Veröffentlicht in Belletristik

Susan Meissner: Hinter weißen Zäunen

Als ihr einziger Bruder – das schwarze Schaf der Familie – spurlos verschwindet und die Oma stirbt, nimmt Amanda Janvier ihre sechzehn Jahre alte Nichte Tally bei sich auf. Das Mädchen ist praktisch eine Waise: Seine Mutter ist schon vor Jahren gestorben; sein Vater ist ein Herumtreiber und im Grunde auch ein Kleinkrimineller, den es nie lange an einem Ort hält. Deshalb ist Amanda fest davon überzeugt, dass sie, ihr Ehemann Neil und ihre beiden Teenies dem Mädchen ein stabileres, normales Leben bieten können.
Doch was sie nicht weiß bzw. was sie fleißig ignoriert: Auch ihre heile Welt beginnt zu bröckeln. Zum einen ist das darauf zurückzuführen, dass ihr Mann eher ein Schweiger ist und sich in seine Holzwerkstatt zurückzieht, um für Gott und die Welt Möbel zu zimmern. Das wiederum führt dazu, dass Amanda Gefahr läuft, eine Affäre mit einem Kollegen einzugehen. Zum anderen hat Amandas Sohn Chase in seiner Kindheit ein Feuer im Haus seiner Tagesmutter überlebt, und die Erinnerungen daran verfolgen ihn noch heute. Aber vor allem kommt langsam eine Ahnung in ihm hoch, dass er für den Brand verantwortlich sein könnte, bei dem damals auch ein anderes Kind ums Leben gekommen ist. Da seine Familie aber in einer heilen Welt lebt, wagt er es nicht, mit seinen Eltern darüber zu reden. Und auch diese antworten ausweichend, wenn er dann doch einmal nachhakt, denn: Wenn ich über ein Problem nicht spreche, existiert es ja auch nicht, und alles ist in Ordnung.

Die Geschichte hat aber noch einen zweiten Handlungsstrang: Gemeinsam mit ihrem Cousin Chase spricht Tally für ein Schulprojekt mit Holocaust-Überlebenden. Dabei erfahren die beiden, dass auch ihre eigene Familie eine interessante Vergangenheit hat – ihre Urgroßeltern haben nämlich im Warschauer Ghetto gelebt und der Großvater ist eines von den Kindern, die damals aus dem Ghetto geschmuggelt wurden und dann bei fremden Menschen aufwuchsen.

Susan Meissners Bücher zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie besonders actionreich sind. Aber sie ist eine tolle Erzählerin, die lebensnahe Figuren kreiert. Und ihre Geschichten haben viel Tiefgang. Sie schauen hinter den Vorhang. Beschäftigen sich mit den Dingen, die Menschen nur zu gern unter den Teppich kehren. Aber sie zeigen, dass gerade diese Brüche in unserem Leben das Leben so interessant und vor allem ehrlich machen. Dass es wichtig ist, authentisch zu sein und den anderen an den Gefühlen ehrlich teilhaben zu lassen.