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Sharon Page: Blutrot – die Farbe der Lust

page-blutrotYorkshire, 1818: Die junge Vampirjägerin Althea Yates ist erst kürzlich mit ihrem Vater – ebenfalls ein Vampirjäger – aus den Karpathen nach England zurückgekehrt. Dieser will dort den uralten Vampir Zayan zur Strecke bringen, einen der mächtigsten Blutsauger überhaupt. Dabei helfen sollen ihm die Vampirzwillinge Bastien und Yannick de Wynter. Allerdings liegt Letzterer aufgrund eines Fluches in einem todesähnlichen Schlaf, und niemand weiß genau, wo.
Kaum in Yorkshire angekommen, erfüllen Träume voller Wolllust die Nächte von Althea. Träume, in denen sie von zwei Männern gleichzeitig geliebt wird. Träume, die plötzlich wahr zu werden scheinen, als zuerst der faszinierende Bastien in Altheas Schlafkammer steht und wenige Tage später auch Yannick, der dank der Yates‘ endlich erwacht ist. Doch wie kann die junge Frau zwei Wesen in ihr Bett lassen, auf die sie doch eigentlich Jagd macht, dämonische Bestien, die Althea geschworen hat zu vernichten …

Ich liebe gut geschriebene Historienromane, lese auch gern Vampirgeschichten, und erotische Szenen geben einer Story oft die besondere Würze. Doch was Sharon Page hier abgeliefert hat, ist so unterirdisch schlecht, dass ich das Buch nur aus einem Grund beendet habe: um anschließend eine vernichtende Rezension zu verfassen.
Sharon Page ist mir bereits von ihren Romanen um die Hamilton-Schwestern ein Begriff – erotischen Historienromanen, die sprachlich gut geschrieben (und übersetzt) sind, mit einer gut konzipierten, „runden“ Story und recht ausführlich beschriebenen 6zenen, die aber an unterschiedlichen Stellen organisch in die Handlung einfließen. Die Bücher sind recht „süffig“, die Charakterisierungen der Figuren nachvollziehbar und ausführlich genug, auch wenn man natürlich von Beginn an weiß, dass das Paar zuerst im Bett harmonieren und am Ende zueinanderfinden wird. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen Hoffnungen bei „Blutrot – die Farbe der Lust“. Doch leider tanzt Sharon Page mit dem literarischen Anspruch und ihren sprachlichen Werkzeugen auch noch unter der niedrigsten Limbo-Stange hindurch. Oder anders gesagt: Die Leserin sollte eigentlich ihr Geld zurückfordern.
Es krankt in diesem Buch an so ziemlich allem:
Die Story ist praktisch nicht vorhanden. PWP (Plot what Plot)???, fragt sich die geneigte Leserin. Man erfährt im Laufe des Romans das, was in der obigen Inhaltsangabe steht. Was man nicht erfährt: Warum können nur die beiden Zwillinge den uralten Vampir vernichten? Warum wurde Yannick mit einem Fluch bestraft? Warum findet Yates senior den Untoten innerhalb kürzester Zeit und der eigene Bruder nicht? Was ist eigentlich so schlimm an diesem Zayan – der zwar junge Mädchen anknabbert, aber doch eigentlich nur eines vernaschen will: Yannick? Warum kümmert sich die mächtige Vampirkönigin nicht um ihn, wenn er offenbar doch die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Blutsauger lenkt – und was zum Teufel hat Luzifer mit dieser ganzen Sache zu tun? Fragen, denen die Autoren nicht eine Zeile widmet. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass mir eine ganze Menge Infos fehlen …
Auch die Charaktere sind nicht mehr als Schemen, zweidimensionale Figuren, austauschbar und nicht wirklich sexy: Natürlich tragen die Vampire schwarz, sind durchtrainiert und haben einen sexy Körper, müssen Althea einfach verführen und die Ewigkeit mit ihr verbringen (nach gerade mal wie vielen Tagen des Kennenlernens? Drei?). Und Althea? Ist nach eigenen Aussagen eine knallharte Vampirjägerin, die gemeinsam mit ihrem Vater schon viele Blutsauger zur Strecke gebracht hat und sich nicht davor fürchtet, auch den angeblich mächtigsten von ihnen zu jagen. Und natürlich ist sie mit Anfang zwanzig noch eine Jungfrau – die aber gleich beim ersten Treffen mit Bastien im Bett landet und so ziemlich alles ausprobiert, was es da auszuprobieren gibt. Ihr Weg von einer angeblich knallharten Vampirjägerin zu einer schamlosen Sexbesessenen war ausgesprochen kurz. Apropos: Hatte ich schon erwähnt, dass sich diese Vampire natürlich in Fledermäuse verwandeln können und praktischerweise nach der Zurückverwandlung dann auch gleich nackt in Altheas Kammer stehen?!

„So dachte er über sie? Sie kämpfte nicht länger gegen seinen harten Griff und starrte in sein unbewegtes Gesicht. Er hatte nicht mal vor ihr als Jägerin Respekt. Er glaubte, dass sie nicht mehr war als eine dumme Frau. Gut genug, um auf dem Rücken zu liegen und ihm Lust zu schenken.“

Sorry, Schätzchen, das Gleiche denke ich auch von dir.
Last, but not least die erotischen Szenen des Romans: Eine Aneinanderreihung von freizügigen Bettszenen, in denen drei wunderschöne Menschen allerlei sportliche Verrenkungen machen, genügt leider nicht, um auch einen guten Erotikroman zu verfassen. Ob es nun one on one ist oder two on one oder Frauen mit Frauen oder Männer mit Männern – hier ist für jeden etwas dabei. Aber wirklich erotisch ist das Ganze nicht. Manchmal ist eben doch weniger mehr. Hinzu kommt, dass bei der Beschreibung des Aktes herabwürdigende Begriffe für die weibliche Anatomie verwendet werden, die ich einfach in einem Buch nicht lesen will … Ein absolutes No Go.

