Veröffentlicht in Belletristik

Tahereh Mafi: Zerstöre mich

In „Ich fürchte mich nicht“ ist Juliette die Flucht aus den Fängen des Reestablishments gelungen – indem sie dessen Anführer Warner eine Kugel in die Schulter jagte. Sie glaubte ihn tot zurückzulassen, doch Warner ist nur schwer verletzt. Und nimmt den Leser in „Zerstöre mich“ mit auf eine faszinierende Reise.
Denn Warner scheint hassenswert – grausam, gefühlskalt, berechnend – und ist doch voller innerer Zweifel, hin- und hergerissen zwischen seiner Erziehung durch seinen grausamen Vater und seiner Liebe zu Juliette, die er unbedingt wiedersehen muss – auch wenn sie ihn offensichtlich verabscheut. Und so kämpft der noch geschwächte Warner zum einen darum, die Disziplin auf der Militärbasis aufrecht zu erhalten, während er andererseits mit aller Macht darauf hinarbeitet, Juliette wieder in seine Gewalt zu bringen. Bis sein Vater, Oberbefehlshaber des Reestablishments, in Warners Basis auftaucht. Und als Warner dessen Pläne für Juliette erfährt, wird ihm klar, dass er sich endgültig entscheiden muss …

Die dystopische Trilogie von Tahereh Mafi war im Herbst 2015 für mich ein großes Lese-Highlight – und Liebe auf den ersten Blick. Meine Rezensionen dazu findet ihr hier: Ich fürchte mich nicht (Band 1), Rette mich vor dir (Band 2) und Ich brenne für dich (Band 3). Da Warner darin einen sehr interessanten Protagonisten abgab, war es keine Frage, dass ich auch die Kurzgeschichte „Zerstöre mich“ lesen würde, die die Ereignisse zwischen Band 1 und 2 aus seiner Sicht schildert. Er bleibt ja in der Trilogie über weite Strecken sehr mysteriös und undurchschaubar, daher war es interessant zu sehen, was in der Interaktion mit Juliette und vor allem mit seinem Vater, dem Oberbefehlshaber, in seinem Kopf vor sich geht. Und genau das erfährt man als Leser auch in dieser etwa 80 Seiten langen Kurzgeschichte.

Dass er trotz seiner Kälte einen gewissen Sinn für Humor hat, wird schon durch den Einstieg deutlich:

Ich wurde angeschossen. Und ich muss sagen: Eine Schusswunde ist wesentlich unangenehmer, als ich vermutet hätte.

Was dann aber auffällt, ist, dass der Schreibstil der Geschichte deutlich von dem der Trilogie abweicht. Und das ergibt ja auch durchaus Sinn. Der überbordende, chaotische Stil der Trilogie  spiegelt sehr schön die Innenwelt von Juliette, der Ich-Erzählerin, wider. Als wir in die Geschichte einsteigen, hat Juliette 264 Tage Einzelhaft hinter sich, wird seit vier Jahren in Anstalten und Gefängnissen gequält, und genau so ist auch ihre Sprache: Halbsätze, Wortfetzen, Gedankensplitter, sehr reduziert. Ihre Zerrissenheit wird darüber hinaus im Roman (bzw. in der kompletten Serie) immer wieder durch durchgestrichene Sätze kenntlich gemacht. Aber je mehr Zeit sie mit Adam und den Rebellen verbringt, desto stärker verwandelt sich auch ihre Sprache und wird zunehmend „normaler“.
Bei Warner ist dies anders. Er ist aufgrund seiner Erziehung und der Umstände ein äußerst strukturiert denkender, fühlender und handelnder Charakter. Unordnung jeder Art kann er nicht ertragen; sie ist für ihn ein persönlicher Angriff auf seine Person. Und da seine Gedanken geordnet, klar strukturiert und schnörkellos sind, ist es sein Stil ebenfalls:

Mein Hirn ist ein Lagerhaus sorgsam geordneter Emotionen. Ich sehe förmlich vor mir, wie es Bilder und Gedanken aussortiert. Was mir nicht weiterhilft, wird weggepackt.

Bei Warner fällt auf, dass sein Erzählstil zunächst sehr geordnet ist, dann aber allmählich etwas unstrukturierter wird – in dem Maße, in dem er auch die Macht über seine Außen- bzw. Innenwelt ein Stückchen weit verliert:

In meinem Gesicht brechen Risse auf, pflanzen sich über die Arme fort, über den Brustkorb, die Beine.

Wichtiger ist aber sicher, dass man durch „Zerstöre mich“ mehr über die Beweggründe seines Handelns erfährt und warum er Juliette eingekerkert und beobachtet hat: Seit seiner Kindheit wird er von seinem Vater misshandelt und missbraucht (emotional und verbal). Auf Juliette wurde er durch ihre Akten aufmerksam, die ihm verrieten, dass sie eine schreckliche Kindheit und Jugend hinter sich hatte und bereits seit über 260 Tagen eingekerkert war, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren; stattdessen wirkte sie äußerlich ruhig und gelassen. Bei seinem Vater und den Männern in seinem Umfeld behauptet er jedoch, sie aufgrund ihrer besonderen Gabe als innovative Waffe nutzen zu wollen.
Doch spätestens, als er (nach ihrer Flucht) ihr Tagebuch liest, erkennt er, wie ähnlich sie einander aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen sind. Und sie hat etwas erkannt, das sonst niemand bislang erkannt hat:

Etwas in ihrem Blick gibt mir das Gefühl, wertlos zu sein – sie als Einzige scheint verstanden zu haben, dass ich innerlich komplett hohl bin. Sie hat die Risse in dem Panzer entdeckt, den ich tagtäglich tragen muss, und das lähmt mich.

