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Ethan Cross: Ich bin der Schmerz (Shepherd #3)

Die Medien nennen ihn den „Anstifter“, und das Spiel, das er spielt, ist besonders perfide: Zuerst entführt er die Familie eines unbescholtenen Mannes, bevor er diesem befiehlt, einen anderen Menschen zu töten. Weigert sich der Erpresste, werden seine Lieben zerstückelt, begeht er die Untat, erhält er seine Familie wohlbehalten zurück. Nur die Shepherd Organization kann den Killer zur Strecke bringen.
Auf der Jagd erhalten Marcus Williams und sein Team Hilfe von Marcus‘ Bruder, dem Serienkiller Francis Ackerman jr. Marcus und Francis sind besonders motiviert, den Verbrecher zur Strecke zu bringen, denn hinter dem mysteriösen Anstifter verbirgt sich ihr Vater. Der, der Francis zu dem gemacht hat, was er ist: ein seelenloser Serienkiller …

„Ich bin der Schmerz“ ist Band 3 der Shepherd-Reihe und wieder ein echtes Highlight! Diese Reihe hat sich zu einer meiner Lieblingsserien entwickelt – und von denen habe ich nicht viele. In erzählerischer Hinsicht gilt für dieses Buch, was auch bereits für seine Vorgänger galt: Es ist spannend und actionreich und durch die kurzen Kapitel und die damit sehr oft verbundenen Perspektivwecksel erhält die Geschichte einen besonderen Drive, sodass man auch die Verfilmung schon vor sich sehen kann (könnte bitte jemand die Filmrechte kaufen!). Durch die kurzen Kapitel und die Perspektivwechsel gibt es auch hier wieder viele kleine Cliffhanger, und es gibt wieder Plottwists, die man (vermutlich) nicht kommen sah. Es geschehen zahllose Verbrechen, Morde, Menschen werden misshandelt und gefoltert – aber die Beschreibungen sind zu keinem Zeitpunkt allzu anschaulich und detailliert. Obwohl es im Buch natürlich einen Bösewicht auf der einen und die „Helden“ auf der anderen Seite gibt, gibt es keine Schwarzweißmalerei. Oder um es mit meinem „Lieblingshelden“ Francis Ackerman jr. zu sagen: „Mein Junge, wenn du älter und klüger bist, wirst du erkennen, dass auf dieser Welt wenige Dinge nur schwarz und nur weiß sind. Wie so viele erhabene Vorstellungen ist der Unterschied zwischen Gut und Böse oft nur eine Frage der Sichtweise“ (S. 430). Wieder geht Ethan Cross der Frage nach, inwiefern man ein Produkt seiner Gene oder seiner Umwelt ist – und am Beispiel von Ackerman jr. zeigt er wieder und wieder, dass es oft auch einfach eine Entscheidungssache ist: Will ich meinem inneren Bedürfnis nachgeben oder will ich mich so verhalten, wie mein Verstand es mir sagt?

Hinsichtlich der Charakterzeichnung der Protagonisten gibt es wieder deutliche Weiterentwicklungen: Marcus Williams versinkt zunehmend in Depressionen; er leidet sehr darunter, dass er einerseits Menschen helfen und Verbrecher zur Strecke bringen will. Andererseits weiß er aber auch, dass er der Sohn eines wahnsinnigen Psychologen/Psychopathen und Serienmörders ist – der seinen (Marcus‘) älteren Bruder gequält und gefoltert und ebenfalls zu einem kalten Serienmörder gemacht hat. Immer wieder sieht er sich vor der Frage, ob er wirklich zu den Guten gehört oder ob er nicht auch die Veranlagung zum Killer in sich trägt. Diese Entwicklung war zwar nachzuvollziehen, machte ihn aber zunächst einmal zu einem wenig sympathischen Helden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihm im Roman etwas Schreckliches zustößt (no Spoilers). In dieser Situation ist es gerade sein Bruder Francis, der ihm deutlich macht, dass die Schuld für viele seiner Probleme nicht bei ihm liegen, sondern bei seinem Vater (Ackerman senior), und dass es auch nach den schrecklichsten Taten noch die Möglichkeit gibt, Buße zu tun.

Überhaupt: Francis Ackerman jr. ist auch in diesem Buch wieder die spannendste Figur. Und auch die Figur mit den humorvollsten Zitaten (wenn man denn einen schwarzen Sinn für Humor hat):

„Oh ja, du trittst für den kleinen Mann ein. Es sei denn, du ermordest ihn im Schlaf.“
„Ich habe noch nie jemanden im Schlaf ermordet. Ich wecke sie vorher immer auf …“
(S. 26)

Ackerman dachte nach, dann hob er die Hände. „Na schön, du hast gewonnen. Ich gehöre dir, Bruder. Aber fass den Kinderwagen nicht an. Ist ’ne Bombe drin.“
„Eine Bombe in einem Kinderwagen. Auf so etwas Perverses kannst auch nur du kommen.“
Ackermans Lächeln kehrte zurück. „Wenigstens habe ich vorher das Baby rausgenommen.“
(Seite 48)

Nachdem ihm sein Bruder verraten hat, dass der gemeinsame Vater (Ackermann sr.) noch am Leben ist, lässt er sich bereitwillig festnehmen, um der Shepherd Organization bei der Jagd nach ihm zu unterstützen. Doch die CIA hat ein Sonderkommenado auf Ackerman jr. angesetzt, dass seine Aufgabe etwas zu genau nimmt – sodass man sich das eine oder andere Mal wirklich fragt, ob hier Ackerman tatsächlich der Böse ist oder ob nicht vielmehr die Regierungsvertreter die eiskalten Killer sind. Immer wieder wird dies deutlich – besonders, als Maggie (Marcus‘ Kollegin und Freundin) sich mit Francis auf einen Roadtrip begibt, um den Großvater der beiden Männer und Hinweise auf den Verbleib von Ackerman sr. zu finden. Gejagt werden sie dabei von den Männern des Sonderkommandos, denen es egal ist, wer Opfer ihrer Jagd wird. Und es ist ein Vergnügen, Ackerman hier in Aktion zu erleben, wie er einen nach dem anderen ausschaltet. Wer hätte in Band 1 Ich bin die Nacht erwartet, dass man irgendwann einmal auf der Seite des Antagonisten steht und hofft, dass er überlebt?!  Das gilt sowohl für seine Interaktion mit Maggie, die ihn einerseits hasst, weil er ein Serienmörder ist und ihre Familie von einem anderen Serienmörder umgebracht wurde – und weil er damit zu denen gehört, die sie gemeinsam mit der Shepherd Organization zur Strecke bringt. Aber es gilt vor allem für seine Interaktion mit seinem Bruder Marcus, für den er eine echte Zuneigung empfindet. Und für den er auch bereit ist, das Morden einzustellen. Mehrere Male steht er im Verlauf der Handlung an einem Scheideweg und muss entscheiden, ob er seinen Trieben/seiner Konditionierung folgt oder ob er diese zugunsten anderer (Dinge) zurückstellt. Und wieder und wieder entscheidet er sich für die Buße, die Wiedergutmachung. Ackerman rocks!

