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Jen Turano: Playing the Part

Lucetta Plum ist eine erfolgreiche Schauspielerin in New York. Doch sie muss bei Nacht und Nebel die Flucht ergreifen, als ihr Stiefvater sie beim Glücksspiel an einen unliebsamen, aber sehr einflussreichen Bewunderer namens Silas Ruff verliert. Lucettas mütterliche Freundin Abigail Hart ist im Gegensatz zu ihr darüber jedoch ausgesprochen begeistert, bietet ihr das doch eine Gelegenheit, die junge Frau mit ihrem Enkel zu verkuppeln, in dessen Schloss beide Zuflucht finden.
Bram Haverstein ist ein sehr wohlhabender, aber auch etwas exzentrischer Gentleman. Er reitet des Nachts übers Land, gibt Straffälligen ein neues Zuhause – und seine Nachbarn sind fest davon überzeugt, dass es bei ihm nicht mit rechten Dingen zugeht (zumindest hat der letzte Besitzer sein Schloss verkauft, weil es darin offenbar spukt). Und er ist schon seit Jahren im Stillen in die Schauspielerin Lucetta Plum verliebt.
Die junge Frau ist alles andere als begeistert, als sie erkennt, dass auch Bram zur Schar ihrer Verehrer gehört, und bleibt auf Distanz. Doch als dann in seinem Schloss seltsame Dinge vor sich gehen und ihr unliebsamer Verehrer Silas Ruff auf ihre Spur kommt, muss sie Bram um Hilfe bitten …

„Playing the Part“ ist Band 3 der „A Class of their own“-Reihe von Jen Turano. In der Reihe geht es um die drei Freundinnen Hannah, Millie und Lucetta – und natürlich, wie sie jeweils den Mann fürs Leben finden (Band 1: Braut auf Zeit; Band 2: In Good Company). Die Romane spielen allesamt 1882 in oder um New York und zeichnen sich durch eine große Portion Situationskomik aus; der 3. Band m. E. am stärksten. Ich habe „Playing the Part“ an einem Wochenende regelrecht verschlungen. Die Protagonisten werden glaubwürdig beschrieben, spielen sich die Bälle sehr gut zu, und die Liebesgeschichte ist zwar nicht unerwartet, aber doch sehr … süß. Komplettiert wird das Ensemble aus Akteuren von einer Reihe von überaus interessanten Nebenfiguren, reformierte Kleinkriminelle, denen Bram Haverstein auf Bitten seines Pastors ein neues Zuhause und neue Aufgaben gibt.

Lucetta Plum gibt eine sehr sympathische Heldin ab und war schon in Band 1 von „A Class of their own“ meine Lieblingsfigur. Sie ist zwar Theaterschauspielerin, was ihr in der damaligen Zeit (zu unrecht) einen etwas anrüchigen Ruf einbringt, aber darüber hinaus ist sie eine ausgesprochen bodenständige junge Frau. Sie ist überaus schön, was ihr zu ihrem Leidwesen eine große Schar an Bewunderern eingebracht hat, weiß sie doch, dass diese nur den äußeren Schein sehen und das Bild, das sie sich von ihr – von Lucetta – gemacht haben. Dies führt dazu, dass unsere Heldin einen großen Bogen um Männer macht. Sie ist nämlich alles andere als eine Damsel in Distress, die gerettet werden muss. Sie ist ausgesprochen intelligent (sie besitzt ein fotografisches Gedächtnis) und wissbegierig, widmet sich ihrem Beruf und hat gelernt, ihr Vermögen durch Geschäfte an der Wall Street zu vergrößern, wodurch sie in der Lage ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Auch wenn ihr Wohlstand und das, was andere über sie denken, nicht wirklich wichtig ist.

Als sie Bram Haverstein gegenübersteht, ist sie zunächst ausgesprochen angetan von seiner Person (schließlich trägt er gerade eine Augenklappe und ist tall, dark & handsome) – bis sich herausstellt, dass auch er ein Bewunderer ihrer Person ist. Auch er hat sich ein Bild von ihr gemacht – und muss zu seinem Leidwesen feststellen, dass sie keine hilflose Jungfer ist, die vom strahlenden Helden gerettet werden muss und damit zufrieden wäre, nach der Eheschließung den Haushalt zu schmeißen. Sie ist viel selbstständiger und selbstbewusster, als ihm (zunächst) lieb ist. Bram selbst ist allerdings auch nicht das, was er zu sein scheint. Er hat Geheimnisse, die dazu führen, dass seine Nachbarn ihn im  besten Fall für eine Art modernen Robin Hood halten und seine Angestellten ihn zumindest für einen extrem exzentrischen Arbeitgeber, der viel Zeit in seinem Burgverlies verbringt. Sein Geheimnis klärt sich zum Ende des Buches hin, allerdings weiß der aufmerksame Leser schon deutlich früher, worum es dabei geht.

Auch die Handlung ist ausgesprochen vielfältig: Neben der eigentlichen Liebesgeschichte gibt es sehr viel Situationskomik (hier wäre u. U. etwas weniger mehr gewesen); es gibt eine spannende Krimihandlung um Lucettas unliebsamen Verehrer Ruff, der schließlich auch wiederholt zu kriminellen Methoden greift, um ihrer habhaft zu werden; es gibt Gothic-Elemente, die ein wenig an Jane Austens „Northanger Abbey“ erinnern, und es gibt eine Reise in Lucettas Vergangenheit in die amerikanischen Südstaaten, in deren Rahmen sie auch mit ihrer Geschichte abschließt. Heraus kommt dabei eine unterhaltsame Mischung aus Humor und Spannung, aus Leichtigkeit und Tiefgang, was das Buch zu einer idealen Strandlektüre macht.

Das Buch ist jedoch nicht nur gut geschrieben und ausgesprochen unterhaltsam, es gibt auch ausreichend „Denkstoff“ für die Leserin: Es geht im Buch ganz stark darum, dass wir Masken tragen, damit andere nicht sehen, wer wir wirklich sind; es geht um zerbrochene Familienbeziehungen und Vergebung.

Mein Fazit: Ein extrem unterhaltsamer Abschlussband der dreibändigen Reihe von Jen Turano. „Playing the Part“ wird sicher nicht mein letztes Buch der Autorin sein.

