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Kage Baker: Die Frauen von Nell Gwynne’s

baker-frauen-nell-gwynnesLady Beatrice ist eine Tochter aus gutem Hause. Ihr Vater, ein britischer Offizier, ist in Indien stationiert, kommt jedoch mit allen seinen Männern auf einem Einsatz ums Leben – Lady Beatrice, die ihn dorthin begleitet hat, wird gefangen genommen, missbraucht. Doch es gelingt ihr, ihre Entführer zu töten und nach mithilfe alter Freunde ihres Vaters nach England zurückzukehren. Doch aufgrund der Tragödie ist sie dort im frühviktorianischen London nicht länger willkommen. Sie ist gezwungen, der einzigen Beschäftigung nachzugehen, die sich einer Frau wie ihr eröffnet.
Doch Lady Beatrice ist kein gewöhnliches leichtes Mädchen und so wird sie sehr bald für das diskrete Etablissement „Nell Gwynne’s“ rekrutiert. „Nell Gwynne’s“ ist weit mehr als nur das beste und exklusivste Bordell in Whitehall. In Wirklichkeit ist es die Schwesterorganisation der „Spekulativen Gesellschaft der Gentlemen“, bei der es sich wiederum um eine Art Geheimdienst handelt.
Als ein Mitglied dieser Gesellschaft auf einem Sondereinsatz vermisst wird, nehmen Lady Beatrice und ihre „Schwestern“ die Ermittlungen auf …

„Die Frauen von Nell Gwynne’s“ ist eine unterhaltsame Steampunk-Krimi-Erzählung, sehr kurzweilig und actionreich. Sie wirkt gut geschrieben und lässt sich innerhalb von ein, zwei Stunden durchaus verschlingen. Bei der Beschreibung und dem Einsatz der Gadgets fühlt man sich so manches Mal an „James Bond“ erinnert. Die für den Steampunk so typischen anachronistischen technologischen Spielereien, die den „Ermittlerinnen“ zur Verfügung stehen, scheinen direkt aus dem Fundus eines frühviktorianischen Q entsprungen zu sein. Und vermutlich ist das das einzig Positive, das man über diese Erzählung sagen kann. Das Büchlein hat zwar 160 Seiten, aber da der Verlag eine relativ großzügige Schriftgröße verwendet hat und alle Kapitel auf einer rechten Seite beginnen und die vorangehende Seite ggf. vakat ist, nimmt die eigentliche Geschichte deutlich weniger Umfang in Anspruch.

Die Geschichte an sich hätte durchaus Potenzial, aber da es sich dabei, wie gesagt, nur um eine Erzählung handelt, kommen viele Elemente einer guten Geschichte zu kurz: Eingehendere Charakterbeschreibungen der handelnden Figuren gibt es keine. Alles konzentriert sich auf das eine Abenteuer, in dessen Rahmen eine Reihe von „Mitarbeiterinnen“ des Edelbordells „Nell Gwynne’s“ den Auftrag erhält, zum einen den verschwundenen Mitarbeiter einer Secret-Service-artigen Gesellschaft zu finden – und zum anderen herauszubekommen, was es mit der geheimnisvollen technologischen Erfindung auf sich hat, die ein britischer Adliger meistbietend an Vertreter ausländischer Mächte verkaufen will. Als Prostituierte in einem Edelbordell erlangen sie dazu Zugang – und durch eine Orgie gelangen sie auch bis in die Schlafzimmer der betreffenden Herren. Allerdings sind diese Passagen zwar amüsant, aber in etwa so prickelnd und erotisch wie eine Wetterstandsmeldung. Auch hier hätte man definitiv mehr aus der Geschichte herausholen können.

Aufgrund der Inhaltsangabe könnte man darüber hinaus annehmen, dass Lady Beatrice die Hauptfigur ist. Ihre Lebensgeschichte wird dem Leser breit präsentiert. Und diese ist auch wirklich sehr faszinierend und bietet Stoff für einen eigenen Roman.  Aber im weiteren Verlauf der Handlung wäre es völlig gleichgültig, ob eine Leiche von ihr gefunden wird oder von einer ihrer Kolleginnen, ob sie einen Gegner ausschaltet oder ihre Vorgesetzte … Nominell ist sie die Protagonistin – faktisch ist sie es nicht. Betrachtet man die Geschichte im Gesamten, müsste man sogar sagen, dass ihre Lebensgeschichte für die eigentliche Handlung völlig gleichgültig ist. Dass sie aufgrund ihrer Vergangenheit emotional distanziert und abgebrüht ist, dass sie bereit ist, auch Unangenehmes zu tun, Menschen auszuschalten oder zu vernichten – das ist sicher etwas, das sowohl ihre Vorgesetzte als auch ihre Kolleginnen auszeichnet. Und von einer besonderen Intelligenz, die erwähnt wird, ist auch wenig zu spüren – zumindest nicht unbedingt mehr als z. B. Mrs. Corvey, die Leiterin des Bordells.

