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Julie Kagawa: Drachenzeit (Talon #1)

kagawa-talon1Strand, Meer, Partys – einen herrlichen Sommer lang darf Ember Hill das Leben eines ganz gewöhnlichen kalifornischen Mädchens leben! Danach muss sie in die strenge Welt des Talon-Ordens zurückkehren – und kämpfen. Denn Ember verbirgt ein unglaubliches Geheimnis: Sie ist ein Drache in Menschengestalt, auserwählt, um gegen die Todfeinde der Drachen, die Krieger des Geheimordens St. Georg, zu kämpfen.
Garret ist einer jener Krieger, und er hat Ember sofort als Gefahr erkannt. Doch je näher er ihr kommt, umso mehr entflammt er für das ebenso schöne wie mutige Mädchen. Und plötzlich stellt er alles, was er je über Drachen gelernt hat, infrage …

„Drachenzeit“ ist Band 1 der Talon-Reihe von Julie Kagawa. Lange standen die bislang schon lieferbaren Bücher auf meiner Wunschliste; an Weihnachten bekam ich die ersten 3 Bände geschenkt. Und meine Erwartungen waren hoch. Kagawas „Plötzlich Fee“-Reihe habe ich vor einem Jahr innerhalb weniger Tage verschlungen; ihre „Unsterblich“-Reihe habe ich schon zweimal gelesen, und das wird nicht das letzten Mal gewesen sein. Aber an „Drachenzeit“ bin ich gescheitert.
Ich hatte teilweise das Gefühl, dass es gar nicht Julie Kagawa ist, die mir hier neue Abenteuer über Drachen und Drachenjäger schildert, sondern ein Teeniemädel, das ihre Teeniefantasien zu Papier bringt. Versteht mich nicht falsch: Die Geschichte ist durchaus sehr gut und flüssig geschrieben. Aber die Zeichnung der Figuren und die Welt der Drachen – praktisch Fehlanzeige.
Kagawas Stärke sind eigentlich immer die großartigen (jungen) Frauenfiguren. Echte Kämpferinnen, die ihre Welt erobern, die nicht nur Damsels in Distress sind, sondern selbst zupacken können und nicht von einem Mann gerettet werden müssen. Und vor allem sind sie keine Weibchen, deren Leben sich nur um den Mann ihrer Träume dreht. Zugegebenermaßen sind sie in allen Büchern der Autoren recht perfekt, aber hier war es noch schlimmer. Doch in „Drachenzeit“ wird mir eine Mädchenfigur geliefert, die mehr als nur perfekt ist. Sie ist hübsch, intelligent und innerhalb kürzester Zeit in der Lage, auf einem Surfbrett die tollsten Wellen zu bezwingen. Ich erwarte sicher nicht, dass Ember sich als eine kleine Lara Croft entpuppt, aber da sie ein Drache ist, hätte ich mir hier deutlich mehr Facetten gewünscht. Und als sie Garret kennenlernt, muss ich kapitellang Beschreibungen über ihre Gefühle für den geheimnisvollen jungen Mann durchlesen – seine Augen, sein Körper … Und natürlich ist es Instalove, als Garret sie kennenlernt: Hat er vorher noch unter Einsatz seines Lebens gefährliche Drachen vernichtet, entwickelt er sich hier in einen hormongesteuerten Jungen zurück, der nur noch Augen für „sie“ hat. Und hatte ich schon erwähnt, wie toll und gutaussehend er ist?! Bei beiden Figuren hätte ich mir einfach deutlich mehr Tiefgang erwartet. Und daran ändert sich eigentlich wenig, als Riley auf der Bildfläche auftritt und der obligatorische Love Triangle seinen Anfang nimmt – ein junger Mann, zu dem sich Embers innerer Drache natürlich sofort hingezogen fühlt, denn er ist ja ach so geheimnisvoll und toll und wild und frei …
Die Drachenwelt ist das zweite Problem, das ich mit diesem Roman hatte: Ich meine, hallo!, die Hauptfiguren sind Drachen – also schildere mir bitte eine glaubwürdig konstruierte Drachenwelt: Wie sehen die aus? Welche Fähigkeiten haben die? Wo kommen die her? Was hat sich in ihrer Historie ereignet? Welches gesellschaftliche System haben die? Was macht man als Drache so Hunderte von Jahren lang? Gibt es Kunst und Poesie oder nur Wirtschaft und Politik? Ähnliches gilt auch für die Drachentöter des Geheimordens St. Georg: Wo kommen die her? Gehören die zur Regierung? Wie kommt es, dass die Menschheit nichts von den Drachenkämpfen mitbekommt? All das fehlt mir zum ersten Mal in einem Buch von Kagawa. Stattdessen war das Einzige, das ich immer vor mir sah, ein weißer Sandstrand, die Sonne Kaliforniens und das große Meer; gespickt mit der einen oder anderen Party. Mehr Kopfkino lief bei mir leider nicht.
Und diese fehlende „Romanwelt“ führte dazu, dass auch die Handlung fast nur vor sich hinplätschert. Und jetzt kommt mein Geständnis: Nachdem die Handlung auch nach gut 300 Seiten wirklich nur vor sich hindümpelte und ich abends auch einfach keine Lust hatte, mir noch Dutzende von Seiten mit Teenieschwärmereien anzutun, habe ich beschlossen, das Buch zur Seite zu lesen und mir erst einmal einen anderen Titel von meinem SUB zu schnappen. Ich werde dem Buch sicher noch einmal eine Chance geben, weil ich die Autorin, wie gesagt, sehr schätze. Aber jetzt ist es einfach nicht dran.

