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C. S. Pacat: Die Rückkehr des Prinzen (Die Prinzen, Band 3)

Die PrinzenDamianos von Akielos ist zurück – seine wahre Identität ist allen bekannt. Nun muss er dem einen gegenübertreten, auf dessen Unterstützung er angewiesen ist. Und dem sein Herz gehört: Prinz Laurent, dem wahren König des Nachbarreiches Vere – und Bruder von Auguste, der vor einigen Jahren von Damianos in einer Schlacht getötet wurde.
Gleichzeitig haben im Süden, in Akielos, Damianos‘ Halbbruder Kastor und Laurents Onkel, der Regent von Vere, ihre Truppen gesammelt, um ihre jeweiligen Länder endgültig an sich zu reißen.
Wird es Damianos und Laurent gelingen, Streitigkeiten und Missverständnisse auszuräumen? Die Verschwörungen aufzudecken? Und sich ihren Widersachern erfolgreich zu stellen?

„Die Rückkehr des Prinzen“ ist Band 3 der Fantasy-Trilogie „Die Prinzen“ der Australierin C. S. Pacat. Und ich muss sagen: Das Warten auf das Erscheinen des Sammelbandes hat sich gelohnt.
Die Handlung setzt dort ein, wo „Das Duell der Prinzen“ geendet hat: Damianos‘ bester Freund Nikandros hat Laurent seine Unterstützung im Kampf gegen den Regenten angeboten – und als er in der veretischen Festung Ravenel eintrifft, erkennt er in Laurents rechter Hand Damen den wahren König von Akielos. Als diese Neuigkeit unter den Soldaten Veres verständlicherweise für große Unruhe sorgt, nehmen Damianos und Nikandros die Festung ein. Es gelingt, die beiden Truppen zu vereinen und – wie mit Laurent vereinbart, der ihnen vorausgezogen ist – nach Charcy zu ziehen, um dort gegen die Soldaten des Regenten zu kämpfen. Dort als Laurent und seine Männer nicht zur Schlacht gegen die Truppen des Regenten erscheinen, vermutet Nikandros, dass man dem Thronfolger nicht vertrauen kann – doch natürlich ist alles anders, als erwartet, und die beiden Prinzen führen ihre Männer schließlich doch Richtung Akielos, um Damianos‘ Thron zurückzuerobern und Rache an ihren Widersachern zu nehmen. Der Weg dorthin ist geplastert mit Hinterhalten, Verschwörungen, Täuschungen …

Stattdessen zeigt sich wieder und wieder, was die ungewöhnliche Beziehung der beiden Protagonisten ausmacht: Damianos ist etwas hitzköpfig, aber zutiefst loyal – Laurents Handeln ist von Hintergedanken geprägt, und selbst seine Hintergedanken haben Hintergedanken. Jedes Mal, wenn man meint, dass man ihn durchschaut hat, dass man die Handlung durchschaut hat, zeigt sich, dass alles doch ganz anders ist. Dennoch präsentiert uns Pacat diese Figur im Abschlussband der Trilogie etwas menschlicher, wärmer. Es stellt sich heraus, dass Laurent von Beginn an die wahre Identität seines Sklaven Damen kannte, was auch erklärt, warum er diesen einerseits verächtlich misshandelt (misshandeln lässt), warum er aber andererseits auch mehr als nur einmal dessen Ratschlägen Beachtung schenkt, da er sich bewusst ist, dass Damen – auch wenn er ein Gegner ist – doch ein erfahrender Anführer ist. Darüber hinaus stößt Laurent in diesem Buch auch so manches Mal an seine Grenzen, da sein Onkel sich ebenso gut auf Ränke versteht wie er selbst – aber das tut der Figur keinen Abbruch, da es Zeit wurde, dass es auch bei Laurent etwas mehr menschelt. Das Einzige, das man hinsichtlich der übrigen Figuren bemängeln könnte, ist, dass außer Laurent und Damianos alle anderen Akteure ausgesprochen blass bleiben, und das gilt – allen voran – auch für Kastor und den Regenten. Es kommt zwar zu einem actionreichen Showdown, aber der bleibt etwas hinter all den Erwartungen, die Pacat in den Vorgängerbänden im Leser geweckt hat (hinsichtlich Kastors Kampfeskraft oder der Verschlagenheit des Regenten), zurück.

Zwei Punkte haben mich bei dem Ganzen jedoch gestört: Der Showdown vollzieht sich etwas zu hastig, das Ende kommt zu plötzlich. Etwa 250 Seiten lang ziehen unsere Helden durch Südvere und Akielos, bereiten ihre Männer auf den Kampf vor, kommen einander (noch) näher – und dann überschlagen sich die Ereignisse und innerhalb von etwa 60 Seiten klärt sich (fast) alles im Thronraum ohne irgendwelche kriegerischen Auseinandersetzungen. Aber das Schlimmste: Nachdem man die letzte Zeile gelesen hat, schlägt man die Seite um und erwartet eine Art Epilog, ein paar Passagen, die dem Leser helfen, zu Atem zu kommen, den eigenen Herzschlag zu beruhigen, die etwas über das verraten, was nach dem Sturz der beiden (falschen) Könige und dem Aufstieg der Prinzen geschieht – aber nichts dergleichen. Ich dachte wirklich, dass in meinem Buch einige Seiten fehlen. An dieser Stelle scheint die Geschichte einfach etwas unausgewogen zu sein. Es hätte die Autorin wirklich nicht viel gekostet, ihrer Geschichte ein etwas „runderes“ Ende zu geben. Seither ist natürlich eine Kurzgeschichte mit dem Titel „The Summer Palace“ erschienen, die einiges davon erklärt, aber da diese Geschichte recht … gehaltlos ist, war ich doch etwas enttäuscht.
Dennoch muss man neidlos anerkennen, dass Pacat eine wirklich gute Erzählerin ist. Ihr gelingt es wirklich, die beiden Länder Vere und Akielos vor dem Auge des Lesers lebendig werden zu lassen – ob es nun um die Episoden in den Festungen oder adligen Schlössern geht oder simple Beschreibungen der (ländlichen) Reise der beiden Verschwörer.
Eine weitere Enttäuschung bot mir die deutsche Übersetzung des Buches. Teilweise liest sie sich, höflich gesprochen, etwas unrund und unschön. Zum Beispiel, als erwähnt wird, dass jemand den Verkehr regelt. Was sehr schwierig ist, da es in der Welt von Vere/Akielos überhaupt keine Autos gibt, und in dem betreffenden Kontext auch keine Kutschen/Wagen gemeint sind. Auch strotzt das Buch teilweise vor Rechtschreib- bzw. Zeichensetzungsfehlern. Hier wurde offenbar mit ganz heißer Nadel gestrickt. Oder man wollte nicht mehr Arbeitszeit in eine Serie investieren, die die (finanziellen) Erwartungen nicht erfüllt hat. Sorry, wenn ich so hart bin, aber da ich für dieses Buch Geld hingeblättert habe, bin ich darüber etwas unglüklich.