Auf der Wikipedia-Seite zur mittlerweile verstorbenen Autorin kann man lesen, dass sie nach ihrem Tod posthum für diese Kurzgeschichte sowohl mit dem Nebula Award als auch mit dem Locus Award ausgezeichnet wurde. Warum, ist mir ehrlich gesagt ein großes Rätsel.

Mein Fazit: Eine Verschwendung von Lebenszeit und hart verdientem Geld. 😉

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Pip Ballantine & Tee Morris: Books & Braun – Die Janus-Affäre

books-und-braun-2Nachdem Archivar Wellington Books und die degradierte Ex-Feldagentin Eliza Braun (klammheimlich und absolut unerlaubt) das britische Empire vor einer gefährlichen Geheimgesellschaft gerettet haben, dürfen sie erst einmal kein weiteres Aufsehen erregen.
Doch auf einer Zufahrt nach London stolpert plötzlich eine verängstigte junge Frau in ihr Abteil, nur um sich einen Moment später in einem infernalischen Lichtblitz in Luft aufzulösen. Wie Eliza bald herausfindet, sind auch andere Frauen auf diese Weise verschwunden, und alle Opfer haben sich für die Frauenrechte engagiert. Offenbar wurde keiner der Fälle ernsthaft untersucht, sondern von Elizas und Wellys verhasstem Kollegen Bruce Campbell im Archiv „vergraben“. Eliza und Wellington wittern eine Verschwörung und machen sich – erneut klammheimlich – selbst daran, den ungeheuerlichen Vorkommnissen auf den Grund zu gehen. Ein schwieriges Unterfangen, denn zum einen steht Elizas Job auf dem Spiel: Sie darf sich eigentlich nicht noch einmal in unautorisierte Außeneinsätze stürzen. Und zum anderen scheint Bruce nicht einfach nur etwas arbeitsfaul, sondern wirklich in die Sache verwickelt zu sein.
Bald wird klar, dass sie es mit einem teuflisch cleveren Gegenspieler zu tun haben – doch auch Wellington Thornhill Books ist nicht auf den Kopf gefallen, und Miss Eliza D. Braun hat immer einen explosiven Trick auf Lager, wenn es mal richtig brenzlig wird … Ganz zu schweigen davon, dass die beiden auch bereit sind, sich mit ihren Feinden zu verbünden, um den unbekannten Gegenspieler unschädlich zu machen.
Auf der rein zwischenmenschlichen Ebene wird das Ganze noch komplizierter, als Kate Sheppard, die große neuseeländische Frauenrechtlerin und Elizas Mentorin, in London auftaucht, um dort ihre Schwestern im Geiste zu unterstützen. Im Schlepptau hat sie ihren Sohn Douglas, einen Charmeur und Abenteurer – und Elizas große Jugendliebe. Wellington ist alles andere als begeistert, als der Strahlemann alles tut, um Eliza wieder auf seine Seite zu ziehen – denn diese scheint gar nicht so abgeneigt zu sein.