Mein Fazit: Julie, was hast du da nur getan?!

 

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Susan Ee: Angelfall – Nacht ohne Morgen

susan ee angelfall nacht ohne morgenVor sechs Wochen sind die Engel auf die Erde gekommen. Doch sie haben nicht Frieden und Freude, sondern Elend und Zerstörung mit sich gebracht: Weltweit liegen die Städte in Trümmern und die Menschen trauen sich vor Angst kaum noch auf die Straße.
Auch die siebzehnjährige Penryn kämpft mit ihrer schizophrenen Mutter und ihrer im Rollstuhl sitzenden Schwester Paige ums Überleben. Als sie eines Nachts unterwegs sind, werden die drei Zeugen, wie ein Engel mit weißen Flügeln von einer Gruppe anderer Engel angegriffen wird. Nachdem diese seine Flügel abgeschnitten haben und ihm den Todesstoß versetzen wollen, greift Penryn wider besseres Wissen ein. Es gelingt ihr zwar, den schwer verletzten Engel zu retten, doch ihre Mutter ist verschwunden – und ihre Schwester wurde von einem der Angreifer entführt.
Penryn macht sich auf den Weg zum Horst, dem Hauptquartier der Engel, in San Francisco, um ihre Schwester zu befreien. Doch dafür braucht sie Hilfe – und die kommt ausgerechnet von Raffe, dem flügellosen Engel. Dieser ist bereit, sich mit einem der verhassten Menschenkinder zu verbünden, um sich vielleicht doch noch mithilfe seiner himmlischen Brüder die abgeschnittenen Flügel wieder annähen zu lassen …

„Angelfall – Nacht ohne Morgen“ ist Teil 1 von Susan Ees „Angelfall“-Trilogie und ein wahrer Pageturner, den ich innerhalb eines Tages verschlungen hatte. Die Autorin wirft uns direkt in die Geschichte hinein. Die Welt von „Angelfall“ ist postapokalyptisch zerbrochen und voller entsetzlicher Schrecken – nur die Stärksten können am Leben bleiben. Die Engel sind aus dem Himmel und der Hölle auf die Erde gekommen – und sie sind alles andere als barmherzige Boten Gottes oder knuddlige Amore. Sie sind erbarmungslose Krieger, die alles vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt – was sieh hier wollen, erfährt man übrigens nicht -, und nach dem Tod ihres Anführers in politische Grabenkämpfe verwickelt sind. Actionreich führt uns Ee durch die düstere Handlung, in die aber durch Penryns Opferbereitschaft immer wieder Licht hineinfällt und Hoffnung. Bis, ja bis die Geschichte am Ende nach vielen Überraschungen, actionreichen Begegnungen und unerwarteten Wendungen und Verrate noch einen erschütternden Bruch zum Horror nimmt, als Penryn im Horst eine fürchterliche Entdeckung macht: Wesen, die noch tödlicher sind als die Engel.

Erzählerisch wirft uns Ee ins kalte Wasser: Wir erfahren sofort, was in den vergangenen Wochen geschehen ist – Naturgewalten, Angriffe, Zerstörung, Tod und Leid … Und wir lernen auf diese Weise beinahe nebenbei auch gleich die ersten drei Figuren kennen: die Mutter, die unter paranoider Schizophrenie leidet und einen Bibel-Knacks hat, die eine ganz eigene Sicht der Realität besitzt und überall Dämonen sieht, immer wieder verschwindet und offenbar für die „Behinderung“ ihrer jüngsten Tochter verantwortlich ist. Diese, die siebenjährige Paige, sitzt nach einem … Unfall mit zwei Jahren im Rollstuhl, ist aber ein sehr lieber Mensch mit einem großen Herzen.
Und schließlich die furchtlose, toughe Penryn (aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird), die alles tut, um auch den letzten Rest ihrer Familie am Leben zu halten. Bis sie den Fehler begeht, einem Engel, den seine himmlischen Brüder gerade töten wollen, helfend zur Seite zu stehen.
Raffe ist zwar ein erfahrener Krieger (und wer erkennt hier nicht sofort, dass er es mit einem bekannten Erzengel zu tun hat …) und aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit auch eine Ausgeburt an Arroganz. Doch Penryns Entschlossenheit und Kampfbereitschaft sowie ihre Loyalität nicht nur zu ihrer Familie, sondern auch zu ihm, einem Feind, lässt ihn nicht kalt. Die Ich-Erzählerin erklärt zwar immer wieder, wie sehr sie Engel hasst, aber jeder Leser weiß spätestens nach der zweiten oder dritten Erwähnung seiner überirdischen Schönheit, seines muskulösen Körpers oder seiner dunkelblauen Augen, dass ihn hier (auch) eine Liebesgeschichte erwartet. Aber da ich eine rettungslose Romantikerin mit einer Schwäche für HEA-Geschichten bin und Susan Ee mir diese Love Story in diesem Einsteigerband sehr dezent und überaus unkitschig liefert (endlich schlägt die Liebe mal nicht wieder der Blitz ein), während sie ihr primäres Augenmerk auf dem Horror dieser Welt voller Engel richtet, sehe ich ihr das gerne nach.