Mein Fazit: Bittebittebitte macht einen Bogen um diesen Roman!

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Julie Kagawa: The Forever Song (Blood of Eden 3)

kagawa-unsterblich3-englSeit ihrer Verwandlung zum Vampir stand Allison Sekemoto immer wieder vor der Frage, ob sie nun ein gewissenloses Monster ist oder sich nicht doch einen letzten Rest Menschlichkeit bewahren kann. Bislang hat sie sich immer für die Seite der Menschen entschieden. Doch dann muss sie mit anhören, wie Zeke – der Junge, den sie liebt – von dem wahnsinnigen Meistervampir Sarren gefoltert und ermordet wird.
Allie gibt den Kampf auf und entscheidet sich dafür, ihrem inneren Monster freien Lauf zu lassen. Sie ist fest entschlossen, gemeinsam mit ihrem Schöpfer Kanin und ihrem Blutbruder Jackal den Psychopathen zur Strecke zu bringen. Dieser ist auf dem Weg in die letzte reine Menschenstadt Eden, wo er ein mutiertes Virus freisetzen will, das Menschen ebenso vernichtet wie Vampire.
Doch die Spur, die er auf seiner Reise zum Lake Erie hinterlässt, ist blutig und voller tödlicher Fallen …

„The Forever Song“ ist der Abschlussband von Julie Kagawas „Blood of Eden“ bzw. „Unsterblich“-Trilogie und für mich wieder ein echter Pageturner (Band 1: Tor der Dämmerung; Band 2: Tor der Nacht). Der Roadtrip der drei Vampire Kanin, Jackal und Allie hätte durchaus etwas langweilig werden können, da er sich über knapp 2/3 des Buches hinzieht. Doch durch den beinahe schon konstanten Schlagabtausch zwischen Jackal und Allie fließt zum einen ein humorvolles Element in die Handlung ein. Kagawa gelingt es wunderbar, die bissigen Dialoge von Geschwistern widerzugeben, die einerseits durch ihre Blutsverwandtschaft untrennbar verbunden sind, sich aber andererseits nicht leiden können, weil sie so unterschiedlich sind. Und Kanin kommt die Rolle des leicht genervten Vaters zu, der seine unerzogenen Kinder am liebsten aus dem Auto werfen möchte. Solche Szenen haben mich sehr amüsiert und brachten auch etwas Licht in die ansonsten sehr düstere Handlung. Neben dem verbalen Humor sorgen auch Sarrens blutige Fallen für Unterhaltung. Der Psychopath überfällt auf dem Weg nach Eden alle menschlichen Siedlungen – zum einen, um seine Verfolger auszuhungern, zum anderen, um ihr Fortkommen zu verlangsamen, damit er seine teuflichen Pläne in Eden ungestört umsetzen kann. Ganz zu schweigen davon, dass dies einfach seinem kranken Sinn für Humor entspricht.
Auch als die drei Vampire Eden schließlich erreichen und es zum großen Kampf mit Sarren kommt, behält die Autorin ihr hohes Erzähltempo bei. Sie erweist sich auch hier wieder als großartige Erzählerin. Man glaubt wirklich, mit dabei zu sein, als die drei durch das verlassene Eden schleichen und sich gegen mutierte Verseuchte zur Wehr setzen müssen … Diese Aspekte des Buches haben mir sehr gut gefallen. Besser, als dies z. B. in ihren „Plötzlich Fee“-Romanen der Fall war.
Was mir weniger gefiel (und vermutlich jammere ich hier auf hohem Niveau), war, dass die Charaktere relativ statisch blieben. Achtung, Spoiler! Weiterlesen auf eigene Gefahr! Allie gibt sich nach Zekes vermeintlichem Tod ihrer dunklen Seite hin. Sie übernimmt einige von Jackals Charakterzügen, was diesen begeistert, aber eine Enttäuschung für ihren Schöpfer darstellt. Dennoch kehrt sie schon nach einem „Erziehungsversuch“ von Kanin zu ihrer Menschlichkeit zurück. Als Leser erfährt man zwar, dass ihr inneres Monster sich danach sehnt, freigelassen zu werden, doch wirklich spüren kann man davon nichts. Sie bleibt in dieser Hinsicht relativ statisch.
Ähnlich ist es bei Wirklich, jetzt kommen echte Spoiler! Zeke. Dieser wurde von Sarren nicht getötet, sondern in einen Vampir verwandelt und dazu noch einer Art Gehirnwäsche unterzogen, sodass von dem alten Zeke nichts mehr übrig geblieben ist. Heißt es zumindest. Gemeinsam mit Sarren ist er auf dem Weg nach Eden – und an jedem Blutbad auf dem Weg mit großer Begeisterung beteiligt. Vor allem an der Falle, die unsere drei Retter in Chicago erwartet, wo Zeke als neuer König regiert. Diese bis dato unglaublich angepasste, langmütige Figur hätte wirklich Potenzial gehabt, ein echter Bösewicht zu werden. Doch leider kehrt er schon nach einem heroischen Rettungsversuch von Allie auf die lichte Seite der Macht zurück. Und auch als er gemeinsam mit den drei Vampiren in Eden bei den letzten Überlebenden ankommt, spürt man nichts davon, dass er ein frisch verwandelter Vampir ist, der gerade mit großem Enthusiasmus Dutzende von Menschen vernichtet hat. Er ist wieder der All-American-Boy, ein ausgesprochen zahnloser Tiger. Und am Ende reiten die beiden in den Sonnenuntergang und leben ihr „White Picket Fence“-Leben … Schade.
Mein Favorit auch dieses Buches ist wieder Jackal. Zeke soll vermutlich das Herz der Leserinnen erobern, aber deutlich interessanter war für mich Allies Bruder Jackal, der definitiv zu meinen literarischen Lieblingscharakteren gehört. Er ist schon lange Vampir und hat großen Spaß daran. Und obwohl er immer wieder betont, wie langweilig Kanin und Allie doch (als Vampire) sind, zögert er nicht, sich ihnen auf ihrer Jagd nach Sarren anzuschließen. Er behauptet zwar, dass er dies nur tut, damit sein menschlicher Nahrungsmittelvorrat nicht ausgeht, doch er erweist sich als loyaler Mitstreiter. Und das Schlimme ist: Weder Allie noch Kanin erkennen dies wohlwollend an. Stattdessen bestrafen sie ihn mit Misstrauen (Allie) oder Ignorieren (Kanin). An dieser Stelle tat er mir wirklich leid, denn er ist ja ebenfalls bereit, sein Leben zu opfern, um den Ausbruch des Virus zu verhindern. Und auch hier noch mal ein Appell an Julie Kagawa: Bitte ein Jackal-Spin-off!

