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Caleb Carr: Die Einkreisung

CarrNew York, 1896: Die Polizei entdeckt die schrecklich zugerichtete Leiche eines Stricherjungens. Polizeipräsident Theodore Roosevelt – später Präsident der Vereinigten Staaten – will den Fall aufgeklärt wissen, den seine Polizisten aus Gründen falscher Moralvorstellungen am liebsten unter den Teppich kehren möchten. Roosevelt setzt sich mit seinem Studienfreund Laszlo Kreisler in Verbindung, der in seiner wissenschaftlichen Arbeit bereits einige Theorien Sigmund Freuds vorwegnimmt. Wichtige Helfer sind auch der Polizeireporter John Moore (Ich-Erzähler der Ereignisse), Roosevelts Sekretärin Sara Howard, die es sich in den Kopf gesetzt hat, die erste weibliche Kriminalpolizistin New Yorks zu werden, und die beiden Kriminalwissenschaftler/ Gerichtsmediziner Marcus und Lucius Isaacson, die neue moderne Analyseverfahren verwenden.
Die fünf beginnen ihre Untersuchungen und finden heraus, dass der Mord an dem Stricherjungen Teil einer ganzen Mordserie ist, deren Opfer allesamt noch Kinder waren, die auf brutale Weise ums Leben kamen. Anhand der Indizien und Hinweise erstellt Kreisler ein Profil des Täters. Aus den Daten aller Morde, die immer im Zusammenhang mit hohen kirchlichen Feiertagen stehen, lässt sich schließlich auch der Zeitpunkt des nächsten Verbrechens vorhersagen. Doch der Täter beobachtet im Gegenzug auch die Arbeit der Detektive und ist ihnen immer einen Schritt voraus. Und nicht nur er erschwert ihnen die Arbeit: New York ist in unterschiedliche „Herrschaftsgebiete“ aufgeteilt, und deren Herren versuchen die Untersuchungen aus den unterschiedlichsten Gründen zu verhindern. Ganz zu schweigen davon, dass auch die beiden großen Kirchen nicht wollen, dass etwas derart Unmoralisches ans Licht kommt.
Es kommt schließlich zu einem Showdown über den Dächern von New York …

Caleb Carr wurde für seinen historischen Psychothriller „Die Einkreisung“ 1995 mit dem Anthony Award für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet – und das zu recht. „Die Einkreisung“ ist eine spannende Mischung aus „Profiler“ und „CSI“ – aber zu einer Zeit, als Personen, die der Ansicht waren, dass man Täter mithilfe von Fingerabdrücken oder psychologischen Profilen identifizieren kann, im besten Fall belächelt, im schlimmsten Falle mundtot gemacht wurden. Hinzu kommt noch eine Prise „Gangs of New York“, denn es gelingt dem Autor auf wunderbare Weise, die Atmosphäre des historischen New Yorks kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert einzufangen. Man kann die historische Weltstadt regelrecht vor sich sehen, wenn man mit den Helden in einer Kutsche durch die Straßen der Stadt rast oder durch die finsteren, stinkenden Gänge der heruntergekommenen Mietshäuser in den Five Points und ähnlich ärmlichen Vierteln schleicht, in denen Immigranten aus der ganzen Welt im Elend leben. Darüber hinaus lernt der Leser auch einiges über Psychologie und kriminalpsychologische Ansätze – man hat immer wieder das Gefühl, in einem Psychologieseminar zu sitzen, allerdings auf unterhaltsame und alles andere als belehrende Weise. Man kann so selbst über den Täter und seine Motive spekulieren, kann Vermutungen anstellen, aber auch verstehen, warum er tut, was er tut. Sein Verhalten wird an keine Stelle entschuldigt, aber es wird dem Leser zumindest verständlich gemacht.

Auch die geschilderten Haupt- und Nebencharaktere werden so lebendig beschrieben, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann – man will wissen, wie die Geschichte ausgeht. Ich-Erzähler John Moore ist Reporter bei der Times. Er stammt aus einer überaus wohlhabenden Familie, mit der er sich aber nach einer geplatzten Verlobung überworfen hat, sodass er nun bei seiner Großmutter lebt. Das macht deutlich, dass er zumindest, was den zwischenmenschlichen Bereich angeht, sein Leben nicht wirklich im Griff hat. Übrigens führt das ebenfalls dazu, dass er für die persönlichen Probleme oder die Geschehnisse im Leben seiner Mitstreiter ausgesprochen betriebsblind ist. Er ist keine gebrochene Figur, wie so viele Krimiprotagonisten, sondern charmant und sympathisch, aber wirklich erwachsen werden will er nicht. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitungskollegen ist er Bereiche aber auch nicht bereit, seine Augen vor dem Elend in der Stadt zu verschließen, was ihn nicht nur im Verlauf dieser Geschichte immer wieder in brenzlige Situationen bringt. Sofern ihm dies aufgrund seiner privilegierten Stellung möglich ist, will er Armut und das schreckliche Schicksal der Kinder, die sich verkaufen müssten, verstehen – und er will ihnen helfen.
Sara Howard, seine (platonische) Freundin aus Kindertagen, ist Kriminalsekretärin, träumt aber davon, die erste weibliche Polizistin zu werden. Sie besitzt einen wachen Geist, erkennt zwischenmenschliche und psychologische Zusammenhänge, die John verschlossen bleiben – und nimmt die Andeutungen ihres Reporterfreundes, dass man es doch einmal miteinander versuchen könnte, eher amüsiert zur Kenntnis; sie interessiert sich nämlich nicht für Männer. Das ist eine wohltuende Abwechslung zu vielen Kriminalromanen, in den sich Protagonist und Protagonistin am Ende „kriegen“ müssen. Was ebenfalls positiv auffällt: Carr verzichtet darauf, Sara als überemanzipierte, dickköpfige Protagonistin zu schildern, die sich durch eine „Ich weiß es aber besser als ihr“-Haltung ständig auf Alleingänge begibt und dadurch in Gefahr gerät. Auch verzichtet der Autor darauf, sexistische Untertöne einzustreuen bzw. die Protagonisten irgendwelche Annäherungsversuche machen zu lassen.
Kopf der Gruppe ist der Psychiater Dr. Laszlo Kreisler, mit dem John Moore und Theodore Roosevelt bereits seit Studientagen befreundet sind. Er leitet ein Institut, in dem er sich um Jugendliche kümmert, die auf die schiefe Bahn geraten sind bzw. psychologische Probleme haben. Es ist ihm ein großes Anliegen, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Obwohl er ein Verstandesmensch ist und seinen Mitstreitern erst einmal dabei helfen muss, das Konzept des Profilings zu verstehen und in die Psyche des Täters einzutauchen, versteht er es, sie dafür zu begeistern und zu sensibilisieren.
Vervollständigt wird das Team von die durch und durch vertrauenswürdigen Polizeibeamten Marcus und Lucius Isaacson, ein Brüderpaar. Sie wenden moderne Ermittlungsmethoden an, die dem Leser sehr bekannt vorkommen, wenn er mit TV-Serien wie CSI vertraut ist. Und weil zum einen die Korruption im Polizeiapparat der damaligen Zeit sehr weit verbreitet ist und vermeintliche Täter zum anderen eher aufgrund von vermeintlichen Zeugenaussagen oder irgendwelcher (politischer) Interessen verhaftet werden und weniger auf der Grundlage unbestreitbarer Fakten, sind sie bei ihren Kollegen nicht gern gesehen und werden zu Sonderaufgaben eingeteilt. Wie auch in diesem Fall.
Ebenfalls Mitgleider des Teams sind der Farbige Cyrus Montrose, der für Dr. Kreisler arbeitet, und der etwa 14-jährigen Stevie Taggert, einen ehemaligen Kleinkriminellen, den Kreisler von der Straße geholt hat.

