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Tahereh Mafi: Ich fürchte mich nicht

mafi ich fuerchte mich nicht„Regentrophfen erinnern mich daran, dass Wolken einen Herzschlag haben. Dass ich einen habe.
Ich denke immer wieder über Regentropfen nach.
Sie fallen vom Himmel, stolpern über ihre Füße, brechen sich die Beine, vergessen ihre Fallschirme, wenn sie heruntertaumeln, einem ungewissen Ende entgegen. Als entleere jemand seine Taschen über der Erde. Dem es egal ist, dass die Regentropfen zerplatzen, wenn sie auftreffen, dass sie zerspringen, wenn sie den Boden erreichen, dass Menschen die Tage verwünschen, an denen die Tropfen so dreist sind, an ihre Tür zu klopfen.
Ich bin ein Regentropfen.“ (Seite 13)

Die siebzehnjährige Juliette hat nach einem Unglück, bei dem ein kleiner Junge ums Leben kam, vier Jahre Anstalt und Gefängnis hinter sich. Jetzt befindet sie sich in Isolationshaft. Seit 264 Tagen hat sie niemanden mehr gesehen, mit niemandem mehr gesprochen. Denn eine furchtbare Gabe macht sie seit ihrer Geburt zu einem Freak, einer Ausgestoßenen: Niemand kann sie berühren. Ihre Berührung ist tödlich. Und so vertraut sie nur einem gestohlenen Notizbuch ihre Gedanken an.
Bis zu dem Tag, an dem sich ihre Zellentür öffnet und ein junger Mann zu ihr hineingestoßen wird. Nach anfänglichem Misstrauen kommen sich die beiden näher – vor allem, als sie erkennen: Adam kann sie berühren! Doch dann erfährt Juliette, dass sie das Opfer einer Täuschung wurde: Adam ist ein Soldat der Regierung, der sie zu Warner, seinem Befehlshaber, bringen soll. Und Warner hat Großes vor mit Juliette: In der vom Krieg zerstörten und vom Chaos regierten Welt will er sie als lebendige Waffe einsetzen, um die aufrührerischen Rebellen endgültig zu besiegen.
Juliette, die sich für ihre zerstörerische Kraft selbst hasst, sträubt sich gegen Warners Pläne. Dabei klammert sie sich an ihre wachsende Liebe zu Adam, der sie um jeden Preis beschützen will. Und so begeben sich die beiden Liebenden auf die Flucht …