„Well, isn’t this fucking hilarious. We saved a bunch of bleating meatsacks, killed a psychopath who is older than dirt, stopped another world-destroying plague … and we still don’t have the cure. God really does hate us after all. Seeing as this is probably my last hurrah, I don’t suppose I could get you two bleeding hearts to massacre a village with me? For old time’s sake.“ (S. 361)

Mein Fazit: Ein würdiger Abschluss einer großartigen dystopischen Trilogie! Mehr davon! Ich habe Kagawas „Talon“-Reihe noch nicht gelesen, frage mich aber, wie sie die „Unsterblich“-Trilogie noch toppen will!

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Julie Kagawa: Unsterblich – Tor der Nacht (Band 2)

kagawa-unsterblich2Die siebzehnjährige Allison Sekemoto lebt in einer Welt, in der die meisten der Menschen, die nach einer schrecklichen Plage noch am Leben sind, von den Vampiren wie Sklaven gehalten werden, im Gegenzug aber relative Sicherheit in befestigten Städten genießen. Nachdem Allie von Verseuchten lebensgefährlich verletzt wurde, hat sie das Rettungsangebot eines Vampirs – Kanin – angenommen und ist ebenfalls zu einem Geschöpf der Nacht geworden.
Doch dann erfährt sie, dass Kanin von seinem Erzfeind Sarren gefangengenommen wurde und gefoltert wird, und macht sich auf die Suche nach ihm. Bald schon muss sie feststellen, dass sie nicht seiner Spur folgt, sondern der ihres Blutsbruders Jackel, dem (ehemaligen) König von Alt-Chicago, der als Kind von Kanin ebenfalls dessen Hilfeersuchen nachkommt. Die beiden schließen einen Waffenstillstand – und Allie findet sich wenig später an dem Ort wieder, der einst ihre Heimat war.
Dort macht sie eine furchtbare Entdeckung: Die Rote Schwindsucht, die den Menschen vor Allies Geburt zum Verhängnis wurde, ist zurückgekehrt. Und diesmal laufen auch die Vampire Gefahr, sich anzustecken. Doch was niemand ahnt: Der Wahnsinnige Sarren, der Kanin gefangen hält, steckt hinter dem Ausbruch des Virus, denn er will die gesamte Welt von Menschen und von Vampiren säubern …

„Unsterblich – Tor der Nacht“ ist Band 2 von Julie Kagawas „Unsterblich-Trilogie“ (Band 1: Tor der Dämmerung, Band 3: Tor der Ewigkeit). Leider kommt es ja bei Trilogien häufig vor, dass nach einem sehr packenden ersten Teil mit Band 2 ein „Füller“ folgt, eine riesige Enttäuschung, und etwas Ähnliches hatte ich aufgrund von einigen negativen Erfahrungen mit anderen Dystopien auch bei der „Unsterblich“-Trilogie befürchtet. Doch es ist beinahe das Gegenteil der Fall: Band 2 gefiel mir fast noch besser als sein Vorgänger. Julie Kagawa zeigt sich auch hier als exzellente Erzählerin, der es schon nach wenigen Seiten gelingt, mich in die Handlung hineinzuziehen – und sie lässt mich durch die gesamte actionreiche Handlung hindurch auch nicht mehr los. Ich bange mit, amüsiere mich über den Schlagabtausch der Protagonisten, folge ihnen in die Unterwelt des Abwassersystems der Vampirstadt, halte die Luft an, als sie von Kannibalen angegriffen werden, hoffe, dass ihnen Kanins Rettung gelingt, bin geschockt, als sich ein Freund als Feind entpuppt, und kann selbst am Ende des Buches nicht verdient aufatmen, da es mit einem fiesen Cliffhanger endet. Gott segne den Erfinder des E-Books! Band 3 befindet sich nämlich wohlweislich schon auf meinem E-Book-Reader! 🙂

