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Sandra Regnier: Pan-Trilogie

regnier pan-trilogieAls der über alle Maßen gut aussehende Leander „Lee“ FitzMor an ihrer Schule auftaucht, ist die siebzehnjährige Felicity Morgan wahrscheinlich das einzige Mädchen, das sich nicht für ihn interessiert. Schließlich hat sie wirklich ganz andere Probleme, als sich über den Frauenschwarm den Kopf zu zerbrechen. Da wären zum einen der schlecht laufende Pub ihrer Mutter, in dem sie fast jede Nacht aushelfen muss, zum anderen der in illegale Machenschaften hineingezogene Bruder und nicht zuletzt ihr Übergewicht und ihre blöde Zahnspange.
Doch was sie nicht weiß: Es gibt eine jahrhundertealte Prophezeiung, die besagt, dass Fay entweder die Rettung oder aber der Untergang der Elfenwelt bedeutet. Mit ihrer Geburt sollen die sogenannten Insignien Pans verschwunden sein, und nur ihr sei es vergönnt, diese wiederzufinden. Doch das ist noch nicht alles: Sie ist laut Prophezeiung auch dazu bestimmt, einen illegitimen (Halb-)Elfen zu heiraten: Lee.
Nicht nur die Elfen haben lange auf ihre Geburt gewartet. Auch die mit ihnen verfeindeten Drachen(-Kinder) sind im Besitz einer Prophezeiung, und darin heißt es, dass die Seite, für die sich Fay entscheidet, auch den Kampf zwischen den beiden Parteien gewinnen wird. Und so findet sie sich schließlich gegen ihren Willen in einer uralten Auseinandersetzung zwischen Elfen und Drachen wieder …

Ich bin durch eine Rezension in einem Blog über die Trilogie gestolpert und war froh zu sehen, dass man alle drei Bände zusammen als E-Book erwerben kann. Ich hätte mich wahrscheinlich auch sehr geärgert, wenn die Trilogie noch nicht abgeschlossen gewesen wäre oder ich nach der Beendigung eines Buches erst noch das nächste hätte kaufen müssen, denn die Bände 1 und 2 enden mit Cliffhangern. Und bevor ich meinen spitzen Stift hervorhole und ein paar deutliche Worte zu einigen Dingen sage, die mich gestört haben, möchte ich vorausschicken, dass ich die Geschichte wirklich mochte und sie in zwei Tagen verschlungen habe. Ich bin Romantikerin genug, dass eine schön geschriebene Geschichte über eine geweissagte Liebesbeziehung zwischen einem (zunächst) normalen Mädchen und einem (Halb-)Elfen auf jeden Fall mein Interesse weckt. Und eigentlich hat die Geschichte mich auch nicht enttäuscht. Natürlich war vorauszusehen, dass es ein Happy End geben würde (und auch nahezu ohne einen bitteren Beigeschmack, wie das heutzutage in dystopischen oder Fantasy-Trilogien üblich ist). Aber das war auch nicht schlimm – die bis dahin erlebten Abenteuer sind es, die zählen. 🙂 Und die Figuren, die diese Abenteuer erleben.

Felicity (aka Fay) ist 17, leicht übergewichtig, Zahnspangenträgerin und lebt bei ihrer alleinerziehenden Mutter. Ihre beiden älteren Geschwister sind bereits ausgezogen. Anne ist verheiratet, hat ein Kind und erkannt, dass das wohl alles ist, was sie in ihrem Leben zu erwarten hat. Auch Philip bekommt sein Leben nicht auf die Reihe; er ist ein Spieler, der Felicity durch seine Schulden in Gefahr bringt. Und Felicity selbst? Sie träumt davon, Lehrerin zu werden, steht aber Nacht für Nacht hinter dem Tresen im Pub ihrer Mutter und taucht fast jeden Morgen unausgeschlafen und ungeduscht im Unterricht auf. Alles andere als eine Retterin der übernatürlichen Welt. Aber gerade dadurch schafft die Autorin natürlich ein hohes Identifikationspotenzial für die Leserin – sie ist vermutlich die personifizierte Mary Sue (no offense), denn viele von uns sind oder fühlen sich zu dick, die Haare liegen nicht, wir rennen Träumen hinterher, und wer wäre nicht das Objekt der Liebe eines gigantisch gut aussehenden Elfen jungen Mannes? Und würde sich nicht auch gern als etwas Besonderes entpuppen?

Und Lee ist nicht nur ein extrem gut aussehender Zeitgenosse, er ist auch noch eine Art James Bond von Anderwelt, der immer wieder Zeitreisen unternimmt, um irgendwelche historischen Ereignisse zu korrigieren oder Kriminalfälle zu lösen. Und natürlich liegen ihm die Frauen (und Elfinnen und Nymphen und vermutlich auch alles andere) regelrecht zu Füßen. Wenn die Autorin dies einige hundert Mal weniger erwähnt hätte, wäre es mir sicher auch klar gewesen. 🙂 Im Gegensatz zu Felicity weiß er, dass sie füreinander bestimmt sind; deshalb wird er Schüler an ihrem College, um sie näher kennenzulernen. Und während er aufgrund ihres Aussehens zunächst enttäuscht ist, verliebt er sich natürlich nach und nach in sie, als er merkt, wie selbstlos und loyal sie ist.

Komplettiert wird das Figurenkabinett noch von ihren Freunden sowie von Ciaran und Eamon, zwei von Lees Vettern. Vor allem Ciaran entpuppt sich im Verlauf der Geschichte als ein doch viel facettenreicher Charakter, als ursprünglich angenommen (mehr kann ich nicht sagen … Spoileralarm); Eamon dient zumindest ansatzweise als eine Ecke eines Liebesdreiecks, das aber nicht wirklich sehr ausgeprägt ist.