 

 

 

 

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Sarah J. Maas: Kriegerin im Schatten (Throne of Glass #2)

Celaena hat sich in einem unerbittlichen Wettkampf gegen ihre Konkurrenten durchgesetzt und ist nun Champion des Königs. Nach seinen Vorgaben soll sie unliebsame Gegner beseitigen, die dessen grausame Herrschaft beenden wollen. Doch statt sie aus dem Weg zu räumen, warnt Celaena seine Feinde und ermöglicht ihnen so die Flucht. Dieses Geheimnis verbirgt sie zunächst selbst vor Chaol, zu dem sie sich gegen ihren Willen immer mehr hingezogen fühlt. Wie sehr kann sie ihm vertrauen? Schließlich ist Chaol der Captain der königlichen Leibgarde.

Aber auch Celaenas Verbündete Nehemia und Prinz Dorian von Adarlan haben ihre Geheimnisse. Nehemia scheint mit Archer Finn, einem alten Freund von Celaena, in eine Verschwörung gegen den König verwickelt zu sein, hilft der Assassinin aber weiterhin, Wyrdzeichen zu lernen, um dem Mysterium um die Macht des Königs auf die Spur zu kommen. Und Kronprinz Dorian entdeckt, dass er magische Fähigkeiten besitzt – etwas, das seinen Tod bedeuten könnte, wenn jemand davon erfährt …

„Kriegerin im Schatten“ ist Band 2 der „Throne of Glass“-Fantasyserie von Sarah J. Maas. Das Buch hat mich stärker überzeugt als sein Vorgänger „Die Erwählte“. Celaena wurde zwar im 1. Band als die berüchtigste Assassinin des Landes eingeführt, aber spüren konnte ich davon wenig. Auch plätscherte die (nicht wirklich vorhandene) Handlung im Einsteigerroman noch recht vor sich hin. Band 2 hat mich jedoch stärker gepackt. Die Geschichte nimmt jetzt deutlich an Fahrt auf. Sie ist vielfältiger und füllt auch tatsächlich ein so umfangreiches Buch. Sprachlich gibt es immer noch einige unschöne Passagen/Begrifflichkeiten – Sätze, in denen z. B. zweimal das Wort „heute“ vorkommt, und die Autorin/Übersetzerin scheint auch eine nervtötende Vorliebe für das Verb „rasen“ zu haben (könnten wir das bitte so langsam mal durch „eilen“, „hasten“, „stürmen“ oder „rennen“ ersetzen?!) –, aber die Geschichte hat mich so mitgerissen, dass ich darüber hinweglesen konnte. Schön auch, dass man endlich etwas mehr über die Geschichte des Landes erfährt (nachzulesen auf den Seiten 386-389), was aber auch nötig ist, da die Jagd nach den Wyrdschlüsseln ja glaubwürdig motiviert sein muss.

Die Figur der Celaena gibt in diesem Buch eine glaubwürdigere Assassinin ab. Zwar investiert sie ihren Lohn als Champion des Königs immer noch primär in typisch weibliche Dinge („Celaenas Lohn als Champion des Königs war beachtlich und sie gab ihn bis auf den letzten Cent aus. Für Schuhe, Hüte, Tuniken, Kleider, Schmuck, Waffen, Haarschmuck und Bücher. Ganze Stapel. So viele Bücher, dass Philippa ein neues Regal bringen lassen musste.“) und hat eine Schwäche fürs Ausschlafen und Essen, aber durch die Beschreibung unterschiedlicher Einsätze oder Kämpfe bekomme ich zumindest einen besseren Eindruck davon, warum sie so gefürchtet wird. Ihr fehlt zwar immer noch etwas Selbstdisziplin und Verschlagenheit, und sie ist auch oft erstaunlich naiv („Um Erileas Wohl betete Celaena, dass der König nie auch nur von Wyrdzeichen gehört hatte.“ Ähm, ja, an unterschiedlichen Stellen im Schloss finden sich Wyrdzeichen, dass der König diese in all den Jahren noch nicht entdeckt hat oder die Geschichte seines eigenen Landes nicht kennt – eher unwahrscheinlich), aber ihre Reaktion auf einen Todesfall oder einen Verrat (no spoilers …) verschafft mir als Leser eine Ahnung davon, inwiefern sie auch in der Lage ist, ihre Emotionen abzustellen, wenn es darauf ankommt. Allerdings ist sie eine so große Sympathieträgerin, dass sie unter ihren Taten leiden muss, damit sie weiter die edle Heldin bleibt. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass sie etwas mehr Entschlossenheit besäße, da sie zwar ihre Opfer gehen lässt und sich im Auftrag des Königs auf die Spur von Verschwörern begibt, aber damit verfolgt Celaena nicht wirklich ein Ziel … Sie ist sich bewusst, dass sie nicht frei ist – und es auch nie war -, aber selbst wenn sie frei wäre, wüsste sie vermutlich nicht, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollte.
Chaol und Dorian bekommen in diesem zweiten Buch etwas mehr zu tun, aber vor allem der Captain der Leibgarde bleibt noch etwas blass. Wir erfahren, dass er täglich mit Celaena joggen geht, dass er die Wachen einteilt und kontrolliert – und dass er (zumindest) edelmütig auf die junge Frau verzichtet, weil er erkennt, dass sein Freund Dorian ebenfalls in sie verliebt hat. Allerdings muss er dann auch den Preis für seine schon penetrante Loyalität zahlen. Zum Ende des Buches hin bekommt man als Leser den Eindruck, dass er endlich aufgewacht ist …
Ein unangenehmes Erwachen erlebt auch Dorian. Er weiß zwar, welche Art Mensch sein Vater ist, wagt es aber zu keiner Zeit, auch nur innerlich dagegen zu rebellieren. Es gibt in „Kriegerin im Schatten“ (endlich) einen kleinen Plottwist, was seine Person angeht, die dazu führt, dass er wenigstens im Verborgenen aus seiner festgelegten Rolle ausbricht. Ich hoffe auch hier, dass er in den Folgebänden weitere Facetten bekommt.
Die letzte interessante Figur ist Prinzessin Nehemia, zu der ich an dieser Stelle allerdings nicht zu viel verraten will. Auch wenn sie die Einzige ist, die wirklich gegen den König aufsteht (Spoiler, ggf. markieren), ist ihr verfrühter Tod eine Verschwendung einer guten Figur. Natürlich war der Tod aus dramaturgischen Grünen notwendig – um Celaena zum Handeln/Aufstand zu bewegen -, aber ich hätte einfach gern mehr über ihre Fähigkeiten, ihre Geschichte erfahren.