In meiner Rezension zu Band 1 hatte ich mich bereits zu den Besonderheiten der Serie und zur Welt und den zentralen Charakteren von „Unsterblich“ geäußert, deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf, das noch einmal zu tun.
Die Besonderheit – zumindest für mich – von Band 2 ist Jackal, der ebenfalls von Meistervampir Kanin erschaffen wurde und somit Allies Blutsbruder ist, allerdings schon einige Jahrzehnte älter als das junge Mädchen. In Band 1 trat er als der machtgierige König der Banditen von Alt-Chicago auf, der Allies Mitreisende entführte, um ihrem Anführer Jeb Crosse Informationen über das Virus abzupressen. Crosse war Nachkomme eines Wissenschaftlers, der beim Ausbruch der Seuche an deren Erforschung beteiligt war, und im Besitz eines USB-Sticks, der alle wissenschaftlichen Informationen darüber enthält. Doch Allie und ihrem Menschen-Freund Zeke war es gelungen, den Stick in ihren Besitz zu bekommen, einige der Gefangenen zu befreien und aus Chicago zu flüchten. Nachdem Allie ihre Freunde am Ende von Band 1 in die Sicherheit der letzten reinen Menschenstadt Eden geführt hat, muss sie als Vampir dieses „Paradies“ wieder verlassen und sich von Zeke und den anderen verabschieden. Sie folgt nun schon seit vier Monaten Kanins „vampirischen Hilferufen“ (da er ihr Schöpfer ist, ist sie auf besondere Weise mental mit ihm verbunden) und findet sich schließlich in Washington, D.C., wieder. Dort stößt sie jedoch nicht auf Kanin:

„Hallo, Schwesterchen“, begrüßte mich Jackal. Seine goldenen Augen funkelten im Halbdunkel. „Wurde auch Zeit, dass du endlich auftauchst.“

Die beiden beschließen, sich nicht an die Kehle zu gehen, sondern sich zu verbünden, um ihren Schöpfer zu finden und zu befreien. Allie, weil sie sich Kanin verpflichtet fühlt; Jackal, weil er sich noch immer auf der Suche nach dem Gegenmittel für die Seuche befindet – schließlich will er als Vampir ja nicht, dass sein „Nahrungsmittelvorrat“ ausgeht. Und damit beginnt ein Roadtrip der ganz besonderen Art. Beide hassen sich zutiefst. Zumindest hasst Allie Jackal, da er einige ihrer Freunde getötet hat; Jackal behandelt sie eher mit der amüsierten Überlegenheit eines älteren Bruders, und so ist der konstante Schlagabtausch der beiden unglaublich bissig und humorvoll. Allie wurde bereits in Band 1 als überaus sympathischer Charakter mit hohem Identifikationspotenzial eingeführt, und daran ändert sich auch in Band 2 nichts; ihre Authentizität und Gradlinigkeit verstärken sich weiter. Doch Jackal gleicht dies mühelos aus. Der dystopische Roman hätte aufgrund seines düsteren Settings und der teilweise tragischen Geschichten durchaus schwermütig werden können, aber Jackal lockert die Stimmung durch seine sarkastische Art und seine gelegentlich brutale Rücksichtslosigkeit immer wieder auf. Wenn Kagawa sich entschließen würde, ihm einen Spin-off zu gönnen, würde ich diesen ohne zu zögern kaufen. 😉
Noch interessanter wird das Ganze, als ein alter Freund auftaucht … Aber an dieser Stelle möchte ich nicht spoilern …

Mein Fazit: Handy und Fernseher ausschalten, und dann: Lesen! Mit „Unsterblich – Tor der Nacht“ zementiert Julie Kagawa ihre Position als meine aktuelle Lieblingsautorin!

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Julie Kagawa: Unsterblich – Tor der Dämmerung (Band 1)

kagawa-unsterblich1Grenzen, Mauern und Verbote gehören zum Alltag der 17-jährigen Allison, seit sie denken kann. Nach einer Seuche, die Menschen getötet oder in Ungeheuer verwandelt hat, haben sich die meisten Bewohner der Erde zum Schutz in große abgeriegelte Städte zurückgezogen. Regiert werden diese von Vampiren, grausamen Fürsten der Nacht. Diese lassen ihre Gefangenen, die ihnen regelmäßig Blutzoll schulden, dafür aber in relativer Sicherheit leben, für sich schuften. Auch der kleinste Verstoß gegen die Regeln wird geahndet. Und wer nicht bereit ist, das Brandmal der Vampire zu tragen, kämpft ums Überleben. Allison, die sich gegen das Zeichen entschieden hat, lernt schon früh, dass ihr Leben nicht viel wert ist. Gemeinsam mit anderen Kindern muss sie stehlen, um nicht zu sterben.
Als sie vor den Toren der Stadt von Verseuchten angegriffen und schwer verletzt wird, stellt Kanin, ein mysteriöser Vampir, sie vor die Wahl, entweder zu sterben oder ihren Unterdrückern gleich zu werden. Sie entscheidet sich für den Weg der Unsterblichkeit. Doch damit wird sie zum Feind der Menschen … Sie verlässt ihre Heimat und zieht ziellos umher, bis sie sich – ohne sich zu erkennen zu geben – einer kleinen Gruppe anschließt. Diese ist auf der Suche nach Eden, der letzten vampirfreien Stadt …