„Die Janus-Affäre“ ist Band 2 der Reihe um die beiden Agenten des Londoner Ministeriums für Eigenartige Vorkommnisse (Band 1: Das Zeichen des Phönix) – ein überaus gegensätzliches Agenten-Gespann. Das ist eigentlich nichts Neues – solche Paarungen kennen wir schon aus „Akte X“ oder „Castle“; dennoch sind hier die traditionellen Rollen vertauscht: Die Neuseeländerin im Exil Eliza Braun geht nie ohne Waffe aus dem Haus und ist immer bereit, auch gegen die Anweisungen ihrer Vorgesetzten Nachforschungen anzustellen, wenn sie irgendwo ein Verbrechen vermutet. Vor allem, wenn Freunde von ihr von diesen Verbrechen betroffen sind. Das hat ihr bereits eine Strafversetzung in das Archiv des Ministeriums eingebracht, wo sie nun die Partnerin des überaus peniblen Wellington Brooks ist. Doch leider hat ihre Strafversetzung nicht den gewünschten Effekt: Statt ein bisschen mehr so zu werden wie Welly – Vorschriften liebend und gehorsam -, färbt ihre Abenteuerlust auf den braven Welly ab, der entdeckt, dass es auch einmal ganz schön sein kann, sein muffiges Archiv zu verlassen. Gespickt sind ihre Abenteuer mit unzähligen witzigen Dialogen der beiden gegensätzlichen Figuren, die unbewusst begonnen haben, ihr Gegenüber und seine Eigenheiten zu schätzen – und darüber hinaus auf dem besten Weg sind, sich sehr zu ihrem eigenen Erstaunen ineinander zu verlieben. Kurzum: Bei den beiden handelt es sich um unglaublich sympathische Charaktere, deren Interaktion man atemlos und so manches Mal lachend folgt.
Auch die Story selbst ist wieder sehr actionreich, enthält unerwartete Wendungen und in den sogenannten „Zwischenspielen“ auch immer wieder Hinweise auf eine übergeordnete Verschwörung, die zwar indirekt etwas mit dem aktuellen Fall zu tun hat, aber weit darüber hinaus reicht. Der eigentliche Kriminalfall enthält Elemente, denen reale Geschehnisse der viktorianischen Zeit zugrunde liegen (Frauenrechtsbewegung im Vereinigten Königreich, Imperialismus, Kriege), ist aber überraschend, „steampunkig“ und facettenreich genug, um den Leser zu fesseln. Ganz zu schweigen von einem actionreichen Finale in gefährlichen Höhen, währenddessen man endgültig erkennt, dass unser Held Wellington Books viel mehr ist als nur ein langweiliger Archivar – er ist eben keine „Damsel in Distress“, wie man glaubte. Aber erneut werden nicht alle Handlungsfäden bis zum Ende aufgelöst. Die Story bietet wie gesagt noch genügend nicht gelüftete Geheimnisse und offene Handlungsstränge, um den Leser atemlos auf die Fortsetzung warten zu lassen, die 2013 unter dem Titel „Dawn’s Early Light“ zumindest auf Englisch erscheinen soll.
Mein Fazit: Wenn man Bond und Sherlock Holmes in einen Topf werfen würde, kämpfe vermutlich „Books & Braun“ heraus – unbedingt lesen! Wehe, ich muss wieder ein Jahr auf die Fortsetzung warten! Und könnte bitte jemand einen Film draus machen? 🙂

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Scott Westerfeld: Goliath (Leviathan-Trilogie 3)

westerfeld-goliathNach ihren Abenteuern im Osmanischen Reich, wo sie befreundete Rebellen dabei unterstützt haben, die Regierung zu stürzen, sind Alek und Deryn wieder auf der „Leviathan“, die jetzt die Neue Welt ansteuert: New York, Kalifornien und Mexiko lauten die Ziele. Doch vorher müssen sie noch einen Zwischenstopp in Tunguska/Russland einlegen und den Erfinder Nikola Tesla an Bord holen, der dorthin gereist ist, um das Ergebnis eines wissenschaftlichen Versuches zu begutachten: einer Maschine, die die kosmischen Wellen in der Erdatmosphäre bündelt und in eine schreckliche Vernichtungswaffe verwandelt, die ganze Städte auslöschen kann – „Goliath“. Aleks Bemühungen, den Krieg zu beenden, scheinen mehr denn je zum Scheitern verurteilt, und so verbündet er sich mit Tesla, in der Hoffnung, dass schon die Drohung mit einer so entsetzlichen Waffe die Deutschen und ihre Verbündeten von ihren kriegerischen Bestrebungen abhält.
Inmitten tödlicher Intrigen und verwirrender Geheimnisse müssen er und die als Junge verkleidete Deryn sich schließlich dem Letzten stellen: der Stunde der Wahrheit. Denn endlich erkennt auch Alek, dass sein bester Freund eigentlich ein Mädchen ist …