Mein Fazit: Es wäre interessant gewesen, diese Geschichte vor Band 2 der Trilogie zu lesen. Aber vermutlich hätte dies ein wenig die Spannung genommen, ob Warner nun einer der Guten oder der Bösen ist. 🙂 Auf jeden Fall macht es mich erneut traurig, dass die Trilogie nach „Ich brenne für dich“ endete …

Veröffentlicht in Belletristik

Stanislaw Lem: Die Sterntagebücher (Hörbuch).

lem-sterntagebuecher1„Ihr wollt, daß ich wieder etwas erzähle? Ja. Ich sehe, daß Tarantoga schon nach seinem Stenogrammblock greift … Warten Sie, Professor. Ich habe wirklich nichts zu erzählen. Wie? Nein, ich scherze nicht. Schließlich könnte ich ja auch mal Lust haben, einen Abend lang in eurer Gesellschaft zu schweigen. Weshalb? Nun, weshalb wohl! Meine Lieben … ich habe nie davon gesprochen, aber der Kosmos ist vor allem von solchen Wesen bevölkert wie wir. Nicht nur, daß sie menschenähnliche Gestalt haben, sie sind uns wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Hälfte der bewohnten Planeten sind Erden, die einen etwas größer, die anderen kleiner, mit etwas kälterem oder etwas wärmerem Klima, aber was sind das schon für Unterschiede! Und ihre Bewohner … die Menschen – denn es sind schließlich Menschen – erinnern so sehr an uns, daß die Unterschiede nur die Ähnlichkeiten hervorheben. Daß ich nie darüber gesprochen habe? Wundert euch das? Überlegt doch mal.“ Aus den Erinnerungen Ijon Tichys

Als ich mir das Hörbuch „Sterntagebücher. Aus den Erinnungen Ijon Tichys“ zu Gemüte geführt habe, musste ich erst einmal erkennen, dass es sich hierbei nicht um Lems Sammlung mit den Storys „Aus den Sterntagebüchern Ijon Tichys“ handelt. Weit und breit keine Weltraumabenteuer zu Sicht. Keine exotischen Außerirdischen. Keine neuen Gesellschaftsmodelle. Kein oder nur ganz wenig von dem Humor, den man mir versprochen hatte. Stattdessen die Erkenntnis: Dieses Hörbuch enthält  ausschließlich die Zusatzgeschichten (Aus den Erinnerungen Tichys). Und diese haben es wirklich in sich!

Hier ist der große polnische SciFi-Autor Stanislaw Lem weniger humorvoll oder satirisch, sondern vielmehr (wissenschafts-)kritisch. Er geht in Form seiner Geschichten dem Gedanken nach, was geschieht, wenn man Wissenschaftsträume, SciFi-Träume Wirklichkeit werden lässt … und diese sich als Albträume entpuppen, wenn man sie vor der Durchführung nicht zu Ende gedacht hat bzw. wenn sie völlig ohne Aufsicht umgesetzt werden. Nahezu alle der sechs Geschichten haben mich traurig oder zumindest melancholisch und etwas nachdenklich zurückgelassen. Lem schildert darin Begegnungen zwischen Ijon Tichy und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen. Dadurch greift er zu seiner Zeit aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen auf und denkt diese konsequent – oder negativ – bis zum Ende durch. Wodurch sich diese auch heute noch als erstaunlich aktuell und brisant entpuppen.

Enthaltene Geschichten:

Tichy und Professor Corcoran: Tichy erhält eine Einladung von dem solipsistischen Professor Corcoran, der nur an die Existenz seines eigenen Ichs glaubt. Dazu hat er eine ganze Reihe von Elektronengehirnen erschaffen, die in großen Truhen „zu Hause“ und mit einem weiteren Rechner verbunden sind, der sie mit elektronischen Impulsen versorgt. Die Gehirne sind, so Corcoran, aber mehr als Computer. Es handelt sich um selbst-bewusste Rechenmaschinen, die glauben, dass sie ein reales Leben führen – der mit ihnen verbundene Rechner mit Datenbändern versorgt sie mit Informationen, auf die hin sie Entscheidungen fällen, Handlungen begehen, Emotionen empfinden. Corcoran hat also eine virtuelle Realität erschaffen, die die beteiligten Wesen aber als völlig real empfinden. Und seine Schlussfolgerung: Genau so läuft auch unsere Welt ab, die wir für real halten. Denn woher wissen wir, dass sie real ist und nicht nur eine geschickte Simulation? Und die einzige Rechenmaschine, die vermutet oder zu glauben weiß, dass ihre Realität nur eine Täuschung ist, gilt in ihrer „Realität“ als Wahnsinniger! „Matrix“ lässt grüßen!

Tichy und Professor Decantor: Tichy wird eines Tages von Professor Decantor aufgesucht. Dieser glaubt, eine Methode entwickelt zu haben, wie die Seele eines Menschen ewig existieren kann – wobei er unter Seele nichts Metaphysisches versteht, sondern alle Erfahrungen, Erlebnisse, Wesenszüge des Menschen. Da seine Methode mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden ist, bittet er Tichy um finanzielle Unterstützung. Was Tichy jedoch erfahren muss, schockiert ihn zutiefst: Der Augenblick, in dem die eigene Seele in einem Behältnis (das einem großen Diamant ähnelt) konserviert wird, ist auch der Augenblick des Todes. Der Betreffende verliert seine menschliche Hülle und alle Sinne zur Warnung seiner Welt. Wahrnehmungssinne – die Seele existiert blind, taub, stumm, ohne Tast- oder Geruchssin im völligen Nichts. Decantor hat zur Demonstration seiner Methode ein „Ansichtsexemplar“ mitgebracht. Doch bis zum Gespräch mit Tichy war ihm nicht wirklich in letzter Konsequenz bewusst, was er dem Menschen angetan hat, dessen Seele in dem Behältnis konserviert wurde: seine eigene Frau. Die Vorstellung, was diese in ihrem Gefängnis wohl erleidet, ist für Tichy so entsetzlich, dass er Decantor alles gibt, was er besitzt, um dann das Behältnis zu zerbrechen, sodass Decantors Frau endlich sterben kann. Hier lädt Lem zweifellos zum Nachdenken über den Tod ein und das, was vielleicht noch kommt.

Tichy und Professor Sasul: Tichy gerät beim Spazierengehen in ein starkes Unwetter und sucht Schutz in einem heruntergekommenen Anwesen. Dort lebt der alte Professor Sasul, der ihn erst nach einer langen Diskussion ins Haus lässt. Doch dann präsentiert der Eigenbrödler ihm stolz eine wissenschaftliche Errungenschaft: Es ist ihm gelungen, mithilfe künstlicher Eiweißmakromoleküle einen Menschen zu klonen, der nun in einem riesigen Aquarium in einer Spirituslösung konserviert ist. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit: Sasul hat die Natur übertroffen und ein Wesen erschaffen, dass unsterblich ist. Er hat sich selbst geklont. Und der Klon hat ihn getötet, sodass es sich bei der konservierten Leiche um den echten Sasul handelt. In dieser Geschichte geht es unschwer um das Klonen von Lebenwesen – mit allen seinen entsetzlichen Konsequenzen.