Selbst wenn nach knapp 600 Seiten der Täter gefasst ist (was sicher nicht zu viel verraten ist), möchte man wissen, wie es mit diesen Personen weitergeht. Und welch spannende Geschichte Caleb Carr sich für Band 2 der Serie um unsere fünf Detektive ausgedacht hat (Engel der Finsternis).

Mein Fazit: Definitiv eine Leseempfehlung für jeden, der gerne intelligente Thriller liest und bereit ist, nicht nur von einer Bluttat zur nächsten zu hetzen, sondern auch in die psychologischen Abgründe einzutauchen.

PS: Das Buch wird übrigens gerade unter dem Titel „The Alienist“ von TNT als TV-Serie verfilmt. Mit dabei Daniel Brühl, Luke Evans, Dakota Fanning …

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Anita Terpstra: Anders

terpstra-andersAlma Meester, ihr Mann Linc und die beiden Kinder Iris und Sander sind eine ganz normale, glückliche Familie. Bis zu dem Tag, als der elfjährige Sander zusammen mit einem Freund während einer Nachwanderung spurlos verschwindet. Der andere Junge wird kurz darauf tot aufgefunden, doch Sander bleibt wie vom Erdboden verschluckt.
Sechs Jahre später meldet sich ein junger Mann bei einer deutschen Polizeistation und behauptet, er sei der verschwundene Sander Meester. Die Familie ist überglücklich, doch nach und nach kommen ihnen Zweifel. Ist der Junge wirklich der verlorene Sohn? Und was ist in der Nacht damals tatsächlich passiert?

„Anders“ von Anita Terpstra ist das erste Buch eines niederländischen Autors, das ich gelesen habe, und ich war neugierig, ob es sich von anderen Thrillern britischer oder amerikanischer Autoren unterscheidet, die ich bereits kenne. Das Buch ist gut geschrieben; die Autorin hat m. E. eine schnörkellose Schreibe. Die Kapitel sind kurz; mit ausführlichen Beschreibungen hält sich Terpstra nicht auf. Sie konfrontiert den Leser gleich mit Sanders Verschwinden, und ich hatte keinerlei Probleme, in die Geschichte hineinzufinden. Was auffällt, ist, dass es sich hier nicht um einen typischen Thriller mit detaillierten Beschreibungen grausamer Taten oder schrecklichen Blutvergießens handelt. Was einem Jungen zustößt, der u. U. sechs Jahre mit einem Pädophilen verbracht hat – das muss sich der Leser selbst ausmalen. „Anders“ ist ein Buch der leisen Töne; Spannung ist durchaus vorhanden, aber eher zwischen den Zeilen, wenn man beginnt, den wahren Schrecken zu erahnen.
In der ersten Hälfte ist das Buch allein dadurch packend, dass es hier um die Entführung eines Kindes geht, das Jahre später wieder auftaucht und sich erneut in seiner Familie „einleben“ muss. Die schrecklichen Ereignisse von damals haben dazu geführt, dass die Ehe der Eltern zerbrochen ist; der Vater leidet an Depressionen; die Tochter hat sich von ihren Eltern entfremdet. In diese an sich schon schwierige Situation kommt nun Sander zurück. Die Familie versucht, in gewisser Weise die heile Welt von früher zurückzuholen. Es kommen Gäste, man grillt, geht schwimmen … Doch immer wieder gibt es Augenblicke, in denen bei einzelnen Beteiligten der Verdacht aufkommt, dass es sich bei dem zurückgekehrten Jungen vielleicht doch nicht um Sander handelt.
Doch in der zweiten Hälfte kommen langsam dunkle Geheimnisse ans Licht, und der Leser erkennt, dass die große Frage dieses Buches nicht die ist, ob es sich bei dem zurückgekehrten Jungen wirklich um Sander handelt. Gerade für die Mutter geht es darum zu erkennen, dass ihre heile Welt schon früher alles andere als heil war. Mehr soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden. Als Leser habe ich die Auflösung schon relativ früh geahnt, und auch Linc und Iris sind von den Ereignissen nicht wirklich überrascht, aber die Mutter, die damals aufgrund einer beinahe schon obsessiven Zuneigung zu ihrem Sohn ihre Augen verschloss, braucht ein wenig länger, um die Wahrheit zu erkennen. Und dann kommt der letzte Absatz des Buches, der mir dann noch einmal den Boden unter den Füßen weggezogen hat, weil darin schon unglaublich viel Vorahnung mitschwingt:

Er hatte den Schmetterling endlich gefangen. Ohne mit der Wimper zu zucken, riss er ihm die Flügel aus.

Die Geschichte wird aus der Perspektive der 3. Person erzählt – wobei es sich primär um die Perspektiven von Alma, Linc und Iris handelt –, wodurch man einen guten Einblick in die Gefühlswelt der Protagonisten erhält. Aus Sanders Perspektive erfährt man die Ereignisse nur anfänglich, sodass er für den Leser genauso rätselhaft und undurchdringlich bleibt wie für seine Familie. Dennoch hatte ich ein relativ distanziertes Verhältnis zu den Protagonisten, die Sanders Verschwinden auf ihre jeweilige Art und Weise verarbeiteten. Linc blieb für mich sehr blass, ein schwacher Charakter. Spätestens nach dem Verschwinden des Sohnes hat sich offenbar in der Ehe mit Alma ein Rollentausch vollzogen: Während er früher (angeblich – ich habe da so meine Zweifel) ein Macher ist, beruflich erfolgreich, versinkt er nach dem Verschwinden in seinem Kummer, wird antriebslos und depressiv, während seine Frau zur treibenden Kraft auf der Suche nach dem Sohn und in der Ehe ist.

Sie hätte schrecklich gerne mehr Kinder, eine große Familie gehabt, aber für Linc war das zweite Kind eigentlich schon eins zu viel gewesen. Sie hatte es ihm regelrecht abtrotzen müssen, sogar mit Trennung gedroht. […] Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es sowieso kein weiteres Kind mehr gegeben. Alma jedoch wollte nach Sanders Verschwinden unbedingt eins, und so hatte er am Ende eingewilligt.