Mein Fazit: Trotz meiner Kritik eine unbedingte Leseempfehlung. Und da die von Pacat verwendete Sprache recht einfach ist, ist das Buch auch für alle geeignet, die in der englischen Sprache nicht perfekt zu Hause sind und die Geschichte im Original lesen möchten. Weiß zufällig jemand, was die Autorin als Nächstes zu schreiben plant?

 

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Sarah J. Maas: Erbin des Feuers (Throne of Glass #3)

Celaena hat Chaol offenbart, wer sie wirklich ist: die letzte Überlebende des Königshauses von Terrassen, Thronerbin Aelin Ashryver Galathyniuns. Sie ist zwar die Assassinin des Königs, unterstützt jedoch im Geheimen weiter seine Gegner. Als der König sie nach Wendlyn entsendet, damit sie die dortige Königsfamilie aus dem Weg räumt und die Verteidigungspläne des Landes stiehlt, nutzt Celaena die Chance, um ihre Urgroßtante Maeve – die Königin der Fae – zu finden und sie um Informationen über die Wyrdschlüssel zu bitten.
Statt Maeve trifft Celaena zunächst auf Rowan, einen der sechs Fae, die der Königin als Kriegsführer und Spione dienen. Er bringt sie zur Nebelwarte – einem Ort, an dem Halbfae ihre Fähigkeiten trainieren, um sich würdig zu erweisen, Doranelle – Maeves Königreich – zu betreten. Und genau das soll Celaena auch tun: ihre lange unterdrückten magischen Fähigkeiten trainieren. Erst dann wird Maeve ihr ihre Fragen zu den Wyrdschlüsseln beantworten.

„Erbin des Feuers“ ist Band 3 der „Throne of Glass“-Reihe von Sarah J. Maas, und ich muss feststellen, dass mir diese Saga mit jedem Band besser gefällt, weil sich Maas‘ Stil und die Geschichte immer ein Stückchen weiterentwickeln und an Tiefe gewinnen. Celaena wurde zwar im 1. Band „Die Erwählte“ als die berüchtigste Assassinin des Landes eingeführt, aber spüren konnte ich davon wenig. Auch plätscherte die (nicht wirklich vorhandene) Handlung im Einsteigerroman noch recht vor sich hin. Band 2 „Kriegerin im Schatten“ hat mich dann stärker gepackt. Die Geschichte nahm deutlich an Fahrt auf. Sie war vielfältiger und füllte auch tatsächlich ein so umfangreiches Buch.
Band 3 jedoch macht richtig viel Spaß. Das Interessante an diesem Buch: Die Geschichte wird nicht länger aus der Sicht von Calaena erzählt; es gibt zahllose Kapitel, in denen die Erlebnisse von Chaol, Dorian und – ganz neu – Sorscha (einer Heilerin), General Aedion (ein Krieger im Dienste des Königs und Cousin von Celaena) und der Ironteeth-Hexe Manon Blackbeak erzählt werden. Viele Rezensenten klagen darüber, dass sie durch die ständigen Perspektivwechsel den Anschluss an die Geschichte verpassen, aber mir ging anders: Durch die unterschiedlichen Perspektiven und die neuen Charaktere empfand ich die Geschichte als noch deutlich stärker und facettenreicher.
Dorian entdeckt z. B. eigene magische Fähigkeiten, die er vor seinem Vater geheim halten muss, und verliebt sich in diesem Zuge in die einfache Heilerin Sorscha, die am Hofe noch eigene Ziele verfolgt. Chaol befindet sich in einem Zwiespalt: Auf der einen Seite ist da die Loyalität zum Königshaus, auf der anderen seine Zuneigung zu Celaena und Dorian. Was mich an seiner Person in diesem Buch etwas störte, war seine Unentschlossenheit und sein mangelndes Selbstbewusstsein, das man in dieser Form in den Vorgängerbänden m. E. nicht findet. Die Hexe Manon ist eine Anführerin ihres Clans, die wie alle Hexen seit dem Verschwinden der Magie vor zehn Jahren nicht mehr fliegen kann und langsam altert. Der König bietet den Hexen jedoch an, seiner „fliegenden Armee“ beizutreten und nicht auf Besen, sondern auf eigens dafür gezüchteten Wyvern zu reiten. Und Aedion dient zwar dem König und trägt einen von dessen schwarzen Ringen – ist aber Celaenas Cousin, ein ehemals angesehener Krieger von Terrasen … und vielleicht doch kein Verräter.
Und dann ist da noch Rowan, einer der sechs Kriegsführer von Maeve und durch einen Bund der Königin der Fae verpflichtet. Er hat die Aufgabe, Celaena dabei zu helfen, ihre magischen Fähigkeiten zu entdecken und auszubauen, und tut dies auf teilweise brutale, aber am Ende doch sehr effiziente Weise. Dass mit seinem Auftreten der (unsägliche) Love Triangle zwischen Celaena, Chaol und Dorian ein Ende nimmt, ist nicht wirklich ein Spoiler. 😉 Zugegebenermaßen kommt Rowan ein wenig zu perfekt daher, und dass Celaena innerhalb weniger Monate gleich vier „große Lieben“ trifft, hat wohl wenig mit der Realität zu tun, aber hey, Rowan ist nun einmal wirklich toll. 😉

Fazit: Eine gelungene Fortsetzung, die der Saga noch einmal mehr Komplexität verleiht. Dass man mit Band 4 fortfahren muss, stand für mich nie außer Frage. 🙂