Mein Fazit: Hier stimmt alles: das Tempo, in dem die Geschichte erzählt wird. Die vielschichtigen Charaktere. Die Mischung aus Dystopie, Fantasy, Horror, Liebesgeschichte. Die Luft blieb mir in vielen Szenen schlicht weg – ein sehr gelungenes Debüt! Und überhaupt: Es müsste verboten werden, dass Verlage sechs oder zwölf Monate mit der Veröffentlichung einer Fortsetzung warten! Das fällt wirklich schon in die Rubrik Folter!

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Julie Kagawa: Plötzlich Fee – Frühlingsnacht (4)

kagawa ploetzlich fee fruehlingsnachtAsh, der Winterprinz, hat für seine Liebe zu Meghan bereits alles riskiert. Seine eigene Mutter, die eisige Königin Mab, hat sich von ihm abgewendet, er wurde aus Nimmernie verstoßen. Eigentlich müssten nun endlich bessere Zeiten anbrechen, denn die Eisernen Feen sind geschlagen und Meghan wurde zur rechtmäßigen Königin ihres Reiches gekrönt – eines Reiches, in dem Ash aber nur dann überleben kann, wenn er das Einzige, das ihm von Mabs Erbe noch geblieben ist, preisgibt: seine Unsterblichkeit. Damit er überleben kann, verstößt ihn Meghan aus ihrem Reich und entbindet ihn so von seinem Eid. Doch Ash ist nicht bereit aufzugeben. Gemeinsam mit seinem Rivalen und ehemals besten Freund Puck begibt er sich auf eine gefährliche Reise ans Ende der Welt, um dort nach schweren Prüfungen das zu erlangen, was ihm das Überleben im Eisernen Reich ermöglichen würde: eine Seele und damit seine Menschlichkeit …

„Plötzlich Fee – Frühlingsnacht“ ist Band 4 der Reihe um Meghan Chase und Winterprinz Ash – und das Außergewöhnliche: Mit Ausnahme des Epilogs wird das komplette Buch aus Ashs Sicht erzählt. Und das gefiel mir erstaunlich gut. In den Vorgängerbänden war Ash primär „tall, dark, and handsome“ – der extrem gut aussehende Winterprinz, der seine wahren Gefühle (sofern er als Feenwesen überhaupt in der Lage ist, welche zu empfinden) hinter einer starren Maske verbirgt. Nur hin und wieder gelingt es Meghan und damit dem Leser, einen Blick hinter die Maske zu werfen und zu erahnen, wie groß seine Liebe zu der jungen Frau ist. In diesem 4. Band ändert sich nun alles. Wir können einen Blick in die Gedanken des Prinzen und auch seine Gefühle werfen. Manche werden ihn vielleicht etwas zu emotional und „wehleidig“ finden. Aber manchmal stößt auch das „Show, don’t tell“ an seine Grenzen. Und ich habe auch genug von all den Liebesgeschichten um Teeniemädels, die groß gewachsenen, unheimlich gut aussehenden übernatürlichen Wesen verfallen, welche sie die Hälfte der Zeit abweisend behandelt – und der betreffende Autor bzw. die betreffende Autorin verkauft uns dies als die große Liebe. 🙂
Darüber hinaus ergeben die Emotionalität und die Zweifel des Protagonisten im Gesamtbild des Buches auch einfach Sinn: Er befindet sich auf einer traditionellen Quest, muss – gemeinsam mit seinen (mehr oder weniger) treuen Freunden – Abenteuer bestehen und Herausforderungen und Prüfungen bewältigen. Und zu dieser Reise und den in ihrem Rahmen stattfindenden Prüfungen gehört eben die Konfrontation mit typisch menschlichen Emotionen und Erfahrungen: die Dunkelheit im eigenen Inneren und Reue über Vergangenes. Schmerz und Krankheit. Einsamkeit und Sterblichkeit. Die Prüfungen, die zum Teil alle bestehen müssen, die aber gerade am Ende nur von Ash bewältigt werden müssen, liefern dem Leser eine echte Achterbahn der Gefühle. Die menschlichen Erfahrungen zerstören ihn zwar einerseits, andererseits geht er aber gestärkt und entschlossen daraus hervor. Das Leben der Charaktere ist fast in jedem Kapitel durch ein neues Monster oder ein neues Hindernis bedroht und sie werden tief hineingeführt in ihr Inneres – bis in die tiefsten Untiefen. Und ich gestehe: Es gab auch die eine oder andere Stelle, an der ich vielleicht ein Tränchen verdrückt habe.
Puck ist ebenfalls mit von der Partie und auch Grimalkin, die Cat Sidhe. Die Sommerfee ist in diesem Buch etwas weniger humorvoll, aber vor dem Hintergrund der Quest ergibt auch das Sinn, da er und die anderen Abenteurer ebenfalls mit ihren dunkelsten Seiten konfrontiert werden. An liebevollen, aber doch bissigen Neckereien mangelt es dennoch nicht, und deshalb ist diese „Männerfreundschaft“ von Puck und Ash für mich auch in jedem Buch ein echtes Highlight:

[Puck] seufzte schwer und warf mir einen prüfenden Blick zu. „Bist du sicher, dass du der Sache gewachsen bist, Eisbubi?“, fragte er dann. „Ich weiß, du bist der Meinung, du könntest alles schaffen, aber das hier wird echt hart. Und ‚Ash, der Irre‘ klingt einfach nicht so gut wie ‚Lass-mich-in-Ruhe-sonst-bring-ich-dich-um-Ash‘.“
Ich grinste spöttisch. „Für einen Erzfeind klingst du aber ziemlich besorgt.“
„Pah. Ich habe nur keine Lust, Meghan erklären zu müssen, dass du bei dem Versuch, eine Seele zu erringen, zu Gemüse geworden bist. Ich wüsste nicht, wie das für mich ein gutes Ende nehmen sollte.“
(S. 467/E-Book)

Ein weiteres Mitglied der kleinen Gruppe ist der Große Böse Wolf, der eine wunderbare Ergänzung des Teams darstellt und ebenfalls hin und wieder für humorvolle Einlagen sorgt oder mit seinem Mut und seiner Stärke so wie Grimalkin den Protagonisten auf seiner Reise voranbringt und schützt. Es gibt noch eine weitere Figur, die die Gruppe komplettiert und etwas zu Ashs „Emotionalität“ beiträgt, aber ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr spoilern …
Ich dachte ja bereits, dass Julie Kagawas Beschreibungen von Nimmernie bereits kreativ und einfallsreich sind. Aber in „Frühlingsnacht“ gelingt es ihr tatsächlich, dies noch einmal zu steigern. Wir entdecken gemeinsam mit den Akteuren unbekannte Seite des Wilden Waldes, reisen durch Gebiete, in denen die Wesen „leben“, die kurz vor dem Verlöschen sind, und gelangen schließlich bis ans Ende der Welt. Und ich hab’s ja schon immer geahnt: Die Welt ist eine Scheibe und unsere mittelalterlichen Vorfahren hatten recht: Hic sunt dracones. 😉 Wunderschön! Aber mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten.
Kagawas Schreibe ist auch hier bildreich, flüssig und gut zu lesen sowie vor allem ausgesprochen actionreich. Meghan hat mir ehrlich gesagt nicht gefehlt. Natürlich ist sie bzw. Ashs Liebe zu ihr der Motor der Handlung und seiner Entscheidungen, aber ich fand, dass die beiden Feenmänner die Handlung sehr gut allein getragen haben (natürlich gemeinsam mit ihren Sidekicks). Mir persönlich hat es besser gefallen als Band 3, aber auf jeden Fall war dieser Abschluss nötig, damit die Geschichte um Meghan und Ash wirklich zu einem befriedigenden Ende geführt wird.

Mein Fazit: Ich möchte Band 4 nicht missen!

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Julie Kagawa: Plötzlich Fee – Herbstnacht (3)

kagawa-ploetzlich-fee3 Am Vorabend ihres siebzehnten Geburtstags findet sich Meghan als Wanderin zwischen den Welten wieder: Sie und Ash, der Winterprinz, wurden wegen ihrer verbotenen Liebe von Sommerkönig Oberon und Winterkönigin Mab aus Nimmernie verbannt. Nun sind sie auf der Flucht. Auch die Eisernen Feen, denen Meghan im letzten großen Kampf empfindlichen Schaden zugefügt hat, sinnen auf Rache und machen vor der Welt der Sterblichen und Meghans Familie nicht halt. Es gibt keinen Ort mehr, an dem Meghan sicher ist. Doch diesmal ist sie nicht allein: Ash weicht nicht von ihrer Seite, seine Liebe zu ihr ist ihm längst wichtiger als das Wohlwollen seiner Mutter Mab.
Als sich die Eisernen Feen unter einem falschen König zu einem neuen Angriff rüsten und die Feen des Sommer- und des Winterlandes dagegen machtlos sind, bitten diese Meghan und Ash um Hilfe. Der jungen Frau ist es ja nicht nur gelungen, den Eisernen König zu vernichten; sie ist auch das einzige Feenwesen, für das Eisen keine unmittelbare Gefahr darstellt. Die beiden Liebenden kehren nach Nimmernie zurück und begeben sich ein weiteres Mal auf die gefährliche Reise in das Eisenland …