Erzähltechnisch war ich, wie gesagt, froh, dass mir gleich alle Bände der Trilogie vorlagen. In Band 1 werden die Charaktere eingeführt, es wird deutlich, dass Fay besondere Fähigkeiten besitzt (aber nicht, warum), eine Prophezeiung wird erwähnt … aber mehr auch nicht. Ich wäre sicher enttäuscht gewesen, wenn mir nur dieses erste Buch zur Verfügung gestanden hätte. Zum einen kam es mir so vor, als hätte man einiges durchaus straffen können. Zum anderen gab es hier ein Problem, das es oft in Romanen gibt: Die Hauptakteure reden nicht miteinander. Lee redet um den heißen Brei herum, wenn Fay gezielt nachhakt, antwortet er ausweichend. Und Fay wiederum erlebt seltsame Dinge, redet aber mit niemandem darüber, selbst als deutlich wird, dass Lee ihr vielleicht weiterhelfen kann. In anderen Kapiteln der Trilogie hat das übrigens besser geklappt, wenn Lee Fay davon abhält, aus einer Situation zu flüchten. In diesen Situationen besteht er darauf, dass sie über bestimmte Probleme sprechen. Das kommt in Romanen viel zu selten vor. Stattdessen muss man dann als Leser erleben, dass die Protagonisten viele Kapitel brauchen, bis sich Missverständnisse geklärt haben.

In Band 2 erfährt man dann mehr, unsere Heldin geht auf (weitere historische) Reisen, es gibt Action und Humor (ich sage nur: keine Unterwäsche!) und unerwartete Wendungen, und ich habe die Kapitel wirklich verschlungen. Natürlich gibt es auch das obligatorische Hin und Her zwischen Fay und Lee: Einerseits kann sie sich nicht seinem Charme entziehen, ist aber andererseits auch abgeturnt, weil er in ihrer Gegenwart mit allen Frauen flirtet, die ihm über den Weg laufen. Wenig erwachsen, wenn man bedenkt, dass er schon über 300 Jahre alt ist (hatte ich ja noch gar nicht erwähnt). Ganz zu schweigen davon, dass es mir schleierhaft war, wie er erwarten kann, dass sie sich – wie von der Prophezeiung angekündigt – in ihn verliebt, wenn klar ist, dass er seine Zuneigung so breitflächig verteilt. Aber natürlich verliebt er sich ja wirklich in sie und flirtet nur aus beruflichen Gründen mit anderen Frauen. Ähem. Als Leserin weiß man natürlich, dass aus den beiden noch etwas werden wird, aber rein realistisch betrachtet, machen die es sich auch sehr schwer. Stichwort mangelnde Kommunikation: Lee verschwindet wochenlang, und Fay sieht in diversen Visionen, dass er angekettet in einer Höhle hängt. Warum spricht sie nicht wenigstens mit Ciaran darüber? Wenn ihre Verzweiflung wirklich so groß ist, wie man uns glauben machen will, warum wendet sie sich dann nicht an den Elfen, den sie tagtäglich in der Schule trifft?!

In Band 3 spielen dann die Insignien Pans eine größere Rolle – allerdings fand ich diesen Teil etwas überstürzt und verwirrend. Sind es nun drei oder vier oder sogar sieben? Welches sind die echten, welches Fälschungen? Und natürlich endet die Geschichte dann auch mit einer großen Entscheidungsschlacht, den obligatorischen Verrätern und Opfertoden … Man sitzt wirklich auf der Stuhlkante, weil diese letzten Kapitel sehr actionreich sind, sich vieles aufklärt, und natürlich kriegen sich unsere beiden Helden auch und leben glücklich bis an ihr Lebensende … 😉

Auch wenn in diesen Absätzen viel Kritik mitschwingt, habe ich die Geschichte wirklich sehr genossen und würde sie weiterempfehlen – ich würde auch auf jeden Fall zur Trilogie-Ausgabe greifen. Die Autorin hatte viele schöne Einfälle und Wendungen, die Zeitreisen waren sehr schön beschrieben (gerne mehr davon!), und die Figuren boten ein hohes Identifikationspotenzial, wenn sie sicher auch nicht allzu facettenreich waren. Aber das war okay, wenn ich so etwas lesen möchte, greife ich nicht zu YA-Fantasy. Auch die Schreibe der Autorin ist angenehm. Leicht und ohne allzu viele Beschreibungen, aber die Geschichte richtet sich ja auch an Teens ab 14 Jahren, die fühlen sich hier sicher zu Hause.

Was mich an dieser Trilogie aber aus handwerklicher Sicht geärgert hat: Sie wurde grottenschlecht Korrektur gelesen. Sorry, wenn ich das so deutlich sage. Ich habe kein Problem damit, wenn mal ein Komma fehlt oder ein Rechtschreibfehler auftritt – niemand ist perfekt, und die Trilogie ist ja mit knapp 900 Seiten sehr umfangreich. Aber ich habe schon seit Langem kein Buch mehr gelesen, in dem so viele Kommata fehlten oder so offensichtlich falsch gesetzt waren! Ganz zu schweigen von „normalen“ Rechtschreibfehlern in Form von fehlenden Buchstaben oder fehlenden Wörtern. Hinzu kommen noch grammatikalische Fehler und ein Deppenapostroph … Was mich aber am meisten verärgert hat: die in Buch 1 und 2 inflationäre Verwendung von „die Augen rollen“. Nicht genug, dass die handelnden Figuren dies gefühlt ständig tun, diesen Begriff gibt es schlicht im Deutschen nicht (und die Autorin ist Deutsche!). Er geht auf das englische „to roll one’s eyes“ zurück, der aber im Deutschen mit „die Augen verdrehen“ übersetzt wird. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Überkreuzen der Arme, was einige Figuren hin und wieder tun. Nein, im Deutschen überkreuzt man die Arme nicht, man verschränkt sie. Solche Sachen hätten spätestens im Lektorat überarbeitet werden müssen, was aber offensichtlich nicht geschehen ist. Das gilt ebenfalls für einige andere sprachliche Unschönheiten. Schade. Auch hier gilt: Ich erwarte keine Perfektion – gerade im Jugendliteraturbereich nicht. Und jeder von uns hat Wendungen, die er einfach gern und oft benutzt, und solche, auf die er „allergisch“ reagiert. Hier wurde aber imho einfach nachlässig gearbeitet.