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Pierce Brown: Tag der Entscheidung (Red Rising #3)

brown-red-rising3Mutig bis zuletzt hat der ehemalige Minenarbeiter Darrow gekämpft, um die verhasste Oberschicht, die Goldenen, zu stürzen. Aber dann wird er heimtückisch verraten, und nun scheint alles verloren zu sein: Fern aller Menschen, die er einst liebte, ist er gefangen. An einem grauenvollen, unmenschlichen Ort.
Und doch ist Darrow die einzige Hoffnung der Menschheit. Nur er kann eine neue, eine gerechtere Zeit einläuten und alle einen: die mutlose Unterschicht, die verhassten Goldenen und seine ehemaligen Freunde, die er schon einmal im Stich gelassen hat …

„Tag der Entscheidung“ ist der Abschlussband der „Red Rising“-Trilogie des Amerikaners Pierce Brown – und wieder ein Buch mit einem enormen Spannungsbogen. Auch in erzählerischer Hinsicht ist der Roman ein wahres Vergnügen – eine wahres Feuerwerk an Ideen und Verwicklungen. Gerade kurz vor Ende gab es noch einmal eine Entwicklung, die ich nicht kommen sah und die mir nur ein WTF entlockte!

Als die Geschichte beginnt, ist Protagonist und Ich-Erzähler Darrow wieder ganz unten angekommen. Verbündete haben sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere gegen ihn gewandt. Gerade als Nero au Augustus ihn als Sohn und Erben einsetzen will, zeigen vermeintliche Freunde und Verbündete ihr wahres Gesicht, ermorden viele von denen, die am seiner Seite für die Eroberung des Mars gekämpft haben, und nehmen ihn gefangen. Neun Monate lang wird Darrow gefoltert und auf schreckliche Weise eingekerkert, doch als sein „Kerkermeister“ (no Spoilers 🙂 ) ihn an die Octavia au Lune übergeben will, gelingt es dem Söhnen des Ares ihm zu befreien.
Doch Darrow muss erkennen, dass sich während seiner Gefangenschaft vieles verändert hat. Die Aufständischen, die mittlerweile von Sevro angeführt werden, stehen mit dem Rücken zur Wand. Ihre Kämpfer, die den unterschiedlichsten Farben angehören, werden von den vereinten gegnerischen Truppen zurückgedrängt und dezimiert. Aber vor allem erkennt Darrow, dass er selbst sich verändert hat bzw. ändern muss. Er trifft auch hier noch schnelle Entscheidungen, doch zunehmend weiß er auch den Rat seiner Verbündeten zu schätzen. Er hat erkannt, dass er zum Teil selbst die Schuld daran trägt, dass sich einige ehemalige Freunde gegen ihn gewandt haben.
„Tag der Entscheidung“ gibt stärker als seine Vorgänger in das Handeln und Denken sowie die Entwicklung auch anderer Personen – natürlich nur in dem begrenzten Maß, wie dies bei einem Roman möglich ist, der aus der Ich-Perspektive erzählt wird: u. a. Sevro, der die Rebellion nach Darrows vermeintlichem Tod weitertreibt und unter einem enormen Druck steht – was wird er tun, wenn Darrow zurückkehrt? Wird er die Führungsrolle abgeben und akzeptieren, dass Darrow eine ganz andere Vorgehensweise hat? Wird es Ragnar gelingen, seine Schwester Sefi und vor allem seine Mutter auf seine Seite zu ziehen – und diese dazu bringen, sich gegen die Goldenen Götter zu wenden? Was treibt die ehemaligen Freunde von Darrow an, die sich gegen ihn gewendet haben? Werden sie für den Verrat mit ihrem Leben bezahlen oder wird es am Ende doch eine Versöhnung geben?
Gerade die Beschäftigung mit diesen und ähnlichen Fragen macht eine der Stärken des Buches aus. Die Figuren sind nicht (länger) schwarz-weiß; es gibt viele Grautöne, Widersprüche, innere Auseinandersetzungen, Kompromisse, wodurch die Figuren sehr authentisch wirken. Allen voran natürlich Darrow, der spätestens jetzt länger von Rache, sondern von Gerechtigkeit getrieben wird und immer wieder bereit ist, alten Freunden noch eine zweite Chance zu geben. Oder die Augen zuzudrücken, wenn er oder einer seiner Verbündeten Gewaltakte begeht oder begehen muss, die seinen moralischen Überzeugungen eigentlich widersprechen.

Mit „Tag der Entscheidung“ findet die Geschichte um Darrow und den Aufstand der Roten bzw. der Gegner von Octavia au Lune einen glaubwürdigen Abschluss; alle Fäden werden glaubwürdig zusammengeführt.

Mein Fazit: „Red Rising“ ist eine in vieler Hinsicht qualitativ hochwertige Trilogie, deren Verfilmung ich nur zu gern anschauen würde! Die gute Nachricht ist, dass im Januar 2018 Band 1 einer neuen Trilogie erscheint: Iron Gold. Autor Pierce Brown hat in einem Interview verraten, dass die Handlung dieser neuen Trilogie etwa zehn Jahre nach den Ereignissen von „Red Rising“ spielt und von neuen und alten Herausforderungen erzählt, denen die Solar Republic unter der Regentschaft von Darrow und Musting gegenübersteht.

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Pierce Brown: Im Haus der Feinde (Red Rising #2)

Red RisingImmer war Darrow stolz darauf, als Minenarbeiter auf dem Mars den Planeten zu erschließen. Bis er herausfand, dass die Oberschicht, die Goldenen, längst in Saus und Braus leben und alle anderen ausbeuten. Unter Lebensgefahr schloss er sich dem Widerstand der Söhne des Ares an und ließ sich selbst in einen Goldenen verwandeln.
Seit zwei Jahren lebt er nun mitten unter seinen Feinden und versucht, die ungerechte Gesellschaft von innen heraus zu stürzen. Doch womit Darrow nicht gerechnet hat: Auch unter den Goldenen findet er Freundschaft, Respekt und sogar Liebe. Zumindest so lange ihn niemand verrät. Und der Verrat lauert überall.