„Plötzlich Fee – Herbstnacht“ ist Band 3 von Julie Kagawas „Plötzlich Fee“-Reihe und definitiv ein echtes Highlight: spannend, actionreich, kreativ. Ein wirklicher Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen kann. Kagawa gehen auch in diesem Band die Ideen nicht aus. Sie formt das Eisenreich weiter aus, ergänzt die Feenmythologie bzw. die Mythologie der von ihr erschaffenen Feenwelt um weitere Facetten und vertieft auch Meghans Charakter weiter.
Während Meghan in den ersten beiden Bänden für meinen persönlichen Geschmack etwas zu viel „herumgeheult“ hat, entwickelt sie sich in „Herbstnacht“ zu einer starken jungen Frau, die nicht länger eine Damsel in Distress ist (wenn auch eine mit einem – unvernünftigerweise – ausgewachsenen Dickschädel), sondern selbst das Schwert in die Hand nimmt und in den Kampf zieht. Während sie sich auch bislang bereits durch Mut und Entschlusskraft auszeichnete, ist sie nun wirklich willens, auch den Preis für ihre Entscheidungen zu zahlen und die Konsequenzen der Ereignisse zu (er-)tragen. Auch um den Preis ihrer Liebe zu Ash.
Interessanterweise ist es dieser, der in „Herbstnacht“ zunehmend Probleme damit hat, dass die junge Frau selbstständiger wird und bereit ist, Opfer zu bringen, um die Feenwelt zu retten. Aber da er bislang relativ facettenarm war, fördert das die Charakterzeichnung dieser Figur ungemein und verleiht dem Winterprinzen mehr Tiefgang. Ich freue mich schon auf Band 4 der Reihe, in dem die weiteren Ereignisse aus seiner Sicht beschrieben werden. Bislang hat man wenig Einblick bekommen in seine Gedanken und Gefühle. Auch die die Geschehnisse um seine (und Pucks) Liebe zu Ariella blieben bspw. relativ blass.
Neben Puck mit seinen Scherzen ist auch Cat Sidhe Grimalkin wieder mit von der Partie, und ich dachte so manches Mal, dass eine solche Figur für einen Autoren ja sehr bequem ist: Grimalkin taucht auf und verschwindet, wie es ihm gefällt. Aber man kann davon ausgehen, dass er im Hintergrund die Fäden zieht und immer eine Lösung für anstehende Probleme in petto hat. Sehr zweckmäßig für den Autor, der sich nach Belieben zurücklehnen kann, wenn er einen schnellen Ausweg aus einer Situation benötigt. 😉

Mein Fazit: Großartig! Unbedingt lesen, falls ihr dies nicht sowieso schon getan habt.

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Julie Kagawa: Plötzlich Fee – Winternacht (2)

kagawa ploetzlich fee WinternachtMeghan, die halb menschliche Tochter des Sommerkönigs Oberon, hat es geschafft: Mit der Unterstützung von Prinz Ash ist es ihr gelungen, den Eisernen König Machina zu besiegen und ihren kleinen Bruder Ethan zu befreien. Doch nun muss sie ihr Versprechen einlösen und Prinz Ash zum Hof seiner Mutter folgen, der Winterkönigin Mab: Tir Na Nog.
Doch zu ihrem Schrecken muss sie mit ansehen, wie sich Ash dort völlig verändert. Verschwunden ist der junge Mann, der ihr Herz erobert hat. Zurück kehrt der eiskalte Prinz des Winterreiches. Hinzu kommt, dass auch ihre magischen Fähigkeiten verschwunden sind. Doch bevor Meghan sich von diesem Schock erholen kann, geschieht das Entsetzliche: Sage, der Thronerbe des Winterreichs und ältester Bruder von Ash, wird von Eisernen Feen ermordet, das Jahreszeitenzepter, das das Machtgleichgewicht in Nimmernie und die Jahreszeiten der realen Welt regelt, gestohlen. Und das Schlimmste: Dahinter steckt Rowan, der Mittlere der Prinzensöhne, der sich mit dem mysteriösen neuen Eisernen König verbündet hat und auf diese Weise seine Macht sichern will.
Doch außer Meghan, Ash und Puck hat niemand die Eisernen Feen, die selbst Mabs Grausamkeit in den Schatten stellen, je gesehen. Und so machen sich die drei auf die Suche nach dem Zepter – während in Nimmernie der Krieg zwischen Sommer und Winter ausbricht …

