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Justin Cronin: Der Übergang (Passage-Trilogie #1)

Cronin Der UebergangAmy Harper Bellafonte ist gerade einmal sechs Jahre alt, als sie von ihrer überforderten alleinerziehenden Mutter – einer Prostituierten – in einem Nonnenkloster zurückgelassen wird. Schon bald darauf wird Amy jedoch von dem FBI-Agenten Brad Wolgast und seinem Kollegen Doyle entführt, die sie zu einer abgeschiedenen militärischen Forschungseinrichtung in Colorado bringen. Hier soll Amy, die besondere Fähigkeiten zu besitzen scheint, an einer streng geheimen medizinischen Versuchsreihe teilnehmen, die nichts Geringeres zum Ziel hat, als die Menschen mithilfe eines mysteriösen Virus unsterblich zu machen. Doch dann gerät das Experiment außer Kontrolle, und in rasender Geschwindigkeit breitet sich eine Welle der Zerstörung und Gewalt über den amerikanischen Kontinent aus, die die gesamte Menschheit zu vernichten droht.
Von schweren Gewissensbissen geplagt, das wehrlose Mädchen einem grausamen Menschenversuch ausgeliefert zu haben, gelingt es Wolgast, Amy in letzter Sekunde zu befreien und mit ihr in die Wälder zu fliehen. Doch als Wolgast als Folge einer Strahlenerkankung stirbt, verliert sich Amys Spur in den Wirren der Apokalypse um sie herum.
Erst später, viele Jahrzehnte später, taucht Amy wieder auf. Sie steht eines Tages vor den hermetisch abgeschirmten Toren einer Kolonie weniger Überlebender des fatalen Desasters. Die Kolonisten begegnen ihr, der geheimnisvollen Fremden, die erst etwa fünfzehn Jahre zu sein scheint, mit Misstrauen. Bis eine Handvoll von ihnen begreift, dass Amy vielleicht die Einzige ist, die die Menschheit noch retten kann.

Justin Cronin ist ein amerikanischer Autor, der für seine bisherigen vier Romane schon einige Auszeichnungen eingeheimst hat. Und vor dem Hintergrund von „Der Übergang“ muss ich sagen: Nicht zu unrecht. Ich habe dieses Buch bereits zum zweiten Mal gelesen und es hat sich nichts an meiner Begeisterung geändert.
Das Buch selbst besteht aus zwei großen Teilen. Im ersten Teil, der ca. 1/3 des Buches ausmacht, werden die Ereignisse vor der Katastrophe bzw. ganz zu Beginn des Ausbruchs erzählt. Der zweite Teil setzt 92 Jahre nach den Ereignissen ein und schildert das Leben einer kleinen Kolonie von Überlebenden, die seit Jahrzehnten in einem abgeschirmten Bereich in Kalifornien leben und zu ahnen beginnen, dass ihre Schutzmaßnahmen kurz davor stehen zu versagen. Darüber hinaus gibt es über das Buch verteilt elf kleinere Teile, die sich an der Struktur der Handlung bzw. der Ereignisse orientieren. Und um dem Ganzen noch den Anschein von Authentizität zu verleihen, ist das Buch mit einer Reihe von E-Mails, Tagebucheintragungen, Zeitungsberichten etc. gespickt, von denen ein Teil im Zentrum zur Erforschung menschlicher Kulturen und Konflikte an der Universität von New South Wales, in der Indo-Australischen Republik, im Jahr 1003 nach dem Virus vorliegen.

Der Ausgangspunkt der Geschichte ist nichts Neues und wurde schon in zahllosen Filmen und Büchern thematisiert: Im bolivianischen Urwald wird ein Forscher mit einem mysteriösen Fledermausvirus infiziert (Patient Zero), und aufgrund bestimmter Entwicklungen kommt das amerikanische Militär auf die Idee, einen Supersoldaten zu „züchten“, der nicht nur über besondere Kräfte verfügt, sondern auch über lange Lebensdauer bzw. gute Selbstheilungskräfte. Und weil man so etwas natürlich nicht an „guten“, „brauchbaren“ Menschen testet, bedient sich das Militär zwölf zum Tode Verurteilten (von denen aber einer – Carter – unschuldig ist), die sich daraufhin in haarlose, bluttrinkende, ausgesprochen agile nachtaktive Lebewesen verwandeln. Und mehr oder weniger die Fähigkeit besitzen, willensschwache Menschen telepathisch zu beeinflussen. Amy, die weibliche Hauptfigur, wird ausgewählt, da sie Halbwaise ist, ihre Mutter wegen Mordes gesucht wird und ihr Gehirn als Sechsjährige noch nicht voll entwickelt – oder um es ganz deutlich zu sagen: Niemand wird dieses Mädchen vermissen. Sie bekommt eine finale Version des Virus, allerdings zeigt sie außer einem Fieber und einer gewissen Widerstandskraft gegen Erkrankungen bzw. guter Selbstheilungskräfte keine Nebenwirkungen. All das ist im Grunde nichts Neues, aber so gut geschrieben, dass man zum Beispiel die gleiche Art von ängstlicher Bedrückung empfindet wie die Soldaten der Einrichtung, die so manche einsame Stunde über die Versuchspersonen wachen müssen.
Und dann geht es im zweiten Teil, der ein knappes Jahrhundert später spielt, weiter: Hier ist die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung ein ständiger Begleiter: Man begegnet einer kleinen Gruppe von Überlebenden – den Nachkommen der Kinder, die beim Ausbruch des Virus an die Westküste geschickt wurden, die damals vermeintlich sicher war. Sie leben in einer von hohen Mauern und Flutlichtern umgebenen Kolonie, beginnen aber langsam zu ahnen, dass ihre Schutzmaßnahmen nicht ewig halten werden. Auch gibt es immer weniger von ihnen, denn die Nacht wiederum ist fest in der Hand der sogenannten Virals, den von Zero und den Zwölfen Infizierten. Diese haben sich über die kompletten USA – und, so nehmen sie an, die ganze Welt – ausgebreitet und jagen die letzten Menschen und Tiere.
Die Welt in diesem Teil des Buches wird so exzellent vom Autor beschrieben, dass man sich einen Staat nach der Apokalypse wirklich vorstellen kann: was mit Städten wie Las Vegas oder der Technologie geschieht, nachdem die Natur hundert Jahre sich selbst überlassen war. Der Verfall der Kultur, das Vergessen der (eigenen) Geschichte, wenn es nur noch ums Überleben geht. Oder die Verzweiflung der Menschen, die sich vor der Dunkelheit fürchten, da sie dort der Tod erwartet. Die Hoffnungslosigkeit, wenn man weiß, dass es auf der einen Seite nur noch eine Handvoll Menschen, auf der anderen aber Millionen von Virals gibt. Den Verfall der menschlichen Moral, wenn man auch bereit ist, sich mit dem Feind zu verbünden, um das eigene Überleben zu sichern.
Auch die einzelnen Charaktere selbst sind exzellent beschrieben und so facettenreich, dass der Leser wirklich glaubwürdigen Figuren begegnet. Dabei verzichtet der Autor auf simple Schwarz-Weiß-Zeichnungen, sondern erschafft handelnde Figuren mit allen ihren Stärken, aber auch Schwächen. Es gäbe noch viel mehr zu den Ideen des Autors zu sagen, aber ich fürchte, dann würde ich unnötig spoilern.