„Goliath“ ist der Abschlussband der Steampunk-Trilogie „Leviathan“ des Amerikaners Scott Westerfeld und wieder eine wunderbare Mischung aus tatsächlichen historischen Ereignissen und Personen und fiktiven Geschehnissen und Figuren: In Tunguska schlug tatsächlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Meteorit ein, der dort für Zerstörung sorgte. Der Serbe Nikola Tesla war tatsächlich ein großer Erfinder und Elektroingenieur, der u. a. an Todesstrahlen arbeitete, um Kriege überflüssig zu machen. Auch Randolph Hearst, Joseph Pulitzer und Pancho Villa sind nicht das Ergebnis von Westerfelds Fantasie, sondern bekannte historische Persönlichkeiten …
Aber natürlich gilt das nicht für die beschriebenen Erfindungen: Es gibt keine fliegenden Luftschiffe, die eine Mischung aus Tier und Maschine darstellen wie die „Leviathan“, keine Flechette-Fledermäuse, die metallene Nägel fressen, mit denen sie dann die Gegner aus der Luft „beschießen“, oder Wasserwanderer, mit denen man sich im Meer fortbewegen kann. Aber gerade die facettenreiche, fantasievolle Welt der Darwinisten und Maschinisten überwältigt den Leser auch in „Goliath“ wieder und ist ein echtes Plus der gesamten Trilogie. Westerfeld denkt sich im Gegensatz zu vielen anderen Autoren dieses Genres nicht nur zwei, drei „neue“ Maschinen, Wesen oder Waffen aus, sondern erschafft eine glaubwürdige „historisch-futuristische“ Welt, die bis ins Letzte glaubwürdig ist und logisch funktioniert.
Da einige seiner Wesen/Maschinen doch sehr … ungewöhnlich sind, helfen dem Leser die unzähligen Illustrationen von Keith Thompson auch in diesem letzten Band wieder, sich die fantastische Welt vorzustellen. Und wieder gilt: Die Illustrationen sind das Beste, das mir seit Langem in diesem Bereich untergekommen ist. Kongenial lassen sie auch optisch Westerfelds Romanwelt und -figuren lebendig werden.
Auch die Handlung selbst ist wieder sehr spannend und hat einen gut durchdachten Spannungsbogen. Der Autor hat so viele Ideen eingebracht, dass Langeweile eigentlich nie aufkommt – unsere Helden treffen immer wieder neue Personen, begegnen (für den Leser neuen) Wesen und Maschinen und erleben neue aufregende Abenteuer, denen man als Leser stellenweise mit offenem Mund folgt. Positiv fällt ebenfalls auf, dass es kein zuckersüßes Happy End gibt, bei dem Alek als Kaiser seines Heimatlandes und Deryn als Kaiserin an seiner Seite endet (sorry, für den kleinen Spoiler). Es wird glaubwürdig vermittelt, dass solche Abenteuer Konsequenzen haben und Leben und Menschen verändern. Und dass man manchmal Opfer bringen muss …
Ein kleines Manko des Buches: Wie leider in vielen YA-Romanen schafft es der Autor nur begrenzt, die Gefühlswelt seiner (Haupt-)Figuren anschaulich zu beschreiben. Auch hier fand ich es wieder etwas problematisch, dass Alek in gewisser Hinsicht „plötzlich“ entdeckt, dass er sich zu Deryn hingezogen fühlt – aber wirklich nachempfinden konnte ich als Leser das nur begrenzt. Es war offensichtlich, dass dies geschehen würde, aber wirklich glaubwürdig fand ich die emotionale Entwicklung stellenweise nicht.

PS: An einigen Stellen fand ich die Übersetzung etwas „un-deutsch“ und holprig, und man konnte dem deutschen Text exakt entnehmen, wie der englische Originalsatz gelautet hat. Erstaunlicherweise fiel mir dies nicht bei den komplexen Beschreibungen der Neuerungen auf, die sicher für den Übersetzer eine echte Herausforderung waren (!), sondern in „normalen“ Konversationen und bei kurzen Sätzen. Hier hätte ich mir manchmal etwas mehr Sorgfalt gewünscht.

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Pip Ballantine / Tee Morris: Books & Braun – Das Zeichen des Phönix (Band 1)

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Eliza D. Braun, Agentin der Krone und strafversetzte Neuseeländerin im Londoner Exil, und Wellington „Welly“ Books, Archivar des Ministeriums für Eigenartige Vorkommnisse und ein überaus gewissenhafter Zeitgenosse.
Mr Books ist durchaus dankbar, dass Eliza ihn unter großzügigem Einsatz von Dynamit aus der Hand seiner Feinde befreit hat – allerdings lässt sie seiner Meinung nach einiges an Manieren zu wünschen übrig, die man von einer Dame erwarten würde. So ist Books zunächst wenig begeistert, als Eliza wegen ihrer unkonventionellen Methoden dazu verdonnert wird, ihm im Archiv zur Hand zu gehen. Und wie befürchtet, ist es mit seiner geliebten Ruhe und Ordnung auch bald vorbei, denn Miss Braun beginnt in ihrer Rastlosigkeit, alte ungelöste Fälle auszugraben, die längst zu den Akten gelegt wurden.
Einer davon hat sie vor einiger Zeit auch ihren alten Partner Harry gekostet. Als nämlich an der Themse einige blutleere und ausgeweidete Leichen gefunden wurden, hatte dieser auf eigene Faust recherchiert. Doch seine Untersuchungen führten zunächst zu seinem Verschwinden, dann fand man ihn in einer Gasse wieder – wahnsinnig geworden. Eliza beginnt mithilfe von Harrys Aufzeichnungen, ebenfalls gegen die Vorgaben ihres Vorgesetzten zu ermitteln. Und natürlich kann Welly als englischer Gentleman seine neue Partnerin nicht allein losziehen lassen.
Die beiden finden heraus, dass das Verschwinden einiger Fabrikarbeiter und der Fund entstellter Leichen in Verbindung zu einem uralten Bund stehen. Bewaffnet mit Books‘ scharfem Verstand und Elizas gefährlichem Charme (samt ihrem kugelsicheren Korsett!) ziehen sie los, um in den dunklen Gassen Londons zu ermitteln. Schon bald kommen sie einer infernalischen Verschwörung auf die Spur, die Reich und Krone in höchste Gefahr bringen können. Und diese Entdeckung könnte auch sie das Leben kosten.