Tichys und der Physiker Molteris: Tichy wird eines Abends von einem Physiker namens Molteris aufgesucht, der behauptet, eine Zeitmaschine erfunden zu haben. Als der von ihm „Zeit-versetzte“ Gegenstand verschwindet, stellt sich heraus, dass Molteris zwar in der Lage ist, einen Gegenstand auf eine Zeitreise zu schicken, aber noch nicht, auch zu kontrollieren, ob er auch wirklich zum festgelegten Zeitpunkt ankommt. Daraufhin beschließt er, dreißig Jahre in die Zukunft zu reisen, um mithilfe neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse auch dieses Problem zu lösen. Doch Tichy wartet vergebens auf seine Rückkehr. Was die beiden nämlich nicht bedacht hatte: Ein Körper/Mensch, der in die Zukunft reist, tritt nicht aus der Zeit heraus, sondern unterliegt weiterhin ihren Bedingungen – altert also ebenfalls schneller. Woraus Tichy schließt, dass Molteris als alter Mann in der Zukunft gestrandet und wahrscheinlich verstorben ist.

Tichy und die Waschmaschinen-Tragödie: Tichy schildert den Konkurrenzkampf zwischen zwei amerikanischen Waschmaschinenherstellern, die ihren Maschinen immer mehr zusätzliche Funktionen mitgeben, die mit allem zu tun haben außer mit dem Waschen von Maschinen. Dadurch entsteht im Laufe der Zeit ein Robotergeschlecht mit Selbst-Bewusstsein – und eine Menge juristischer Probleme. Unter anderem kommt es schließlich durch einen Menschen, der selbst zum Roboter wird, zur Gründung eines Roboterstaates (eines Roboterplaneten?) im Weltall. Hier macht sich Lem – natürlich – Gedanken über die Weiterentwicklung der Roboter und mögliche negative Konsequenzen. Diese Geschichte macht nicht nur nachdenklich, sondern ist auch unglaublich witzig!

Tichy und die Anstalt des Doktor Vliperdius: Durch einen Zeitungsartikel wird Tichy auf eine Nervenheilanstalt für Roboter aufmerksam, in der einige der „gestörten“ Roboter landen, die im Zuge des Waschmaschinenherstellerkampfes entwickelt wurden. Er besucht diese – die auch von einem Roboter geführt wird – und unterhält sich mit einigen Patienten, die erstaunlich menschliche Probleme haben bzw. nicht wirklich erkennen, dass sie Maschinen sind. Und dabei trifft er eine Maschine, die das Gefühl hat, dass ihr ihr komplettes Leben vorgegaukelt wird … wodurch sich gewissermaßen der Kreis zur ersten Geschichte schließt.

Klick mich an!Noch etwas zum Hörbuch: Die Geschichten werden kongenial von Michael Schwarzmaier gelesen. Dieser hat eine wunderbare, angenehme Vorlesestimme und bemüht sich darum, den beiden unterschiedlichen Stimmen in jeder Geschichte eine eigene Farbe, eigene Charakteristika zu geben. Was aber gar nicht geht: Auf der CD-Hülle nicht anzugeben, welche Geschichten enthalten sind! Und dann noch nicht einmal ein Booklet mit diesen Informationen beizufügen! Dass ich es hier mit den Zusatzgeschichten zu tun hatte und nicht mit den Weltraumabenteuern, war noch nicht einmal dem Werbetext zu entnehmen!
lem-sterntagebuecher3

Veröffentlicht in Belletristik

Angela Kaufman & Megan Spooner: These Broken Stars

kaufman-these-broken-starsEs ist eine Nacht wie jede andere an Bord der „Icarus“. Dann tritt die Katastrophe ein: Der Spaceliner der Luxusklasse wird aus dem Hyperraum gerissen und zerschellt auf einem unbekannten nahe gelegenen Planeten. Lilac LaRoux und Tarver Merendsen überleben den Crash. Als Einzige. Glauben sie zumindest.
Lilac ist die Tochter des reichsten Mannes des Universums. Der nur wenige Jahre ältere Tarver kommmt von ganz unten, wird von allen aber seit einem militärischen Einsatz als Held gefeiert, und das ist es auch, was ihn auf die „Icarus“ geführt hat. Junge Frauen wie Lilac und ihre Freundinnen bedeuten nur Ärger. Und doch ist sie diejenige, der er zu verdanken hat, dass er den Absturz überlebt, denn die junge Frau steckt voller Überraschungen. Zumindest versteht sie eine Menge von Technik – aber nicht vom Überleben auf einem geheimnisvollen Planeten. Einem Planeten, auf dem offenbar schon Terraforming stattgefunden hat, der aber nicht bewohnt ist. Die beiden so verschiedenen Menschen sind nun gezwungen zusammenzuarbeiten, um sich zu einer möglichen Siedlung durchzuschlagen. Ein mysteriöser Ort, zu dem Lilac regelrecht hingezogen wird – durch düstere Wälder, öde Landschaften und Berge. Gesichtslose Stimmen drohen, die junge Frau um den Verstand zu bringen, doch da sie die beiden auch immer wieder vor Gefahren warnen und einer möglichen Rettung näher bringen, beschließt Tarver, ihnen trotzdem zu folgen.
Auch weil er und Lilac sich auf ihrer beschwerlichen Reise immer näherkommen.
Schließlich erreichen die beiden einen Stütztpunkt, in dem sie der schrecklichen Wahrheit hinter dem verlassenen Planeten auf die Spur kommen.