„Unsterblich – Tor der Dämmerung“ ist Band 1 der „Unsterblich“-Trilogie (Band 2: Tor der Nacht, Band 3: Tor der Ewigkeit) der US-amerikanischen Jugendbuchautorin Julie Kagawa; die Serie entstand nach Kagawas „Plötzlich Fee“-Reihe. Ich hatte sie bereits auf Englisch gelesen, habe mir aber nach Erscheinen der Taschenbuchausgabe der beiden ersten Bände auch diese zugelegt – und war wieder begeistert. Die Autorin entwickelt sich immer mehr zu meiner (zeitgenössischen) Lieblingsschriftstellerin. Nach all den bereits erschienenen (unzähligen!) Vampirroman gehört schon eine Menge Mut und Selbstbewusstsein dazu, dem Ganzen eine weitere Vampirgeschichte an die Seite zu stellen. Und mich hat sie mit ihrer Mischung aus richtig guter Vampirgeschichte und Dystopie wirklich überzeugt. Sie verschont uns dabei vor eindimensionalen sexy Vampiren, die in schwarzer Ledergarderobe herumlaufen und nur auf der Suche sind nach der (menschlichen) Frau fürs Leben. Die Welt der „Unsterblich“-Trilogie ist düster, dreckig, brutal und ausgesprochen bedrückend – hier glitzert nichts (:mrgreen:), hier heißt es „Fressen oder gefressen werden“. Kagawas Vampire sind keine kuschligen Teddybären mit Fangzähnen. Menschen sind für sie nur gesichtslose lebende Blutkonserven (oder „Blutsäcke“, wie Allies Bruder im Blute Jackal gern sagt), denen sie im Austausch für deren Blut ein wenig Sicherheit garantieren. Diese wiederum sind bereit, fürs tägliche Überleben ihre Familie zu verraten. Also eine in jeder Hinsicht ausgesprochen düstere Welt.
Julie Kagawa hat mich aber nicht nur durch die erschaffene Welt überzeugt. Ich schätze auch ihren Erzählstil sehr.  Die Storyline der Geschichte ist sehr gradlinig. Sie erschafft mit wenigen Strichen eine eigene dystopische Welt mit einer gut durchdachten Historie und erklärt auch das Handeln der Figuren sehr glaubwürdig. Es ist ihr auch in diesem Fall gelungen, mich sofort in die actionreiche Geschichte hineinzuziehen – und dann konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Und als ich die letzte Seite erreicht hatte, war ich froh, dass Band 2 „Tor der Nacht“ bereits in meinem Regal stand, sprich: Das Ganze endet mit einem Cliffhanger.
Heldin der Geschichte ist die 17-jährige Allison Sekemoto, die sich zunächst im sogenannten Saum – den Randbezirken der großen Vampirstadt New Covington – als (hungriger) Mensch durchschlägt und nach ihrer Verwandlung in der großen weiten Welt der ehemaligen USA als Vampir. Sie ist tough, besitzt einen großen Wissensdurst, einen ausgeprägten Überlebenswillen und viel Mitgefühl für ihre Mitmenschen – obwohl sie dies nie zugeben würde. Und die beiden letztgenannten Eigenschaften sind es auch, die den Meistervampir Kanin dazu bewegen, sie nach einem Angriff durch Verseuchte in einem Blutsauer zu verwandeln. Während sie bis dahin „nur“ vor der Frage stand, ob sie die wenigen vorhandenen Lebensmittel mit anderen teilt, muss sie nun entscheiden, ob sie willens ist, für ihr eigenes Überleben andere zu töten – oder zumindest „anzuzapfen“. Diese Frage – Was macht meine Menschlichkeit aus? – begleitet sie durch den gesamten Roman. Obwohl sie immer wieder zögert, anderen zu vertrauen und sich ihnen zu öffnen, sehnt sie sich doch zutiefst genau danach – und leider wird sie auch immer wieder von den Menschen, für die sich aufopfert, vor den Kopf gestoßen. Vor diesem Hintergrund fand ich es sehr interessant, dass sie dennoch nicht aufgibt – weder andere Menschen noch ihr Vertrauen und ihre Hilfe.
Nicht nur Allie steht immer wieder vor einem Scheideweg. Auch Zeke, der im Laufe der Geschichte eine immer größere Rolle spielen wird, ist im Verlauf des Romans gezwungen, seine Überzeugungen zu überdenken. Er reist schon seit Jahren mit seinem Ziehvater Jeb und einer kleinen Gruppe Menschen durch die ehemaligen Vereinigten Staaten, immer auf der Suche nach Eden, der letzten freien Menschenstadt. Viele Freunde hat er schon durch Angriffe von Verseuchten oder Vampire verloren – und deshalb hält er an einer Wahrheit fest, die ihm auch Jeb immer wieder einprügelt: Vampire sind Monster, denen man unter keinen Umständen vertrauen kann. Als Allie zu seiner Gruppe dazustößt und ihren Beitrag zum Überleben der Gruppe leistet, dauert es gar nicht so lange, bis er sich in sie verliebt – auch wenn sie ihn auf Distanz hält. Doch als er dann erfährt, was sie wirklich ist, stürzt sein gesamtes Weltbild in sich zusammen, und er muss nun für sich selbst entscheiden, ob es auch Monster gibt, denen man vertrauen kann. Hier kommt natürlich die in YA-Romanen übliche kleine Liebesgeschichte ins Spiel. Diese wird in den Folgebänden deutlich mehr Raum einnehmen; hier fließt sie ganz dezent in die eigentliche dystopische Handlung ein, worüber ich sehr glücklich war.

Da ich die Trilogie im englischen Original gelesen habe, darf ich an dieser Stelle schon andeuten, dass die weiteren Bände uns sehr viel bissiges Geplänkel zwischen Allie und Jackal, einen stärken Einblick in die Vampirgesellschaft – und noch mehr vampirisches Blutvergießen bescheren wird. Vor allem auf den Humor, der durch Jackal in die Handlung einfließen wird, freue ich mich jetzt schon.

Fazit: Ein toller Start in eine neue Trilogie. Die Amerikanerin Julie Kagawa ist für mich ein absolutes Highlight in der Jugendbuchszene.