„Im Haus der Feinde“ ist Band 2 der „Red Rising“-Trilogie des Amerikaners Pierce Brown und wieder einmal ein echter Pageturner. Die Geschwindigkeit, mit der Darrow gegen politische Verschwörer kämpft bzw. für seine Sache – sie steht ab einem bestimmten Punkt der Geschichte Band 1 in nichts nach. Im Gegenteil: Der Autor bleibt dem Rezept von „Red Rising“ treu: Es gibt eine Menge Kämpfe auf Leben und Tod, atemberaubende Brutalität und Rücksichtslosigkeit und eine derart derbe Sprache, die in YA-Romanen eher unüblich ist. Die Geschichte ist derart actionreich, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte, da es nur wenige Zeitpunkte gibt, an denen der Protagonist (und damit auch der Leser) einmal kurz durchatmen kann. Doch beschränkte sich die Geschichte des ersten Bandes noch auf das Überleben am Institut, geht es nun auf die nächste Ebene: die Weltengesellschaft und unser Sonnensystem.

Die Geschichte erinnert stärker als der Vorgänger an „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert: Familienclans werden vom regierenden Oberhaupt der Weltengesellschaft – derzeit Octavia au Lune – mit der Herrschaft über einen Planeten und der Ausbeutung seiner Ressourcen beauftragt und müssen dafür sorgen, dass „das Spice fließt“ – oder im Fall von Mars: dass das Helium-3 fließt, auf das die Weltengemeinschaft angewiesen ist.

Während auch im Vorgängerband die SciFi-Elemente relativ dezent einflossen, nehmen sie nun in „Im Haus der Feinde“ eine größere Rolle ein. Es kommt wiederholt zu großen Weltraumschlachten, in deren Rahmen dann die unterschiedlichsten Raumschiffe beschrieben werden. Ganz abgesehen von SciFi-Waffen, die auch hier verstärkt erwähnt bzw. eingesetzt werden. Es ist die Rede von Starshells, Storks, Ripwings, Leechcrafts, Wasps, Speederbikes, Spiders, Hoverskiffs, Railguns, Lurchers und vielen mehr – und da diese Begriffe höchstens bei ihrer ersten Erwähnung in einem (Neben-)Satz erklärt werden, hätte ich mir gewünscht, dass es im Anhang oder in der Klappe des Buches ein kleines Verzeichnis all dieser Begriffe und Kategorien gibt, mit man kurz nachschlagen kann, ob man es gerade mit einem Angriff durch einen kleinen Raumschiffjäger zu tun hat oder einem der gigantischen Ganzkörperschutzanzüge.

Ähnliches gilt übrigens auch für die Personenliste. Da der Fundus an handelnden Personen mittlerweile sehr umfangreich ist, geht dem Roman ein kurzes Verzeichnis voraus, in dem die zentralen Figuren kurz erläutert werden (z. B. Adrius au Augustus/Schakal: Sohn des Erzgouverneurs, Erbe des Hauses Augustus, Zwillingsbruder von Virginia). Dies ist durchaus recht hilfreich – aber da die Anzahl der Figuren in diesem zweiten Band schier explodiert, weil neben all den Goldenen auch zahllose Blaue, Graue, Obsidiane etc. eine zentrale Rolle spielen, hätte ich mir ein umfangreicheres Verzeichnis gewünscht. Das wäre gerade vor dem Hintergrund relevant/hilfreich gewesen, da die Loyalitäten teilweise innerhalb eines Familienclans variieren.

Im Gegensatz zum ersten Buch brauchte ich bei „Im Haus der Feinde“ ein paar Kapitel, um in die Handlung hineinzufinden bzw. mich von dieser packen zu lassen. Der Grund ist vermutlich sehr einfach: Band 1 endet mit einem Sieg des Über-Menschen Darrow. Er hat die Regeln gesprengt, hat sich von seiner Rache antreiben lassen und das „Spiel“ gewonnen: Er hat auf dem Institut gegen die unterschiedlichen Häuser gekämpft, hat einige besiegt, andere als Verbündete gewonnen – aber vor allem hat er die Protektoren, die das „Spiel“ geleitet und manipuliert haben, mit brutaler Gewalt ausgeschaltet. Doch in „Im Haus der Feinde“ stolpert Darrow zunächst von einer Niederlage zur nächsten – das machte mir es etwas schwer, mich mit ihm zu identifizieren oder zumindest mit ihm zu sympathisieren.
Nun ist er Lanzenreiter von Nero au Augustus – dem Erzgouverneur von Mars, der das „Spiel“ zugunsten seines eigenen Sohnen manipuliert hat und die Schuld am Tod von Eo trägt, Darrows Frau. Doch Darrow muss feststellen, dass das Leben auf der Akademie, wo er sich das Zeug verdient, ein Flottenkapitän des Hauses Augustus zu werden, mehr von ihm verlangt, als zu kämpfen. Auch hier ist das „Spiel“ manipuliert, auch hier gibt es mächtige Kräfte, die gegen ihn arbeiten und alles dafür tun, dass er scheitert und damit auch sein Haus. Und dieses Mal unterliegt der Protagonist. Darrow macht auf diese Weise noch stärker als in „Red Rising“ die Bekanntschaft von politischen Verschwörungen, ein Terrain, auf dem er sich (zunächst) nicht zu Hause fühlt. Er muss lernen, sich nicht nur auf seine körperliche Überlegenheit zu verlassen, sondern sich auch mit unterschiedlichsten Personen und Familien zu verbünden. Während es in „Red Rising“ darum ging, im Rahmen des Spiels auf dem Mars die Mitglieder anderer Häuser nicht als Sklaven, sondern als Verbündete auf seine Seite zu ziehen, geht es in „Im Haus der Feinde“ nun stärker darum, die Mitglieder anderer Farben aus ihrer kulturellen Sklaverei zu befreien und zu loyalen Verbündeten zu machen, die aus eigener Entscheidung für ihn kämpfen. Während in „Red Rising“ primär Rache der treibende Motor für Darrows Handeln war, ist es in „Im Haus der Feinde“ zunehmend der Kampf für die Gerechtigkeit.
Einige seiner Pläne werden aufgehen, andere scheitern, weil sowohl Darrow als auch der Leser sich nie sicher sein kann, ob nicht ein Verbündeter ein doppeltes Spiel spielt. Und da auch die Pläne seiner Gegner ebenfalls das eine oder andere Mal scheitern, bleibt es bis zuletzt spannend, wer den Sieg davontragen wird. Denn nicht alle sind auf seiner Seite, als sie seine wahre Identität erkennen – und dass er ihre liebgewordene gesellschaftliche Position aufweichen will.
Der Leser nimmt in diesem Kontext auch gemeinsam mit Darrow Abschied von alten Freunden – niemand ist vor dem literarischen Tod gefeit. Und auch hier ist nicht jede Figur, die das Buch als Verbündeter und Freund beginnt, bis zum Ende auf Darrows Seite. Ich als Leserin war vermutlich am Ende genauso schockiert wie Darrow, als … Ach nein, Spoiler. 🙂