Mein Fazit: der im wahrsten Sinne des Wortes gut 1.000 Seiten starke Eröffnungsband einer Trilogie, den man vielleicht nicht unbedingt abends vor dem Einschlafen lesen sollte, von dem aber keine einzige Seite überflüssig ist. Macht definitiv Lust auf die Fortsetzung („Die Zwölf“)!

PS: 2010 haben FOX und Ridley Scotts Filmgesellschaft die Rechte an der Verfilmung des Stoffes erworben. Auf IMDB gibt es bereits eine umfangreiche Darstellerliste und den Hinweis, dass die Verfilmung als TV-Serie ab 2018 zu sehen sein wird. Zum Beispiel wird FBI-Agent Brad Wolgast, der Amy entführt und zur Forschungseinrichtung bringt bzw. sie später daraus rettet, von Mark-Paul Gosselaar (Franklin & Bash; Pitch) dargestellt; Peter, neben Amy die Hauptfigur des Buches, wird von B. J. Britt (Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D., UnREAL) gespielt.

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Pierce Brown: Tag der Entscheidung (Red Rising #3)

brown-red-rising3Mutig bis zuletzt hat der ehemalige Minenarbeiter Darrow gekämpft, um die verhasste Oberschicht, die Goldenen, zu stürzen. Aber dann wird er heimtückisch verraten, und nun scheint alles verloren zu sein: Fern aller Menschen, die er einst liebte, ist er gefangen. An einem grauenvollen, unmenschlichen Ort.
Und doch ist Darrow die einzige Hoffnung der Menschheit. Nur er kann eine neue, eine gerechtere Zeit einläuten und alle einen: die mutlose Unterschicht, die verhassten Goldenen und seine ehemaligen Freunde, die er schon einmal im Stich gelassen hat …

„Tag der Entscheidung“ ist der Abschlussband der „Red Rising“-Trilogie des Amerikaners Pierce Brown – und wieder ein Buch mit einem enormen Spannungsbogen. Auch in erzählerischer Hinsicht ist der Roman ein wahres Vergnügen – eine wahres Feuerwerk an Ideen und Verwicklungen. Gerade kurz vor Ende gab es noch einmal eine Entwicklung, die ich nicht kommen sah und die mir nur ein WTF entlockte!

Als die Geschichte beginnt, ist Protagonist und Ich-Erzähler Darrow wieder ganz unten angekommen. Verbündete haben sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere gegen ihn gewandt. Gerade als Nero au Augustus ihn als Sohn und Erben einsetzen will, zeigen vermeintliche Freunde und Verbündete ihr wahres Gesicht, ermorden viele von denen, die am seiner Seite für die Eroberung des Mars gekämpft haben, und nehmen ihn gefangen. Neun Monate lang wird Darrow gefoltert und auf schreckliche Weise eingekerkert, doch als sein „Kerkermeister“ (no Spoilers 🙂 ) ihn an die Octavia au Lune übergeben will, gelingt es dem Söhnen des Ares ihm zu befreien.
Doch Darrow muss erkennen, dass sich während seiner Gefangenschaft vieles verändert hat. Die Aufständischen, die mittlerweile von Sevro angeführt werden, stehen mit dem Rücken zur Wand. Ihre Kämpfer, die den unterschiedlichsten Farben angehören, werden von den vereinten gegnerischen Truppen zurückgedrängt und dezimiert. Aber vor allem erkennt Darrow, dass er selbst sich verändert hat bzw. ändern muss. Er trifft auch hier noch schnelle Entscheidungen, doch zunehmend weiß er auch den Rat seiner Verbündeten zu schätzen. Er hat erkannt, dass er zum Teil selbst die Schuld daran trägt, dass sich einige ehemalige Freunde gegen ihn gewandt haben.
„Tag der Entscheidung“ gibt stärker als seine Vorgänger in das Handeln und Denken sowie die Entwicklung auch anderer Personen – natürlich nur in dem begrenzten Maß, wie dies bei einem Roman möglich ist, der aus der Ich-Perspektive erzählt wird: u. a. Sevro, der die Rebellion nach Darrows vermeintlichem Tod weitertreibt und unter einem enormen Druck steht – was wird er tun, wenn Darrow zurückkehrt? Wird er die Führungsrolle abgeben und akzeptieren, dass Darrow eine ganz andere Vorgehensweise hat? Wird es Ragnar gelingen, seine Schwester Sefi und vor allem seine Mutter auf seine Seite zu ziehen – und diese dazu bringen, sich gegen die Goldenen Götter zu wenden? Was treibt die ehemaligen Freunde von Darrow an, die sich gegen ihn gewendet haben? Werden sie für den Verrat mit ihrem Leben bezahlen oder wird es am Ende doch eine Versöhnung geben?
Gerade die Beschäftigung mit diesen und ähnlichen Fragen macht eine der Stärken des Buches aus. Die Figuren sind nicht (länger) schwarz-weiß; es gibt viele Grautöne, Widersprüche, innere Auseinandersetzungen, Kompromisse, wodurch die Figuren sehr authentisch wirken. Allen voran natürlich Darrow, der spätestens jetzt länger von Rache, sondern von Gerechtigkeit getrieben wird und immer wieder bereit ist, alten Freunden noch eine zweite Chance zu geben. Oder die Augen zuzudrücken, wenn er oder einer seiner Verbündeten Gewaltakte begeht oder begehen muss, die seinen moralischen Überzeugungen eigentlich widersprechen.

Mit „Tag der Entscheidung“ findet die Geschichte um Darrow und den Aufstand der Roten bzw. der Gegner von Octavia au Lune einen glaubwürdigen Abschluss; alle Fäden werden glaubwürdig zusammengeführt.

Mein Fazit: „Red Rising“ ist eine in vieler Hinsicht qualitativ hochwertige Trilogie, deren Verfilmung ich nur zu gern anschauen würde! Die gute Nachricht ist, dass im Januar 2018 Band 1 einer neuen Trilogie erscheint: Iron Gold. Autor Pierce Brown hat in einem Interview verraten, dass die Handlung dieser neuen Trilogie etwa zehn Jahre nach den Ereignissen von „Red Rising“ spielt und von neuen und alten Herausforderungen erzählt, denen die Solar Republic unter der Regentschaft von Darrow und Musting gegenübersteht.