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Deborah Harkness: Das Buch der Nacht

harkness das buch der nachtNach ihrer Zeitreise in das London Elisabeths I. kehren die Hexe Diana Bishop und der Vampir Matthew Clairmont zurück in die Gegenwart, wo sie neue Herausforderungen, vor allem aber alte Feinde erwarten. In Sept-Tour, der Heimat von Matthews Ahnen, werden sie schon von ihren Familien und Freunden erwartet. Die Freude über das Wiedersehen wird jedoch von der Nachricht über einen tragischen Verlust überschattet, der besonders Diana tief trifft.
Neue Herausforderungen erwarten das Paar, denn bald wird klar, dass nicht nur ihre Lieben sie vermisst haben – auch alte Feinde verfolgen jeden Schritt, den die beiden tun. Allen voran Benjamin Fuchs, Matthews Vampirsohn, der mit seinem Vater noch eine Rechnung zu begleichen hat.
Die wahre Bedrohung betrifft jedoch „Ashmole 782“, ein verschollenes Manuskript, das sowohl Vampire als auch Hexen und Dämonen für sich beanspruchen, da es der Legende nach Aufschluss gibt über ihre Herkunft.

„Das Buch der Nacht“ ist der Abschlussband der „Diana & Matthew Trilogie“ der Historikerin Deborah Harkness (Band 1: Die Seelen der Nacht; Band 2: Wo die Nacht beginnt). Ich habe zugegebenermaßen einige Wochen gebraucht, um das Buch zu lesen – weniger, weil es eine Enttäuschung war, sondern weil ich wusste, wenn ich erst einmal Seite 764 erreicht habe, ist die großartige Geschichte zu Ende. Und ein größeres Lob kann ich einem Buch, kann ich einer Romanserie nicht aussprechen.

Der Roman setzt da an, wo sein Vorgänger geendet hat: Diana und Matthew lassen das 16. Jahrhundert hinter sich und kehren nach Hause zurück – mit einer Überraschung für ihre Familien und ihre Freunde: Diana ist schwanger. Mit Zwillingen. Im Gegenzug erwartet sie dort aber auch eine traurige Nachricht: Bei einem Angriff durch ihre Gegner ist ein Familienmitglied ums Leben gekommen.
Und schon überschlagen sich die Ereignisse dieses actionreichen Romans: Diana und Matthew beschließen, ihre Unabhängigkeit zu erlangen, indem sie sich vom Clermont-Stammbaum „abspalten“ – auf diese Weise muss Matthew den Anweisungen seines alten Clans nicht länger Folge leisten und kann diesen gleichzeitig vor den Repressalien durch die Kongregation – dem zentralen Organ der übernatürlichen Wesen, in dem immer zwei Vampire, zwei Hexen und zwei Dämonen vertreten sind – schützen, das die Verbindung von Hexe und Vampir zutiefst ablehnt. Dadurch kommt jedoch etwas Entsetzliches ans Licht: Viele von Matthews Vampirkindern haben seinen Blutrausch geerbt – und solche Vampire, die gewöhnlich ihren Blutdurst nicht unter Kontrolle haben, müssen eigentlich von ihren „Eltern“ vernichtet werden. Eines von diesen wahnsinnigen Vampirkindern ist Benjamin Fuchs, den Diana bereits während ihrer Reise in die Vergangenheit kennengelernt hat. Er hasst seinen Vater zutiefst – vor allem, als er erkennt, dass es diesem gelungen ist, mit Diana biologische Kinder zu zeugen. Und so missbraucht und tötet er schon seit Jahrhunderten Hexen in dem Versuch herauszufinden, warum aus dieser unwahrscheinlichen und verbotenen Verbindung doch Kinder hervorgegangen sind. Dazu ist auch er auf der Jagd nach „Ashmole 782“ …
Viele alte Bekannte tauchen im Verlauf der Geschichte auf, viele neue Freunde und Familienmitglieder stoßen hinzu … aber trotz allem gelingt es Deborah Harkness, diesen riesigen Fundus an Akteuren glaubwürdig einzubauen und zumindest auch begrenzt auszugestalten. Allerdings war das auch der Punkt, an dem ich mir gewünscht hätte, dass der Verlag ein Personenverzeichnis anfügt, in dem alle aufgelistet sind – mit dem Hinweis darauf, ob es sich dabei um Vampire, Hexen, Dämonen oder schlicht Menschen handelt. So manches Mal musste ich eben doch grübeln, mit welcher Art Wesen ich es zu tun hatte.
Darüber hinaus liebe ich aber den Schreibstil der Autorin. Er ist zwar nicht übermäßig philosphisch und tiefschürfend, aber sehr flüssig und die Story spannend und schlüssig! Es gibt sehr Rührendes und auch brutale Szenen, die aber alle ihren Platz haben und nicht die Schaulust des Lesers bedienen. Rührend fand ich z. B. die Handlung rund um Gallowglass – Achtung, Spoiler (das Folgende ggf. markieren): Es stellt sich nämlich heraus, dass Dianas Vater ihn bei seiner eigenen Reise in die Vergangenheit gebeten hat, auf seine Tochter aufzupassen (wenn diese dann in den 1970ern geboren werden wird), und so war Diana in ihrem Leben eigentlich nie allein, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst war. Und wenn das auch dazu geführt hat, dass Gallowglass sich ebenfalls in Diana verliebt hat. Er hat sich zu einer wirklich interessanten Figur entwickelt, und ich hoffe, dass Deborah Harkness sich vielleicht dafür entscheidet, uns in einem nächsten Buch mehr von ihm zu erzählen. Ach, was sage ich: Die Autorin hat so viele Figuren eingeführt und ausgestaltet, dass ich gern über eine ganze Reihe von ihnen mehr erfahren möchte.