Mein Fazit: Mir bleibt die Luft weg. Ich muss das Ende der Geschichte erfahren! Gott sei Dank habe ich mit dem Lesen der Serie gewartet, bis alle Bände lieferbar waren …

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Pierce Brown: Red Rising (Red Rising #1)

Red Rising 1Darrows Welt ist brutal und dunkel. Wie alle Roten schuftet er in den Minen des Mars, um ein Leben auf der Oberfläche des Planeten möglich zu machen.
Doch dann wird seine große Liebe getötet, und Darrow erfährt ein schreckliches Geheimnis: Der Mars ist längst erschlossen, und die Oberschicht, die Goldenen, leben in dekadentem Luxus.
Darrow schließt sich dem Widerstand an – den Söhnen des Ares -, die ihn in einem monatelangen schmerzhaften Prozess in einen Goldenen verwandeln. Schließlich gelingt es ihm sogar, sich dank einer neuen Identität Zutritt zu einem sagenumwobenen Institut zu verschaffen, in dem die Elite der mächtigen Familien herangezogen wird. Er will einer von ihnen werden – um sie dann zu stürzen …

„Red Rising“ ist der Auftaktband zur gleichnamigen Dystopie des Amerikaners Pierce Brown und im Grunde eine Hardcore-Version von Büchern wie „Harry Potter“, „Die Tribute von Panem“, „Der Herr der Fliegen“ oder „Battle Royale“. Der Autor erfindet also das Rad nicht neu, aber er schildert eine sehr unterhaltsame Geschichte. Eine Geschichte, die definitiv nichts für zarte Gemüter ist!

Ausgangspunkt ist sicher ein Gedanke, der eingangs auch von Erzgouverneur Nero au Augustus – Darrows Erzfeind – in Worte gefasst wird: dass die Geschichte jeder Gesellschaft in drei Stadien verläuft: Zu Anfang herrscht ein unziviliserter Zustand, dann kommen Aufstieg und Niedergang durch Verweichlichung. Diese Erfahrung mussten in der Geschichte der Menschheit schon viele Kulturen machen – und wenn ich raten dürfte, würde ich sagen, dass auch Augustus‘ Herrschaft diesen Weg gehen wird.

Rein äußerlich beinhaltet die Buchausgabe zwei Aspekte, die ich gewöhnlich nicht mag: 1. Der Text ist in einer serifenlosen Schrift abgedruckt, was ich normalerweise nicht so angenehm zu lesen finde. 2. Die Geschichte wird Präsens erzählt. Aber vermutlich ist es gerade dieser Aspekt, durch den die Story zusätzlich an Fahrt gewinnt. Denn die Geschichte legt von Beginn an ein enormes Tempo vor. Einige Rezensenten  berichten davon, dass sie eine Weile gebraucht haben, um in die Handlung bzw. die beschriebene Welt hineinzufinden. Mir ging es nicht so; von Anfang an konnte ich die unterirdische Welt der Roten vor mir sehen. Tiefe, kilometerlange Minenschächte, in denen die Roten unter Einsatz ihres Lebens das wertvolle Helium-3 fördern, von dem sie glauben, dass man es für das Terraforming des Planeten Mars benötigt, damit die Menschheit dort Zuflucht suchen und finden kann.

Protagonist und Ich-Erzähler ist der 16-jährige Darrow, der als Höllentaucher in den Minen arbeitet und damit den gefährlichsten Job der Bergarbeiter hat. Seit einigen Monaten ist er mit der gleichaltrigen Eo verheiratet, die im Gegensatz zu ihm das Schicksalm der Roten nicht so … romantisch sieht. Während Darrow der Propaganda glaubt, dass die Arbeit der Roten ehrenvoll wichtig ist, dass er und seine Kollegen die Vorhut sind, damit die Menschheit einmal die Planten Erde und Mond hinter sich zu lassen kann, und während er glaubt, dass dieses Schicksal gewissermaßen eine Ehre ist, gibt ihm Eo immer wieder zu verstehen, dass sie eigentlich nicht mehr sind als Sklaven. Sie träumt davon, in einer freien und gerechten Gesellschaft zu leben. Doch Darrow will davon nichts wissen.
Doch dann wird er ein Opfer des Systems – das übliche literarische Mittel, um aus einer Figur dazu zu motiveren, sich gegen das System zu wenden und zum Helden zu werden – und findet sich in einer Verschwörung wieder. Die „Söhne des Ares“ holen ihn aus seiner Unterwelt heraus und zeigen ihm die Wahrheit: Schon seit langer, langer Zeit ist der Mars erschlossen und wird von den Goldenen beherrscht, die alle andere Farben unterworfen haben. Und endlich wacht Darrow auf und ist bereit, sich gegen das System zur Wehr zu setzen. Mithilfe von vielen medizinischen Eingriffen macht man ihn zu einem Goldenen und man trainiert seine geistigen Fähigkeiten; er erhält eine (fiktive) Familiengeschichte und besteht schließlich die Aufnahmeprüfung für das Institut, eine Einrichtung, in der die Elite der Weltengemeinschaft geformt wird.
Nach einer ersten Prüfung werden die Studenten für eines der zwölf Häuser ausgewählt und müssen gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern ihres Hauses die übrigen besiegen. Darrow wird aufgrund seiner Fähigkeiten und Eigenschaften dem Haus Mars zugeordnet.
Und er muss erkennen, dass er – und die anderen Auserwählten Schüler – nur unzureichend auf das vorbereitet sind, was sie nun erwartet: Er weiß zwar, wie man sich durchschlägt, und hat eine Ahnung davon, wie man kämpft, aber er muss erst lernen, wie man führt: wie man Menschen auf seine Seite zieht, die nicht zur eigenen Familie bzw. dem eigenen Clan gehören und deren Loyalität man erst erlangen muss. Wie man Menschen motiviert, in den Kampf zu ziehen, die eigene Beweggründe antreiben – die Alphamenschen ebenso wie die vermeintlich Schwachen. Wie man verschlagen kämpft und die Regeln bricht, wie man Dinge tut, die noch nie jemand getan hat, weil die Gesetze von der eigenen Kultur vorgegeben werden. „Der Wert eines Menschen misst sich daran, was er tut, wenn er Macht hat“, sagt Darrow an einer Stelle. Und das ist auch die Erfahrung, die er machen muss. Doch trotz alledem übernimmt Darrow die Schwarz-Weiß-Denke seiner Leidensgenossen nicht. So manches Mal stößt ihn das Handeln seiner Verbündeten ab, und doch ist er sich bewusst, dass man die Gesetze brechen und eigene Grundsätze über Bord werfen muss, um das eigene Ziel zu erreichen. Er ist kein strahlender Held, der bis zum Ende an seinen moralischen Überzeugungen festhält.
Das Schöne und Gute dabei ist, dass er ab einem bestimmten Punkt auch bereit ist, Ratschlägen seiner Verbündeten Gehör zu schenken, bevor er als Anführer eine Entscheidung trifft. Die Interaktion mit seinen Freunden/Verbündeten/Kommilitonen führt dazu, dass er sich als Held weiterentwickelt.
Daber verbündet er sich schon sehr früh mit einer der interessantesten Figuren des Romans: Sevro, der Wolf, der von allen missachtet wird, weil er so gar nicht dem Bild des großgewachsenen, schönen Goldenen entspricht, sondern von Beginn an als Außenseiter kämpft. Ich hoffe sehr, dass er in den Folgebänden wieder auftauchen wird, denn ich könnte mir vorstellen, dass er als Außenseiter der geeignete Verbündeten eines Helden ist, der das System stürzen will.
Im Verlauf der kämpferischen Auseinandersetzungen um Lebensmittel, Waffen und Macht werden aus Feinden Freunde, aus Freunden Feinde – und zu kaum einer Zeit kann man einander wirklich vertrauen. Niemand ist hier wirklich sicher. Vor allem nicht, weil das Spiel manipuliert wird.