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Pierce Brown: Im Haus der Feinde (Red Rising #2)

Red RisingImmer war Darrow stolz darauf, als Minenarbeiter auf dem Mars den Planeten zu erschließen. Bis er herausfand, dass die Oberschicht, die Goldenen, längst in Saus und Braus leben und alle anderen ausbeuten. Unter Lebensgefahr schloss er sich dem Widerstand der Söhne des Ares an und ließ sich selbst in einen Goldenen verwandeln.
Seit zwei Jahren lebt er nun mitten unter seinen Feinden und versucht, die ungerechte Gesellschaft von innen heraus zu stürzen. Doch womit Darrow nicht gerechnet hat: Auch unter den Goldenen findet er Freundschaft, Respekt und sogar Liebe. Zumindest so lange ihn niemand verrät. Und der Verrat lauert überall.

„Im Haus der Feinde“ ist Band 2 der „Red Rising“-Trilogie des Amerikaners Pierce Brown und wieder einmal ein echter Pageturner. Die Geschwindigkeit, mit der Darrow gegen politische Verschwörer kämpft bzw. für seine Sache – sie steht ab einem bestimmten Punkt der Geschichte Band 1 in nichts nach. Im Gegenteil: Der Autor bleibt dem Rezept von „Red Rising“ treu: Es gibt eine Menge Kämpfe auf Leben und Tod, atemberaubende Brutalität und Rücksichtslosigkeit und eine derart derbe Sprache, die in YA-Romanen eher unüblich ist. Die Geschichte ist derart actionreich, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte, da es nur wenige Zeitpunkte gibt, an denen der Protagonist (und damit auch der Leser) einmal kurz durchatmen kann. Doch beschränkte sich die Geschichte des ersten Bandes noch auf das Überleben am Institut, geht es nun auf die nächste Ebene: die Weltengesellschaft und unser Sonnensystem.

Die Geschichte erinnert stärker als der Vorgänger an „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert: Familienclans werden vom regierenden Oberhaupt der Weltengesellschaft – derzeit Octavia au Lune – mit der Herrschaft über einen Planeten und der Ausbeutung seiner Ressourcen beauftragt und müssen dafür sorgen, dass „das Spice fließt“ – oder im Fall von Mars: dass das Helium-3 fließt, auf das die Weltengemeinschaft angewiesen ist.

Während auch im Vorgängerband die SciFi-Elemente relativ dezent einflossen, nehmen sie nun in „Im Haus der Feinde“ eine größere Rolle ein. Es kommt wiederholt zu großen Weltraumschlachten, in deren Rahmen dann die unterschiedlichsten Raumschiffe beschrieben werden. Ganz abgesehen von SciFi-Waffen, die auch hier verstärkt erwähnt bzw. eingesetzt werden. Es ist die Rede von Starshells, Storks, Ripwings, Leechcrafts, Wasps, Speederbikes, Spiders, Hoverskiffs, Railguns, Lurchers und vielen mehr – und da diese Begriffe höchstens bei ihrer ersten Erwähnung in einem (Neben-)Satz erklärt werden, hätte ich mir gewünscht, dass es im Anhang oder in der Klappe des Buches ein kleines Verzeichnis all dieser Begriffe und Kategorien gibt, mit man kurz nachschlagen kann, ob man es gerade mit einem Angriff durch einen kleinen Raumschiffjäger zu tun hat oder einem der gigantischen Ganzkörperschutzanzüge.

Ähnliches gilt übrigens auch für die Personenliste. Da der Fundus an handelnden Personen mittlerweile sehr umfangreich ist, geht dem Roman ein kurzes Verzeichnis voraus, in dem die zentralen Figuren kurz erläutert werden (z. B. Adrius au Augustus/Schakal: Sohn des Erzgouverneurs, Erbe des Hauses Augustus, Zwillingsbruder von Virginia). Dies ist durchaus recht hilfreich – aber da die Anzahl der Figuren in diesem zweiten Band schier explodiert, weil neben all den Goldenen auch zahllose Blaue, Graue, Obsidiane etc. eine zentrale Rolle spielen, hätte ich mir ein umfangreicheres Verzeichnis gewünscht. Das wäre gerade vor dem Hintergrund relevant/hilfreich gewesen, da die Loyalitäten teilweise innerhalb eines Familienclans variieren.

Im Gegensatz zum ersten Buch brauchte ich bei „Im Haus der Feinde“ ein paar Kapitel, um in die Handlung hineinzufinden bzw. mich von dieser packen zu lassen. Der Grund ist vermutlich sehr einfach: Band 1 endet mit einem Sieg des Über-Menschen Darrow. Er hat die Regeln gesprengt, hat sich von seiner Rache antreiben lassen und das „Spiel“ gewonnen: Er hat auf dem Institut gegen die unterschiedlichen Häuser gekämpft, hat einige besiegt, andere als Verbündete gewonnen – aber vor allem hat er die Protektoren, die das „Spiel“ geleitet und manipuliert haben, mit brutaler Gewalt ausgeschaltet. Doch in „Im Haus der Feinde“ stolpert Darrow zunächst von einer Niederlage zur nächsten – das machte mir es etwas schwer, mich mit ihm zu identifizieren oder zumindest mit ihm zu sympathisieren.
Nun ist er Lanzenreiter von Nero au Augustus – dem Erzgouverneur von Mars, der das „Spiel“ zugunsten seines eigenen Sohnen manipuliert hat und die Schuld am Tod von Eo trägt, Darrows Frau. Doch Darrow muss feststellen, dass das Leben auf der Akademie, wo er sich das Zeug verdient, ein Flottenkapitän des Hauses Augustus zu werden, mehr von ihm verlangt, als zu kämpfen. Auch hier ist das „Spiel“ manipuliert, auch hier gibt es mächtige Kräfte, die gegen ihn arbeiten und alles dafür tun, dass er scheitert und damit auch sein Haus. Und dieses Mal unterliegt der Protagonist. Darrow macht auf diese Weise noch stärker als in „Red Rising“ die Bekanntschaft von politischen Verschwörungen, ein Terrain, auf dem er sich (zunächst) nicht zu Hause fühlt. Er muss lernen, sich nicht nur auf seine körperliche Überlegenheit zu verlassen, sondern sich auch mit unterschiedlichsten Personen und Familien zu verbünden. Während es in „Red Rising“ darum ging, im Rahmen des Spiels auf dem Mars die Mitglieder anderer Häuser nicht als Sklaven, sondern als Verbündete auf seine Seite zu ziehen, geht es in „Im Haus der Feinde“ nun stärker darum, die Mitglieder anderer Farben aus ihrer kulturellen Sklaverei zu befreien und zu loyalen Verbündeten zu machen, die aus eigener Entscheidung für ihn kämpfen. Während in „Red Rising“ primär Rache der treibende Motor für Darrows Handeln war, ist es in „Im Haus der Feinde“ zunehmend der Kampf für die Gerechtigkeit.
Einige seiner Pläne werden aufgehen, andere scheitern, weil sowohl Darrow als auch der Leser sich nie sicher sein kann, ob nicht ein Verbündeter ein doppeltes Spiel spielt. Und da auch die Pläne seiner Gegner ebenfalls das eine oder andere Mal scheitern, bleibt es bis zuletzt spannend, wer den Sieg davontragen wird. Denn nicht alle sind auf seiner Seite, als sie seine wahre Identität erkennen – und dass er ihre liebgewordene gesellschaftliche Position aufweichen will.
Der Leser nimmt in diesem Kontext auch gemeinsam mit Darrow Abschied von alten Freunden – niemand ist vor dem literarischen Tod gefeit. Und auch hier ist nicht jede Figur, die das Buch als Verbündeter und Freund beginnt, bis zum Ende auf Darrows Seite. Ich als Leserin war vermutlich am Ende genauso schockiert wie Darrow, als … Ach nein, Spoiler. 🙂