„These Broken Stars“ ist Band 1 einer SciFi-Trilogie (mal wieder eine Trilogie …), deren einzelne Bände die Geschichte unterschiedlicher Paare folgen. In diesem Band geht es um zwei Menschen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: Lilac ist die Tochter des reichsten Mannes des Universums, dem auch der Luxusliner „Icarus“ gehört. Und der Name dieser futurischen „Titanic“ deutet schon das Schicksal an, das das Raumschiff erwartet: Es wird vom Himmel fallen. Wer die griechische Mythologie kennt, ahnt dies schon, ohne den Werbetext vollständig gelesen zu haben. Allerdings zieht dieser angeblich unsinkbare Luxusliner seine Kreise nicht auf den Weltmeeren, sondern im Weltall – er reist durch den Hyperraum, wodurch er unglaubliche Entfernungen zurücklegen kann.
Lilac hat gelernt, sowohl mit dem Luxus und all den Vorteilen „zurechtzukommen“, die diese Stellung mit sich bringt, aber auch mit den negativen Seiten. Nachdem sie in ihrer Jugend einmal erlebt hat, wie ein Junge, in den sie sich verliebt hat, „verschwand“, hat sie niemanden mehr an sich herangelassen. Und begegnet auch allen Männern, die sich für sie interessieren, mit Abweisung. Auch Tarver, als dieser sich an Bord des Luxusliners mit ihr unterhalten will.
Tarver hat nur einer Heldentat die Reise auf der „Icarus“ zu verdanken und dass er in Kontakt mit Liliac kommt. Doch er kennt seinen Platz. Dass er und Lilac in einer eigenen Rettungskapsel landen, ist nur dem Zufall zu verdanken (bzw. der Fantasie der Autorinnen); die beiden könnten gesellschaftlich gar nicht weiter voneinander entfernt sein. Und als sie auf dem nahe gelegenen Planeten bruchlanden, verläuft eigentlich alles wie erwartet: Tarver besitzt aufgrund seiner militärischen Ausbildung bestimmte Überlebenstechniken und weiß, wie er sich auf unbekanntem (feindlichem?) Terrain zu verhalten hat. Lilac wünscht sich in ein weiches Bett zurück. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig, als dem jungen Mann zu folgen, der aufgrund des festzustellenden Terraformings davon überzeugt ist, dass es irgendwo eine Siedlung geben muss. Doch langsam entwickeln sich die Charaktere weiter, und spätestens als Tarver verletzt wird, zeigt sich, dass Lilac mittlerweile keine Damsel in Distress mehr ist, sondern über sich hinauswächst. Und spätestens jetzt kommen sie sich auch zwischenmenschlich näher. 😉 Aber diese Liebesgeschichte wird durchaus glaubwürdig geschildert. In „These Broken Stars“ begegnen sich eben nicht zwei Menschen aus unterschiedlichen sozialen Klassen, die sich auf den ersten Blick ineinander verlieben; dieser Prozess ist wirklich ein nachvollziehbarer, authentisch geschilderter Prozess – obwohl natürlich klar ist, dass die Protagonisten ein Liebespaar werden.
Doch in dem Roman steckt noch mehr als eine reine futuristische Liebesgeschichte über eine Damsel in Distress und ihren Helden: das Geheimnis des Planeten. Das hier nicht verraten werden soll, aber schon sehr ungewöhnlich ist.
Positiv erwähnt werden sollte auch der Erzählstil des Romans: Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Lilac und Tarver erzählt und gespickt wird das Ganze durch Ausschnitte aus einem Verhörprotokoll, das man mit Tarver nach der Rettung durchführt – und das die wahre Handlung so manches Mal wunderbar konterkariert.

Mein Fazit: Ich habe mich durchaus nicht unbedingt in den Roman verliebt, könnte aber auch nicht festmachen, woran das lag. Vielleicht aufgrund des wirklich verwirrenden Grundes dafür, warum der Planet nicht bewohnt ist (no spoilers …). Aber dennoch kann ich das Buch durchaus empfehlen.

Übrigens finden gerade Gespräche über eine Verfilmung des Buches (als TV-Serie) statt: Deadline

Veröffentlicht in Belletristik

Melissa Landers: Alienated

landers-alienatedVor zwei Jahren haben die Außerirdischen Kontakt mit der Erde aufgenommen. Trotz weltweiter Proteste initiieren Amerikaner, Franzosen und Chinesen mit den L’eihr ein Schüleraustauschprogramm. Und so wird die amerikanische Auserwählte Cara Sweeney ihr Elternhaus für einige Monate mit dem L’eihr-Jungen Aelyx teilen. Vorzeigeschülerin Cara wird im Gegenzug der Zugang zu einer Hochschule ihrer Wahl versprochen – ganz abgesehen davon, dass sie aus erster Hand Informationen über die neuen außerirdischen Verbündeten erhält.
Aber Cara ist nicht auf das vorbereitet, was sie in den nächsten Monaten erwartet: Obwohl Menschen und L’eihr eine fast identische DNA haben, unterscheiden sich diese beiden Völker völlig voneinander. Aelyx ist kalt und abweisend und zu ihrem Leidwesen deutlich intelligenter als sie selbst. Worüber sie auch sein unglaublich gut aussehendes Äußeres nicht hinwegtröstet.
Doch dann schließen sich in ihrer Schule und in den gesamten Staaten immer mehr Menschen der Anti-L’eihr-Bewegung HALO (Humans against L’eihr Occupation) an und die Sweeneys und ihr Austauschschüler sind nicht länger sicher. Caras Exfreund stellt sich gegen sie und auch ihre beste Freundin wendet sich von ihr ab; Drohbotschaften liegen in ihrem Schulschließfach; die Familie braucht Personenschutz.
Schließlich hat sie neben ihrer Familie nur noch einen Verbündeten: Aelyx. Denn: Im gleichen Maße, in dem er in der warmherzigen Familie „aufgetaut“ ist, hat sich auch Cara in den Jungen mit den silbernen Augen verliebt.
Was sie jedoch nicht ahnt: Auch Aelyx und die beiden anderen außerirdischen Austauschschüler verbergen ein gefährliches Geheimnis vor Cara und der Menschheit …