Das schreibt die Autorin über die „Entstehung“ sowohl des ersten als auch des zweiten Sohnes, den Alma sich offenbar zulegt, um ihre heile Welt wiederherzustellen und die Leere, die Sander hinterlassen hat, zu füllen. Alma ist auch die Figur, an der ich mich beim Lesen am meisten gerieben habe. Sie ist eine Übermutter – aber nur für ihren Sohn, den sie augenscheinlich schon früh ihrer Tochter Iris vorzieht: Bei Konflikten ergreift sie immer Sanders Partei; dass ihr Sohn etwas „verbrochen“ haben könnte, zieht sie überhaupt nicht in Betracht. Wenn jemand Andeutungen macht oder wenn die Wahrheit an ihr Unterbewusstsein pocht, dass sie gar nicht in einer Bilderbuchfamilie lebt, drängt sie dies zurück. Alma tut in der Situation nach Sanders Rückkehr dann das, was sie schon früher getan hat: Sie verschließt die Augen. Fragt nicht nach. Will nicht wissen, was damals wirklich geschehen ist. Sie braucht sehr lange, bis sie die Wahrheit erkennt. Iris hingegen hat nach dem Verschwinden des Bruders relativ schnell ihr Elternhaus verlassen. Zum einen gibt sie sich die Schuld an Sanders Verschwinden, zum anderen nimmt sie ihrer Mutter übel, dass diese früher immer nur Partei für Sander ergriffen hat. Über sie schreibt Terpstra:

Lügen konnte sie wie kaum eine Zweite. Manchmal war es recht mühsam, sich an all die Geschichten zu erinnern, die sie sich ausgedacht hatte, aber ansonsten liebte sie ihr Fantasieleben.

Interessanterweise wird dies im Roman m. E. gar nicht weiter ausgeführt; das einzige Geheimnis, das sie mit sich herumschleppt, bezieht sich auf die Nacht von Sanders Verschwinden, und als Leser ahnt man schnell, worum es sich dabei handelt. An diesem Punkt hatte ich das Gefühl, dass die Autorin vergessen hat, diesen Aspekt weiter auszuführen.

Mein Fazit: Ein guter (Psycho-)Thriller, der durchaus Stärken hat. Dennoch konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass die Autorin nicht das gesamte Potenzial der Idee ausgeschöpft hat.

 

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David Morrell: Inspector of the Dead

morrell-inspector-deadLondon, 1855: Die Briten stehen kurz davor, den Krimkrieg zu verlieren. Aufgrund dieser militärischen Missstände wird die Regierung zum Rücktritt gezwungen und Lord Palmerston wird neuer Primierminister und von Queen Victoria mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftrag. Dennoch stehen immer größere Teile der Bevölkerung ihrer Regentin und Prinz Albert misstrauisch gegenüber.
Dann beginnen die entsetzlichen Morde …
Ein Unbekannter ermordet Mitglieder des britischen Hochadels und ihre kompletten Haushalte. Zurück lässt er zwei Zettel: einen mit dem Hinweis „Young England“, einen weiteren mit dem Namen von Männern, die in der Vergangenheit schon einmal vergeblich versucht haben, Queen Victoria umzubringen. Schnell ist allen klar, dass die Königin das eigentliche Ziel des Täters ist.
Der berüchtigte Opiumesser Thomas de Quincey und seine Tochter Emily versuchen gemeinsam mit den beiden Polizeibeamten Ryan und Becker, diese letztendliche Tat zu verhindern. Dabei stoßen sie auf die Spur eines Mannes, dessen Durst nach Rache seine Seele vergiftet hat. Nichts kann ihn aufhalten.

„Inspector of the Dead“ ist Band 2 der Krimireihe um den bekannten Literaten und Optiumesser Thomas de Quincey und seine Tochter Emily. Und auch hier lässt der kanadische Schriftsteller David Morrell wieder reale historische Ereignisse in brillanter Weise in seine Krimihandlung einfließen:
Zum einen der Krimkrieg und der damit verbundene Schrecken. Soldaten, die aufgrund der Unfähigkeit ihrer Anführer ums Leben kommen. Männer, die traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren. Florence Nightingale und ihre Krankenschwestern, die alles taten, um die Verwundeten so gut wie möglich zu versorgen. Der Kriegsberichterstatter William Howard Russell, der – was zu dieser Zeit noch ungewöhnlich war – vor Ort war und den Schrecken hautnah miterlebte – und dann zu Hause von der Unfähigkeit der britischen Offiziere und der unzureichenden Versorgung der Truppen berichtete.
Zum anderen die politischen Unruhen in Großbritannien. Von den gescheiterten Attentaten auf die englische Königin, dem Hass und dem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber ihrem deutschen Gatten Prinz Albert bis hin zur neuen Regierungsbildung unter Lord Palmerston. Aber auch die Beweggründe hinter dem Bau des Suez-Kanals oder das Elend der Einwanderer.
Auf diese Weise bekommt der Leser einen sehr guten Einblick in die historischen Vorgänge der damaligen Zeit. Morrell besitzt die beneidenswerte Fähigkeit, gesammeltes Wissen über Historie, Politik, Militär oder Wissenschaft auf eine Weise in die Handlung einfließen zu lassen bzw. zu vermitteln, die unterhaltsam ist und gleichzeitig sehr detailliert und tiefgehend.

Aber auch die eigentliche Krimi-/Thriller-Handlung lässt auch dieses Mal nicht zu wünschen übrig. Die Handlung setzt einige Wochen nach den Ereignissen von „Der Opiummörder“ ein. Skandalliteratur de Quincey und seine Tochter Emily leben seither bei Lord Palmerston, der dadurch verhindern will, dass die skandalösen Ereignisse um den Nachahmungstäter der „Ratcliffe Highway“-Morde ans Licht kommen. Doch nun hat er genug von der Unruhe in seinem Londoner Haus und ist froh, als die beiden – gezwungenermaßen – wieder nach Edinburgh zurückkehren wollen. Doch als sie zuvor noch einen Gottesdienst in der St.-James-Kirche besuchen, wird in der Nachbarloge Lady Cosgrove auf brutale Weise ermordet – ohne dass sich jemand erklären kann, wie der Täter aus der Loge flüchten konnte. Zurück bleibt ein Zettel mit den Worten „Young England“. Als man ihren Mann darüber in Kenntnis setzen will, stellt sich heraus, dass nicht nur der komplette Haushalt, sondern auch Lord Cosgrove auf entsetzliche Weise ermordet wurde, und in der Hand hält er einen Zettel mit der Aufschrift „Edward Oxford“. Dabei handelt es sich um den Mann, der den ersten (vergeblichen) Attentatsversuch auf die britische Königin Victoria verübt hat und seither in der Anstalt Bedlam einsitzt, nachdem die Untersuchungen ergeben haben, dass die Verschwörergruppe „Young England“, deren Mitglied er angeblich ist, nur in seiner Fantasie existiert. Das Gleiche geschieht auch bei den nächsten Morden: Immer bleibt beim Primäropfer der Name eines gescheiterten Attentäters zurück und bei seinem Ehepartner die Worte „Young England“.
Nachdem de Quincey und seine Tochter sowie die beiden befreundeten Beamten Ryan und Becker Zeuge der Ereignisse geworden sind, verschiebt der Schriftsteller seine Abreise und beginnt zum Entsetzen Palmerstons zu ermitteln. Dabei erhält er sogar die Unterstützung der Königin, die von de Quinceys Ansichten eher geschockt, aber von denen seiner Tochter sehr angetan ist. Auch hier entpuppt sich de Quincey wieder als Mann, der seiner Zeit weit voraus ist. Durch seine Fähigkeit (und überhaupt Bereitschaft), hinter die Dinge zu sehen, erkennt er Zusammenhänge, wo niemand sonst sie zu sehen vermag. Und auch mit seinem Einblick in die menschliche Psyche ist er der Wissenschaft seiner Tage um Jahrzehnte voraus und durchschaut Bezüge, die später erst ein Freud erkennen wird. Aber gerade durch diese Fähigkeiten kommt er auf die Spur des Täters. Und gerade das macht ihn auch für den modernen Leser zu einer so faszinierenden Figur!