Mein Fazit: Mir bleibt die Luft weg. Ich muss das Ende der Geschichte erfahren! Gott sei Dank habe ich mit dem Lesen der Serie gewartet, bis alle Bände lieferbar waren …

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Pierce Brown: Red Rising (Red Rising #1)

Red Rising 1Darrows Welt ist brutal und dunkel. Wie alle Roten schuftet er in den Minen des Mars, um ein Leben auf der Oberfläche des Planeten möglich zu machen.
Doch dann wird seine große Liebe getötet, und Darrow erfährt ein schreckliches Geheimnis: Der Mars ist längst erschlossen, und die Oberschicht, die Goldenen, leben in dekadentem Luxus.
Darrow schließt sich dem Widerstand an – den Söhnen des Ares -, die ihn in einem monatelangen schmerzhaften Prozess in einen Goldenen verwandeln. Schließlich gelingt es ihm sogar, sich dank einer neuen Identität Zutritt zu einem sagenumwobenen Institut zu verschaffen, in dem die Elite der mächtigen Familien herangezogen wird. Er will einer von ihnen werden – um sie dann zu stürzen …

„Red Rising“ ist der Auftaktband zur gleichnamigen Dystopie des Amerikaners Pierce Brown und im Grunde eine Hardcore-Version von Büchern wie „Harry Potter“, „Die Tribute von Panem“, „Der Herr der Fliegen“ oder „Battle Royale“. Der Autor erfindet also das Rad nicht neu, aber er schildert eine sehr unterhaltsame Geschichte. Eine Geschichte, die definitiv nichts für zarte Gemüter ist!

Ausgangspunkt ist sicher ein Gedanke, der eingangs auch von Erzgouverneur Nero au Augustus – Darrows Erzfeind – in Worte gefasst wird: dass die Geschichte jeder Gesellschaft in drei Stadien verläuft: Zu Anfang herrscht ein unziviliserter Zustand, dann kommen Aufstieg und Niedergang durch Verweichlichung. Diese Erfahrung mussten in der Geschichte der Menschheit schon viele Kulturen machen – und wenn ich raten dürfte, würde ich sagen, dass auch Augustus‘ Herrschaft diesen Weg gehen wird.

Rein äußerlich beinhaltet die Buchausgabe zwei Aspekte, die ich gewöhnlich nicht mag: 1. Der Text ist in einer serifenlosen Schrift abgedruckt, was ich normalerweise nicht so angenehm zu lesen finde. 2. Die Geschichte wird Präsens erzählt. Aber vermutlich ist es gerade dieser Aspekt, durch den die Story zusätzlich an Fahrt gewinnt. Denn die Geschichte legt von Beginn an ein enormes Tempo vor. Einige Rezensenten  berichten davon, dass sie eine Weile gebraucht haben, um in die Handlung bzw. die beschriebene Welt hineinzufinden. Mir ging es nicht so; von Anfang an konnte ich die unterirdische Welt der Roten vor mir sehen. Tiefe, kilometerlange Minenschächte, in denen die Roten unter Einsatz ihres Lebens das wertvolle Helium-3 fördern, von dem sie glauben, dass man es für das Terraforming des Planeten Mars benötigt, damit die Menschheit dort Zuflucht suchen und finden kann.