Als Leser von „Die Tribute von Panem“ und „Battle Royale“ ist man einiges an Gewalt gewöhnt, aber das, was Brown hier abliefert, setzt dem Ganzen die Krone auf. Viele Studierende verlieren hier ihr Leben. Sie hungern, werden missbraucht und misshandelt, werden verletzt und ermordet … Es fällt schwer zu glauben, dass man es hier mit jungen Menschen zu tun hat, die vermutlich alle zwischen 16 und 20 Jahre alt sind.

Großartig hat mir gefallen, dass Pierce Brown griechische und römische Mythologie in seinen Science-Fiction-Roman einfließen lässt: Die Häuser tragen die Namen der römischen Götter: Jupiter, Minerva, Mars, Venus, Apollo, Diana, Merkur, Ceres, Juno, Neptun, Vesta und Vulcanus. Viele der handelnden Figuren wie z. B. Cassius, Julian, Nexus, Titus oder Pax tragen ebenfalls römische bzw. Namen italienischer Abstammung. Andere Begriffe oder Namen entstammen der griechischen Kultur: Priamos, Ares, die Einteilung in Farben ist angelehnt an Platos Politeia (Der Staat).

Gut gefallen hat mir ebenfalls, dass uns der Autor mit dem obligatorischen Liebesdreieck verschont. Es zeichnet sich zwar eine Liebesgeschichte ab, aber ob daraus mehr wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen.

Zwei Mankos hat das Buch allerdings: Die Geschichte spielt zwar auf einem (terrageformten) Mars, aber die Welt der grasbewachsenen Ebenen, der Wälder mit Wolfen und Bären, der kargen Felsen und Berge, der Sommermonate und Winterkälte könnte sich genau so gut auf der Erde befinden. In den Bereich der SciFi gehören eher einige der Waffen sowie Gravstiefel (die das Fliegen ermöglichen), Schutzschilde oder ein schwebender Olympus, auf dem sich die Vorsteher der Häuser befinden.

Universal Pictures hat sich bereits die Rechte an der Trilogie gesichert; der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster (u. a. Monster’s Ball, Wenn Träume fliegen lernen, Der Drachenläufer, Ein Quantum Trost) soll Regie führen.

Mein Fazit: Lesen! Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen. Und jetzt ziehe ich los und hole mir gleich den nächsten Band der Reihe!

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Jen Turano: Playing the Part

Lucetta Plum ist eine erfolgreiche Schauspielerin in New York. Doch sie muss bei Nacht und Nebel die Flucht ergreifen, als ihr Stiefvater sie beim Glücksspiel an einen unliebsamen, aber sehr einflussreichen Bewunderer namens Silas Ruff verliert. Lucettas mütterliche Freundin Abigail Hart ist im Gegensatz zu ihr darüber jedoch ausgesprochen begeistert, bietet ihr das doch eine Gelegenheit, die junge Frau mit ihrem Enkel zu verkuppeln, in dessen Schloss beide Zuflucht finden.
Bram Haverstein ist ein sehr wohlhabender, aber auch etwas exzentrischer Gentleman. Er reitet des Nachts übers Land, gibt Straffälligen ein neues Zuhause – und seine Nachbarn sind fest davon überzeugt, dass es bei ihm nicht mit rechten Dingen zugeht (zumindest hat der letzte Besitzer sein Schloss verkauft, weil es darin offenbar spukt). Und er ist schon seit Jahren im Stillen in die Schauspielerin Lucetta Plum verliebt.
Die junge Frau ist alles andere als begeistert, als sie erkennt, dass auch Bram zur Schar ihrer Verehrer gehört, und bleibt auf Distanz. Doch als dann in seinem Schloss seltsame Dinge vor sich gehen und ihr unliebsamer Verehrer Silas Ruff auf ihre Spur kommt, muss sie Bram um Hilfe bitten …

„Playing the Part“ ist Band 3 der „A Class of their own“-Reihe von Jen Turano. In der Reihe geht es um die drei Freundinnen Hannah, Millie und Lucetta – und natürlich, wie sie jeweils den Mann fürs Leben finden (Band 1: Braut auf Zeit; Band 2: In Good Company). Die Romane spielen allesamt 1882 in oder um New York und zeichnen sich durch eine große Portion Situationskomik aus; der 3. Band m. E. am stärksten. Ich habe „Playing the Part“ an einem Wochenende regelrecht verschlungen. Die Protagonisten werden glaubwürdig beschrieben, spielen sich die Bälle sehr gut zu, und die Liebesgeschichte ist zwar nicht unerwartet, aber doch sehr … süß. Komplettiert wird das Ensemble aus Akteuren von einer Reihe von überaus interessanten Nebenfiguren, reformierte Kleinkriminelle, denen Bram Haverstein auf Bitten seines Pastors ein neues Zuhause und neue Aufgaben gibt.