„Alienated“ ist Band 1 einer Jugendbuch-Trilogie, die endlich einmal nicht die obligatorische Beziehung zwischen einem Menschen (einer Menschin :-)) und einem übernatürlichen Wesen (Fee, Hexe, Drache, Vampir, Zombie … you name it, they’ve got it) schildert. Das Buch ist gut zu lesen, bietet durchaus mehr als die obligatorischen zwischenmenschlichen Probleme und Missverständnisse, sondern wirft einen Blick über die irdischen Konflikte hinaus in eine ganz andere Lebenskultur. Und gerade dieser Blick über den Tellerrand gefiel mir persönlich an diesem Buch am besten.
Die Liebesgeschichte zwischen dem L’eihr Aelyx und der menschlichen Einserschülerin Cara ist … nett. Sorry, mehr kann ich mir dazu nicht abringen. Aelyx kommt aus einer Welt ohne Emotionen und „zwischenmenschliche“ Bindungen. Durch ein jahrhundertelanges Zuchtprogramm hat man die Gesellschaft auf seinem Planeten optimiert. Die L’eihr sind hyperintelligent, und für das optimale Funktionieren der Gesellschaft werden die Kinder nicht auf „normalem“ Wege gezeugt und geboren; und damit es nicht zu emotionalen Bindungen kommt, die das Gleichgewicht durcheinanderbringen könnten, wachsen die Kinder in Gemeinschaften auf, in denen jeder seinen Platz kennt und wo kein Raum ist für Individualität. Und aus diesem Umfeld kommt Aelyx nun in eine warmherzige Menschenfamilie, in der man einander berührt und umarmt, wo alles bunt ist und reich an Düften und Gerüchten und Geschmäckern. Gerade seine Blick auf unsere Welt sorgt im Rahmen des Romans für so manche humorvolle Szene. Während er zunächst noch auf diese „zurückgebliebenen“ Menschen herabschaut, lernt er aber die Wärme und die Mühe, die sich die Sweeneys geben, damit er sich bei ihnen wohlfühlt, immer mehr zu schätzen. Vor allem den Einsatz der rothaarigen Cara, die in seine graue bzw. beigefarbene Welt hineinkommt und ihm immer wieder die Stirn bietet und seine Klugheit herausfordert.
Cara ist es einfach nicht gewohnt, dass da jemand ist, der ihre Intelligenz in den Schatten stellt. Sie ist Jahrgangsbeste, und für sie stellt der Schüleraustausch eine Möglichkeit dar, sich noch weiter zu profilieren. Ja, Cara ist zumindest eingangs eine alles andere als sympathische Romanfigur. Wenn man ehrlich ist, blickt sie ebenso auf ihre „dümmeren“ Mitmenschen herab, wie der hochentwickelte Aelyx auf die „dummen“ Menschen herabblickt. Als die beiden es im Laufe der Monate mit immer mehr Gegenwind zu tun bekommen, sind sie schließlich füreinander im Grunde die einzigen Ansprechpartner, die ihnen noch bleiben, und die beiden verlieben sich ineinander. Dies wird von Autorin Melissa Landers auch recht glaubwürdig geschildert. Allerdings fiel es mir persönlich schwer, die Emotionen der handelnden Figuren wirklich nachzuempfinden. Cara und Aelyx sind für mich ein hübsches Liebespaar, aber keines, dessen Geschichte ich weiter folgen müsste …
Die Liebesgeschichte vollzieht sich vor dem Hintergrund irdischer Spannungen und eines hasserfüllten Aufstands gegen die drei außerirdischen Besucher. Dass es zu einem solchen Aufstand kommen kann (der auch eskaliert), kann ich mir durchaus sehr gut vorstellen; man muss nur einen Blick in unsere Gesellschaft werfen. Durch die Spannungen kommt jedoch noch eine weitere Wahrheit ans Licht: Die irdischen Regierungen erhoffen sich durch die Beziehungen zu den L’eihr zwar offiziell technologischen Fortschrift. Was aber niemand weiß: Sie haben bereits mit außerirdischen Stoffen experimentiert und auf diese Weise das irdische Wasser verseucht; in etwa zehn Jahren werden die Menschen nicht mehr auf dem Planeten leben können! Die L’eihr sind jedoch in der Lage, die Verseuchung wieder rückgängig zu machen. Doch auch ihre Hilfe hat einen Preis: Das jahrhundertelange Zuchtprogramm ging auf Kosten der L’eihr’schen Emotionen – und gerade die Emotionen und hier vor allem die Neugier bilden den Motor des Fortschritts.

Mein Fazit: Eine nette Geschichte. Mehr imho nicht.

Veröffentlicht in Belletristik

Tahereh Mafi: Ich fürchte mich nicht

mafi ich fuerchte mich nicht„Regentrophfen erinnern mich daran, dass Wolken einen Herzschlag haben. Dass ich einen habe.
Ich denke immer wieder über Regentropfen nach.
Sie fallen vom Himmel, stolpern über ihre Füße, brechen sich die Beine, vergessen ihre Fallschirme, wenn sie heruntertaumeln, einem ungewissen Ende entgegen. Als entleere jemand seine Taschen über der Erde. Dem es egal ist, dass die Regentropfen zerplatzen, wenn sie auftreffen, dass sie zerspringen, wenn sie den Boden erreichen, dass Menschen die Tage verwünschen, an denen die Tropfen so dreist sind, an ihre Tür zu klopfen.
Ich bin ein Regentropfen.“ (Seite 13)

Die siebzehnjährige Juliette hat nach einem Unglück, bei dem ein kleiner Junge ums Leben kam, vier Jahre Anstalt und Gefängnis hinter sich. Jetzt befindet sie sich in Isolationshaft. Seit 264 Tagen hat sie niemanden mehr gesehen, mit niemandem mehr gesprochen. Denn eine furchtbare Gabe macht sie seit ihrer Geburt zu einem Freak, einer Ausgestoßenen: Niemand kann sie berühren. Ihre Berührung ist tödlich. Und so vertraut sie nur einem gestohlenen Notizbuch ihre Gedanken an.
Bis zu dem Tag, an dem sich ihre Zellentür öffnet und ein junger Mann zu ihr hineingestoßen wird. Nach anfänglichem Misstrauen kommen sich die beiden näher – vor allem, als sie erkennen: Adam kann sie berühren! Doch dann erfährt Juliette, dass sie das Opfer einer Täuschung wurde: Adam ist ein Soldat der Regierung, der sie zu Warner, seinem Befehlshaber, bringen soll. Und Warner hat Großes vor mit Juliette: In der vom Krieg zerstörten und vom Chaos regierten Welt will er sie als lebendige Waffe einsetzen, um die aufrührerischen Rebellen endgültig zu besiegen.
Juliette, die sich für ihre zerstörerische Kraft selbst hasst, sträubt sich gegen Warners Pläne. Dabei klammert sie sich an ihre wachsende Liebe zu Adam, der sie um jeden Preis beschützen will. Und so begeben sich die beiden Liebenden auf die Flucht …