Protagonist und Ich-Erzähler ist der 16-jährige Darrow, der als Höllentaucher in den Minen arbeitet und damit den gefährlichsten Job der Bergarbeiter hat. Seit einigen Monaten ist er mit der gleichaltrigen Eo verheiratet, die im Gegensatz zu ihm das Schicksalm der Roten nicht so … romantisch sieht. Während Darrow der Propaganda glaubt, dass die Arbeit der Roten ehrenvoll wichtig ist, dass er und seine Kollegen die Vorhut sind, damit die Menschheit einmal die Planten Erde und Mond hinter sich zu lassen kann, und während er glaubt, dass dieses Schicksal gewissermaßen eine Ehre ist, gibt ihm Eo immer wieder zu verstehen, dass sie eigentlich nicht mehr sind als Sklaven. Sie träumt davon, in einer freien und gerechten Gesellschaft zu leben. Doch Darrow will davon nichts wissen.
Doch dann wird er ein Opfer des Systems – das übliche literarische Mittel, um aus einer Figur dazu zu motiveren, sich gegen das System zu wenden und zum Helden zu werden – und findet sich in einer Verschwörung wieder. Die „Söhne des Ares“ holen ihn aus seiner Unterwelt heraus und zeigen ihm die Wahrheit: Schon seit langer, langer Zeit ist der Mars erschlossen und wird von den Goldenen beherrscht, die alle andere Farben unterworfen haben. Und endlich wacht Darrow auf und ist bereit, sich gegen das System zur Wehr zu setzen. Mithilfe von vielen medizinischen Eingriffen macht man ihn zu einem Goldenen und man trainiert seine geistigen Fähigkeiten; er erhält eine (fiktive) Familiengeschichte und besteht schließlich die Aufnahmeprüfung für das Institut, eine Einrichtung, in der die Elite der Weltengemeinschaft geformt wird.
Nach einer ersten Prüfung werden die Studenten für eines der zwölf Häuser ausgewählt und müssen gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern ihres Hauses die übrigen besiegen. Darrow wird aufgrund seiner Fähigkeiten und Eigenschaften dem Haus Mars zugeordnet.
Und er muss erkennen, dass er – und die anderen Auserwählten Schüler – nur unzureichend auf das vorbereitet sind, was sie nun erwartet: Er weiß zwar, wie man sich durchschlägt, und hat eine Ahnung davon, wie man kämpft, aber er muss erst lernen, wie man führt: wie man Menschen auf seine Seite zieht, die nicht zur eigenen Familie bzw. dem eigenen Clan gehören und deren Loyalität man erst erlangen muss. Wie man Menschen motiviert, in den Kampf zu ziehen, die eigene Beweggründe antreiben – die Alphamenschen ebenso wie die vermeintlich Schwachen. Wie man verschlagen kämpft und die Regeln bricht, wie man Dinge tut, die noch nie jemand getan hat, weil die Gesetze von der eigenen Kultur vorgegeben werden. „Der Wert eines Menschen misst sich daran, was er tut, wenn er Macht hat“, sagt Darrow an einer Stelle. Und das ist auch die Erfahrung, die er machen muss. Doch trotz alledem übernimmt Darrow die Schwarz-Weiß-Denke seiner Leidensgenossen nicht. So manches Mal stößt ihn das Handeln seiner Verbündeten ab, und doch ist er sich bewusst, dass man die Gesetze brechen und eigene Grundsätze über Bord werfen muss, um das eigene Ziel zu erreichen. Er ist kein strahlender Held, der bis zum Ende an seinen moralischen Überzeugungen festhält.
Das Schöne und Gute dabei ist, dass er ab einem bestimmten Punkt auch bereit ist, Ratschlägen seiner Verbündeten Gehör zu schenken, bevor er als Anführer eine Entscheidung trifft. Die Interaktion mit seinen Freunden/Verbündeten/Kommilitonen führt dazu, dass er sich als Held weiterentwickelt.
Daber verbündet er sich schon sehr früh mit einer der interessantesten Figuren des Romans: Sevro, der Wolf, der von allen missachtet wird, weil er so gar nicht dem Bild des großgewachsenen, schönen Goldenen entspricht, sondern von Beginn an als Außenseiter kämpft. Ich hoffe sehr, dass er in den Folgebänden wieder auftauchen wird, denn ich könnte mir vorstellen, dass er als Außenseiter der geeignete Verbündeten eines Helden ist, der das System stürzen will.
Im Verlauf der kämpferischen Auseinandersetzungen um Lebensmittel, Waffen und Macht werden aus Feinden Freunde, aus Freunden Feinde – und zu kaum einer Zeit kann man einander wirklich vertrauen. Niemand ist hier wirklich sicher. Vor allem nicht, weil das Spiel manipuliert wird.

Als Leser von „Die Tribute von Panem“ und „Battle Royale“ ist man einiges an Gewalt gewöhnt, aber das, was Brown hier abliefert, setzt dem Ganzen die Krone auf. Viele Studierende verlieren hier ihr Leben. Sie hungern, werden missbraucht und misshandelt, werden verletzt und ermordet … Es fällt schwer zu glauben, dass man es hier mit jungen Menschen zu tun hat, die vermutlich alle zwischen 16 und 20 Jahre alt sind.

Großartig hat mir gefallen, dass Pierce Brown griechische und römische Mythologie in seinen Science-Fiction-Roman einfließen lässt: Die Häuser tragen die Namen der römischen Götter: Jupiter, Minerva, Mars, Venus, Apollo, Diana, Merkur, Ceres, Juno, Neptun, Vesta und Vulcanus. Viele der handelnden Figuren wie z. B. Cassius, Julian, Nexus, Titus oder Pax tragen ebenfalls römische bzw. Namen italienischer Abstammung. Andere Begriffe oder Namen entstammen der griechischen Kultur: Priamos, Ares, die Einteilung in Farben ist angelehnt an Platos Politeia (Der Staat).

Gut gefallen hat mir ebenfalls, dass uns der Autor mit dem obligatorischen Liebesdreieck verschont. Es zeichnet sich zwar eine Liebesgeschichte ab, aber ob daraus mehr wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen.

Zwei Mankos hat das Buch allerdings: Die Geschichte spielt zwar auf einem (terrageformten) Mars, aber die Welt der grasbewachsenen Ebenen, der Wälder mit Wolfen und Bären, der kargen Felsen und Berge, der Sommermonate und Winterkälte könnte sich genau so gut auf der Erde befinden. In den Bereich der SciFi gehören eher einige der Waffen sowie Gravstiefel (die das Fliegen ermöglichen), Schutzschilde oder ein schwebender Olympus, auf dem sich die Vorsteher der Häuser befinden.

Universal Pictures hat sich bereits die Rechte an der Trilogie gesichert; der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster (u. a. Monster’s Ball, Wenn Träume fliegen lernen, Der Drachenläufer, Ein Quantum Trost) soll Regie führen.

Mein Fazit: Lesen! Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen. Und jetzt ziehe ich los und hole mir gleich den nächsten Band der Reihe!

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Tahereh Mafi: Zerstöre mich

In „Ich fürchte mich nicht“ ist Juliette die Flucht aus den Fängen des Reestablishments gelungen – indem sie dessen Anführer Warner eine Kugel in die Schulter jagte. Sie glaubte ihn tot zurückzulassen, doch Warner ist nur schwer verletzt. Und nimmt den Leser in „Zerstöre mich“ mit auf eine faszinierende Reise.
Denn Warner scheint hassenswert – grausam, gefühlskalt, berechnend – und ist doch voller innerer Zweifel, hin- und hergerissen zwischen seiner Erziehung durch seinen grausamen Vater und seiner Liebe zu Juliette, die er unbedingt wiedersehen muss – auch wenn sie ihn offensichtlich verabscheut. Und so kämpft der noch geschwächte Warner zum einen darum, die Disziplin auf der Militärbasis aufrecht zu erhalten, während er andererseits mit aller Macht darauf hinarbeitet, Juliette wieder in seine Gewalt zu bringen. Bis sein Vater, Oberbefehlshaber des Reestablishments, in Warners Basis auftaucht. Und als Warner dessen Pläne für Juliette erfährt, wird ihm klar, dass er sich endgültig entscheiden muss …

Die dystopische Trilogie von Tahereh Mafi war im Herbst 2015 für mich ein großes Lese-Highlight – und Liebe auf den ersten Blick. Meine Rezensionen dazu findet ihr hier: Ich fürchte mich nicht (Band 1), Rette mich vor dir (Band 2) und Ich brenne für dich (Band 3). Da Warner darin einen sehr interessanten Protagonisten abgab, war es keine Frage, dass ich auch die Kurzgeschichte „Zerstöre mich“ lesen würde, die die Ereignisse zwischen Band 1 und 2 aus seiner Sicht schildert. Er bleibt ja in der Trilogie über weite Strecken sehr mysteriös und undurchschaubar, daher war es interessant zu sehen, was in der Interaktion mit Juliette und vor allem mit seinem Vater, dem Oberbefehlshaber, in seinem Kopf vor sich geht. Und genau das erfährt man als Leser auch in dieser etwa 80 Seiten langen Kurzgeschichte.

