Veröffentlicht in Belletristik

Nicole Jacquelyn: Change of Heart

jacquelyn-change-of-heartAnita Martin hat keine große Erwartungen an das Leben. Ihre Mutter hat sich nie viel aus ihr gemacht und so wurde sie in ihrer Kindheit und Jugend von einer Pflegefamilie zur nächsten geschoben.
Bis sie mit sechzehn bei den Evans‘ landet. Dort findet sie wirklich ein Zuhause, obwohl es ihr lange schwerfällt, sich nicht mehr als Außenseiterin zu fühlen.
Die Evans‘ sind eine Großfamilie mit mehreren Pflegekindern, alle sind eng miteinander verbunden sind – alle außerAnita und ihr drei Jahre älterer Pflegebruder Abraham.
Vierzehn Jahre lange streiten sich die beiden über alles – nur in einem sind sie sich einig: dass sie sich nicht leiden können. Bis Anita eines Abends ein Geheimnis lüftet, das Abrahem vor allen verborgen hat. Es kommt zum Streit – und beide landen miteinader im Bett.
Obwohl es nicht bei einem einmaligen Treffen bleibt, streiten beide ab, dass es zwischen ihnen mehr ist als unverbindlicher Sex. Womit die junge Frau auch einverstanden ist. Bis Anitas Leben eine dramatische Wendung nimmt und sie mehr von Abraham braucht, als dieser zu geben bereit ist …

„Chance of Heart“ von Nicole Jacquelyn ist ein Teil der „Fostering Love“-Reihe, in der es – wie der Name schon sagt – um Pärchen geht, von denen zumindest ein Partner zur großen Evans-Pflegefamilie gehört. Bei diesem Roman handelt es sich um Band 2 der Serie, der aber auch für sich stehen kann, da die Protagonisten aus Band 1 lediglich als Nebenfiguren auftauchen und die Autorin die Informationen, die man zu diesem ersten Pärchen benötigt, sehr organisch in die Handlung von „Change of Heart“ einfließen lässt. Das Buch ist sicher nicht das beste, das ich je gelesen habe, gehört aber zu den besseren E-Books, die mir in der letzten Zeit untergekommen sind. Die Geschichte selbst wird abwechselnd aus der Perspektive von Abraham und Anita geschildert, wodurch man einen sehr guten Einblick in ihre Gefühle und Motivationen bekam.
Gefallen hat mir zum einen die nachvollziehbare Charakterisierung der Figuren. Die Familie Evans hat vier Pflegekinder aufgenommen, da sie keine eigenen Kinder bekommen kann. Jeder hat sein eigenes „Päckchen“ mitgebracht, aber jeder hat hier auch ein neues Zuhause gefunden. Darunter Anita. Doch weil sie in ihrer Kindheit und Jugend so oft die Erfahrung gemacht hat, dass sie nicht gewollt war oder nur deshalb gewollt, weil man für sie Geld vom Staat kassieren konnte (oder weil man etwas anderes von ihr wollte …), fällt es ihr noch als Erwachsener schwer, dieser Liebe, die man ihr entgegenbringt, zu vertrauen. Aus diesem Grund hält sie auch immer noch einen Teil von sich vor den anderen zurück, öffnet sich emotional nicht vollständig und ist ein eher spröder Charakter.

I’d like to think that I could have moved past the fantastic sex, but it was the caring that shut me up quicker than a republican during a gay sex scandal. (Posi 652)

Aufgrund ihrer Erfahrung ist sie zwar einerseits entschlossen, keine Kinder zu bekommen – denn wie kann jemand, der bis zu seinem 16. Lebensjahr nie Liebe erfahren hat, Liebe weitergeben? -, doch als sich diese Tür dann für sie schließt (dazu später mehr), ist sie dennoch zutiefst traurig. Und auch bereit, dem Ganzen doch noch eine Chance zu geben, als etwas geschieht, dass ihre Entscheidung über den Haufen wirft (dazu nicht mehr :-)):

I was a mom. I had a daughter.
Those might have been the most beautiful words in the English language. (Posi 2036)