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Diana Gabaldon: Echo der Hoffnung (Band 7)

gabaldon echt der hoffnungWir schreiben das Jahr 1777: Die Zeichen stehen schlecht für einen Sieg der Kolonien im Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten und die amerikanischen Loyalisten. Nur Claire Randall, die Zeitreisende aus dem 20. Jahrhundert, und ihr geliebter Mann, der schottische Rebell Jamie Fraser, wissen, wie diese Auseinandersetzung ausgehen wird. Jamie hat in seinem Leben schon in genügend Kriegen gekämpft und will nicht ein weiteres Mal zur Waffe greifen, doch er will mit dem gedruckten Wort die Sache unterstützen. Dazu braucht er seine Druckerpresse, die aber immer noch in Edinburgh steht. Während es überall in den Kolonien zu Auseinandersetzungen kommt, machen sich Jamie und Claire auf den Rückweg in die schottischen Highlands. Doch immer wieder werden sie in das Geschehen hineingezogen …
Auch die nächste Generation der Familie kann nicht in Frieden leben. Fergus Fraser, Jamies Ziehsohn, wird von einem unbekannten Mann verfolgt, der angeblich auf der Suche nach einem verschollenen französischen Adligen ist. Ian McMurray, der Sohn von Jamies Schwester Jenny, will mit den beiden in die Heimat zurückkehren, um seine Familie wiederzusehen, von der er vor zwölf Jahren getrennt wurde. Zurück hält ihn jedoch die Liebe zu der Quäkerin Rachel, die mit ihrem Bruder – einem Arzt – aufseiten der Aufständischen kämpft. Und auch William, Jamies unehelicher Sohn und zugleich Stiefsohn von Lord John Grey, ist in die junge Frau verliebt. Aufseiten der britischen Truppen sammelt er seine ersten militärischen Erfahrungen und muss sich beweisen. Brianna hingegen, die Tochter von Jamie und Claire, ist mit ihrem Mann und den beiden Kindern in das Jahr 1979 zurückgekehrt und lebt nun in Lallybroch, dem Stammsitz der Familie. Nur durch die Briefe ihrer Eltern, die durch die Jahrhunderte ihren Weg zu ihr gefunden haben, hält sie noch Kontakt mit ihrer Familie. Doch als es zu mysteriösen und gefährlichen Zwischenfällen kommt, erkennt sie, dass ihr Schicksal doch nicht in dieser Zeit liegt …

„Echo der Hoffnung“ ist Band 7 in der Reihe um Claire, eine junge Frau aus dem 20. Jahrhundert, die durch einen geheimnisvollen Steinkreis in das 18. Jahrhundert gereist ist und dort in James Fraser ihre große Liebe und ein neues Leben gefunden hat. Und ich muss gestehen, dass ich zwei Anläufe brauchte, um dieses Buch zu lesen. Einen ersten Anlauf habe ich bereits 2009 unternommen, als das Buch erschien und ich wie wahrscheinlich alle Jamie-und-Claire-Fans schon sehnsüchtig auf die Fortsetzung gewartet habe. Doch drei Dinge haben meine Freude an dem Roman etwas beeinträchtigt: Zum einen war Band 6 „Ein Hauch von Schnee und Asche“ ja bereits 2005 erschienen, und ich hatte die Ereignisse, aber vor allem die unzähligen handelnden Nebenfiguren einfach nicht mehr präsent. Als sich nun Claire und Jamie in Band 7 auf die Heimreise machen, begegnen sie – gefühlt – so ziemlich jeder Figur, die in den letzten Bänden eine Rolle gespielt hat – und zugegebenermaßen kann ich mich nicht an alle Highlander und Huren, Soldaten und Spione erinnern, die darin vorkamen. Daher war das ganze Geschehen etwas verwirrend.
Zweitens gibt es im Grunde drei (oder sogar ansatzweise vier) Erzählstränge: Der Leser folgt Jamie und Claire, die Fraser’s Ridge verlassen und sich (gemeinsam mit Ian) auf die Heimreise nach Schottland machen. Dann folgt man William (und auch John Grey), der zum ersten Mal in seinem Leben in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt wird und sich bewähren muss. Und last but noch least folgt man Brianna und Roger, die aufgrund einer Herzerkrankung ihrer Tochter in das Jahr 1979 zurückgekehrt sind. Jamie und Claire faszinieren mich als Fan der Reihe sowieso (wenn der Schotte auch unglaublich viel Glück und mittlerweile sicher fünf seiner neun Leben aufgebraucht hat :-)); John Greys Geschichte lese ich auch in den übrigen expliziten JG-Romanen mit großer Begeisterung; nur mit Briannas und Rogers Erlebnissen werde ich nicht wirklich warm – was auch in den Vorgängerbänden schon der Fall war. Ich kann einfach nicht verstehen, was Brianna an diesem Waschlappen findet, der auch in diesem Buch nur herumjammert. Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, wenn ein Roman mehrere Erzählstränge bietet. Aber ich bekomme zunehmend das Gefühl, dass dieses Stilmittel ein wenig auf Kosten des Tiefgangs geht. Dennoch gelingt es der Autorin, diese unterschiedlichen Handlungsstränge am Ende zusammenzuführen, was ja auch eine Kunst ist – und was durchaus aufgeht.
Drittens hat Gabaldon die Ereignisse um die amerikanische Unabhängigkeit sorgfältig und exzellent recherchiert. Das spürt man durchaus. Aber leider finden sich Claire und Jamie (und auf der britischen Seite William und John) – ebenfalls gefühlt – auf jedem Schauplatz wieder, an dem sich etwas Historisches ereignet hat, und sie begegnen jeder Person, die in diesem Unabhängigkeitskrieg eine Rolle gespielt hat. Für einen Nichtamerikaner bzw. Nichthistoriker ist das nicht unbedingt brennend interessant, und leider hatte ich so manches Mal das Gefühl, dass sich Episoden um unsere Protagonisten nur der historischen Bedeutung wegen ereigneten, für die eigentliche Handlung aber nicht wirklich relevant waren. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Es hätte dem Buch an der einen oder anderen Stelle nicht geschadet, wenn man bestimmte Dinge gestrafft hätte.