Auch die Romantik spielt in diesem Buch eine etwas größere Rolle. In Band 1 deutete sich ja eine Verbindung zwischen Celaena und Dorian an. Allerdings schob die Assassinin dieser Zuneigung rasch einen Riegel vor – eine Beziehung zwischen ihr und dem Kronprinzen hätte nie eine Zukunft. Eine erstaunlich erwachsene Einsicht. In diesem Buch wendet sie sich nun Chaol zu, was sich aber ebenfalls in „Die Erwählte“ schon angedeutet hatte. Allerdings bleibt die Autorin hier auch in Stereotypen stecken, wenn sie die beiden Protas sich erst sträuben lässt – und dann bricht die alles verzehrende Liebe aus, die aber nach kürzester Zeit durch einen Schicksalsschlag zerbricht. Man könnte ja miteinander reden, einander vergeben … Eine erwachsene Form der Liebe hat offenbar in dieser Serie (noch) keinen Raum.

Mein Fazit: „Kriegerin im Schatten“ ist m. E. inhaltlich stärker als „Die Erwählte“. Die Entwicklung sowohl der drei zentralen Figuren als auch der Handlung macht mich auf die Fortsetzung wirklich neugierig, obwohl die Wendung/Offenbarum am Ende des Romans nun wirklich keine Überraschung war.

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Tahereh Mafi: Zerstöre mich

In „Ich fürchte mich nicht“ ist Juliette die Flucht aus den Fängen des Reestablishments gelungen – indem sie dessen Anführer Warner eine Kugel in die Schulter jagte. Sie glaubte ihn tot zurückzulassen, doch Warner ist nur schwer verletzt. Und nimmt den Leser in „Zerstöre mich“ mit auf eine faszinierende Reise.
Denn Warner scheint hassenswert – grausam, gefühlskalt, berechnend – und ist doch voller innerer Zweifel, hin- und hergerissen zwischen seiner Erziehung durch seinen grausamen Vater und seiner Liebe zu Juliette, die er unbedingt wiedersehen muss – auch wenn sie ihn offensichtlich verabscheut. Und so kämpft der noch geschwächte Warner zum einen darum, die Disziplin auf der Militärbasis aufrecht zu erhalten, während er andererseits mit aller Macht darauf hinarbeitet, Juliette wieder in seine Gewalt zu bringen. Bis sein Vater, Oberbefehlshaber des Reestablishments, in Warners Basis auftaucht. Und als Warner dessen Pläne für Juliette erfährt, wird ihm klar, dass er sich endgültig entscheiden muss …

Die dystopische Trilogie von Tahereh Mafi war im Herbst 2015 für mich ein großes Lese-Highlight – und Liebe auf den ersten Blick. Meine Rezensionen dazu findet ihr hier: Ich fürchte mich nicht (Band 1), Rette mich vor dir (Band 2) und Ich brenne für dich (Band 3). Da Warner darin einen sehr interessanten Protagonisten abgab, war es keine Frage, dass ich auch die Kurzgeschichte „Zerstöre mich“ lesen würde, die die Ereignisse zwischen Band 1 und 2 aus seiner Sicht schildert. Er bleibt ja in der Trilogie über weite Strecken sehr mysteriös und undurchschaubar, daher war es interessant zu sehen, was in der Interaktion mit Juliette und vor allem mit seinem Vater, dem Oberbefehlshaber, in seinem Kopf vor sich geht. Und genau das erfährt man als Leser auch in dieser etwa 80 Seiten langen Kurzgeschichte.

Dass er trotz seiner Kälte einen gewissen Sinn für Humor hat, wird schon durch den Einstieg deutlich:

Ich wurde angeschossen. Und ich muss sagen: Eine Schusswunde ist wesentlich unangenehmer, als ich vermutet hätte.

Was dann aber auffällt, ist, dass der Schreibstil der Geschichte deutlich von dem der Trilogie abweicht. Und das ergibt ja auch durchaus Sinn. Der überbordende, chaotische Stil der Trilogie  spiegelt sehr schön die Innenwelt von Juliette, der Ich-Erzählerin, wider. Als wir in die Geschichte einsteigen, hat Juliette 264 Tage Einzelhaft hinter sich, wird seit vier Jahren in Anstalten und Gefängnissen gequält, und genau so ist auch ihre Sprache: Halbsätze, Wortfetzen, Gedankensplitter, sehr reduziert. Ihre Zerrissenheit wird darüber hinaus im Roman (bzw. in der kompletten Serie) immer wieder durch durchgestrichene Sätze kenntlich gemacht. Aber je mehr Zeit sie mit Adam und den Rebellen verbringt, desto stärker verwandelt sich auch ihre Sprache und wird zunehmend „normaler“.
Bei Warner ist dies anders. Er ist aufgrund seiner Erziehung und der Umstände ein äußerst strukturiert denkender, fühlender und handelnder Charakter. Unordnung jeder Art kann er nicht ertragen; sie ist für ihn ein persönlicher Angriff auf seine Person. Und da seine Gedanken geordnet, klar strukturiert und schnörkellos sind, ist es sein Stil ebenfalls:

Mein Hirn ist ein Lagerhaus sorgsam geordneter Emotionen. Ich sehe förmlich vor mir, wie es Bilder und Gedanken aussortiert. Was mir nicht weiterhilft, wird weggepackt.

Bei Warner fällt auf, dass sein Erzählstil zunächst sehr geordnet ist, dann aber allmählich etwas unstrukturierter wird – in dem Maße, in dem er auch die Macht über seine Außen- bzw. Innenwelt ein Stückchen weit verliert:

In meinem Gesicht brechen Risse auf, pflanzen sich über die Arme fort, über den Brustkorb, die Beine.

Wichtiger ist aber sicher, dass man durch „Zerstöre mich“ mehr über die Beweggründe seines Handelns erfährt und warum er Juliette eingekerkert und beobachtet hat: Seit seiner Kindheit wird er von seinem Vater misshandelt und missbraucht (emotional und verbal). Auf Juliette wurde er durch ihre Akten aufmerksam, die ihm verrieten, dass sie eine schreckliche Kindheit und Jugend hinter sich hatte und bereits seit über 260 Tagen eingekerkert war, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren; stattdessen wirkte sie äußerlich ruhig und gelassen. Bei seinem Vater und den Männern in seinem Umfeld behauptet er jedoch, sie aufgrund ihrer besonderen Gabe als innovative Waffe nutzen zu wollen.
Doch spätestens, als er (nach ihrer Flucht) ihr Tagebuch liest, erkennt er, wie ähnlich sie einander aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen sind. Und sie hat etwas erkannt, das sonst niemand bislang erkannt hat:

Etwas in ihrem Blick gibt mir das Gefühl, wertlos zu sein – sie als Einzige scheint verstanden zu haben, dass ich innerlich komplett hohl bin. Sie hat die Risse in dem Panzer entdeckt, den ich tagtäglich tragen muss, und das lähmt mich.