Mein Fazit: Mehr davon! Und her mit Band 4: Ich bin der Zorn. Es ist nicht zu viel verraten, wenn ich sage, dass Ackerman jr. hier stärker mit der Shepherd Organization zusammenarbeitet und seine ganz speziellen Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen kann.

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Ethan Cross: Ich bin die Angst (Shepherd #2)

Der „Anarchist“, ein mysteriöser Killer, verbreitet in Chicago Angst und Schrecken. Er entführt Frauen und trinkt das Blut seiner Opfer, bevor er sie anzündet. Schlimmer noch: Er zwingt sie, ihm dabei unentwegt in die Augen zu schauen. Denn sie sollen sein wahres Gesicht sehen. Nicht das Gesicht des liebevollen Ehemannes und Vaters, das er seit Jahren für seine Familie aufsetzt, sondern das Gesicht des absolut Bösen.
Marcus Williams, der seit einem Jahr ein „Shepherd“ ist und Serienmörder jagt, wird auf den Fall angesetzt. Unterstützung erhalten er und sein Team dabei von unerwarteter Seite: Ausgerechnet sein Todfeind gibt ihm bei allen seinen Einsätzen immer wieder Hinweise – Francis Ackerman junior, der berüchtigste Serienkiller der Gegenwart, der fest davon überzeugt ist, dass es eine ganz besondere Verbindung zwischen ihm und Marcus gibt …

cross-ich-bin-die-angst2„Ich bin die Angst“ ist Band 2 der Shepherd-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross aka Aaron Brown – und die wichtigste Info dazu gleich zu Beginn: Dieses Buch ist zwar unglaublich spannend und actionreich, aber man kann es im Gegensatz zu „Ich bin die Nacht“ abends vor dem Einschlafen lesen. 😉

cross-ich-bin-die-angst3Während Band 1 komplett in Schwarz gehalten war, hat man sich bei Band 2 für Rot entschieden. Autor und Buchtitel sind geprägt und auf dem Beschnitt werden diese Angaben noch einmal wiederholt. Das Buch ist daher schon rein optisch ein Genuss.

Und das gilt auch für den Inhalt: Der Autor verzichtet erneut auf tiefschürfende Ausführungen oder Beschreibungen – zugunsten einer atemlosen Nonstopp-Jagd nach dem Killer „Anarchist“. Auch in diesem Buch gibt es wieder zwei Wendungen, die ich nicht wirklich kommen sah, und das begeisterte mich erneut sehr! Auch dieser zweite Band ist gut und flüssig geschrieben; obwohl der Antagonist (und die übrigen Gegenspieler) eine Reihe von schlimmen Untaten begehen, überlässt der Autor deren Ausmalung der Fantasie des Lesers und beschreibt sie nicht im Detail. Und durch die zahlreichen kurzen Kapitel, die den Leser immer wieder zu einem Protagonisten und seinem jeweiligen Blickwinkel der Handlung führen, kann man die Verfilmung dieser Geschichte schon vor dem inneren Auge sehen.
Interessant ist hier, dass es Cross gelingt, aus dem Antagonisten bis zu einem gewissen Grad einen Sympathieträger zu machen – wie schon im ersten Band bei Serienmörder Francis Ackerman junior. Es gibt zwar auch hier den Killer und seinen Gegenspieler, aber keien Schwarz-Weiß-Zeichnung. Genauso, wie Michael gegen seine Dämonen ankämpft, so ist auch der Antagonist (die Antagonisten?) nicht einfach nur ein seelenloser Killer. Auch Scofield (im Grunde kein Spoiler, dem Leser wird die wahre Identität des Täters schon früh offenbart) hat eine schlimme Kindheit hinter sich. Seine minderjährige Mutter verbrachte einige Zeit in einer Satanistensekte und wurde dort auch schwanger. Und der „Prophet“ dieser Sekte erkor Scofield aus, der Antichrist zu sein und die Apokalyse herbeizuführen. Der erste Versuch misslang, doch Jahre später befindet sich Scofield noch immer im Griff des charismatischen Anführers, und obwohl er eine Familie hat und nach außen hin ein perfektes Leben führt, wird er weiterhin vom Propheten gesteuert.
Scofields Gegenspieler ist (erneut) Marcus Williams, der in diesem Roman weitere Facetten und damit mehr Tiefgang bekommt. Marcus ist nun seit einiger Zeit Teil der Shepherd-Organisation, der geheimen Organisation im Justizministerium, doch obwohl er von der Richtigkeit seines (ihres) Handelns überzeugt ist, leidet er gleichzeitig darunter, dass oft die Grenzen zwischen dem Verhalten der Killer, die er jagt, und seinem eigenen verschwimmen. Ist er nicht ein Killer im Dienste des Staates, wenn er seine Gegner ggf. ohne Gerichtsverhandlung aus dem Weg räumt? Auch hat er das Gefühl, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmt; was das ist, erfährt der Leser am Ende des Buches … 🙂
Auch wenn Andrew, Marcus‘ Partner bei Shepherd, und Maggie, seine … Nicht-Freundin, ebenfalls mit von der Partie sind, ist der wichtigste und auch interessanteste „Partner“ Serienmörder Francis Ackerman junior. Dieser hat sich mithilfe eines Hackers Zugang zum Shepherd-Server verschafft und verfolgt die Ermittlungen der Organisation und besonders die von Marcus – in diesem Fall, aber auch bei den Vorgängerfällen. Er ist fest davon überzeugt, dass es eine besondere Beziehung zwischen ihm und Marcus gibt – dass dieser gewissermaßen das Yin zu seinem Yang ist. Wie im ersten Band mochte den Psychopathen Ackerman und seinen besonderen Sinn für Humor auch hier wider Willen; für mich persönlich ist er ein größerer „Sympathieträger“ als Marcus, der in diesem Buch – erneut – etwas zu selbstbewusst rüberkommt. Was ich allerdings etwas seltsam fand: Ackerman scheint keine Stimmen mehr zu hören – allerdings ist das m. E. darauf zurückzuführen, dass er nun mit Marcus ein reales Gegenüber hat.

Mein Fazit: Band 3 „Ich bin der Schmerz“ muss her!