Mein Fazit: Genau das Richtige für Fans von richtig gut geschriebener (historischer) Fantasyliteratur, für Fans von übernatürlichen Wesen, die immer noch nicht genug haben von Hexen und Vampiren. Denn dieses Buch bietet definitiv mehr als die durchschnittliche Vampirkost, hier wartet den Leser eine hochklassige Geschichte mit vielen Facetten, die sich so manches Mal erst beim zweiten oder dritten Lesen entfalten. Ich bin jetzt schon gespannt, womit uns Deborah Harkness beim nächsten Mal überrascht!

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Gesa Schwartz: Grim 03 – Die Flamme der Nacht

schwartz_grim3Gargoyle Grim ist wieder einmal auf Patrouille in Paris, als ihm am Gare du Nord rätselhafte Nebel auffallen. Alle Menschen in diesem Bereich fallen in einen tiefen Schlaf – um kurz darauf auf mysteriöse Weise zu verschwinden. Mia und Grim versuchen, dem seltsamen Phänomen auf die Spur zu kommen. Und müssen schon bald feststellen, dass ein alter Feind sich aus seinem Gefängnis befreit hat und nun die Finsternis herbeiführen will.

Jetzt tue ich etwas, das ich hier noch nie getan habe: Ich schreibe ein paar Sätze zu einem Buch, das ich nicht fertig gelesen habe. Und ich weiß, dass jetzt viele empört reagieren werden, denn wie kann man es wagen, eine Rezi zu einem Buch zu schreiben, das man gar nicht gelesen hat?
Vorab: Ich wollte dieses Buch wirklich mögen. Die bisherigen Bände der Reihe habe ich gelesen, und obwohl es durchaus einige Dinge gab, die mir darin bereits etwas negativ auffielen, wollte ich einfach wissen, wie die Geschichte um Grim und Mia endet. Doch nachdem ich mich durch ein Viertel des Buches gequält hatte, habe ich es aufgegeben. Das Leben ist zu kurz, um Zeit mit Büchern zu verschwenden, bei denen es einfach nicht „funken“ will.
Wo soll ich anfangen? Vielleicht bei den Charakteren, etwas, das mich auch bei den Vorgängerbänden schon etwas geärgert hatte: Ich wurde mit Mia und Grim einfach nicht „warm“. Und dass die beiden ineinander verliebt sind, konnte ich als Leser einfach nicht nachvollziehen; es war nichts von der liebevollen Beziehung zu spüren. Die Autorin versteht es durchaus, bekannte oder weniger bekannte Mythen detailreich zu behandeln und exotische Charaktere einzuführen – aber es gelingt ihr imho einfach nicht, den Figuren wirklich Tiefe zu verleihen und wenigstens die beiden wichtigsten Figuren zum Leben zu erwecken. Im Grunde war es mir völlig gleichgültig, was aus den beiden wird. Ich kann die beschriebenen Emotionen als Leser einfach nicht nachempfinden; es bleibt beim reinen Kopfwissen um die Gefühle der Protagonisten.
Damit zusammen hängt auch mein zweiter Kritikpunkt: Mir kommt es streckenweise so vor, als würden ein Mythos nach dem anderen abgehandelt, als hetze die Autorin die handelnden Figuren von einem Kampf zum nächsten. Und diese Kämpfe laufen im Grunde immer nach dem gleichen Schema ab: Grim (oder Mia oder beide oder auch ihr kompletter Freundeskreis) gerät in eine Auseinandersetzung mit dem Big Bad (und seinen Minions), zieht dabei den Kürzen, doch der Bösewicht macht sich auf und davon, und Grim (und die übrigen) verfolgen ihn, und es kommt zur nächsten Auseinandersetzung … Das sorgt für eine gewisse Action, fühlt sich aber nicht rund an.
Aber was mich am meisten gestört hat: Wenn man aus diesem Buch alle Wörter streichen würde, die zur Familie „Licht“ bzw. „Dunkelheit“ gehören – also, ich würde schwören, das Buch hätte keine 800 Seiten, sondern höchstens 500. Ständig sprühen Funken, glimmt oder glüht oder etwas, ist eine Flamme zu sehen, entflammt etwas in schwarzer Glut, ist etwas in vollkommene Dunkelheit getaucht, liegt etwas in der Dämmerung oder pechschwarzer Finsternis … Ich fühlte mich davon irgendwann sehr genervt. Vor allem, als das dann noch einherging mit New-Age-y Dialogen und quasi-religiösen Begrifflichkeiten wie „die Macht der Ersten Stunde“ oder „die Feuer der Letzten Stunde“ (und das auf ein- und derselben Seite!).