„Books & Braun – Das Zeichen des Phönix“ ist Band 1 einer Steampunk-Reihe um ein sehr gegensätzliches, aber nichtsdestotrotz aufregendes Team: die neuseeländische Agentin Eliza D. Braun und den peniblen Archivar Wellington „Welly“ Books, die beide für das Ministerium für Eigenartige Vorkommnisse in London arbeiten. Eliza wurde dorthin strafversetzt, weil sie eine zu große Vorliebe für Dynamit hat und es hasst, sich an die Vorschriften zu halten. Doch als sie dann auch noch den unauffälligen Archivar aus der Hand seiner Entführer befreit, die ihn in die Antarktis verschleppt haben (warum das Haus Usher gerade ihn entführen ließ, ist den beiden allerdings ein Rätsel), obwohl sie eigentlich den Befehl hatte, diesen zu töten, da er zu viele Geheimnisse des Ministeriums kennt, wird ihre Strafe noch verschärft. Sie landet bei Welly im Archiv, wo sie dem gewissenhaften Beamten helfen soll, Akten zu ordnen und Funde zu katalogisieren. Und die Gegensätzlichkeit dieser beiden Charaktere liefert natürlich im Verlauf Stoff für witzige Dialoge, unerwartete Wendungen und überraschende Offenbarungen.
Und die beiden Autoren brauchen nicht lange, um diese „Spannungen“ einzuführen. Sie halten sich nicht länger mit irgendwelchen Einführungen oder weitschweifenden Erklärungen und Beschreibungen darüber auf, wie ihre Romanwelt funktioniert – Ballantine und Morris werfen den Leser gleich kopfüber in die im wahrsten Sinne des Wortes explosive Geschichte. Und der Leser kommt in den dann folgenden insgesamt 32 Kapiteln auch nicht mehr dazu, Luft zu holen, folgt doch eine Verfolgungsjagd der nächsten, erwarten den Leser Messerkämpfe auf Opernbühnen, Folterszenen in Verliesen oder Auseinandersetzungen mit mysteriösen Gegnern. Und es zeigt sich, dass Eliza gar nicht so undamenhaft ist (auch wenn sie es weiterhin liebt, ihren gefasst wirkenden Welly aus dem Gleichgewicht zu bringen) und dass auch Wellington ein alles andere als unschuldiger, harmloser Stubenhocker ist. Das Schöne am Zusammenspiel dieser beiden mysteriösen Figuren ist, dass die Autoren auf mögliche 6szenen verzichten, die anderen Autoren so gern einbauen, wenn ihnen nichts Vernünftiges mehr einfällt. Natürlich gibt es gewisse 6uelle Spannungen zwischen den beiden, aber diese werden bis zum Ende des vergnüglichen Romanes nicht aufgelöst.
Auch die Story selbst ist ein echtes Vergnügen: Der eigentliche Kriminalfall ist überraschend, „steampunkig“ und kreativ genug, um den Leser zu fesseln. Ganz zu schweigen von einem actionreichen Finale, währenddessen man den Roman gar nicht aus den Händen legen möchte, um ja keine Explosion oder keinen Schusswechsel zu verpassen. Aber nicht alle Handlungsfäden lösen sich bis zum Ende auf. Die Story bietet noch genügend nicht gelüftete Geheimnisse und offene Handlungsstränge, um den Leser atemlos auf die Fortsetzung „Die Janus-Affäre“ warten zu lassen, die im Dezember erscheinen soll.
Mein Fazit: Unbedingt lesen!