Lucetta Plum gibt eine sehr sympathische Heldin ab und war schon in Band 1 von „A Class of their own“ meine Lieblingsfigur. Sie ist zwar Theaterschauspielerin, was ihr in der damaligen Zeit (zu unrecht) einen etwas anrüchigen Ruf einbringt, aber darüber hinaus ist sie eine ausgesprochen bodenständige junge Frau. Sie ist überaus schön, was ihr zu ihrem Leidwesen eine große Schar an Bewunderern eingebracht hat, weiß sie doch, dass diese nur den äußeren Schein sehen und das Bild, das sie sich von ihr – von Lucetta – gemacht haben. Dies führt dazu, dass unsere Heldin einen großen Bogen um Männer macht. Sie ist nämlich alles andere als eine Damsel in Distress, die gerettet werden muss. Sie ist ausgesprochen intelligent (sie besitzt ein fotografisches Gedächtnis) und wissbegierig, widmet sich ihrem Beruf und hat gelernt, ihr Vermögen durch Geschäfte an der Wall Street zu vergrößern, wodurch sie in der Lage ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Auch wenn ihr Wohlstand und das, was andere über sie denken, nicht wirklich wichtig ist.

Als sie Bram Haverstein gegenübersteht, ist sie zunächst ausgesprochen angetan von seiner Person (schließlich trägt er gerade eine Augenklappe und ist tall, dark & handsome) – bis sich herausstellt, dass auch er ein Bewunderer ihrer Person ist. Auch er hat sich ein Bild von ihr gemacht – und muss zu seinem Leidwesen feststellen, dass sie keine hilflose Jungfer ist, die vom strahlenden Helden gerettet werden muss und damit zufrieden wäre, nach der Eheschließung den Haushalt zu schmeißen. Sie ist viel selbstständiger und selbstbewusster, als ihm (zunächst) lieb ist. Bram selbst ist allerdings auch nicht das, was er zu sein scheint. Er hat Geheimnisse, die dazu führen, dass seine Nachbarn ihn im  besten Fall für eine Art modernen Robin Hood halten und seine Angestellten ihn zumindest für einen extrem exzentrischen Arbeitgeber, der viel Zeit in seinem Burgverlies verbringt. Sein Geheimnis klärt sich zum Ende des Buches hin, allerdings weiß der aufmerksame Leser schon deutlich früher, worum es dabei geht.

Auch die Handlung ist ausgesprochen vielfältig: Neben der eigentlichen Liebesgeschichte gibt es sehr viel Situationskomik (hier wäre u. U. etwas weniger mehr gewesen); es gibt eine spannende Krimihandlung um Lucettas unliebsamen Verehrer Ruff, der schließlich auch wiederholt zu kriminellen Methoden greift, um ihrer habhaft zu werden; es gibt Gothic-Elemente, die ein wenig an Jane Austens „Northanger Abbey“ erinnern, und es gibt eine Reise in Lucettas Vergangenheit in die amerikanischen Südstaaten, in deren Rahmen sie auch mit ihrer Geschichte abschließt. Heraus kommt dabei eine unterhaltsame Mischung aus Humor und Spannung, aus Leichtigkeit und Tiefgang, was das Buch zu einer idealen Strandlektüre macht.

Das Buch ist jedoch nicht nur gut geschrieben und ausgesprochen unterhaltsam, es gibt auch ausreichend „Denkstoff“ für die Leserin: Es geht im Buch ganz stark darum, dass wir Masken tragen, damit andere nicht sehen, wer wir wirklich sind; es geht um zerbrochene Familienbeziehungen und Vergebung.

Mein Fazit: Ein extrem unterhaltsamer Abschlussband der dreibändigen Reihe von Jen Turano. „Playing the Part“ wird sicher nicht mein letztes Buch der Autorin sein.

 

 

 

 

Veröffentlicht in Belletristik

Sarah J. Maas: Kriegerin im Schatten (Throne of Glass #2)

Celaena hat sich in einem unerbittlichen Wettkampf gegen ihre Konkurrenten durchgesetzt und ist nun Champion des Königs. Nach seinen Vorgaben soll sie unliebsame Gegner beseitigen, die dessen grausame Herrschaft beenden wollen. Doch statt sie aus dem Weg zu räumen, warnt Celaena seine Feinde und ermöglicht ihnen so die Flucht. Dieses Geheimnis verbirgt sie zunächst selbst vor Chaol, zu dem sie sich gegen ihren Willen immer mehr hingezogen fühlt. Wie sehr kann sie ihm vertrauen? Schließlich ist Chaol der Captain der königlichen Leibgarde.