„Mr. De Quincey, I take it that you are not a physician. While your theories are amusing, they have no basis in science. Dreams and nightmares are merely phantoms created by electricity.“
„How foolish of me to think otherwise. Then let us forget about interpreting dreams. Consider that Edward Oxford was frequently beaten by his father and often saw his mother beaten. The shock of this persistent violence could explain why he was too unstable to hold jobs, why he frequently burst out into hysterical laughter, and why he enjoyed tormenting others.“
„Surely you’re not suggesting that because Oxford’s father beat him and his mother, he felt compelled to inflict violence on others until at last he focused his anger by shooting at the queen.“
„Doctor, you express the idea far better than I ever could,“ De Quincey said.
„The idea is nonsense. Are you seriously proposing that by being encouraged to discuss the violence inflicted upon him in his youth, Oxford would understand his motives for shooting at the queen and no longer wish to do it?“

Dem Mörder ist der Leser – wie schon in „Der Opiummörder“ – in einer Parallelhandlung gefolgt. Erneut gelingt es Morrell, eine Balance zu schaffen zwischen dem Schrecken der (relativ anschaulich beschriebenen) Taten und den Beweggründen des Täters. Sehr detailliert bekommt man Einblick in das Elend der unteren Gesellschaftsschicht und vor allem der Kinder, die aufgrund der damaligen Wertvorstellungen und Gepflogenheiten missbraucht, misshandelt und ignoriert werden – ohne dass jemand etwas dagegen unternimmt. Auf diese Weise entschuldigt der Leser am Ende die Taten zwar nicht, aber er kann zumindest sehr gut nachvollziehen, wie ein Mensch derart innerlich zerbrechen kann, dass er zu so schrecklichen Morden in der Lage ist.

Bei all dem zeigt sich meines Erachtens, dass eine Kenntnis von Thomas De Quinceys Skandalessay „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“ durchaus von Vorteil ist. Dadurch versteht der Leser einfach besser, welche Faszination diese nicht nur brutal, sondern auch großartig durchdachten Morde auf den Schriftsteller De Quincey ausüben.
Übrigens gibt es auch in diesem zweiten Band der Reihe nur wenig Romance. Die Freundschaft zwischen Emily und Ryan sowie Emily und Becker hat sich ein wenig vertieft, sodass man sich mit Vornamen anspricht. Es wird deutlich, dass die junge Frau sich stärker zu Ryan hingezogen fühlt, der jedoch fast doppelt so alt ist wie sie. Becker hingegen deutet an, dass er die Beziehung zu ihr gern vertiefen möchte. Sie ahnt, dass er einen Antrag im Sinn hat, was sie jedoch ablehnt. Die Liebe zu ihrem Vater lässt keinen Raum für andere Liebesbeziehungen. Und gerade das macht diese weibliche Figur so faszinierend. Sie ermahnt ihn zwar immer, wenn er zu häufig zum Laudanum oder zu Opiumkugeln greift, und erzählt Becker auch, wie belastend es für sie in ihrer Kindheit und Jugend war, ihren Vater vor den Behörden zu schützen. Gleichzeitig bewundert sie ihn aber für seinen brillanten Geist und seinen schnellen Verstand. Und während alle davon überzeugt sind, dass er von seiner Sucht loskäme, wenn er nur mehr Willenstärke besäße, erkennt sie, dass es sich bei dieser Sucht (aber auch z. B. dem Alkoholismus) um eine physische Abhängigkeit handelt, der man mit ein bisschen mehr Willen leider nicht abhelfen kann:

„I wonder if someday we might learn that it’s possible for a drug to control someone’s mind and body so completely that only death seems to offer a release from its domination.“

Mein Fazit: Wer die typisch englische „Cozy Mystery“ sucht oder abends vor dem Einschlafen eine nette Geschichte lesen will, sollte um „Inspector of the Dead“ einen Bogen machen. Dazu ist der Bodycount einfach zu hoch und der Täter zu blutdurstig. Wer aber einen sehr gut geschriebenen und recherchierten historischen Thriller sucht sowie spannende, actionreiche Unterhaltung, dem kann ich diesen zweiten Roman um De Quincey und seine Tochter nur empfehlen! Allerdings muss ich eine Warnung  mit auf den Weg geben: Die Nächte werden kurz sein. 😉

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Antonia Hodgson: Das Teufelsloch

hodgson teufelslochEngland 1727. Tom Hawkins wird mit Schimpf und Schande von seinem Vater, einem Landpfarrer, vertrieben, als herauskommt, dass er sich bei seinen Studien weniger Gott gewidmet hat als vielmehr Wein, Weib und Gesang. Doch als er in London all sein Geld durchgebracht und seit Monaten seine Miete nicht gezahlt hat, droht ihm das Schuldgefängnis. Noch ein letztes Mal versucht er sein Glück am Spieltisch, und tatsächlich ist ihm Fortuna gewogen: Er gewinnt eine große Summe, mit deren Hilfe er die Hälfte seiner Schulden tilgen könnte. Doch als er mit dem Gewinn auf dem Nachhauseweg ist, wird er überfallen und ausgeraubt. Selbst Charles, Toms bester Freund aus Studienzeiten, dessen Mentor wiederum Sir Philip Meadows ist, dem unter anderem das Schuldgefängnis „The Marshalsea“ untersteht, kann nicht verhindern, dass Tom verurteilt wird.
Schnell erkennt dieser, dass in diesem „Teufelsloch“ nur der überlebt, der etwas Kleingeld in der Tasche hat – oder sich nützlich machen kann. Geld hat er nicht, aber als man ihm ein entsprechendes Angebot unterbreitet, verdingt er sich als Ermittler in einem Gefängnismord – eine Idee, an der sein düsterer Zellengenosse Fleet sogleich Gefallen findet. Doch Tom ist auf der Hut, gilt Fleet doch selbst bei den abgebrühtesten Bütteln des Marshalsea als Ausgeburt der Hölle …