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Ethan Cross: Ich bin die Nacht (Shepherd #1)

Der Serienmörder Francis Ackerman junior schlachtet nicht nur einfach Menschen ab, er bietet ihnen vor ihrem Tod an, ein Spiel mit ihm zu spielen – und wenn sie sich an die Regeln halten und ihn besiegen, werden sie leben. Doch er spielt nur, wenn er weiß, dass er auch gewinnen wird. Und dann wird das Ende seiner Opfer schrecklich sein …
Marcus Williams hat seinen Job als New Yorker Cop nach einem Zwischenfall an den Nagel gehängt und zieht in das texanische Städtchen Asherton, wo ihm eine verstorbene Tante eine Farm vermacht hat. Als er seine nächste Nachbarin besuchen will, findet er diese auf schreckliche Weise ermordet vor, und alle Indizien deuten darauf hin, dass Ackerman der Mörder ist.
Doch als er weitere Nachforschungen anstellt und diesen schließlich findet, stellt sich heraus, dass nicht nur Ackerman und Williams Leichen im Keller haben …

Eine (kurze) Inhaltsangabe zu „The Shepherd“ zu verfassen, dem ersten Band der sogenannten Shepherd-Serie des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross (wobei es sich aber bei diesem Namen lediglich um ein Pseudonym handelt – in Wahrheit verbirgt sich dahinter der Thrillerautor Aaron Brown), ist gar nicht so einfach. Zu groß ist die Gefahr, dass man zu viel verrät, denn der Clou der Geschichte ist ein deutlich anderer als nur die Jagd nach einem brutalen Serienmörder. Shepherd1Das Buch trägt im Deutschen den Titel „Ich bin die Nacht“, was zwar ausgesprochen reißerisch klingt, und die „Verpackung“ des Buches mit hervorstehender Prägung und schwarzem Beschnitt, in dem sich Titel und Autor des Buches in weißen Lettern wiederholen, ist auch ein echter Hingucker! Aber leider trifft der Titel den Inhalt des Buches nicht wirklich. Im Englischen trägt der Roman, wie gesagt, den Titel „The Shepherd“, was sich in den Überschriften der Teile widerspiegelt: 1. Die Herde, 2. Der Wolf und der Hirte, 3. Stecken und Stab, 4. Der Wolf im Schafspelz. Mehr sei aber an dieser Stelle nicht verraten …
Im Grunde müsste man das Buch mit einer Warnung versehen:

Achtung, unter den folgenden Bedingungen sollten Sie vom Lesen des Buches absehen:

– wenn Sie in Kürze schlafen gehen möchten.
– wenn es dunkel ist.
– wenn Sie Angst im Dunkeln haben.
– wenn Sie allein zu Hause sind.
– wenn Sie zu viel Fantasie haben oder/und einen Hang zu Verschwörungstheorien.
– wenn Sie ein Weichei sind.

Warum? Weil es schon lange nicht mehr vorgekommen ist, dass ich ein Buch abends vor dem Einschlafen nicht lesen konnte – meiner liebsten Lesezeit -, weil ich dann hinter jeder Tür, unter jedem Bett, in jedem Schatten und hinter jedem Geräusch einen Serienmörder vermutet habe. Aber was soll man auch erwarten bei einem Buch, dessen Protagonist mit Vorliebe nachts am Bett seiner Opfer steht oder sich in der Dämmerung Zutritt zu Wohnungen verschafft? Im Buch gibt es eine Szene, die im nächtlichen Schlafzimmer zweiter Kinder spielt – und ich brauchte lange, bis ich an diesem Abend einschlafen konnte! Lange Rede, kurzer Sinn: Das Buch gehört zum Packendsten, Spannendsten, Gruseligsten, das mir seit einer ganzen Weile untergekommen ist – und das, obwohl es ohne übernatürliche Wesen und Monster auskommt. Und warum? Weil es u. a. viele der tiefsitzenden Urängste anspricht, die wir Menschen haben. Die Angst vor der Dunkelheit, vor mysteriösen nächtlichen Geräuschen, vor dem Alleinsein u. v. m.

Der Thriller ist gut und flüssig geschrieben. Mit komplexeren Sätzen oder Begriffen gibt sich Ethan Cross nicht ab. Die Story ist unglaublich actionreich – nicht eine Sekunde lang gibt Cross dem Leser Gelegenheit, durchzuatmen und sich vom letzten Schrecken zu erholen. Er gibt sich nicht mit (detaillierten) Schilderungen von Umgebungen und Landschaften und Personen ab, wofür ich teilweise dankbar war, da z. B. die schrecklichen Tötungsarten von Ackerman nicht näher beschrieben werden – der Autor erspart sich hier ein Blutfest. Der Leser sollte sich rasch in die Handlung einfinden, denn Kapitel 1 zeigt bereits den Protagonisten in allen Details bei der Arbeit.
Auch die Charaktere werden nicht in allen Einzelheiten beschrieben und charakterisiert, wodurch ihnen natürlich definitiv Tiefgang fehlt. Man kommt sich im Grunde wie in einem der „Stirb langsam“-Filme vor: Die Handlung ist völlig überzogen, der Held ist einerseits ein normaler Mensch, aber dann doch larger than life und hastet von einer Actionszene zur nächsten, ist nie unterzukriegen, auch wenn er zunehmend mitgenommen aussieht, und das Ganze endet mit dem großen Showdown zwischen Held und Antagonist – nicht, ohne dass es viel zu lange Dialoge zwischen den beiden gibt und der Zuschauer sich fragt, warum zum Teufel der Held nicht einfach schießt. 😉 Im Grunde kann man die Verfilmung dieses Buches schon vor sich sehen – die zahlreichen kurzen Kapitel laden regelrecht dazu ein. Und dann erst die beiden großen unerwarteten Wendungen, die ich absolut nicht kommen sah! Leider wird man dadurch um das Vergnügen gebracht, den Roman noch einmal so … ungespoilert und ahnungslos zu lesen; ich könnte mir vorstellen, dass er beim zweiten Mal nicht mehr ganz so faszinierend ist.

Im Zentrum der Geschichte stehen u. a. Antagonist Francis Ackerman junior, ein Serienmörder, der gewissermaßen von seinem Vater dazu konditioniert wurde. Dieser, ein Psychologeprofessor, hatte die Theorie aufgestellt, dass Menschen zu Mördern gemacht und nicht als solche geboren werden – dass sie also die Produkte ihrer Umwelt sind. Und mithilfe von Experimenten an seinem eigenen Sohn Francis – damals noch ein Kind! – versuchte er, diese Theorie zu beweisen: Francis wurde durch Misshandlung und Folter dazu gebracht, andere zu töten, und ist nun genau das, wozu ihn sein Vater machen wollte: ein eiskalter Mörder. Ackerman junior hat ein perverses Vergnügen daran, seine Opfer zu grausamen Spielchen zu zwingen, um zumindest den Anschein zu erwecken, dass sie eine Überlebenschance haben. Über weite Strecken ringt er im Roman mit seiner dunklen Seite; Telefonate mit einem katholischen Pater machen dies deutlich. Doch spätestens als seine Spielchen mit Marcus beginnen, ändert sich dies und er findet in seine Bestimmung hinein. Erstaunlicherweise fällt es das eine oder andere Mal schwer, diese Figur zu hassen, weiß man doch genau, warum er so geworden ist.
Sein Gegenspieler ist Marcus Williams, ein junger Excop aus New York, der sein früheres Leben nach einem Zwischenfall (der im Verlauf des Romans eine Rolle spielen wird) an den Nagel gehängt hat und scheinbar zufällig über die Leiche seiner Nachbarin stolpert. Seine Erfahrungen in New York und seine Frustration über Verbrechen, die nicht gesühnt werden, oder Verbrecher, die ihrer gerechten Strafe entkommen, ist ein treibender Motor der Story. Er trifft bereits relativ früh auf Ackerman, der ihn zum Helden der „Geschichte“ auserwählt – und da jeder Held einen Gegenspieler braucht, findet auch Ackerman endlich in seine wahre Rolle hinein.