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Meljean Brook: Die Eiserne See – Wilde Sehnsucht

Zwei Jahrhunderte lang lebte England unter dem grausamen Joch der Mongolen. Die Bewohner Englands wurden mit Naniten infiziert, durch die sie von den Herrschern steuerbar waren. Was u. a. auch zu Vergewaltigungen führte. Der Pirat Rhys Trahaearn befreite das Land schließlich aus dem Griff des Feindes und wurde dadurch zum Volkshelden. Und in den Adelsstand erhoben. Inzwischen wird er der Eiserne Herzog genannt und gehört zu den einflussreichsten Männern Englands. Als von einem Luftschiff eine Leiche vor seiner Tür abgeworfen wird, nimmt die Inspektorin Mina Wentworth die Ermittlungen auf. Mina ist das Ergebnis einer Vergewaltigung ihrer Mutter durch Mongolen und leidet aufgrund ihres fremdländischen Aussehens unter dem Hass ihrer Umwelt. Sie ist gleich fasziniert von dem attraktiven Herzog, weiß aber auch, dass sie sich auf ein Spiel mit dem Feuer einlässt. Der rätselhafte Mordfall bringt die beiden auf die Spur einer Verschwörung, die ganz England bedroht.

Meljean Brooks erster Band der „Die Eiserne See“-Reihe gehört zum Steampunktgenre, enthält aber auch eine Liebesgeschichte, Krimi- und Horrorelemente (Zombies). Und im Grunde war ich von allen Bereichen enttäuscht, da die Autorin nichts konsequent durchzieht. Die Steampunkelemente sind interessant: Die Mongolen haben vor zwei Jahrhunderten die britische Insel überfallen, die Bewohner mit Naniten infiziert, durch die diese dann zwar eine gute Gesundheit hatten (weil die Naniten Verletzungen reparieren können), aber durch bestimmte Geräte auch zu hilflosen, steuerbaren Männern und Frauen wurden. Seefahrt findet mittlerweile auch am Himmel statt, was dem Ganzen einen exotischen Touch gibt. Aber wirklich detailliert beschrieben wird dieser Teil nicht, und irgendwann hätte alles auch genauso gut im „normalen“ viktorianischen Zeitalter spielen können.
Die Krimielemente werden auch interessant eingeführt, und die grundlegende Idee einer großen Verschwörung ist auch wirklich kreativ – aber auch hier hapert es an der Umsetzung, da die Autorin sich in der Liebesgeschichte verliert und den Krimi eher nachlässig behandelt.
Und was die Horrorelemente angeht: Durch Naniten in Zombies verwandelte Menschen – super Idee. Aber ich kann mich an keine Szene erinnern, wo die Zombies mal detaillierter beschrieben werden. Auf mich wirkten sie mehr wie nette Füller, eine nette Idee. Schwach.
Aber die … nennen wir es „Liebesgeschichte“. Meljean Brook hat etwas geschafft, das schon lange kein Autor mehr geschafft habe: Ich habe das Buch an einem Punkt zugeschlagen und konnte mich auch in den folgenden Wochen nicht dazu durchdringen, mehr als ein, zwei Kapitel weiterzulesen. So sehr habe ich mich über eine bestimmte Sache geärgert. Worum geht es? Mina ist, wie oben beschrieben, das Resultat einer Vergewaltigung, und da sie ebenfalls mit Naniten infiziert ist, ist sie ebenfalls schon Opfer von Vergewaltigungen geworden. Als sie unseren Helden Rhys Trahaearn kennenlernt, besteht sofort eine sexuelle Anziehung zwischen den beiden. Was auch zunächst einmal kein Problem darstellt. Ein Problem bekomme ich aber dann, wenn der Held die Heldin im Grunde vergewaltigt, obwohl sie vor Angst weint und ihm immer wieder sagt, dass er aufhören soll, er dem aber keine Beachtung schenkt … Und wenn dieser „Akt“ dann noch dazu führt, dass die Heldin im Grunde dankbar dafür ist (denn er war ja schließlich angetrunken und eigentlich wollte sie es ja auch) und zwei Nächte später in sein Bett kommt, weil sie es nun richtig machen will … ICH GLAUB, ES HACKT!? Ab diesem Zeitpunkt „beglückt“ die Autorin die Leser dann mit einer Liebesszene nach der anderen, sodass die eigentliche Story zunehmend in den Hintergrund tritt, und ich manchmal den roten Faden verloren habe, weil der Kriminalfall irgendwann nur noch als Füller zwischen Bettszenen diente. Und beschrieben werden diese Szenen mit Worten, die in einem Steampunkroman eigentlich nichts zu suchen haben. Eher in einem billigen Erotikroman. Wenn die detaillierten Beschreibungen von Brook wenigstens irgendwie erotisch gewesen wären – meinetwegen. Aber sie ist in diesem Punkt weder fantasievoll noch abwechslungsreich. Und wenn dem Helden nichts anders einfällt, als ständig das Wort „vög***“ zu verwenden und Sex als das Allheilmittel gegen alles zu propagieren … meine Güte.

Mein Fazit: Weg mit dem Buch. In die Mülltonne.