Dass er trotz seiner Kälte einen gewissen Sinn für Humor hat, wird schon durch den Einstieg deutlich:

Ich wurde angeschossen. Und ich muss sagen: Eine Schusswunde ist wesentlich unangenehmer, als ich vermutet hätte.

Was dann aber auffällt, ist, dass der Schreibstil der Geschichte deutlich von dem der Trilogie abweicht. Und das ergibt ja auch durchaus Sinn. Der überbordende, chaotische Stil der Trilogie  spiegelt sehr schön die Innenwelt von Juliette, der Ich-Erzählerin, wider. Als wir in die Geschichte einsteigen, hat Juliette 264 Tage Einzelhaft hinter sich, wird seit vier Jahren in Anstalten und Gefängnissen gequält, und genau so ist auch ihre Sprache: Halbsätze, Wortfetzen, Gedankensplitter, sehr reduziert. Ihre Zerrissenheit wird darüber hinaus im Roman (bzw. in der kompletten Serie) immer wieder durch durchgestrichene Sätze kenntlich gemacht. Aber je mehr Zeit sie mit Adam und den Rebellen verbringt, desto stärker verwandelt sich auch ihre Sprache und wird zunehmend „normaler“.
Bei Warner ist dies anders. Er ist aufgrund seiner Erziehung und der Umstände ein äußerst strukturiert denkender, fühlender und handelnder Charakter. Unordnung jeder Art kann er nicht ertragen; sie ist für ihn ein persönlicher Angriff auf seine Person. Und da seine Gedanken geordnet, klar strukturiert und schnörkellos sind, ist es sein Stil ebenfalls:

Mein Hirn ist ein Lagerhaus sorgsam geordneter Emotionen. Ich sehe förmlich vor mir, wie es Bilder und Gedanken aussortiert. Was mir nicht weiterhilft, wird weggepackt.

Bei Warner fällt auf, dass sein Erzählstil zunächst sehr geordnet ist, dann aber allmählich etwas unstrukturierter wird – in dem Maße, in dem er auch die Macht über seine Außen- bzw. Innenwelt ein Stückchen weit verliert:

In meinem Gesicht brechen Risse auf, pflanzen sich über die Arme fort, über den Brustkorb, die Beine.

Wichtiger ist aber sicher, dass man durch „Zerstöre mich“ mehr über die Beweggründe seines Handelns erfährt und warum er Juliette eingekerkert und beobachtet hat: Seit seiner Kindheit wird er von seinem Vater misshandelt und missbraucht (emotional und verbal). Auf Juliette wurde er durch ihre Akten aufmerksam, die ihm verrieten, dass sie eine schreckliche Kindheit und Jugend hinter sich hatte und bereits seit über 260 Tagen eingekerkert war, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren; stattdessen wirkte sie äußerlich ruhig und gelassen. Bei seinem Vater und den Männern in seinem Umfeld behauptet er jedoch, sie aufgrund ihrer besonderen Gabe als innovative Waffe nutzen zu wollen.
Doch spätestens, als er (nach ihrer Flucht) ihr Tagebuch liest, erkennt er, wie ähnlich sie einander aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen sind. Und sie hat etwas erkannt, das sonst niemand bislang erkannt hat:

Etwas in ihrem Blick gibt mir das Gefühl, wertlos zu sein – sie als Einzige scheint verstanden zu haben, dass ich innerlich komplett hohl bin. Sie hat die Risse in dem Panzer entdeckt, den ich tagtäglich tragen muss, und das lähmt mich.

Mein Fazit: Es wäre interessant gewesen, diese Geschichte vor Band 2 der Trilogie zu lesen. Aber vermutlich hätte dies ein wenig die Spannung genommen, ob Warner nun einer der Guten oder der Bösen ist. 🙂 Auf jeden Fall macht es mich erneut traurig, dass die Trilogie nach „Ich brenne für dich“ endete …

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Stanislaw Lem: Die Sterntagebücher (Hörbuch).

lem-sterntagebuecher1„Ihr wollt, daß ich wieder etwas erzähle? Ja. Ich sehe, daß Tarantoga schon nach seinem Stenogrammblock greift … Warten Sie, Professor. Ich habe wirklich nichts zu erzählen. Wie? Nein, ich scherze nicht. Schließlich könnte ich ja auch mal Lust haben, einen Abend lang in eurer Gesellschaft zu schweigen. Weshalb? Nun, weshalb wohl! Meine Lieben … ich habe nie davon gesprochen, aber der Kosmos ist vor allem von solchen Wesen bevölkert wie wir. Nicht nur, daß sie menschenähnliche Gestalt haben, sie sind uns wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Hälfte der bewohnten Planeten sind Erden, die einen etwas größer, die anderen kleiner, mit etwas kälterem oder etwas wärmerem Klima, aber was sind das schon für Unterschiede! Und ihre Bewohner … die Menschen – denn es sind schließlich Menschen – erinnern so sehr an uns, daß die Unterschiede nur die Ähnlichkeiten hervorheben. Daß ich nie darüber gesprochen habe? Wundert euch das? Überlegt doch mal.“ Aus den Erinnerungen Ijon Tichys

Als ich mir das Hörbuch „Sterntagebücher. Aus den Erinnungen Ijon Tichys“ zu Gemüte geführt habe, musste ich erst einmal erkennen, dass es sich hierbei nicht um Lems Sammlung mit den Storys „Aus den Sterntagebüchern Ijon Tichys“ handelt. Weit und breit keine Weltraumabenteuer zu Sicht. Keine exotischen Außerirdischen. Keine neuen Gesellschaftsmodelle. Kein oder nur ganz wenig von dem Humor, den man mir versprochen hatte. Stattdessen die Erkenntnis: Dieses Hörbuch enthält  ausschließlich die Zusatzgeschichten (Aus den Erinnerungen Tichys). Und diese haben es wirklich in sich!

Hier ist der große polnische SciFi-Autor Stanislaw Lem weniger humorvoll oder satirisch, sondern vielmehr (wissenschafts-)kritisch. Er geht in Form seiner Geschichten dem Gedanken nach, was geschieht, wenn man Wissenschaftsträume, SciFi-Träume Wirklichkeit werden lässt … und diese sich als Albträume entpuppen, wenn man sie vor der Durchführung nicht zu Ende gedacht hat bzw. wenn sie völlig ohne Aufsicht umgesetzt werden. Nahezu alle der sechs Geschichten haben mich traurig oder zumindest melancholisch und etwas nachdenklich zurückgelassen. Lem schildert darin Begegnungen zwischen Ijon Tichy und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen. Dadurch greift er zu seiner Zeit aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen auf und denkt diese konsequent – oder negativ – bis zum Ende durch. Wodurch sich diese auch heute noch als erstaunlich aktuell und brisant entpuppen.