Mein Fazit: Es wäre interessant gewesen, diese Geschichte vor Band 2 der Trilogie zu lesen. Aber vermutlich hätte dies ein wenig die Spannung genommen, ob Warner nun einer der Guten oder der Bösen ist. 🙂 Auf jeden Fall macht es mich erneut traurig, dass die Trilogie nach „Ich brenne für dich“ endete …

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Sarah J. Maas: Die Erwählte (Throne of Glass #1)

Celaena Sardothien ist jung, schön und schon mit 18 Jahren die berüchtigste Assassinin von Adarlan. Vor einem Jahr wurde sie an ihre Feinde verraten und zur Zwangsarbeit in einem Lager verurteilt – und da die Insassen dort nur noch eine geringe Lebenserwartung haben, ist dies ihr Todesurteil.
Doch dann taucht Chaol Westfall, Captain der Leibgarde, auf und bietet ihr eine einzige Chance zum Überleben. Der König von Adarlan, ein abgrundtief böser Mann, hat seine Vertrauten und Ratsmitglieder aufgerufen, Kandidaten aufzustellen, die sich in einen monatelangen Wettstreit liefern – der Sieger wird schließlich der „Champion“ des Königs werden. Oder mit anderen Worten: für eine bestimmte Zeit als Auftragsmörder arbeiten. Kronprinz Dorian hat für diesen Wettstreit Celaena auserwählt. Beide starten diesen Weg allerdings nicht ganz uneigennützig. Celaena kämpft um ihre Freiheit, Dorian handelt aus Trotz, will aber auch die Anerkennung seines Vaters erlangen.
Beim gemeinsamen Training mit Captain Westfall findet sie immer mehr Gefallen an dem jungen Mann. Und auch der Kronprinz lässt sie nicht kalt. Zeit, über ihre Gefühle nachzudenken, bleibt ihr allerdings nicht. Denn etwas abgrundtief Böses lauert im Dunkeln des Schlosses – und es tötet einen ihrer Konkurrenten nach dem anderen.

„Die Erwählte“ ist Band 1 der „Throne of Glass“-Reihe von Sarah J. Maas und ein durchaus gut zu lesender Fantasyroman – wenn auch sicher nicht der beste, den ich je gelesen habe. Das Buch beginnt – wie oft in Fantasyromanen der Fall – mit einer gezeichneten Karte, in der die unterschiedlichen Länder abgebildet sind, sodass man sich die Welt zumindest ansatzweise vorstellen kann.

Obwohl das Buch, wie gesagt, wirklich gut zu lesen ist, hapert es erzählerisch an der einen oder anderen Stelle. Es werden Begriffe oder Redewendungen benutzt, die m. E. nichts in einem eher mittelalterlich anmutenden Roman zu suchen haben. Ich gehe davon aus, dass ein Teil davon auf die deutsche Übersetzung zurückzuführen ist; spätestens im Lektorat hätte man Begriffe wie „Partys“ oder „ausrasten“ angemessener formulieren müssen. Auch war ich sehr unglücklich darüber, dass Ortsbezeichnungen nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Das empfand ich als sehr störend. Die Autorin erfindet ja zahllose Namen für ihre Orte und neuen Wesen, die es sowieso nicht in der Realität gibt. Warum hat sich der deutsche Verlag dann nicht dafür entschieden, auch die englischen Begrifflichkeiten zu übersetzen? Warum nennt man die „Red Desert“ in der deutschen Ausgabe nicht „die Rote Wüste“ oder den „Great Ocean“ nicht das „Große Meer“? Die „Frozen Waters“ nicht „Eiswasser“ oder „Witch Kingdom“ das „Königreich der Hexen“ oder „Hexenreich“? Warum ist Chaol der Captain der Garde und nicht der Hauptmann? Wo liegt da das Problem? In der deutschen Ausgabe von „Der Herr der Ringe“ heißt es ja auch nicht „Shire“, sondern „Auenland“ und „Hobbingen“ statt des Englischen „Hobbington“. Die Begriffe in der deutschen Ausgabe von „Throne of Glass“ zu übersetzen, wäre nun wirklich keine große oder anspruchsvolle Aufgabe gewesen.

Die Beschreibung der Welt Erilea bzw. ihrer Geschichte hätte ebenfalls durchaus breiter geschildert werden können. Ich hätte gern noch mehr politische Hintergründe erfahren oder andere Details, die mir die Welt besser erklärt hätten. Vor allem in High-Fantasy-Büchern spielt der Aufbau einer glaubwürdigen Welt eine große Rolle, wenn es darum geht, ob ich entweder völlig in die Geschichte eintauchen kann oder gar nicht erst hineinfinde. Es gab bei Maas einfach nicht genug Details dafür, dass ich jetzt sagen könnte, ob mir die Welt gefällt oder nicht. Und dass diese Welt eine sehr interessante und faszinierende Geschichte hat, kann man zumindest aufgrund der Elena-Episoden erahnen.

Mit der Protagonistin hatte ich ebenfalls streckenweise meine Probleme. Celaena wird von Beginn an als die gefürchtetste Assassinin des Landes bezeichnet. Vor zehn Jahren hat sie ihre Eltern durch einen schrecklichen Mord verloren. Arobynn Hamel, der König der Assassinen, fand sie halb ertrunken am Ufer eines eiskalten Flusses und nahm sie unter seine Fittiche. Ihr Mentor unterzog sie einer äußerst strengen Ausbildung und machte sie zu dem, was sie heute ist … Doch nur selten konnte ich ihr in dem Buch abnehmen, dass sie wirklich so furchterregend ist, dass man sie mit einem halben Dutzend Wachen umgeben muss. Stattdessen wird sie spätestens nach ihrer Ankunft im Schloss als junge Frau geschildert, die eine unglaubliche Schwäche für schöne Kleider und den Luxus hat, der sie dort umgibt. Sie liebt Partys, ist eine Leseratte und spielt unglaublich gut Klavier. Sie scheint ständig zu erröten, wenn sie Dorian erblickt, und fühlt sich auch zu Chaol hingezogen. Sie kam mir oft nur wie ein Teeniemädel vor, das die üblichen Dinge im Kopf hat. Ich habe dann versucht, über solche Passagen mit dem Gedanken „Na ja, sie ist ja erst 18 und hat vielleicht einiges nachzuholen“ hinwegzulesen. Aber nachdem ich gefühlte tausendmal davon gelesen hatte, dass sie eine höchstgefährliche Mörderin ist, auf die die Männer aber nur mit Gedanken wie „Sie ist so unglaublich schön … Ich glaube, ich bin in sie verliebt … Ich möchte sie küssen …“ reagieren, war ich dann doch etwas genervt. Vor allem nach Passagen wie der folgenden fiel es mir auch schwer, das wirklich zu glauben:

