Veröffentlicht in Belletristik

Thomas Willmann: Das finstere Tal

thomas willmann das finstere tal

„Es geht ein Hufnagel – stumpf, dick und kantig, wie er ist – nicht leicht durch Haut und Fleisch. Aber der Schmied war kräftig, geschickt, und er hatte Geduld.“ (S. 197)

Über einen versteckten Pfad erreicht ein einsamer Reiter kurz vor Anbruch des Winters ein kleines Dorf, das für die unten im Tal nur noch eine ferne Erinnerung ist. Greider nennt sich der Fremde, und er sei Maler, behauptet er von sich. Niemand will ihn hier haben – doch sein Gold nehmen die sechs Söhne des Brenner-Bauern gern. Greider wird bei der Witwe Gader und ihrer jungen Tochter Luzi untergebracht. In den folgenden Wochen erkundet er mit seinem Zeichenblock zuerst das Dorf, dann das Tal. Luzi verliebt sich in dieser Zeit in Lukas, den Bruder einer Freundin, und die beiden beschließen irgendwann zu heiraten. Doch je näher die Hochzeit rückt, desto deutlicher wird, dass es etwas gibt, das das junge Mädchen sehr belastet. Denn eine Hochzeit ist in diesem Dorf mit einer furchtbaren Tradition verknüpft.
Nachdem der Schnee das Dorf eingeschlossen hat, kommt der erste Brenner-Sohn beim Holzmachen ums Leben, ein anderer auf der Jagd … Zunächst sieht alles nach ganz gewöhnlichen, wenn auch tragischen Todesfällen aus.

Nachdem ich mir vor einiger Zeit den gleichnamigen Film zugelegt hatte und davon mehr als nur begeistert war, habe ich in den vergangenen beiden Tagen auch das Buch „Das finstere Tal“ des deutschen Schriftstellers Thomas Willmann gelesen verschlungen – eine 5-stündige Zugfahrt hat sicher auch das ihrige dazugetan. 😉 Das Erstlingswerk des Autors ist nach eigener Aussage eine Mischung aus Ludwig Ganghofer und Sergio Leone – was man auch deutlich spürt –, aber hier sitzt jedes Adjektiv, kein Wort ist zu viel. Hier kommt es weniger auf die Dialoge an – deren Anzahl sehr begrenzt ist –, die sprachgewaltigen Beschreibungen vermitteln dem Leser alles, was er wissen muss, und schaffen so die entsprechende Atmosphäre:

„Der Hof kauerte unter dem lastenden Schnee wie ein bösartiges Tier. Massig und gedrungen wirkte das matte Schwarz seiner Holzverkleidung, aus dem die Nachmittagssonne das Glas der Finster blitzen ließ. So lauernd das große Haus ins Ende des Hochtals geschmiegt war, hätte man es inmitten des alles bedeckenden Weiß für den Eingang einer Höhle halten mögen, aus dem ein Wesen einen mürrischen Blick heraus tat, vielleicht in der Hoffnung auf Beute, die durch die langen, zurückgezogenen Wintermonate Zehrung geben könnte.“ (S. 57)

Der Leser weiß sofort, wo hier der Hase läuft und was von den Bewohnern eines solchen Hauses zu halten ist. Denn im Grunde kauern die anderen Häuser im Tal, kauern sich zusammen, schutzsuchend.
Mein persönliches Highlight war die Besschreibung dessen, was der eigentliche Auslöser der Handlung ist – die Geschichte von Greiders Mutter. Diese wird in zwei parallel laufenden Flashbacks erzählt. Der eine Handlungsstrang beschreibt ihre Kindheit und Jugend und ihre Liebesgeschichte, die andere das „Verbrechen“ und die „Strafe“. Das Besondere ist jedoch, dass diese Handlungsstränge auf eine Art und Weise parallel geschildert werden, wie es mir noch nicht untergekommen ist. Es ist aber leider schwer, dies zu erklären, ohne zu viel zu verraten … Im Grunde wird die „Strafe“ parallel zur noch nicht begangenen „Tat“ geschildert, sodass man im Grunde weiß, wie alles ausgeht, doch das Ausmaß der „Strafe“ verschlägt dem Leser dann doch den Atem.
Natürlich könnte man einwenden, dass vielleicht alles ein bisschen zu blutig, ein bisschen zu detailliert geschildert wird, aber angesichts der Zustände im Tal, der „Strafe“ an Greiders Mutter, kann ich beides durchaus akzeptieren.
Was ich ebenfalls spannend fand: Religionsmotive ziehen sich durchs gesamte Buch, und es wäre sicher sehr interessant, sich einmal detaillierter über die religiösen Motive Gedanken zu machen, die hier verarbeitet werden.

Mein Fazit: Unbedingte Leseempfehlung!

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