„Plötzlich Fee – Winternacht“ ist Band 2 der Reihe um Meghan Chase, die Tochter des Feenkönigs Oberon und einer Menschenfrau. Das Buch schließt dort an, wo Band 1 „Plötzlich Fee – Sommernacht“ geendet hat: Ash bringt Meghan, wie vereinbart, an den Königshof seiner Mutter. Er warnt sie jedoch, dass das Leben dort anders ist, gefährlicher. Jeder hält Ausschau nach den Schwächen seines Gegenübers und versucht, den anderen seelisch und auch körperlich zu vernichten. Und um zu überleben, wird auch er sich anders verhalten müssen, als Meghan dies von ihm kennt. Ganz zu schweigen davon, dass Sommer und Winter Todfeinde sind und einfach nicht zusammenkommen dürfen. Doch da die Hoffnung zuletzt stirbt, fällt es Meghan schwer, ihm Glauben zu schenken. Umso größer ist ihr Entsetzen, als genau das geschieht: Ash ist kalt und abweisend zu ihr; von der bisherigen Zuneigung keine Spur. Daraufhin ist sie völlig am Boden zerstört – und ihr Verhalten ist auch mein persönlicher Kritikpunkt an dieser Geschichte: Nun folgen seitenlange Beschreibungen ihrer Tränen, ihres Herumgeheules, ihrer Depressionen … Dabei hat er sie doch ganz deutlich davor gewarnt, dass sie ihm vertrauen müsse, dass die Dinge anders sind, als sie scheinen … Im Grunde wirkt sie in diesem 2. Band taffer und selbstbewusster als in der bisherigen Geschichte, doch wenn es um Ash geht, kommt sie leider nicht ohne Naivität und jede Menge Tränen aus. Aber das ist wahrscheinlich typisch für die erste große Liebe. 🙂
Doch dann tritt eine Verschwörung zutage, das Jahreszeitenzepter wird gestohlen und die wirklich spannende, action- und abwechslungsreiche Handlung kommt in Gang. Auch hier zeigt sich wieder die Kreativität von Julie Kagawa, die ihre Nimmernie-Welt noch weiter ausschmückt, neue Figuren einführt, neue Umgebungen erschafft. Ob sich der Leser nun mit den Helden durch das „Gestrüpp“ bewegt und von Wyvern angegriffen wird oder im Zuhause der Leanansidhe aufhält – Kagawa erschafft immer wieder völlig Neues, vergisst aber darüber den roten Faden der Handlung nicht. Und durch aus erzählerischer Hinsicht logisch eingestreute Hinweise auf das Geschehen in Band 1 „Plötzlich Fee – Sommernacht“ sorgt sie dafür, dass auch der Leser, der die Ereignisse des ersten Buches nicht mehr parat hat, sich gleich in die Geschichte und auch die Charaktere hineinfindet. Das alles ist durch Kagawas einfache Sprache auch sehr gut zu lesen – ein echter Schmöker eben.
Wichtigste Figuren neben Meghan sind natürlich Ash, der sich zunächst – mit Ankündigung – abweisend verhält, dann aber zu einer echten Bedrohung für sie wird (warum, wird an dieser Stelle nicht verraten). Stärker als im ersten Band zeigt sich bei ihm der innere Widerstreit zwischen den Traditionen der Feen auf der einen und seinen Gefühlen für Meghan auf der anderen Seite. Bis er schließlich eine tragische Entscheidung fällt …
Sein ehemaliger bester Freund Puck komplettiert den Love Triangle, wobei Meghan jedoch die Entscheidung nicht wirklich schwerfällt. Er sorgt – nicht nur durch seine verbalen Streitereien mit Ash – für jede Menge Humor und Leichtigkeit, es bleibt aber zu hoffen, dass Kagawa ihm in zukünftigen Bänden noch ein wenig mehr Tiefgang verleiht. Das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden.
Auch Grinsekatze Grim ist wieder mit von der Partie und zieht im Hintergrund seine Fäden. Neu hinzugestoßen: Eisenpferd, den man aus Band 1 bereits kennt, der aber die kleine Gruppe nun als Verbündeter begleitet. Und auch dem aufmerksamen Leser schon einen Hinweis darauf liefert, was uns in den Folgebänden noch erwarten dürfte.

Mein Fazit: Wirklich gut geschriebene Fortsetzung der „Plötzlich Fee“-Reihe, die nicht unter den leider häufig vorkommenden Schwächen von zweiten Bänden (bei Trilogien) leidet, die oft reine Füller sind. Hier passiert Neues, die Ereignisse formen auch die Charaktere weiter. Unbedingt lesen!

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Julie Kagawa: Plötzlich Fee – Sommernacht (1)

kagawa-ploetzlich-fee1Schon immer hatte Meghan das Gefühl, dass irgendetwas in ihrem Leben nicht stimmt. Aber als sie an ihrem sechzehnten Geburtstag einen geheimnisvollen Jungen entdeckt, der sie aus der Ferne beobachtet, und als ihr bester Freund sich auf einmal merkwürdig verhält, muss sie erkennen, dass offenbar ein besonderes Schicksal auf sie wartet. Doch nie hätte sie geahnt, was wirklich dahintersteckt: Sie ist die Tochter des sagenumwobenen Feenkönigs Oberon, dem Herrscher des Sommerreiches.
Als ihr kleiner Bruder entführt und durch einen Wechselbalg ersetzt wird, überschlagen sich die Ereignisse. Ihr bester Freund Robbie entpuppt sich als Puck, den sie bis dahin nur für eine literarische Figur aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ gehalten hat. Er hilft ihr, nach Nimmernie zu gelangen, in die Feenwelt, wo sich beide auf den Weg in das Winterreich begeben, denn sie vermuten, dass Oberons Rivalin Königin Mab hinter dem Verschwinden des kleinen Jungen steckt. Und schon gerät sie zwischen die Fronten eines schon lange währenden magischen Krieges.
Ehe sie sich’s versieht, verliebt sie sich unsterblich in den jungen Ash – den dunklen, beinahe unmenschlich schönen Prinzen des Winterreiches. Er weckt in Meghan Gefühle, die sie beinahe vergessen lassen, dass er ihr Todfeind ist. Wie weit ist Meghan bereit zu gehen, um ihre Freunde, ihre Familie und ihre Liebe zu retten?