„Süßigkeiten!“ Auf einem Kissen stand eine große Papiertüte, die mit allen möglichen Leckereien gefüllt war. Es war kein Briefchen dabei, der Absender hatte nicht einmal seinen Namen auf die Tüte geschrieben. Mit einem Achselzucken und strahlenden Augen griff Celaena hinein. Sie liebte Süßigkeiten! Sie lachte vergnügt und steckte sich das erste Teil in den Mund. Stück für Stück kaute sie sich durch das ganze Sortiment … (S. 326)

Ähm, ja, essen wir einfach einmal einen Beutel Süßigkeiten, den irgendjemand in unserem Schlafzimmer hinterlassen hat – dass diese vergiftet sein könnten, weil irgendjemand ja auch die Konkurrenz aus dem Weg räumt … Who cares?! Hinzu kam dann noch, dass Celaena ihre kämpferischen Fähigkeiten auch zu wenig einsetzen kann. Ständig weist man den Leser auf ihr Können und ihre Stärke hin, aber wirklich detailliert angewendet werden diese Fähigkeiten nur an ganz wenigen Stellen. Andererseits entpuppt sie sich aber auch als eine überaus sympathische Person (was im Grunde aber erneut dem „Sie ist die schimmste Assassinin, die es in unserem Land gibt!“ widerspricht), die man als Leser durchaus gern kennenlernen möchte. Zumindest ging es mir so. Maas hat mich aber spätestens mit dem abschließenden Kampf zwischen Celaena und ihrem Widersacher Cain neugierig gemacht, was sich wirklich hinter den mysteriösen übernatürlichen Ereignissen verbergen könnte … und darauf, dass es noch eine ganze Menge an Geheimnissen zu entschlüsseln gilt.

Auch die beiden männlichen Protagonisten, Prinz Dorian und Captain Chaol, fand ich nicht wirklich überzeugend. Beide fühlen sich mehr als offensichtlich zu Celaena hingezogen und machen dies auch ständig durch unangemeldete Besuche deutlich. Dorian, der sowieso den Hofdamen zugeneigt ist, tritt hier noch deutlich forscher auf, obwohl sich auch Chaol so seine Gedanken macht … 🙂 Dass diese nächtlichen Besuche auch bei einer „normalen“ Schlossbewohnerin unangebracht wären, lasse ich hier außen vor, und auch, dass solche Besuche angesichts von Celaenas Ruf zu gefährlich wären. Würden die Gespräche, die die beiden mit Celaena bei diesen Gelegenheiten führen, die Beziehungen wirklich nennenswert vertiefen oder die Handlung weiterbringen, wäre das ein Pluspunkt gewesen; tun sie aber nicht wirklich.

Mein Fazit: Ein solider Auftakt zu einer YA-Fantasyreihe. Da einige Aspekte angerissen werden, die (hoffentlich) in den Folgebänden weiter vertieft werden (z. B. Verschwörungen, die Fae, der übernatürliche Kampf Gut gegen Böse) werde ich Band 2 noch eine Chance geben.

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Annis Bell: Die Orlow-Diamanten (Lady Jane #3)

Lady Jane und ihr Mann Captain David Wescott freuen sich auf ihre Reise nach Indien. Das Gepäck ist schon an Bord, am nächsten Morgen soll das Schiff in See stechen. Doch dann werden in London die berühmten Orlow-Diamanten gestohlen und ihr Besitzer, der russische Attaché Orlow, fällt einem heimtückischen Mord zum Opfer. Rasch verhaftet man einen ersten Verdächtigen: Es ist ausgerechnet Wescotts Diener Levi, der regelmäßigen Kontakt zu russischen Emigranten-Kreisen hatte und mit einem blutigen Mantel angetroffen wurde. Notgedrungen verschieben Lady Jane und der Captain ihre Reise, um Levi zu entlasten und an der Aufklärung des Falles mitzuwirken.
Als David plötzlich selbst unter Verdacht gerät, stellt Lady Jane sich mit dem ihr eigenen Selbstbewusstsein der Aufgabe, ihren Mann aus seiner schwierigen Lage zu befreien. Doch alles scheint sich gegen sie verschworen zu haben. Die Suche nach dem wahren Drahtzieher des Mordes von London zwingt sie zur Flucht und führt sie mitten in die revolutionären Kreise von St. Petersburg …

„Die Orlow-Diamanten“ ist Band 3 der Reihe um die unkonventionelle Lady Jane und mein absoluter Favorit der Reihe. Während Janes Recherchen zu den Kriminalfällen der beiden anderen Romane „Die Tote von Rosewood Hill“ (Band 1) und „Die schwarze Orchidee“ (Band 2) von ihrem Mitgefühl (und ihrer Abenteuerlust, ähm, Wissbegierde) angetrieben werden, steht in diesem Buch ihr Ehemann David Wescott im Zentrum des Geschehens.

Wieder liefert Bell einen sehr gut recherchierten Roman ab. Man bekommt als Leser zumindest einen kleinen Einblick in das politische Geschehen dieser Zeit, vor allem natürlich in die komplexen, fragilen Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland nach Beendigung des Krimkriegs sowie in die gesellschaftlichen Umwälzungen in Russland nach der Abschaffung der Leibeigenschaft durch Zar Alexander II. Und hier wird auch sehr schön erklärt, inwiefern auf das Ende dieser Leibeigenschaft (für Bauern) keine echte Freiheit folgte, sondern eine verschärfte wirtschaftliche Abhängigkeit, da die Bauern die Grundherren für die „Überlassung“ von Grund und Boden finanziell entschädigen mussten; auf diese Weise gerieten sie in eine schreckliche Schuldenfalle.