„Ich fürchte mich nicht“ ist der erste Band einer dystopischen Trilogie der jungen Amerikanerin Tahereh Mafi. Wobei man eine Einschränkung machen muss: Es handelt sich hier eher um eine romantische Liebesgeschichte vor dystopischem Hintergrund, denn die Dreiecksgeschichte von Juliette, Adam und Warner nimmt einen sehr großen Raum in der Handlung ein. Aber da die jeweiligen Liebesgeschichten bzw. Beziehungen für mich als Leser nachvollziehbar waren und die Motivation der Akteure glaubwürdig geschildert werden, verzeihe ich das der Autorin sehr gerne. 🙂
But first things first: „Ich fürchte mich nicht“ ist das Erstlingswerk der jungen Autorin, aber sie erweist sich als exzellente Erzählerin. Ihre Sprache ist eingangs ungewöhnlich. Als wir in die Geschichte einsteigen, hat Juliette 264 Tage Einzelhaft hinter sich, wird seit vier Jahren in Anstalten und Gefängnissen gequält, und genau so ist auch ihre Sprache: Halbsätze, Wortfetzen, Gedankensplitter, sehr reduziert. Ihre Zerrissenheit wird darüber hinaus im Roman (bzw. in der kompletten Serie) immer wieder durch durchgestrichene Sätze kenntlich gemacht. Aber als sie Zeit mit Adam verbringt und sich mit ihr unterhält, verwandelt sich auch ihre Sprache.
Mafis Metaphern gehören ebenfalls zum Besten, was mir jemals untergekommen ist. Sie zeichnet Bilder von Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung, aber auch von Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft, die ihresgleichen suchen und die ich so noch nirgendwo gelesen habe. Im Roman stehen Sätze, die man sich immer wieder auf der Zunge zergehen lassen möchte, die man auf Poster schreiben und an die Wand hängen möchte! Aufgrund ihrer erzwungenen Einsamkeit und Isolation empfindet Juliette alles sehr stark, und deshalb häufen sich diese Metaphern und die Beschreibungen auch stark. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Die Autorin wird diesen Stil in zukünftigen Romanen vielleicht noch ändern, weil manchmal weniger eben mehr ist, aber da ihre Bilder teilweise so ungewöhnlich waren, empfand ich dies nicht als störend.
Der eigentliche Plot war jedoch weniger innovativ. Dystopien haben seit einigen Jahren Hochkultur. Vor diesem Hintergrund ist die Welt von Mafis Trilogie nicht wirklich ausführlich ausgestaltet. Man bekommt zwar einen kleinen Überblick darin, was zum Scheitern der (Welt-)Gesellschaft geführt hat und wie die (Welt-)Regierung heute funktioniert, aber alles Konkrete bleibt doch recht blass. Und was Menschen mit besonderen Fähigkeiten angeht: In der heutigen Zeit begegnen wir ja durch Marvels Inhumans, die X-Men oder die Fantastischen Vier immer wieder Figuren mit besonderen Eigenschaften wie Unsichtbarkeit (Mafis Kenji bzw. Susan Storm aus den Fantastischen Vier) oder „Unberührbarkeit“ und Lebenskraft-Aussaugen (Juliette bzw. Rogue aus den X-Men). Das kann es also nicht sein, was die Begeisterung für den Roman weckt.
Für mich war – neben Sprache und Metaphern – die Zeichnung von Juliette und – Überraschung – Warner das Interessanteste am Roman bzw. an der Serie (ich habe alle drei Bände hintereinander verschlungen, daher weiß ich, dass Warner noch wesentlich facettenreicher ist, als er uns hier in Band 1 begegnet). Juliette empfindet, wie gesagt, die Interaktion mit anderen sowie die Ereignisse sehr intensiv. Und da sie die Ich-Erzählerin des Buches ist, bekommt der Leser alles hautnah mit und kann auch alles nachvollziehen. In diesem Eingangsband ist sie noch ein überwiegend schwacher Charakter, da sie ihre Fähigkeiten noch nicht ganz ausgelotet und in den Griff bekommen hat – aber wenn sie sich erst einmal bewusst ist, wie stark sie in jeder Hinsicht wirklich ist, dann würfen wir uns auf einiges gefasst machen. In Adam begegnet sie darüber hinaus zum ersten Mal jemandem, auf den ihre Kräfte scheinbar keine Wirkung haben. Kein Wunder also, dass sie sich sofort zu ihm hingezogen fühlt – menschlich, aber auch körperlich. Das ist vielleicht auch der Grund, warum die Figur des Adam bzw. die Beziehung zwischen ihm relativ blass bleibt; alles ist sehr vorhersehbar. Wenn man ihm im Roman zum ersten Mal begegnet, weiß man sofort, dass dies der Love Interest der Protagonistin sein wird. Darüber hinaus ist der junge Soldat schlicht zu eindimensional, um wirklich interessant zu sein. Sorry …
Im Gegensatz zu Warner. Bei diesem handelt es sich um den Gegenspieler der Protagonisten, den Herrn über Sektor 45, der Juliette gefangen hält und sich ihre Kraft zunutze machen will. Ein eiskalter Psychopath, unglaublich gutaussehend, mit blonden Haaren und leuchtend grünen Augen. Der Leser hasst ihn genauso leidenschaftlich, wie Juliette es tut, als er sie aus der Isolation holt, sie Versuchen unterzieht und ihr von seinen (vermeintlichen) Plänen erzählt. Doch immer wieder blitzt durch, dass vielleicht doch nicht alles so ist, wie es scheint. Dass ihn mit Juliette doch mehr verbindet als ihre Nützlichkeit für seine Sache. Und so hofft der Leser nach Juliettes und Adams Flucht, dass dieser Mörder ihm in der Romanreihe nicht das letzte Mal begegnet ist. Wenn ihr wie ich eine Schwäche für den Bad Boy der Geschichte habt, werdet ihr sicher auch Team Warner sein.
Was übrigens dieses Buch bzw. diese Trilogie von anderen dystopischen Serien für Young Adults oder All Age unterscheidet, die ich in den letzten Jahren gelesen habe: Während Love Triangles sehr beliebt sind bzw. die Liebesgeschichte zwischen Protagonistin und Protagonisten einfach ein Muss ist, gelingt es den meisten Autoren und Autorinnen nicht, mich die Zuneigung der Figuren zueinander wirklich nachvollziehen bzw. empfinden zu lassen. Sie beschreiben zwar, dass sich zwei Figuren lieben, aber meist gelingt es mir nicht, das emotional wirklich nachzuempfinden. Doch bei Tahereh Mafi prickelt es ohne Ende. Hier weiß ich und kann auch wirklich nachvollziehen, wie die Figuren füreinander empfinden (zumindest bei Juliette und Warner; Adam bleibt, wie gesagt, etwas blass) – und die Beziehung bleibt auch nicht beim harmlosen Kuss stecken, ohne dass wir jedoch in den FSK18-Bereich abrutschen. 😉

Mein Fazit: Das beste Geschenk, das ich seit Langem bekommen habe! 😉 Wenn die Autorin weitere Bücher schreiben würde, würde ich sie ohne zögern kaufen!