Mein Fazit: Unbedingt lesen. Aber nicht abends vor dem Einschlafen. Oder wenn ihr alleine seid. 🙂 Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzungen, denn es wird zumindest angedeutet, dass es eine unerwartete Verbindung zwischen den zwei Protagonisten der Geschichte gibt.

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Caleb Carr: Die Einkreisung

CarrNew York, 1896: Die Polizei entdeckt die schrecklich zugerichtete Leiche eines Stricherjungens. Polizeipräsident Theodore Roosevelt – später Präsident der Vereinigten Staaten – will den Fall aufgeklärt wissen, den seine Polizisten aus Gründen falscher Moralvorstellungen am liebsten unter den Teppich kehren möchten. Roosevelt setzt sich mit seinem Studienfreund Laszlo Kreisler in Verbindung, der in seiner wissenschaftlichen Arbeit bereits einige Theorien Sigmund Freuds vorwegnimmt. Wichtige Helfer sind auch der Polizeireporter John Moore (Ich-Erzähler der Ereignisse), Roosevelts Sekretärin Sara Howard, die es sich in den Kopf gesetzt hat, die erste weibliche Kriminalpolizistin New Yorks zu werden, und die beiden Kriminalwissenschaftler/ Gerichtsmediziner Marcus und Lucius Isaacson, die neue moderne Analyseverfahren verwenden.
Die fünf beginnen ihre Untersuchungen und finden heraus, dass der Mord an dem Stricherjungen Teil einer ganzen Mordserie ist, deren Opfer allesamt noch Kinder waren, die auf brutale Weise ums Leben kamen. Anhand der Indizien und Hinweise erstellt Kreisler ein Profil des Täters. Aus den Daten aller Morde, die immer im Zusammenhang mit hohen kirchlichen Feiertagen stehen, lässt sich schließlich auch der Zeitpunkt des nächsten Verbrechens vorhersagen. Doch der Täter beobachtet im Gegenzug auch die Arbeit der Detektive und ist ihnen immer einen Schritt voraus. Und nicht nur er erschwert ihnen die Arbeit: New York ist in unterschiedliche „Herrschaftsgebiete“ aufgeteilt, und deren Herren versuchen die Untersuchungen aus den unterschiedlichsten Gründen zu verhindern. Ganz zu schweigen davon, dass auch die beiden großen Kirchen nicht wollen, dass etwas derart Unmoralisches ans Licht kommt.
Es kommt schließlich zu einem Showdown über den Dächern von New York …

Caleb Carr wurde für seinen historischen Psychothriller „Die Einkreisung“ 1995 mit dem Anthony Award für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet – und das zu recht. „Die Einkreisung“ ist eine spannende Mischung aus „Profiler“ und „CSI“ – aber zu einer Zeit, als Personen, die der Ansicht waren, dass man Täter mithilfe von Fingerabdrücken oder psychologischen Profilen identifizieren kann, im besten Fall belächelt, im schlimmsten Falle mundtot gemacht wurden. Hinzu kommt noch eine Prise „Gangs of New York“, denn es gelingt dem Autor auf wunderbare Weise, die Atmosphäre des historischen New Yorks kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert einzufangen. Man kann die historische Weltstadt regelrecht vor sich sehen, wenn man mit den Helden in einer Kutsche durch die Straßen der Stadt rast oder durch die finsteren, stinkenden Gänge der heruntergekommenen Mietshäuser in den Five Points und ähnlich ärmlichen Vierteln schleicht, in denen Immigranten aus der ganzen Welt im Elend leben. Darüber hinaus lernt der Leser auch einiges über Psychologie und kriminalpsychologische Ansätze – man hat immer wieder das Gefühl, in einem Psychologieseminar zu sitzen, allerdings auf unterhaltsame und alles andere als belehrende Weise. Man kann so selbst über den Täter und seine Motive spekulieren, kann Vermutungen anstellen, aber auch verstehen, warum er tut, was er tut. Sein Verhalten wird an keine Stelle entschuldigt, aber es wird dem Leser zumindest verständlich gemacht.

Auch die geschilderten Haupt- und Nebencharaktere werden so lebendig beschrieben, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann – man will wissen, wie die Geschichte ausgeht. Ich-Erzähler John Moore ist Reporter bei der Times. Er stammt aus einer überaus wohlhabenden Familie, mit der er sich aber nach einer geplatzten Verlobung überworfen hat, sodass er nun bei seiner Großmutter lebt. Das macht deutlich, dass er zumindest, was den zwischenmenschlichen Bereich angeht, sein Leben nicht wirklich im Griff hat. Übrigens führt das ebenfalls dazu, dass er für die persönlichen Probleme oder die Geschehnisse im Leben seiner Mitstreiter ausgesprochen betriebsblind ist. Er ist keine gebrochene Figur, wie so viele Krimiprotagonisten, sondern charmant und sympathisch, aber wirklich erwachsen werden will er nicht. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitungskollegen ist er Bereiche aber auch nicht bereit, seine Augen vor dem Elend in der Stadt zu verschließen, was ihn nicht nur im Verlauf dieser Geschichte immer wieder in brenzlige Situationen bringt. Sofern ihm dies aufgrund seiner privilegierten Stellung möglich ist, will er Armut und das schreckliche Schicksal der Kinder, die sich verkaufen müssten, verstehen – und er will ihnen helfen.
Sara Howard, seine (platonische) Freundin aus Kindertagen, ist Kriminalsekretärin, träumt aber davon, die erste weibliche Polizistin zu werden. Sie besitzt einen wachen Geist, erkennt zwischenmenschliche und psychologische Zusammenhänge, die John verschlossen bleiben – und nimmt die Andeutungen ihres Reporterfreundes, dass man es doch einmal miteinander versuchen könnte, eher amüsiert zur Kenntnis; sie interessiert sich nämlich nicht für Männer. Das ist eine wohltuende Abwechslung zu vielen Kriminalromanen, in den sich Protagonist und Protagonistin am Ende „kriegen“ müssen. Was ebenfalls positiv auffällt: Carr verzichtet darauf, Sara als überemanzipierte, dickköpfige Protagonistin zu schildern, die sich durch eine „Ich weiß es aber besser als ihr“-Haltung ständig auf Alleingänge begibt und dadurch in Gefahr gerät. Auch verzichtet der Autor darauf, sexistische Untertöne einzustreuen bzw. die Protagonisten irgendwelche Annäherungsversuche machen zu lassen.
Kopf der Gruppe ist der Psychiater Dr. Laszlo Kreisler, mit dem John Moore und Theodore Roosevelt bereits seit Studientagen befreundet sind. Er leitet ein Institut, in dem er sich um Jugendliche kümmert, die auf die schiefe Bahn geraten sind bzw. psychologische Probleme haben. Es ist ihm ein großes Anliegen, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Obwohl er ein Verstandesmensch ist und seinen Mitstreitern erst einmal dabei helfen muss, das Konzept des Profilings zu verstehen und in die Psyche des Täters einzutauchen, versteht er es, sie dafür zu begeistern und zu sensibilisieren.
Vervollständigt wird das Team von die durch und durch vertrauenswürdigen Polizeibeamten Marcus und Lucius Isaacson, ein Brüderpaar. Sie wenden moderne Ermittlungsmethoden an, die dem Leser sehr bekannt vorkommen, wenn er mit TV-Serien wie CSI vertraut ist. Und weil zum einen die Korruption im Polizeiapparat der damaligen Zeit sehr weit verbreitet ist und vermeintliche Täter zum anderen eher aufgrund von vermeintlichen Zeugenaussagen oder irgendwelcher (politischer) Interessen verhaftet werden und weniger auf der Grundlage unbestreitbarer Fakten, sind sie bei ihren Kollegen nicht gern gesehen und werden zu Sonderaufgaben eingeteilt. Wie auch in diesem Fall.
Ebenfalls Mitgleider des Teams sind der Farbige Cyrus Montrose, der für Dr. Kreisler arbeitet, und der etwa 14-jährigen Stevie Taggert, einen ehemaligen Kleinkriminellen, den Kreisler von der Straße geholt hat.