Auch der Kriminalfall an sich ist wesentlich komplexer als in den beiden Vorgängerbänden. Während in Band 1 relativ schnell klar war, wer hinter den Ereignissen um die verschwundenen Waisenkinder steckte, oder in Band 2 der Kreis der Verdächtigen relativ überschaubar war, steht der Leser in Band 3 genauso ratlos vor den Verbrechen wie die Protagonisten selbst: Ist Wescotts Diener Levi Atalay wirklich am Diebstahl der Diamanten und der Ermordung des Botschafters beteiligt oder verbrachte er den Abend wie üblich im Kreise anderer Exilrussen? Wer versucht, David Wescott die Tat in die Schuhe zu schieben? Steckt Devereaux dahinter, der dank der Nachforschungen von Jane und David sein Vermögen verloren hat und ins Ausland fliehen musste – und jetzt auf Rache sinnt (nachzulesen in Band 1)? Sind es Davids englische Feinde, die ihm noch für seine Rolle im Krimkrieg grollen – dass er gegen seinen Vorgesetzten ausgesagt hat? Oder stecken vielleicht alte russische Feinde dahinter, die aufgrund seiner Rolle als Geheimermittler im Krimkrieg noch eine Rechnung mit ihm offen haben? Wem können Jane und David noch trauen? Wer wird sich als Feind entpuppen – und welcher vermeintliche Feind ist vielleicht doch ein Freund? Viele dieser Fragen werden erst zum Ende der Geschichte hin geklärt, was die Spannung bis zur letzten Seite aufrechterhält.

Auch die Beziehung zwischen David und Jane entwickelt sich im Laufe des Romans weiter. Es kommt hin und wieder zum Streit (gewöhnlich in Situationen, in denen David seine Frau vor einer Gefahr bewahren will, diese aber weiterhin ihren Kopf durchsetzen möchte), die beiden haben ihre Launen, aber statt dass die Autorin diese Missverständnisse oder „atmosphärischen Störungen“ über Kapitel hinzieht, wie viele Autoren dies tun, schenkt Annis Bell ihren Figuren die nötige Einsicht. Einer – oder beide – gibt nach, man räumt Missverständnisse aus dem Weg und spricht sich aus. Die beiden gestehen sich auch ihre Liebe (was jetzt nicht wirklich eine Überraschung ist).
Aber dennoch bleiben viele Aspekte ungeklärt: Jane ahnt, dass David nicht nur unter den schrecklichen körperlichen Verletzungen leidet, die er während des Krimkrieges erlitten hat, sondern dass es zum einen noch Erlebnisse gibt, die er vor ihr verbirgt, und dass er zum anderen noch ein Stück weit unter dem leidet, was man heute wohl als PTSD bezeichnen würde. Da sie ihn liebt, leidet sie sehr darunter – und nimmt es ihm auch übel -, dass er sich ihr nicht (weiter) öffnet. Dass es ihr auch nicht gelingt, hinter den Drahtzieher der Verschwörung zu kommen, erschüttert darüber hinaus zutiefst ihre Selbstsicherheit, ihren Glauben an das Gute und ihre immer präsente Hoffnung, dass es für alle Probleme eine Lösung gibt.
Im Gegenzug steht David, der aufgrund von Erfahrungen in Kindheit und während des Krieges nicht mit einem solchen Optimismus gesegnet ist wie Jane, kurz davor aufzugeben, als sich die Schlinge immer weiter zuzieht. Er bleibt auch zunächst emotional stärker auf Distanz, um es Jane zu erleichtern, sich neu zu binden, sollte ihm etwas zustoßen oder er sich von ihr trennen (müssen). Damit ist David ein ausgesprochen wohltuender Protagonist: Er ist weder besonders schön noch charmant oder heldenhaft – er hat Stärken und Komplexe wie jeder von uns, was ihn für mich zu einem sehr sympathischen, alles andere als übermenschlichen Helden macht. Und er enthält Jane viele Informationen oder Erfahrungen vor, um nicht auch sie mit den Dämonen der Vergangenheit zu belasten.
Und am Schluss der Geschichte steht dann für jeden von ihnen die Erkenntnis, dass schlimme (noch schlimmere) Dinge hätten geschehen können, wenn sie nicht auf die selbstlose Hilfe und Freundschaft von einigen Menschen hätten bauen können, von denen sie teilweise nicht einmal gewusst haben, dass sie existieren.

Dennoch bleiben viele Fragen auch noch ungeklärt, von denen ich in einer hoffentlich bald erscheinenden Fortsetzungen Antworten erhoffe: Warum ist die Beziehung zwischen David Wescott und seinem Vater so zerrüttet? Was hat es mit seiner russischen Mutter auf sich? Werden sie Devereaux fangen und seiner gerechten Strafe zuführen?

Zwei kleinere Kritikpunkte hatte ich am Roman, jedoch betreffen diese nicht die Story oder die Erzählkunst der Autorin, sondern die Gegebenheiten vor Ort in St. Petersburg: Zweimal wird der Zar von russischen Bürgern als „Kaiser“ bezeichnet. Das halte ich eher für unwahrscheinlich. Dann begibt sich Lady Jane in der Kutsche zu einem Haus in der Nähe des Bahnhofs Zarskoje Selo (Zarendorf), um sich dort mit Revolutionären zu treffen. Zarskoje Selo befindet sich jedoch ca. 25 km von St. Petersburg entfernt. Dass sie „mal eben“ mit der Kutsche dorthin fährt (im Jahre 1861), halte ich eher für unwahrscheinlich.

Mein Fazit: Der beste Band aus der Reihe um Lady Jane. Ich hoffe sehr, dass die Autorin uns noch eine Fortsetzung schenkt!

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Annis Bell: Die schwarze Orchidee (Lady Jane #2)

bell-lady-jane2November 1860: Nach einem turbulenten Start in eine unerwartet glückliche Ehe mit Captain Wescott hat Lady Jane keineswegs vor, sich in die Rolle der braven Ehefrau zu fügen.
Nachdem sie ein Hilferuf in Form eines Briefes erreicht, reist Jane kurz entschlossen zu ihrer Freundin Lady Alison. Diese ist nach Northumbria zur ihrer Cousine Charlotte gereist, die mit dem exzentrischen Orchideenzüchter Sir Fredrick Halston verheiratet ist und abgeschieden in einem düsteren Herrenhaus lebt. In Winton Park, wie das Gut heißt, fallen merkwürdige Dinge vor, die darin gipfeln, dass eines der Dienstmädchen tot im Moor aufgefunden wird. Obwohl auch die Möglichkeit besteht, dass Alison in Gefahr ist, will sie ihre Cousine nicht verlassen. Und sie kann es auch gar nicht, da sie ein weiteres Kind erwartet und die Schwangerschaft nicht ohne Komplikationen verläuft.
David Wescott findet unterdessen heraus, dass Orchideenzüchter alles andere als harmlos sind. Als dann auch noch ein Gärtner einer der berühmtesten Orchideenhändler Londons ermordet wird, hat der Captain alle Hände voll zu tun, seiner Frau bei der Aufklärung der Todesfälle zu helfen. Und es scheint um viel mehr zu gehen als nur um eine seltene schwarze Orchidee …