Enthaltene Geschichten:

Tichy und Professor Corcoran: Tichy erhält eine Einladung von dem solipsistischen Professor Corcoran, der nur an die Existenz seines eigenen Ichs glaubt. Dazu hat er eine ganze Reihe von Elektronengehirnen erschaffen, die in großen Truhen „zu Hause“ und mit einem weiteren Rechner verbunden sind, der sie mit elektronischen Impulsen versorgt. Die Gehirne sind, so Corcoran, aber mehr als Computer. Es handelt sich um selbst-bewusste Rechenmaschinen, die glauben, dass sie ein reales Leben führen – der mit ihnen verbundene Rechner mit Datenbändern versorgt sie mit Informationen, auf die hin sie Entscheidungen fällen, Handlungen begehen, Emotionen empfinden. Corcoran hat also eine virtuelle Realität erschaffen, die die beteiligten Wesen aber als völlig real empfinden. Und seine Schlussfolgerung: Genau so läuft auch unsere Welt ab, die wir für real halten. Denn woher wissen wir, dass sie real ist und nicht nur eine geschickte Simulation? Und die einzige Rechenmaschine, die vermutet oder zu glauben weiß, dass ihre Realität nur eine Täuschung ist, gilt in ihrer „Realität“ als Wahnsinniger! „Matrix“ lässt grüßen!

Tichy und Professor Decantor: Tichy wird eines Tages von Professor Decantor aufgesucht. Dieser glaubt, eine Methode entwickelt zu haben, wie die Seele eines Menschen ewig existieren kann – wobei er unter Seele nichts Metaphysisches versteht, sondern alle Erfahrungen, Erlebnisse, Wesenszüge des Menschen. Da seine Methode mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden ist, bittet er Tichy um finanzielle Unterstützung. Was Tichy jedoch erfahren muss, schockiert ihn zutiefst: Der Augenblick, in dem die eigene Seele in einem Behältnis (das einem großen Diamant ähnelt) konserviert wird, ist auch der Augenblick des Todes. Der Betreffende verliert seine menschliche Hülle und alle Sinne zur Warnung seiner Welt. Wahrnehmungssinne – die Seele existiert blind, taub, stumm, ohne Tast- oder Geruchssin im völligen Nichts. Decantor hat zur Demonstration seiner Methode ein „Ansichtsexemplar“ mitgebracht. Doch bis zum Gespräch mit Tichy war ihm nicht wirklich in letzter Konsequenz bewusst, was er dem Menschen angetan hat, dessen Seele in dem Behältnis konserviert wurde: seine eigene Frau. Die Vorstellung, was diese in ihrem Gefängnis wohl erleidet, ist für Tichy so entsetzlich, dass er Decantor alles gibt, was er besitzt, um dann das Behältnis zu zerbrechen, sodass Decantors Frau endlich sterben kann. Hier lädt Lem zweifellos zum Nachdenken über den Tod ein und das, was vielleicht noch kommt.

Tichy und Professor Sasul: Tichy gerät beim Spazierengehen in ein starkes Unwetter und sucht Schutz in einem heruntergekommenen Anwesen. Dort lebt der alte Professor Sasul, der ihn erst nach einer langen Diskussion ins Haus lässt. Doch dann präsentiert der Eigenbrödler ihm stolz eine wissenschaftliche Errungenschaft: Es ist ihm gelungen, mithilfe künstlicher Eiweißmakromoleküle einen Menschen zu klonen, der nun in einem riesigen Aquarium in einer Spirituslösung konserviert ist. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit: Sasul hat die Natur übertroffen und ein Wesen erschaffen, dass unsterblich ist. Er hat sich selbst geklont. Und der Klon hat ihn getötet, sodass es sich bei der konservierten Leiche um den echten Sasul handelt. In dieser Geschichte geht es unschwer um das Klonen von Lebenwesen – mit allen seinen entsetzlichen Konsequenzen.

Tichys und der Physiker Molteris: Tichy wird eines Abends von einem Physiker namens Molteris aufgesucht, der behauptet, eine Zeitmaschine erfunden zu haben. Als der von ihm „Zeit-versetzte“ Gegenstand verschwindet, stellt sich heraus, dass Molteris zwar in der Lage ist, einen Gegenstand auf eine Zeitreise zu schicken, aber noch nicht, auch zu kontrollieren, ob er auch wirklich zum festgelegten Zeitpunkt ankommt. Daraufhin beschließt er, dreißig Jahre in die Zukunft zu reisen, um mithilfe neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse auch dieses Problem zu lösen. Doch Tichy wartet vergebens auf seine Rückkehr. Was die beiden nämlich nicht bedacht hatte: Ein Körper/Mensch, der in die Zukunft reist, tritt nicht aus der Zeit heraus, sondern unterliegt weiterhin ihren Bedingungen – altert also ebenfalls schneller. Woraus Tichy schließt, dass Molteris als alter Mann in der Zukunft gestrandet und wahrscheinlich verstorben ist.

Tichy und die Waschmaschinen-Tragödie: Tichy schildert den Konkurrenzkampf zwischen zwei amerikanischen Waschmaschinenherstellern, die ihren Maschinen immer mehr zusätzliche Funktionen mitgeben, die mit allem zu tun haben außer mit dem Waschen von Maschinen. Dadurch entsteht im Laufe der Zeit ein Robotergeschlecht mit Selbst-Bewusstsein – und eine Menge juristischer Probleme. Unter anderem kommt es schließlich durch einen Menschen, der selbst zum Roboter wird, zur Gründung eines Roboterstaates (eines Roboterplaneten?) im Weltall. Hier macht sich Lem – natürlich – Gedanken über die Weiterentwicklung der Roboter und mögliche negative Konsequenzen. Diese Geschichte macht nicht nur nachdenklich, sondern ist auch unglaublich witzig!

Tichy und die Anstalt des Doktor Vliperdius: Durch einen Zeitungsartikel wird Tichy auf eine Nervenheilanstalt für Roboter aufmerksam, in der einige der „gestörten“ Roboter landen, die im Zuge des Waschmaschinenherstellerkampfes entwickelt wurden. Er besucht diese – die auch von einem Roboter geführt wird – und unterhält sich mit einigen Patienten, die erstaunlich menschliche Probleme haben bzw. nicht wirklich erkennen, dass sie Maschinen sind. Und dabei trifft er eine Maschine, die das Gefühl hat, dass ihr ihr komplettes Leben vorgegaukelt wird … wodurch sich gewissermaßen der Kreis zur ersten Geschichte schließt.