Selbst wenn nach knapp 600 Seiten der Täter gefasst ist (was sicher nicht zu viel verraten ist), möchte man wissen, wie es mit diesen Personen weitergeht. Und welch spannende Geschichte Caleb Carr sich für Band 2 der Serie um unsere fünf Detektive ausgedacht hat (Engel der Finsternis).

Mein Fazit: Definitiv eine Leseempfehlung für jeden, der gerne intelligente Thriller liest und bereit ist, nicht nur von einer Bluttat zur nächsten zu hetzen, sondern auch in die psychologischen Abgründe einzutauchen.

PS: Das Buch wird übrigens gerade unter dem Titel „The Alienist“ von TNT als TV-Serie verfilmt. Mit dabei Daniel Brühl, Luke Evans, Dakota Fanning …

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Anita Terpstra: Anders

terpstra-andersAlma Meester, ihr Mann Linc und die beiden Kinder Iris und Sander sind eine ganz normale, glückliche Familie. Bis zu dem Tag, als der elfjährige Sander zusammen mit einem Freund während einer Nachwanderung spurlos verschwindet. Der andere Junge wird kurz darauf tot aufgefunden, doch Sander bleibt wie vom Erdboden verschluckt.
Sechs Jahre später meldet sich ein junger Mann bei einer deutschen Polizeistation und behauptet, er sei der verschwundene Sander Meester. Die Familie ist überglücklich, doch nach und nach kommen ihnen Zweifel. Ist der Junge wirklich der verlorene Sohn? Und was ist in der Nacht damals tatsächlich passiert?

„Anders“ von Anita Terpstra ist das erste Buch eines niederländischen Autors, das ich gelesen habe, und ich war neugierig, ob es sich von anderen Thrillern britischer oder amerikanischer Autoren unterscheidet, die ich bereits kenne. Das Buch ist gut geschrieben; die Autorin hat m. E. eine schnörkellose Schreibe. Die Kapitel sind kurz; mit ausführlichen Beschreibungen hält sich Terpstra nicht auf. Sie konfrontiert den Leser gleich mit Sanders Verschwinden, und ich hatte keinerlei Probleme, in die Geschichte hineinzufinden. Was auffällt, ist, dass es sich hier nicht um einen typischen Thriller mit detaillierten Beschreibungen grausamer Taten oder schrecklichen Blutvergießens handelt. Was einem Jungen zustößt, der u. U. sechs Jahre mit einem Pädophilen verbracht hat – das muss sich der Leser selbst ausmalen. „Anders“ ist ein Buch der leisen Töne; Spannung ist durchaus vorhanden, aber eher zwischen den Zeilen, wenn man beginnt, den wahren Schrecken zu erahnen.
In der ersten Hälfte ist das Buch allein dadurch packend, dass es hier um die Entführung eines Kindes geht, das Jahre später wieder auftaucht und sich erneut in seiner Familie „einleben“ muss. Die schrecklichen Ereignisse von damals haben dazu geführt, dass die Ehe der Eltern zerbrochen ist; der Vater leidet an Depressionen; die Tochter hat sich von ihren Eltern entfremdet. In diese an sich schon schwierige Situation kommt nun Sander zurück. Die Familie versucht, in gewisser Weise die heile Welt von früher zurückzuholen. Es kommen Gäste, man grillt, geht schwimmen … Doch immer wieder gibt es Augenblicke, in denen bei einzelnen Beteiligten der Verdacht aufkommt, dass es sich bei dem zurückgekehrten Jungen vielleicht doch nicht um Sander handelt.
Doch in der zweiten Hälfte kommen langsam dunkle Geheimnisse ans Licht, und der Leser erkennt, dass die große Frage dieses Buches nicht die ist, ob es sich bei dem zurückgekehrten Jungen wirklich um Sander handelt. Gerade für die Mutter geht es darum zu erkennen, dass ihre heile Welt schon früher alles andere als heil war. Mehr soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden. Als Leser habe ich die Auflösung schon relativ früh geahnt, und auch Linc und Iris sind von den Ereignissen nicht wirklich überrascht, aber die Mutter, die damals aufgrund einer beinahe schon obsessiven Zuneigung zu ihrem Sohn ihre Augen verschloss, braucht ein wenig länger, um die Wahrheit zu erkennen. Und dann kommt der letzte Absatz des Buches, der mir dann noch einmal den Boden unter den Füßen weggezogen hat, weil darin schon unglaublich viel Vorahnung mitschwingt:

Er hatte den Schmetterling endlich gefangen. Ohne mit der Wimper zu zucken, riss er ihm die Flügel aus.

Die Geschichte wird aus der Perspektive der 3. Person erzählt – wobei es sich primär um die Perspektiven von Alma, Linc und Iris handelt –, wodurch man einen guten Einblick in die Gefühlswelt der Protagonisten erhält. Aus Sanders Perspektive erfährt man die Ereignisse nur anfänglich, sodass er für den Leser genauso rätselhaft und undurchdringlich bleibt wie für seine Familie. Dennoch hatte ich ein relativ distanziertes Verhältnis zu den Protagonisten, die Sanders Verschwinden auf ihre jeweilige Art und Weise verarbeiteten. Linc blieb für mich sehr blass, ein schwacher Charakter. Spätestens nach dem Verschwinden des Sohnes hat sich offenbar in der Ehe mit Alma ein Rollentausch vollzogen: Während er früher (angeblich – ich habe da so meine Zweifel) ein Macher ist, beruflich erfolgreich, versinkt er nach dem Verschwinden in seinem Kummer, wird antriebslos und depressiv, während seine Frau zur treibenden Kraft auf der Suche nach dem Sohn und in der Ehe ist.

Sie hätte schrecklich gerne mehr Kinder, eine große Familie gehabt, aber für Linc war das zweite Kind eigentlich schon eins zu viel gewesen. Sie hatte es ihm regelrecht abtrotzen müssen, sogar mit Trennung gedroht. […] Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es sowieso kein weiteres Kind mehr gegeben. Alma jedoch wollte nach Sanders Verschwinden unbedingt eins, und so hatte er am Ende eingewilligt.