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Gail Carriger: Glühende Dunkelheit (Lady Alexia 1)

Miss Alexia Tarabotti hat es in der besseren Gesellschaft Londons nicht leicht. Zum einen ist sie seelenlos. Außerdem ist sie mit ihren 26 Jahren schon eine alte Jungfer, deren Vater nicht nur tot ist, sondern zu allem Übel auch noch Italiener war. Was wiederum der Grund dafür ist, dass sie mit ihren brünetten Haaren, der großen Nase und ihren ausgeprägten Rundungen nicht gerade dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Richtig beschämend ist allerdings, dass sie bei einem Ball von einem überaus unhöflichen, blutrünstigen Vampir angefallen wird. Und es kommt noch schlimmer: Sie hat den Vampir in Notwehr getötet – auch wenn es nur ein Unfall war. Da sollte sie doch nicht unter Mordverdacht stehen!
Und was wird nur ihre Mutter zu alldem sagen, die den Versuch, Alexia unter die Haube zu bringen, noch immer nicht aufgegeben hat?
Der Alpha-Werwolf Lord Maccon, der äußerst ruppige – und doch irgendwie attraktive – Chefermittler von Queen Victoria für übernatürliche Angelegenheiten, weigert sich, Miss Alexia in die Ermittlungen einzubeziehen. Also beschließt sie, selbst nachzuforschen, was hinter dem Angriff auf sie steckt.

Was bin ich froh, dass ich nur Band 1 „Glühende Dunkelheit“ mit in den Urlaub genommen habe! Hätte ich mich beim zweiten Buch ebenfalls für einen Band aus der Reihe entschieden (statt „Die Säulen der Erde“ mitzunehmen), hätte ich spätestens an Tag 4 „buchlos“ dagesessen, habe ich doch den Einstiegsband beinahe inhaliert, so aberwitzig unterhaltsam ist er!
„Glühende Dunkelheit“ („Soulless“) ist Band 1 einer Reihe um die im wahrsten Sinne des Wortes Seelen-lose Außernatürliche alte Jungfer Alexia Tarabotti – und so rundherum gelungen, dass er definitiv Lust auf mehr macht. Er gehört zum Genre Steampunk, also einer Mischung aus historischem Roman und Urban Fantasy sowie Futurismus (für einige Leser also etwas gewöhnungsbedürftig) und in diesem Fall durch den lakonischen Erzählstil der Autorin einer gehörigen Portion Humor. Und natürlich Romance, aber endlich einmal nicht in allen Details beschrieben, sondern mit der nötigen Distanz, die wir bspw. von den Romanen von Jane Austen kennen – die gerade genug beschreibt, dass der Leser weiß, was geschieht bzw. gefühlt wird, aber den Rest seiner Fantasie überlässt. Grundsätzlich ist die Übersetzung meines Erachtens gut gelungen.
Die Beschreibung der zum Teil wirklich skurrilen Charaktere ist ebenfalls sehr gelungen. Hier zeigt sich, dass Figuren nicht unablässig Nabelschau betreiben müssen, um „lebensecht“ zu wirken und ein gewisses Identifikationspotential zu bergen. Die Hauptfiguren wirken „rund“ und agieren glaubwürdig miteinander (sofern man das von fiktiven Personen überhaupt sagen kann).
Da ich einen der Folgebände im Original gelesen habe, bin ich mir bewusst, dass die korrekte (und hier meine ich nicht nur die sprachliche) Übersetzung gar nicht so einfach ist. Hier hat der Übersetzer (und natürlich auch der Lektor) eine tolle Arbeit geleistet. Dennoch gab es zwei, drei Punkte (Warum wird Sundowner nicht übersetzt? Und warum „hive“ mit „Vampirstock“?! Wo man sich doch bemüht hat, eine andere, angemessene Übersetzung für „potentate“ – Wesir – zu finden?), mit denen ich nicht ganz glücklich war. Aber das mag Geschmackssache sein. Doch was wirklich etwas ärgerlich ist: Was um alles in der Welt hat den Verlag nur dazu bewogen, den drei bislang auf Deutsch erschienenen Bänden der Reihe um die Seelenlose Alexia im Grunde die gleichen Titel zu geben: „Glühende Dunkelheit“ (1), „Brennende Finsternis“ (2) und „“Entflammte Nacht“ (3)? Saß das Lektorat während des Titelmeetings mit einem Synonym-Wörterbuch da und hat nachgeschlagen, welche Alternativen es für „glühend“ bzw. „Dunkelheit“ gibt? Und wie wird der Verlag die Folgebände nennen? „Feurige Düsternis“ oder „Leuchtendes Dunkel“?