„Die schwarze Orchidee“ ist der zweite Band um die abenteuerliche Lady Jane (Band 1: Die Tote von Rosewood Hall). Der Roman spielt im viktorianischen England, ist der Gattung der Cozy Mystery zuzurechnen und meines Erachtens besser geschrieben als der erste Band. Wenn David Wescott auf der Suche nach den Schuldigen durch das ärmliche London schleicht, wenn er Verbrechern und Straßenkindern begegnet, dann meint man beinahe, dies vor sich sehen zu können. In dieser Hinsicht hat der Roman definitiv qualitativ hinzugewonnen. Die Geschichte an sich bzw. der Kriminalfall an sich ist auch weitaus komplexer als „Die Tote von Rosewood Hall“ und nicht so leicht zu durchschauen.
Lady Jane ist in diesem zweiten Buch weiterhin eine überaus sympathische Heldin. Sie ist sehr selbstbewusst und wissbegierig (neugierig? 😉 ) und lässt sich auch von ihrem eigenen Mann nichts vorschreiben, ohne jedoch übertrieben emanzipiert zu sein oder auch nur den Eindruck zu vermitteln, dass sie seine Unterstützung überhaupt nicht benötigt oder nur ungern annimmt. Sie leidet etwas unter der Rolle, die sie als Frau in der Gesellschaft auszufüllen hat, und lässt sich von ihrem großen Herzen immer wieder zu gefährlichen Aktionen verleiten, wenn sie auch nie auf eine Weise aus ihrer Stellung ausbricht, die ihr die Missachtung der Gesellschaft einbringen würde:

Ihre Verärgerung war im Grunde nichts weiter als Eifersucht auf Davids ausgefülltes Leben. Während er sich mit interessanten Menschen traf und politische Probleme diskutierte, durfte sie sich um Haushaltsfragen kümmern und langweilige Besuche bei gelangweilten Damen machen.

Ihr Mann lässt sich auch nur allzu gern auf ihre kriminalistischen Bestrebungen ein, selbst wenn er weiß, dass seine Frau ihn manipuliert und ihren Kopf durchzusetzen versucht. Er selbst arbeitet für den königlichen Geheimdienst, zögert aber nicht, alles stehen und liegen zu lassen, um seiner Frau zur Seite zu stehen. Und dafür liebt sie ihn zutiefst – und David sie ebenfalls, etwas, mit dem keiner der beiden gerechnet hat, als sie ihre Vernunftehe eingegangen sind.

Die übrigen Personen bleiben etwas blass. Da ist Sir Frederick, der zwar in zweiter Ehe mit einer jungen, schwächlich und krank wirkenden Frau verheiratet ist, mit der er auch zwei Kinder hat, dessen Herz aber im Grunde nur an seinen Orchideen hängt. Die Gouvernante der Kinder, Miss Molan, die als Einzige mit dem ungezogenen Sohn der Familie zurechtzukommen scheint. Und natürlich Janes Freundin Alison, die aufgrund von Schwangerschaftsproblemen gezwungen ist, das Bett zu hüten und leider nur dazu dient, unsere Protagonistin in den Norden zu führen und auf die Spur des Kriminalfalles zu bringen – und natürlich auch den Vorwand liefert, warum Jane nicht wieder abreisen kann.

Ein großes Plus des Buches ist die Parallelhandlung, die aus Briefen bestehen, welche Sir Frederick von seinem Orchideenjäger Derek Tomkins erhält. Dieser ist in Kolumbien auf der Suche nach der sagenumwobenen schwarzen Orchidee und schildert seinem Arbeitgeber seine Abenteuer, Herausforderungen und Erfolge. Während man zunächst annimmt, dass diese Passagen nur Sir Fredericks Obsession mit Orchideen veranschaulichen sollen oder dass die Orchideenjagd damals ein lukratives, aber äußerst gefährliches Unterfangen war, stellt sich am Ende heraus, dass doch alles ganz anders ist als angenommen. Aber mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Mein Fazit: Unterhaltsamer kleiner Krimi mit zwei überaus sympathischen Protagonisten. Mir persönlich hat er Lust auf Band 3 gemacht.

Veröffentlicht in Belletristik

Patrick Rothfuss: Der Name des Windes

Kvothe ist der Sohn fahrender Spielleute. Als er eines Tages – er ist gerade 12 Jahre alt – im Wald für seine Mutter Salbei pflückt und verspätet ins Lager zurückkehrt, findet er dieses verwüstet vor. Seine Eltern und die anderen tot, ermordet von den geheimnisvollen Chandrian. Um ihnen auf die Spur zu kommen, riskiert Kvothe alles. Er lebt drei Jahre als Straßenjunge in der Hafenstadt Tarbean, bis er den Entschluss fasst, um Aufnahme im Arkanum zu bitten, der Universität für hohe Sympathie (Magie). Von einem Namenszauber – dem Namen des Windes -, der ihn als Kind fast das Leben gekostet hätte, erhofft sich Kvothe die Macht, das Geheimnis der sagenumwobenen Dämonen aufzudecken und sich an diesen zu rächen …

„Der Name des Windes“, das Erstlingswerk des Amerikaners Patrick Rothfuss, stand schon seit sieben Jahren in meinem Bücherregal, und seit Jahren sagten mir alle Fantasyfans, dass ich dieses Buch unbedingt lesen müsse … Wahrscheinlich stand es deshalb so lange ungelesen herum, da ich zum einen Respekt vor diesem etwa 850 Seiten dicken Schmöker hatte, zum anderen hatte ich Angst, enttäuscht zu werden. Zu oft habe ich schon erlebt, dass mir jemand (oder mehrere Jemande) begeistert von einem Buch oder einer Reihe erzählt hat und ich dann mit der jeweiligen Geschichte doch nichts anfangen konnte. Schließlich habe ich das Buch von Rothfuss doch zur Hand genommen. Mein erster Gedanke nach den ersten Kapiteln war: Verflixt, ist das gut geschrieben! Der zweite: Verflixt, das ist ja nur der Auftaktband zu einer Trilogie!