Warum habe ich das Buch also trotzdem gelesen? Nun, zum einen liegt es schlicht daran, dass gerade „Ein Schatten von Verrat und Liebe“ (Band 8 der Highlander-Saga) erschienen ist und ich die Ereignisse von Band 7 nachholen musste, um mich in den neuen Roman einzufinden (und es stand außer Frage, dass ich mir das neue Buch kaufe).
Zum anderen ist kürzlich im amerikanischen Fernsehen die Verfilmung von „Outlander“ (aka „Feuer und Stein“) angelaufen und hat vom ersten Augenblick an meine Liebe zu den Romanen und vor allem zu den Figuren wieder neu geweckt.
Also habe ich mich bei Band 7 durch den zähen Einstieg (sprich, die ersten 200 bis 500 Seiten – je nachdem, wie man es sieht) gekämpft. Spätestens als Claire und Jamie dann Schottland erreicht haben, mit alten Animositäten und neuen Tragödien konfrontiert werden, findet auch Gabaldon zu ihrer Emotionalität zurück, und so habe ich dann die letzten 200 Seiten regelrecht verschlungen, denn da wusste ich wieder, warum ich die Romanreihe so liebe: Sie berührt mich emotional, reißt mich mit, begeistert mich mit ihren Ideen und ihrem Wortwitz.
Viele Rezensenten bemängeln, dass Claire und Jamie nun in die Jahre gekommen sind und das „Feuer“ der ersten Bände verlöscht ist. Aber ist das Leben nicht so? Welches (Ehe-)Paar springt schon mit Mitte fünfzig bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ins Heu? Stattdessen haben wir mit Jamie und Claire zwei reife Menschen, die ihr Leben auf die beste Weise miteinander teilen, die vieles miteinander erlebt haben und jetzt auch miteinander schweigen können, die dem anderen nicht unablässig hinterherschmachten, sondern die innere Gewissheit haben, dass der andere „da“ ist, auch wenn er nicht präsent ist.
Aber auch die Geschehnisse um Ian und William habe ich sehr genossen. Ian, der für mich immer noch irgendwie ein Sohn von Jamie ist, kehrt als gestandener Mann – und halber Indianer – zu seiner schottischen Familie zurück und muss nach vielen Wiedersehen doch unerwartet wieder Abschied nehmen. In den Kolonien lernt er darüber hinaus Rachel kennen, eine junge Quäkerin, in die er sich verliebt, was aber nicht unproblematisch ist, da der friedliebende Lebensstil der Quäker so gar nicht zu seiner kämpferischen Art passt. Auch da wird er nach einem Ausweg suchen müssen … Jamies „anderer“ Sohn William, der aus einem One-Night-Stand mit Geneva Dunsany stammt, hat von seinem Stiefvater John Grey einen Sinn für Ehre übernommen und will sich nun im Kampf gegen die Aufständischen hervortun. Was ihm anfänglich nicht wirklich gelingt … Auch er verliebt sich in die junge Rachel. Doch was seine Welt dann aus den Angeln hebt, ist die Erkenntnis: „Du bist ein stinkiger Papist […], und dein Taufname ist James.“ Will sagen: Der Earl of Ellesmere war gar nicht sein wirklicher Vater. Stattdessen ist er der Bastard eines schottischen Rebellen, der als Offizier gegen die Briten kämpft. Interessant wird hier sein zu erfahren, wie er diese Erkenntnis verarbeiten und was er damit anfangen wird. Wird er John verzeihen? Jamie kennenlernen wollen?

Mein Fazit: Der Roman hat durchaus Schwächen, aber wenn man am Ball bleibt, wird man das finden, was man auch an den Vorgängern liebte … und man wird weiterlesen wollen, da das Buch mit einem fiesen Cliffhanger endet. Grrrr. 😉

By the way: Der Schutzumschlag lässt sich zu einem kleinen Poster aufklappen und bietet den Stammbaum der McKenzies und Frasers. Nichtsdestotrotz wäre mittlerweile ein Personenverzeichnis im Innenteil des Buches imho eine sehr gute Idee …

