und ihre Kinder großzuziehen. Die Gesellschaft sollte völlig anders sein. Frauen sollten diese Möglichkeit nicht haben, und zwar genau deswegen, denn hätten sie diese Möglichkeit, dann würden sie zu viele Frauen nutzen.“ Kelle ist es daher wichtig, deutlich zu machen: Es gibt nicht die Frau udn auch nicht den einen „Frauenwillen“. Und hier geht sie ganz scharf mit ihren Geschlechtsgenossinnen ins Gericht:

„Wir schlittern in eine Diktatur des Feminismus, der allen Frauen nur einen einheitlichen Weg zugesteht. Mussten wir uns früher also von Männern erklären lassen, was das Richtige für uns Frauen ist, müssen wir uns das heute von anderen Frauen gefallen lassen. Schon längst verlaufen die Fronten nicht mehr Mann gegen Frau, sondern Frau gegen Frau. Mussten wir einstmals darum kämpfen, aus dem bürgerlichen Leben ausbrechen zu dürfen, müssen wir heute darum ringen, in diesem bleiben zu dürfen. Mussten wir früher darum kämpfen, berufstätig sein zu können, müssen wir heute dafür streiten, bei unseren Kindern bleiben zu dürfen.“ (Seite 51)

Damit verwandt ist die grundsätzliche Geschlechterfrage. Kelle wendet sich in ihrem Buch gegen das Gender-Mainstreaming, mit dem man Männer und Frauen bzw. Männer- und Frauenrollen vereinheitlichen will. Kelle sagt, dass die Geschlechterunterschiede nun einmal nur zum Teil auf Erziehung zurückzuführen sind – dass die Vertreter des GM aber die Biologie gern unter den Tisch fallen lassen. Männer und Frauen sind nun einmal unterschiedlich, da kann man so viel „mainstreamen“, wie man will. Das Schlimme ist für sie, dass GM „von oben“ aufoktroiert wird und nicht aus der Gesellschaft selbst hervorwächst. Diese Theorie, so Kelle, ist im Grunde ein Diktat von oben. Sie wurde uns übergestülpt, obwohl sich gesellschaftliche Veränderungen sonst eigentlich immer in umgekehrter Richtung durchsetzen: von unten nach oben.

Die Autorin wirft denn in einem nächsten Kapitel die Frage nach der Frauenquote auf, ob wirklich deshalb bspw. so wenige Frauen in Leitungsfunktion sind, weil sie gegen die Männercliquen einfach nicht ankommen, oder ob es nicht doch auch etwas damit zu tun haben könnte, dass es auch auf den Einsatzwillen, die Talente, den Charakter, Himmel, die Interessen ankommt. Es sei, so Kelle, nicht einzusehen, warum bspw. im Maschinenbau, wo es etwa nur 10 % Frauenquote gibt, plötzlich 50 % aller Frührungspositionen von Frauen besetzt seien müssten. Würde man das durchziehen, seien ja im Grunde die Männer benachteiligt, da eine ganze Generation bestens ausgebildeter junger Männer bei der Einführung einer Quote aufgrund ihres Geschlechts den Kürzeren ziehen würden. Vielleicht gibt es ja die sogenannte gläserne Decke, die man Staat und Wirtschaft vorwirft, nicht in dem Maße, in dem sich die Befürworter der Quote dies wünschen würden, um mit ihrer Forderung durchzukommen. Ganz abgesehen davon, dass vielleicht doch nicht alle Frauen begeistert sein werden, wenn sie eine Führungsposition nur deshalb erhalten, weil das Unternehmen eine Quote erfüllen muss. Und was ist mit dem Umkehrschluss: In Kindergärten oder Grundschulen gibt es überwiegend KindergärtnerINNEN und LehrerINNEN – stellt das nicht auch eine Form der Diskriminierung dar? Eine Diskriminierung der Männer? Man könnte, so Kelle, auf die Idee kommen, auch hier eine 50%ige Männerquote zu fordern …

Ein letzter, für die Autorin sehr wichtiger Punkt sind Ehe und Familie. Sie wirft die Frage auf, ob der immer weiter gefasste Familienbegriff nicht die Institution Familie und ihren besonderen Schutz aufweicht:

„Folgt man den freien Familiendefinitionen, lässt sich übrigens in letzter Konsequenz nicht einmal die Monogamie unter Erwachsenen noch als zwingende Grundlage für eine Ehe und Familie halten. Neue Lebensgemeinschaften? Das kann alles sein. Wenn sie nicht diskriminiert werden dürfen, wenn sie der Ehe ohne Wenn und Aber gleichgestellt werden müssen, dann auch hier: ganz oder gar nicht. Wer den Familienbegriff derart freigibt und überall dort Familie erahnt, wo es sich ganz doll danach anfühlt, der kann auch Beziehungen mit mehr als zwei Erwachsenen irgendwann den Ehestatus nicht mehr vorenthalten. Denn was geht es den Staat an, ob ich einen Mann, zwei Männer oder zwei Frauen liebe und mit ihnen zusammenleben will? We are family! Wer fordert, dass wir allem mit Ehe und Familie gleichsetzen müssen, wo die Liebe eben hinfällt, der wird sich noch wundern, wo sie dann landet.“ (Seite 164)