Das Buch handelt von dem Musiker, Magier und (offenbar – da im ersten Buch noch nicht thematisiert) Königsmörder Kvothe, der die Geschichte seines Lebens einem Chronisten diktiert. Dies zieht sich augenscheinlich über drei Tage hin, wobei „Der Name des Windes“ den ersten Tag abdeckt. Tag 2 wird in dem Doppelband „Die Furcht des Weisen“ erzählt; Tag 3 ist noch nicht erschienen.
Kvothe ist Mitglied einer fahrenden Truppe, der Sprössling von Menschen, die es verstehen, Geschichten zu erzählen und so die Aufmerksamkeit der Zuhörer und Zuschauer zu fesseln. Und genau das gelingt Rothfuss auch. Sein Roman ist einerseits recht gradlinig erzählt. Damit meine ich, dass er sich nicht in irgendwelchen Nebensächlichkeiten oder Beschreibungen von Dingen verliert, um „mit aller (literarischen) Gewalt“ eine Atmosphäre zu erschaffen. Nur gelegentlich hatte ich das Gefühl, dass Worte verwendet werden bzw. dass es Aspekte gibt, die dieser eher mittelalterlichen Welt einfach nicht angemessen sind. Zum Beispiel die Drogenproblematik. Andererseits versteht Rothfuss es aber, Emotionen auf eine Weise zu beschreiben, dass man ihm nur mit offenem Mund folgen kann. Bestes Beispiel sind sicher die beiden Kapitel über die drei unterschiedlichen Arten von Stille (Prolog und Epilog): Die erste Stille ist die Stille, die entsteht, wenn kein Geräusch zu vernehmen ist. Der Wind weht nicht, es sind keine Menschen versammelt, die fröhlich miteinander plaudern oder Musik machen. Die zweite Stille beschreibt die Stille zwischen zwei Männern, die beisammensitzen, sich zwar unterhalten, aber über das Wesentliche bewusst schweigen, wodurch sie der Stille etwas Mürrisches geben. Die dritte Stille ist tiefer, schweigender, bedeutungsschwanger, aber nicht weniger greifbar; sie schweigt über das Entsetzliche, das geschehen ist, und ist eine Vorbotin des Todes.

Ebenfalls gelungen ist Rothfuss die Charakterisierung der Figuren. Sie sind sehr anschaulich und facettenreich beschrieben, nur wenige sind einfach nur eindimensionale Gestalten. Rothfuss verpasst seinem Protagonisten eine sehr detailreiche und authentische Hintergrundgeschichte, aber diese Beschreibungen werden nicht schlicht als Informationen vermittelt, sondern fließen ungemein organisch in die Handlung ein. Kvothe stammt, wie gesagt, von Spielleuten ab und wächst in den ersten zwölf Jahren in einer Atmosphäre der Liebe und Zuneigung auf; Fröhlichkeit, Herzlichkeit, Kreativität und Wissbegierde zeichnen seine Kindheit. Schon früh bringen ihm seine Eltern und die anderen Mitglieder seiner Truppe auf natürlichem Wege alles bei, was er als Spielmann wissen muss. Als die Truppe dann einen Arkanisten (Wissenschaftler & Magier) aufnimmt, unterweist auch dieser ihn in seinen Fähigkeiten, wobei Kvothe sich als Naturtalent entpuppt. Nach dem Unglück lebt er einige Jahre als Straßenkind in Tarbean, wo er weitere Fähigkeiten entwickelt, die ihm später zugutekommen werden, und wo er sich in der kalten Atmosphäre des täglichen Überlebenskampfes auch rein menschlich weiterentwickelt. Wiederum drei Jahre später gelingt ihm die Aufnahme in das Arkanum, wo er die gelernten Fähigkeiten durch neue Kenntnisse erweitert und sein Charakter durch Herausforderungen und neue Erfahrungen ein weiteres Mal geformt wird. Kvothe entpuppt sich zwar bei all dem als resistenter, hyperintelligenter Überlebenskünstler mit großem Herz, ist aber dennoch nicht perfekt und hat, wie wir alle, seine Schwächen und Makel: Er trifft übereilte Entscheidungen, ist hin und wieder ausgeprochen naiv, stößt Menschen durch seine Art vor den Kopf und macht sich so Feinde etc., womit er in vieler Hinsicht eine erfrischend „normale“ Figur mit hohem Identifikationspotenzial ist.
Die zweite für die Handlung wichtige Figur ist sicher Denna, zu der ich aber ein etwas gespaltenes Verhältnis hatte, weil ich mir ihr Verhalten größtenteils nicht wirklich erklären konnte. Oft habe ich mich gefragt, ob sie schlicht eine Überlebenskünstlerin ist, die eben tut, was sie tun muss, ob sie in vieler Hinsicht naiv und unbedarft ist oder ob es da Informationen gibt, die mir als Leser (und Kvothe ebenfalls) einfach noch nicht zur Verfügung stehen. Sie ist wunderschön, wodurch sie die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich zieht und sich so ihr Überleben sichert. Natürlich erobert sie auch Kvothes Herz, dessen sie sich durchaus bewusst ist; andererseits lässt sie ihn aber in gewisser Hinsicht am ausgestreckten Arm verhungern und verschwindet für Wochen, ohne sich bei ihm zu melden – um dann mit einem neuen „Gönner“ aufzutauchen. Da Protagonisten in Romanen oft einfach zu perfekt sind, zu fehlerlos, ist sie damit aber ebenfalls eine erfrischend facettenreiche Gestalt, denn wer von denen, die diese Bücher lesen, ist denn schon so perfekt wie die Figuren in einer Geschichte?

Die hohe erzählerische Qualität des Romans zeigt sich aber nicht nur bei der Charakterzeichnung. Auch die Handlung selbst überzeugt. Rothfuss führt den Leser gemeinsam mit Kvothe an die unterschiedlichsten Orte und erweckt diese regelrecht zum Leben: zu einer Truppe von Spielleuten und auf die schmutzigen Straßen (und Dächer) der Stadt Tarbean, in die „magische Universität“ (die sich beim Bau neuer Gebäude so unerbittlich und chaotisch ausgedehnt hat, dass man einige Räume gar nicht mehr oder nur über sehr verschlungene Wege erreicht), in die unterschiedlichsten Schenken, in denen Kvothe lebt oder sich ein wenig Geld verdient, oder in das Hinterland, wo Kvothe nicht nur Spuren von den Chandrian findet, sondern auch einen Drachen trifft … Überall begegnet er neuen Menschen, steht vor neuen Herausforderungen, erlebt neue Abenteuer, muss um sein Überleben kämpfen.  Und all das wird von Rothfuss so natürlich und gleichzeitig packend geschildert, dass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen.

Mein Fazit: „Der Name des Windes“ ist tatsächlich einer der besten (Fantasy-)Romane, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Jetzt weiß ich, warum alle Fantasyfans schon seit Jahren davon schwärmen, und werde mir auch die beiden Folgebände zu Gemüte führen.