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Thomas Franke: Das Tagebuch

franke-tagebuchBei einer Grabung in einer französischen Burgruine stößt der junge Archäologe Leon auf ein Rätsel: Das Tagebuch einer jungen Adligen – Angélique de Vantes -, das offenbar aus der Zeit der Französischen Revolution stammt und zufällig entdeckt wird, verschwindet einige Male, um in neuerem Zustand und mit bearbeiteten Texten wieder aufzutauchen. Auch ein Tier, das zunächst für einen streunenden Hund gehalten wird, entpuppt sich als ungebetener Besucher aus einer anderen Zeit.
Auch wenn er dieses Phänomen eigentlich für gänzlich unmöglich hält – Leon beginnt durch das Tagebuch über Jahrhunderte hinweg mit Angélique de Vantes zu korrespondieren. Dabei lernt er sie kennen und schätzen. Angélique ist um die 20 und in den Wirren der Französischen Revolution auf der Suche nach ihrem Neffen, der ihrer Schwester direkt nach der Geburt geraubt wurde. Dabei kommt sie einer Verschwörung auf die Spur, die den Sturz ihrer gesamten Familie zum Ziel hat. Und schließlich gerät auch Angélique in die Fänge der Verschwörer und wird zum Tod verurteilt.
Über eine Zeitspirale
[in der Science-Fiction würde man diese vermutlich als Wurmlöcher bezeichnen] macht Leon sich schließlich auf die Suche nach ihr – er reist in die Vergangenheit, versucht, sie zu finden und zu retten.

„Das Tagebuch“ ist nach „Das Haus der Geschichten“ der zweite Roman von Thomas Franke – und wieder enttäuscht der Autor nicht. Seine Geschichte ist zwar nicht neu, aber ungewöhnlich ausgestaltet und packend geschrieben – und das gilt sowohl für die Ereignisse in der Gegenwart als auch für die im 18. Jahrhundert. Sie ist exzellent recherchiert und geschrieben. Ich hatte in den letzten Monaten viele Bücher in der Hand, deren Autoren sich wünschen würden, sie könnten die Vergangenheit so gut lebendig werden lassen und könnten Charaktere so lebensnah und glaubwürdig schildern wie Thomas Franke. Wenn Angélique auf der Suche nach ihrem Vater durch Paris irrt, kann man den Schmutz und das Elend regelrecht vor sich sehen und den Gestand dieses Molochs und all der Menschenmassen buchstäblich riechen. Der einzige Wehmutstropfen war vielleicht, dass der Autor zu viele Ideen in das Buch einfließen ließ – mit all den skurrilen Nebenfiguren und Handlungsfäden hätte er sicher zwei Bücher füllen können. Man muss als Leser an einigen Stellen schon sehr gut aufpassen, um kein liebevoll eingewobenes Detail zu verpassen, das an anderer Stelle wichtig werden wird.
Aber Thomas Franke wäre nicht Thomas Franke, wenn er sich bei einer spannenden Geschichte aufhalten würde. Es ist ihm ein großes Anliegen, spirituell interessierte Menschen „abzuholen“ und zum Nachdenken zu bringen. Dazu lässt er die beiden Hauptfiguren die „großen“ Fragen stellen: Gibt es noch mehr als das, was wir hier sehen? Wenn es einen Gott gibt, warum gibt es dann das Leid? Während Leon Atheist ist und solche und noch andere Fragen stellt, ist Angélique Christin und erlebt, dass ihr Glaube durch die schrecklichen Erlebnisse immer wieder herausgefordert wird. Doch trotz allem hält sie daran fest, dass es einen Gott gibt, dass er gut ist und dass es sich lohnt, an ihm festzuhalten. Und dass vieles von dem Bösen, das wir um uns herum feststellen, seinen Anfang in uns selbst genommen hat. Wir selbst sind dafür verantwortlich – nicht Gott.

Auf der Seite des Verlags könnt ihr sogar in das Buch reinlesen: Leseprobe „Das Tagebuch“.

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Stephen King: Der Anschlag

Der Englischlehrer Jake Epping lebt ein normales Leben, bis sein Freund Al ihm ein großes Geheimnis enthüllt: Im Vorratsraum seines Diners befindet sich ein Portal, das in das Jahr 1958 führt, genauer gesagt: den 9. September des Jahres 1958. Und Al gewinnt ihn für eine wahnsinnige Mission: Jake soll in die Vergangenheit zurückkehren und das Attentat auf John F. Kennedy vereiteln, um den Gang der Geschichte positiv zu korrigieren. Al hat dies bereits versucht, musste aber todkrank in die Gegenwart zurückkehren.
Und so beginnt für Jake, der nun George Amberson heißt, ein neues Leben in einer für ihn neuen Welt. Es ist die Welt von Elvis und JFK, von großen amerikanischen Autos und beschwingten Highschool-Tanzveranstaltungen. Als Erstes versucht er, das Leben eines Bekannten zu verändern, der der einzige Überlebende eines Massakers ist. Doch Jake erkennt, dass dies gar nicht so einfach ist, denn die Vergangenheit will sich nicht ändern lassen, und so findet Jakes sich vor immer neuen Hürden wieder, die ihn zuerst von der Rettung seines Bekannten und dann vor der Rettung JFKs abhalten sollen.
Dabei dringt Jake auch in die Welt des gequälten Einzelgängers Lee Harvey Oswald ein, der als überzeugter Kommunist aus der UdSSR in die Vereinigten Staaten zurückkehrt und überall Verschwörungen vermutet. Aber Jake lernt auch die Bibliothekarin Sadie Dunhill kennen, die seine große Liebe wird. Und je näher Jake seinem Ziel kommt, den Mord an Kennedy rückgängig zu machen, desto bizarrer wehrt sich die Vergangenheit dagegen – mit aller gnadenlosen Gewalt, die sich auch gegen Jakes neue Liebe richtet …