Mein Fazit: Unbedingt lesen!

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Scott Westerfeld: Behemoth – Im Labyrinth der Macht (Leviathan-Trilogie 2)

Nach einer wilden Verfolgungsjagd mit zwei deutschen Kriegsschiffen landet das Luftschiff „Leviathan“ in Konstantinopel. Doch dort erwartet die Crew eine böse Überraschung: Es gelingt Dr. Barlow und Deryn zwar, dem Sultan ihr Geschenk zu überbringen, das den Sultan darüber „hinwegtrösten“ soll, dass Churchill ihm ein bestelltes und bereits bezahltes Luftschiff vorenthält – doch der Sultan hat sich bereits anderweitig verbündet: Die Deutschen rüsten sein Land mit ihrer Technologie auf und haben ihn im Grunde schon in der Hand. Somit endet die britische Friedensmission in einem völligen Desaster!
Unterdessen ist Alek mit zweien seiner Leute vom „Leviathan“ geflüchtet, doch die Flucht läuft nicht ganz so wie erwartet: Die Deutschen haben Kenntnis davon, dass er sich in Konstantinopel aufhält und suchen ihn bereits fieberhaft. Als sie ihn in die Enge getrieben haben, wird er von einer Gruppe von Aufständischen gerettet, die die Deutschen aus dem Osmanischen Reich vertreiben und den Sultan stürzen wollen. Da dies auch in Aleks Interesse ist, verbündet er sich mit ihnen.
In der Zwischenzeit hat Deryn einen Geheimauftrag erhalten: Sie soll genetisch manipulierte gefräßige Krebse an einem riesigen Netz aussetzen, das Konstantinopel auf der Seeseite vor einem Angriff stürzt – damit die Briten den Hafen und die dortige deutsche Flotte mit dem Behemoth (einem ebenfalls genmanipulierten Kraken) vernichten können. Der Einsatz gelingt, doch der Preis ist hoch: Deryns Team wird gefangen genommen und nur der jungen Frau gelingt die Flucht.
Sie schlägt sich nach Konstantinopel durch, wo sie Alek ausfindig macht. Und auch Deryn schließt sich nun den Aufständischen an, um diesen im Kampf gegen die deutschen Maschinisten beizustehen …

„Behemoth – Im Labyrinth der Macht“ des Texaners Scott Westerfeld ist der zweite Band der Leviathan-Trilogie, einer Reihe, die zum Genre Steampunk gehört. Steampunk ist eine eher dystopische Gattung der Science-Fiction, die meist im viktorianischen Zeitalter angesiedelt ist, aber diese Vergangenheit mit technologischen Entwicklungen der Zukunft verschmilzt; allgemein zählt der Steampunk zur Kategorie der Alternativweltgeschichten.
Schon das Äußere des Buches ist ein echter Hingucker, aber die Illustrationen von Keith Thompson im Innenteil suchen Ihresgleichen. Sie lockern zum einen das Buch auf, führen dem Leser aber auch die beschriebenen Maschinen und Gerätschaften vor Augen, die so ungewöhnlich sind, dass man sie sich nur schwer vorstellen kann.
Die Geschichte selbst wird erneut etwas behäbig erzählt; auch hier hatte ich wieder das Gefühl, dass man einiges hätte straffen können, während ich mir von anderem (der Besuch im exotischen Palast des Sultans) durchaus detailliertere Schilderungen gewünscht hätte. Aber grundsätzlich ist die Geschichte sehr gut und flüssig geschrieben, actionreich und sehr kreativ. Überraschungen, unerwartete Wendungen erwarten des Leser allerdings keine.
Die handelnden Figuren selbst bleiben mit Ausnahme von Deryn und Alek erneut relativ blass. Doch auch hier fällt mir auf, dass der Autor augenscheinlich Probleme damit hat, die Emotionen seiner Figuren zu transportieren. Ich kann als Leser ihr Handeln zwar nachvollziehen und bekomme auch mehrfach gesagt, dass Deryn dem Österreicher mehr als nur freundschaftliche Gefühle entgegenbringt, aber dieses Wissen bleibt auf einer rein intellektuellen Ebene; man spürt es der Figur einfach nicht ab. Westerfelds Stärke sind ganz klar die technologischen und biologischen Gerätschaften, und ich kann mir auch schlecht vorstellen, dass Deryn sich in eine „Damsell in Distress“ verwwandelt, aber etwas mehr emotionale Glaubwürdigkeit würde ich mir schon wünschen.

Fazit: Ein Juwel für Steampunk-Fans! Aber kein romantischer Roman für Fans von Cassandra Clare und Co. (und das meine ich wirklich nicht böse …).