Klick mich an!Noch etwas zum Hörbuch: Die Geschichten werden kongenial von Michael Schwarzmaier gelesen. Dieser hat eine wunderbare, angenehme Vorlesestimme und bemüht sich darum, den beiden unterschiedlichen Stimmen in jeder Geschichte eine eigene Farbe, eigene Charakteristika zu geben. Was aber gar nicht geht: Auf der CD-Hülle nicht anzugeben, welche Geschichten enthalten sind! Und dann noch nicht einmal ein Booklet mit diesen Informationen beizufügen! Dass ich es hier mit den Zusatzgeschichten zu tun hatte und nicht mit den Weltraumabenteuern, war noch nicht einmal dem Werbetext zu entnehmen!
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Angela Kaufman & Megan Spooner: These Broken Stars

kaufman-these-broken-starsEs ist eine Nacht wie jede andere an Bord der „Icarus“. Dann tritt die Katastrophe ein: Der Spaceliner der Luxusklasse wird aus dem Hyperraum gerissen und zerschellt auf einem unbekannten nahe gelegenen Planeten. Lilac LaRoux und Tarver Merendsen überleben den Crash. Als Einzige. Glauben sie zumindest.
Lilac ist die Tochter des reichsten Mannes des Universums. Der nur wenige Jahre ältere Tarver kommmt von ganz unten, wird von allen aber seit einem militärischen Einsatz als Held gefeiert, und das ist es auch, was ihn auf die „Icarus“ geführt hat. Junge Frauen wie Lilac und ihre Freundinnen bedeuten nur Ärger. Und doch ist sie diejenige, der er zu verdanken hat, dass er den Absturz überlebt, denn die junge Frau steckt voller Überraschungen. Zumindest versteht sie eine Menge von Technik – aber nicht vom Überleben auf einem geheimnisvollen Planeten. Einem Planeten, auf dem offenbar schon Terraforming stattgefunden hat, der aber nicht bewohnt ist. Die beiden so verschiedenen Menschen sind nun gezwungen zusammenzuarbeiten, um sich zu einer möglichen Siedlung durchzuschlagen. Ein mysteriöser Ort, zu dem Lilac regelrecht hingezogen wird – durch düstere Wälder, öde Landschaften und Berge. Gesichtslose Stimmen drohen, die junge Frau um den Verstand zu bringen, doch da sie die beiden auch immer wieder vor Gefahren warnen und einer möglichen Rettung näher bringen, beschließt Tarver, ihnen trotzdem zu folgen.
Auch weil er und Lilac sich auf ihrer beschwerlichen Reise immer näherkommen.
Schließlich erreichen die beiden einen Stütztpunkt, in dem sie der schrecklichen Wahrheit hinter dem verlassenen Planeten auf die Spur kommen.

„These Broken Stars“ ist Band 1 einer SciFi-Trilogie (mal wieder eine Trilogie …), deren einzelne Bände die Geschichte unterschiedlicher Paare folgen. In diesem Band geht es um zwei Menschen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Lilac ist die Tochter des reichsten Mannes des Universums, dem auch der Luxusliner „Icarus“ gehört. Und der Name dieser futurischen „Titanic“ deutet schon das Schicksal an, das das Raumschiff erwartet: Es wird vom Himmel fallen. Wer die griechische Mythologie kennt, ahnt dies schon, ohne den Werbetext vollständig gelesen zu haben. Allerdings zieht dieser angeblich unsinkbare Luxusliner seine Kreise nicht auf den Weltmeeren, sondern im Weltall – er reist durch den Hyperraum, wodurch er unglaubliche Entfernungen zurücklegen kann.
Lilac hat gelernt, sowohl mit dem Luxus und all den Vorteilen „zurechtzukommen“, die diese Stellung mit sich bringt, aber auch mit den negativen Seiten. Nachdem sie in ihrer Jugend einmal erlebt hat, wie ein Junge, in den sie sich verliebt hat, „verschwand“, hat sie niemanden mehr an sich herangelassen. Und begegnet auch allen Männern, die sich für sie interessieren, mit Abweisung. Auch Tarver, als dieser sich an Bord des Luxusliners mit ihr unterhalten will.
Tarver hat nur einer Heldentat die Reise auf der „Icarus“ zu verdanken und dass er in Kontakt mit Liliac kommt. Doch er kennt seinen Platz. Dass er und Lilac in einer eigenen Rettungskapsel landen, ist nur dem Zufall zu verdanken (bzw. der Fantasie der Autorinnen); die beiden könnten gesellschaftlich gar nicht weiter voneinander entfernt sein. Und als sie auf dem nahe gelegenen Planeten bruchlanden, verläuft eigentlich alles wie erwartet: Tarver besitzt aufgrund seiner militärischen Ausbildung bestimmte Überlebenstechniken und weiß, wie er sich auf unbekanntem (feindlichem?) Terrain zu verhalten hat. Lilac wünscht sich in ein weiches Bett zurück. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig, als dem jungen Mann zu folgen, der aufgrund des festzustellenden Terraformings davon überzeugt ist, dass es irgendwo eine Siedlung geben muss. Doch langsam entwickeln sich die Charaktere weiter, und spätestens als Tarver verletzt wird, zeigt sich, dass Lilac mittlerweile keine Damsel in Distress mehr ist, sondern über sich hinauswächst. Und spätestens jetzt kommen sie sich auch zwischenmenschlich näher. 😉 Aber diese Liebesgeschichte wird durchaus glaubwürdig geschildert. In „These Broken Stars“ begegnen sich eben nicht zwei Menschen aus unterschiedlichen sozialen Klassen, die sich auf den ersten Blick ineinander verlieben; dieser Prozess ist wirklich ein nachvollziehbarer, authentisch geschilderter Prozess – obwohl natürlich klar ist, dass die Protagonisten ein Liebespaar werden.
Doch in dem Roman steckt noch mehr als eine reine futuristische Liebesgeschichte über eine Damsel in Distress und ihren Helden: das Geheimnis des Planeten. Das hier nicht verraten werden soll, aber schon sehr ungewöhnlich ist.
Positiv erwähnt werden sollte auch der Erzählstil des Romans: Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Lilac und Tarver erzählt und gespickt wird das Ganze durch Ausschnitte aus einem Verhörprotokoll, das man mit Tarver nach der Rettung durchführt – und das die wahre Handlung so manches Mal wunderbar konterkariert.

Mein Fazit: Ich habe mich durchaus nicht unbedingt in den Roman verliebt, könnte aber auch nicht festmachen, woran das lag. Vielleicht aufgrund des wirklich verwirrenden Grundes dafür, warum der Planet nicht bewohnt ist (no spoilers …). Aber dennoch kann ich das Buch durchaus empfehlen.

Übrigens finden gerade Gespräche über eine Verfilmung des Buches (als TV-Serie) statt: Deadline