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Suzanne Collins: Catching Fire (The Hunger Games, Band 2)

Katness und Peeta haben die „Hunger Games“ in Panem zwar gewonnen, doch durch ihre Weigerung, auch den letzten Gegner auszuschalten, haben sie sich einen großen Feind gemacht: die Regierung. Und Präsident Snow macht ihr deutlich, dass sie nun das „Spiel“ mitspielen muss, will sie ihre Familie und ihre Freunde vor deren Repressalien schützen. Gleichzeitig erfährt Kat, dass die Unruhen in einigen der Distrikten zunehmen – und wider ihren Willen findet sie sich als Gallionsfigur dieser Aufstände gegen die Hauptstadt wieder …

Kat tut alles, um ihre Freunde zu schützen – sie ist sogar bereit, eine Ehe mit Peeta einzugehen -, doch ihre Feinde scheinen ihr immer einen Schritt voraus zu sein, und schließlich hält das Grauen auch in ihrem eigenen Distrikt Einzug. Und am Ende findet sie sich mit ihrem neuen Verlobten an dem Ort wieder, vor dem sie sich doch sicher geglaubt hatte: der Arena.

Während ich mich bei „The Hunger Games“ (Band 1 der Reihe) noch an „Battle Royale“ erinnert fühlte, gelingt es Suzanne Collins in diesem zweiten Band der Serie, endlich ein eigenes Profil zu entwickeln. Fast jedes Kapitel endet mit einem Paukenschlag, was es dem Leser beinahe unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen. Die Autorin verleiht ihren Figuren (am deutlichsten wohl Kat) und auch dem (politischen) System von Panem mehr Tiefe, sodass man einfach mitfiebern muss. Auch die Storyline selbst bietet unerwartete Wendungen, und endlich hat man es mit einer richtigen Utopie für Teens zu tun.

Fazit: Empfehlenswert! Aber unverzeihlich, dass man jetzt ein ganzes Jahr auf eine Fortsetzung warten muss.

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Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Detective Meyer Landsman, abgetakelter Polizist, chronisch depressiv und mit einem Hang zu Zigaretten und Alkohol, soll den Mord an einem Drogensüchtigen aufklären. Eigentlich reine Routine. Doch Landsman lebt im fiktiven jüdischen Distrikt Sitka in Alaska, der in Kürze wieder an die USA zurückfallen soll. Gemeinsam mit seinem Cousin, der nicht nur Jude, sondern auch Halbindianer ist, macht er sich auf die Suche – nach der Identität des Opfers und natürlich auch nach der des Mörders. Dabei begegnen die beiden jüdischen Hardlinern, die verdächtig an die italienische Mafia und ihr Gebahren erinnern, und Schachspielern, die eine ganz eigene Gattung Mensch sind.

Misstrauisch wird Landsman, als ihm seine Vorgesetzten zu verstehen geben, dass er diesen Fall (und auch noch andere ungelöste Morde) zu den Akten legen soll. War doch der Tote der Sohn eines wichtiges Mannes und unter Umständen sogar der von den Juden langersehnte Messias.

Für seinen rabenschwarzen Kriminalroman, der wirklich gut übersetzt wurde, hat Michael Chabon nicht nur tief in die Geschichte eingegriffen, sondern auch die Geschichten, wie wir sie kennen, grundlegend geändert: Die Sowjetunion hat den Zweiten Weltkrieg verloren, auf Deutschland wurde 1946 die erste Atombombe geworfen, und die jüdische Staatsgründung im Jahre 1948 ist schiefgegangen. Die Juden wurden stattdessen nach Alaska umgesiedelt, aber leider ist die Leihe des Distriktes Sitka abgelaufen und so müssen sich die Juden erneut weltweit auf die Suche nach einer Heimat begeben.

Kreativ auch die Figuren, die Chabon ins Leben ruft: Schläfenlocken tragende Religionsfanatiker, die verdächtig an den Paten erinnern, indianische Halbjuden, die jüdischer sind als jeder Jude … Das Ganze gespickt mit jiddischen Begriffen, die man spätestens nach kurzem Nachdenken versteht (falls nicht, wurde im Anhang ein Stichwordverzeichnis angefügt).

Leider konnte mich persönlich all diese Kreativität nicht soweit fesseln, dass ich über die mangelnde Action hinweggesehen habe bzw. darüber, dass die eigentliche Geschichte unglaublich lange braucht, bis sie überhaupt in Fahrt kommt (falls sie dies jemals tut). Immer wieder schlich sich bei mir die Vermutung ein, dass der Autor vor lauter Liebe zu seiner Ideenwelt und zu seinen rabenschwarzen Einfällen die eigentliche Story vergessen hat – sodass ich nach einem knappen Drittel des Buches (als gerade klar wurde, wer überhaupt das Mordopfer ist) aufgegeben habe. Vielleicht war es für mich einfach nicht der richtige Roman zur richtigen Zeit.

Mein persönliches Fazit: Nur geeignet für Krimifans, die eher „ruhige“ altmodisch daherkommende Krimis à la „Film Noir“ mögen. Wer gewöhnlich lieber „moderne“ actionreiche Krimis à la Kathy Reichs, Patricia Cornwell und Co. liest, sollte lieber einen Bogen um diesen Roman machen.