„Das Teufelsloch“ ist der Debütroman von Antonia Hodgson – und wirklich ein guter, wenn auch nicht ganz überzeugender Einstieg in ihre literarische Karriere. Sie verwebt darin wie so viele Autoren historischer Romane Historie und Fiktion auf unterhaltsame Weise. Geschichtliche Fakten fließen auf eine dezente, organische Weise in die Handlung ein, sodass der Leser keinen Augenblick das Gefühl hat, belehrt zu werden. Einige der handelnden Figuren wie Direktor Action, die Wächter Jenings, Cross und Hand oder die Insassen Chapman, Bradshaw etc. hat es tatsächlich gegeben, sodass vieles von dem, was Hodgson über sie schreibt, durchaus den Tatsachen entspricht. Dies gibt der Geschichte noch einmal eine ganz besondere Intensität und beweist, dass gut recherchiert wurde.
Die Erzählweise ist schlicht, vermittelt aber sehr anschaulich Leben und vor allem Sterben in dem schrecklichen Schuldgefängnis „Marshalsea“, in dem die Schuldner auf der Master’s Side ein noch relativ gutes „Leben“ führen, während die Insassen auf der Commoner Side dem Tod geweiht sind. Der Leser kann den Schmutz vor seinem inneren Auge sehen und den Gestank von Krankheit und Tod beinahe riechen. Und auch den Irrsinn des Systems kann er nachvollziehen: dass Menschen wegen Überschuldung ins Gefängnis geworfen werden – dort aber für Unterkunft und Ernährung noch zahlen müssen und auf diese Weise weiter in die Schuldenfalle geraten.
Was mich im Hinblick auf die Authentizität aber etwas enttäuscht hat: In ihrem Vorwort entschuldigt sich die Autorin in gewisser Weise für die derbe Ausdrucksweise und die saftigen Ausdrücke, die aber dem Stil der damaligen Zeit entsprächen und dem Ganzen mehr Authentizität verliehen. Doch leider ist im Roman von dieser Sprache überhaupt nichts zu lesen. Ähnliches gilt für die Arbeit der Prostituierten im Gefängnis. Es wird angedeutet, dass sie ihre Dienste anbieten und auch hier und da nachgehen, aber es gibt nichts, das in dieser Hinsicht auch nur ansatzweise schockierend wäre. Das Ganze liest sich relativ brav.  Entweder hat uns also die Autorin mehr versprochen, als sie dann geliefert hat – oder in der Übersetzung wurde vieles geglättet, wodurch dann viel Authentisches verloren gegangen ist.

Dennoch wirken viele der handelnden Figuren durchaus „lebensnah“. Thomas Hawkins, der Protagonist der Geschichte, ist der Sohn eines Landpfarrers, mit diesem aber zerstritten, da er schon kurz nach dem Tod der Mutter eine neue Frau genommen hat. Und auch während seines Studium hat er sich weniger der Theologie gewidmet, wie sein Vater erhofft, sondern mehr dem Glücksspiel, was durch eine Intrige seines Stiefbruders ans Licht kommt. Er begibt sich daraufhin nach London, wo er all das genießt, was er liebt: Frauen, Kartenspiel und Alkohol. Doch irgendwann ergeht es ihm wie dem verlorenen Sohn und er hat alles durchgebracht. Als ihm am nächsten Tag die Einkerkerung in dem berüchtigten Schuldgefängnis „The Marshalsea“ droht, bittet er seinen alten Freund Charles Buckley um Hilfe. Dieser ist ein ambitionierter Geistlicher und lebt im Haushalt seines Mentors Sir Philip Meadows. Und tatsächlich leiht ihm dieser Geld, und Tom gelingt es, durch Glücksspiel wenigstens die Hälfte der verlangten Summe aufzubringen – doch durch eine Intrige findet er sich dennoch in Marshalsea wieder. Und hier muss der charmante junge Mann seine ganze Schlitzohrigkeit aufbieten, um zu überleben. Spätestens jetzt zeigt Hodgson sehr anschaulich die Komplexität seines Charakters: Er ist durchtrieben und ein schwacher Mensch, aber gleichzeitig hat er sich ein gutes Herz bewahrt und ist im Grunde ein so manches Mal zu vertrauensseliger Gutmensch. Doch als das Gefängnis nach der Ermordung (oder dem Selbstmord?) eines Insassen von einem Geist heimgesucht wird und die Witwe des Toten keine Ruhe gibt, nutzt Tom seine Chance: Im Gegenzug für seine Freilassung wird er hinter das Geheimnis des Geistes kommen und die Umstände um den Tod des Insassen klären.
Unterstützt wird er dabei von seinem Zimmergenossen Samuel Fleet, einem Drucker (und mehr), der wegen der Veröffentlichung der falschen Schriften in Marshalsea sitzt und weil er zu viele Regierungsgeheimnisse kennt. Fleet ist überaus intelligent und belesen und hat sich im Gefängnis den Ruf eines gnadenlosen Menschen erworben, dem man lieber nicht zu nah kommt, wenn man am Leben bleiben will. Er findet Toms Naivität in vielen Dingen überaus amüsant, schätzt aber gleichzeitig seine Furchtlosigkeit und seinen Überlebenswillen.

Die Ermittlungen der beiden verlaufen nicht, wie in historischen Krimis so oft der Fall, eher gemächlich; da man Tom nur wenige Tage gibt, den Todesfall zu klären, ist die Handlung sehr stark verdichtet und spannend. Dennoch war ich von den Ermittlungen etwas enttäuscht. Im ersten Kapitel des Buches wird erwähnt, dass Tom beim Kartenspiel die Gabe besitzt, sich auch in angetrunkenem Zustand noch an jede einzelne Karte zu erinnern, die ausgespielt wurde, und sich die Gewinnchancen blitzschnell ausrechnen kann. Eine ähnliche „Gabe“ erhofft man sich auch bei den Recherchen zum mysteriösen Todesfall. Doch vergebens. Tom stochert genauso planlos im Nebel umher wie der Leser, der aufgrund der Tatsache, dass „Das Teufelsloch“ von einem Ich-Erzähler erzählt wird, auch nicht mehr weiß als der Protagonist. Jeder könnte hinter dem Verbrechen stecken, denn jeder hat(te) einen „guten“ Grund dafür, den Gefangenen umzubringen. War es Direktor Acton, der um seine Einkünfte und um seine Position fürchtet? Einer der Wärter, die ihn um sein Geld gebracht haben? War es Fleet, der nicht etwa deshalb im Schuldgefängnis sitzt, weil er Schulden hat, sondern weil er zu viel über bedeutende Persönlichkeiten weiß? Oder war es jemand ganz anderer? Doch am Ende, so viel sei verraten, stellt sich heraus, dass alles ganz anders war … und das war dann der Augenblick, in dem auch mein Mund offen stehen blieb, als sich herausstellte, dass die Verwicklungen noch etwas hinterhältiger sind als gedacht. Doch auf diese Lösung kommt Tom nicht aufgrund seiner Ermittlungen. Im Gegenteil. Seine Ermittlungen folgen keinem System, haben keine Richtung, und neue Offenbarungen sind immer das Ergebnis des Zufalls und nicht des Gebrauchs seiner kleinen grauen Zellen. Und das gilt auch für Fleet, der ja als auch so guter Beobachter geschildert wird.