Das schreibt die Autorin über die „Entstehung“ sowohl des ersten als auch des zweiten Sohnes, den Alma sich offenbar zulegt, um ihre heile Welt wiederherzustellen und die Leere, die Sander hinterlassen hat, zu füllen. Alma ist auch die Figur, an der ich mich beim Lesen am meisten gerieben habe. Sie ist eine Übermutter – aber nur für ihren Sohn, den sie augenscheinlich schon früh ihrer Tochter Iris vorzieht: Bei Konflikten ergreift sie immer Sanders Partei; dass ihr Sohn etwas „verbrochen“ haben könnte, zieht sie überhaupt nicht in Betracht. Wenn jemand Andeutungen macht oder wenn die Wahrheit an ihr Unterbewusstsein pocht, dass sie gar nicht in einer Bilderbuchfamilie lebt, drängt sie dies zurück. Alma tut in der Situation nach Sanders Rückkehr dann das, was sie schon früher getan hat: Sie verschließt die Augen. Fragt nicht nach. Will nicht wissen, was damals wirklich geschehen ist. Sie braucht sehr lange, bis sie die Wahrheit erkennt. Iris hingegen hat nach dem Verschwinden des Bruders relativ schnell ihr Elternhaus verlassen. Zum einen gibt sie sich die Schuld an Sanders Verschwinden, zum anderen nimmt sie ihrer Mutter übel, dass diese früher immer nur Partei für Sander ergriffen hat. Über sie schreibt Terpstra:

Lügen konnte sie wie kaum eine Zweite. Manchmal war es recht mühsam, sich an all die Geschichten zu erinnern, die sie sich ausgedacht hatte, aber ansonsten liebte sie ihr Fantasieleben.

Interessanterweise wird dies im Roman m. E. gar nicht weiter ausgeführt; das einzige Geheimnis, das sie mit sich herumschleppt, bezieht sich auf die Nacht von Sanders Verschwinden, und als Leser ahnt man schnell, worum es sich dabei handelt. An diesem Punkt hatte ich das Gefühl, dass die Autorin vergessen hat, diesen Aspekt weiter auszuführen.

Mein Fazit: Ein guter (Psycho-)Thriller, der durchaus Stärken hat. Dennoch konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass die Autorin nicht das gesamte Potenzial der Idee ausgeschöpft hat.

 

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David Morrell: Inspector of the Dead

morrell-inspector-deadLondon, 1855: Die Briten stehen kurz davor, den Krimkrieg zu verlieren. Aufgrund dieser militärischen Missstände wird die Regierung zum Rücktritt gezwungen und Lord Palmerston wird neuer Primierminister und von Queen Victoria mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftrag. Dennoch stehen immer größere Teile der Bevölkerung ihrer Regentin und Prinz Albert misstrauisch gegenüber.
Dann beginnen die entsetzlichen Morde …
Ein Unbekannter ermordet Mitglieder des britischen Hochadels und ihre kompletten Haushalte. Zurück lässt er zwei Zettel: einen mit dem Hinweis „Young England“, einen weiteren mit dem Namen von Männern, die in der Vergangenheit schon einmal vergeblich versucht haben, Queen Victoria umzubringen. Schnell ist allen klar, dass die Königin das eigentliche Ziel des Täters ist.
Der berüchtigte Opiumesser Thomas de Quincey und seine Tochter Emily versuchen gemeinsam mit den beiden Polizeibeamten Ryan und Becker, diese letztendliche Tat zu verhindern. Dabei stoßen sie auf die Spur eines Mannes, dessen Durst nach Rache seine Seele vergiftet hat. Nichts kann ihn aufhalten.

„Inspector of the Dead“ ist Band 2 der Krimireihe um den bekannten Literaten und Optiumesser Thomas de Quincey und seine Tochter Emily. Und auch hier lässt der kanadische Schriftsteller David Morrell wieder reale historische Ereignisse in brillanter Weise in seine Krimihandlung einfließen:
Zum einen der Krimkrieg und der damit verbundene Schrecken. Soldaten, die aufgrund der Unfähigkeit ihrer Anführer ums Leben kommen. Männer, die traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren. Florence Nightingale und ihre Krankenschwestern, die alles taten, um die Verwundeten so gut wie möglich zu versorgen. Der Kriegsberichterstatter William Howard Russell, der – was zu dieser Zeit noch ungewöhnlich war – vor Ort war und den Schrecken hautnah miterlebte – und dann zu Hause von der Unfähigkeit der britischen Offiziere und der unzureichenden Versorgung der Truppen berichtete.
Zum anderen die politischen Unruhen in Großbritannien. Von den gescheiterten Attentaten auf die englische Königin, dem Hass und dem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber ihrem deutschen Gatten Prinz Albert bis hin zur neuen Regierungsbildung unter Lord Palmerston. Aber auch die Beweggründe hinter dem Bau des Suez-Kanals oder das Elend der Einwanderer.
Auf diese Weise bekommt der Leser einen sehr guten Einblick in die historischen Vorgänge der damaligen Zeit. Morrell besitzt die beneidenswerte Fähigkeit, gesammeltes Wissen über Historie, Politik, Militär oder Wissenschaft auf eine Weise in die Handlung einfließen zu lassen bzw. zu vermitteln, die unterhaltsam ist und gleichzeitig sehr detailliert und tiefgehend.

Aber auch die eigentliche Krimi-/Thriller-Handlung lässt auch dieses Mal nicht zu wünschen übrig. Die Handlung setzt einige Wochen nach den Ereignissen von „Der Opiummörder“ ein. Skandalliteratur de Quincey und seine Tochter Emily leben seither bei Lord Palmerston, der dadurch verhindern will, dass die skandalösen Ereignisse um den Nachahmungstäter der „Ratcliffe Highway“-Morde ans Licht kommen. Doch nun hat er genug von der Unruhe in seinem Londoner Haus und ist froh, als die beiden – gezwungenermaßen – wieder nach Edinburgh zurückkehren wollen. Doch als sie zuvor noch einen Gottesdienst in der St.-James-Kirche besuchen, wird in der Nachbarloge Lady Cosgrove auf brutale Weise ermordet – ohne dass sich jemand erklären kann, wie der Täter aus der Loge flüchten konnte. Zurück bleibt ein Zettel mit den Worten „Young England“. Als man ihren Mann darüber in Kenntnis setzen will, stellt sich heraus, dass nicht nur der komplette Haushalt, sondern auch Lord Cosgrove auf entsetzliche Weise ermordet wurde, und in der Hand hält er einen Zettel mit der Aufschrift „Edward Oxford“. Dabei handelt es sich um den Mann, der den ersten (vergeblichen) Attentatsversuch auf die britische Königin Victoria verübt hat und seither in der Anstalt Bedlam einsitzt, nachdem die Untersuchungen ergeben haben, dass die Verschwörergruppe „Young England“, deren Mitglied er angeblich ist, nur in seiner Fantasie existiert. Das Gleiche geschieht auch bei den nächsten Morden: Immer bleibt beim Primäropfer der Name eines gescheiterten Attentäters zurück und bei seinem Ehepartner die Worte „Young England“.
Nachdem de Quincey und seine Tochter sowie die beiden befreundeten Beamten Ryan und Becker Zeuge der Ereignisse geworden sind, verschiebt der Schriftsteller seine Abreise und beginnt zum Entsetzen Palmerstons zu ermitteln. Dabei erhält er sogar die Unterstützung der Königin, die von de Quinceys Ansichten eher geschockt, aber von denen seiner Tochter sehr angetan ist. Auch hier entpuppt sich de Quincey wieder als Mann, der seiner Zeit weit voraus ist. Durch seine Fähigkeit (und überhaupt Bereitschaft), hinter die Dinge zu sehen, erkennt er Zusammenhänge, wo niemand sonst sie zu sehen vermag. Und auch mit seinem Einblick in die menschliche Psyche ist er der Wissenschaft seiner Tage um Jahrzehnte voraus und durchschaut Bezüge, die später erst ein Freud erkennen wird. Aber gerade durch diese Fähigkeiten kommt er auf die Spur des Täters. Und gerade das macht ihn auch für den modernen Leser zu einer so faszinierenden Figur!