Als Teenager habe ich mit großer Begeisterung die Romane und Erzählungen von Stephen King gelesen, doch als ich irgendwann Albträume davon bekam und auch seine „Fäkaliensprache“ nicht mehr ertragen konnte, habe ich mich von diesen Büchern getrennt. Seither habe ich zwar „The Stand“ gelesen und auch die ersten ein, zwei Bände des „Der dunkle Turm“-Zyklus, aber darüber hinaus habe ich einen Bogen um diesen Autoren gemacht. Bis mir sowohl eine befreundete Lektorin als auch eine amerikanische Kollegin „Der Anschlag“ empfahlen. Dieses Buch sei kein typischer King, hieß es. Er sei das Beste, das dieser Autor je geschrieben habe. Und so habe ich mich dann doch an dieses gut 1.000 Seiten starke Werk gewagt, das die unterschiedlichsten Genres in sich vereint: Zeitreiseroman, historischer Roman, Gesellschaftsroman, Spionage- bzw. Politthriller, Krimi, Liebesroman, und das Ganze mit einem Schuss Horror. Und ich habe es auch definitiv nicht bereut.
Voraus schicken muss ich, dass ich glaube, dass ein amerikanischer Leser aus diesem Buch mehr herausholen kann als der deutsche Leser der deutschen Übersetzung. Oft wird im Roman darauf hingewiesen, dass Jake bei seiner Reise in das Jahr 1958 mit Begriffen konfrontiert wird, die in der Sprache des 21. Jahrhunderts nicht länger verwendet werden, oder dass er selbst Redewendungen benutzt, die seine Gegenüber nicht verstehen (weil sie modern sind). Dies ist meines Erwachtens im Deutschen nicht ganz adäquat wiedergegeben (wäre aber zugegebenermaßen eine enorme Herausforderung für den Übersetzer). Oder an anderer Stelle heißt es, dass eine Figur aufgrund ihrer Erregung plötzlich mit Südstaatendialekt und etwas undeutlich spricht – doch der deutsche Satz, der dem vorausgeht, ist im gewöhnlichen Hochdeutsch verfasst. Aber nicht nur die sprachliche Seite ist für den deutschen Leser teilweise schwierig nachzuvollziehen; auch die kulturelle Seite stellt hier eine gewisse Hürde dar: Im Buch wird darauf hingewiesen, dass Jake sich darüber Gedanken macht, dass die Menschen in den Fünfzigerjahren eine ganz andere Art des Umgangs miteinander haben. Oder dass sie sich darüber unterhalten, welcher Nachrichtensprecher nun der bessere ist – aber im Normalfall kennt ein deutscher Leser die dann erwähnten Journalisten gar nicht. Grundsätzlich spricht Stephen King aber mit der Rückkehr in diese Welt in gewisser Weise auch eine Sehnsucht des modernen Menschen des 21. Jahrhunderts an, der sich nach der Zeit sehnt, als Fleisch wirklich noch nach Fleisch schmeckte, als das Benzin noch für einen Appel und ’n Ei zu haben war oder die Kinder noch Respekt vor den Erwachsenen hatten – das Leben scheint damals in bestimmten Schichten einfacher gewesen zu sein.
Nichtsdestotrotz ist das Buch exzellent geschrieben und die Geschichte packend erzählt. King ist einfach ein zu guter Erzähler, um selbst in seinen langen Ausführungen über politische Entwicklungen etc. Langeweile aufkommen zu lassen. Wer ihn bislang ausschließlich in das (etwas triviale) Horrorgenre gesteckt hat, wird hier durchaus eines Besseren belehrt. Es gelingt ihm wirklich, die Fünfzigerjahre lebendig werden zu lassen. Der Leser sieht wirklich vor seinem inneren Auge die riesigen Autos von damals, die Petticoats und die Bleistiftröcke, aber auch die schreckliche Angst der US-Amerikaner vor den Kommunisten und den (sorry, aber so hieß es eben damals und auch im Buch) Niggern lebendig werden. Soweit ich dies beurteilen kann, ist das Buch exzellent recherchiert, was das Geschehen um Lee Harvey Oswald und mögliche Verschwörungen angeht – und das tatsächlich bis in die Details. Man kann zwar nicht hundertprozentig nachvollziehen, warum LHO Kennedy erschossen hat, bekommt aber einen Eindruck davon, wie die (politische und gesellschaftliche) Atmosphäre war, in die der Held des Romans hineingerät und die eine Erklärung dafür bietet, warum man Kennedy nicht nur Zuneigung entgegengebracht hat.
Noch eine Bemerkung am Rande: Sehr interessant ist die Tatsache, dass dem Leser einige Bekannte aus anderen Romanen von Stephen King begegnen: Eine Figur fährt einen rot-weißen Plymouth Fury („Christine“); Jake kommt nach Derry, wo ein namenloses Monster Kinder tötet („Es“); einer der Lehrer an Jakes Schule trägt den Nachnamen „Bateman“ („The Stand“) etc.

Mein Fazit: Ein toll geschriebener Roman auch für diejenigen, die sich weniger für amerikanische Geschichte interessieren. Wie Jake so lässt auch den Leser bis zum Ende die eine Frage nicht los: Wird es unserem Helden trotz aller Widerstände gelingen, das Attentat zu verhindern? Schließlich: „Der Anschlag“ ist ja „nur“ ein Buch und King ein Horrorschriftsteller, und man weiß ja nie, was bei dieser Mischung herauskommt! Aber keine Sorge: Das werde ich an dieser Stelle nicht verraten.

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Kerstin Gier: Smaragdgrün

Was tut man, wenn einem das Herz gebrochen wurde? Richtig, man telefoniert mit der besten Freundin, isst Schokolade und suhlt sich wochenlang im Unglück. Dumm nur, dass Gwendolyn, Zeitreisende wider Willen, ihre Energie für ganz andere Dinge braucht: zum Überleben zum Beispiel. Denn die Fäden, die der zwielichtige Graf von Saint German in der Vergangenheit gesponnen hat, ziehen sich nun auch in der Gegenwart zu einem gefährlichen Netz zusammen. Um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, müssen Gwendolyn und Gideon – Liebes- kummer hin oder her – nicht nur auf einem rauschenden Ball im 17. Jahrhundert zusammen Menuett tanzen, sondern sich in jeder Zeit kopfüber ins Abenteuer stürzen.