„Ich fürchte mich nicht“ ist der erste Band einer dystopischen Trilogie der jungen Amerikanerin Tahereh Mafi. Wobei man eine Einschränkung machen muss: Es handelt sich hier eher um eine romantische Liebesgeschichte vor dystopischem Hintergrund, denn die Dreiecksgeschichte von Juliette, Adam und Warner nimmt einen sehr großen Raum in der Handlung ein. Aber da die jeweiligen Liebesgeschichten bzw. Beziehungen für mich als Leser nachvollziehbar waren und die Motivation der Akteure glaubwürdig geschildert werden, verzeihe ich das der Autorin sehr gerne. 🙂
But first things first: „Ich fürchte mich nicht“ ist das Erstlingswerk der jungen Autorin, aber sie erweist sich als exzellente Erzählerin. Ihre Sprache ist eingangs ungewöhnlich. Als wir in die Geschichte einsteigen, hat Juliette 264 Tage Einzelhaft hinter sich, wird seit vier Jahren in Anstalten und Gefängnissen gequält, und genau so ist auch ihre Sprache: Halbsätze, Wortfetzen, Gedankensplitter, sehr reduziert. Ihre Zerrissenheit wird darüber hinaus im Roman (bzw. in der kompletten Serie) immer wieder durch durchgestrichene Sätze kenntlich gemacht. Aber als sie Zeit mit Adam verbringt und sich mit ihr unterhält, verwandelt sich auch ihre Sprache.
Mafis Metaphern gehören ebenfalls zum Besten, was mir jemals untergekommen ist. Sie zeichnet Bilder von Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung, aber auch von Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft, die ihresgleichen suchen und die ich so noch nirgendwo gelesen habe. Im Roman stehen Sätze, die man sich immer wieder auf der Zunge zergehen lassen möchte, die man auf Poster schreiben und an die Wand hängen möchte! Aufgrund ihrer erzwungenen Einsamkeit und Isolation empfindet Juliette alles sehr stark, und deshalb häufen sich diese Metaphern und die Beschreibungen auch stark. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Die Autorin wird diesen Stil in zukünftigen Romanen vielleicht noch ändern, weil manchmal weniger eben mehr ist, aber da ihre Bilder teilweise so ungewöhnlich waren, empfand ich dies nicht als störend.
Der eigentliche Plot war jedoch weniger innovativ. Dystopien haben seit einigen Jahren Hochkultur. Vor diesem Hintergrund ist die Welt von Mafis Trilogie nicht wirklich ausführlich ausgestaltet. Man bekommt zwar einen kleinen Überblick darin, was zum Scheitern der (Welt-)Gesellschaft geführt hat und wie die (Welt-)Regierung heute funktioniert, aber alles Konkrete bleibt doch recht blass. Und was Menschen mit besonderen Fähigkeiten angeht: In der heutigen Zeit begegnen wir ja durch Marvels Inhumans, die X-Men oder die Fantastischen Vier immer wieder Figuren mit besonderen Eigenschaften wie Unsichtbarkeit (Mafis Kenji bzw. Susan Storm aus den Fantastischen Vier) oder „Unberührbarkeit“ und Lebenskraft-Aussaugen (Juliette bzw. Rogue aus den X-Men). Das kann es also nicht sein, was die Begeisterung für den Roman weckt.
Für mich war – neben Sprache und Metaphern – die Zeichnung von Juliette und – Überraschung – Warner das Interessanteste am Roman bzw. an der Serie (ich habe alle drei Bände hintereinander verschlungen, daher weiß ich, dass Warner noch wesentlich facettenreicher ist, als er uns hier in Band 1 begegnet). Juliette empfindet, wie gesagt, die Interaktion mit anderen sowie die Ereignisse sehr intensiv. Und da sie die Ich-Erzählerin des Buches ist, bekommt der Leser alles hautnah mit und kann auch alles nachvollziehen. In diesem Eingangsband ist sie noch ein überwiegend schwacher Charakter, da sie ihre Fähigkeiten noch nicht ganz ausgelotet und in den Griff bekommen hat – aber wenn sie sich erst einmal bewusst ist, wie stark sie in jeder Hinsicht wirklich ist, dann würfen wir uns auf einiges gefasst machen. In Adam begegnet sie darüber hinaus zum ersten Mal jemandem, auf den ihre Kräfte scheinbar keine Wirkung haben. Kein Wunder also, dass sie sich sofort zu ihm hingezogen fühlt – menschlich, aber auch körperlich. Das ist vielleicht auch der Grund, warum die Figur des Adam bzw. die Beziehung zwischen ihm relativ blass bleibt; alles ist sehr vorhersehbar. Wenn man ihm im Roman zum ersten Mal begegnet, weiß man sofort, dass dies der Love Interest der Protagonistin sein wird. Darüber hinaus ist der junge Soldat schlicht zu eindimensional, um wirklich interessant zu sein. Sorry …
Im Gegensatz zu Warner. Bei diesem handelt es sich um den Gegenspieler der Protagonisten, den Herrn über Sektor 45, der Juliette gefangen hält und sich ihre Kraft zunutze machen will. Ein eiskalter Psychopath, unglaublich gutaussehend, mit blonden Haaren und leuchtend grünen Augen. Der Leser hasst ihn genauso leidenschaftlich, wie Juliette es tut, als er sie aus der Isolation holt, sie Versuchen unterzieht und ihr von seinen (vermeintlichen) Plänen erzählt. Doch immer wieder blitzt durch, dass vielleicht doch nicht alles so ist, wie es scheint. Dass ihn mit Juliette doch mehr verbindet als ihre Nützlichkeit für seine Sache. Und so hofft der Leser nach Juliettes und Adams Flucht, dass dieser Mörder ihm in der Romanreihe nicht das letzte Mal begegnet ist. Wenn ihr wie ich eine Schwäche für den Bad Boy der Geschichte habt, werdet ihr sicher auch Team Warner sein.
Was übrigens dieses Buch bzw. diese Trilogie von anderen dystopischen Serien für Young Adults oder All Age unterscheidet, die ich in den letzten Jahren gelesen habe: Während Love Triangles sehr beliebt sind bzw. die Liebesgeschichte zwischen Protagonistin und Protagonisten einfach ein Muss ist, gelingt es den meisten Autoren und Autorinnen nicht, mich die Zuneigung der Figuren zueinander wirklich nachvollziehen bzw. empfinden zu lassen. Sie beschreiben zwar, dass sich zwei Figuren lieben, aber meist gelingt es mir nicht, das emotional wirklich nachzuempfinden. Doch bei Tahereh Mafi prickelt es ohne Ende. Hier weiß ich und kann auch wirklich nachvollziehen, wie die Figuren füreinander empfinden (zumindest bei Juliette und Warner; Adam bleibt, wie gesagt, etwas blass) – und die Beziehung bleibt auch nicht beim harmlosen Kuss stecken, ohne dass wir jedoch in den FSK18-Bereich abrutschen. 😉

Mein Fazit: Das beste Geschenk, das ich seit Langem bekommen habe! 😉 Wenn die Autorin weitere Bücher schreiben würde, würde ich sie ohne zögern kaufen!