Alle außer Abraham. Abraham und sein Zwillingsbruder Alex sind schon seit ihrer Kindheit Teil der Familie Evans und beide auf dem College resp. beim Militär, als Anita dort eintrifft. Und von Anfang an gibt es immer wieder Streit zwischen den beiden. Daran hat sich auch vierzehn Jahre später nichts geändert. Auch Bram liebt seine Pflegegeschwister, -cousins und -cousinen sowie Nichten und Neffen über alles, doch ein Vater werden, das will er aufgrund seiner schwierigen Geschichte nicht. Wie Anita so arbeitet auch er im Familienunternehmen mit, ist auch er eng mit der Familie verbunden. Mit allen außer Anita, mit der ihn eher eine Hassliebe verbindet. Was beide (natürlich) nicht erkennen: dass ihre bissigen Wortwechsel im Grunde eine Art Vorspiel sind. Denn als Anita ihm eines Abends folgt, kommt sie dahinter, dass er seit langer Zeit heimlich als Sänger in einer Kneipe auftritt, und das recht erfolgreich. Es kommt zum Streit zwischen den beiden … der in Anitas Bett endet. Die beiden einigen sich darauf, dass sie niemandem von dieser „Beziehung“ erzählen. Und dass diese sich ausschließlich auf Sex beschränkt. Doch natürlich kommt alles ganz anders … Bram liebt ebenfalls Kinder, will aber keine eigenen haben. Während dies bei Anita auf die mangelnde Zuneigung in ihrer Kindheit zurückzuführen ist, will Bram keine Kinder, da er schon als Siebenjähriger erlebt hat, wie viel Leid der Tod eines Elternteils oder eines geliebten Menschen überhaupt mit sich bringt. Und das will er eigenen Kindern ersparen.
Doch nicht nur die beiden Protagonisten werden von Jacquelyn glaubwürdig beschrieben, auch der Rest der Familie wird sehr anschaulich dargestellt. Der Umgang miteinander ist humorvoll und loyal. Jeder spielt eine Rolle im Leben der anderen, man ist aufs Engste miteinander verbunden. Es gibt zwar auch Schmerz und Kummer, aber die Hoffnung geht nie verloren und die Liebe zueinander hilft ihnen, alle Schicksalsschläge zu ertragen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum dieser Roman mir so sympathisch war: In dieser Familie finden die Zerbrochenen ein neues Zuhause, hier wird jeder so angenommen, wie er ist, man hilft nicht nur einander, sondern allen, die Hilfe brauchen – und wer wünscht sich nicht eine solche Familie?

Neben der wirklich guten Charakterisierung der Figuren gefielen mir an diesem Roman auch einige ungewöhnliche Themen. Es werden Dinge angesprochen, die ich so noch nicht in einem Liebesroman gelesen habe. Zum einen natürlich der Aspekt der Pflegefamilien und die Schwierigkeiten, mit denen die Kinder konfrontiert werden, wenn sie immer wieder in neue Familien abgeschoben werden. Das schildert Jacquelyn sehr anschaulich und glaubwürdig – wenn die Familie Evans auch vielleicht etwas zu perfekt ist, aber das war schlicht auch sehr wohltuend. Die Kinder haben zwar, wie gesagt, trotz der Liebe, die sie dort bekommen, noch ihre (emotionalen) Probleme, aber alles andere wäre auch sehr unrealistisch.
Zum anderen bekommt die Protagonistin in den ersten Kapiteln aus gesundheitlichen Gründen eine Hysterektomie und muss erst einmal damit fertigwerden, keine eigenen Kinder mehr zu bekommen. Letzteres ist natürlich ein dramaturgischer Kniff und passt auch zum Pflege-Thema allgemein, aber dass eine Frau unter Myomen leidet, habe ich noch nie in einem Roman gelesen, entspricht aber dem, was ich aus dem realen Leben kenne – die Menschen sind eben auch körperlich nicht so vollkommen, wie uns das die meisten Liebesromane einreden wollen. Das Ganze wird sehr glaubwürdig geschildert – die Protagonistin leidet weder während des kompletten Buches unter Depressionen, noch kann sie diesen Verlust einfach so abtun. Alles braucht seine Zeit, wie es in der Realität eben so ist – aber ohne dass der Roman dadurch allzu schwermütig würde.