Ja, genau, das ist der U4-Text des Buches – aber der abschließende Band um Gwen und Gideon ist so fantasievoll, actionreich, spannend und facettenreich, dass ich euch nicht spoilern möchte, indem ich mehr über den Inhalt erzähle. Das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt. Und die ca. 480 Seiten sind immer noch mindestens 480 Seiten zu wenig!
Die Auflösung des Chronografen-Mysteriums ist sicher nichts Neues, aber logisch und kreativ genug gezeichnet, dass dieser Handlungsstrang glaubwürdig ist.
Die Geschichte um Gwen und Gideon wird ebenfalls auf eine Weise aufgelöst, dass ich am Ende mit einem dämlichen glücklichen Grinsen dasaß und das Gefühl hatte, als Leser das bekommen zu haben, was ich will: eine schöne, romantische Geschichte (und selbst die kitschigen Momente nehme ich der Autorin keine Sekunde lang übel). Und das Gute daran ist, dass Kerstin Gier uns das Happy-End nicht erst auf der letzten Seite schenkt (wie es bei allzu vielen Liebesromanen der Fall ist), sondern dass das gute Ende in dieser Hinsicht bereits zu einem früheren Zeitpunkt ganz natürlich in die Handlung um die Jagd nach dem Chronografen und der Vollendung des Edelstein-Kreises einfließt.
Grundsätzlich war das Buch nicht ganz so humorvoll wie die Vorgängerbände (aber immer noch humorvoll genug), doch in diesem Band ging es ja auch weniger um Gwens erste Erfahrungen mit dem Zeitreisen und seinen Tücken als vielmehr darum, den Grafen aufzuhalten. Es ist aber frei von Längen und liest sich sehr flüssig (wenn es auch zwei, drei kleinere Stellen gab, an denen man gemerkt hat, dass das Lektorat unter Umständen ein wenig unter Zeitdruck stand) – Quatsch, es liest sich beinahe von selbst! Ich hatte auch ein wenig befürchtet, dass es mir schwerfallen würde, mich wieder an die Ereignisse und Figuren der Vorgängerbände zu erinnern – schließlich erschien Band 2 vor einem knappen Jahr und ich habe seither viele andere Bücher gelesen -, aber die Autorin hat hin und wieder kurze Erklärungen eingefügt bzw. Aspekte wiederholt, sodass ich mich an die relevanten Dinge problemlos erinnern konnte.
Einziges Manko des Buches: Das Ende kommt ein wenig schnell und man wird als Leser zu abrupt in eine Art ersten Epilog geworfen. Es werden zwar einerseits viele Fragen beantwortet und Zusammenhänge geklärt, doch genauso viele Fragen bleiben auch offen: Was ist mit Grace und Falk? Erfährt Gwen irgendwann, wer Mr Bernhard ist? Warum erhalten Gwen und Gideon am Ende Unterstützung von einem Mitglied des Inneren Kreises (das würde zwar schon im Laufe des Romans angedeutet, aber es bleibt eben bei der Andeutung)? Was geschieht mit dem Kreis der Wächter nach …?
Vor diesem Hintergrund würde ich es der Autorin gar nicht übelnehmen, wenn sie uns eine vierbändige Trilogie (ja, ich weiß …) bescheren würde. 🙂

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Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden

Leidenschaftlicher und tiefer könnte eine Liebe nicht sein, als die zwischen Henry De Tamble und Clare Abshire. Als sie ihn zum ersten Mal trifft, ist er 28, sie 20. Sie verliebt sich auf der Stelle in ihn, im festen Glauben, Henry schon ewig zu kennen. Was als Liebesfloskel reichlich abgenutzt klingt, trifft bei diesem seltsamen Paar den Nagel auf den Kopf. Tatsächlich kennt Clare ihren Zukünftigen schon seit ihrem sechsten Lebensjahr – und zu diesem Zeitpunkt ist Henry schon lange mit ihr verheiratet. Verwirrend? Nicht, wenn man die Umstände kennt, die diese Beziehung zu etwas Besonderem machen. Der recht sprunghafte Henry leidet nämlich am sogenannten „Chrono-Syndrom“. In entscheidenden Momenten neigt er dazu, urplötzlich zu verschwinden, um an anderer Stelle in Zeit und Raum unvermittelt wieder aufzutauchen. Henry De Tamble ist ein Zeitreisender!
Und so ist es dann auch für Clare keine Überraschung, als sie Henry im Alter von 20 Jahren in einer Chicagoer Bibliothek trifft – während es für Henry das erste Mal ist, denn die Reisen in der Vergangenheit, bei denen er Clare aus seiner Perspektive kennengelernt hat, haben noch nicht einmal stattgefunden. Die beiden verlieben sich sofort ineinander – was in Anbetracht ihrer gemeinsamen „Geschichte“ auch gar nicht verwunderlich ist, weiß Clare doch schon seit Jahren, daß Henry ihr Ehemann werden wird. Die beiden heiraten, kaufen gemeinsam ein Haus und versuchen jahrelang, ein Kind zu bekommen, was jedoch aufgrund von Henrys Krankheit nicht klappt. Doch das ist nicht die einzige Schwierigkeit, mit der Henry und Clare zu kämpfen haben. In den folgenden Jahren wacht Clare unzählige Male auf und muß feststellen, daß ihr Mann wieder einmal in die Vergangenheit oder die Zukunft verschwunden ist. Oder er „reist“ während seiner Arbeitszeit – und läßt dabei jedesmal seine Kleidung zurück, denn gleichgültig, wohin er auch reist: Er tut dies immer splitternackt und ohne irgendwelche Besitztümer mitzunehmen. Dies führt dazu, daß Henry schon sehr früh lernen muß, Schlösser zu knacken oder Menschen zu berauben, um sich neue Kleidung zu „organisieren“. Doch das Schlimmste: Henry weiß aufgrund seiner Zeitreisen auch, wann er sterben wird.