Mein Fazit: Ein wirklich gut recherchierter historischer Roman, aber ein nicht ganz so überzeugend durchkonstruierter Krimi. Dennoch zu keiner Zeit langweilig. Die Autorin hat definitiv Potenzial.

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Stephen King: The Stand – Das letzte Gefecht

king-standKalifornien, Juni 1990: Als in einer militärischen Basis ein tödliches grippeartiges Virus freigesetzt wird und die elektronischen Sicherheitsmaßnahmen nur verzögert greifen, gelingt einem der Wachleute die Flucht aus dem Stützpunkt. Gemeinsam mit Frau und Kind tritt er die Flucht durch Nevada an. Doch das Virus erwischt jeden, der mit ihm in Kontakt kommt, und so infiziert der Soldat auf seinem Weg in den Osten immer mehr Menschen. Innerhalb weniger Tage ist die gesamte amerikanische Bevölkerung mit „Captain Trips“ infiziert und die Todesrate liegt bei nahezu 100 Prozent.
Doch es gibt auch Menschen, die gegen dieses Grippevirus immun sind. Noch während sie versuchen, mit der neuen Situation zurechtzukommen, werden sie von Träumen heimgesucht. Träumen, in denen ein mysteriöser dunkler Mann auftritt – der teuflische Randall Flagg – und eine uralte Farbige mit göttlichen Visionen, Mutter Abagail.
Einige der Überlebenden begeben sich auf den Weg nach Westen, nach Las Vegas, wo sie unter der Führung von Randall Flagg, der übernatürliche Fähigkeiten besitzt, eine neue Gesellschaft gründen. Die übrigen machen sich auf nach Nebraska, um die alte Frau zu suchen, die die ersten Ankommenden wie ein moderner Mose nach Boulder, Colorado, führt, wo sie eine neue Zivilisation aufbauen wollen.
Doch auch in Boulder gibt es Menschen, die sich zum dunklen Mann hingezogen fühlen und für seine „Einflüsterungen“ offen sind …

„The Stand – Das letzte Gefecht“ stammt ursprünglich aus dem Jahr 1978. Allerdings war der Verlag damals der Auffassung, dass man den Lesern kein Buch zumuten könnte, das mehr als 12,95 Dollar kosten würde, denn ein Buch von (im Original) über 1 200 Seiten müssten rein kalkulatorisch teurer sein. Daraufhin wurde die Geschichte von Stephen King um 400 Seiten gekürzt. Doch 1990 hatte sich die Buchwelt ein Stückchen weiter gedreht, und man beschloss, die lange Version der Geschichte zu veröffentlichen, in die nun die meisten Kürzungen in der einen oder anderen Weise wieder eingeflossen sind. Die deutsche Taschenbuchausgabe, die im März 2016 in einer Neuausgabe im Heyne Verlag erschien, hat nun schlappe 1 712 Seiten!
Man müsste wohl eine epische Rezension verfassen, um diesem epischen Werk gerecht zu werden, aber ich will mich im Folgenden auf einige wenige Aspekte beschränken.

1. Ich liebe Kings Art, die Ausbreitung des Virus lakonisch und irgendwie distanziert zu beschreiben – aber so, dass man im Grunde beim Lesen schon beinahe lächeln muss:

In der Wüste Kaliforniens hatte jemand, unterstützt vom Geld der Steuerzahler, endlich einen Kettenbrief erfunden, der wirklich funktionierte. Einen ausgesprochen tödlichen Kettenbrief.
Am 19. Juni
[…] machte Harry Trent im östlichen Texas in einem Imbiss namens Babe’s Kwik-Eat Rast, weil er schnell etwas essen wollte. Er bestellte ein Cheeseburger-Menü und als Nachtisch ein Stück von Babes köstlicher Erdbeertorte. Er hatte eine leichte Erkältung, vielleicht eine Allergie, und musste ständig niesen und spucken. Beim Essen steckte er Babe an, den Tellerwäscher, zwei Trucker in der Ecke, den Brotlieferanten, den Mann, der die Schallplatten in der Musicbox auswechseln wollte. Dem süßen Ding, das an seinem Tisch bediente, gab er einen Dollar Trinkgeld, an dem der Tod klebte.
Als er ging, fuhr ein Kombi vor. […] Harry beschrieb dem Mann sehr genau, wie er zum Highway 21 kam. Er stellte gleichzeitig ihm und seiner ganzen Familie die Totenscheine aus, ohne es zu wissen.
(Stephen King: The Stand. Heyne Verlag, München, 2015, S. 125-126)

2. King gelingt es sehr gut, ein riesiges Universum an Figuren glaubwürdig zusammenzuhalten. Er verwebt unzählige Geschichten und Schicksale handelnder Figuren auf meisterhafte Weise. Bei vielen Autoren, die ebenfalls aus einem großen Figurenreichtum schöpfen, wünsche ich mir oft, ein Personenverzeichnis zu haben, um gewisse Dinge nachschlagen zu können. Das ist bei „The Stand“ nicht nötig; hier brennt sich dem Leser jede zentrale Figur so gut ins Gedächtnis ein, dass sie rasch zu alten Bekannten werden, deren Werdegang man immer im Hinterkopf hat. Nie müsste man nachschlagen, wieso sich eine Figur für die dunkle Seite entschieden hat oder warum ein bestimmter Protagonist sich so entwickelt, wie er dies tut.
Auch sind Kings Charaktere keine perfekten Helden, die mit stolzgeschwellter Brust selbstbewusst in die Schlacht ziehen. King schenkt uns reale Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Hoffnungen und Zweifeln, ihren Erfolgen und ihrem Scheitern. Menschen, die versagen und erkennen müssen, dass sie dem falschen Weg gefolgt sind. Menschen, die Dunkelheit oder Licht folgen, aber immer wieder vor der Entscheidung stehen, diese Wahl zu revidieren und doch noch auf die gute respektive böse Seite zu wechseln.