Veröffentlicht in Belletristik

Andi Weir: Der Marsianer

weir-marsianerDie NASA ist gezwungen, eine Mars-Mission schon wenige Tage nach der Ankunft auf dem Planeten abzubrechen, da ein gewaltiger Sandsturm naht und das Überleben der Astronauten nicht gesichert ist. Als diese in letzter Minute zu ihrem Rückkehrmodul laufen, das sie zu einem Raumschiff in der Umlaufbahn bringen wird, wird Mark Watney – Biologe und Ingenieur – von einem Metallteil getroffen und verliert das Bewusstsein. Da seine Kameraden nicht länger Lebenszeichen von ihm empfangen, gehen sie von seinem Tod aus.
Doch Mark ist nicht tot. Als er wieder zu sich kommt, muss er feststellen, dass er allein auf dem Mars zurückgeblieben ist. Doch er ist nicht nur allein. Er hat auch keine Möglichkeit, die anderen Astronauten, geschweige denn die NASA zu kontaktieren, seine Sauerstoff-, Wasser- und Nahrungsmittelvorräte sind begrenzt – und auch seine Unterkunft und die dortige Technik sind nicht auf eine lange Lebensdauer angelegt. Theoretisch bleiben ihm nur wenige Wochen auf dem lebensfeindlichen Planeten.
Doch Mark gibt nicht auf. Er besinnt sich auf seine Fähigkeiten, seine Ausbildung und versucht zu überleben. Zuerst so lange wie möglich, dann bis zu einer regulären nächsten Mars-Mission und – als es ihm gelingt, den Mars-Pathfinder zu erreichen und Kontakt zur NASA aufzunehmen – bis zur Rückkehr seiner Kameraden. Er funktioniert die Wohneinheit zu einem Gewächshaus um und baut darin Kartoffeln an; er synthetisiert Sauerstoff, Wasser, Treibstoff und alles Übrige, was er zum Überleben bleibt.
Doch die größte Herausforderung steht ihm bevor, als die NASA ihm eine Rettungsmöglichkeit präsentiert: Seine Kameraden werden den Rückflug zur Erde unterbrechen und zum Mars zurückkehren. In der Umlaufbahn soll er dann zu ihnen stoßen. Dazu muss er das Rückkehrmodel der Mars-Mission erreichen, das dem nächsten Team bereits vorausgeschickt wurde. Doch dieses Modul ist 3.200 Kilometer von seinem derzeiten Standort entfernt. Und er muss sein gesamtes Improvisationstalent aufbieten, um die Reise dorthin zu überstehen …

Da „Der Marsianer“ ein großer Bestseller ist und auch mit Matt Damon in der Hauptrolle verfilmt wird, war ich besonders neugierig auf diesen Titel. Vor allem auch, da davon auszugehen war, dass es nicht nur um Wissenschaft geht, sondern auch um das Dilemma eines auf dem Mars gestrandeten „Robinsons“.
Andi Weir klammert jedoch psychologische Themen weitgehend aus. Mark Watney, der überlebende Astronaut, kämpft zwar mehr als ein Jahr lang fast täglich um sein Überleben, doch seinen Humor und seine Widerstandskraft verliert er nie. Man sollte eigentlich meinen, dass jemandem, dem es gelungen ist, Bakterien zu züchten und Kartoffeln zu ziehen, der auf gefährlichem Wege Wasser und Sauerstoff herstellt, irgendwann einmal der Mut sinkt, wenn wieder etwas schiefgeht, wieder einmal die Tücken der Technik zuschlagen oder der Mars beweist, dass er ein ausgesprochen lebensfeindlicher Planet ist, und Mark ein sprichwörtliches Bein stellt. Aber das ist in „Der Marsianer“ nicht der Fall.
Einerseits finde ich es schade, dass Weir dieses Problem nicht auslotet: Was macht es mit einem Menschen, wenn er allein auf einem fremden Planeten zurückbleibt (fremde Insel oder fremder Planet – Einsamkeit ist sicher Einsamkeit)? Wenn er weiß, dass seine Überlebenschancen extrem gering sind und er im Grunde gleich aufgeben könnte? Wenn er tagein, tagaus um sein Überleben kämpft und immer wieder Rückschläge erlebt?
Andererseits behält das Buch trotz aller Schwere eine unglaubliche Leichtigkeit bei, sodass man beim Lesen nicht gefrustet ist (eigentlich genau wie Mark), sondern den Astronauten immer wieder anfeuert, sich doch etwas einfallen zu lassen.
Stattdessen richtet Andi Weir sein Augenmerk auf den wissenschaftlichen Teil der Handlung. Ich muss gestehen, dass ich wenig Ahnung von den Naturwissenschaften habe und nicht sagen kann, ob die Umwandlungsprozesse, die Mark Watney durchführen muss, um auf dem Mars zu überleben, korrekt sind, oder ob die Ventile des Rovers tatsächlich so funktionieren wie beschrieben oder die Stoffe, aus denen die Wohnkuppel besteht, tatsächlich so hergestellt werden, wie dargestellt. Aber da Weir diese Dinge „idiotensicher“ beschreibt, war das beim Lesen völlig egal! Viel faszinierender war auch Mark Watneys Ideenreichtum, wenn er sich „macgyvernd“ sein Überleben erkämpft. Eigentlich wundert es mich schon fast, dass diese Serie nicht ein einziges Mal im Buch erwähnt wird (okay, Mark schaut sich durch 70er-Jahre-Serien und „MacGyver“ gehört in die 80er). Weir schildert diese Aspekte der Handlung so detailliert, dass man fast meinen könnte, dass er alles selbst ausprobiert hat. Zweifellos ist alles perfekt recherchiert!
Neben diesen wissenschaftlichen Elementen und Marks unglaublichem Überlebenswillen gibt es noch etwas ganz Wichtiges: die Bereitschaft der Menschen auf der Erde (und Marks Astronautenkollegen im All), persönliche, wirtschaftliche oder nationale Interessen hintanzustellen, um eine Rettungsmission auf die Beine zu stellen. Ob das nun die NASA-Mitarbeiter sind, die Mark Tag und Nacht im Auge behalten und – ähnlich wie in dem Film „Apollo 13“ – Überlegungen anstellen, wie Mark mit dem, was er auf dem Mars zur Verfügung hat, überleben kann. Ob das seine Mars-Kameraden sind, die ihren Rückflug abbrechen, um wieder zu ihm zurückzukehren. Oder die chinesische Regierung, die auf eine eigene Mission verzichtet, um den Amerikanern eine Rakete zu übergeben, mit deren Hilfe Lebens- und andere Hilfmittel zu den Mars-Astronauten gebracht werden kann. Einerseits ist das sicher eine romantische Sicht der Menschheit (meine ist da doch etwas düsterer) und auch eine ziemlich (Hollywood-mäßig) amerikanische; andererseits braucht man aber auch als Leser diesen Hoffnungsschimmer, weil man mit Mark doch schon genug mitleidet. Ganz zu schweigen davon: Wer will schon ein Buch lesen (einen Film sehen), in dem die Menschen nicht bereit sind, zusammenzuarbeiten, um jemanden zu retten? 🙂