Ach ja: Ein Personenverzeichnis inkl. einer Angabe, um welche Art Wesen es sich jeweils handelt, wäre gar nicht so schlecht gewesen …

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Deborah Harkness: Wo die Nacht beginnt (Band 2)

harkness-wodienachtUm sich vor der Kongregation zu verstecken und der Historikerin dabei zu helfen, ihre Kräfte zu entdecken und zu beherrschen, reisen der Vampire Matthew und die Hexe Diana reisen in das Jahr 1590 zurück. Doch da auf der britischen Insel gerade die Hexenverfolgung begonnen hat und Matthew damals als Spion für Elisabeth I. tätig war, ist dieses Unterfangen gar nicht so einfach. Und als Diana dann auch noch erkennen muss, dass ihr Mann eine ganze Reihe von Dingen vor ihr verborgen hat, wird ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt …

Bei „Wo die Nacht beginnt“ handelt es sich um den zweiten Band einer Romanreihe um den 1.500 Jahre alten Vampir Matthew und die Hexe Diana Bishop, die sich kennenlernen, als die junge Historikerin in Oxford über ein mysteriöses Buch stolpert, hinter dem viele übersinnliche Wesen schon seit Hunderten von Jahren her sind. Mir gefiel bereits der erste Band sehr gut, da die Amerikanerin Deborah Harkness endlich einmal eine gut recherchierte, gut geschriebene, komplexe Vampir/Hexen-Geschichte liefert, deren Story nicht als Vorwand dient, unzählige 6szenen zu schildern – genau die richtige Mischung aus Historienroman, Romanze und Fantasygeschichte. Obwohl Band 1 in gewisser Weise abgeschlossen war, endet der Roman auch mit dem Beginn einer Zeitreise, sodass ich der Fortsetzung regelrecht entgegengefiebert habe. Und Band 2 „Wo die Nacht beginnt“ hat mich in keiner Hinsicht enttäuscht. Auch hier steht die Geschichte (in mehr als einer Hinsicht!) im Vordergrund. Die beiden Protagonisten reisen in das elisabethanische England, was für Matthew nur eine begrenzte Herausforderung darstellt, für Diana jedoch schon. In anderen Romanen, in denen eine Person in die Vergangenheit reist, stellt das neue Leben für diese keine große Herausforderung dar – vielleicht wird mal das Handy vermisst oder die warme Dusche, aber die Heldin/der Held findet sich relativ bald zurecht. Im zweiten Band der Reihe um Matthew und Diana ist dies jedoch anders. Die Autorin schildert Dianas Anpassungsschwierigkeiten sehr detailliert – ob es nun um die Sprache geht, die Art und Weise, wie man damals geschrieben hat, die Schwierigkeit, sich mit der veränderten Kleidung zurecht zu finden … Auch die örtlichen Gegebenheiten in London oder auch Prag schildert Harkness so packend und detailliert, dass man alles vor sich sehen, alles riechen kann. Die gute Nachricht ist, dass Warner Brothers die Rechte an der „All Souls“-Trilogie erwoben hat, denn er verlangt regelrecht danach, verfilmt zu werden. Man spürt einfach, dass hier eine Historikerin am Werk war, die die Fakten wirklich treu recherchiert hat.
Da Harkness auch hier wieder einen 800-Seiten-Schmöker verlegt und viele neue Charaktere einführt – von denen einige fiktiv sind, andere aber reale historische Persönlichkeiten -, war zum einen die Zusammenfassung von Band 1 zum Einstieg sehr hilfreich, zum anderen auch die Personenaufstellung am Ende des Buches, aus der hervorgeht, wer tatsächlich gelebt hat, wer nicht, und welche Funktion die einzelnen Charaktere haben. Harkness versteht sich exzellent darauf, nicht nur die Protagonisten lebensnah und facettenreich zu schildert, auch die Nebencharaktere werden vor den Augen des Lesers lebendig und liefern nicht bloß die „Hintergrundmusik“. Allein schon die Tatsache, dass die Autorin so viele historische Persönlichkeiten und reale Geschehnisse eingeführt hat, lädt dazu ein, im Internet oder einschlägigen Büchern nachzuschauen, was es mit diesen auf sich hat. Während man also in Teil 1 etwas über Wein gelernt hat, lernt man in Band 2 vieles über die europäische (überwiegend aber englische) Geschichte. Und genau das finde ich sehr sympathisch: Ich werde als Leser nicht nur exzellent unterhalten, sondern kann auch noch etwas lernen, ohne dass es sich wie Lernen anfühlt. 🙂

Es gibt jedoch auch Dinge, die mir etwas negativ aufgefallen sind: Am Ende des Buches erfährt man bei Dianas und Matthews Rückkehr nach Sept-Tours, dass eine wichtige Figur aus Band 1 während ihrer Abwesenheit gestorben ist, aber diese Information wird eher so nebenbei geliefert, dass man als Leser doch etwas enttäuscht ist und das Gefühl zurückbleibt, die Autorin hätte diese Figur entweder völlig vergessen oder keine Verwendung für sie gehabt. Das fällt umso deutlicher auf, da der Tod dieser Figur in gewisser Weise heroisch gewesen sein muss. Hier würde ich mir erhoffen, dass man in Band 3 der Trilogie etwas mehr darüber erfährt, was Dianas und Matthews Familien und Freunde während ihrer Abwesenheit erlebt haben.
Darüber hinaus fiel mir zweitens noch auf, dass die wenigen Kapitel, die eingeflochten wurden, um zu illustrieren, inwieweit Dianas und Matthews Handeln in der Vergangenheit Spuren in der Gegenwart hinterlässt, nicht explizit kenntlich gemacht wurden (z. B. indem man ihnen schlicht Gegenwart vorausstellt), den Leser durch die fehlende Markierung aus dem Lesefluss herausreißen, weil er sich fragt, wie diese neue Figur und die Tatsache, dass hier gerade jemand z. B. telefoniert, mit dem gerade Gelesenen in Einklang zu bringen ist.
Aber das größte Manko: Der zweite Band ist zwar durch die Rückkehr in die Gegenwart in gewisser Weise abgeschlossen, aber es bleiben doch noch viele Fragen ungeklärt. Und bis zur Fortsetzung müssen wir sicher wieder ein Jahr warten. 😦

Mein Fazit: Unbedingt lesen!