3. Vielfach fühlte ich mich an „The Walking Dead“ erinnert – weniger hinsichtlich der Zombies, sondern vielmehr darum, dass King sich auf die Spur derselben Fragestellung begibt wie viele Jahre später die TWD-Erfinder: Was macht es mit einem Menschen, wenn das, was ihm Halt gibt, plötzlich wegbricht? Wenn die Gesellschaft, in der man seinen Platz hat (auch wenn man mit diesem Platz vielleicht unzufrieden war), von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist? Wird man daran zerbrechen, wie einige Figuren in „The Stand“, oder wird man Stärken und Kräfte entdecken, von denen man vorher keine Ahnung hatte? Werden Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zugunsten von Selbstsucht und dem „Survival of the Fittest“ einen schnellen Tod sterben oder ist die Menschheit doch inhärent gut? (Die Antwort lautet natürlich Nein.) Mit welchen Mechanismen bekommt man es beim Aufbau einer neuen Gesellschaft zu tun – mit welchen Schwierigkeiten ist man konfrontiert? Sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, dazu lädt „The Stand“ sicherlich ebenfalls ein.

4. Und wie es bei einem Roman, in dem es um den alten Kampf Gut gegen Böse, Gott gegen Satan geht, gar nicht anders sein kann, beschäftigt sich King auch mit religiösen Fragen. Allerdings nicht mit den unsympathischen engstirnigen Fanatikern, die Ungläubige in der Hölle schmoren sehen, oder Sonntagschristen, die lediglich  an christlichen Symbolen hängen, sondern ganz zentral mit einer zutiefst gläubigen Frau wie Abagail Freemantle, die keine Symbole braucht, sondern ganz „natürlich“ ihren Alltag mit Gott lebt – und wie ein moderne Mose das auserwählte Volk Israel ins Gelobte Land führt. Und dabei nicht fehlerlos ist. Das „Witzige“ bei dieser Beschäftigung mit Religion ist, dass die übrigen Protagonisten des Romans fast ausnahmslos Atheisten oder Agnostiker sind, in deren Leben der Glaube überhaupt keinen Platz hat. Und die „Werkzeuge“, durch die Gott dann sein Werk tut, sind ausnahmslos alte, zurückgebliebene oder kranke Menschen – und das ist im Rahmen des Romans noch nicht einmal als Kritik zu verstehen. Nach dem Motto: Nur die Alten, die Kranken oder Zurückgebliebenen glauben an etwas so Dämliches wie an einen Gott. Nein, die anderen sind schlicht nicht in der Lage, auch nur in Betracht zu ziehen, dass es um mehr gehen könnte als ein simples fehlgeschlagenes militärisches Experiment.

5. Und schlussendlich wird ein Hardcore-King-Fan sicher einige Aspekte und Personen erkennen, die in späteren Werken des Autors noch eine Rolle spielen werden – wo schon Figuren angedeutet werden, die man aus anderen King-Werken kennt. Randall Flagg ist bspw. die Nemesis der Hauptfigur aus „Der dunkle Turm“. Die Supergrippe „Captain Trips“ wird z. B. auch in der Kurzgeschichte „Nächtliche Brandung“ erwähnt.

Mein Fazit: Ein großartiges, zeitloses Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte! Für das man aber aufgrund seines Umfanges viel Zeit und einen langen Atem braucht.

(via Youtube*)

* Der wahrscheinlich schlechteste Trailer der Welt

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Ule Hansen: Neuntöter

hansen-neuntoeterBerlin, Potsdamer Platz. Beim Klettern auf einem Baugerüst hinter einer gigantischen Werbewand macht ein Junge eine grausame Entdeckung: drei Leichen, einbandagiert in Panzertape, hängen in schwindelerregender Höhe an den Gerüststangen. Sie sehen aus wie Mumien und scheinen in dieselbe Richtung zu blicken, als würden sie auf etwas warten. Als man sie „auspackt“, stellt sich heraus, dass sie langsam verhungert und verdurstet sein müssen – und das sie Kleidung tragen und Gegenstände bei sich haben, die einer alten stern-Anzeige entsprungen zu sein scheinen.
Als die menschenscheue Fallanalystin Emma Carow auf den Fall angesetzt wird, ist ihr schnell klar, dass er für ihre Karriere entscheidend ist. Sie ist die Erste, die ahnt, dass dies nicht die letzten Leichen sein werden. Doch je fester sie sich in den Fall verbeißt und ihre Kollegen vor den Kopf stößt, desto mehr droht ein altes Trauma sie in den Abgrund zu ziehen.

Ule Hansen ist das Pseudonym eines Berliner Autorenduos: Astrid Ule und Eric T. Hansen. Laut Klappentext teilen die beiden eine Leidenschaft u. a. für ziellose Streifzüge durch die vergessenen Ecken der deutschen Hauptstadt. Und genau das ist das große Plus dieses Romans: die unglaubliche Authentizität. Vermutlich könnte man sich mithilfe des Buches als Tourist einen Weg durch Berlin bahnen – und Ecken entdecken, die man gewöhnlich wahrscheinlich nicht besuchen würde. Mit einer stellenweise unglaublichen Akribie beschreiben sie den Weg der Protagonistin durch die Stadt, immer auf der Suche nach dem Täter. Da das Autorenduo derart in Berlin zu Hause ist, bin ich sicher, wenn man die Tatorte aufsuchen würde, würde man exakt das vorfinden, was sie in ihrem Roman beschreiben!
Ein weiteres Plus war für mich die Grundidee. Ohne zu viel zu verraten: Es geht um einen (oder doch mehrere?) Serienmörder, der aus einem bestimmten Grund – und ich verrate nicht zu viel, wenn ich erwähne, dass es natürlich um ein Kindheitstrauma geht – eine Reihe von Personen auf brutalste und unmenschlichste Weise tötet und sie an einsamen Orten der Stadt versteckt. Die Jagd nach ihm (ihnen?) wird so actionreich geschildert, dass man so manches Mal das Buch nicht aus der Hand legen kann. Vor allem gilt dies für die letzten ca. 150 Seiten des Thrillers. Bei den ersten Kapiteln hatte ich noch das Gefühl, man hätte so einiges straffen können – ich glaube, an diesem Punkt unterschätzen die Autoren den Leser etwas. Man muss ihm gewisse Traumata und Erfahrungen nicht mithilfe der unterschiedlichsten Szenen veranschaulichen – er kapiert auch durchaus früher, dass die Protagonistin eine mehr als nur herausfordernde Einzelgängerin ist.
Und überhaupt: die Akteure des Romans. Es gab fast niemanden, der sympathisch war – oder die Figuren, die durchaus einen positiven Eindrück hinterlassen hätten, werden sträflich behandelt. Die Biografie von Protagonistin Emma Carow hat durch eine schreckliche Vergewaltigung vor etwa zehn Jahren einen Knacks bekommen. Aus einer lebenslustigen Studentin wurde eine schwierige, unangenehme Einzelgängerin, deren einzige Bezugsperson ihre Schwester bzw. deren Tochter zu sein scheinen; ihren Kollegen vertraut sie nicht bzw. sie hält diese für deutlich weniger intelligent als sich selbst, was sie beinahe das Leben, aber mit Sicherheit ihre beruflichen Ambitionen kostet; und Männerbeziehungen sind nur noch auf einem sehr … gewaltbestimmten Niveau möglich. Emma ist durch die Erlebnisse jedoch nicht verschüchtert, sondern sozial völlig inkompetent – und unangenehm. Und das schildern uns die Autoren, wie gesagt, in allen Details. In zu vielen Details – ein wenig Straffung im Mittelteil oder eine stärkere Ausrichtung auf den eigentlichen Fall hätte imho nicht geschadet. Ich frage mich auch wirklich, ob die Hauptfigur derart stereotyp sein musste – gibt es heutzutage denn keine Ermittler mehr, die „normal“ sind? Gefühlt begegnen uns heute doch in den Kriminalromanen aus aller Welt unzählige Kommissare, die ein Trauma erlitten oder auf andere Weise „gestört“ sind.
Andere Figuren – wie Emmas Kollegen – bleiben darüber hinaus recht blass; die einzigen Figuren, die etwas mehr Raum bekommen, sind ebenfalls keine sympathischen Zeitgenossen. Oder Täter. 🙂
Ein zweiter Aspekt, der mir etwas weniger gefallen hat, ist der Erzählstil der Autoren. Er entspricht im Grunde dem spröden Wesen der Protagonistin. Insofern kann ich durchaus nachvollziehen, warum sich Ule und Hansen dafür entschieden haben. Aber dieser abgehakte, meist auf Nebensätze verzichtende, hastige Stil war etwas gewöhnungsbedürftig. Aber man gewöhnt sich eben doch daran.