„Die Frau des Zeitreisenden“ ist mit Sicherheit eine der ungewöhnlichsten, wenn auch nicht packendsten oder schönsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe. Man möchte sogar zögern, sie als reine Liebesgeschichte zu bezeichnen, denn mit einem Roman von Gabaldon, Pilcher oder anderen „typischen“ Autorinnen von Liebesgeschichten hat man es hier nicht zu tun. Im Grunde handelt es sich auch nicht um eine echte SciFi-Geschichte, da wissenschaftlich-technologische oder sozialkritische Aspekte fehlen. Auch wenn die Geschichte im Grunde streckenweise nahezu chronologisch erzählt wird, erschweren Henrys ständige Zeitreisen den Lesefluß. Daß der Leser aber nie den roten Faden verliert, spricht für Audrey Niffeneggers erzählerische Fähigkeiten, die dafür sorgen, daß man der Handlung immer folgen kann. Darüber hinaus spickt die Autorin die Handlung auch mit Hinweisen auf die zeitgenössische Kultur und Ereignisse, wobei sie die Möglichkeiten dieses Elements nicht einmal ansatzweise ausschöpft – eine anfänglich lapidar eingestreute Anmerkung von Henry, daß er festgestellt habe, daß er nicht die Macht habe, etwas zu ändern, ist nicht überzeugend, denn es gelingt ihm ja ständig, sein Privatleben durch sein Wissen zu beeinflussen.
Der einzige bittere Nebengeschmack war für mich das übliche Paradoxon von Zeitreisen: Haben sich die beiden nun ineinander verliebt, weil sie dazu bestimmt waren oder weil Henry schon bei der kleinen Clare angedeutet hat, daß sie in der Zukunft ein Paar werden? Für beide Protagonisten gibt es ja einen anderen möglichen Partner, von dem sich beide nur aus dem Grund trennen, weil sie wissen, daß sie später heiraten werden. Wäre also auch eine andere Zukunft möglich gewesen?

Veröffentlicht in Belletristik

Glenna McReynolds: Stein und Efeu

Wales, 1198: Ceridwen und Dain haben Carn Merioneth verlassen und sind in den Norden gereist. Merioneth wird von den Quicken-Tree übernommen, die Anstrengungen unternehmen, die zerstörte Burg (und somit Drachen und Zeit-Wehre) vor der Außenwelt zu verbergen. Zurück bleibt auch Mychael, der immer stärker spürt, daß Drachenblut in ihm fließt. Doch immer noch tritt der erhoffte Friede nicht ein.
Nun droht von anderer Seite Gefahr: Die Dockalfar – Dunkelelben -, die sich vor Hunderten von Jahren gegen die anderen Elben gewandt und gemeinsame Sache mit dem Trollkönig gemacht hatten, versuchen, sich wieder Zugang zum Zeit-Wehr zu verschaffen. Caerlon, ihr Magier, erweckt den Trollkönig Slott wieder, und beginnt, seine Skraelings (unmenschliche Wesen, die nur zwei Dinge können: kämpfen und fressen – egal, ob Freund oder Feind) in der Umgebung und in den Höhlen unterhalb von Merioneth zu sammeln. Er plant, mit seinen Truppen durch das Zeit-Wehr in der Vergangenheit zu reisen, um die damalige Niederlage in einen Sieg zu verwandeln. Dazu hat er Ailfinn Mapp entführt, die einzige Prydion-Magierin, die unerschöpfliches Wissen und Macht hat. Darüber hinaus greift das Dharkkum um sich, eine schwarze Masse, die alles verschlingt und dem Leben ein Ende machen wird. Und dann gibt es da noch Nennius, einen alten Bekannten von Caradocs Priester, der diesem das Geheimnis der Drachen verraten hatte. Nennius stammt ursprünglich aus der Zukunft und wurde aus Strafe für seine Vergehen, ins 12. Jahrhundert verbannt – und er will nur eines: in die Zukunft reisen und sich an seinen Feinden rächen.
Schließlich schließen sich die Elben-Gruppen zusammen und kämpfen in den Höhlen von Merioneth gegen Dockalfar, Troll und Skraelings. Eine wichtige Rolle spielen dabei Mychael und Llynya, ein Ätherwesen, das auch gewisse Macht besitzt und die mit vereinten Kräften die Drachen zur Rettung herbeirufen und die Feinde besiegen.
Doch Ailfinn, Rhuddlan, Owain (ein Gefährte von Morgan), Varga und Wei (zwei Elben) gehen während des Kampfes gegen das Dharkum verloren.
Und Morgan ab Kynan fällt endlich aus dem Zeit-Wehr. Doch in welcher Zeit ist er gelandet?

Eine pralle Geschichte, mit der sich die Autorin endlich vom Gabaldon-Vorbild löst und mit Elben und Drachen und anderen Fabelwesen eine ganz neue Welt erschafft. Das Buch hat sicherlich seine Längen (vor allem in den Beschreibungen der Höhlengänge) und die erneute Erwähnung von Caradoc, der von den Dockalfar gefangengenommen wird, ist schlicht und ergreifend überflüssig. Sein Part hätte genausogut von einer anderen Figur ausgefüllt werden können. Auch die Liebesgeschichte zwischen Mychael und Llynya erinnert verdächtig an die von Dain und Ceridwen, aber dennoch ist das Buch vor allem in der zweiten Hälfte sehr spannend und unterhaltsam.