„Mr. De Quincey, I take it that you are not a physician. While your theories are amusing, they have no basis in science. Dreams and nightmares are merely phantoms created by electricity.“
„How foolish of me to think otherwise. Then let us forget about interpreting dreams. Consider that Edward Oxford was frequently beaten by his father and often saw his mother beaten. The shock of this persistent violence could explain why he was too unstable to hold jobs, why he frequently burst out into hysterical laughter, and why he enjoyed tormenting others.“
„Surely you’re not suggesting that because Oxford’s father beat him and his mother, he felt compelled to inflict violence on others until at last he focused his anger by shooting at the queen.“
„Doctor, you express the idea far better than I ever could,“ De Quincey said.
„The idea is nonsense. Are you seriously proposing that by being encouraged to discuss the violence inflicted upon him in his youth, Oxford would understand his motives for shooting at the queen and no longer wish to do it?“

Dem Mörder ist der Leser – wie schon in „Der Opiummörder“ – in einer Parallelhandlung gefolgt. Erneut gelingt es Morrell, eine Balance zu schaffen zwischen dem Schrecken der (relativ anschaulich beschriebenen) Taten und den Beweggründen des Täters. Sehr detailliert bekommt man Einblick in das Elend der unteren Gesellschaftsschicht und vor allem der Kinder, die aufgrund der damaligen Wertvorstellungen und Gepflogenheiten missbraucht, misshandelt und ignoriert werden – ohne dass jemand etwas dagegen unternimmt. Auf diese Weise entschuldigt der Leser am Ende die Taten zwar nicht, aber er kann zumindest sehr gut nachvollziehen, wie ein Mensch derart innerlich zerbrechen kann, dass er zu so schrecklichen Morden in der Lage ist.

Bei all dem zeigt sich meines Erachtens, dass eine Kenntnis von Thomas De Quinceys Skandalessay „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“ durchaus von Vorteil ist. Dadurch versteht der Leser einfach besser, welche Faszination diese nicht nur brutal, sondern auch großartig durchdachten Morde auf den Schriftsteller De Quincey ausüben.
Übrigens gibt es auch in diesem zweiten Band der Reihe nur wenig Romance. Die Freundschaft zwischen Emily und Ryan sowie Emily und Becker hat sich ein wenig vertieft, sodass man sich mit Vornamen anspricht. Es wird deutlich, dass die junge Frau sich stärker zu Ryan hingezogen fühlt, der jedoch fast doppelt so alt ist wie sie. Becker hingegen deutet an, dass er die Beziehung zu ihr gern vertiefen möchte. Sie ahnt, dass er einen Antrag im Sinn hat, was sie jedoch ablehnt. Die Liebe zu ihrem Vater lässt keinen Raum für andere Liebesbeziehungen. Und gerade das macht diese weibliche Figur so faszinierend. Sie ermahnt ihn zwar immer, wenn er zu häufig zum Laudanum oder zu Opiumkugeln greift, und erzählt Becker auch, wie belastend es für sie in ihrer Kindheit und Jugend war, ihren Vater vor den Behörden zu schützen. Gleichzeitig bewundert sie ihn aber für seinen brillanten Geist und seinen schnellen Verstand. Und während alle davon überzeugt sind, dass er von seiner Sucht loskäme, wenn er nur mehr Willenstärke besäße, erkennt sie, dass es sich bei dieser Sucht (aber auch z. B. dem Alkoholismus) um eine physische Abhängigkeit handelt, der man mit ein bisschen mehr Willen leider nicht abhelfen kann:

„I wonder if someday we might learn that it’s possible for a drug to control someone’s mind and body so completely that only death seems to offer a release from its domination.“

Mein Fazit: Wer die typisch englische „Cozy Mystery“ sucht oder abends vor dem Einschlafen eine nette Geschichte lesen will, sollte um „Inspector of the Dead“ einen Bogen machen. Dazu ist der Bodycount einfach zu hoch und der Täter zu blutdurstig. Wer aber einen sehr gut geschriebenen und recherchierten historischen Thriller sucht sowie spannende, actionreiche Unterhaltung, dem kann ich diesen zweiten Roman um De Quincey und seine Tochter nur empfehlen! Allerdings muss ich eine Warnung  mit auf den Weg geben: Die Nächte werden kurz sein. 😉

Veröffentlicht in Belletristik

Antonia Hodgson: Das Teufelsloch

hodgson teufelslochEngland 1727. Tom Hawkins wird mit Schimpf und Schande von seinem Vater, einem Landpfarrer, vertrieben, als herauskommt, dass er sich bei seinen Studien weniger Gott gewidmet hat als vielmehr Wein, Weib und Gesang. Doch als er in London all sein Geld durchgebracht und seit Monaten seine Miete nicht gezahlt hat, droht ihm das Schuldgefängnis. Noch ein letztes Mal versucht er sein Glück am Spieltisch, und tatsächlich ist ihm Fortuna gewogen: Er gewinnt eine große Summe, mit deren Hilfe er die Hälfte seiner Schulden tilgen könnte. Doch als er mit dem Gewinn auf dem Nachhauseweg ist, wird er überfallen und ausgeraubt. Selbst Charles, Toms bester Freund aus Studienzeiten, dessen Mentor wiederum Sir Philip Meadows ist, dem unter anderem das Schuldgefängnis „The Marshalsea“ untersteht, kann nicht verhindern, dass Tom verurteilt wird.
Schnell erkennt dieser, dass in diesem „Teufelsloch“ nur der überlebt, der etwas Kleingeld in der Tasche hat – oder sich nützlich machen kann. Geld hat er nicht, aber als man ihm ein entsprechendes Angebot unterbreitet, verdingt er sich als Ermittler in einem Gefängnismord – eine Idee, an der sein düsterer Zellengenosse Fleet sogleich Gefallen findet. Doch Tom ist auf der Hut, gilt Fleet doch selbst bei den abgebrühtesten Bütteln des Marshalsea als Ausgeburt der Hölle …