Mein Fazit: Ein richtig guter Krimi für Berlin-Fans. Ein guter Krimi für Krimi-Fans.

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John Matthews: Duell der Mörder

matthews-duell-moerderNew York, 1891: In der High Society der Stadt gibt es auffällig viele Todesfälle. Immer trifft es die jungen Töchter der wohlhabendsten Familien. Schon bald glaubt niemand mehr an eine natürliche Todesursache, und der aristokratische englische Kriminalanalytiker Finley Jameson übernimmt zusammen mit dem toughen Cop Joseph Argenti die Ermittlungen. Bei der Autopsie einer der Toten kommt Jameson dem auf die Spur, woran die jungen Mädchen gestorben sind: an einer vorsätzlich verursachten Embolie. Aber wo liegt das Motiv für die seltsamen Morde?
Kurz darauf erhalten Jameson und Argenti Briefe, die anscheinend vom Mörder stammen – und sie werden auf unheimliche Weise an ihren letzten Fall erinnert, bei dem der Mörder in einem nächtlichen Showdown ums Leben kam: die Ripper-Morde. Hat der Killer doch überlebt und erneut begonnen zu morden? Die Debütantinnenmorde tragen jedoch nicht seine Handschrift. Und Jameson und Argenti fragen sich, ob sie es vielleicht mit einem Nachahmer zu tun haben, der die letzte Mordserie noch übertrumpfen möchte …

„Duell der Mörder“ ist Band 2 einer kleinen Reihe von historischen Kriminalromanen des Schriftstellers John Matthews (Band 1: Stadt in Angst). Es handelt sich hierbei um einen eher ruhigen, getragenen Krimi, der aus der Perspektive der unterschiedlichen Hauptcharaktere geschildert wird. Es gibt durchaus die eine oder andere Verfolgungsjagd, aber im Zentrum stehen dennoch die etwas düstere Atmosphäre der damaligen Zeit sowie die einzelnen Figuren und ihr Handeln bzw. ihre Motivation.
Joseph Argenti ist mittlerweile Chefermittler. Er versucht, seinen Aufgaben gratlinig und unbestechlich nachzugehen, muss aber feststellen, dass ihm dies zunehmend weniger erfolgreich gelingt. Das mächtigste irische Verbrechersyndikat unter Michael Tierney trachtet ihm schon seit den Ripper-Morden nach dem Leben, als ihn seine Recherchen bis zu ihrer „Haustür“ geführt haben – und einer ihrer Mitglieder nun seinetwegen im Gefängnis sitzt. In „Duell der Mörder“ gerät er nun in die Fänge der irischen Mafia. Seine Frau ist Mitbesitzerin eines kleinen italienischen Geschäftes, und als dieses angeblich von einem irischen Schutzgelderpresser heimgesucht wird, kommt ihr ein geheimnisvoller italienischer Geschäftsmann zu Hilfe, der Argenti im Gegenzug darum bittet, einen Freund beim Zoll besonders auf Tierneys „Importe“ aufmerksam zu machen. Mit schrecklichen Konsequenzen. Durch diesen Handlungsstrang bekommt der Roman zum einen eine interessante historische Tiefe und Genauigkeit; der Leser erhält einen sehr anschaulichen Blick in die damaligen „politischen“ Gegebenheiten. Andererseits bremst dieser Handlungsstrang aber die eigentliche Krimihandlung aus, in der es ja um einen Serienmörder geht, der weder etwas mit dem irischen Syndikat noch mit der italienischen Mafia zu tun hat. An dieser Stelle hätte ich mir das eine oder andere Mal etwas mehr Tempo gewünscht! Daher fiel mir dieser Punkt eher negativ ins Auge. Ich würde sogar sagen, dass der Roman, wenn man diesen Aspekt weggelassen hätte, ein Krimi mit ausgesprochen wenig Substanz wäre …
Positiv ist anzumerken, dass wir durch diesen Roman, der aus historischen Gründen völlig frei ist von ausgefeilten kriminaltechnischen Elementen, einen anschaulichen Blick auf die Anfänge des Profilings bekommen. Aufgrund der Gegebenheiten können die beiden Helden Argenti und Jameson wirklich nur auf ihre Beobachtungsgabe und ihre Schlussfolgerungen zurückgreifen. Das macht den Roman zumindest in dieser Hinsichtlich sehr interessant. Verstärkt wird dies dadurch, dass der Leser einige Abschnitte aus dem Blickwinkel des Mörders verfolgt und Einblick in seine Beweggründe, seine Vorgehensweise, seine Mordmethode bekommt. Allerdings ist der Titel des Buches ein wenig übertrieben. Angesichts von „Duell der Mörder“ würde man erwarten, dass genau dies im Zentrum der Geschichte steht: die Auseinandersetzung zweier Serienmörder. Aber der Ripper kommt erst spät ins Spiel, kommt seinem Gegner aufgrund seiner „Erfahrung“ jedoch wesentlich schneller auf die Spur – und mehr werde ich jetzt nicht erzählen. 🙂 Im Zentrum der Geschichte steht dies, wie gesagt, jedoch nicht; aus dieser Grundidee hätte man definitiv mehr machen können! Allerdings ist auch der englische Originaltitel „Diary of a Murder“ nicht wirklich passend …

Mein Fazit: Der Roman ist m. E. als historischer Krimi deutlich schwächer als sein Vorgänger. Wer jedoch großen Wert auf eine langsame, detaillierte Erzählweise legt und auf eine historische „Dichte“ und Genauigkeit, der wird sicher seine Freude an dem Roman habenl.