Aber auch Celaenas Verbündete Nehemia und Prinz Dorian von Adarlan haben ihre Geheimnisse. Nehemia scheint mit Archer Finn, einem alten Freund von Celaena, in eine Verschwörung gegen den König verwickelt zu sein, hilft der Assassinin aber weiterhin, Wyrdzeichen zu lernen, um dem Mysterium um die Macht des Königs auf die Spur zu kommen. Und Kronprinz Dorian entdeckt, dass er magische Fähigkeiten besitzt – etwas, das seinen Tod bedeuten könnte, wenn jemand davon erfährt …

„Kriegerin im Schatten“ ist Band 2 der „Throne of Glass“-Fantasyserie von Sarah J. Maas. Das Buch hat mich stärker überzeugt als sein Vorgänger „Die Erwählte“. Celaena wurde zwar im 1. Band als die berüchtigste Assassinin des Landes eingeführt, aber spüren konnte ich davon wenig. Auch plätscherte die (nicht wirklich vorhandene) Handlung im Einsteigerroman noch recht vor sich hin. Band 2 hat mich jedoch stärker gepackt. Die Geschichte nimmt jetzt deutlich an Fahrt auf. Sie ist vielfältiger und füllt auch tatsächlich ein so umfangreiches Buch. Sprachlich gibt es immer noch einige unschöne Passagen/Begrifflichkeiten – Sätze, in denen z. B. zweimal das Wort „heute“ vorkommt, und die Autorin/Übersetzerin scheint auch eine nervtötende Vorliebe für das Verb „rasen“ zu haben (könnten wir das bitte so langsam mal durch „eilen“, „hasten“, „stürmen“ oder „rennen“ ersetzen?!) –, aber die Geschichte hat mich so mitgerissen, dass ich darüber hinweglesen konnte. Schön auch, dass man endlich etwas mehr über die Geschichte des Landes erfährt (nachzulesen auf den Seiten 386-389), was aber auch nötig ist, da die Jagd nach den Wyrdschlüsseln ja glaubwürdig motiviert sein muss.

Die Figur der Celaena gibt in diesem Buch eine glaubwürdigere Assassinin ab. Zwar investiert sie ihren Lohn als Champion des Königs immer noch primär in typisch weibliche Dinge („Celaenas Lohn als Champion des Königs war beachtlich und sie gab ihn bis auf den letzten Cent aus. Für Schuhe, Hüte, Tuniken, Kleider, Schmuck, Waffen, Haarschmuck und Bücher. Ganze Stapel. So viele Bücher, dass Philippa ein neues Regal bringen lassen musste.“) und hat eine Schwäche fürs Ausschlafen und Essen, aber durch die Beschreibung unterschiedlicher Einsätze oder Kämpfe bekomme ich zumindest einen besseren Eindruck davon, warum sie so gefürchtet wird. Ihr fehlt zwar immer noch etwas Selbstdisziplin und Verschlagenheit, und sie ist auch oft erstaunlich naiv („Um Erileas Wohl betete Celaena, dass der König nie auch nur von Wyrdzeichen gehört hatte.“ Ähm, ja, an unterschiedlichen Stellen im Schloss finden sich Wyrdzeichen, dass der König diese in all den Jahren noch nicht entdeckt hat oder die Geschichte seines eigenen Landes nicht kennt – eher unwahrscheinlich), aber ihre Reaktion auf einen Todesfall oder einen Verrat (no spoilers …) verschafft mir als Leser eine Ahnung davon, inwiefern sie auch in der Lage ist, ihre Emotionen abzustellen, wenn es darauf ankommt. Allerdings ist sie eine so große Sympathieträgerin, dass sie unter ihren Taten leiden muss, damit sie weiter die edle Heldin bleibt. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass sie etwas mehr Entschlossenheit besäße, da sie zwar ihre Opfer gehen lässt und sich im Auftrag des Königs auf die Spur von Verschwörern begibt, aber damit verfolgt Celaena nicht wirklich ein Ziel … Sie ist sich bewusst, dass sie nicht frei ist – und es auch nie war -, aber selbst wenn sie frei wäre, wüsste sie vermutlich nicht, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollte.
Chaol und Dorian bekommen in diesem zweiten Buch etwas mehr zu tun, aber vor allem der Captain der Leibgarde bleibt noch etwas blass. Wir erfahren, dass er täglich mit Celaena joggen geht, dass er die Wachen einteilt und kontrolliert – und dass er (zumindest) edelmütig auf die junge Frau verzichtet, weil er erkennt, dass sein Freund Dorian ebenfalls in sie verliebt hat. Allerdings muss er dann auch den Preis für seine schon penetrante Loyalität zahlen. Zum Ende des Buches hin bekommt man als Leser den Eindruck, dass er endlich aufgewacht ist …
Ein unangenehmes Erwachen erlebt auch Dorian. Er weiß zwar, welche Art Mensch sein Vater ist, wagt es aber zu keiner Zeit, auch nur innerlich dagegen zu rebellieren. Es gibt in „Kriegerin im Schatten“ (endlich) einen kleinen Plottwist, was seine Person angeht, die dazu führt, dass er wenigstens im Verborgenen aus seiner festgelegten Rolle ausbricht. Ich hoffe auch hier, dass er in den Folgebänden weitere Facetten bekommt.
Die letzte interessante Figur ist Prinzessin Nehemia, zu der ich an dieser Stelle allerdings nicht zu viel verraten will. Auch wenn sie die Einzige ist, die wirklich gegen den König aufsteht (Spoiler, ggf. markieren), ist ihr verfrühter Tod eine Verschwendung einer guten Figur. Natürlich war der Tod aus dramaturgischen Grünen notwendig – um Celaena zum Handeln/Aufstand zu bewegen -, aber ich hätte einfach gern mehr über ihre Fähigkeiten, ihre Geschichte erfahren.

Auch die Romantik spielt in diesem Buch eine etwas größere Rolle. In Band 1 deutete sich ja eine Verbindung zwischen Celaena und Dorian an. Allerdings schob die Assassinin dieser Zuneigung rasch einen Riegel vor – eine Beziehung zwischen ihr und dem Kronprinzen hätte nie eine Zukunft. Eine erstaunlich erwachsene Einsicht. In diesem Buch wendet sie sich nun Chaol zu, was sich aber ebenfalls in „Die Erwählte“ schon angedeutet hatte. Allerdings bleibt die Autorin hier auch in Stereotypen stecken, wenn sie die beiden Protas sich erst sträuben lässt – und dann bricht die alles verzehrende Liebe aus, die aber nach kürzester Zeit durch einen Schicksalsschlag zerbricht. Man könnte ja miteinander reden, einander vergeben … Eine erwachsene Form der Liebe hat offenbar in dieser Serie (noch) keinen Raum.

Mein Fazit: „Kriegerin im Schatten“ ist m. E. inhaltlich stärker als „Die Erwählte“. Die Entwicklung sowohl der drei zentralen Figuren als auch der Handlung macht mich auf die Fortsetzung wirklich neugierig, obwohl die Wendung/Offenbarum am Ende des Romans nun wirklich keine Überraschung war.