„Das Teufelsloch“ ist der Debütroman von Antonia Hodgson – und wirklich ein guter, wenn auch nicht ganz überzeugender Einstieg in ihre literarische Karriere. Sie verwebt darin wie so viele Autoren historischer Romane Historie und Fiktion auf unterhaltsame Weise. Geschichtliche Fakten fließen auf eine dezente, organische Weise in die Handlung ein, sodass der Leser keinen Augenblick das Gefühl hat, belehrt zu werden. Einige der handelnden Figuren wie Direktor Action, die Wächter Jenings, Cross und Hand oder die Insassen Chapman, Bradshaw etc. hat es tatsächlich gegeben, sodass vieles von dem, was Hodgson über sie schreibt, durchaus den Tatsachen entspricht. Dies gibt der Geschichte noch einmal eine ganz besondere Intensität und beweist, dass gut recherchiert wurde.
Die Erzählweise ist schlicht, vermittelt aber sehr anschaulich Leben und vor allem Sterben in dem schrecklichen Schuldgefängnis „Marshalsea“, in dem die Schuldner auf der Master’s Side ein noch relativ gutes „Leben“ führen, während die Insassen auf der Commoner Side dem Tod geweiht sind. Der Leser kann den Schmutz vor seinem inneren Auge sehen und den Gestank von Krankheit und Tod beinahe riechen. Und auch den Irrsinn des Systems kann er nachvollziehen: dass Menschen wegen Überschuldung ins Gefängnis geworfen werden – dort aber für Unterkunft und Ernährung noch zahlen müssen und auf diese Weise weiter in die Schuldenfalle geraten.
Was mich im Hinblick auf die Authentizität aber etwas enttäuscht hat: In ihrem Vorwort entschuldigt sich die Autorin in gewisser Weise für die derbe Ausdrucksweise und die saftigen Ausdrücke, die aber dem Stil der damaligen Zeit entsprächen und dem Ganzen mehr Authentizität verliehen. Doch leider ist im Roman von dieser Sprache überhaupt nichts zu lesen. Ähnliches gilt für die Arbeit der Prostituierten im Gefängnis. Es wird angedeutet, dass sie ihre Dienste anbieten und auch hier und da nachgehen, aber es gibt nichts, das in dieser Hinsicht auch nur ansatzweise schockierend wäre. Das Ganze liest sich relativ brav.  Entweder hat uns also die Autorin mehr versprochen, als sie dann geliefert hat – oder in der Übersetzung wurde vieles geglättet, wodurch dann viel Authentisches verloren gegangen ist.

Dennoch wirken viele der handelnden Figuren durchaus „lebensnah“. Thomas Hawkins, der Protagonist der Geschichte, ist der Sohn eines Landpfarrers, mit diesem aber zerstritten, da er schon kurz nach dem Tod der Mutter eine neue Frau genommen hat. Und auch während seines Studium hat er sich weniger der Theologie gewidmet, wie sein Vater erhofft, sondern mehr dem Glücksspiel, was durch eine Intrige seines Stiefbruders ans Licht kommt. Er begibt sich daraufhin nach London, wo er all das genießt, was er liebt: Frauen, Kartenspiel und Alkohol. Doch irgendwann ergeht es ihm wie dem verlorenen Sohn und er hat alles durchgebracht. Als ihm am nächsten Tag die Einkerkerung in dem berüchtigten Schuldgefängnis „The Marshalsea“ droht, bittet er seinen alten Freund Charles Buckley um Hilfe. Dieser ist ein ambitionierter Geistlicher und lebt im Haushalt seines Mentors Sir Philip Meadows. Und tatsächlich leiht ihm dieser Geld, und Tom gelingt es, durch Glücksspiel wenigstens die Hälfte der verlangten Summe aufzubringen – doch durch eine Intrige findet er sich dennoch in Marshalsea wieder. Und hier muss der charmante junge Mann seine ganze Schlitzohrigkeit aufbieten, um zu überleben. Spätestens jetzt zeigt Hodgson sehr anschaulich die Komplexität seines Charakters: Er ist durchtrieben und ein schwacher Mensch, aber gleichzeitig hat er sich ein gutes Herz bewahrt und ist im Grunde ein so manches Mal zu vertrauensseliger Gutmensch. Doch als das Gefängnis nach der Ermordung (oder dem Selbstmord?) eines Insassen von einem Geist heimgesucht wird und die Witwe des Toten keine Ruhe gibt, nutzt Tom seine Chance: Im Gegenzug für seine Freilassung wird er hinter das Geheimnis des Geistes kommen und die Umstände um den Tod des Insassen klären.
Unterstützt wird er dabei von seinem Zimmergenossen Samuel Fleet, einem Drucker (und mehr), der wegen der Veröffentlichung der falschen Schriften in Marshalsea sitzt und weil er zu viele Regierungsgeheimnisse kennt. Fleet ist überaus intelligent und belesen und hat sich im Gefängnis den Ruf eines gnadenlosen Menschen erworben, dem man lieber nicht zu nah kommt, wenn man am Leben bleiben will. Er findet Toms Naivität in vielen Dingen überaus amüsant, schätzt aber gleichzeitig seine Furchtlosigkeit und seinen Überlebenswillen.

Die Ermittlungen der beiden verlaufen nicht, wie in historischen Krimis so oft der Fall, eher gemächlich; da man Tom nur wenige Tage gibt, den Todesfall zu klären, ist die Handlung sehr stark verdichtet und spannend. Dennoch war ich von den Ermittlungen etwas enttäuscht. Im ersten Kapitel des Buches wird erwähnt, dass Tom beim Kartenspiel die Gabe besitzt, sich auch in angetrunkenem Zustand noch an jede einzelne Karte zu erinnern, die ausgespielt wurde, und sich die Gewinnchancen blitzschnell ausrechnen kann. Eine ähnliche „Gabe“ erhofft man sich auch bei den Recherchen zum mysteriösen Todesfall. Doch vergebens. Tom stochert genauso planlos im Nebel umher wie der Leser, der aufgrund der Tatsache, dass „Das Teufelsloch“ von einem Ich-Erzähler erzählt wird, auch nicht mehr weiß als der Protagonist. Jeder könnte hinter dem Verbrechen stecken, denn jeder hat(te) einen „guten“ Grund dafür, den Gefangenen umzubringen. War es Direktor Acton, der um seine Einkünfte und um seine Position fürchtet? Einer der Wärter, die ihn um sein Geld gebracht haben? War es Fleet, der nicht etwa deshalb im Schuldgefängnis sitzt, weil er Schulden hat, sondern weil er zu viel über bedeutende Persönlichkeiten weiß? Oder war es jemand ganz anderer? Doch am Ende, so viel sei verraten, stellt sich heraus, dass alles ganz anders war … und das war dann der Augenblick, in dem auch mein Mund offen stehen blieb, als sich herausstellte, dass die Verwicklungen noch etwas hinterhältiger sind als gedacht. Doch auf diese Lösung kommt Tom nicht aufgrund seiner Ermittlungen. Im Gegenteil. Seine Ermittlungen folgen keinem System, haben keine Richtung, und neue Offenbarungen sind immer das Ergebnis des Zufalls und nicht des Gebrauchs seiner kleinen grauen Zellen. Und das gilt auch für Fleet, der ja als auch so guter Beobachter geschildert wird.

Mein Fazit: Ein wirklich gut recherchierter historischer Roman, aber ein nicht ganz so überzeugend durchkonstruierter Krimi. Dennoch zu keiner Zeit langweilig. Die Autorin hat definitiv Potenzial.