Mein Fazit: Ein wirklich schöner Liebesroman! Genau das Richtige für alle, die ein HEA brauchen – mit einem Schuss Dramatik.

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Rachel Hauck: Vier Frauen und ein Hochzeitskleid

hauck vier frauen und ein HochzeitskleidBirmingham, 1912: Emily Canton liebt ihren Jugendfreund Daniel Ludlow schon lange, aber als er weggeht und nichts mehr von sich hören lässt, beschließt sie, dem Wunsch ihrer Eltern zu folgen und den reichen Phillip Saltonstall zu heiraten. Doch als Daniel zurückkehrt und Emily erfährt, dass ihre Eltern seine Briefe unterschlagen haben, beginnt sie, ihre Entscheidung zu hinterfragen. Als dann noch der Verdacht aufkommt, dass Phillip ihr nicht treu ist, verstärken sich ihre Zweifel. Und dann besteht Emilys Mutter auch noch darauf, dass ihre Tochter ein bestimmtes Brautkleid trägt. Aber Emilys Herz gehört dem zeitlosen, eleganten Kleid, das eine farbige Schneiderin für sie entworfen hat … etwas, das in dieser Zeit undenkbar ist …

Birmingham, 2012: Charlotte Malone besitzt einen Brautmodengeschäft und hilft Bräuten, das perfekte Kleid zu finden. Und da ihre eigene Hochzeit mit Tim Rose schon kurz bevorsteht, sucht sie auch selbst noch ihr Traumkleid. Doch aus irgendeinem Grund will ihr dies nicht so recht gelingen. Da ersteigert sie auf einer Auktion eine alte Truhe, ohne zu wissen, was diese enthält. Kurze Zeit darauf löst Tim die Verlobung. In dieser Situation erinnert Charlotte sich an ihre Truhe, beschließt, diese endlich einmal zu öffnen – und findet darin ein wunderschönes altes Hochzeitskleid, das so aussieht, als sei es noch nie getragen worden. Aber welche Frau würde sich von ihrem Hochzeitkleid trennen und es in eine alte Truhe verbannen? Charlotte begibt sich auf die Suche nach der unbekannten Braut – aber was sie findet, ist viel mehr als das …

Der Roman „Vier Frauen und ein Hochzeitskleid“ der Amerikanerin Rachel Hauck ist sowohl ein zeitgenössischer Roman als auch ein Historienroman mit einem Schuss „übersinnlich“. Er schildert die bewegenden, teils glücklichen, teils traurigen Geschichten von vier Frauen aus unterschiedlichen Zeiten. Eigentlich bin ich kein großer Fan von generationsübergreifenden Frauengeschichten, aber auf dem Cover des Buches war eben ein Hochzeitskleid abgebildet – so sue me. 🙂 Und im Grunde geht es auch nicht darum, dass in einer Familie ein Hochzeitskleid von einer Frau an die nächste weitergegeben wird. Es geht um universelle Erfahrungen und Gefühle, die sich in den Geschichten der vier Frauen wiederfinden – ihren Träumen, Hoffnungen und ihrem Leid -, und viele Leserinnen werden sich damit identifizieren können.
Die Geschichte beginnt mit Charlotte (in der Gegenwart), und da sie zunächst wie die gewöhnliche Geschichte einer sitzengelassenen Frau daherkommt (auch wenn sie wirklich gut und leicht lesbar geschrieben ist), brauchte ich ein paar Seiten, bis ich in die Story hineingefunden hatte. Aber sobald das Kleid auftaucht und man in Emilys Geschichte eintaucht (und wie das Kleid entstand), kann man sich dem Zauber der Handlung nicht mehr entziehen.

Noch eine Bemerkung am Rande: „Vier Frauen und ein Hochzeitskleid“ erschien im Verlag Gerth Medien, und so enthält das Buch auch zahlreiche „fromme“ Elemente, wenn diese auch nicht zu aufdringlich verwendet werden. So ist das Kleid ein Symbol für das Evangelium/die Gute Nachricht, die zeitlos ist, nie „verschleißt“ und jedem passt, der sie „anprobiert“. Ein großartiger Gedanke, der Gott sei Dank aber nicht mit der Hammermethode vermittelt wird.