weir-marsianer-26

Im Gegensatz zu diesen Personen saß ich zwar gemütlich auf meiner Terrasse, aber innerlich war ich genauso angespannt wie die Figuren im Roman. Dass es dem Autoren gelungen ist, auch bei einem Wissenschafts-Noobie wie mir diese Begeisterung zu wecken, zeigt, wie packend der Roman ist und wie gut er mir gefallen hat. Unbedingte Leseempfehlung!

Veröffentlicht in Belletristik

Preston/Child: Relic

preston child relicIm New Yorker „Museum of Natural History“ findet man zwei Kinderleichen und wenig später auch die eines Wächters. Alle Toten sind schrecklich grausam zugerichtet – unter anderem wurde ihnen der Kopf entfernt und offenbar ein Teil des Gehirns … Da man kurz vor der Eröffnung einer Ausstellung zum Thema „Aberglaube“ steht und auch auf die Publicity (und die Eintrittsgelder) angewiesen ist, will die Museumsleitung nicht viel Aufhebens um die Toten machen. Doch dann werden weitere verstümmelte Leichen entdeckt, die immer von einem seltsamen Gestank begleitet werden.
Der New Yorker Polizist Lieutenant Vincent d’Agosta wird auf den Fall angesetzt, unterstützt wird er von Aloysius Pendergast, einem angereisten Special Agent des FBI, der in New Orleans ein „Totenschiff“ mit ähnlich grausam zugerichteten Leichen untersucht hat. Obwohl die Museumsleitung den beiden die Nachforschungen alles andere als leicht machen, kann sie dennoch nicht verhindern, dass sich auch andere für den Fall interessieren: Der Journalist Smithback soll eigentlich ein Buch über das Museum verfassen, beginnt aber, ohne offizielle Erlaubnis seine Untersuchungen fortzusetzen. Und auch die Evolutionsbiologie-Doktorandin Margo Green wird neugierig, als sie in der noch geschlossenen Ausstellung in der Nähe einer Figur namens Mbwun ein seltsames Wesen bemerkt.
Diese Figur stammt aus einer Kiste, die der Anthropologe Whittlesey vor einigen Jahren von einer Amazonas-Expedition nach New York schicken ließ, die das geheimnisvolle Volk der Kothoga erforschte. Whittlesey selbst und sein Team sind tot – entweder im Urwald verschollen oder bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Aus seinen Kisten schenkte man nur zwei Dingen Aufmerksamkeit: seinem Tagebuch und der Mbwun-Figur, die jetzt Teil der Ausstellung ist. Der Rest lagert in der sogenannten Sicherheitszone im Keller des Museums.
Als Margo und ihr Doktorvater Frock zu der Erkenntnis gelangen, dass man es nicht mit einem wahnsinnigen Serienmörder zu tun hat, sondern mit einer unbekannten Kreatur, versuchen sie gemeinsam mit D’Agosta und Pentergast, die Eröffnung der Ausstellung zu stoppen. Vergebens. wonach es in der Evolution immer wieder mal zu Mutationen kommt und eine Spezies alle Exemplare einer besonders dominanten Art vernichtet. Diesmal sollen die Menschen der unbekannten Kreatur zum Opfer fallen. Es stellt sich heraus, dass das Monster im verlassenen Keller des Museums haust. Es frisst offensichtlich den Hypothalamus seiner Opfer. Diese Erkenntnisse helfen der Polizei jedoch zunächst nicht weiter und der Ausstellung droht wegen der akuten Lebensgefahr die Absage. PR-Chefin Rickman und die Museumsleiter Wright und Cuthbert setzen sich jedoch über ihre Warnungen hinweg. Etwas, das sie zutiefst bereuen werden …

„Relic“ ist die erste gemeinsame Arbeit von Douglas Preston und Lincoln Child, aber gottlob nicht die letzte. Vor einigen Jahren habe ich den Film zum Buch gesehen (aus dem Jahr 1997; der natürlich die Buchinhalte nur unzureichend und in einer Light-Version wiedergibt), aber ich könnte gar nicht sagen, warum ich kürzlich über dieses Buch gestolpert bin und es gekauft habe. Bereut habe ich es aber nicht. Es ist eines von diesen Thrillern mit SciFi-Elementen, die man am besten nicht abends vor dem Einschlafen liest – ein echter Pageturner mit Horrorelementen, der auf populärwissenschaftliche Weise Umweltthemen vermittelt. Gespickt ist das Ganze mit brutalen Verbrechen und sympathischen Protagonisten, die sich gegen die „bösen“, geld- und machtgierigen Museumsleiter bzw. Mitarbeiter des FBI durchsetzen – unter Einsatz ihres Lebens. Man sieht beim Lesen schon den Hollywoodstreifen vor sich, aber das beeinträchtigt das Lesevergnügen keineswegs.
Die Akteure des Buches sind relativ schwarz-weiß gezeichnet – entweder gehören sie zu den Guten oder den Bösen, dazwischen gibt es leider keine Grautöne. Die Hauptfiguren (Pendergast, D’Agosta, Margo, Frock und Smithback) sind zwar relativ eindimensional, aber da die Story mitreißend und actionreich und in allen Facetten erzählt wird, fiebert man dennoch mit und vergibt vieles.
Noch ein Tipp: Unbedingt den Epilog abwarten. Die endgültige Auflösung des Ganzen ist noch schrecklicher, faszinierender, als man bis dahin als Leser angenommen hat!

Mein Fazit: Nichts für schwache Nerven, aber ein wirklich gut geschriebenes, spannendes Buch!