Das Zitat, das aber bei mir den bleibendsten Eindruck hinterlassen hat, ist folgendes:

„Was für eine Gesellschaft wird das sein, in der wir alle nur noch marktoptimiert funktionieren? Wo die Zeit für die Familie zum Luxus geworden ist? Stück für Stück lagern wir bisherige familiäre Erziehung, soziales Lernen und damit eine gesellschftliche Selbstverständlichkeit in die Kindergärten und Schulen und somit an den Staat aus. Wohl wissend, dass wir ohne diese Strukturen überhaupt nicht auskommen. Denn was auf der einen Seite zusammenbricht oder absichtlich finanziell ausgehungert wird, muss an anderer Stelle mühsam und kostspielig wieder aufgebaut werden: Die Mutter soll heute nicht mehr zu Hause sein, sondern berufstätig; dafür haben wir jetzt Tagesmütter, die wir bezahlen. Die Väter fehlen zunehmend in den Familien, es gibt immer weniger männliche Vorbilder; dafür haben wir jetzt das Programm ‚Mehr Männer in Kitas‘. Die Kinder haben keine Geschwister mehr; dafür sollen sie jetzt Sozialkompetenzen in der Krippe und in Spielgruppen aller Art lernen. Familien essen immer seltener gemeinsam an einem Tisch; dafür wird das jetzt in kleinen Tischgruppen in der Ganztagsschule vollzogen. Kinder lernen nichts mehr über Lebensmittel und ihre Zubereitung oder gar gesunde Ernährung, weil zu Hause keiner mehr Zeit zum Kochen hat; dafür machen wir jetzt Ernährungs- und Kochkurse in der Schule. Die Kinder kennen immer weniger die Großfamilie; dafür bauen wir jetzt Mehrgenerationen-Häuser. Die Großeltern wohnen weit weg; dafür gibt es jetzt Leihopas und Leihomas, die man engagieren kann. Die Kinder haben zu Hause bei berufstätigen Eltern keine Vorbilder mehr; dafür gibt es jetzt Benimm-Unterricht in der Schule. Wieso unterstützten wir nicht einfach das Original, anstatt Familienersatzstücke künstlich aufzubauen?“ (Seite 178 f.)

Hier spürt man, wie sehr Birgit Kelle Familie und Kinder am Herzen liegen. Ich könnte noch unzählige Themen mehr aufgreifen: Warum Kelle in gewisser Weise dagegen ist, dass gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren. Warum ihrer Auffassung nach der Feminismus dem Kapitalismus in die Hände spielt. Warum es Zeit wird, „Nur-Mütter“ nicht nur im Bereich Betreuungsgeld, sondern auch Rente besser zu fördern. Warum wir doch wieder echte Kerle brauchen und auch wollen. Wenn ihr wissen wollt, was Birgitt Kelle dazu sagt, dann müsst ihr das Buch selbst lesen. 🙂 Ich habe es auf jeden Fall nicht bereut. Vor allem, da ich ihr den Begriff „Schweigespirale“ verdanke, den Elisabeth Noelle-Neumann wohl in den Siebzigerjahren eingeführt hat. Er beschreibt eine Erfahrung, die ich immer wieder mache, von der ich aber nicht wusste, dass sie auch schon erforscht worden ist (man lernt nie aus …). Schweigespirale meint, dass Menschen ihre wahre Meinung lieber für sich behalten, wenn sie nicht der medial verbreiteten Mehrheitsmeinung entspricht. Wer meint, mit seiner Einstellung allein zu sein, hält öffentlich erst mal lieber den Mund. Und das führt bspw. dazu, dass sich zufriedene „Nur-Hausfrauen“ nicht so engagiert zu Wort melden wie Feministinnen, die für das Recht auf (frühe) Wieder-Berufstätigkeit eintreten. Danke auf jeden Fall dafür!
Ich stimme sicher nicht mit allen Punkten überein, die in „Dann mach doch die Bluse zu“ angesprochen werden. Aber die Autorin argumentiert sehr pointiert und nachvollziehbar gegen den Zeitgeist, die den Vertretern des traditionellen Rollenbilds den Mund verbieten will. Sie hat mir definitiv eine Menge Stoff zum Nachdenken mitgegeben, und so habe ich dieses Buch definitiv nicht zum letzten Mal gelesen. Beim nächsten Mal werde ich allerdings einen Stift griffbereit haben …

Kurzer Nachtrag: Ich hatte das Buch bei meinem letzten Friseurbesuch dabei (immer noch besser als „Das Goldene Blatt“ und Co. zu lesen). Interessanterweise unterhielten sich mehrer Frauen exakt darüber, dass sie lieber mehr Zeit bei ihren Kindern verbringen würden bzw. ganz Hausfrau sein würden – wenn sie die Wahl hätten (und natürlich, wenn die Familie das zusätzliche Einkommen nicht brauchte). Diese Frauen brauchen also auch ein Sprachrohr – und nicht nur die ach so emanzipierten Frauen, die in den Medien immer zu Wort kommen.

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