„Plötzlich Fee – Sommernacht“ ist Band 1 der „Plötzlich Fee“-Reihe der Amerikanerin Julie Kagawa. Und ein echter Pageturner. Doch vor dem „Good“ erst einmal das „Bad“:
Das Schema des Buches ist nichts Neues – im Gegenteil: Willkommen im Land der literarischen Klischees. Ein unscheinbares, aber unglaublich naives Teeniemädel entpuppt sich als wunderschönes übernatürliches Wesen (in diesem Fall ein Feenhalbblut) mit besonderen Kräften, dank derer sie die Welt vor dem Untergang bewahrt. Unglücklicherweise handelt sie genau so, wie die 16-jährigen Mary Sue in solchen Romanen sich immer verhält: Sie betritt eine für sie völlig neue Welt, aber statt auf den Rat von Puck zu hören, der ihr immer wieder sagt: „Das solltest du nicht tun … tu das auf keinen Fall … Du solltest niemals …“, weiß sie es natürlich besser und ist für einen Großteil der Schwierigkeiten, die ihr zustoßen, selbst verantwortlich. Allerdings wirft man ihr dies nie vor. Ihr zur Seite stehen – Achtung, Love Triangle! – zwei unglaublich gut aussehende Jungs, die natürlich bis über beide Ohren in das Mädchen verliebt sich. Für welchen von beiden wird sie sich entscheiden? Natürlich für den, der besonders gefährlich daherkommt, der besonders kalt und abweisend zu ihr ist. Großartiges Vorbild für die jugendliche Leserin! *thumbs up* (Ironie-Modus) Aber für beide Jungs gilt: Wer wird einen heldenhaften Tod sterben oder für seinen heldenhaften Verzicht wie belohnt? Charakterentwicklung? Fehlanzeige. Mmpf.
Nichtsdestotrotz hatte ich viel Spaß beim Lesen – Asche auf mein Haupt. Ich schätze einfach Julie Kagawas Stil sehr, den ich bereits aus ihren „Unsterblich“-Romanen kenne. Sie schreibt nicht allzu komplex, sondern sehr locker und bildhaft und versteht es, eine neue Welt (oder in diesem Fall Welten) zu erschaffen, die vor dem inneren Auge des Lesers Wirklichkeit werden. Wunderhübsche Feen, gefährliche, verführerische Satyrn, brutale Dunkerwichtel, Wesen, die an Spinnen oder Äste erinnern … Die Bevölkerung von Kagawas Feenwelt ist bunt und faszinierend und gefährlich. Dabei bedient sie sich übrigens u. a. bei „Sommernachtstraum“, „Alice im Wunderland“, „Narnia“ oder auch „Eragon“.
Die Story an sich ist actionreich und kommt nahezu ohne Längen aus. Die Heldin erlebt zahllose Abenteuer – wenn sie auf ihre Begleiter hören würde, wären es aber sicher nur halb so viele. 😉

Mein Fazit: Ich bin mir der negativen Seiten durchaus bewusst (siehe oben), aber ich habe mich einfach köstlich unterhalten gefühlt. Und wenn man über das seitenlange Herumgejammere der Heldin ach ihres Schicksals (oder „Er liebt mich nicht“) etwas großzügig hinwegliest, bekommt man eine tolle, spannende Geschichte, die den Alltag versüßt. Ich habe einfach eine Schwäche für Liebesgeschichten und „tall, dark and handsome“. 😉

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Lynn Raven: Blutbraut

BlutbrautSeit sie denken kann, ist Lucinda Moreira auf der Flucht vor Joaquín de Alvaro, denn sie ist eine „Blutbraut“, und nur sie kann den mächtigen Magier davor bewahren, zum Nosferatu zu werden. Dazu aber müsste sie ihm freiwillig ihr Blut geben und sich auf ewig an den Mann binden, der für sie die Verkörperung alles Bösen scheint. Dass dies das schlimmste Schicksal ist, hat ihr ihre Tante Maria eingebläut, die jahrelang mit ihr auf der Flucht war – und dann vor Lucindas Augen von einem Vampir auf brutale Weise getötet wurde – und auch das junge Mädchen wurde dabei verletzt.
Doch dann tritt genau das ein, wovor Lucinda sich fürchtet: Gerade als sie sich erstmals verliebt hat, und zwar in den charmanten Cris, wird sie entführt und auf das Anwesen Joaquíns gebracht. Lucinda ist in eine Falle gelaufen, denn Cris ist kein anderer als Joaquín de Alvaros Bruder, und auch er sucht eine Blutbraut …
Doch die beiden Brüder sind nicht die Einzigen, die hinter Lucinda her sind. Auch andere Mitglieder ihres Konsortiums begehren Lucindas Blut, denn diese stammt aus einer Linie von mächtigen Blutbräuten. Als Lucinda in die Gewalt eines von ihnen gerät und Joaquín sie unter Einsatz seines Lebens befreit, beginnt Lucinda sich zu fragen, ob sie sich nicht vielleicht doch in ihm getäuscht hat. Doch Joaquín steht mittlerweile kurz davor, unwiderruflich zum Nosferatu zu werden …

„Blutbraut“ ist das erste Buch, das ich von der Deutsch-Amerikanerin Lynn Raven (aka Alex Morrin) gelesen habe – zugegebenermaßen wegen des ausgezeichneten Covers und weil mir der Werbetext eine dramatische Lovestory versprach. Und der Roman hatte auch vieles von dem, was ich mir erwartet hatte: Er war gut und durch Perspektivwechsel in gewissem Maße spannend erzählt, die Hauptcharaktere besaßen ein gewisses Identifikationspotenzial und waren teilweise vielschichtig genug, dass man begrenzt „mit-leiden“ konnte, und die Geschichte war ausreichend kreativ, dass ich nicht das Gefühl hatte, Altbekanntes zu lesen. Raven versteht es, Joaquíns Hacienda und die Landschaft in Südkalifornien Wirklichkeit werden zu lassen. Man spürt die Hitze, kann die Magie der Hexenmeister regelrecht fühlen, und auch das Handeln der Hauptfiguren wird so beschrieben, dass es nachvollziehbar ist: Lucinda hat in ihrer Kindheit ein Trauma erlitten, und deshalb braucht sie Wochen, bis sich ihre Gefühle langsam verändern und sie Vertrauen zu Joaquín gefasst hat … Beschreiben kann die Autorin also wirklich.

Allerdings gab es einiges, das mich dann doch an dem Buch gestört hat – eines hat mit inhaltlichen Dingen, anderes mit handwerklichen zu tun: 1. Viele Handlungsstränge bzw. Fragen bleiben offen – und da die Autorin wohl beschlossen hat, der Geschichte keine Fortsetzung zu gönnen, bleibe ich als Leser doch etwas unbefriedigt zurück. 2. Das Happyend (und ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich sage, dass die Geschichte ein Happyend hat) tritt wirklich wie bei einem Pilcher-Roman erst auf den letzten zwanzig Seiten ein; bis dahin ist unsere Heldin noch zu traumatisiert, als dass sie den Gedanken an ein Happyend auch nur zulassen könnte. Und als es dann passiert, war mir das Ganze nicht schlüssig genug sowie zu nüchtern und zu distanziert geschildert, als dass ich wirklich mit dem Herz dabei gewesen wäre. Meine Güte, das soll doch die schicksalhafte große Liebe sein – und wo bleibt der Herzschmerz, das emotionale Erdbeben?

Was die handwerkliche Seite angeht: Wie ich schon in meinen Anmerkungen zu „Der Kuss des Kjer“ geschrieben hatte, neigt Lynn Raven dazu, Wendungen zu wiederholen und ihre Heldinnen bestimmte Dinge immer und immer wieder machen zu lassen – in diesem Fall umschlingt Lucinda permanent ihre Taille und weicht ständig wimmernd und nach Atem ringend vor Joaquín zurück. Sorry, andere Blutbräute sind/waren, wird von Joaquín umsorgt (der keine Anstalten macht, ihr wehzutun) und erfährt, dass ihre Tante sie ihr Leben lang angelogen hat – aber unsere Heldin bleibt dabei: Joaquín ist böse und will nur ihr Blut. Immer wieder habe ich mich dabei erwischt, dass ich dachte: „Get a grip!“ Auch hat der Roman deutliche Überlängen: Es wird der immer gleiche Tagesablauf geschildert: Unsere ängstliche Lucinda verlässt vorsichtig ihr Zimmer, findet Frühstück in der Küche (das ihr Joaquín liebevoll zubereitet hat), begibt sich auf Entdeckungsreise durchs Haus, trifft auf Joaquín, weicht wimmernd vor diesem zurück. Und unternimmt den obligatorischen Fluchtversuch. Booooring. Auch musste ich mich anstrengen, um in Joaquín den beschriebenen extrem gutaussehenden, charmanten (und, da er ein mächtiger Hexenmeister und im Grunde Vampir ist, offenbar sexy) Helden zu sehen – und was zum Geier fand er an der ständig halb atemlosen Lucinda?

Oje, jetzt ist meine Rezi doch negativer ausgefallen als eigentlich beabsichtigt, aber bei mir blieb einfach das „Wow, dieses Buch muss ich sofort noch mal lesen!“-Gefühl aus. Eigentlich hätte die Autorin mit der Romanidee sowie der Tatsache, dass die Hauptfigur ein Vampir ist, eine sichere Bank gehabt, aber bei der Umsetzung hapert es schlicht.